1. September 2016

Blutige Seide

Mario Bava war Kameramann, Spezialeffekt-Künstler, Regisseur und der Vater des Giallos. Meistens wird er was das Subgenre angeht auf seine Meisterleistung Blutige Seide festgenagelt. Ein wenig zu unrecht, denn bis auf den etwas schwächeren 5 Dolls For An August Moon sind auch Hatchet For The Honeymoon und A Bay Of Blood sehens- und entdeckenswerte Filme. Während Hatchet... einiges vom zehn Jahre später entstandenen Maniac vorneweg nimmt und auch etwas den ersten Grundstein für spätere Serial Killer-Movies legt, bietet der im ganzen etwas zu konfus erscheinende A Bay Of Blood eine längere Sequenz, die mittlerweile wie eine Blaupause bzw. Anleitung für die Inszenierung der in den 80er groß werdenden Slasherfilme erscheint. Über allem thront Blutige Seide, Bavas Blaupause für das gesamte Subgenre, die er ein Jahr nach seiner Grundsteinlegung mit dem noch recht verhaltenen The Girl Who Knew Too Much vorlegte.

Es ist immer wieder schön, vor allem nach längerer Zeit, diesen Film nochmal für sich zu entdecken. Wie damals bei der allerersten Sichtung war ich auch hier zuallererst von dieser unglaublichen Optik und Bavas großartigem Gespür für diese überwältigt. Selbst einfachste Szenen wie die allererste, wenn das vom Umwetter gepeitschte Schild des Modehauses auf den Zuschauer zuschwingt, von einer der Halterungsketten springt und so im übertragenen Sinne den Vorhang zum folgenden Schauspiel und den Blick auf den Hauptschauplatz freigibt, faszinieren in ihrer ganzen Art der Inszenierung. Blutige Seide ist eigentlich eine einfach gestrickte Kriminalgeschichte um einen Mörder der im Umfeld eines Modehauses sein Unwesen treibt. Nach dem Mord an dem Model Isabella geht unter einigen ihrer Kollegen sichtlich eine gewisse Unsicherheit um, nachdem Nicole - ein weiteres Model des Salons der Contessa Christina - das Tagebuch des Opfers gefunden hat. Dort dürften Aufgrund der erschrockenen Blicke so einiger Damen und Herren einige pikante Dinge drinstehen. Das Tagebuch verschwindet, dafür stapeln sich die Leichen, da weitere Mannequins von einem maskierten Killer umgebracht werden und Kommissar Silvestri und seine Kollegen im Dunkeln tappen.

Was Bava allerdings aus dieser einfachen Geschichte zaubert, ist selbst heute einfach atemberaubend. Als Zuschauer wird man vom hochglanzartigen Stil des Films gefangen genommen und befindet sich in einem visuellen Rausch, den Bava gekonnt entfacht. Von Beginn an dominieren starke Farben - vor allem das blutige Rot sticht hier immer wieder in verschiedenen Arten auf - und gekonnte Licht und Schatten-Effekte. Die stilisierte Farbgebung des Films zeigt dabei sehr gut, wie stark auch Dario Argento von Bava und dessen Filmen beeinflusst ist und nimmt dessen Filmen beinahe etwas den Zauber, der ihnen innewohnt. Immer wieder kratzt Bava dabei am Gothic Horror, wenn der Mörder durch verstaubte und schaurige Keller schreitet oder der Aufbau einer Mordszene von seiner Ausleuchtung stark an diesem Genre angelehnt ist. Schnell ist die eigentliche Geschichte des Films durch diese Kunst des visuellen Ablenkens ins Hintertreffen geraten. Bava konzentriert sich in Blutige Seide auf die dunklen Abgründe der Figuren, ohne tiefergehend diese zu zeichnen und extrahiert aus dem Kriminalüberbau die Mordsequenzen, die er kunstvoll in Szene setzt. Zum ersten Mal wurde im Kino wohl Mord so stilisiert und auf grausame Weise schön dargestellt. Eine Eigenart, die viele nachfolgenden Gialli beibehalten sollten.

Den klassischen Whodunit-Gedanken des amerikanischen Krimis, der erst von späteren Gialli wieder aufgenommen wurde, schiebt Bava komplett beiseite. Er macht den Zuschauer zum stummen Mitwisser der grausigen Taten, die hier gezeigt werden (und für die damalige Zeit wirklich äußerst zeigefreudig waren). Die Blut- bzw. Mordtat wird ausgiebig und lange zelebriert. Es entsteht keine wirkliche klassische Spannung, aber eine Gespanntheit bzw. Neugier beim Zuschauer, wie die allesamt verdächtig erscheinenden Figuren entweder aus dem Leben gerissen werden oder doch in den Kreis der Tatverdächtigen rücken. Die Polizeiarbeit ist hier übrigens (wie auch vielen der nachfolgenden Gialli) Nebensache. Die Polizei erscheint beinahe schon unfähig, wenn sie nach einem weiteren Mord plötzlich von einem Triebtäter ausgehen, während man selbst als Zuschauer schon eine ganze Ecke mehr informiert ist. Irgendwann verschwindet sie komplett und macht dem ungezügelt mörderischen Treiben, welches sich immer mehr steigert, Platz. Wie auch in seinen später folgenden Gialli zeichnet Bava ein sehr düsteres Bild von den in seinen Geschichten handelnden Menschen und hat für diese kein großes Happy End in der Hinterhand.

Wie drei Jahre zuvor Michael Powell mit seinem Augen der Angst werden die ausgiebig von Bava gezeigten Morde fetischiert: nicht nur wegen der ledernen Kluft des Mörders selbst, auch die unterschwellig immer im Film mitschwingende, leicht "aufgesexte" Stimmung, die selbst in den Mordsequenzen nicht abflaut, gibt ihr übriges dazu. Kein Wunder, dass auch Blutige Seide wie schon Powells Films zu seiner Zeit keine wirklich guten Kritiken erntete. Auch wenn der Einfluss von Hitchcock auf Bava hier und da aufblitzt, ist es vor allem Bavas unbedingter Wille zum Style over substance und der künstlerischen Darstellung, die den Film zu einem einzigartigen Erlebnis machen. Das Gesamtergebnis ist äußerst stimmig und Blutige Seide dürfte auch der einzige Giallo Bavas sein, in dem er seine Schwächen im Erzählen der Geschichte so gut kaschieren bzw. davon ablenken kann. Seine Kraft und seine Stimmung sind selbst 53 Jahre nach seiner Entstehung ungeschlagen und können heute noch faszinieren. Es ist mit dem wunderschönen Die Stunde, wenn Dracula kommt einer der besten Filme Bavas.
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