15. Februar 2010

Schlag 12 in London


Wie ein Eremit lebt und arbeitet Dr. Henry Jekyll in seinem Haus mitten in London. Ausgegrenzt und belächelt von den eigenen Kollegen geht er seinen Forschungen nach, die sich mit den zwei unterschiedlichen Seiten, die in einer Kreatur wohnen, beschäftigen. Vollkommen eingenommen von der Arbeit, bemerkt er nicht wie seine Frau Kitty ihn mit seinem Freund Paul Allen, der sich gerne mal etwas Geld von Henry schnorrt um seinen luxoriösen Lebensstil zu finanzieren, betrügt. Und nachdem seine Experimente an Tieren erste Erfolge brachten, wagt Jekyll einen Eigenversuch. Nach der Einnahme seines Serums verwandelt er sich in den adretten, aber auch skrupellosen Mr. Hyde, der noch verkommener und hinterhältiger als Paul Allen ist. Dieser und Jekylls Frau Kitty sind auch Objekt der Begierde von Jekylls Alter Ego: doch während Paul sich mit dem Lebemann anfreundet, weißt Kitty die Annäherungsversuche vehement ab. Also angelt sich Jekyll eine begehrte Tänzerin aus dem Etablissement in dem Paul und Kitty immer verkehren und spinnt eine bösartige Intrige gegen die beiden. Sein einzigster Nachteil sind dabei die recht kurze Wirkung des Serums und der auftretende innere Kampf gegen die friedliebende Natur des Jekylls.

Im Jahr 1886 erschien mit "Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde" ein phantastischer Roman aus der Feder von Robert Louis Stevenson, den man mittlerweile bedenkenlos in die Kategorie Weltliteratur einordnen kann. Seine Version vom Kampf zwischen Gut und Böse und den beiden Seiten einer Persönlichkeit, prägte die Nachwelt sowohl im literarischen Bereich als auch in anderen. Doktor Jekyll und sein zweites Ich wurden neben dem Vampir Dracula und Frankenstein und seinem Monster zu Ikonen der Phantastik und sind selbst heute noch fest in unserer (Pop-)Kultur verankert. Auch in der Filmwelt fand der Stoff seinen Platz und wurde dementsprechend oft verfilmt. Schon 1912 wurde er zum ersten Mal unter der Regie von Lucius Henderson adaptiert. Selbst Friedrich Wilhelm Murnau, der mit Nosferatu, eine Symponie des Grauens sich auch noch bei Bram Stoker bedienen sollte, nahm sich das Buch zur Hand und drehte 1920 mit Der Januskopf eine frei auf Stevensons Buch basierende Version mit Conrad Veidt in der Hauptrolle. Im Jahre 1940, gut 20 Jahre später, sollte Spencer Tracy in der Hollywood-Version Arzt und Dämon den zwiegespaltenen Akademiker verkörpern und unter anderem seine Filmpartnerin Ingrid Bergman in den Wahnsinn treiben. Macht man noch einmal einen Zeitsprung von 20 Jahren so befindet man sich in den angehenden 60ies und findet schon wieder eine Version des Stoffs vor: diesmal von den legendären Hammer-Studios, der Produktionsstätte, welche mit Dracula und Frankensteins Fluch schon einige Jahre zuvor klassischen Horrorfiguren neues Leben eingehaucht hatten.

Dabei beschritt das britische Studio, wohl auch der Kosten wegen, mit seiner Buchverfilmung einige andere Wege als die Filmemacher und Autoren zuvor. Schon zum damaligen Zeitpunkt hatte sich in den Köpfen des Publikums die Darstellung der beiden Figuren des Stoffs breitgemacht, dass der werte Herr Doktor immer tugendhaft und gutaussehend und der niederträchtige Hyde ungepflegt und animalisch dargestellt wird. Die Animalität zeigte sich dabei auch in der vermehrt auftretenden Körperbehaarung des Hyde. Anders bei Hammer. In Schlag 12 in London ist Doktor Jekyll ein besessener und äußerst introvertiert agierender Mensch, kaum mit sozialen bzw. zwischenmenschlichen Kontakten gesegnet. Ein ehemaliger Kollege von ihm besucht ihn noch, doch dann hätte er eigentlich nur seine Frau, die ihn mit seinem "Freund" Paul Allen betrügt. Dies dürfte allerdings auch nur die Folge dafür sein, dass Jekyll - über seine Arbeit brütend - die ansehnliche Ehegattin keines ausführlicheren Blickes würdigt. Seine Zurückgezogenheit, in der man auch ein Stück weit eine gewisse Art der Verzweiflung sehen kann, kostet ihn dabei fast sein gesamtes soziales Umfeld. Er scheint unfähig zu sein, die seiner Frau, die sehr gerne an Gesellschaften teilnimmt und in teuren Lokalen verkehrt, zu erfüllen. Es scheint ihm gänzlich unmöglich zu sein, über seinen Schatten zu springen und sie zu ihren abendlichen Belustigungen zu begleiten. Jekyll kann sehr schwer abschalten, was auch sein Aussehen, vorzüglich von Hammers Haus-Maskenbildner Roy Ashton gestaltet, zeigt: graues, wildes Haar, ein zotteliger Bart und tiefe, zahreiche Augenringe zieren ihn.

Kaum nach Einnahme des Serums verwandelt, präsentiert er sich dabei als fesch und attraktiv daherkommender Gentleman, dessen Manieren nicht wirklich so fein sind, wie sie es auf den ersten Anschein sind. Glatt poliert, sauber rausgeputzt präsentiert sich in Hammers Version von Stevensons Werk der Mr. Hyde, der hinter seiner so sauberen Fassade ein wahrlich diabolischer und unmoralischer Mensch ist, der nur auf den eigenen Vorteil bedacht ist. So geht man hier zwar einen durchaus interessanten Weg, nur ist er für den beschreitenden Zuschauer ein recht beschwerlicher. Dadurch, dass man Hyde alles animalische und offensichtlich gewalttätige Potenzial genommen hat und ihn eher zum scharfzüngigen Ränkeschmieder umgewandelt hat, kommt der durch sein mittlerweile beträchtliches Alter eh schon etwas angestaubte Film sehr unspannend daher. Das es trotzdem Spaß macht, dem moralischen Zwiespalt zwischen gutem und bösen beizuwohnen, muss man vor allem Hauptdarsteller Paul Massie hoch andichten. Der nach der Produktion nur noch vereinzelt in Filmen auftauchende Mime versteht es hier mit sehr lässig daherkommender Professionalität die beiden Charaktere darzustellen. Dabei legt er auch schon in der ebenfalls anders ausgelegten Darstellung des Doktors gute Leistungen hin und zudem schenkt ihm Drehbuchautor Wolf Mankowitz einige sehr zweifelhafte, da für die Figur ungewohnte Züge. In seinem Garten spielende taubstumme Kinder werden da gegenüber dem Kollegen als "rohe, dumme Tiere" bezeichnet und überhaupt scheint der gute Doktor sehr wenig Respekt für seine Mitmenschen zu besitzen.

Auftrumpfen kann Massie dann, wenn Mr. Hyde die Bildfläche betritt. Sein selbstsicheres und -verliebtes Auftreten, rüpelhaft und doch äußerst charmant, ist einfach herrlich mitanzusehen. Direkt, ehrlich und dadurch auch oft verletzend fährt er die Ellenbogen im Londoner Nachtleben aus und versinkt in diesem mit vollstem Körpereinsatz. Das er dabei auch über Leichen geht bzw. sich über jegliche ethische und/oder moralische Konventionen des damaligen Zeitalters hinwegsetzt, dürfte selbstverständlich sein. Es ist unheimlich toll Massie und seinem ebenfalls gut aufspielenden Ensemblekollegen zuzuschauen. Durch diese "Hardcore Playboy"-Zeichnung des Hyde-Charakters gibt es teilweise tolle, messerscharfe Dialoge zu hören, die sitzen. An der Seite Massies sind Dawn Addams als liebreizende, aber auch verschlagene Kitty und der allseits bekannte Christopher Lee als hochstaplerischen und betrügerischen Paul Allen zu sehen. Gerade die Konstellationen zwischen Massie, Addams und Lee sind ein wahrer Hochgenuss, der durch die wie eh und je überbordernde, verspielte und detailreiche Ausstattung noch verstärkt wird. Wenn die Hammer Studios was konnten, dann die viktorianische Zeit Englands und diesen düsteren und unheilschwangeren Gothicstil perfekt zu inszenieren. Egal ob das dunkle Labor von Jekyll, die schummrigen Spelunken der Londoner Unterwelt oder die pompösen Unterhaltungslokale der "Upper Class": Die Schauplätze sind wunderbar und gerade letzteres ist ein grellbuntes Spektakulum. Eyecandy, der die Netzhaut beschlagen und den Zuschauer begeistert zuschauen läßt.

Doch all dieser Pomp kann die Trägheit der Geschichte nicht übertünchen. So sehr Jekyll und Hyde betören können: als Horrorfilm hat Schlag 12 in London so seine lieben Probleme. Richtig schauerlich wird er eigentlich keine Zeit, somit bleibt die Spannung ziemlich auf der Strecke und zwischendrin macht sich sogar eine kleine Länge breit. Schade, ist der Stoff doch eine interessante Adaption. An Atmosphäre mangelt es ihm ja nicht mal, doch Schreck- und Schockszenen sind hier vergebens zu finden. Der in Hyde innewohnende Wahnsinn wird nur angedeutet, so zum Beispiel bei einer Prügelei im Lokal, der eine ziemlich ruppige Abweisung einer Dame voraus ging. Die wüste Beschimpfung dieser und das Einschlagen mit einem schweren Kerzenständer auf den Kopf des Verteidigers besagter Dame sind - zusammen mit den anderen sehr kurzen Momenten - einfach zu wenig. Geradezu verwunderlich, schien es doch eigentlich eine Leichtigkeit für das Kultstudio zu sein, atmosphärisch dichten Gänsehauthorror zu fabrizieren. Hier hat man sich wohl etwas zu sehr mit dem Buch verhaspelt, welches interessante Interpretationen zuläßt, die ohnehin schon lange mit Buch verknüpft sind. Am ausgeprägtesten ist hier der innere Kampf eines Menschen zwischen seiner guten und seiner schlechten Seite bzw. zwischen Zwei unterschiedlichen Persönlichkeiten, die man haben kann. Die angedeutete multiple Persönlichkeit des Doktors wird gerade am Ende am deutlichsten, wenn der Kampf zwischen den beiden Charakteren beide in Mitleidenschaft zieht. So spricht Hyde aus einem Spiegel heraus zu Jekyll, der wenig später mit der Stimme seines bösen Ichs spricht. So ist das Forschen nach dem Trennen des Guten und des Bösen im Menschen und das daraufhin enstandene Serum nur ein Vorwand, eine in der Phantastik verhaftete Metapher für die gespaltene Persönlichkeit des Doktors.

Weiter geht es dann noch, betrachtet man sich nochmal die Hammersche Darstellung von Hyde, der anders als Jekyll eher nach einem Mitglied der oberen Gesellschaft bzw. des oberen Bürgertums aussieht. So könnte er Stellvertretend für eine ganze damalige oder sogar noch die bestehende Schicht des gehobenen Bürgers stehen, der hinter seiner so aalglatten Fassade ein verkommenes, moralisch zweifelhaftes Individuum darstellt. Es ist nicht alles Gold was glänzt, wie schon ein Sprichwort weiß und hier anhand des Protagonisten eindrücklich gezeigt wird. Man betrügt, lügt und versucht so, seinem Willen und seinen Bedürfnissen auf höchst egoistischer Basis nachzukommen und diese für sich einzuholen. Diese Kritik an der feinen Gesellschaft scheint ungewöhnlich genug für Hammer-Verhältnisse, dass hier das Fundament des Horrorüberzugs deutlich ins Wanken gerät. Überzeugend ist das ganze als reine Horrorgeschichte nämlich wirklich nicht, wirkt der Film dafür doch arg strapaziös und geschwätzig. Wer ein Faible für langsam erzählte Streifen hat, kann durchaus zufrieden gestellt werden doch Fans von dichten Gruselszenen dürften in der Tat enttäuscht werden. Der Horror kommt schlicht und ergreifend etwas zu kurz und so funktioniert Schlag 12 in London am ehesten als phantastisch angehauchtes Psychodrama, welches als solches gesehen sehr einfach, aber wie angesprochen nicht uninteressant realisiert wurde.

Dabei muss man dem Film zu Gute kommen lassen, dass er unter der routinierten Arbeit von Stammregisseur Terence Fisher trotzdem gute, wenn auch leich zähe Unterhaltung bieten kann. Zu schwach als Schocker, etwas zu trivial und an Substanz vermissende Studie der menschlichen Psyche steht der Streifen einfach etwas zu sehr zwischen den Stühlen, verlässt den Raum auch nicht als Sieger, dafür aber als oldschooligem Vertreter des britischen Genrefilms, den man noch guten Gewissens in das Feld des überen Durchschnitt einordnen kann. Wie Doktor Jekyll ist auch Schlag 12 in London etwas schwach auf der Brust und läßt einiges vom gewohnten Hammerstoff vermissen, auch wenn die Grundzutaten allesamt vorhanden sind. Alles in allem wäre da etwas mehr drin gewesen. Das man das ganze durchaus nicht so steif und vor allem bei weitem sleaziger und lockerer darstellen kann, hat das Studio dann mit dem selben Stoff in seiner Endphase Anfang der 70er gezeigt: dort entstand unter der Regie des ebenfalls versierten und oft bei Hammer gesehenen Roy Ward Baker der Film Dr. Jekyll und Sister Hyde, in dem sich der Doktor - wie der Name schon sagt - in ein attraktives aber auch mörderisches Weib verwandelt. Aber, um es nochmal klarzustellen, auch Kollege Fisher hat einen durchaus sehenswerten, wenn auch nur leicht über dem Durchschnitt anzusiedelnden Horrorfilm geschaffen, dem es wirklich an den Schocks fehlt, dafür aber mit einem gut aufgelegten Protagonisten-Trio aufwarten kann.