18. Oktober 2008

Der Mann ohne Gedächtnis

Eigentlich möchte er nur in Frieden leben, wird allerdings von den Schatten seiner unbekannten Vergangenheit eingeholt. Denn seit einem Autounfall vor acht Monaten läuft der adrett aussehende Ted ohne jegliche Erinnerung an sein Leben vor eben diesem Unfall durch die Welt. Auf der Suche nach Erinnerungen stößt er allerdings schnell auf dunkle Ecken in Gestalt von zwielichtigen Personen, die ihm hinterher jagen, da er angeblich etwas besitzt, was diesen gehört. Durch eine von den Fremden eingefädelte Reise nach Italien trifft er sich mit seiner Frau Sara. Aufgrund der aktuellen Umstände gibt sie ihm nochmal eine Chance, auch wenn vor seinem Unfall einiges zwischen ihnen Vorgefallen ist. Doch bald merkt Ted, das ihm auch im Land des Stiefels die Gangster hinterher sind und die Gefahr sowohl für ihn als auch seine Frau größer werden.

Mit dem Mitte der Siebziger Jahre entstandenen Thriller hat das DVD-Label Koch Media eine wahre Perle des italienischen Genrekinos ausgegraben, die ironischerweise fast schon in der Vergessenheit versunken wäre. Doch der Liebhaber mediterraner Filmkost darf sich glücklich schätzen, das man nun wieder auf den Film zugreifen kann. Hat man es hier doch mit einem auch heute noch sehr unterhaltsamen Schätzchen zu tun, welches mit entspanntem Tempo eine Geschichte erzählt, die für einige überraschende Wendungen gut ist.

Neben Koch Media darf man übrigens auch noch Luciano Martino, dem Bruder von Regisseur Sergio, dankbar sein, daß er sich dem Stoff angenommen und diesen produziert hat. Unter der Federführung des von ihm angeheuerten Regisseurs Tessari wurde hier ein schmackhaftes Thrillersüppchen gekocht, das erst nach einer Weile so richtig zu brodeln anfängt. Man läßt sich Zeit mit dem Aufbau seiner Geschichte und der Einführung der Charaktere, versteht es aber dabei geschickt, immer wieder kleine Anhaltspunkte bezüglich Teds Geheimnis in den Handlungsverlauf zu streuen. Grob hält man sich dabei an bekannten Motiven von Meisterregisseur Alfred Hitchcock, befindet sich doch auch bei diesem der unschuldige Protagonist desöfteren von jetzt auf gleich in ausweglosen Situationen, aus denen er sich selbst boxen muss. Nun kann es an Produzent Martino oder generell am Herkunftsland Italien liegen, das bei Der Mann ohne Gedächtnis nun auch ganz kleine Elemente des Giallo, dem ureigenen Thrillergenre Italiens, zu finden sind. Vor allem die kleinen Erinnerungsfetzen Teds erinnern dabei in ihrer Komposition ungemein an eben diese Filme.

Tessari baut jedenfalls eine schöne Atmosphäre auf und hat seine beiden Hauptdarsteller, den französischen Sunnyboy Luc Merenda sowie eine junge und reizende Senta Berger, bestens im Griff. Zwischen Merenda (welcher übrigens in der deutschen Synchronisation von Kultsprecher Thomas Danneberg gesprochen wird) und Berger besteht ein harmonisches Zusammenspiel und auch die Nebenrollen wissen zu überzeugen. Hier sei vor allem Bruno Corazzari als zwielichter Gangster mit naseschneuzendem Tick hervorzuheben, welcher wirklich bestens für diese Rolle ausgesucht wurde. Getragen von einem wirklich eleganten Filmstil der mit einigen schönen Kameraperspektiven und -fahrten aufwarten kann, schafft es das Werk leicht, den Zuschauer auch mit dem nötigen Thrill vor dem Bildschirm zu bannen. Ebenso langsam wie der schon erwähnte Erzählstil kommt auch ein Puzzlestück in der Geschichte Teds zum Anderen und ergibt ein ganzes. Besonders tricky ist hier auch eine tolle Wendung zum Ende, die man so nicht erwartet hätte.

Dies gibt dem Mann ohne Gedächtnis noch eine Portion mehr Spannung um dann mit einem furiosen Finale aufzuwarten, das durch einen prächtigen What the fuck-Moment dem Film zu einem gelungenen Abschluß verhilft. Zwar ist der Film anders als beworben kein Giallo (auch wenn er leichte Elemente birgt) sondern eher ein bodenständiger Thriller, dafür aber umso sehenswerter. Freunde des gepflegten Italo-Genrekinos der 70er sollten auf jeden Fall zugreifen. Es entgeht ihnen ansonsten ein wirklich toller Film.
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