18. September 2010

Schwarze Messe der Dämonen


Seit einem von ihrem Vater verschuldeten Unfall, bei der die Mutter starb, sitzt Ippolita halb gelähmt im Rollstuhl. Nur kürzere Strecken kann sie unter höchster Anstrengung mit einem Gehstock bewältigen. Bei einem Besuch einer Marienstatue, von der angeblich heilende Kräfte ausgehen sollen, muss die durch ihre Behinderung verbitterte und frustrierte junge Frau mit ansehen, wie einer der vielen anderen sich vor Ort befindlichen Besessenen in den Tod stürzt. Kurz darauf, beginnt sie sich zu verändern. Sie bekommt hellsichtige Fähigkeiten und hat darüber hinaus sehr seltsame und real wirkende Träume. Als ihre Familie einen Psychiater beauftragt, sie zu therapieren, stellt er während einer Rückführung unter Hypnose fest, dass Ippolita vor vielen hundert Jahren schon einmal gelebt hat. Damals verschrieb sie ihre Seele einem Satanskult und kurz darauf verändert sich der Charakter der Dame immens. Sie beginnt, mit Obszönitäten ihre Mitmenschen zu beleidigen und lässt einige Spektakel wie das Mobiliar des Hauses schwebend durch den Raum zu bewegen, vom Stapel. Es kristallisiert sich immer mehr, dass sie von einer dämonischen Macht, ja wahrscheinlich dem Teufel selbst, besessen zu sein scheint. Auch wenn sich gerade ihr Psychiater und der Vater erst gegen den Gedanken wehren, so zeugt die immer krassere Wesensveränderung der Tochter davon, dass sie handeln müssen. Doch einfach läßt sich die unbekannte Macht nicht aus Ippolitas Körper vertreiben.

Wer nun zuerst den Namen eines der Kassenknüller der 70er Jahre errät, der für dieses Werk Pate gestanden hat, gewinnt zwar nicht mal einen kleinen Trostpreis, ist ansonsten aber auf der richtigen Spur. Es besteht keinen Zweifel, dass man auch in Bella Italia beeindruckt war vom Erfolg William Friedkins und dessen Okkultschocker Der Exorzist (1973), der Aufgrund seiner für die damaligen Zeit erfrischenden Offenheit in der Darstellung von Schockeffekten für einiges an Aufsehen erregt hat. Da ist man dann auch in Italien natürlich nicht weit und schickt sich an, einige Nachahmer ins Rennen zu schicken. Da kam dann zum Beispiel ein Jahr später mit dem Film Beyond the Door der in Deutschland unter dem Titel Wer bist du? lief, ein sehr behäbiges Werk auf die Freunde des Satansaustreibens auf großer Leinwand zu, der zwar ganz nett ist, aber nicht richtig aus dem Puschen kommen will. Ganz dreist ging man beim Mario Bava-Spätwerk Lisa und der Teufel. Da der künstlerisch sehr ambitionierte Film leider kein Verleih für den Film fand, ließ der Produzent durch den Erfolg von Friedkins Film von Bava Szenen nachdrehen, bei denen anstelle Linda Blairs nun Elke Sommer Erbsensuppe durch ein Krankenhauszimmer speien durfte. Die Szenen des ursprünglichen Films wurden als Rückblenden benutzt und diese Version wurde in Deutschland als Der Teuflische vermarktet.

Ebenfalls 1974 schickte Alberto de Martino mit Schwarze Messe der Dämonen seinen Beitrag zum fröhlichen Teufelsaustreiben in den Ring, welcher den Dreikampf um den Titel des schamlosesten, aber auch besten Exorzisten-Rip Offs ganz locker und mit Leichtigkeit gewinnt. Richtig reißerisch mutet hier auch der deutsche Videotitel an, der das Thema des Films ein klein wenig verfehlt. Da paßt der Kinotitel Der Antichrist wie die Faust aufs Auge. Der vom Römer de Martino dabei vorgeführte Antichrist ist vor allem unverschämt. Gerade deswegen, da es ihm zusammen mit den Co-Autoren Gianfranco Clerici und Vincenzo Mannino gelingt, richtig dreist Szenen des großen Vorbilds zu kopieren oder so gut zu variieren, dass man am liebsten ungläubig mit dem Kopf schütteln würde. Am meisten überrascht hierbei vor allem, dass es sich bei Schwarze Messe der Dämonen nicht mal um einen billigen bzw. eiligst herunter gekurbelten Streifen handelt. Geld auf das Konto der Produzenten sollte er unter zuhilfenahme eines brandaktuellen Themas bzw. Erfolgs natürlich schon, aber sowas hat man wirklich auch schon schludriger gesehen. Doch die Antichristenhatz de Martinos ist alles andere, nur nicht schlampig auf Celluloid gebannt. Das Buch versteht es sogar, die Thematik und Ansätze von Der Exorzist zu variieren und wenn man sich schon wähnt, dass es gar keine große Kopie des Blockbusters ist, haut einem de Martino die volle Kante an Unchristlichkeiten vor den Latz. Schamlos wird da zitiert und umgeändert. Dies allerdings immer so, dass es eine wahre Freude ist, dem Treiben zuzusehen.

Zu größtem Dank ist man hier vor allem der Hauptdarstellerin Carla Gravina verpflichtet. Schon die Leitung von Linda Blair ist, auch in Anbetracht ihres damaligen Alters, wirklich als herausragend anzusehen. Doch Gravina, welche später nur noch sporadisch als Mimin in Erscheinung getreten ist, spielt hier wirklich den gesamten Cast an die Wand. Und dieser besteht nicht gerade aus unbekannten, ist ihr Herr Vater doch kein geringerer als Mel Ferrer, der Bischof der örtlichen Kirche und gleichzeitig ihr Onkelchen Arthur Kennedy, als Haushälterin ist Alida Valli zu sehen, Umberto Orsini ist der Therapeut und die Geliebte von Ferrer wird von der aus anderen Italoproduktionen bekannte Anita Strindberg verkörpert. Schwergewichtige Namen also, die auch wirklich respektable Leistungen abliefern. Zwar kommt Kennedy ohne richtigen Schwung und irgendwie fast versteinert rüber, doch gegen so eine darstellerische Macht wie die von Gravina kommt sowieso niemand heran. Ihre Wandlung von der zutiefst frustrierten jungen Frau, gebeutelt von ihrem Schicksal und sogar eifersüchtig auf das Liebesglück ihres Vaters zu einer immer wahnsinniger agierenden, höchst Bbesessenen ist einfach nur beeindruckend. Sie schafft es punktgenau, ihr Spiel in der schön langsam erzählten ersten Hälfte des Films gut einzusetzen. All der verlorene Mut, die Verzweiflung und die Hoffnungslosigkeit: Gravina füllt die Rolle der Ippolita wunderbar mit Leben aus. Wenn de Martino noch die leisen Töne in seinem Film regieren läßt, läßt sie auch hier schon schön aufhorchen.

Schwarze Messe der Dämonen schafft es spielerisch, sowohl subtile, kleine Schreckmomente mit markig-lauten Böllerschüssen was die Schockmomente angeht, zu kombinieren. De Martino wandelt hier auf einer künstlerisch sogar schön ansprechenden Ebene, verzaubert die Kamera doch mit einigen wirklich schönen Einstellungen und Fahrten. In Verbindung mit der wirklich üppigen und prunkvollen Ausstattung und Settings, zieht einen der Film schnell in seinen Bann. Wirklich überrascht ist man da, wenn man sieht, dass für die höchst anspruchsvollen Bilder Aristide Massaccessi verantwortlich zeigt. Der später unter dem Pseudonym Joe D'Amato als Regisseur zu Italiens Schmuddelfilmer Nummer 1 aufgestiegene Massaccessi, der mit seinen Werken auch öfters die deutschen Jugendschützer zur Weißglut gebracht hat, dürfte hier an der Kamera wohl eine seiner besten Arbeiten erledigt haben. Der Film feuert eine visuelle Pracht ab, setzt erste kleine Schreckensmomente gekonnt ein und selbst wenn die Effekte, auch was die spektakulärere zweite Hälfte angeht, doch mal etwas offensichtlich sind, geschieht dies immer noch mit gehörigen Portion Charme. De Martino treibt die Handlung erstmal langsam voran, läßt sich vor allem viel Zeit Ippolita zu porträtieren und den Horror langsam einfließen. Es darf gegruselt werden. Die erste Hälfte ist bestimmt von der Zerrissenheit Ippolitas Charakters und wie sie sich eben - genau wie die Geschichte selbst - langsam wandelt. Psychologisch sauber ausgearbeitet ist dies natürlich nicht, aber atmosphärisch unheimlich dicht umgesetzt.

Im krassen Gegensatz ist da natürlich der weitere Verlauf der Story. Die leitet de Martino stilecht mit einem hammerharten Paukenschlag ein. Während des Dinners mit der Familie schreitet der Antichrist vollends zu seinem Auftritt und Gravina darf zeigen, was in ihr bzw. Ippolita steckt. Während ihrer besessenen Phase ähnelt sie zwar auch hier stark der Regan aus dem Exorzisten, trotzdem haben die Maskenbildner alle Arbeit geleistet. Die fragil wirkende, etwas kränklich aussehende Frau ist zu einer wortwörtlich diabolischen Kreatur, mit schrecklich verzerrter Fratze. Zeigte schon Der Exorzist harten Tobak, so übertreffen die Italiener sogar den teuflischen Terror. Obszönitäten, Levitation, auf andere Leute erbrechen - altbekannt. Doch der Teufel in de Martinos Version ist noch eine Prise heftiger drauf. Da darf er auch mal einige kleinere "Zaubertricks" auspacken und sogar ganz verschlagen agieren, um Familienmitglieder zu bezirzen. Was hier ausgepackt wird, ist eine (ganz positiv gemeint) verdammte Gottlosigkeit nach der anderen, ein Feuerwerk der Geschmacklosigkeiten. Bekannte Schlüsselszenen aus Friedkins Werk werden modifiziert, erweitert oder gänzlich mit anderem Ansatz umgesetzt. Furios und richtig entfesselt gibt sich Schwarze Messe der Dämonen, was ein regelrechter Kontrast zur eigentlich so ruhigen Anfangsphase ist. Was das Autorenkino hier geritten hat, so auf gut Deutsch gesagt auf die Kacke zu hauen, weiß man nicht. Allerdings zeigt dies wirklich Wirkung.

Das Finale schwächelt sogar ein wenig nach diesem lauten Brimborium, mit welchem die Handlung durch den Film ratterte. Dafür bietet es in seiner Bildsprache Anspielungen auf das Leid Jesu, höchst stimmig wieder von Massaccessi eingefangen. Untermalt wird der Film mit anfänglich eher ungewohnt experimentellen Klängen von Ennio Morricone und seinem Schüler Bruno Nicolai, welcher sich dann aber sehr schön in den Film einfügt. Und obwohl Schwarze Messe der Dämonen die wohl schamloseste unter den Exorzist-Rip Offs ist, so verfügt er trotzdem über eine gute Eigentständigkeit und auch gute Ansätze, die Zerrissenheit der Protagonistin offen zu legen. Zwar wird dies nur angekratzt und hätte noch vertieft werden können, doch dies sind Kleinigkeiten. Es ist und bleibt ein sehr stimmiger, starker Film der den Horror mit großem Tam-Tam und subtil zelebrieren kann. Eine kleine Perle unter den Okkultschockern aus Italien und der Beste unter den von dort stammenden Rip Offs von Friedkins unchristlichem Meisterwerk.


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