8. Mai 2011

Die Nacht der rollenden Köpfe

Zusammen mit ihren Eltern wartet Katja auf einer Aussichtsplattform irgendwo in Rom auf ihren Freund Alberto, der schon ziemlich auf sich warten lässt. Wie gut, dass man mit den dortigen Münzferngläsern in dessen Wohnung schauen und so kontrollieren kann, ob er sich schon auf den Weg gemacht hat oder noch daheim rumlungert. Allerdings wird sie so Zeuge eines kaltblütigen Mordes an einer Frau. Den kurz darauf fliehenden Mörder kann sie allerdings nicht recht erkennen und verliert ihn durch die abgelaufene Zeit des Fernglases diesen auch schnell aus den Augen. Entgegen der bitte ihres Verlobten hält sie sich allerdings nicht aus der Sache raus und meldet ihre Beobachtung der Polizei. Bei dem Opfer handelte es sich laut der Presse um eine bekannte Ballett-Tänzerin. Zudem druckt die Zeitung auch noch ein Nahe des Tatorts gemachtes Foto ab, welches wohl den Mörder bei der Flucht und wie er mit einem Maroni-Verkäufer dabei zusammenstößt, zeigt. Einige Zeit später wird eben jener Verkäufer, der dabei wohl das Gesicht des Täters erkannt hat, ermordet aufgefunden. Während Alberto durch einige widersprüchliche Aussagen selbst bald ins Visier der Polizei gerät, wird bald eine weitere Tänzerin tot aufgefunden und die Jagd nach dem unheimlichen Mörder geht weiter. Dabei geraten Katja als auch ihr Verlobter immer mehr in Gefahr.

Mit einer ähnlichen Situation, wie sie schon James Stewart in Alfred Hitchcocks Das Fenster zum Hof (1954) erlebt, stürzt Maurizio Pradeux seinen hier weiblichen Protagonisten in eine für das Anfang der 70er langsam auflebende Giallogenre recht konventionell umgesetzte Geschichte. Konventionell in dem Sinne, das hier nach einem recht geradlinig aufgebauten Script aufgebaut wird, dass noch eher dem am Kriminalfilm angehauchten Giallo der 60er angelegt ist als an den mehr in die Thrillerrichtung tendierenden Produktionen der 70er Jahre. So toll auch der vom deutschen Verleih ausgewählte Titel ist, mit rollenden Köpfen sollte man hier nicht wirklich rechnen. Auch wenn der erste der insgesamt zwei Gialli des 1931 in der italienischen Hauptstadt geborenen Regisseurs einige - für die damalige Zeit - graphisch schon recht herb umgesetzte Morde zu bieten hat, so bietet der Film an und für sich eher solide Hausmannskost.

Man hält sich hier dabei nicht mal mit ellenlangem Vorgeplänkel auf: kurz nachdem die Titel am Zuschauer vorübergezogen sind, wirft Katja auch schon die Münze in das Fernglas und wenige Momente später wird auch schon der Mord an der Tänzerin bemerkt. Die insgesamt vier Drehbuchautoren drücken also schön aufs Gas, drosseln dann allerdings wenig später doch ein klein wenig das Tempo. Nicht wirklich die beste Idee, kommt Die Nacht der rollenden Köpfe so nicht mehr wirklich schwungvoll in Gang. Glücklicherweise ist der Erzählstil hier nicht gänzlich schwerfällig, auch wenn dies für spannungsvollere Szenen ein gewisser Nachteil ist. Pradeux zeigt schon Geschick dabei, diese wirkungsvoll umzusetzen, nur in der Gesamtheit wird die Geschichte durch die Drosselung des Erzähltempos einfach ausgebremst.

Dabei kann Die Nacht der rollenden Köpfe mit allen Ingredienzien des klassischen Giallokinos aufwarten. Alleine schon der Mörder ist mit schwarzer Kleidung, großen Hut und den obligatorischen schwarzen Handschuhen ausgestattet. Meistens haucht er seinen Opfern mit einem großen Rasiermesser das Leben aus. Hierbei hält man sich gar nicht sehr zurück. Die Morde sind für die damalige Zeit sehr detailfreudig und äußerst blutig umgesetzt. Hier spricht der Film eindeutig die Sprache der 70er Jahre, als in das Genre immer mehr nackte Leiber und auch so mancher deftiger Mord einzogen. Die angesprochenen nackten Leiber kommen hier ebenfalls nicht zu kurz. Susan Scott, eigentlich Nieves Navarro und Frau des Regisseurs Luciano Ercoli, wird hier - wie schon in den Filmen ihres Mannes - mit ihren wohligen Rundungen ins rechte Licht gerückt. Die herbe und so nicht uninteressante Schönheit wird hier etwas von ihrem Partner Robert Hoffmann an den Rand gedrängt. Schnell legt man den Fokus der Handlung auf diesen und macht ihn dabei sogar zu einem der Verdächtigen. Hoffmann macht seine Sache ordentlich, aber das letzte Quentchen fehlt doch, um ihn zu einem überzeugenden Protagonisten zu machen. Er spielt ein wenig zu unterkühlt und Frau Scott kommt einfach etwas lockerer rüber.

Die Nacht der rollenden Köpfe verpasst es außerdem, hier liegt auch das größte Manko, einfach das Whodunit-Element, die beinahe immer wichtigste Zutat eines Giallo, richtig umzusetzen. Auch wenn die Identität des Mörders bis zum Ende recht gut gehütet ist, so begeht man den Fehler, keinen wirklichen Verdächtigen zu präsentieren oder hier mehrere Personen zur Auswahl zu stellen. Der Killer bleibt ein Phantom, dass immer dann auftaucht, wenn ein Zeuge der ersten Tat beginnt, unbequem zu werden. Eine große Bedrohung bleibt er jedoch nicht und die in der Geschichte vorkommenden Figuren werden alle eher grob umrissen und bleiben so, eigentlich bis auf das Hauptpaar Katja und Alberto, sehr blasse Charaktere. Niemand scheint wirklich einen wahren Grund für die Morde zu haben. Die Hinweise auf die Identität werden Häppchenweise serviert, was nicht wirklich schlecht ist, doch für das sehr einfache Konstrukt der Geschichte ist dies ebenfalls nicht förderlich. Man tritt etwas auf der Stelle, was die Spannung im gleichen Sinne trübt.

Dies ist nunmal ein Ärgernis, welches den Gesamteindruck des Films schmälert. Rein technisch präsentiert Pradeux sein Werk ordentlich, dabei verleiht er ihm einen leicht schmutzigen Touch, welcher sich wiederum positiv auf die Atmosphäre auswirkt. Die eventuell sogar etwas angestaubte Krimicharakteristik des Films wird so hier und da durch eine gesunde Portion Sleaze aufgelockert und zeigt, zu was Pradeux' Kollegen noch in den nächsten Jahren fähig sein sollten. Dies gibt der Nacht der rollenden Köpfe einen ganz eigenen Stil, der wirklich zu gefallen weiß. Aber mehr als ordentliches und sauber routiniert getrickstes Entertainment ist hier leider wirklich nicht drin, auch wenn man sieht, dass Pradeux die Charekteristika des Genres kennt und auch mit ihnen umzugehen weiß. Mit den wilden Kameraschwenks im Finale begeht er sogar eigene Wege, die zwar noch etwas unsicher wirken, dem Film aber auch gut zu Gesicht stehen. Da dies aber am Ende der ganzen Geschichte geschieht, kann man einfach sagen, dass dies einfach zu spät ist. Es ist ein für die damalige Zeit eben typischer Giallo, der aber - man kann es nicht anders sagen - doch eine Spur zu typisch ist. Auch altbekanntes kann natürlich gute Unterhaltung bieten und Die Nacht der rollenden Köpfe ist gerade durch seinen leicht raueren Stil durchaus einen Blick wert, stolpert dann aber doch über die Treppenstufe zur Königsklasse und bleibt so im Überdurchschnitt stecken.


Die Köpfe auf Filmundo rollen lassen und nach weiteren Gialli stöbern!