5. Juli 2016

The Hateful Eight

Er wurde schon im Vorfeld groß als achter Film des Quentin Tarantino angekündigt, der selbst einmal sagte, dass er nur zehn Filme machen möchte. Ob es so weit kommt oder Tarantino doch mehr dreht, als er sich vorgenommen hat, steht noch in den Sternen. Wenn es bei den zehn bleibt, dann möchte man nach dem Genuss von The Hateful Eight feststellen, dass es besser so ist. Das einstige Regie-Wunderkind, der mit Pulp Fiction einen wirklich meisterlichen Film geschaffen hat, der viele dazu inspiriert hat, so etwas ähnliches zu schaffen, wirkt mittlerweile äußerst satt. Es ist, als ruhe sich Tarantino sich auf seinen Trademarks aus, welche er in variierenden Grundszenarien steckt.

Der Beginn von The Hateful Eight ist sogar recht vielversprechend. Tarantino kann die tief verschneite Westernlandschaft stimmungsvoll zur Wirkung bringen, so dass man sich gerne an Schneewestern wie Leichen pflastern seinen Weg oder Todesmarsch der Bestien erinnert. Der Weg des Kopfgeldjägers Marquis Warren nach Red Rock, zusammen mit dem "Der Henker" genannte Kollegen John Ruth, der die Verbrecherin Daisy Domergue in die Stadt bringen will, baut sich langsam auf. Die Reise in der Kutsche nimmt beinahe die ganze erste Stunde des Films in Beschlag und dort zieht Tarantino alle Register. Kauzige Charaktere präsentiert er, welche die Handlung mit epischen Dialogen vorantragen. Wobei: die Handlung geschieht beläufig, die Nebensächlichkeiten im Dialog der Figuren nehmen den größten Raum ein. Sie sind hübsch und geschliffen, die Reduzierung des Raumes auf die Kutsche erzeugt eine intime und intensive Stimmung. Aber die narrative Stagnation blitzt hier schon stark auf.

Nachdem die Reisenden mit Chris Mannix, dem neuen Sheriff von Red Rock, einen weiteren Passagier aufgenommen haben, macht die Gruppe halt bei Minnie's Miederwarenladen, um Schutz vor dem stärker werdenden Schneesturm zu suchen. Dort treffen sie nicht auf die Besitzerin, aber auf den Cowboy Joe Gage, einen alten General der Konföderierten, den örtlichen Henker und einen bulligen Mexikaner. Während draußen der Schneesturm tobt, zieht auch im Inneren der Hütte ein Sturm auf. John Roth wittert eine Verschwörung und das irgendjemand der anwesenden Personen nicht das ist, was er vorgibt zu sein. Er spricht den Verdacht aus, dass diese Person mit Domergue unter einer Decke steckt um sie zu befreien. Es entsteht ein psychologisches Duell zwischen allen Personen, dass sich immer mehr zuspitzt.

Es mag sein, dass Tarantino mit der Erwartungshaltung seines Publikums spielt, welches nach seinem Django Unchained einen stark auf cool gezeichneten, actionlastigen Western erwartet haben. Die Duelle werden erst sehr spät mit Waffen ausgetragen. Vorher überwiegen weiterhin die Kämpfe mit scharfen Worten. Wenn man nun die Filme des Regisseurs und seine Vorliebe für ausgefeilte Dialoge kennt, schleichen sich bei The Hateful Eight schnell Ermüdungserscheinungen ein. Etwas mehr Schwung hätte dem Film gut getan, vor allem weil er bei den ersten physischen Auseinandersetzungen so grob die Splatterkelle auspackt, dass dies den Fluss des Films stört. Die überzeichnete Gewalt erscheint wie ein Fremdkörper, wenn zum Beispiel plötzlich detailliert ein Kopf zerschossen wird. Das ist dann auch nicht eine Art der Huldigung des gewaltsamen Exploitationkinos, sondern einfach ein unnötiges Element.

Es will in dieses Kammerspiel in winterlicher Westernkulisse nicht passen. Vor allem weil Tarantino dies im finalen Akt langgezogen zelebriert und auch hier nicht gut passen mag. Eine falsch gewählte Art der Intensität; mit einer knackigeren Herangehensweise - der Konzentration der wesentlichen Geschichte - würde The Hateful Eight im Gesamteindruck viel besser wegkommen. Die Zeichnung der Figuren ist wirklich gut gelungen und greifbar für den Zuschauer. Auch der Kniff, den Verlauf der Handlung leicht in die Richtung eines Kriminalspiels mit Whodunit-Charakter zu steuern, ist beileibe nicht verkehrt. Sehr leicht fühlt man sich an Italowestern mit Krimielementen á la Sarg der blutigen Stiefel erinnert. Aber Tarantino hält sich in manchen Dingen zu stark an Nebensächlichkeiten auf, die den Spannungsbogen des Filmes durchhängen lassen.

The Hateful Eight
verschenkt dadurch sein großes Potenzial, das er mit sich bringt. Tarantino will - wie auch in einigen anderen seiner Filme - zuviel. Im Falle seines achten Werks auch etwas zu lang. Reduktion auf das Wesentliche ist für die anstehenden, voraussichtlich letzten zwei Filme sehr wünschenswert. Dehnt er doch zum Beispiel auch in seinen beiden Kill Bill-Filmen die Geschichte dort zu stark auseinander. Vielleicht ist The Hateful Eight aber auch einer dieser "Grower", der bei einer zweiten Sichtung mehr wächst, andere Details in seinen knapp 170 Minuten Laufzeit aufzeigt, die vorher nicht bemerkt wurden. Nach der ersten Sichtung bleiben auf jeden Fall diese Eindrücke hängen und geben eine weitere Bestätigung, dass Tarantinos Copy & Paste-Mashup-Kino schon zu lange von Nebensächlichkeiten beherrscht wird. Quentin sollte das machen, was auch die von ihm geliebten und gehuldigten B-Filme taten: eine simple Geschichte rasant und straight erzählen. Das er das durchaus kann, hat er in der Vergangenheit ja auch schon mal bewiesen.
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