12. Dezember 2010

Keoma

Mit düsterem Blick erscheint uns hier Franco Nero als titelgebendes Indianerhalbblut, mit mächtig Pelz im Gesicht, am Kopf und auf der Brust. Diese Dunkelheit in den Augen scheint eine Gewissheit zu sein, dass Mitte der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts der Western schon in den letzten Zügen lag. Im Geburtsland Amerika erreichte das "New Hollywood" seine ersten Höhepunkte mit seinen zeitgemäßen, schonungslosen und eher realistischeren Geschichten. Da wirkte der Western allzu verstaubt, was nicht durch die Locations der Cowboy-Geschichten herrührten. Glänzende Helden und fiese Bösewichte waren für den damaligen Zeitgeist, wo man überall Aufbruch- und Umbruchsstimmung verspürte, schlicht und ergreifend zu altbacken. Schon Anfang der 70er hat Clint Eastwood, bekannt geworden durch die damals schon sehr unkonventionell den wilden Westen darstellenden Italowestern, einige Abgesänge auf das Genre abgeliefert bzw. in diesen mitgewirkt. Dann kam auch noch Sam Peckinpah und zeigte uns mit seinem The Wild Bunch (1969) eine Demontage der alten Mythen. Doch was machten eigentlich die Italiener?

Diese sorgten mit solchen Klassikern wie Django (1966), Leichen pflastern seinen Weg (1968), der Dollar-Trilogie, Töte Amigo (1967) oder anderen größeren und kleineren Werken für ein neues Bild des Westerns. Dreckig und düster war dieser, nicht mehr glänzend und strahlend. Die Rollen zwischen Held und Bösewicht wurden verwischt und gemischt, der Antiheld als Protagonist wurde beinahe schon ein Standard. Doch 1976 war auch die große Zeit der Spaghettiwestern schon etwas vorüber. Sein letztes großes Aufbäumen - auch wenn hinterher noch einige späte Western entstanden - war damit Keoma. Diesen kann man sogar als großen Abgesang auf das gesamte Genre verstehen und als verfilmten Nihilismus bezeichnen. Er zeichnet ein finsteres Bild, beherrscht vom allgegenwärtigen Leid. Dieses ist im Klartext die von Pocken und Cholera heimgesuchte, verwüstete Heimat von Keoma, in die dieser nach dem Bürgerkrieg zurückkehrt. Um der Krankheit Herr zu werden, werden die Infizierten in eine verlassene Mine abgeschoben, wo diese dann ohne große Hilfe vor sich hinvegetieren. Doch der Halbindianer rettet bei einem dieser Transporte eine schwangere, nicht erkrankte Frau.

Hier fängt das große Drama des Films allerdings erst an. Herrscher in der halbverwüsteten Heimatstadt ist der Ex-Offizier Caldwell, welcher sich diese und auch fast das umliegende Land unter den Nagel gerissen hat. Diesem haben sich auch die drei Halbbrüder Keomas angeschlossen, wie dieser vom Ziehvater erfährt. In geschickt in die Handlung eingefügte Rückblenden erfahren wir hier, dass die Beziehung unter den Halbgeschwistern nicht gerade innig war. Durch die angebliche Fixierung des Vaters auf den kleinen Keoma, wuchs der Hass auf diesen was in einigen unschönen Prügeleien und Misshandlungen gipfelte. Diese Missgunst besteht auch noch Jahre später. Keoma ist nicht gerne gesehen. Er bringt mit der geretteten Schwangeren nicht nur das Misstrauen und die Angst unter die Bürger, welche sichtlich verzweifelt unter Caldwell und den Seuchen leiden. Jegliche Hilfe wie Medikamente und ähnlichem wird ihnen verwehrt und zudem ist die Stadt fast gänzlich von der Außenwelt abgeschnitten. Konflikte sind somit vorprogrammiert und beinahe scheint es so, als stehe Keoma der Übermacht bestehend aus Caldwell und den Brüdern alleine gegenüber. Doch in seinem Vater und dessem ehemaligen Sklaven George findet er Unterstützung.

Dabei soll man allerdings nicht meinen, dass Keoma ab diesem Punkt sowas wie "positive Vibes" verbreitet. Nein, die Stimmung des Films ist und bleibt von Anfang an nicht nur einfach düster und schmutzig, wie man es aus vielen Italowestern kennt. Er vesprüht eine total gänzliche hoffnungslose Stimmung, manifestiert in der Figur des Keoma. Ein dunkler Schatten muss über die Jahre auf Franco Neros Charakter ein stetiger Begleiter in dessen Leben gewesen sein. Dass aber auch in ihm Gutes schlummert, erkennt man schon an seinen Beweggründen, warum er die Schwangere vor dem sicheren Tod in der Mine bewahrt. "Dein Kind hat ein Recht auf Leben" beantwortet er ihr ihre Frage. Leben. Eine Hoffnung in einer mehr als nur trostlosen Welt, wie sie Castellari in seinem Film zeichnet. Beeindruckend ist da schon der Prolog des Films, die die Heimkehr des Halbbluts zeigt. Die Stadt in die er reitet, ist weitgehend verwüstet und menschenleer. Ein Leben scheint hier ja schon fast nicht mehr möglich zu sein. Den einzigsten Mensch, den er hier trifft, ist eine geheimnisvolle Frau, welche die Ruinen nach altem Plunder durchsucht. Laut Keoma droht der Tod, wenn diese irgendwo erscheint. Und wirklich: sie wird auch im weiteren Verlauf des Films wie ein Bote der unheilvolles ankündigt, eingesetzt. Sie ist eine mystische Figur, die die insgesamt vier Drehbuchautoren, darunter auch der Regisseur selbst, geschaffen haben. Bezeichnend ist hier die Szene gegen Ende des Films, als sie während einem Unwetter urplötzlich in der Tür einer alten Hütte erscheint. Draußen tobt das Unwetter, Blitz und Donner wüten und urplötzlich erscheint sie und steht dort ohne ein Wort zu sprechen. So richtig wird man ihrer genauen Rolle bzw. dem Sinn dieser Figur nicht gewahr, doch es ist eine nette Spielerei, die den dunklen Touch der Geschichte noch etwas verstärkt.

Was die Geschichte an und für sich angeht, so betritt man mit Keoma eigentlich bekannte Pfade. Es gibt einen geheimnisvollen Helden, einen wahnsinnigen Kerl der sich die gesamte Macht in einer kleinen Stadt an sich gerissen hat und durch die Eigensinnigkeit bzw. Unangepasstheit des Protagonisten vorprogrammierte Konflikte. Das Grundgerüst erscheint also etwas alt und klapprig, doch man schafft es in dem Film einige andere Wege zu gehen. Die Vergangenheit des Protagonisten bleibt nicht wie so oft im Dunkeln. Sie wird angeschnitten und vieles wird dadurch für das Handeln dessen klar. Zudem dreht es sich hier auch nicht einfach darum, dass Recht wieder gerade zu rücken. Caldwell und seine Bande sind bei weitem nicht so präsent, wie es in anderen Filmen wäre. Dreh- und Angelpunkt ist Franco Nero, der den Keoma wirklich beeindruckend gibt. Dessen Spiel ist eigentlich recht minimalistisch und dennoch verschafft er es in den wichtigsten Momenten, seiner Figur noch mehr Leben einzuhauchen. Hippiesk ist sein auftreten, desillusioniert sein Denken. In einigen Momenten betritt er so den Weg des Märtyrers und die religiösen Symbolismen und Anspielungen sind nicht nur im Outfit von Nero begründet. Wallend langes Haar und ein Vollbart lassen ihn wie Jesus erscheinen. Dies gipfelt in der Kreuzigung Keomas die ihn letztendlich wirklich wie der Westernepigone von Gottes Sohn erscheinen lassen. Dick aufgetragen kann man das nennen, doch im Subtext des Werks erscheint dies stimmig. So läßt man den Zuschauer an einigen philosophisch angehauchten Dialogen zwischen Keoma und der mysteriösen alten Frau teilhaben.

So ist der Film keineswegs ein einfacher, simpler Western. Keoma scheint nach sich selbst, einem Sinn des Lebens bzw. einer Rolle für ihn auf unserem Erdenrund zu suchen. Losgelöst von seinen Wurzeln, von denen er durch ein bitteres Schicksal in frühester Kindheit entrissen wurde. So ist der Kampf gegen Caldwell auch nur ein guter Aufhänger. Tiefer wird hier der Konflikt zwischen ihm und den Brüdern angerissen. Hier offenbaren sich Züge klassischer Tragödien. Castellari schafft es dabei sogar, eine gewisse Tiefe zu erzeugen und braucht sich nicht nur auf der starken Atmosphäre auszuruhen. Angenehm zurückhaltend gibt sich der Film auch in seinen Actionszenen. Ist der Tod allein schon durch das Seuchenthema allgegenwärtig, so wird das Ableben durch die häufig in Zeitlupe dargetellten Schießereien - ein Markenzeichen Castellaris - beinahe schon wie ein Tanz stilisiert. Style hat der Film auf jeden Fall, und das nicht zu knapp. Sorgfältig und mit viel Liebe zum Detail wurde hier gearbeitet. Der Soundtrack der beiden De Angelis-Brüder mit dem extrem hohen Frauengesang und dem im Kontrast stehenden, tiefen männlichen Gesang mag Geschmackssache sein, passt allerdings trotzdem zum Geschehen auf dem Bildschirm. Kongenial muss man dabei auch die Kamera- und Schnittarbeit nennen. Die Einstellungen, Bildfolgen und Kamerafahrten sind von höchster Erhabenheit und schaffen es, die unheimlich dichte Stimmung des Films noch einmal zu verstärken.

Der deutsche Untertitel Melodie des Sterbens wurde hier für den Film dabei sogar recht passend gewählt. Versöhnlich bleibt der Film am Ende für den Zuschauer nur bedingt. Der nach sich selbst suchende Keoma scheint immer noch nicht am Ende zu sein. Er ist eine rastlose Figur, die mit seinem Aussehen und der zeitlichen Ansiedlung kurz nach dem Bürgerkrieg sogar zu damals aktuellen Geschehnissen Interpretationen zuläßt. Keoma war im Krieg und fragt sich an einer Stelle des Films, was er nun überhaupt tun soll. Er ist sich seiner jetzigen Rolle im Leben nicht bewußt, ein Umstand, den auch viele Vietnamveteranen nach der Rückkehr in den Krieg ausgesetzt waren. Doch so weit mögen Castellari und seine Co-Autoren bei weitem nicht gedacht haben. Die umfangreiche, aber gut zusammengesetzte Mischung aus mythisch und religiösen Versatzstücken kann man wie gesagt eher als melancholischen Abgesang auf das Genre ansehen. Keoma ist ein bildgewaltiger Spätwestern aus Italien, welcher als einer der besten Vertreter seiner Art angesehen werden darf, auch wenn er eigentlich eine Art Requiem auf dieses darstellt.


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