13. November 2016

Das Messer

Das schöne am Giallo ist für mich seine Vielseitigkeit. Auf der einen Seite hat man die Filme in denen hübsche Frauen wimmeln, maskierte Mörder mit ihren schwarzen Handschuhen und blutige, meist mehr oder minder durchstilisierte Mordtaten, die der Fokus dieser meist einfach gestrickten Kriminalgeschichten sind. Auf der anderen Seite gibt es eben diese Werke, denen der Stempel Giallo aufgedrückt wurde, die aber gefühlt erstmal nicht so richtig in dieses Universum mit all seinen beschriebenen Markenzeichen passen. Duccio Tessaris Das Messer, im deutschen Sprachraum auch noch unter seinem Videotitel Blutspur im Park bekannt, gehört zu diesen außergewöhnlicheren Filmen. Dabei schlägt Tessari wenigstens ein bisschen die Brücke zu einigen bekannten Elementen des Genres.

Komplett scheint sich Tessari für die bekannten Ingredienzen des Giallo nicht zu interessieren. Die sexuelle Komponente ist spürbar, kommt in verschiedenen Formen in der Geschichte auch zu tragen, ist aber weit weniger mit für den gewaltsamen Akt stehenden, symbolische Tötungsszenen verbunden. Der Auslöser für die Geschichte von Das Messer ist dabei aber ganz klassisch ein Mord. Verübt an einer 17-jährigen, französischen Studentin. Mitten am Tag in einem Park. Der Mörder wird auf seiner Flucht von verschiedenen Leuten gesehen und dank der akribischen Ermittlungen des Kommissars Berardi wird schnell mit dem Sportreporter Allesandro Marchi der Täter gefunden. Trotz der Bemühungen von dessen Freund und Anwalt Giulio, ihn vor einer Verurteilung zu bewahren, wird er für schuldig befunden. Schnell zweifelt man an der Täterschaft Allesandros als weitere, ähnliche Morde geschehen.

Schnell und nebensächlich werden diese Tötungen abgehandelt. Sie sind weder ausgedehnt noch zelebrierend inszeniert. Die leicht verschachtelte Erzählweise rückt sie nur immer wieder in den Blickpunkt der Geschichte, wenn durch verschiedene Perspektiven, die Bluttat an der jungen Studentin immer ein wenig anders erscheint und so nach und nach ein Puzzle zusammengesetzt wird. Ausführlicher konzentriert sich Das Messer auf die Aufklärung der Tat und damit auf die Arbeit der Polizei. Diese nimmt sehr viel Raum in der ersten Hälfte des Films ein. Beinahe könnte man diesen als ein konventionell erscheinendes Kriminalwerk abstempeln, doch schon hier zeigt uns Tessari, worauf er eigentlich aus will. Das Messer ist mehr als ein einfacher Krimi. Selbst durch die Gerichtsverhandlung, für die man ebenfalls recht viel Zeit beansprucht, kann man ihn auch nicht einfach als Courtroom-Crime Story bezeichnen. Obwohl man sich etwas an solche Filme á la Zeugin der Anklage erinnert fühlt. Das Gialloeske blitzt wie gesagt ohnehin nur am Rand auf.

Vielmehr handelt Blutspur im Park in seinem auf den ersten Blick biederen Gewand von der Wahrnehmung des Menschen. Auf den ersten Blick vielleicht offensichtliche Dinge sind bei genauerer Betrachtung doch was anderes. Die sehr schöne Fotografie von Kameramann Carlo Carlini gibt hier immer wieder Anzeichen darauf. Häufig werden Spiegel oder ähnliches benutzt, durch Gläser hindurch gefilmt und alleine schon die erste Szene ist ein Zeichen dafür, was Das Messer eigentlich behandeln möchte. Ida Gallis Heimfahrt in ihr Haus endet mit ihrer Ankunft dort und wie sie sich plötzlich eine Perücke abzieht. Ein kleines Sinnbild für Maskerade; eben auch in zwischenmenschlicher Beziehung, was mit fortlaufender Zeit zum Gegenstand der Handlung wird. Tessari, der auch am Drehbuch mitgeschrieben hat, fehlt an manchen Stellen des Drehbuch das Geschick eines Claude Chabrols, der ja auch sehr gerne die Maskerade des (gehobenen) Bürgertums demaskiert hat.

Bis zu einem gewissen Punkt funktioniert Das Messer als leicht bieder anmutender Krimi mit heimlichem Blick auf zwischenmenschliche Beziehungen und ihren Rissen und dem sexuellen Trieb, der den Mensch auf manchmal gar düstere Pfade lenkt, sehr gut. Tessari hätte gut daran getan, zur Einleitung des Finales das Gewand der Einfachheit abzulegen. Extravaganz, wie sie die stilisierten, die typischen Gialli besitzen, währe hier der zündende Funke gewesen. Das Finale mit seiner Auflösung ist entgegen des restlichen Films nicht unbedingt raffiniert. Gelingt es dem Drehbuch, den Zuschauer in seiner Krimi- bzw. Whodunit-Ebene zwischen den verdächtigen Figuren schwanken zu lassen, wird der dramatische Effekt am Ende überstrapaziert und damit bleibt ein ganz großer Knall, eine Explosion auf die gefühlt zugesteuert wird, einfach aus. Das Ende hallt gewiss etwas nach, doch die von Tessari gewünschte Wirkung ist weit weniger als gedacht, effektiv.

Vielleicht liegt das auch in der Auslegung der Figuren und der Besetzung von Helmut Berger als weniger durchschaubaren Pianisten Giorgio. Berger darf den geheimnisvollen geben, mysteriös wirken, leidend mit Weltschmerz im Blick in die Kamera schauen und irgendwo denkt sich der Zuschauer - gerade wohl auch wegen Bergers Image und Rollen im Genrekino - das mit dem irgendwas nicht stimmt. Der Österreicher macht seine Sache gut, keine Frage, aber dies war vielleicht nicht der beste Besetzungskniff. Ansonsten darf man doch mehr als nur leicht applaudieren, wenn die Blutspur im Park endet. Das Zusammenspiel zwischen der sehr hübschen, zurückhaltenden Art der Fotografie, Gianni Ferrios jazzigem und interpretationsreichem Soundtrack, der Tchaikovsyks Piano-Konzert No. 1 sehr schön einzusetzen weiß und zu einem Schlüsselthema wird und einer Kriminalgeschichte die hinter die Fassaden von Begierden und Beziehungen schaut, ist sehr gut umgesetzt. Es ist eigentlich ein bisschen schade, dass bei Fans des Genres Tessari immer etwas am Rand steht. Seine beiden anderen Beiträge zum Genre, Der Mann ohne Gedächtnis und Das Grauen kam aus dem Nebel, sind nämlich ebenfalls äußerst stark.

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