1. April 2011

Camorra - Ein Bulle räumt auf

Frisch aus Rom nach Neapel versetzt und kaum dort angekommen, erhält Kommissar Betti auch gleich schon einen ganz besonderen Gruß. Von einem Passanten angerempelt und dann fast von einem zackig dahinbrausenden BMW fast über den Haufen gefahren, empfiehlt ihm ein älterer Herr auf sich aufzupassen. Neapel sei immerhin ein heißes Pflaster. Hierbei handelt es sich allerdings nicht um einen freundlichen und aufmerksamen Zeitgenossen, sondern um den Boss der Camorra, von allen nur "Generale" genannt. Wie heiß es in Napoli hergeht, merkt Betti schon bald. Ein Kombinat aus Überfällen, Entführung, Schutzgelderpressung und Banküberfällen halten ihn und die Kollegen auf Trab. Der rauhe Bursche hat alle Hände voll zu tun und greift auch auf verdeckte Ermittler zurück, um den den kleinen und größeren Gaunern auf die Schliche zu kommen. In all dem Trubel hat er es auch bald noch mit dem zwielichtigen Capuano zu tun, der den "Generale" übers Ohr gehauen und nun um sein Leben zu fürchten hat. Doch mit seinen strikten und recht unkonventionellen Methoden hat Betti trotz aller Kritik seines Vorgesetzten Erfolg, auch wenn diese mit einigen Mühen verbunden sind.

Sie waren ja wirklich ein besonderes Gemisch, dieser Maurizio Merli und Umberto Lenzi. Unter der Regie von letzterem stand der blonde, leider viel zu früh von uns gegangene Mime mit den eisernen Gesichtszügen insgesamt vier mal vor der Kamera. Camorra - Ein Bulle räumt auf war dabei die erste Zusammenarbeit zwischen Lenzi und Merli. Ein Jahr zuvor gab Merli mit Verdammte, heilige Stadt (1975) seinen Einstand im Poliziotteschi und lieferte gleich einen Blueprint ab, wie in den weiteren Filmen dieser Machart der ermittelnde Kommissar bitteschön mit den Gangstern umzugehen hat. So dürfte es auch kein Zufall sein, dass er wie in seinem Bullenfilmdebüt auch hier den Rollennamen Betti innehat. Im 1976 entstandenen Cop Hunter schlüpfte er zum dritten und letzten Male in diese Rolle bzw. trug wenigstens noch einmal diesen Namen. Aber die Namen der Figuren, die Merli benutzt, sind eigentlich austauschbar. Mit seinen ersten zwei Filmen festigte er wortwörtlich Schlag auf Schlag sein Image als harter, unnachgiebiger Polizist der mit seinen ganz eigenen Methoden Erfolge bei der Verbrechensbekämpfung verbuchen kann.

So darf er auch hier wieder mächtig austeilen und zulangen, dass es eine wahre Pracht ist. Kaum ist das mitreißende und sehr schnell ins Ohr gehende Titelthema von Franco Micalizzi verklungen, macht Merli nicht nur gleich Bekanntschaft mit dem Oberhaupt der neapolitanischen Unterwelt. Ein kleinerer Bewohner eben dieser darf auch gleich mal den Herrn Kommissar kennenlernen. Und das so richtig. Am hellichten Tag will er da ein Auto klauen, hat aber nicht mit dem härtesten Scheitelträger südlich des Brenners gerechnet. Prompt bekommt er ein paar mal die Motorhaube sowie die eisernen Fäuste Bettis zu spüren. Da wird bei der Ankunft auf der Wache auch gleich von seinem Kollegen gewitzelt, dass Betti zu seinem Einstand nicht mit leeren Händen ankommen wollte. Hier macht dann Lenzi auch gleich mal die Verhältnisse klar, welcher Ton in den restlichen Minuten seines Films herrscht. Als der kleine Fisch abgeführt wird, bekommt dieser gleich nochmal an den Kopf geworfen, wie wenig seine Existenz doch überhaupt wert ist.

Man schafft klare Verhältnisse und folgt einem von vielen anderen Produktionen aus dem Genre einem ähnlichen moralischen Kodex. Das Gesetz ist mit normalen Methoden fast nicht in der Lage, dem "Abschaum", der da draußen auf den Straßen fleucht und die normalen, braven Bürger um den Schlaf bringt, beizukommen. Da muss man mit eiserner Hand durchgreifen, halt auch mal etwas ruppiger und direkter sein, ansonsten versteht das Gesindel ja gar nicht, dass mit der Polizei nicht zu spaßen ist. Worte, die das italienische Publikum der damaligen Zeit hören wollte, war man doch auch Aufgrund der in der realen Welt zunehmenden Gewalt und Verbrechensrate unzufrieden mit dem Polizeiapparat. Dabei ist Merli als Kommissar Betti in Camorra noch bei weitem nicht so konservativ eingestellt wie im direkt darauf folgenden Die Viper. Dort betritt man ja wirklich einen ganz schmalen Grat mit moralisch sehr fragwürdigen Einstellungen trotz aller Überzogenheiten, die das Werk zu bieten hat, den Zuschauer zu vergrämen. In letzterem Film gibt sich Merli noch verbissener, geht noch gnadenloser mit dem organisierten Verbrechen ins Gericht und tobt und poltert ohne Unterlass durch den Film. In Camorra trägt er zwar die gleichen Züge, ist allerdings irgendwo noch ein wenig menschlicher gezeichnet bzw. nicht allzu übermäßig von einem unnachgiebigen, ultrakonservativen Moralkodex überzeugt. Auch wenn ihm seine harte Methoden recht geben und so Erfolge verbucht werden können, die Handlung von Camorra läßt den guten Herren auch desöfteren an seiner Arbeit zweifeln.

Diese Arbeit erweist sich, zieht man noch einmal Die Viper heran, auch als einiges schwerer. Betti bezahlt einen hohen Preis, um einige der Banditen dingfest zu machen. Hier wird gezeigt, dass das Verbrechen trotz aller Erfolge der Polizei immer noch die Nase vorn hat. Gut organisiert, bekommen einige Helfer Bettis eine Abreibung, bei der diese letztendlich auf der Strecke bleiben. Wer singt oder falsches Spiel betreibt, bekommt eben eine entsprechende Antwort präsentiert. Aber Betti bekommt sie alle. Rein narrativ benutzt Lenzi hier ein Muster, wie es sein Kollege Marino Girolami schon in Verdammte, heilige Stadt angewandt hat. Auch wenn ein gewisser roter Faden handlungstechnisch durch den Film führt, so werden Nebenhandlungen recht episodenhaft eingeführt, diese mit der Haupthandlung verstrickt oder bleiben eben einfach nur eine Folge aus dem Leben des Kommissars Tanzi, wie er mal wieder den noch so kleinsten Fisch schnappt. Anders als in Merlis Bullenfilmdebüt oder anderen Werken, ist Camorra allerdings bei weitem nicht so ausgewogen aufgebaut. Der Hauptplot um den Generale und seinen Partner bzw. späteren Gegenspieler Capuano wird immer mal wieder kurz angerissen, dann für eine Nebenhandlung fallen gelassen um später dann wieder aufgenommen zu werden.

Auch wenn Lenzi ein äußerst ansprechender Film gelungen ist, so nimmt dieser Umstand dem gesamten Werk doch etwas an Tempo. Zudem könnte man ihn auch als kleine Fingerübung des Herren für Die Viper ansehen. Einiges, was dort wirklich sehr gut umgesetzt wurde, kann man auch schon in Camorra bewundern. Während in ersterem eine wirklich sehr tolle und intensiv umgesetzte Verfolgung über die Dächer der Stadt zu bewundern ist, so ist diese in Camorra zwar auch gut, aber eben nicht so wirklich mitreißend in Szene gesetzt. Langeweile kommt allerdings gewiss nicht auf. Dafür bietet der Flick dann doch noch einige gute Schauwerte und kann sein anfängliches Problem mit der Geschichte in den Griff bekommen. An Spannung mag es hier und da mangeln, einige gute Ideen lassen einen darüber aber hinwegschauen. Hätte man sich nicht so viele Nebenschauplätze bei der Geschichte aufgehalst, wäre die doch ganz ordentliche und durchaus auch deftige Action von noch durchschlagenderem Erfolg. Eines dürfte gewiss sein: dort wo Merli (und Lenzi) zu Gange sind, da ist der Umgangston nicht gerade sehr milde. Polizei als auch die Gangster schenken sich nichts. Gerade die Begegnung eines hochgenommenen Informanten mit einer Bowlingkugel ist dabei äußerst unfein anzuschauen.

Im Vergleich zu anderen Merli/Lenzi-Kollaborationen, den ohnehin etwas aus der Reihe tanzenden Von Corleone nach Brooklyn (1978) mal ausgenommen, ist Camorra aber trotz aller herben Ereignisse irgendwie noch etwas gebremst. Lenzi nimmt den Fuß vom Gas, läßt hier und da in die eher aufgeheizte Stimmung des Films sogar ganz leichte nachdenkliche Momente einfließen. Gerade das Ende sei hier ein weiteres Beispiel, auch wenn an dieser Stelle nicht viel darüber verraten sein soll. Sie stehen dem Film, keine Frage. Wo hat man das schon, dass der werte Herr Merli ganz kurz Zweifel an den eigentlich so durchschlagenden Methoden hat. Damit sei man, laut ihm an einer Stelle des Films, dem Verbrechen so eigentlich nicht beizukommen. Das mag man ihm gar nicht glauben, wenn man sich dann mal seine Aktionen anschaut, um dem Verbrechen einhalt zu gebieten. Es geht eben auch bei Camorra Schlag auf Schlag, die krummen Dinger geben sich die Klinke in die Hand und als bald ist dann auch schon wieder einer der härtesten von Italiens Filmbullen unterwegs.

Der handwerklich ordentlich geratene Film mit einigen schönen Einstellungen, allein schon die Motorradhetzereien durch den Verkehr Neapels sind äußerst packend umgesetzt, läßt durch die starke Präsenz von Herrn Merli sogar den Co-Star des Films, John Saxon, ein klein wenig blass aussehen. Meisterliche Darstellungskunst darf man hier natürlich nicht erwarten. Darauf legt man auch gar keinen Wert. Viele bekannte Gesichter aus anderen Poliziotteschi darf man aber übrigens begrüßen, doch es regiert hier eigentlich nur einer: Commisario Betti! Mit ein klein wenig entschlackter Storyline wäre der Streifen ein ganz großer Wurf. So ist es "nur" ein wirklich (sehr) guter. Es ist dann doch immer wieder eine Freude, dem guten Maurizio bei der Verbrecherhatz zuzuschauen und auch Camorra - Ein Bulle räumt auf ist wieder sehr vergnüglich.


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