14. März 2016

Francesca

Auch wenn das Genre seit Mitte der 80er Jahre brach liegt, lebt der Giallo - Die italienische Spielart des Thrillers - von Zeit zu Zeit immer wieder mal auf. Ein richtiges, zeitlich länger währendes Revival wurde zwar nicht herbeigeführt, doch alle Jahre kriecht er wieder aus der Kiste für nostalgische, fast vergessene Filmströmungen hervor. Dabei entstehen bei weitem nicht einfach nur verklärte Blicke auf die Hochzeit dieses Genres (immerhin Vorläufer des Slasherfilms), sondern zudem metareferenzielle Großtaten wie Amer. Wobei ersteres dann doch überwiegt, wenn mehr oder minder talentierte (Nachwuchs-)Filmemacher zur Kamera greifen um Größen wie Sergio Martino, Mario Bava oder Dario Argento zu huldigen.

Es fehlt ihnen eine gewisse Distanz und selbst wenn einigermaßen gekonnt die großen Vorbilder zitiert werden können, schafft man nicht, diesen bestimmten Charme dieser psychologisierten Thriller und pulpigen Kriminalgeschichten einzufangen. Auch Francesca ist so ein Film, obwohl er einige gute Ansätze besitzt. Der Aufhänger ist ein Mordfall an einer jungen Anlageberaterin, die mit einem Zitat aus Dantes göttlicher Komödie und zwei Münzen auf den Augen aufgefunden wird. Gleichzeitig rollt die Presse einen fünfzehnjährigen Entführungsfall auf, dem die ermittelnden Polizisten Moretti und Succo nachgehen. Währenddessen wird die Liste weiterer Opfer immer länger.

Regisseur Luciano Onetti, in Personalunion für Soundtrack, Montage, Kamera und zusammen mit seinem Bruder für das Drehbuch verantwortlich, liefert mit Francesca einen schön detailverliebten Film ab, dem diese Eigenschaft zum Verhängnis wird. So hübsch und nett solche Kleinigkeiten wie der typische Schriftzug für die Credits italienischer Filme aus den 70ern, eine mehr oder minder authentische Ausstattung oder auch die obligatorischen J&B-Flaschen sind: die Brüder verlieren aus den Augen, eine Geschichte zu erzählen.

Das sie das Genre in den Grundzügen verstanden haben, zeigt die hübsche Optik des Films. Digital bearbeitet, um auch hier authentisch wie aus den 70ern stammend zu wirken, orientiert sich die (gute) Kameraarbeit an Filmen von Dario Argento und Sergio Martino. Onettis Soundtrack orientiert sich kompositorisch an der Gruppe Goblin und deren Argento-Soundtracks aus den 70ern und 80ern. Das alles ist stimmig, aber die Geschichte selbst ist eine grobe Abfolge von Mordszenen, die sich mit der ermittelnden Arbeit der Polizisten abwechselt. Einen klassischen Erzählrahmen bietet Francesca nicht. Die Familie der titelgebenden, entführten Francesca würde ideal für eine tragische Familiengeschichte voller dunkler Geheimnisse passen. Sowas wird im Finale leicht skizziert, aber nicht ausgearbeitet. Es scheint, als wäre Francesca eine Reduktion Onettis auf das, was der Giallo für ihn ausmacht.

Bei weitem sind all die bekannten und weniger bekannten Gialli der 60er und 70er meist keine ausgeklügelten Kabinettstückchen für tiefgehende Geschichten. Doch selbst die einfachste Story aus dieser Zeit wirkt mit Onettis Film verglichen runder und mehr ausgearbeitet. So ist auch der große Twist zum Ende Francescas als nett, aber nicht, ehrlich zu betrachten. Wo das Genre zwar weit hergeholte, aber manchmal auch deswegen so tolle Erklärungen für die Taten des umhergehenden Killers bietet, so klatscht einem dies Onettis Film unbeholfen vor die Füße, um das grobe Puzzle selbst zusammenzusetzen. Wo auf audiovisueller Ebene vieles richtig gemacht wird, so bleibt Francesca bedauerlicherweise sehr flach. Vielleicht gelingt Onetti der große Wurf mit seinem nächsten Giallo, der in Arbeit sein soll.