10. September 2010

Django - Melodie in Blei

Steve McGregor ist ein frommer Mann, stellt er doch immerhin den Prediger des Wüstenkaffs Bowie dar. Doch das gemeine Brüdertrio Ward möchte ihm zu gerne seine Farm bzw. sein Land abluchsen. Die Nachbarn drumherum konnten sie schon mit genügend Nachdruck davon überzeugen, dass sie es besser an die Sippe abtreten. Doch der Pfarrer bleibt standhaft und möchte seinen Grund und Boden nicht einfach so diesen Raffgeiern überlassen. Ihm zur Seite steht sein Ziehsohn Django, der trotz der ihn alles umgebenden Frömmigkeit ein großes Herz für hübsche Damen hat. Allerdings können die Wards mit einem hinterhältigen Trick Django einen Mord in die Schuhe schieben und ihn aus dem Verkehr ziehen. Allerdings nicht lange. Der mit ihm inhaftierte Gauner Meredith mag den mit frommen Weisheiten um sich werfenden Django irgendwie und nimmt ihn bei seiner Flucht einfach mal mit. Trotz einer gewissen Skepsis im Lager von Merediths Kumpanen, verhilft ihnen Django bei einem großen Coup, in dem sie die sicherste Bank Arizonas ausrauben. Als sich der Lebemann mit der hübschen Iris, welche von einem von Merediths Kumpels gegen ihren Willen festgehalten wurde, von Meredith und Co. wieder auf den Weg nach Hause macht, muss er schreckliches feststellen: die Wards haben Steve McGregor kaltblütig umgebracht. Obwohl Django etwas gegen das sinnlose Blutvergießen und Töten von Menschen hat, schwört er noch am Grabe des Ziehvaters Rache an dessen Mördern.

Wobei man es sich schon denken kann, dass der Film im Original nicht viel mit dem Kulthelden Django zu tun hat. Aber wenn die Milch einer gewissen Kuh schon so verdammt lecker schmeckt, dass die Nachfrage so immens ist, dann melkt man sie natürlich so lange, bis der Euter leer ist. Und so gab es dann in den hiesigen Lichtspielhäusern nach dem Erfolg von Sergio Corbuccis Django aus dem Jahre 1966 eine riesige Flut an unterschiedlichsten Django-Nachzüglern, die im Original so weit von der von Franco Nero dargestellten Figur entfernt waren wie Flensburg von Garmisch-Partenkirchen. Gut, auch im Ausland hat man manche Werke zu einem Django-Film gemacht, doch es scheint, dass gerade in Deutschland die Gäule mit so manchem Filmverleih durchgingen. So ist dann auch der von Giovanni Fago inszenierte Melodie in Blei kein offizieller Nachfolger zu Corbuccis Klassiker. Das merkt man auch schon an der etwas halbherzigen deutschen Synchronisation, was den Namen des Titelhelden zu tun hat. Dieser heißt eigentlich Johnny King und so wird Django auch des öfteren mal mit Johnny angesprochen. Da fehlte es der deutschen Übersetzung dann doch etwas an Konsequenz.

So richtig Konsequent war man dann auch nicht, als man das Script des Films verfasst hat. Eher gesagt, schien sich der eigentlich sonst so routinierte Autor Ernesto Gastaldi nicht wirklich sicher zu sein, in welche Richtung er den Film denn eigentlich lenken soll. Liest sich die Handlung nach einer im Italowestern typischen und tausendfach erzählten Rachegeschichte, so läßt man sich im Film selbst doch recht Zeit, bis es zu eben dieser kommt. Zu Beginn wird es nicht nur komödiantisch, sondern sogar richtig klamaukig. Obwohl der Einstieg schon sehr schön den übergroßen Wahnsinns des Clanführers der Ward-Familie aufzeigt. Der von Gerard Herter im späteren Verlauf schön abgehoben dargestellte Ernest Ward ist nämlich ein ziemlicher Waffennarr und besessen von der Jagd, so dass er wohl durch zuviel Langeweile auf "lustige" Spiele zu seiner Unterhaltung kommt. Da werden schon mal Mexikaner Melonen auf den Kopf gebunden und durch die Gegend gejagt, nur dass dann Herr Ward diesen die Früchte von der Birne ballern kann. Dabei gibt er sich regelrecht desinteressiert, was um ihn herum so überhaupt passiert. Die "Drecksarbeit" läßt er da die beiden Brüder machen. Wäre nun dieser gewisse und typische zynische Unterton über den ganzen Film verstreut, so wäre Melodie in Blei ein durch und durch sehr bissiger und düsterer Western. Zwar ist es auch so noch ein sehenswertes Filmchen, doch man läßt sich eben Zeit, bis man komplett den ernst der Geschichte walten läßt.

Glücklicherweise wird hier der Klamauk nicht zu sehr in den Vordergrund getrieben und ist noch auf erträglichem Niveau. Fremdschämen muss man sich nicht, eher sind hier vage Elemente der Klopper vom beliebten Duo Bud Spencer und Terence Hill eingebaut. So gibt es auch mal eine zünftige Prügelei im Saloon, wo starke Männer merken, dass auch Dirnen über einen ordentlichen Schlag verfügen. Welch Glück, das auch Hauptdarsteller George Hilton gut aufgelegt ist und schon hier als komische Mischung aus Lebemann und frommen Bürger überzeugen kann. Ein schelmisches Lächeln trägt er da meist auf den Lippen, hilft seinem Ziehvater gegen die Ward-Bengel und macht sich dann sehr zum Ärger des Predigers auch mal schon in die Stadt zur nächsten Dame auf, die für Django schon mal das Bett vorwärmt. Dabei präsentiert man Django als recht feinen Lebemann, mit feinem Zwirn und Fifi auf dem Arm. Auch wenn er alles andere als fromm sein Leben meistert, so ist der Einfluss von Steve McGregor doch zu spüren. Töten lehnt er eigentlich ab, so ist dies auch seine Bedingung als er nach der Flucht aus dem Knast zusammen mit Neukumpel Meredith und seinen Kumpanen die Bank knacken soll: es soll kein Blut vergossen und sinnlos Menschen getötet werden. Außerdem wirft er mit Bibelsprüchen bzw. den rezitieren der zehn Gebote nur so um sich und erfindet auch mal öfters einfach so ein Gebot. Ein verquerter Charakter einfach, interessant genug um den Zuschauer bei Stange zu halten und auch schnell eine Figur, die gewisse Sympathien mit sich bringt.

Neben Hilton überzeugen allerdings auch die anderen Mimen. Neben diesem bieten Paolo Gozlino und der eigentliche Jess Franco-Stammdarsteller Paul Muller darstellerische Highlights. Gozlino ist dabei als Meredith zu sehen, der Django erstmal ordentlich vertrimmt und dabei gefallen an diesem sonderlichen Kerl findet. Er ist ein harter Hund, ein Gesetzloser der mit seiner Flucht dem Sensenmann von der Schippe springt. Allerdings ist er bei weitem keiner der Bösewichte, die vollkommen herzlos und kalt sind. Die Bande um ihn sind die typischen Desperados des Italowesterns, allerdings mit Herz und sowas wie Menschlichkeit verbunden, die dann gerade im Falle von Meredith schön dargestellt wird. Immerhin scheint er in Django schon so eine Art Freund gefunden zu haben, auch wenn er dies erstmal unter seiner harten Schale versteckt. Herzlos ist dahingegen ein Attribut, das man vor allem Mullers Charakter attestieren kann. Kaltblütig verfolgt er für seine Familie den Plan, das Land im Umkreis von Bowie für sich alleine zu bunkern. Und dazu ist nun mal jedes Mittel recht. Muller stellt den Bösewicht wirklich sehr glaubhaft dar und ist vor allem bei der Jagd nach Django wirklich bei jedem Auftritt vor der Kamera ein Highlight. Durch und durch bösartig hetzt er dem verhassten Ziehsohn des toten Predigers hinterher und blickt durchweg wütend in die Kamera.

Wenn Django dann nach Hause zurückgekehrt ist und am Grabe von McGregor steht und sich von der Haushälterin von dessen schrecklichen Tod unterrichten läßt, nimmt die Melodie in Blei auch ordentlich an Fahrt auf. Es ist eigentlich so, dass die ersten beiden Teile des Films, neben dem heiteren Beginn nimmt vor allem der Coup um den Bankraub auch ordentlich Zeit in Anspruch, nur darauf aus sind, den zweiten Teil von Fagos Werk vorzubereiten. Nun läßt sich darüber vortrefflich diskutieren, ob man hier nun Zeit verschwendet hat oder nicht. Ist das Storytelling in der ersten Hälfte noch recht ausführlich ausgearbeitet, so holpert man sich im zweiten Teil durch manche Hauruck-Aktionen bei den Zeitsprüngen schon fast durch die Geschichte. Entweder wollte man nun so ein wenig Tempo in die Handlung bringen, oder es ist (auch) auf einige Kürzungen innerhalb der deutschen Fassung zurückzuführen. Für Unterhaltung und auch Spannung ist dennoch gesorgt. Zwar ist die Handlung nicht so originell, dass man manchen Handlungsstrang vorausahnen kann, aber Fagos routinierte Umsetzung weiß zu gefallen. Im zweiten Teil zeigt er einen gänzlich anderen Django, dessen feiner Zwirn immer schmutziger und zerlumpter aussieht, der aber immer noch so manchen markigen Spruch auf den Lippen hat. Hier werden einige Härten gezeigt, für die man den Italowestern so schätzt. Den moralischen Kodex, den Django bisher für sein Leben und Handeln gewählt hat, scheint dieser nach dem Ableben des Vaters mit diesem beerdigt zu haben. Fago zeigt, dass auch der frommste Mensch von Rache zerfressen und von solch starken Gefühlen getrieben werden kann.

Wobei Django durch seine Vorliebe für das weibliche Geschlecht ohnehin ein eher scheinheiliger Vertreter der Spezies Mensch ist. Aber dieser irgendwie paradoxe Kontrast paßt zu Hiltons Figur. Vor allem, als dann Ernest Ward seinen großen Auftritt hat, geizt Melodie in Blei nicht gerade mit Zurückhaltung. Die Sadismen, die durch diese Figur zur Story hinzugefügt werden, geben dem Film eine sehr düstere und bösartige Unternote. So steigert sich der Film beständig. Es ist kein großer Reißer und weitab von den richtig großen Werken des Genres anzufinden, aber dennoch ein wirklich ansprechender Vertreter aus der zweiten Reihe. Dazu tragen auch der schmissige Score von Nico Fidenco sowie einige nette Einstellungen bei. Zwar ist die technische und fotographische Seite des Films weitgehend unspektakulär, doch zum Ende scheint sich Fago mit seinem Kameramann Antonio Borghesi doch etwas mehr zu trauen. Mag sein, dass sich der Film an einigen Stellen der Geschichte zu lange aufhält und eventuell etwas auf der Stelle tritt, doch seine gewisse Grundhärte, die er in der zweiten Hälfte bekommt, hilft, ihn zu einem gutklassigen Italowestern werden zu lassen. Ein kleiner, räudiger Streifen der es versteht, einen mal ganz frommen und doch äußerst coolen Helden zu präsentieren, der trotz der größten Tortur mit eisernem Willen sein Ziel verfolgt. Melodie in Blei ist vor allem ein Rachewestern mit einem kleinen Zusatz an komödiantischen Einlagen und Elementen von Heist-Movies, die in keinster Weise störend wirken sondern ihn nur mehr zu einem interessanten Italowestern aus der zweiten Reihe werden läßt.


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