18. Oktober 2010

My Dear Killer

Ob man schnell seinen Kopf verliert in manchen Situationen, liegt natürlich immer an der Persönlichkeit eines Menschen. Trifft man aber wie in diesem Falle ein ehemaliger Versicherungsdetektiv auf einen Schaufelbagger, so kann das unheimlich schnell gehen. Diese Einsicht hat auch Inspektor Peretti, der auf den Mordfall des mit eben diesem Bagger geköpften Herren angesetzt wird. Was zuerst wie ein tragischer Unfall aussieht, wird nach dem Fund des ebenfalls toten Baggerfahrers eine äußerst brisante Angelegenheit. Dessen Suizid ist nämlich ein getarnter Mord, den Spürnase Peretti ziemlich schnell entlarvt. Doch schnell stößt er in seinen Ermittlungen auf noch viel größere und unglaublichere Dinge. Der Mord an dem Versicherungsangestellten scheint in Zusammenhang mit einem schon seit einiger Zeit geschehenen Entführungsfall Moroni zu tun haben, als Stefania, die kleine Tochter der Familie, urplötzlich vom elterlichen Anwesen verschwunden ist. Trotz Kooperation mit den Entführern und der Zahlung eines Lösegelds, war aber auch der auf der Suche nach dem Töchterchen befindliche Herr Vater schnell wie vom Erdboden verschluckt. Ganz in der Nähe des Baggermordes wurden die Leichen der beiden einige Zeit später gefunden. Für Peretti scheint es gerade so, als hätte der Entführer einen Grund, irgendetwas zu vertuschen.

Dabei ist es schön zu betrachten, wie die Familie Moroni und Leute aus derem nahem Umfeld so ziemlich allesamt Dreck am Stecken haben könnten. Doch dafür ist das Genre des Giallo ohnehin bekannt: es werden so viele Fährten gelegt, wie nur möglich. Auch bei My Dear Killer stellt sich dabei relativ zügig ein recht ansprechendes Whodunit-Feeling ein, dass den Zuschauer zum Mitraten animiert. Die Hatz nach dem Mörder ist hier sehr ansprechend umgesetzt worden und bekommt es sogar hin, trotz der komplexen Geschichte nicht allzu unübersichtlich zu sein. Regisseur Tonino Valerii, der sich vor allem durch seinen Italowestern Der Tod ritt Dienstags (1967) und dem Mitwirken an Mein Name ist Nobody (1973) einen Namen gemacht hat, gelingt es hier sich nicht allzu groß zu verzetteln, wie es schnell mal bei einem wendungsreichen Giallo passieren kann. Viel eher baut er seine Geschichte langsam auf und präsentiert seinem Protagonisten wie auch dem Zuschauer ein Puzzleteilchen nach dem anderen. Schnell durchschaubar ist der Film dabei aber nicht. Valerii geht clever zu gange und schickt seinen Hauptdarsteller George Hilton, ein gialloerprobter Recke der mimischen Kunst, durch eine undurchsichtige und dadurch so interessant werdenden Story.

Herr Hilton macht als Peretti, trotz der für gebürtigen Uruguayer etwas ungewöhnlichen Rotzbremse im Gesicht, eine gute Figur. War er in den unzähligen Western in denen er mitgewirkt hat, meistens ein vor Energie kaum zu bremsender Strahlemann, so zieht er es im Genre des Giallo immer wieder vor, ein wenig unterkühlt zu agieren. Bravourös und richtig toll gelingt ihm dies zum Beispiel an der Seite von Edwige Fenech in einigen Gialli von Sergio Martino. In seiner Rolle als eiskaltem Ehemann in The Killer Must Kill Again (1975) passt dies dann logischerweise richtig gut. Hier steht er als Peretti wie bereits angesprochen im Dienste der Polizei und überzeugt auch hier. Zwar fühlt er sich in mancher Situation durch kleinere Pannen, die seinen Kollegen etwas allein gelassen, doch er gibt einen guten Schnüffler ab. Doch bis er eine Spur aufgenommen hat, ist ihm der Täter meist schon wieder ein bis zwei Schritte voraus. Irgendwie muss man natürlich auch die Handlung mit gewisser Spannung ausstatten. Es paßt und bereitet so einige vergnügliche Minuten vor dem heimischen TV-Gerät. Der Film, 1971 zur Hochzeit des Giallo-Genres entstanden, verfolgt hier allerdings noch eher den Ablauf eines herkömmlichen Kriminalfilms und hat nur zeitweise einige Thrillermomente zu bieten. Der Suspense ist somit nicht sonderlich stark ausgeprägt.

Allerdings hat man es beim Täter mit einem aus der klassischen Schule zu tun. Bis zur Auflösung sieht man von diesem eigentlich nur die Hände, die - wie sollte es anders sein? - mit schwarzen Handschuhen ausgestattet sind. Eigentlich ist der auch als Time To Kill, Darling bekannte Film ein ruhigerer Vertreter seiner Zunft, kann dann allerdings mit einigen fast schon brachialen Mordszenen überraschen. Gerade wenn eine junge Frau mit Hilfe einer elektrischen Handsäge in die ewigen Jagdgründe geschickt wird, geht es schon sehr deftig zur Sache. Auch der graphisch sehr ausgeprägte Mord mit dem Bagger ist neben seinen raffinierten Kameraeinstellungen ebenfalls nicht von schlechten Eltern. Doch im Blut watet Valerii nicht. Wie erwähnt entsteht schnell ein klassisches Krimifeeling, das mit einigen Nuancen aus dem kleinen Giallo-Einmaleins verfeinert wird. Tatverdächtige gibt es viele und irgendwie scheint es hinter den Kulissen des gut bürgerlichen Hauses Moroni bedächtig zu brodeln. Verdachtsmomente werden so geschaffen und durch die recht geschickten Wendungen, es gibt Vertreter die sind da etwas plumper, recht schnell wieder verworfen.

Es entsteht ein routiniert gefilmter Giallo, der auch durch die auftretenden, kauzigen Figuren noch einmal etwas mehr punkten kann. Immerhin hat man hier ein durchaus namhaftes Cast zusammen bekommen, auch wenn Westernveteran Piero Lulli einen eher kurzen Auftritt hat. Etwas öfters vor der Kamera hätte man sich da auch William Berger gewünscht. Wieder einer, der für die italienischen Filmschaffenden öfters mal einen Ausflug in den wilden Western unternommen hat und mit seinem verwegenen Gesicht so manche Produktion bereichert hat. So spielt er hier einen undurchsichtigen Typen, den man sofort als Unsympath ausmacht und schnell zu den Verdächtigen gehört. Abgerundet wird My Dear Killer mit Auftritten von Helga Liné (u. a. Blutmesse für den Teufel), Manuel Zarzo und Marilu Tolo, die ab und an als frustrierte Liebhaberin von George Hilton in Erscheinung tritt. Ein erlesener Cast, dem es Spaß macht zuzuschauen. Die Darsteller bekleckern sich zwar nicht allesamt mit Weltruhm, doch mimische Ausfälle sind nicht auszumachen. Das Ensemble gibt sich sichtlich Mühe, ihre Rollen mit dem nötigen Ernst auszufüllen. Gütlicherseits driftet der Film bei solchen Themen wie Kindsentführung und -mord nicht in die Exploitation- oder Klamaukecke ab. Gut, ersteres hätte man in Italien zu einem Fest des Bad Taste werden lassen können, aber Valerii packt das Thema mit großer Sorgfalt an.

My Dear Killer
fehlt es aber an richtig packenden Momenten. George Hilton bei der Mörderjagd zuzuschauen ist zwar wirklich interessant, aber memorable Szenen sind hier leider Fehlanzeige. Es ist ein klitzekleiner Fleck auf der ansonst wirklich weißen Weste. Man hat hier einen wirklich guten Giallo geschaffen, dem es ein wenig an Pepp fehlt, dafür aber mit einigen netten Einstellungen, einer guten Requisite sowie einer schön ausgearbeiteten Handlung aufwarten kann. Man glaubt es kaum, trotzdem ist dies für große Jubelsprünge doch etwas zu wenig. Es wäre an manchen Stellen mehr drin gewesen. Selbst beim Score, obwohl dieser doch von Morricone stammt. Er ist schön anzuhören, allerdings auch irgendwie zu unaufdringlich. Dies ist auch ein gutes Wort, wenn man den gesamten Film mit einem Wort beschreiben will. Zufrieden kann man nach dessen Genuss trotzdem sein und ihn wohlwollend abnicken. In die erste Liga der Gialli kommt er zwar nicht, sollte allerdings nicht unterschätzt oder sogar übersehen werden. Es ist ein schwer in Ordnung gehender Giallo, der nach der Auflösung mit einem wirklich netten Endbild aufwarten kann. Schwer in Ordnung geht übrigens auch die deutsche Synchronisation. Erst vor einigen Jahren wurde er von einem Independent-Anbieter nach Deutschland geholt und die Eindeutschung kann sich trotz einigen wenigen, bei manchen Nebenfiguren unpassenden Stimmen, alles in allem hören lassen. Schön, dass so ein kleiner, aber durchaus feiner Film doch noch seinen Weg in unsere Gefilde gefunden hat.


Diesen oder andere Gialli jetzt auf Filmundo abgreifen.
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