14. Mai 2010

Die Viper

Die Straßen Roms sind zu gefährlichen Pflastern geworden, in denen selbst solche Polizisten wie Lenny Ferro an ihre Grenzen stoßen. Auch wenn er ein Vollblutbulle ist, der immer zur rechten Zeit am rechten Ort ist um Mord, Raub oder Vergewaltigungen zu vereiteln: die gefaßten Gangster muss er durch Lücken im Gesetz oder ausgefuchsten Anwälten bald schnell wieder laufen lassen. Vollkommen rot sieht er, als er auf den buckligen Moretto trifft. Dieser scheint wie der von Ferro ebenfalls schon lange gejagte Ganove Ferando mehr Dreck am Stecken zu haben, als zuerst ersichtlich ist. Selbst als er wegen seinen überharten Methoden von seinem Vorgesetzten zum Bürodienst verdonnert wird, schafft es Ferro immer wieder, trotzdem auf den Straßen Roms die Ordnung wieder herzustellen. Erst recht, als auch noch seine Liebschaft, die Psychologin Anna, entführt und misshandelt wird um ihm einen Denkzettel zu verpassen. Anstatt eingeschüchtert zu werden, hat Kommissar Ferro dadurch erst so richtig Blut geleckt.

Wenn Maurizio Merli der ermittelnde Oberkommissar in italienischen Polizeistreifen ist, dann haben diese fast alle ein sehr ähnliches Muster. Es zieht sich zwar ein gewisser roter Faden durch den Film, doch dieser wird immer wieder durch episodenhafte Zwischenstücke unterbrochen. Meist geht es hier um die Jagd nach gewissen Paten und Fadenzieher im Hintergrund, die ein größeres Verbrechensimperium aufgebaut haben. Doch werden in anderen Poliziotteschi die Verbrechen der kleinen Fische dabei meist ausgeblendet, bekommen hier auch Handtaschendiebe eine gewisse Aufmerksamkeit geschenkt. Es wird kein Unterschied zwischen "großem" und "kleinem" Delikt gemacht. In der Welt des Maurizio Merli ist jedes Vergehen eine Sünde. Was man im ebenfalls von Umberto Lenzi gedrehten Die Gewalt bin ich (1977) eher andeutet, ist vor allem auch gut in Marino Girolamis Verdammte, heilige Stadt (1976) zu sehen. Auch hier wird die eigentliche Handlung von vielen kleineren Szenerien unterbrochen, die dann durch einige mal mehr, mal weniger gelungene Verstrickungen in die Rahmenhandlung eingeflochten werden. So auch in die Viper, in der wir erstmal Zeuge einer Razzia werden, die ein illegales Spielcasino hochnimmt.

Hier merkt man mal wieder, dass die Charaktere von Merli keine Gefangenen machen. Schon kaum in der Lasterhöhle angekommen, bekommt auch schon der erste finster dreinschauende Ganove einen vor den Latz geknallt. In den Filmen mit dem leider schon mit 49 Jahren verstorbenen Schauspielers trieft dabei das Testosteron fast schon literweise aus dem Bildschirm. Auch in Die Viper wird hier eine harte, von Männern regierte Welt gezeichnet, in denen Frauen nur Beiwerk oder Gebrauchsgegenstände sind. So unterhält Ferro zwar mit der Psychologin Anna, dargestellt von Maria Rosaria Omaggio eine Liebschaft, die aber nicht wirklich romantisch geschildert wird. Eingeführt wird sie, nachdem sie ein Gutachten für zwei jugendliche Diebe - natürlich von Ferro gefaßt - erstellt hat. Wenig später sieht man sie, wie sie sich nach einem Tête a Tête mit dem Polizisten noch im Bett aufhält. Die Beziehung wird angedeutet, aber nicht mit gewisser Tiefe weitergeführt. Umberto Lenzi zeigt mit dem Autoren Dardano Sacchetti allerdings auf, dass es aufgrund unterschiedlicher Auffassungen zwischen dem Herrn und der Dame nicht wirklich rund läuft. Ferro ist ein viel zu verhärteter, engstirniger Mensch, dem Toleranz in diesem Sinne wohl nicht wirklich ein Begriff ist.

Das Italien der 70er Jahre war mit einigen Verbrechen und Gewalttaten gesegnet, so dass in den meisten Poliziotteschi gerade die größten Städte als äußerst unsicherer Ort gezeichnet wurden. So auch Rom in Die Viper. Da kann auch schon mal ein zuest vollkommen hilfsbereiter Motorradfahrer, der einer Frau bei ihrer Autopanne hilft, zu einem geldgierigen und gewalttätigen Verbrecher mutieren. Dabei wird er stellvertretend für alle anderen im Werk auftauchenden böse Buben so skrupellos dargestellt, dass er die Dame, die ihre erbeutete Jacke gerne behalten möchte, auch einfach mal so mit seiner Maschine einige Meter mitschleift. Die Alte braucht sich ja nicht an dem Motorrad festzuhalten, wenn ihr ihr Leben lieb ist. Bezeichnend für den Ablauf der Geschichte taucht hier urplötzlich Kommissar Ferro auf. Als wäre jegliches Verbrechen in den Straßen Roms ein Magnet, von dem er angezogen wird. Betrachtet man sich mal den Namen von Merlis Figur genauer, bringt diese Metapher eine gewisse Ironie mit sich. Immerhin bedeutet sein Nachnamen so viel wie "Eisen". Dabei steht außer Frage, dass der harte Hund Ferro mit dem Abschaum, die Straßen der italienischen Hauptstadt terrorisiert, natürlich spielend fertig wird. Selbst mit einigen Jugendlichen, die ein Liebespärchen überfallen, verprügelt und die Frau vergewaltigt haben, wird er fertig.

Die Schilderungen zeigen, dass die Handlung um den geheimnisvollen Übergangster Fernado, von dem immer mal wieder die Rede ist, eigentlich nur ein Deckmantel ist, um eben solche Szenen mit Genüßlichkeit zelebrieren zu können. Und Lenzi läßt sich hier nicht lumpen. Eben so wenig sein Hauptdarsteller. Kennt man schon einige Filme mit Merli als Polizisten, so weiß man, dass seine Charaktere solche sind, die nicht lange Fackeln und lieber Taten statt Worte sprechen lassen. Merli langt hin. Und dann wächst an dieser Stelle lange kein Gras mehr. Viele kleinere Figuren müssen dabei mehr als nur einmal die Fäuste des Polizisten kennenlernen. Einhalt kann ihm dabei keiner gebieten. Selbst nicht sein eher friedfertiger bzw. vernünftiger Kollege Caputo (Giampiero Albertini) oder sein Chef. Vom verhassten Bürodienst verabschiedet man sich mit einem lockeren Hinweis, dass man mal eben beim Friseur ist. Hier zeigt sich, dass man mit dem sich über jede Vorschrift hinwegsetzenden Ferro ein Sprachrohr für das konservativ gehaltene Publikum wird, welches ählich wie dieser voller Ohnmacht auf einen ziemlich machtlosen Gesetzesapparat blickt. So fabuliert Merli auch des öfteren über die nicht mehr vorhandene Gerechtigkeit und vor allem den so laschen Gesetzen. Er kämpft für eine rigorose Härte im Umgang mit Verbrechern. Da er sie von seinen vorgesetzten nicht bekommt bzw. auf taube Ohren stößt, macht er eben was er will. Mit härtesten Methoden wird gegen die Kriminalität vorgegangen. Hier haben wir wieder das im Poliziotteschi so bekannte (und beliebte) Bild des Ermittlers, dem es egal ist, wie er die Subjekte zur Strecke bringt. Hauptsache, sie werden aus dem Verkehr gezogen. Dabei wird ihnen indirekt auch eine gewisse Menschlichkeit überhaupt abgesprochen.

Bestes Beispiel ist hierfür die Figur des Vincenzo Moretto, einem buckligen Gauner, der eindrucksvoll von Tomas Milian dargestellt wird. Gerade die Einführung der Figur, als Ferro ihn mit seinem Kollegen auf der Arbeit aufsucht, ist wirklich nett in Szene gesetzt. Moretto hat keinen Respekt, ist verschlagen und nur auf sein persönliches Wohl aus. Er wird offen als verkrüppeltes und somit unmenschlich wirkendes Wesen dargestellt, dass auch durch seine vielen Grimassen jeglicher Menschlichkeit beraubt wird. Seit jeher wird Lenzi und dem Film dabei vorgeworfen, dass man faschistisches und auch rassistisches Gedankengut vermittelt. Doch auf Political Correctness hat man im damaligen Filmland Italien, gerade bei solchen Genreproduktionen, auf gut Deutsch ausgedrückt ohnehin geschissen. Man kann einige Haltungen der Figuren innerhalb des Films und deren Fragwürdigkeit ausdiskutieren, sollte dabei allerdings nicht vergessen, dass Die Viper wie auch andere Polizeifilme ein eher hoch exploitatives Werk darstellt, welches gerade mit solchen Unkorrektheiten unterhalten möchte. Lenzi schafft dies wie in seinen anderen Polizeifilmen mit hoher Souveränität. So sind die Charaktere einfach sehr stark überzeichnete Figuren, auch wenn Merlis Ferro anders als die anderen harten Hunde, dier er so dargestellt hat, mit einem Konservatismus um die Ecke kommt, der einen doch schon recht säuerlichen Nachgeschmack hat. Trotzdem spielt der immer als im Talent limitiert bezeichnete Mime hier wie ein Derwisch. Ihm gegenüber kann man dabei nur Milian stellen, vom dem man ob seiner darstellerischen Leistung behaupten kann, dass er noch viel zu wenig Zeit im Film hat. Er geht voll in der Rolle des schmierigen Buckligen auf und überzeugt durch sein knapp am Overacting vorbeischrammenden Spiel.

So kann man über ein gleiches, altbekanntes Muster in der Geschichtsentwicklung bei Die Viper dann auch ruhig hinwegsehen. Man kennt sie aus anderen Merli-Filmen und wenn man damit zurechtkommt, bekommt man einen äußerst rasanten Poliziotteschi zu Gesicht. Meistens erfährt Merli von einem Verbrechen oder stößt immer rein "zufällig" auf eines und ist sofort Herr der Lage. Nach kurzer Jagd bzw. Verfolgung sind die großen und kleinen Ganoven gefaßt und dürfen die beiden Fäuste von Ferro schmecken. Da Kollegen und auch Vorgesetzte nicht begeistert sind, darf er sich auch dementsprechend öfters rechtfertigen und wieder seine harte Meinung über die lasche Gesetzeslage in seinem Heimatland auslassen. Ach ja, vergessen wir nicht die angesprochene Liebschaft. Aber in so einer herben Männerwelt wird sowas nur angekratzt. Ist Merli mit seinem eisernen Scheitel und dem buschigen Schnauzer ohnehin ein Epigone der wahren Männlichkeit. Neben angesprochenem Tomas Milian findet man auch noch den ebenfalls aus diversen Genrestreifen so bekannten Ivan Rassimov in einer kleinen Rolle als Drogenhändler wieder, der seine junge Gespielin gezielt unter Drogen setzt, um mit ihr Spaß zu haben bzw. sie gefügig zu machen. Die Welt des Poliziotteschi ist eine fürwahr düstere und schlechte, die keine großen positiven Ansätze zuläßt. So sind die Verbrechensbekämpfer moderne Heroen und Racheengel, um die nach Gerechtigkeit sinnende Zuschauerschaft zu befriedigen. Es funktioniert im Falle von Die Viper dabei richtig gut, so dass man auch zwei Augen zudrückt, wenn Lenzi eine Verfolgungsjagd aus seinem famosen Der Berserker (1974) recycelt.

Der Film bleibt ein äußerst rasanter Beitrag, der in der Blütezeit der Polizeifilmwelle entstand und gilt zurecht als heutiger Klassiker des Genres. Die Hatz Ferros nach den Gangstern ist gespickt mit einigen tollen Actionszenen und Lenzi schenkt dem Film eine ausgezeichnete Dynamik. Langeweile kommt hier mit Sicherheit nicht auf. Dafür sorgt unter anderem auch der treibende Soundtrack von Franco Micalizzi. Es ist ein weiterer Eintrag im Mikrokosmos der Maurizio Merli-Filme, in denen er umzingelt von nackter Gewalt ist und mit dieser allein fertig werden muss. Einzig und allein sein diesmal irgendwie sehr spießiger Charakter mit den dabei verbundenen Aussagen, vermag das ansonsten so tolle Filmvergnügen ein wenig zu schmälern. Es gibt zwar auch in anderen Filmen aus dieser Strömung ebenfalls nach Gerechtigkeit schreiende Polizisten, die dann ihre Version der Gerechtigkeit durchsetzen, doch hier scheint es Lenzi etwas zu gut mit dem moralinsauren Mordio in Richtung Gesetz gemeint zu haben. Schmälern tut es die unterhaltsame Verbrecherhatz durch die gefährlichen Straßen Roms keineswegs. Dafür spielen unter anderem auch Merli und Milian viel zu groß auf. Hätte gerade letzterer und seine Figur noch etwas mehr Screentime, so hätte man es mit einem wirklich perfektem Duell zwischen skrupellosem Ganoven und überhartem Bullen zu tun. So bleibt wirklich sehr gute Actionunterhaltung der politisch unkorrekten Sorte. Starker Beitrag, Herr Lenzi!