25. August 2009

Werewolf Woman

Das Review könnte eventuelle, kleine Spoiler enthalten!

In den Zeiten, zu denen es noch kein Internet, keine Killerspiele, kein Fernsehen oder sonstige Kurzweil versprechenden Medien gibt, muss man schon wirklich einfallsreich sein, was die abendliche Beschäftigung angeht. Da zündet man sich als Dame von Welt auch mal gerne ein Feuerchen im Kreis an, wälzt sich auf dem Boden um dann - wir haben ja immerhin Vollmond - sich zum Werwolf zu verwandeln und dann die Bewohnerschaft des nächsten Dorfs ein wenig anzuknabbern. Schade nur, daß man vom restlichen Lynchmob doch noch aufgegabelt wird und am eiligst aufgebauten Scheiterhaufen verbrannt wird. Eine dunkle Episode der Familiengeschichte, die sich vor gut 200 Jahren innerhalb der Sippe der jungen Daniella (sic) zugetragen hat. Das zarte Pflänzchen ist allerdings so labil, das sie auch durch ein in alten Schriften gefundenes Bildnis der am Scheiterhaufen gebrutzelten Vorfahrin, welcher sie schrecklich ähnelt, mächtig von der Geschichte mitgenommen und das Oberstübchen nicht mehr ganz aufgeräumt wird. Beim Besuch ihrer Schwester mit deren Mann lockt sie ihn während eines Schäferstündchens mit der angetrauten Dame nach draußen, vergewohltätigt diesen selbst, schickt ihn allerdings auch mit punktgenauen Bissattacken über den Jordan und kommt in die nächste Irrenanstalt. Während ihr Vater noch besorgter über ihren geistigen Zustand als ohnehin schon ist, nutzt Daniella irgendwann die Gelegenheit und büchst aus. Sie zieht planlos durch die Gegend, begeht in ihrem Wahn weitere Morde und scheint ihren Frieden erst gefunden zu haben, als sie einen feschen Stuntman kennenlernt und sich in ihn verliebt. Doch das zweisame Glück währt nicht ewig und erneut ziehen dunkle Wolken an Daniellas Himmel auf.

Seitdem es den Menschen gibt, übt auch der Vollmond eine immerwährende Faszination auf diesen aus. Wunderbar manifestiert sich dies in der Legende des Werwolfs, einem Menschen, der sich zu Vollmond eben in einen Wolf verwandelt und sich einen blutgetränkten Weg durch die Nacht zieht. Der Fachbegriff dafür ist Lykanthropie und wird auch in der modernen Psychologie genutzt, wenn sich Menschen durch die verschiedensten Ursachen einbilden, ein Wolf zu sein. Das man nun im tiefsten Italien der 70er Jahre mit einem filmischen und vor allem präzise und einfühlsam erzählten Psychogramm über eine an Lykanthropie leidenden jungen Frau um die Ecke kommt, kann man sich bei Werewolf Woman allerdings getrost in die Haare schmieren. Viel eher ist der Aspekt des lykanthropischen Leidens von Daniella eine Gelegenheit für das Filmteam gewesen, eine schundige Idee an die nächste zu kleistern um damit einen ganzen Film zu füllen, von dem angeblich auch Quentin Tarantino ein Fan sein soll. Wer nun angefixt durch den großen Namen auf jeden Fall einen Blick auf den Film werfen möchte, dem sei anzuraten, starke Nerven und einen von vornherein vorhandenes Interesse an den schundigsten Vertretern des Gebiets des Schundfilms mitzubringen. Oder um es leichter auszudrücken: Ohne einen Hang zum Trashfilm wird man Werewolf Woman eher schwer durchstehen können.

Was uns hier Regisseur Rino di Silvestro abliefert, hätte ihm zu heutigen Zeiten wohl den Ratschlag zu eingebracht, doch mal beim Arbeitstamt im Berufeinformationszentrum vorbeizugehen und nach einem geeigneten Beruf und einer Umschulung zu schauen. Nicht, das di Silvestro frei jeglichen Talents ist, doch sind es eher gute Ansätze und leise durchschimmerndes Potenzial, die er vorzuweisen hat. Zumal der 1932 geborene Regisseur in seiner Filmographie auch sehr wenig Einträge verbuchen kann, was daraus schließen läßt, das er wohl selbst auf den Trichter gekommen ist, dass das inszenieren von Filmen wohl nicht so ganz seine Sache ist. Der vom Theater kommende di Silvestro hat nur sechs Werke vorzuweisen, wobei man feststellen kann, das es ihm vorzugsweise wohl am meisten Spaß machte, nacktes Fleisch neckisch in Szene zu setzen. Neben Werewolf Woman hat er unter anderem noch den Naziploitation-Film Deported Women of the SS, den Historien-Sofsex-Schmu Die Orgien der Cleopatra oder der bei Fans auch noch recht bekannten WIP (Women in Prison)-Film Mädchen im Knast in seiner übersichtlichen Filmographie stehen.

Überschaubar ist auch die Handlung von Werewolf Woman, stellt diese doch ohnehin nur einen Aufhänger dar, möglichst viel "schockierende" Szenen oder wenigstens nackte Frauen dem geneigten Zuschauer zu bieten. Vorzugsweise werden hier die üppigen Vorzüge der Hauptdarstellerin Annik Borel ins rechte Licht gerückt. Auch Borel hat in nur wenigen Filmen mitgewirkt, wobei der erwähnenswerteste Eintrag ihrer Filmographie zu Beginn ihrer kurzen Karriere stattfand, als die Französin in der bekannten Serie Männerwirtschaft mit Jack Klugman eine kleine Rolle spielte. Und Borel gibt auch mit voller Inbrust die leidende Daniella und ist mit gnademlosen Overacting vor allem bei den Anfällen in der Psychiatrie gut bei der Sache. Sie schreit, tobt, wälzt sich hin und her, schaut aber auch voller Leid und Schmerz in die Kamera, das es eine wahre, wenn auch ab und an sehr unfreiwillig komische, Pracht ist. Diese unfreiwillige Komik ist allerdings in so mancher Szene präsent, ist doch auch der Rest der Mimen eher mit bescheidenem Talent ausgestattet. Der irgendwann auf der Bildfläche erscheinende Kommisar, was in solchen Filmen mit ihren vielen seltsamen Todesfällen nun mal so vorkommt, ist der stetig ernst dreinblickende Frederick Stafford, der seine Darstellerkarriere zu den Hochzeiten der Eurospy-Filme, die europäische Antwort auf den James Bond-Hype, begann. Und das sorgenvolle Gesicht von Tino Carraro, der Daniellas Vater mimt, scheint fast sein einzigster Ausdruck im gesamten Verlauf des Films zu sein. Als Tüpfelchen auf dem "i" schaut dann auch noch die deutsche Darstellerin Dagmar Lassander vorbei, welche durch ihre vielen Rollen in italienischen Genrewerken einen großen Bekanntheitsgrad in der Szene hat.

Dem mimischen Unvermögen steht ein Drehbuch gegenüber, welches relativ straight und uninspiriert daherkommt, aber auch mit einigen Unglaublichkeiten überraschen kann. Zumal es di Silvestro spielend den Spagat zwischen Horror- und Sexploitationfilm schafft, als wäre es eine der leichtesten Übungen der Welt. Wobei es dies für italienische Filmemacher der damaligen Zeit wirklich so war. Der Beginn von Werewolf Woman überzeugt sogar noch mit recht dichten und atmosphärischen Szenen, die sichtlich von einigen klassichen Gothic Horror-Filmen inspiriert sind. Selbst hier lauert aber schon die erste Unglaublichkeit, die sich im Outfit des Werwolfs bzw. der Werwölfin manifestiert. Bietet der im deutschsprachigen Raum auch als Blutmond bekannte Film hier doch mit eines der lustigsten Werwolfoutfits aller Zeiten. Das die Wolfsdame am ganzen Körper voller Fell ist, läßt sich ja noch nachvollziehen, doch sind es zwei Details, die hier für erste Heiterkeitsanfälle sorgen. So sind die Brüste ebenfalls mächtig behaart und sehen irgendwie recht unecht aus, was von den monströsen, schwarzen und riesigen Plastiknippeln unterstrichen wird. Auch möchte von ihr keine allzu große Gefahr ausgehen, obwohl sie mehrfach bedrohliche Gesten macht und mit Zähnen fletscht. Doch diese hündische, schwarze und süße (!) Stuppsnase macht alles zunichte. Schade, das entweder wegen der thematisch dann völlig anderen Ausrichtung des Films und/oder des geringen Budgets der Werwolf so leider nicht mehr im Film zu sehen ist. Das hätte für noch mehr Spaß als ohnehin schon gesorgt.

Diese mit voller Inbrust transportierte Ernsthaftigkeit der gesamten Geschichte, die ausgesprochen hanebüchen und irgendwie auch uninspiriert ist, vermag es, den Zuschauer noch etwas mehr zu belustigen. Wird der Film im Deutschen auch noch von einer sehr speziellen Synchronisation unterstützt, bietet er aber auch sonst noch einiges, was wenigstens das Herz eines Trashfans höher schlagen läßt. Wo es sich auch nur im dünnen Gerippe der Story anbietet, zieht es di Silvestro mit seinen Co-Autoren Anthony La Penna und Howard Ross, der übrigens auch noch vor der Kamera zu sehen ist, vor, dem Zuschauer nackte Tatsachen zu bieten. Da wird der behandelnde Arzt Daniellas auf dem Gang der Psychiatrie auch mal von einer Patientin angegraben, die wohl wegen ihrer überhöhten Libido (oder doch nur wegen dem unaufgeräumten Oberstübchen) einsitzt und ihm Stolz die Brust präsentiert, da sie sich Sorgen wegen ihrer Figur macht. Vollkommen nüchtern wie sich das für Ärzte gehört, dafür aber mit lüsternem Blick, versichert er ihr daraufhin, das sie die Kurven an den richtigen Stellen hat. Gleiche Patientin sorgt auch dafür, das die am Bett festgebundene Daniella befreit wird, verwöhnt diese aber noch vor dem losbinden kurz mit einigen oralen Aktionen. Da hat sich das Autorentrio wohl dazu hinreißen lassen, einige Fantasien in das Drehbuch einzubringen. Oder man hat sich darauf verlassen, daß nackte Haut einfach noch mehr Publikum bringt. Und der angesprochene Arzt wird ohnehin nicht müde darüber zu sinnieren, daß es zwischen Himmel und Erde Dinge gibt, die sich der Mensch so nicht erklären läßt. Hier bietet Werewolf Woman mal zur Abwechslung keinen vollkommen zweifelnden und ernsthaften Schulmediziner.

Ab Daniellas Flucht aus der Psychiatrie bietet er dafür aber eine sehr episodenhafte Schilderung ihrer Erlebnisse, die im Kennenlernen des Stuntmans, ein ausgesprochener und gut gebauter Strahlemann der jede Dame dahinschmelzen läßt, gipfelt. Auch schön, wie di Silvestro mit einigen Szenen die aufkeimende Liebe der beiden jungen Menschen erzählt. Es scheint für den jungen Herren nichts schöneres zu geben, als seiner Liebsten Stunts vorzuführen um sich hinterher mit ihr auf den Sicherheitsmatten zu wälzen und zu lieben. Würde das große Unvermögen, eine fesselnde Geschichte zu erzählen, nicht die ganze Zeit über den Zuschauer durch den Film begleiten, wäre Werewolf Woman sogar ein Totalausfall, was er - die gesamten Trashaspekte ausgeblendet - ohnehin schon irgendwie ist. Denn sowas wie einen guten und funktionierenden Spannungsbogen sucht man hier vergebens, so daß es in der zweiten Hälfte auch einige Längen gibt. Diese werden spätestens am Ende aber wieder vergessen, wenn di Silvestro sein As aus dem Ärmel zieht und die ohnehin schon abenteuerliche Mischung aus Horror- und Sexploitationfilm zu einem Rape and Revenge-Reißer umfunktioniert.

Der Einbruch eines Gangstertrios in die Hütte Daniellas und ihres Lovers und deren überaus brutales Vorgehen gegen sie, was in der Ermordung des Stuntmans gipfelt, läßt Daniellas Glück von einer Sekunde auf die andere Zerbrechen und sie wieder zu dem werden, was sie war. Eine psychisch verirrte Frau, eingenommen von der Werwolf-Sage ihrer Familie und sich darin verlierend. Ihre Rache an den Peinigern wird zwar nicht ausführlich geschildert, trotzdem schafft es di Silvestro hier spielend, von einem Genre in ein vollkommen gegensätzliches zu springen. Bis hierhin kann der Film wenigstens die größten Trashfans mit seiner erfrischenden, unfreiwilligen Komik und einer gesunden Mischung aus wenigen Blutrünstigkeiten und meist versucht geschmackvoll inszenierten Nacktszenen zu unterhalten. Allerdings muss gesagt werden, dass der wenigstens mit einem recht hörbaren Soundtrack ausgestattete Film selbst in der Gattung der Filme, die so schlecht sind, daß sie wieder gut sind, nicht aus dem überdurchschnittlichen Feld ausbrechen kann. Was für andere eine reinste Tortur darstellt, könnte wenigstens den ab und an auf Niveau und Feingefühl pfeifende Trashfan kurzzeitig unterhalten.