24. Januar 2013

Django Unchained

Allein schon der Name. Und da sprechen wir jetzt erstmal nicht von der titelgebenden, mittlerweile legendären Figur. Nein, wir reden vom Kopf, der hinter diesem Film steckt. Quentin Tarantino. Der Regie-Autodidakt ist ein Schelm, den man als Vermittler zwischen zwei Welten ansehen könnte. Der bekennende Fan von kleinen, "schmierigen" Genreproduktionen versteht es gut, Versatzstücke aus eben solchen Filmen in das Mainstreamkino zu transportieren und dessen Publikum schmackhaft zu machen. Und dies seit seinem ersten Film Reservoir Dogs. Dies steigerte sich mit den Jahren und den abgedrehten Werken. Erster früher Höhepunkt war natürlich Pulp Fiction. Und je bekannter der Mann wurde, desto eher traute er sich, Anspielungen, Verneigungen oder Hommagen an gewisse Filme oder Genres in seine eigenen Werke einzubauen. Explodiert ist er bei Kill Bill, diesem zweiteiligen Racheepos. Eventuell ist es ein wenig zu lang geraten, zu vollgepackt. Als wolle Tarantino all seine liebsten Genres und Filme mit einem Werk würdigen. Die nostalgischen Verklärungen strecken den Film hier und da unnötig in die Länge.

Mit Inglorious Basterds griff er sogar den alten italienischen Kriegsactioner Ein Haufen verwegener Hunde auf, machte ihn bekannt, aber bis auf den Titel strickte er sich seine eigene Geschichte. Er ist eben ein Fan des Regisseurs, Enzo G. Castellari, und huldigte ihn mit diesem Titel. Tarantino scheint es schon lange egal zu sein, ob sein junges Publikum nun die "alten Schinken" kennt und mit den vielen versteckten Anspielungen überhaupt etwas anfangen kann. Jetzt kommt er mit einem Westernepos zurück und holt die Westernfigur Django aus der Versenkung zurück. Nur wenige dürften allein bei den Credits bemerken, dass das Titellied zu Beginn von Django Unchained aus Corbuccis Original stammt. Man könnte fast meinen, als wäre Quentin so etwas wie der coole Onkel, der den Jungspunden da unten in den Kinosesseln mal all die coolen Dinge aus der Vergangenheit näherbringt. Im übertragenen Sinne lässt er sie an das Regal mit den "bösen", aber coolen Filmen. Nur, dass er diese eben zusammenwürfelt und einen ganz eigenen Cocktail daraus mischt.

Denn mit dem 1966 entstandenen Kultfilm, welcher zusammen mit Leones Dollar-Trilogie den Italowestern nachhaltig geprägt hat, hat Django Unchained recht wenig zu tun. Die Protagonisten tragen den gleichen Namen, was dann auch schon die einzige Parallele darstellt. Tarantino huldigt allerdings auch dem Original, indem er Jamie Foxx mit dem Darsteller des "richtigen" Django, Franco Nero, aufeinandertreffen und einen  kurzen, ironischen Dialog wechseln lässt. Aus dem fremden und geheimnisvollen Mann mit Kriegsuniform ist bei Tarantino ein schwarzer Sklave geworden, der mit anderen Leidensgenossen von Sklavenhändlern zu einem Handelsplatz für diese eskortiert wird. Er wird vom deutschen (früheren) Zahnarzt und Kopfgeldjäger Dr. King Schulz auf sehr eigene Art und Weise freigekauft. Schulz ist auf der Suche nach den Brittle-Brüdern, weiß allerdings nicht wie diese aussehen. Django hingegen schon. Schulz bietet dem Sklaven für Geld, ein Pferd und vor allem dessen Freiheit an, dass er ihm die Brittle-Brüder zeigt, damit er das Kopfgeld für diese Einstreichen kann. Django willigt ein, hat er mit den drei Ganoven eine persönliche Sache zu klären und ist zudem auf der Suche nach seiner Frau Broomhilda, welche von den drei Brüdern misshandelt wurde. Aus der Zweckgemeinschaft zwischen Kopfgeldjäger und Ex-Sklave entsteht eine Freundschaft und so bietet Schulz Django an, bei der Suche nach dessen Frau zu helfen. Die Spur führt zu Calvin Candie, einem leicht reizbaren Farmer, der auf seinem Anwesen Candyland residiert und kurzweilige Unterhaltung in Mandingo-Kämpfen führt. Mit einer Finte versuchen die beiden, an den Farmer heranzukommen um somit auch auf das Anwesen zu gelangen.

Wer nun Tarantino und dessen Filme kennt, dem dürfte schon klar sein, dass Django Unchained kein waschechter Western ist. Das Genre bietet das Grundkonstrukt für die wilde Sause, die Tarantino veranstaltet. Eine Verbeugung vor dem Italowestern, groß und episch ausfallend, wie es eventuelle einige Fans der italienischen Pferdeepen erwartet haben, ist der Film nicht geworden. Sicher: der Streifen nimmt auch Bezug auf diese Werke, aber wie bereits erwähnt, packt Tarantino noch einiges mehr mit in den Film und wechselt einfach mal ganz frech die Marschrichtung im Verlauf des Films. Die erste Hälfte von Django Unchained kann man noch am konretesten als Western bezeichnen. Dort wird der Film vor allem gar nicht mal von Hauptdarsteller Jamie Foxx, sondern eher von Christoph Waltz, der wohl immer mehr zu Tarantinos Lieblingsmime mutert, getragen. Zu recht. Spielt er doch den verschrobenen, mit übertriebenen guten Manieren ausgestatteten Ex-Zahnarzt und Kopfgeldjäger so pointiert wie eh und je. Man kann sich dem Charme von King Schulz nicht verwehren. Im krassen Gegensatz zu seiner so sauber manierlichen Art ist seine geradlinige, fast schon kaltblütige Ausübung seines Handwerks. Während Django Gewissensbisse plagen, da er einen gesuchten Dieb und Mörder vor den Augen seines Sohnes erschießen soll, zeigt Schulz nur Interesse für die Prämie, die auf diesen ausgeschrieben ist.

Doch Schulz spielt nicht den Gentleman. Er ist einer, durch und durch. Übermäßig genau, wie es die Deutschen nun mal so sind. Präzise und nüchtern. Ein Kopfmensch, der aber auch Herz zeigt und moralische Grundsätze vertritt, an denen es nichts zu rütteln gibt. Er hält nichts von der Sklaverei und behandelt Django wie einen gleichwertigen Menschen. Eine Sache, die zur Zeit der Sklaverei undenkbar ist. Somit gewinnt er nach einiger Zeit dessen Vertrauen. Kramt man nun etwas im Italowestern-Genre so finden sich im Charakter des King Schulz gewisse Parallelen zur Figur des Sartana, der wie der Herr Doktor ebenfalls im feinen Zwirn durch den wilden Westen reitet. Ausgestattet mit Gimmicks, bei Tarantinos Version nicht so ausgeprägt und eher bodenständiger ausgelegt, ist Sartana auch ein meisterlicher Schütze, der diejenigen in die ewigen Jagdgründe schickt, die es nach dessen moralischen Grundsätzen verdient haben. Schulz besitzt ebenfalls diese Fertigkeit und diese Mischung aus knallhartem Pistolero wenn es drauf ankommt und Gentleman. Größere Anspielungen auf weitere Genreklassiker schenkt sich Tarantino. Er konzentriert sich ganz auf seine Version des Django und die von ihm erzählte Geschichte.

Dabei übernimmt er aber schön die typischen Arten des Italowestern, kleidet gerade die erste Hälfte des Films in diesen dreckigen Look, den man schon von den Vorbildern kennt. Etwas episodenhaft wird die Entwicklung der Freundschaft der beiden Männer gezeigt. Kleinere Szenen, auch um die Figuren zu festigen und Django den für den weiteren Verlauf des Films nötigen Hintergrund zu schenken. Nimmt das Hauptdarsteller-Duo allerdings die Fährte von Djangos Frau auf, wird der Weg für die zweite Hälfte geebnet. Hier wird eine ganz andere Richtung eingeschlagen und man bewegt sich weg vom Western. Tarantino scheint nicht nur - wie von einigen US-Schreibern schon bemerkt - von Richard Fleischers Mandingo beeinflusst worden zu sein. In dem 1975 entstandenen Drama stehen auch die Kämpfe zwischen den titelgebenden Mandingos im Vordergrund und bilden auch den Vorwand für King Schulz und Django, an den Farmer Calvin Candie heran zu kommen. Man fühlt sich durch das prachtvolle Setting des Anwesens und den Dialogen über die Art der Sklaven auch unweigerlich an den kongenialen Halbmondo Addio Onkel Tom des Duos Gaultiero Jacopetti und Franco Prosperi erinnert. Gerade bei Candies Ausführungen über das Gehirn der Schwarzen fühlt man sich an so manche Szenen des Mondos erinnert.

Bleibt man bei der Figur des Calvin Candie, so kann man dessen Darsteller Leonardo Di Caprio attestieren, dass er wirklich spürbar spielfreudig diesen unbarmherzigen und eingebildeten Großfarmer darstellt. In vielen Besprechungen wurde sogar angeführt, dass Di Caprio sogar Christoph Waltz in die Tasche stecken soll. Die beiden liefern sich ein Kopf an Kopf-Rennen, bleiben auf gleicher Ebene und schenken sich nichts. In gemeinsamen Szenen ist deren Rededuell ein wahres festessen, auch wenn Tarantino wie in einigen früheren Filmen es teilweise nicht schafft, direkt auf den Punkt zu kommen. In den Dialogen als auch in der ganzen Geschichte wäre weniger mehr gewesen. Django Unchained lässt jetzt nicht irgendwelche Längen aufkommen und den Zuschauer im Wust der vielen Szenen schwimmen, doch der Amerikaner zeigt doch z. B. auch in Pulp Fiction dass er besseres Gespür für Geschichten und deren pointierte Schilderung besitzt. Er verliert sich in manchen Szenen und auch wenn die Ausgrabung alternder Stars wie Don Johnson als rassistischer Farmer Big Daddy ein wirklich schönes Wiedersehen mit diesen ist, so kann man sich über die Kapuzenszene und deren Berechtigung im Film streiten. Dem geplante nächtliche Angriff Big Daddys auf Django und King Schulz geht eine Diskussion mit seinen Schergen vorraus, inwieweit die Kapuzen und vor allem deren Gucklöcher denn überhaupt praktisch sind.

Sicher, die Szene ist sehr lustig und fördert diesen typischen, leicht absurden Humor Tarantinos als auch dessen Talent, witzige und eben sehr skurrile Dialoge zu schreiben, zu Tage. Doch es hätte kürzer ausfallen können und wirkt ein klein wenig unpassend. Ansonsten bleibt Django Unchained bis auf einige wenige Spitzen eher ernst und widmet sich der Suche nach Djangos Frau Broomhilda, einer Sklavin, die bei deutschen Herren residierte. Deren Nachname gibt übrigens auch Auskunft, wohin die Reise des Films überhaupt geht. Von Shaft wird sie genannt und nachdem sich vor allem Waltz und Di Caprio austoben konnen, darf auch Jamie Foxx in der zweiten Hälfte des Films etwas mehr von sich zeigen. Wie so viele Helden der Italowestern-Ära ist er ein wortkarger Charakter, geprägt durch seine Erlebnisse und von Rache angetrieben. Einem Motiv, dass ebenfalls häufig in diesem Genre anzutreffen ist. Neben den persönlichen Motiven, die mit Vergeltung seiner Frau und deren Martyrium zu tun hat, ist dies auch die Abrechnung mit der weißen Herrschaft, die sich als Herrenrasse gegenüber den schwarzen "niederen Menschen" darstellt. Tarantino läßt Django mit den Candies abrechnen, stellt die Farmer stellvertretend für alle Sklavenhalter der Zeit dar und läßt ihn zu sowas wie einem ganz frühen "Bürgerrechtler" erscheinen. Eine actionreiche Abrechnung mit rassistischem Gedankengut und der damaligen Zeit der Sklaverei in seinem Heimatland.

Geschichtsaufarbeitung mit ordentlich Gore, denn wenn es mal Action gibt, dann aber deftig. Tarantino geizt hier nicht blutigen Shoot Outs. Gerade das Finale fällt äußerst intensiv und fies aus und wird in bester Manier des Hong Kong-Actionkinos der 90er teils in Zeitlupe zelebriert. So wie einst John Woo in seinen besten Filmen kommt so ein "Todesballett" zu Stande, eine stilisierte Sterbeoper, verbunden mit schnellen Schnittfolgen wie man aus dem modernen Action-Mainstream kennt. Es funktioniert. Imposant und spannend ist das aufgebaut, auch wenn es seltsam erscheint, wenn Jamie Foxx als Django wie z. B. Chow Yun-Fat mit zwei Pistolen (bzw. Colts) voranhaltend  sich durch das Haus ballert. Hier hat sich Foxx' Figur schon längst gewandelt, ist vom noch eher ruhigeren Sklaven der sich erst an die Freiheit gewöhnen muss zum coolen, One-Liner raushauenden Pistolero geworden. Die Verwandlung zu dieser Figur zieht sich über den Film und spätestens wenn Django dann auch wirklich die Hauptfigur in diesem Epos geworden ist, erinnert er uns an die Einzelkämpfer des schwarzen Kinos der 70er. Alleine schon wegen der Zeit, in der der Film spielt, hört man verhältnismäßig oft Wörter wie Nigger und ähnliches. Da passt es auch, dass Tarantino beim überaus hörbaren, ja sehr wundervollen Soundtrack sogar modernere Soulstücke und sogar Hip Hop laufen lässt. Django Unchained ist weniger Western als eher Blaxploitation mit Pferden.

Jamie Foxx reißt den eklig fiesen weißen, welche "seine Nigger" falsch behandelt haben, buchstäblich den Arsch auf. Als er sich auf den Weg zurück zum Anwesen der Candies macht, da diese ihn eigentlich in ein Bergwerk abschieden wollten, er sich aus dieser Lage aber befreien konnte, schaut ihm einer der anderen Sklaven hinterher. Mit bewunderndem Blick und kleinem, wohlwollenden Grinsen auf den Lippen. Django ist ein Kämpfer für die Schwarzen, die Unterdrückten in dieser Zeit. Django Unchained fehlt natürlich schon der nötige Tiefgang, viel eher ist es ein weiteres Spiel Tarantinos mit Versatzstücken verschiedener Genrekino-Strömungen der damaligen Zeit. Die kleineren Untertöne, die hier und da aufblitzen, beziehen aber antirassistische Stellung, auf die coole Art dargestellt. Auch die Reaktion von King Schulz auf einige Dinge, die sich Candie erlaubt oder sagt, sind ganz eindeutig. Doch die Unterhaltung steht hier natürlich sichtlich im Vordergrund.

Diese ist auch eindeutig gelungen. Hier und da ist der Film etwas zu dialoglastig, Tarantino verschwitzt es, die Spannungskurve etwas straffer anzuziehen. Ein Manko ist dies keineswegs. Django Unchained kämpft etwas mit der Blaxploitation-lastigen zweiten Hälfte, die Zweiteilung des Films ist spürbar. Gegen Ende flacht er etwas ab, das feiern von Foxx als obercoolem Fighter ist zwar gut gelungen, lässt aber die Brillanz des Films in einigen Momenten der ersten Hälfte verblassen. Es ist eine pfiffige Idee von Tarantino, die er hier und da einfach etwas anders hätte anpacken sollen. Die Irritationen sind nach kurzer Zeit, wenn der Abspann läuft, wie weggeblasen und lassen ein wohlwollendes Nicken zurück. Tarantino kann es noch, ist allerdings zu sehr verliebt in seine Coolheit, die von vielen Fans so verehrt wird und schafft es nicht, hier und da die Zügel in die Hand zu nehmen. Django Unchained schleift in manchen Momenten, fällt allerdings nicht - um bei den Westernmetaphern zu bleiben - aus dem Sattel. Ein solider, teils sogar wirklich großartiger Film der eben am Egoismus des Regisseurs krankt. Da hätte er zu Gunsten des Films etwas weniger seiner persönlichen Vorlieben in den Film packen sollen.

Aber das ist Meckern auf hohem Niveau. Django Unchained und sein Regisseur schaffen das Kunststück, mal wieder längst untergegangene Genres aufleben zu lassen und diese gekonnt zu vermischen. Zumal er auch von einem erlesenen Cast getragen wird. Neben Don Johnson haben auch Robert Carradine, Bruce Dern und F/X-Legende Tom Savini (der die Effekte für Romeros Dawn of the Dead oder auch den ersten Freitag, der 13. beisteuerte) kleinere Auftritte. Vor allem sollte man auch noch kurz neben den vielerorts schon gelobten Di Caprio und Waltz auch Samuel L. Jackson hervorheben, der als schwarzer Handlanger Steven wirklich eine beeindruckende Leistung hinlegt und der heimliche Star, ein kleiner Showstealer für die großen ist. Immer wenn er auf der Leinwand auftaucht, ist es eine wahre Pracht, seinem Spiel zuzusehen. Django Unchained kann wohl nicht für ein Revival des etwas anderen, dreckigeren Westerns sorgen, macht aber als Zeitreise zurück in die gute alte Zeit des "Schundfilms" sehr viel Spaß und kann auch mit seinen kleinen, unterschwelligen ernsten Tönen überzeugen.