11. April 2009

Der Mafiaboss - Sie töten wie Schakale

Innerhalb der Mafia brennt der Busch. In Mailand ist Heroin im Wert von mehreren Millionen Dollar einfach so verschwunden und der Boss in New York City kocht. Doch der Kopf der Mailänder Mafia, Don Vito Tressoldi hat schon den Sündenbock ausgemacht: Luca Canali, ein einfacher Mann und kleiner Zuhälter soll sich den Stoff unter den Nagel gerissen haben. Zwei Killer machen sich von den USA nach Mailand auf um zusammen mit Tressoldi Canali zu schnappen und ihn zur Herausgabe des Heroins zu zwingen. Dieser weiß allerdings von nichts und versucht sich vor der halben Mailänder Mafia und den zwei Killern zu retten. Als diese jedoch seine von ihm getrennt lebende Frau und seine Tochter bei einem Anschlag umbringen, sieht der ansonsten eher friedliche Canali rot und rächt sich an den Mafiaschergen.

Zwar hat der italienische Regisseur Fernando Di Leo nur gut zwanzig Filme in seiner Filmographie zu verbuchen, doch diese haben es meistens in sich. Egal ob der mehr als sleazige Giallo Das Schloss der blauen Vögel oder auch der Action-Klamauk Zwei Supertypen räumen auf: Di Leo griff bei seinen Filmen schon immer in die Vollen und bescherte dem Publikum wilde Reißer derem rauhen Charme man sich nicht verwehren konnte. Am bekanntesten ist der Italiener, welcher im Jahre 2003 leider schon verstarb, immer noch für seine Action- und Gangsterstreifen, die Mitte der 70er Jahre entstanden. Dabei erschuf er auch eine Trilogie mit für sich jeweils abgeschlossenen Filmen, die ein Grundthema eigen haben: das Leben der einfachen kleinen Fische des Kriminellenmilieus. Neben Der Teufel führt Regie und Milano Kaliber 9 gehört auch der Film Der Mafiaboss zu dieser Trilogie.

Darin zeichnet Die Leo das Leben und Leiden des Zuhälters Luca Canali in wahrlich rasanter Form, das einem kaum Zeit zum Verschnaufen bleibt. Flott und mit regelrechter Dynamik braust der 1932 in San Ferdinando di Puglia geborene Regisseur durch eine Geschichte, die in ihrer eigenen Dramatik wahrlich Purzelbäume schlägt. Das schöne dabei ist, das sie dabei auch noch die Balance halten und so nicht ins Straucheln kommen kann. Es werden keine Gefangenen gemacht und schon ganz am Anfang beschert uns Di Leo und seinem Protagonisten gleich eine zünftige Prügelei um zu zeigen, mit welchen rasanten Tempo es die übrigen Zeit des Films über weitergeht. Und schon hier macht der Hauptdarsteller der Szenerie, der in Zürich geborene Kultdarsteller Mario Adorf, eine mehr als gute Figur.

Den meisten dürfte Adorf natürlich eher durch seine Rolle im deutschen Oscar-Preisträger Die Blechtrommel oder als betagter aber dennoch gut aufspielender TV-Darsteller in Fernsehfilmen wie Der große Bellheim oder Die Affäre Semmeling bekannt sein. So mag man zuerst etwas verwundert dreinschauen, wenn auf einmal ein so großer und gereifter Darsteller in solch kleiner (aber durchaus feiner) Genreproduktion um die Ecke gestapft kommt, mit schmieriger Tolle, passend zum ebenso schmierig-speichelleckenden und durchaus duckmäuserischen Charakter. Doch in den 70ern war Adorf vermehrt mit kleineren oder größeren Rollen in kleineren Genreproduktionen wie auch dem Italowestern Fahrt zur Hölle, ihr Halunken, Aldo Lados ungewöhnlichem Giallo Malastrana, dem fantastischen Giallo-/Poliziottesco-Hybriden Der Tod trägt schwarzes Leder oder natürlich dem deutschen Kultwestern Deadlock zu sehen.

So paßt er durchaus angemessen in die Rolle des Luca Canali und spielt von der ersten Minute ab groß auf. Wunderbar auch, wie Di Leo und sein Darsteller es verstehen, kleine Akzente in der Figur des Zuhälters herauszuarbeiten. Auch Canali selbst scheint bestrebt zu sein, eigentlich ein normaleres Leben zu führen, scheint aber nicht in der Lage, seine Fähigkeiten in einer anderen Tätigkeit zu benutzen. Zu tief scheint er schon im Milieu zu stecken. Und selbst wenn er voller Überzeugung den Zuhälter gibt und sich so auch nicht für seine Familie ändern will, immerhin ist das der Grund warum er und seine Frau getrennt voneinander Leben, so möchte er nichts mit dem brenzligen Kram und den großen Fischen zu tun haben. Klein und bescheiden soll das Leben sein. So versucht er mehr als einmal auf gut Deutsch gesagt den Gangsters des Don in den Arsch zu kriechen, um so seinen Hals aus der Schlinge zu bekommen.

Canali ist aber auch so ein windiger Hund, mit allen Wassern gewaschen, was ihn mehr als einmal vor seinen Verfolgern rettet. Diese werden vom relativ verhalten agierenden Woody Strode und einem sehr gut aufgelegten Henry Silva verkörpert. Vor allem letzterer scheint sichtlichen Spaß an der Rolle des überheblichen und brutalen Gangster zu haben und steckt seinen Partner Strode sichtlich in die Tasche. Hinzu kommt noch Adolfo Celi als Vito Tressoldi, einem Mafiapaten, der zwar Mailand in der Hand hat aber auch vor den Schergen seines Bosses ein wenig schlotterige Knie bekommt. Das gut aufgelegte Darstellerensemble schlägt sich im wahrsten Sinne des Wortes durch den Film und schafft es, mit dem Tempo der Inszenierung von Di Leo Schritt zu halten.

Auf so etwas wie Political Correctness wird natürlich wie üblich in den unzähligen kleinen Italoreißern keinen Wert gelegt und so haben Arthaus-verwöhnte Cineasten aufgrund der leichten Ruppigkeit von Der Mafiaboss bestimmt mehr als einmal die Möglichkeit, die Nase über das durchaus harte Verhalten der Figuren die Nase zu rümpfen. Doch um ehrlich zu sein funktioniert dies einfach wunderbar, Di Leo macht einen mehr als soliden Job auf seinem Regiestuhl und beschert zünftige Raufereien und spannungsgeladene Verfolgungsjagden, die als exzessiv durchgemixtes Gebräu aus Gewaltspitzen und überspitztem Verhalten der Charaktere einfach vorzüglich schmeckt. So ist der auch unter dem Namen Der Tod des Paten bekannte Film ein toller Milieufilm, weniger auf erzählerischer Basis, sondern mehr um der Actionszenen willen.

Und trotz der explosiven Spannung gelingt es Di Leo auch immer wieder kleine Feinheiten in sein Werk einzubauen. So ist die Entwicklung Adorfs vom friedlichen, kleinen Zuhälter zum von Hass zerfressenen Racheengel eine zwar schnell herbeigeführte, aber unheimlich intensive Darstellung, die sich vor allem bei seinem Eindringen in die Residenz des Dons in all ihrer Herrlichkeit entfaltet. Blind vor Wut wütet Luca Canali bis zum Finale auf einem Autofriedhof wie ein Derwisch durch den Film um erst ganz am Ende als ein zerschundener und gebrochener, aber auch von seinen Rachedämonen erleichterter Mann dazustehen. Es bleibt nicht viel Zeit für eine Katharsis, denn schon bald danach verkündet einem der Ende-Schriftzug, das die Geschichte vorbei ist. Aufgewühlt läßt Di Leo sein Publikum zurück. Aber auch begeistert von so einem durch die Bank weg begeisternden Actionreißer alter italienischer Schule, der eine wahrhaft mitreißende Wucht entwickelt. Tolles, altmodisches Actionkino aus der Blütezeit des italienischen Gangsterfilms der allein schon wegen Adorfs Darstellung mehr als nur einen Blick lohnt.
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