5. Januar 2012

Zeder

Zeder. Genauer genommen: Paolo Zeder. Man bekommt ihn nicht zu Gesicht, er ist nichtmal die Hauptfigur in diesem italienischen Mystery-Thriller. Trotzdem ist es eine für die Handlung des Films nicht gerade unwichtige Figur. Gilt Zeder doch als der Entdecker sogenannter K-Gebiete. Laut Zeders Theorie sind das auf der Erde ganz unterschiedliche Orte, welche allerdings gleiche Charakteristika wie eine gleiche Bodenbeschaffenheit oder Temperatur aufweisen. Noch wichtiger: in solchen K-Gebieten beerdigten Toten soll so die Möglichkeit gegeben sein, aus dem Jenseits wieder zurückzukehren. Auf diesen Zeder und dessen Forschungen stößt der nicht gerade mit Erfolg verwöhnte Autor Stefano, der zum Hochzeitstag von seiner Frau Alessandra eine neue, elektrische Schreibmaschine geschenkt bekommen hat.

Auf dem Farbband der Maschine, welches schnell nach einigen Seiten seinen weiteren Dienst am Autoren verweigert, entdeckt er bei dessen Inspizierung Einprägungen mit mysteriösem Inhalt. Stefano schreibt diese ab. Er fördert somit einen Brief zu Tage, in dem nicht nur um die angesprochenen K-Gebiete, sondern auch um das Überwinden des Todes und einem Selbstexperiment eines Priesters geht. Er macht sich auf die Spuren, wähnt er doch einen geeigneten Stoff für den neuen Roman gefunden zu haben, und forscht nach. Nachdem er durch Alessandras Uniprofessor erste Anhaltspunkte sammeln konnte, geht es daran, mehr Licht in die für ihn immer noch sehr undurchsichtige Sache zu bringen. Dabei macht er sich auf die Suche nach Luigi Costa, besagtem Priester und fördert langsam aber sicher immer unglaublichere Dinge zu Tage. Nur begibt er sich dabei auch zusätzlich noch in Gefahr, wird er doch schon sehr schnell von Fremden verfolgt, die auch hinter den Briefen her zu sein scheinen. Überhaupt merkt Stefano schnell, dass teils nicht so zu sein scheint, wie es auf den ersten Blick wirkt.

Auf den ersten Blick scheint auch Zeder nicht das zu sein, wofür man ihn eigentlich hält. Von vielen selbsternannten Fachmännern in das Subgenre des Zombiefilms gesteckt, wird ihm diese Kategorisierung nur zu einem ganz kleinen Teil gerecht. Auch wenn er ohnehin immer wieder als ungewöhnlichster Untotenstreifen deklariert wird, so nimmt das Werk von Regisseur Pupi Avati diese Thematik zwar auf, macht aber dann etwas völlig eigenes daraus. Den so typischen Untoten bzw. allseits bekannten Zombie dürfen wir hier schon einmal gleich gar nicht erwarten. Zumal ohnehin ganz selten wirklich eine Leiche aus ihrem Grab steigt. Selbst hier verzichtet Avati auf den üblichen Duktus der gerade auch damals üblichen Zombiefilme, wenn es darum geht, dass erheben der Untoten aus den Gräbern zu präsentieren. Der in Bologna geborene Avati ist dabei sowieso keiner der typischen Genreregisseure. Kein weiterer Fulci, Mattei, Lenzi oder auch Deodato. Wo genannte Namen bei ihren Filmen ordentlich ins Horn blasen und laute, krachige Töne anschlagen (und dies mal mehr, mal weniger gut hinbekamen), bevorzugt der Mann eher die leiseren Töne.

Wobei er sogar am Buch zu Pasolinis Skandalfilm Salo - Die 120 Tage von Sodom (1975) beteiligt war und einer seiner Schüler der eher für derbe und günstig produzierte Goreeskapaden bekannte Ivan Zuccon ist. Dafür drückte er den meisten von ihm selbst gemachten Filmen seinen eigenen Stempel auf, auch wenn Avati wie viele andere Kollegen sich nicht auf ein Genre versteifte. Machte er dann allerdings beim Thriller oder auch Horror halt, so waren die Ergebnisse meist sehr bemerkenswerte Filme. So schrieb er zum Beispiel auch bei Lamberto Bavas Langfilmdebüt Macabro - Die Küsse der Jane Baxter (1980) mit, welcher durch seine sehr ruhige und subtile Art immer etwas aus dem Oeuvre des Bava-Juniors heraussticht. Mit seinem House of the Laughing Windows (1976) schuf Avati selbst einen Klassiker des Giallos, welcher thematisch auch das Übersinnliche streift. Bei Zeder widmet er sich komplett dieser Sache und schuf einen verquerten, aber äußerst entdeckenswerten Film.

Avati geht den Stoff, an dem er auch selbst mitgeschrieben hat, sehr nüchtern an. Dies schlägt sich auch auf den Look aus, der ohne große Schnörkel und Spielereien in Sachen Bildgestaltung daherkommt. Er läßt das Übernatürliche erst nach und nach in die Welt der beiden Hauptfiguren treten. Soll heißen, dass er trotz all des phantastischen Überbaus der Geschichte es erstmal sehr ruhig angeht und dem ganzen einen recht realistischen Touch verleiht. Trotz des Prologs, in dem Avati zwar zeigt, was es mit den K-Zonen auf sich hat, aber der Zuschauer noch recht ahnungslos dem Geschehen folgt. Dabei kann man dies typisch italienisch nennen, dass man ohne große Erklärungen in eine bestimmte Situation geworfen wird. Es beginnt einfach und der Anfang von Zeder könnte bei jedem anderen Horrorfilm schon das Finale sein. Avati schneidet an, fasst die für den Zuseher später dann wichtigsten Ereignisse zusammen und schneidet dann genauso harsch in die Jetztzeit über, mit der die eigentliche Story beginnt (der Prolog spielt übrigens in den 50ern).

Der zu anbeginn ausgedehnte und plötzlich hereinbrechende Schrecken, sorgfältig und mit Gespür für Atmosphäre inszeniert, nimmt sich dann zurück. Avati lässt seinen Stefano detektivisch vorgehen. Es ist ein Puzzle, welches der Autor Stück für Stück mühsam zusammensetzt. Dieses Puzzle setzt der Regisseur auch seinem Zuseher vor. Somit wird Zeder zu einem Mystery-Thriller der durchaus clever mit den Erwartungen des Zuschauers spielt. Avati bestimmt die Spielregeln und lässt so manches mal offen, ob das Übersinnliche nun wirklich in der Welt von Stefano und seiner Freundin existent sind oder er sich nur in eine undurchsichtige Geschichte verstrickt, sich von dieser gefangen nehmen läßt. Der von Gabriele Lavia recht ordentlich dargestellt Schreiberling nimmt teils sogar recht paranoide Züge an, so dass Zeder sogar wie ein Verschwörungsthriller erscheint. Ganz geruhsam läßt man die Handlung voranschreiten.

Sie entfaltet sich nach und nach, wie die Blüten einer Rose zu Beginn eines neuen Tages. Auch wenn dies ein starker Zug von Zeder ist, so gelingt es Avati allerdings nicht durchgehend, ein selbst auferlegtes hohes Niveau zu halten. Manche Kniffe bzw. Wendungen innerhalb der Story erscheinen etwas zu sehr bemüht, um noch einen draufsetzen zu wollen. Der Verschwörungstheorien-Aspekt wird so zu stark aufgeblasen. Allerdings kann man das dem Film schon längst nicht mehr als große Schwäche auslegen. Dafür ist er qualitativ zu gut. Die Subtilität, mit der Avati vorgeht, ist eben äußerst bemerkenswert. Er läßt den Schrecken langsam wieder aufkommen und kann - alle Paranoia-Anflüge seines Protagonisten zum Trotz - diesen schön ausspielen. Das Übersinnliche nimmt langsam Einzug im Kosmos von Zeder. Somit erreicht Avati auch, dass die Schockmomente eine angenehm gruselige Wirkung entfalten.

Hier und da zieht Avati das Tempo an, steigert somit auch die Schocks, läßt an anderer Stelle aber auch wieder den Fuss vom Gas. So gibt es im Erzählrhythmus des Films einige nicht gerade tolle Hänger, die aber nicht weiter ins Gewicht fallen. Spätestens zum Finale drückt Herr Regisseur wieder ordentlich auf die Tube. Da gibt er sich sogar in gewisser Weise entfesselt und beeindruckt mit einigen wirklich schaurigen Momenten, läßt seinen bisherigen Stil bzw. die Art und Weise, wie er die Geschichte Zeders erzählt, nie aus den Augen. Auch hier spielt er mit den paranoiden Anflügen seines Protagonisten und erzielt so eine gute Wirkung in dem Augenblick, wenn sich vor Stefanos Augen das ganze Geheimnis um die K-Zonen und den von ihm gesuchten Priester lüftet. Dessen schauderhaftes Lachen und verzerrte Fratze, welche in der Schlüsselszene von Zeder auf Monitoren erscheint, kann man als schön schauerliche Erzählkunst ansehen.

Ebenfalls sehr schön ist der Verzicht von jeglichen großartigen blutigen Eskapaden, wie man sie in anderen Werken aus Italien kennt und nur als störender Zusatz im Gesamteindruck mancher Filme wirken, nur um dem allgemeinen (damaligen) Zeitgeist des Horrorkinos gerecht zu werden. Zeder ist hochgradig der alten Schule der Horrorkunst zuzurechnen, die sich aber nicht den zum Entstehungszeitpunkt des Films modernen Erzählkniffen verwehrt. Fast im Kontrast steht dabei ja der pumpende, an manchen Stellen etwas zu aufdringlich geratene Score von Riz Ortolani. Er ist nicht gänzlich unpassend, allerdings bei weitem nicht so leise wie der Film und schafft es so auch nicht, die Spannungsmomente zu verstärken. Aber er hinterläßt einen Eindruck. Also sowohl Score als auch der Film selbst. Vielleicht auch bei Stephen King, fühlt man sich gegen Ende doch sehr an eine sehr bekannte Geschichte des Horrorautoren erinnert. Zeder ist vielleicht nicht der ganz große Wurf, wie sein Ruf, der ihm vorrauseilt, weiszumachen versucht. Ein äußerst interessanter und wirklich klasse konstruierter Mix aus Mystery-Thriller und Horror ist er aber allemal.
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