30. Mai 2009

Eden Lake

Die Kindergärtnerin Jenny und ihr Freund Steve machen sich auf, ein entspanntes Wochenende am abgelegenen Eden Lake mit Zelten und Faulenzen zu verbringen. Auf dem Gelände soll in einiger Zeit eine Ferienwohnanlage für die bessere Gesellschaft entstehen und bevor das Idyll zerstört wird, will das Paar hier noch zwei schöne Tage verbringen. Doch das eigentlich so toll gestartete Wochenende wird jäh von einer Gruppe Halbstarker gestört, die ebenfalls am See die Zeit totschlagen und dabei mit lauter Musik und ihrem ziemlich vulgären Gehabe vor allem Steve schnell auf die Nüsse geht. Schnell kommt es zu kleineren Konflikten mit den Teens, was darin gipfelt, das am nächsten Tag die Strandtasche und schließlich das Auto von Steve und Jenny gestohlen wird. Außer sich vor Wut macht sich Steve auf die Suche nach den Jugendlichen, stellt diese und schnell entbrennt ein Streit der sich zu einer gefährlichen und gewalttätigen Hetzjagd der Gruppe auf das Paar entwickelt.

Nicht nur aus Frankreich kommen die realistisch gefärbten, überharten Schocker. Auch Großbritannien meldet sich mit Eden Lake zu Wort und kann mit den Filmen der Nouvelle Vague Extreme sehr gut mithalten. Zumal es Regisseur Watkins mit seinem Film gelingt eine jeder Zeit gut nachvollziehbare Geschichte zu erzählen, die nicht in Abenteuerlichkeiten abdriftet. Der mittlerweile am Sequel zu Neil Marschalls Höhlenschocker The Descent arbeitende Watkins schuf hier einen Thriller, den man mit einem in der heutigen Jugend sehr verbreitenden Wort wirklich treffend beschreiben kann: krass. Doch während gerade die französischen Kollegen volle Breitseite auf jedes Gräuel draufhalten, so läßt Eden Lake auch immer noch Raum für das Kopfkino und blendet auch ab und zu ab oder deutet nur an, anstatt vollkommen das Kunstblut sprechen zu lassen. Kommt dieses allerdings zum Einsatz, so darf man sich auf einige wirklich unschön anzuschauende Szenen "freuen".

Es ist ein Film, der die Konflikte zwischen der jugendlichen und der älteren Generation mit einer garstigen Geschichte erzählt, diese überspitzt und dennoch auch zu so manchem Gedanken anregt. Alles im Gewand eines Survivalthrillers verpackt, läßt Watkins sein Werk zu einem auf der Metaebene durchaus kritischen Film über die soziale Verwahrlosung der heutigen Jugendlichen werden, die durch ein kaltes und gefühlreduziertes Klima innerhalb der Gesellschaft und der Familie sich ihre eigene Welt mit teils grausamen Regeln schaffen. Diese lauten das nur der Stärkste überlebt und man auf irgendwelche ethischen und sozialen Werte auf gut Deutsch gesagt einfach scheißt und nichts darauf gibt. Ein Rudelführer, im Falle des Films ein durchtriebener und gemeingefährlicher junger Mann namens Brad, bestimmt, wie sich die Gruppe verhält und was getan wird. Cliquendiktatur, in der jedes kritische Wort durch das harte Wort der Gewalt zunichte gemacht wird.

Vulgär, respektlos und mit einer stetig vorhandenden und zur Schau getragenen Gewaltbereitschaft treten sie den Protagonisten gegenüber auf und schaffen es mit gekonnter Provokation, vor allem die männliche Seite des Paares auf die Palme zu bringen. Vor allem bei Steve scheint sich hier allerdings auch sehr schnell die Seite der Vernunft auszuschalten, so das selbst seine Freundin ihn zum Beispiel nicht mal davon abbringen kann, in einem Haus der Eltern eines Jugendlichen rumzuschnüffeln. Watkins repräsentiert mit den beiden Figuren sowohl die harte und strenge Hand der Gesellschaft gegenüber solcher "Rowdies" (Steve) als auch eine vernünftigere, nachdenkende und hinterfragenderen Teil (Jenny), der darum bemüht ist, aufmerksam zu schenken und pädagogisch richtig zu verfahren. Kein Zufall scheint dabei zu sein, daß man für Jenny den Beruf der Kindergärtnerin gewählt wurde. Doch auch diese muss schnell erfahren, das bei jener Gruppe jeglicher guter Wille Zeitverschwendung darstellt.

Die Gruppe der Jugendliche erscheint degeniert, die vor allem aus purer Langeweile alsbald versucht, die Zeit mit dem "Spiel" des Terrors zu vertreiben. Doch aus dem Spiel wird schnell ernst, das den Jugendlichen schnell aus den Händen gleitet. Die Taten der Teens mögen teils für die Dramatik des Films zugeschnitten, übertrieben erscheinen, trifft allerdings auch einen kleinen, wahren Kern, daß die Taten der Gruppe eine gefährliche Eigendynamik entwickeln, die nur schwer aufzuhalten sind. Beinahe professionell und abgebrüht stellen sie Steve und Jenny nach, treiben ihre grausamen Spielchen mit diesen und schrecken nicht davor zurück, mit Menschenleben zu spielen. Dabei gelingt es Eden Lake in der erschütternden Darstellung dieser Gruppe den Zuschauer schnell einige zusätzliche Schocks zu verpassen, fernab von jeglicher Gewaltdarstellung, die innerhalb des Films stattfindet. Gekonnt wird hier nach und nach die Stimmung verändert, die anfänglichen warmen Farben werden von einem kühlen, kalten und harten Look abgelöst.

Distanziert gibt sich hier Eden Lake, der durch einige Kameraeinstellungen nicht nur das Beobachten von Steve und Jenny durch die Jugendlichen andeutet, sondern auch den Zuschauer zu einer Art Voyeur und stillem Mitwisser der im Wald passierenden Taten werden läßt. Eine eigentlich gut gedachte Idee, die aber wie im französischen Inside aber auch etwas krankt. Die Atmosphäre wirkt an einigen Stellen zu unterkühlt und trotz der für die Protagonisten mitgebrachten Sympathien fehlt ein wirklich eindeutiger Identifikationspunkt, der einen mit den Figuren und ihren Leiden mitfiebern läßt. Schade, hier verschenkt der Film so einiges an Potenzial, obwohl er es mit einer recht flotten und spannungsreichen Schilderung der Geschichte kompensieren kann. Es scheint aber gerade so, als wolle er nicht, das sich der Zuschauer vollends mit dem Film einlassen kann.

Trotz all dieser Mankos funktioniert er, bleibt durch seine bodenständige und realistisch gefärbte Darstellung ein sehr harter Thriller, der einen konsequenten Weg beschreitet und so auch in seinem Ende einen bitteren, aber logischen Weg beschreitet. Für den Zuschauer bleibt so keine Katharsis, was Eden Lake im Kopf von diesem hängen läßt. Der Terror- bzw. Rache-Thriller lebt zudem durch das gute Spiel seiner jugendlichen Darsteller und dem von Kelly Reilly, welche so einiges im Verlauf der Handlung einstecken muss. Selbst wenn diese sich dann gegen die Misshandlungen der Peiniger auflehnt und sich wehrt, gelingt es dem Streifen auch hier - trotz des Fokus auf die Unterhaltung - einige nachdenklich machende Momente zu erschaffen. So mag man sich die Frage stellen, ob ihre Gegenwehr, geboren aus reinem Überlebensinstinkt, Wut und Verzweiflung - in ihrer Härte wirklich legitim ist.

Nicht zur Frage steht, ob Eden Lake ein gelungener Film ist oder nicht. Dies ist er auf jeden Fall, ist er doch ein mit sicherer Hand umgesetzter Thriller. Wäre er nicht schon durch seine wechselhafte Geschichte der Altersfreigabe - die FSK ließ die ungekürzte Fassung nach der ersten Sichtung durchfallen - und den guten Kritiken im Internet bei den Fans auf dem Schirm, so wäre er ein richtiger Geheimtipp. So bleibt er aber ein sehr sehenswerter Rache-Thriller mit einigen wirklich derben Momenten, welche allerdings nie wirklich Selbstzweckhaft erscheinen und trotz ihrer Härte gut in die Story eingefügt wurden.
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