10. August 2013

Inbred

"Zurück zur Natur" heißt es ja immer so schön, doch seit John Boormans Beim Sterben ist jeder der Erste (1972) wissen wir, dass die abseitigen Schönheit auf diesem Erdenrund, fernab jeglicher Zivilisation, nicht nur durch die unberührte Natur selbst gefahren birgt. Immer wieder stört der (Stadt-)Mensch die Bewohner entlegener Winkel in ihrer Ruhe, welche sich dann mehr oder minder groberer Methoden bedienen, um diese lauten Störenfriede wieder los zu werden. Seitdem ist der Horror aus dem Backwood ein sehr beliebtes Mittel, um grausame Geschichten von noch grausameren Landbewohnern zu erzählen. Mit Landeiern ist eben nicht gut Kirschen essen, was im Laufe der Jahre nachfolgende Filme wie Wrong Turn (2003), Original (1977) als auch Remake (2006) von The Hills Have Eyes, der leider recht unbekannte aber hochklassige Rituals (1977) oder Blutige Dämmerung (1981) bewiesen. Das Genre geht stark Hand in Hand mit dem ebenfalls in den 70ern geborenen Subgenre des "Terrorfilms", dessen Geburt mit The Texas Chainsaw Massacre (1974) einhergeht, aber äußerst schwammig zu klassifizieren ist.

In den staubigen, entlegenen weiten wie eben den USA mit ihrer allgewaltigen Natur oder auch Australien kommt sowas natürlich für den Zuschauer und Liebhaber solcher Terrorepen auch sehr glaubhaft rüber. Doch selbst in Europa schicken sich Filmemacher an, im Hinterland bzw. ländlichen Gegenden blutrünstige Bewohner Durchreisenden oder Urlaubern an die Kehle zu lassen. Da hätte man aus Frankreich Frontière(s) (2006) oder Rovdyr (2008) aus Norwegen. Die meisten Backwood-Streifen kommen aber aus Großbritannien, wo unter anderem der mit viel schwarzem Humor angereicherte Severance - Ein blutiger Betriebsausflug (2006), Wilderness (2006) oder Eden Lake (2008) entstanden. Mit dem noch sehr frischen Inbred schickt sich der nächste an, in die Annalen der Backwood-Reißer einzugehen. Dabei bedient man sich eines Aufhängers, der wohlbekannt ist.

Die beiden Sozialarbeiter Jeff und Kate reisen mit einigen in der Vergangenheit straffällig gewordenen Kids auf ein entlegenes Cottage in der Nähe des verschlafenen Nests Mortlake. Von zündelnden Pyrokids (Tim), Einbrechern (Zeb) bis zu Schlägern mit ziemlich kurzer Leine (Dwight) ist das volle Programm vertreten. Während Jeff es am Durchsetzungsvermögen zu mangeln scheint und die Kids versucht, mit abgedroschenen Phrasen zum Team zu formen, erscheint seine Kollegin etwas fortschrittlicher und lockerer. Sie versuchen mit den Kids ein Wochenende zu verbringen und ihnen soziale Kompetenzen zu vermitteln, die man bei diesen wohl zu vermissen glaubt. Allerdings hat man nicht die Rechnung mit dem inzuchtsgeplagten Bewohnern des Ortes gemacht. Diese haben nichts gegen Fremde, jedenfalls wenn sie auf der eigenen Speisekarte auftauchen. Zuvor muss man aber einer sehr befremdliche und blutrünstige Zirkusshow beiwohnen. Das natürlich als Hauptattraktion. Durch einen blöden Unfall Jeffs und damit einhergehender Provokation einiger jüngerer Dorfbewohner sehen sich auch die Kids und eben die Sozialarbeiter schnell im Fokus der verrückten Dörfler.

Ausgedacht als auch realisiert hat dies Alex Chandon, welcher bisher noch gar nicht so viele Streifen auf der Filmographie vorzuweisen hat. Immerhin ist die Lücke zwischen seinem Backwood-Schocker und dem davor entstandenen Film zehn Jahre groß. Vor Inbred war seine äußerst merkwürdige und unbefriedigende Horror-Anthologie Cradle of Filth (2001) jedenfalls unter den Splatterfans das nächste große Ding, welches mit Danii Filth (sic) sogar den Sänger der britischen Black Metal-Band Cradle of Filth in einer Rolle bot. Noch einmal zehn Jahre davor machte er sich mit seinen äußerst drastischen aber nicht uninteressanten Kurzfilmen Bad Karma (1991) und Drillbit (1992) von sich reden. Gerade ersterer, welcher sich ein Massaker auf einer Party, ausgelöst von zwei Hare Krishna-Anhängern (!) dreht, wurde in der Horrorszene schnell berühmt-berüchtigt. Auch hier zelebriert er natürlich ausgedehnt blutige, happige Mordszenerien, welche es auch in Inbred zu bewundern gibt.

Chandon hat wenigstens schon so einige Genrefilme gesehen und verinnerlicht, so dass sein autodidaktischer Background zusammen mit dem verfeinern des Könnens über die Jahre genügend Fähigkeiten vorweist, dass man es hier mit einem durchaus ordentlichen Film zu tun hat. Die längere Pause und das hier wohl noch etwas größere Budget im Gegensatz zu den früheren Machwerken hat ihm sogar recht gut getan. So bringt er seine Geschichte, die natürlich äußerst dürftig und auf das nötigste reduziert ist, straight voran ohne große Langeweile aufkommen zu lassen. Immerhin ist dies ja auch die größte Schwäche, die so manche Splatterfilme haben können. Man merkt ohnehin schnell, dass die Story ein Aufzieher für die garstigen Szenen und Ideen des Schreiberlings sind. Mit solchen Feinheiten wie Charakterzeichnung oder sogar Suspense hält sich Chandon nicht auf und schreitet schon fast mit Sieben Meilen-Stiefeln durch die selbst ausgedachte Geschichte.

Wobei doch schon ein wenig Spannung aufkommt, gerade als eine kleine Hetzjagd zwischen den Kids und den Dorfbewohnern entsteht. Allzu fade oder eintönig ist das nun nicht, wenn sich der Film dem Ende neigt, ist man sogar recht überrascht, wenn schon der Abspann über die Mattscheibe flimmert. Da muss man schon wohlwollend in die Richtung des Regisseurs nicken. Vor allem ist es schön, dass er die Szenen der bizarren Zirkusshow gar nicht so sehr ausweitet, was ja gerade in den Zeiten des "Torture Porns" eine Ausnahme ist. Chandon zeigt uns zwar schon sehr früh wo der Hammer hängt und präsentiert schon einmal im Ansatz deftigen Splatter, nimmt sich aber nicht allzu sehr Zeit, was nun die verschiedenen Möglichkeiten des Ablebens von Filmprotagonisten angeht. Auch wenn der Film wie so viele Independent- bzw. semi-professionellen Produktionen durch das digitale Equipment sehr clean erscheint, so kann Chandon gerade in den Zirkusszenen eine gewisse verstörende Atmosphäre aufbauen.

Die missgestalteten Bewohner, teils maskiert, die hier als Publikum den Grausamkeiten der Bosse des Dorfs beiwohnen, sind so eine Art moderne Freakshow die sich präsentiert. Chandon invertiert den Zirkus, präsentiert einen Moderator mit schwarzem Clownsgesicht und die "Artisten" haben zum Beispiel einen rostigen, alten Helm aus dem mit Ästen und Gemüse ein bizarres Gesicht gebastelt wird. Zwischen den Zeilen wohnt außerdem grimmiger, schwarzer Humor der eine sehr makabre Schlagseite besitzt. Chandon muss ein Liebhaber davon sein und scheint eine Vorliebe für Monty Python zu haben. Deren brillante Absurdität taucht hier zwar nicht auf, aber der im Zirkus sitzende, nackte Orgelspieler erinnert ein wenig an den ebenfalls nackten Organisten aus deren Black Mail-Sketch. Da kann man sich ein kleines Grinsen einfach nicht verkneifen, allerdings wird es durch den rabiaten Umgang mit den Figuren schnell wieder aus dem Gesicht gefegt. Zimperlich ist Inbred nicht gerade und geizt nicht mit dem roten Lebenssaft.

Aber wie erwähnt, macht er nicht den Fehler und weitet irgendwelche Folterszenen gnadenlos in die Länge aus. Die Zirkusshow lebt also von ihrer bizarren Stimmung, der Gore ist hier das "i-Tüpfelchen" und sonst werden die Effekte gut in den Verlauf des Films eingebettet. Ab und an bemerkt man, dass CGI für die Realisation verwendet wurde, fällt allerdings nicht störend auf. Auch handgemachte F/X sind zu erblicken und lassen den Freund deftiger Film-Schlachtplatten frohlocken. Man sollte übrigens hier und da ein Auge zudrücken, was die Logik betrifft. Das Genre hat ja seine eigenen Gesetze, welche mit eventuellem unvermögen beim sorgfältigen Ausarbeiten des Storyverlaufs einhergeht. Glücklicherweise ist auch dieser Umstand kein größeres Ärgernis, zu sehr fiebert man dann mit den verbleibenden Figuren mit. Diese bleiben Schemen, kaum greifbar und ebenfalls bekannte Anrisse aus Filmen die mit solchen Szenarien spielen. Diese straffälligen Kids - wie man sie z. B. auch im Zeckenhorror C2 Killerinsekt (1993) sieht - könnte man sofort auch in andere, ähnlich gelagerten Filme einbauen.

Dafür schafft es Chandon deren Mimen gut zu führen, dass diese ihren Figuren doch etwas Leben einhauchen und vor allem dem Film entsprechend gut zu spielen. Preisträchtig sind die Leistungen nicht, aber für Inbred vollkommen genügend. Immerhin sind hier mit Schauspielern wie Jo Hartley oder James Doherty Darsteller am Werk, die genügend Erfahrung im TV oder Filmen sammeln konnten. Hartley zum Beispiel ist auch in dem Hooligan-Drama This is England (2006) zu sehen. Und selbst die jüngeren Menschen vor der Kamera können durch die Bank weg überzeugen. Eine Sache, die ja nicht in jeder Horror-Indy-Produktion so ist. Chandon bringt den Terror in die britische Provinz, die von den Außenaufnahmen doch so verschlafen wirkt. Von wegen. Zum Schlafen kommt man bei Inbred ohnehin nicht, durch seine zügige Art rauschen die gut eineinhalb Stunden flugs vorbei. Bis zum Ende behält Chandon seine Marschrichtung bei. Zeit für Gefühlsduseleien ist keine und auch nicht Intention des Films. Terror Cinema made in Britain, der ordentlich auf die 12 gibt und wirklich bis zum Schluss auch grimmig bleibt.

Eine moderne Splatter-Produktion, die für sich genommen wenig falsch macht, nur mit etwas mehr Suspense bzw. Spannung noch besser wegkommen würde. Inbred ist aber der richtige Weg für Chandon, der zeigt, dass er durchaus was auf dem Kasten hat. Der Film ist pure Standardware, das muss man sich immer vor Augen halten. Keine große Innovation, die Story ist bekannt, die Figuren austauschbar und in anderen Streifen einsetzbar. Aber die Straightness, die der Regisseur seinem Film verleiht, rettet ihn. Andere Filme und Autoren würden selbst bei so einem Film ein wenig mehr in die Tiefe gehen und dem Ort des Geschehens, den Protagonisten des Films sowie natürlich den metzelnden Herrschaften eine Backgroundstory schenken. Das fehlt doch schon stark, durch fallen gelassene Andeutungen kann man sich einiges denken, doch ein genauer Hintergrund fehlt. Das mag Absicht sein, ist aber doch schade. Dennoch bleibt Inbred unterhaltsam und positiv grausig. Mag zu hoffen sein, dass Chandon nicht wieder zehn Jahre für den nächsten Film braucht. Auf dem richtigen Weg ist er ja.