6. September 2010

Die Horde

Regelrecht hingerichtet wird der Polizist Mathias Rivoallan aufgefunden. Am Tag seiner Beerdigung schwört sein Kollege Jimenez der Witwe des Toten, sich an den Mördern zu rächen. Zusammen mit seinen Kollegen Ouessern, Jimmy und Aurore, welche eine Affäre mit Mathias hatte, plant er die kriminelle Markudi-Bande zu viert auseinander zu nehmen und sie regelrecht zu massakrieren. Allerdings geht das durch den übermütigen Hausmeister des Hochhauses, in dem sich die Bande um die nigerianischen Brüder Bola und Adewale eingenistet hat, gehörig schief. Man gerät in die Fänge der brutalen Kerle und wähnt sich schon am Ende, als urplötzlich draußen ertönenden Sirenen die Situation noch verschlimmert. Immerhin nimmt die Bande an, dass den Cops Verstärkung zu Hilfe kommt. Doch bald merken sie, dass alles noch viel schlimmer ist. Die Stadt steht in Flammen, es herrscht urplötzlich der Ausnahmezustand und vor den Türen und bald auch im Inneren des Gebäudes tummeln sich blutrünstige Kreaturen, die einst normale Menschen gewesen waren. Auf ihrer Flucht vor diesen gehen die Kriminellen und die Polizisten eine Zwangsgemeinschaft ein, welche aufgrund der immensen Gefahr, die von den Untoten ausgeht, zwingend nötig ist. Doch bald wird die Gruppe getrennt und es treten immer wieder untereinander Probleme auf. Auch wenn man bald noch auf den älteren und kauzigen René, einem der wenigen Bewohner des Hauses, trifft, hat man dabei noch alle Hände voll zu tun, auf dem Weg nach draußen sich gegen die schnellen und bluthungrigen Kreaturen zu wehren.

Der Horror- bzw. phantastische Film an und für sich ist in Frankreich - welches ja beinahe schon Synonym für zähe und angeblich "schwierige", anspruchsvolle Filmkost ist - eher von schwerem Stand. Nicht, dass es dort nicht auch Freunde der Science Fiction, des leichten Grusels oder auch harten Splatterfilms gibt, doch es ist wie in manch anderen Ländern auch eher eine Nische als ein Massenphänomen. Wo früher der beim eher einfacher gestrickten Fandom recht umstrittene und von Freundes des besonderen, abseitigen Films gefeierte Jean Rollin fast allein auf weiter Flur stand, so ist es selbst jetzt immer noch verwunderlich dass gerade aus diesem Landstrich auf einmal die derzeit härtesten Horrorschocker der letzten Jahre kommen. Oft und viel wurde seit Alexandre Ajas Haute Tension (2003) und die nachfolgenden Werke, allen voran der überharte Martyrs (2009) über die "Nouvelle Vague de Horror" geschrieben und diskutiert. Haben diese einen noch recht nüchternen und einigermaßen realistischen Hintergrund zu bieten, so ist die Präsenz des Horrorfans liebsten Kind, des Zombies, im französischen Horrorfilm beinahe bei Null. In den 80ern, genauer gesagt 1987, schuf Pierre B. Reinhard mit Rückkehr der lebenden Toten einen Film, in dem es im größeren Rahmen Zombies zu sehen gab. Drei Stück an der Zahl. Mit etwas mehr Intelligenz als die damaligen untoten Kollegen gesegnet, dafür aber mit grausiger Maske und sowas wie Brautkleidern am Leib ausgestattet. Grausig ist übrigens auch ein wunderbares Wort, welches diesen Film in seiner kompletten Wirkung beschreiben kann.

Plötzlich kommt da aber mit Die Horde ein Ding um die Ecke, das jeden Zombie-Fan bestimmt aus seinem dunklen Loch hervorlocken und bei diesem für Verzückung sorgen kann. Allerdings muss man sich auch hier mit dem derzeit vorherrschenden, sehr martialischen und realistischen Look des französischen Horrorfilms anfreunden. Dies hat ja aber schon recht gut bei anderen Filmen geklappt. Der Einstieg dabei ist schön flott und das Debütantenduo Benjamin Rocher und Yannick Dahan verschwenden keine überflüssige Zeit damit, ihre Charaktere großartig einzuführen. Man treibt die Handlung mit einer großen Portion Schwung nach Vorne, ohne durch den von vielen so verschmähten, langsameren Erzählstil des französischen Films aufzufallen. Betont modern gibt man sich hier und hat als Vorbilder für das narrative Stakkato bestimmt auch so einige trendige Filmwerke für die MTViva-Generation. Aber es funktioniert, auch wenn der Freund von Romeros schlumpffarbigen Untoten bestimmt wieder am sehr hektischen Schnitt etwas auszusetzen hat. Die Sehgewohnheiten ändern sich und so auch das Bild des Zombies. Auch hier wird nicht langsam und bedrohlich geschlurft, sondern äußerst sportlich vorgegangen. Dabei könnten die fleischfressenden Ungetüme hier auch so manchen Weltrekord im Kurzstreckensprint aufstellen, gäbe es denn eine Zombie-Olympiade. Subtilität hatte beim Schreiben des Drehbuchs wohl keine Zeit und so herrscht eine erfrischende "In die Fresse"-Mentalität, die sich gewaschen hat.

Dabei gestaltet sich der Einstieg in Die Horde doch als etwas schwierig. Das liegt auch daran, dass man - ähnlich wie beim 2007 entstandenen Inside - die Figuren auf eine gewisse Distanz beim Zuschauer läßt. Die Beweggründe werden nicht so recht klar, es wird vieles im Dunkeln gelassen und als das Quartett auf der Suche nach dem Versteck der Mörder ihres Kollegen ist, überlegt man auch schon mal kurz, ob die Herren und Dame von der Polente nicht sogar aus der Schublade des Gesetzeshüter mit Dreck am Stecken sein könnte. So ist der Beruf des Polizisten wohl auch eher nur ein Alibi, die Vier hätten auch gut und gerne einer anderen, verfeindeten Bande angehören können. Dieser Aspekt wäre sogar ein vielleicht noch besserer Kniff gewesen. Schnell befindet man sich aber mit den Polizisten am Versteck der Bande und gerade der Beginn des Films ist sehr actionbetont. Auch wenn Rocher und Dahan bestreiten, sich groß an den Romero'schen Untoten-Epen orientiert zu haben, so wird sich doch an einigen Stellen bei diesen bedient. Dafür haben diese auch zu sehr Einfluss auf nachfolgend erschienenen Werke mit Zombies als horrifizierenden Protagonisten. Wenn die Lichter der brennenden Stadt wahrgenommen werden und einige Vertreter der Markonis und der Polizei auf dem Dach des Hauses stehen und sich dieses apokalyptische Bild anschauen, so wird das berühmte "Sie kommen und werden dich holen"-Zitat aus Night of the Living Dead (1968) ganz unverfroren abgewandelt. Außerdem: ähnlich wie beim ollen Romero-George bleibt die Herkunft bzw. der ganze Grund für die Anwesenheit der Zombies nie geklärt. Urplötzlich stehen sie auf der Matte wie der ungeliebte Staubsaugervertreter.

Dann geht die Luzie auch richtig ab und es gibt auf dem Schirm wie auch für den Zuschauer kein Halten mehr. Wenn der erste Zombie im inneren des Gebäudes mal so richtig herzhaft in einen Hals beißen darf, drückt das dynamische Regie-Duo mächtig aufs Gas, und drosselt dies nur selten. Es regiert allerdings nie so richtig der klassische Horror. Der Schrecken geht hier eine durchaus unterhaltende Melange aus wortwörtlich krachiger Action ein. Es wird aus vollem Rohr geballert und Patronen spritzen genau wie das Blut fast im Minutentakt durch das Filmbild. Dieses ist betont düster und dunkel gehalten, hat einen dreckigen und dank der stimmigen Location auch einen schön runtergekommenen Look. Es paßt einfach und sollten mal nicht die Patronen fliegen, dann übrigens die Fäuste. Nie wurden in einem Film Zombies so oft verprügelt wie hier. Man bleibt, auch wenn es sich im ersten Moment für ein Werk mit so einem Thema ungewöhnlich anhören mag, auf einem gewissen realistischen Level. Bodenständiger Haudrauf so wie man ihn aus den 80ern kennt, stand Pate für die Actionszenen. Trotz der ungeheuer mitreißenden Dynamik hat Die Horde ein klein wenig Startschwierigkeiten. Der Funke mag gerade durch die schon angesprochene distanzierte Darstellung nicht überspringen, zumal fehlt auch irgendwie eine gewisse Identifikationsfigur. Erst spät kann man als Zuschauer ein wenig Bezug zu bestimmten Figuren aufbauen. Hier wird das Tempo dann gedrosselt und versucht, den Charakteren etwas mehr Tiefe zu verleihen.

Das dies bei einem sehr aktionslastigen Film allerdings keine extreme Tiefe sein kann, dürfte jedem klar sein. Trotzdem klingen hier auch einige interessante Dinge an, durch die man sich mehr mit den verschiedenen Figuren auseinandersetzen kann, auch wenn hier einige Klischees mit einfließen. Größte Überraschung dürfte hier wohl der einzige weibliche Part von Die Horde sein. Die von Claude Perron gespielte Aurore erscheint rein von ihrem Auftreten her als typische toughe Lady, die irgendwann im Film ganz John McClane-Like mit verdrecktem Tanktop durch die Gegend rennt. Aber sie ist nicht nur tough. Aurore ist auch ein eiskaltes und skrupelloses Miststück, welches man ganz salopp gesagt öfters mal ganz gehörig die Fraze klatschen könnte oder der man wenigstens mal eine nähere Begegnung mit den untoten Schmatzbacken wünscht. Die Antipathie zu dieser Figur ist wirklich sehr groß angelegt und mal eine nette Abwechslung zum ansonsten typischen starke Heldinnen-Konstrukt der letzten Jahre. Psychopathische Gangster, auf den zweiten Blick doch ganz vernünftig wirkende Kriminelle und auch einen obligatorisch sehr exzentrischen Charakter: La Horde hat sie alle. Doch auch hier ist letztgenannten Figur mal etwas anders angelegt. Der Film spricht ein erwachsenes Publikum an und braucht so glücklicherweiße keine geschniegelten, geleckten Teenietypen, bei denen es ja dann sowieso immer so einen ganz lustigen Typen gibt, der total crazy ist und so. Hier ist es der Hausbewohner René, eine uralte Reliquie vergangener Tage, im typischen upgefuckten Outfit mit zerrissenem, zu kurzem Unterhemd, unrasiert und äußerst räudigem Umgangston. Aber die Sympathien hat er trotzdem auf seiner Seite.

Es scheint, als würden Rocher und Dahan jede ihrer Figuren eine gewisse Bevölkerungsschicht ihres Heimatlandes darstellen lassen. Vor allem scheinen es jene zu sein, die man in den Vorstädten der französischen Metropolen antreffen kann. Einfache, sozial schwächer gestellte Menschen, die trotzdem nicht so asozial sind, wie es die Vorurteile anderer immer darstellen wollen. Doch dann kommt man da mit dieser Szene um die Ecke, als eine weibliche Untote auf dem Boden festgehalten wird und eine anstehende Misshandlung bzw. Vergewaltigung dieser angedeutet wird. Sexistisch wird man da, äußerst rüde und vulgär und das hier dargestellte Bild wird zu einem tief liegenden Klotz im Magen. Selbst der so lustige René zeigt hier eine andere, sehr triebhafte Seite die bei ihm darin gipfelt, dass er sich trotzdem mal die Brüste der Untoten anschauen muss. Da haben wir dann wieder die kleinen, doch vorhandenen Bezüge zum Papa des modernen Zombies. Auch Romero kann es ja nicht mit ein wenig Sozialkritik lassen, auch wenn diese von Film zu Film weniger wurde. Rocher und Dahan deuten an und schaffen es in den ruhigeren Passagen doch, genug Raum für gewisse Interpretationen zu lassen. Es ist eine Anklage auf eben jene Vorurteile, die auch eben so manchen Migranten in Frankfreich entgegenschlägt. Der harte, rauhe Alltag der Straße und des sozial auf unterster Stufe stehenden Mobs, in ein phantastisches Sujet eingebettet.

Dies funktioniert ausgezeichnet, wie auch der stetig ansteigende Spannungsgrad des Films. Was als reine von Rache getriebene actionlastige Oldschool-Wumms-Operette anfängt, wechselt nahezu unbemerkt zu einem modernen Zombievertreter. Im übrigen ist der Umgang mit dem Suspense wirklich als sehr gut zu bezeichnen, immerhin schafft man durch sein hohes Tempo und den angesprochenen sehr hektischen Schnitt so manche Schrecksekunde. Klassischen Horror darf man bei leibe nicht erwarten. Doch je enger es im Verlauf der Handlung für die Protagonisten wird, desto action- und spannungsgeladener wird auch Die Horde. Hier hat man Untote im Adrenalinrausch, den auch irgendwann der Zuschauer, sofern nicht allzu abgebrüht, erleben wird. Wie hungrig auf menschliches Fleisch und Blut die effektmäßig gut in Szene gesetzten Massen an Zombies sind, sieht man auch wunderbar an der Szene, wenn die Gruppe im Erdgeschoß des Hauses angekommen ist. Da drücken sich sie hungrigen Zombies gierig gegen die Scheibe, was entweder wiederum an Romeros Dawn of the Dead (1978) oder sogar an die schöne Szene aus Cronenbergs Frühwerk Shivers (1975) erinnert, als dort die vor Wut rasenden Menschen an der gläsernen Front des Gebäudes versuchen, sich selbst Einlass zu gewähren. Der Film fängt diese rohe Urbanität der Vorstadt und all ihre Tristheit wunderbar ein und hat eine immens starke Stimmung, die in so einigen herben Szenen mündet. Ausufernde Knabbereien am Mastdarm des Opfers und anderes fröhliches Mantschen in den Innereien findet man hier nicht. Schnell, hart und zügig sind hier auch die Gewaltspitzen, die trotzdem noch genügend Härte aufweisen. Man kommt nicht an die Schockerkollegen heran, hat allerdings doch noch ein ordentlich saftiges Gewaltlevel, dass nicht ohne ist.

Kreative und beinahe schon ästhetisch anmutende Tötungen sollte man hier allerdings nicht erwarten. Da wartet man doch lieber auf bestimmt nicht lange auf sich warten lassende, andere Zombie-Werke aus anderen Ländern. Da darf dann bestimmt auch wieder ordentlich gefressen werden. Dafür ist Die Horde eine im positiven Sinne viel zu gehetzte Tour de Force. Aber eine ungemein sehenswerte, die sogar mit das Beste der letzten Zeit im seit langen Jahren existenten Zombiefilm-Subgenre darstellt. Eine ordentliche Portion an Härte und einem hoffnungslosen Unterton, auch wenn die Protagonisten weiterhin an eine erfolgreiche Flucht vor den Untoten glaubt. Ein Film, der einige heftige und trotzdem starke Szenen aufzuweisen hat und damit den etwas holprigen Beginn wirklich sehr gut kaschieren kann. Frankreich hat es somit also wieder einmal geschafft und einen äußerst sehenswerten und gutklassigen Genrevertreter abgeliefert.


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