5. Juli 2016

The Bay

Er hat Rain Man, Good Morning, Vietnam oder Wag The Dog gemacht. Barry Levinson ist eher der Mann für tragikomische Stoffe, hat mit Sphere gerade einmal einen Horrorfilm gemacht. Dieser hat auch eher durchwachsene Stimmen bekommen. Liegen dem Regisseur phantastische Stoffe nicht richtig? Im Falle von The Bay kann man Entwarnung geben. Zwar springt Levinson im Jahr 2012 relativ spät auf den Zug der mal eine ganze Zeit lang trendigen Found Footage-Horrorfilme auf, seine Herangehensweise an dieses Subgenre ist aber äußerst gelungen.

Es ist Independence Day, der 4. Juli und auch im beschaulichen Küstenstädtchen Claridge in Maryland werden an diesem Tag natürlich Feierlichkeiten zum Nationalfeiertag begangen. Donna Thompson ist als Reporterin für das Lokalfernsehen vor Ort, um von dem Fest in Claridge zu berichten. Alles gibt sich so harmonisch und malerisch zu Beginn, bis plötzlich beim Krabbenwettessen die Teilnehmer sich reihenweise übergeben müssen. Immer mehr Bewohner der Stadt klagen zu fortlaufender Stunde über eine Art Hautauschlag, Übelkeit etc. Alle sind dabei mit dem Wasser der Bucht in Berührung gekommen.

Was der Zuschauer dabei sieht, ist ein Tatsachenbericht. Donna Thompson geht mit dem Material - Filmschnipsel aus Amateur-, Polizei- und Fernsehaufnahmen ihres Berichts - welches bisher unter Verschluss gehalten wurde, an die Öffentlichkeit. Der Zuschauer nimmt sie dabei als Erzählerin vor der Webcam und im Off wahr, welche die Geschehnisse kommentiert. Dies als auch die verschiedenen Quellen ergben ein stimmiges Ganzes, dass den Verlauf der Katastrophe im kleinen Küstenort als montierte Chronologie darstellt. Anders als viele andere Found Footage-Horrorfilme, welche sich auf die Perspektive eines Einzelnen (bzw. einer einzelnen Kamera) beschränkt. Es nimmt dabei The Bay die klaustrophobische Atmosphäre, welche einige Vertretrer des Genres heraufbeschwören.

Die Entscheidung, dies so zu erzählen, ist für den Film gesamt keine schlechte Entscheidung. Es ist mit einem gewissen "aber" verbunden, welches The Bay seinen Schrecken nimmt. Die Schnipsel erzählen nicht alleine die Geschichte aus der einzelnen Sicht von Donna, sondern zeigen auch andere Personen und deren Schicksale während der Katastrophe. Schwerlich kann der Zuschauer so einen Bezug zu einzelnen Figuren aufbauen, selbst zur häufiger vertrenenen Donna nicht. The Bay bleibt ewats zu distanziert, um wirklich als Horrorfilm punkten zu können. Zumal durch diese stilistische Entscheidung auch schwer Suspense aufkommt. Aber er macht trotzdem vieles richtig: sein langsamer Aufbau der Handlung, die Montage der Bilder an sich: Levinson und sein Team können mit den Elementen des Subgenres umgehen (anders als zum Beispiel George R. Romero in seinem Diary of the Dead, der immer viel zu filmisch wirkt).

Bis zu einem gewissen Punkt packt The Bay und der Umstand, dass er reale Vorkommnisse vorausschickt und eine Thematik anpackt, die er erschreckend glaubwürdig transportiert, erzeugen auch einen gewissen Schrecken. Viel weniger lässt er einen aber dann voller Schrecken und Adrenalin zurück. Eher nachdenklich, auch wenn der Stoff seiner Geschichte weitgehend in der Phantastik haften bleibt: er erinnert im Weitesten an die Welle einiger Horrorfilme der 70er Jahre, die den Schrecken aus einer damals immer mehr ins Bewusstsein der Gesellschaft trat: den rücksichtslosen Umgang mit der Natur. Das macht im Endeffekt The Bay dennoch so sehenswert. Einfach, weil er als Horrorfilm in seinem phantastischen Kontext eine erschreckend realistische Komponente bietet. Ungewöhnlicher Found Footage, der leider zum Zeitpunkt seines Erscheinens etwas untergegangen ist.
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