3. Dezember 2009

Das Schlitzohr und der Bulle

Ein harter Fall zwingt den Kommissaren Sarti zu ungewöhnlichen Methoden: um ein entführtes Mädchen mit einer schweren Nierenkrankheit, welches dringlichst ärztliche Behandlung benötigt, aus den Fängen des skrupellosen Brescianelli zu befreien, befreit er den kleinen Ganoven Sergio, der von allen nur Maccaroni genannt wird, kurzerhand aus dem Knast. Anfänglich nicht gerade zur Kooperation bereit, kann ihn Sarti unter anderem mit Waffengewalt zur Mitarbeit bewegen. Als nächster Coup kann der toughe Bulle sogar noch ein Trio von Zugräubern unter Mithilfe von Maccaroni dazu bewegen, ihm zu helfen. Doch die Zeit drängt. Brescianelli und seine Helfer verlangen ein zu hohes Lösegeld, welches die Eltern nicht zahlen können und dem Mädchen geht es immer schlechter. Eigentlich läuft die Zeit gegen Sarti und seine Gaunerbande, doch trotzdem versucht es der verbissene Polizist trotz größerer Probleme mit seinen Vorgesetzten und auch seinen sehr ungewöhnlichen neuen Problemen, Brescianelli auf die Schliche zu kommen.

Wenn eine nicht unumstrittene deutsche Rockband mit dem Titel "Nur die Besten sterben jung" einen gewissen Bekanntheitsgrad errungen hat, so muss man der Gruppe attestieren, dass sie nicht ganz unrecht haben. Das unberechenbare Schicksal riss auch den italienischen Schauspieler Claudio Cassinelli viel zu früh aus dem Leben. Während den Dreharbeiten zum Film Fists of Steel verstarb er im Alter von gerade mal 46 Jahren durch einen Hubschrauber-Absturz. Der in Bologna geborene Darsteller war ein wandelbarer Mensch, der es verstand, seinen unterschiedlichen Figuren Leben einzuhauchen und diese durch sein engagiertes Spiel regelrecht dynamisch auf die Leinwand zu bringen. Mitte der 70er Jahre startete er zum damaligen Run der Poliziotteschis, den Action- und Crime-Filmen aus Italien, richtig durch als er in Dallamanos Der Tod trägt schwarzes Leder zum ersten Mal als Polizist in Erscheinung tritt. Den ruppigen Polizisten sollte er nicht nur einmal spielen. Zwar tauchte er danach erstmal noch als Abraham im sehr feministisch gezeichneten, aber auch extrem brutal gezeichneten Exploitationkracher Flavia - Leidenswege einer Nonne auf. Danach folgten noch so einige Poliziotteschi wie Die letzte Rechnung schreibt der Tod, dem sehr vergnüglichen und mitreißenden Morte sospetta di una minorenne oder eben Das Schlitzohr und der Bulle. Danach folgten noch einige Filme verschiedenster Sparten, darunter einige Arbeiten mit dem Morte sospetta...-Regisseur Sergio Martino wie dessen Kannibalenabenteuer Die weiße Göttin der Kannibalen, dem Krokoschocker Der Fluß der Mörderkrokodile oder auch dem Monsterstreifen Die Insel der neuen Monster.

Cassinelli bereicherte mit seinem Können eigentlich jeden Film in dem er mitspielte und so macht auch in Umberto Lenzis Porträt der kleinen Gauner und Fische in der römischen Unterwelt eine außerordentlich gute Figur. Er ist ein unbequemer Mensch, der, wie er es auch öfters innerhalb der Geschichte erwähnt, deswegen auch schon in die tiefste Provinz versetzt wurde. Aber man kennt es ja in den italienischen Poliziotteschi: für die richtig harten Jobs, braucht man eben Männer mit Profil. Doch auch wenn Cassinelli wirklich riesig einen unerbittlichen Cop mimt, der mit seinen Methoden desöfteren aneckt und sowieso schon fast auf der gleichen Stufe wie die von ihm eigentlich bekämpften Gauner steht, so kommt er nicht so wirklich an seinem Kollegen Tomas Milian vorbei. Der durch diverse Italowestern bekannt gewordene, auf Kuba geborene Darsteller, meistert seine Rolle als "Maccaroni" mit beachtlicher bravour. Hier taucht er auch zum ersten Mal in einem Look auf, den Milian später noch in so einigen Filmen auf dem Leib tragen würde. Mit verwegen großem Afro, fransigem Bart und schlabbrigem Blaumann gibt er den stets etwas asozial daherkommenden Gauner, der trotz seiner ruppigen, direkten Art auch einen gewissen Charme und trotzdem ein gutes Herz besitzt.

Milian und Cassinelli bilden einen schönen Gegensatz, bei dem sie die Grenzen ihrer Rollen immer wieder aufbrechen und auf der gleichen Stufe stehen. Gerade wenn sich Sarti dann mit den Räubern um Calabrese nochmals aus dem Milieu stammende Helfer dazuholt, werden sein Ton und seine Methoden noch um einiges ruppiger als ohnehin schon. Es wird verprügelt, aufgemischt und sogar Waffengewalt angewandt um seinem Ziel näher zu kommen. Doch durch den Charakter des Maccaroni vermischt sich der von Lenzis Poliziotteschi ohnehin schon sehr brutalen Stil urplötzlich eine Art Gewitztheit und Humor in die ansonst sehr ruppige Geschichte. Auch wenn Lenzi das ursprünglich von Dardano Sacchetti geschriebene Drehbuch nach seinem gutdünken umschrieb, da er den zuerst sehr lustigen Stil von Sacchettis ursprünglichem Entwurf nichts anfangen konnte, blieb trotzdem immer noch genug Humor übrig. Gerade diese lockere, flapsige Art von Maccaroni verbunden mit dessen verschiedensten Verkleidungen wie einem Schäfer, Pater oder auch einem Maler erscheint im ersten Moment etwas ungewöhnlich, bringt aber auch gesunde Abwechslung in die Geschichte. Gerade zum Beispiel die Aktion von Maccaron und Sarti, sich als Maler verkleidet in ein Gefängnis einzudringen um Infos über den Aufenthalt von Brescianelli von einem Inhaftierten zu holen, ist wirklich sehr toll umgesetzt und zeigt, wie locker Lenzi von unterhaltsamen zu gewaltsamen Szenen umschalten kann.

Zwar nicht so oft zu erblicken, aber dennoch sehr solide agierend, ist Henry Silva in seiner Rolle als Obermufti und Entführer. Der Mann mit dem teils eisernen Gesichtsausdruck verkörpert einen eiskalt berechnenden Mann, der ohne jegliche Gnade seinen Willen im Entführungsfall durchsetzen will und auch nicht davor zurückschreckt, den angeblichen Bruder Maccaronis als Warnung erschießen zu lassen. Ohne mit der Wimper zu zucken jagt Lenzi den Zuschauer auch durch die Geschichte, die unglaublich straight mit durchgetrenem Gaspedal erzählt wird, um wirklich kaum Zeit zum Verschnaufen bietet. Große Zeitsprünge innerhalb der Handlung und grobe Schnitte erzählen das Geschehen fast schon im Zeitraffer. Trotzdem gelingt es Lenzi allerdings auch, eine gewisse Atmosphäre aufzubauen. Gehetzt mag sie wirken, verfehlt aber nicht ihre Wirkung. Man merkt auch sofort, dass die Geschichte von Das Schlitzohr und der Bulle, also der Entführungsfall, eigentlich nur ein Aufhänger für etwas völlig anderes ist. Die Polizeiarbeit rückt in den Hintergrund, selbst der eigentlich sehr präsente Cassinelli macht hier Platz für die Darsteller-Kollegen, welche die "böse" Gegenseite darstellt. Allen voran wieder die Figur des Maccaroni zeigt, dass hier der Fokus eher auf den kleinen Fischen unter den Gaunern liegt. Sie nehmen einen großen Teil des Films ein und so sind auch die Figuren der Räuber Calabrese, Vallelunga und Mario nicht einfach nur Nebenfiguren. Gerade letzterer sorgt noch für einige Konflikte mit Sarti, die dann doch wieder diese Grenze zwischen Polizist und Kleinkriminellen aufzeigt. Auch wenn sie trotz einiger Gegenwehr trotzdem immer zu Sarti halten und diesem helfen, so zeigt Lenzi aber auch eindeutig immer wieder die Seiten auf, zu denen die einzelnen Personen gehören.

So richtig moralisch wird Lenzi da dann natürlich nicht. Seine hier gezeichnete Welt ist - wie in anderen seiner Werke - eine sehr brutale, in der der Stärkere gewinnt und sich durchsetzt. Dem kurzen Aufzeigen, wohin die Personen im von Sarti gebildeten Team gehören - ob zur "guten" oder zur "schlechten" Seite - stehen einige fast schon zweifelhafte Methoden und Szenen gegenüber. Auch wenn Sarti zur Seite der "Guten" gehört, so nimmt er durch den großen Kontakt mit den Gaunern fast schon deren Züge an. So billigt er auch ohne mit der Wimper zu zucken beim Durchsuchen eines Haus, das sein Begleiter sich mit der Haushälterin "vergnügt". Lenzi verliert es zwar durch die etwas episodenhafte Erzählweise nie wirklich aus den Augen, auch die Geschichte voranzutreiben, doch irgendwie entgleitet im bis zu diesem Zeitpunkt wirklich unterhaltsamen Film dann etwas das Finale. Die finale Konfrontation mit Brescianelli ist im Vergleich mit den Versuchen, ihn aufzufinden, eher etwas zu kurz ausgefallen. Einem so fulminanten bzw. rasanten Aufbau sollte ein epischer Showdown zwischen den beiden Männern Sarti und Brescianelli folgen, doch hier schlagen dann Lenzi und Sacchetti eine andere Richtung ein und lassen das ganze relativ unspektakulär verpuffen. Etwas enttäuschend könnte man das nennen, da so ein Film wie Das Schlitzohr und der Bulle irgendwie sowas krachendes zum Schluß braucht. Wenn Lenzi schon wilde Verfolgungsjagden, einige Schießereien, fast schon alltägliche Gewalt auf den Straßen Roms und ähnliches schildert und es noch mit humorigen Szenen würzz, dann sollte eben auch das Finale nochmal so richtig krachen. Schlecht ist es jetzt nicht ausgefallen, aber irgendwie etwas beiläufig.

Dafür zeigt das Ende aber auch nochmal schön das Verhältnis zwischen Macceroni und Sarti auf. Nach all der gemeinsamen Zeit, in der sie sich beide wohl zusammenreißen mussten, scheint wohl schon sowas wie Freundschaft entstanden zu sein. So könnte Das Schlichtohr und der Bulle fast schon ein sehr früher Vorläufer der Buddy-Movies aus Hollywood sein und nicht von ungefähr war er sogar Vorbild bzw. wenigstens Inspiration für so einen: Walter Hill soll die Idee zu seinem Nur 48 Stunden nach dem Anschauen dieses Werks gekommen sein. Durch diese Elemente ist es auch ein eher ungewöhnlicher Poliziotteschi, der zwar die von Fans gewohnten und geliebten Elemente beinhaltet, aber schon von Anfang an einfach etwas anders ist: beginnt er doch tatsächlich eher wie ein Italowestern mit Bildern von Cowboys, Wüste und Co. Ebenfalls erwähnenswert ist auch der sehr mitreißenden Score von Bruno Canfora, der so manche Szene sehr schön untermalt. So ist ein humoriger, und trotzdem sehr harter - wie von Lenzi gewohnt - Poliziotteschi entstanden, der auf ganzer Linie überzeugen kann und vor allem durch das Duo Milian und Cassinelli auftrumpfen kann.
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