30. November 2016

Die 36 Kammern der Shaolin

Selbst wenn sich jemand nicht groß für Eastern bzw. Martial Arts-Filme begeistern kann, von den 36 KAMMERN DER SHAOLIN dürfte man zumindest dem Hörensagen nach schon einmal etwas gehört haben. Dem Film eilt ein gewisser Ruf voraus und gilt beinahe als Legende des Kung Fu-Films. Bei mir selbst stand der Film auch jahrelang auf der "Will ich mal sehen"-Liste, eine erste Auswertung auf DVD wurde mir madig gemacht, da der Film eine neue Synchronisation erhielt. Mit der jüngst erschienenen Blu Ray/DVD-Kombo von filmArt kann man den Film auch mit der alten Kinosynchro genießen.

Richtig komplex ist die Handlung von DIE 36 KAMMERN DER SHAOLIN nicht. Sie folgt einem einfachen Muster, dass schon bei seinem Kinostart den Freunden des Genres vertraut war. Die Mandschu-Regierung führt das Land mit eiserner Hand. Eine Gruppe von Rebellen, geführt von Ho, einem Lehrer an der Universität von Kanton, fliegt beim Transport geheimer Nachrichten auf. Unter den Rebellen befinden sich auch einige von Hos Schülern. Einer davon, Liu Yu-Te, kann sich in ein nahe gelegenes Shaolin-Kloster retten und möchte dort deren Kampfkunst erlernen, um die erlernten Fähigkeiten im Kampf gegen die Regierung einzusetzen. Die neutralen Mönche lehnen erst ab. Der Abt gibt ihm allerdings eine Chance.

Nachdem Liu Yu-Te sich zuerst als Küchenkraft verdingen musste, darf er die 35 Kammern (bzw. Stufen der Ausbildung) durchlaufen und schafft dies mit Bravour. Er verlässt das Kloster, weil man seinen Vorschlag eine 36. Kammer einzurichten, um dort dem Volk einfache Kenntnisse im Kung Fu zu lehren, ablehnt. Als Bettelmönch trifft er auf den Mandschu-General Tien Ta, der damals für die Zerschlagung der Aufständigen und dabei auch den Mord an Liu Yu-Tes Eltern zuständig war. Der Shaolin schart einige lernwillige Patrioten um sich, um endgültig die Mandschus zu stürzen.

Auch wenn das Konzept der Ausbildung des Protagonisten zum Kung Fu-Kämpfer, um mit den erlangten Fähigkeiten gegen einen oder mehrere Bösewichte zu brillieren, bekannt ist: DIE 36 KAMMERN DER SHAOLIN schafft es, seine simple Geschichte, die sich dazu über knapp zwei Stunden erstreckt, für den Zuschauer faszinierend zu erzählen. Angefangen bei den opulenten Szenen zu Beginn, die in bester Shaw Brothers-Manier eine die Augen schmeichelnde Kostümorgie darstellen bis hin zu Liu Yu-Tes Ausbildung. Diese nimmt die meiste Zeit des Films in Beschlag, zeigt ausführlich den Weg des Protagonisten durch die verschiedenen Stufen des Trainings und wird trotz des redundanten Ablaufs der einzelnen Szenen nicht einmal hier langweilig.

Das liegt zum einen an Hauptdarsteller Gordon Liu (Liu Chia-Hui), der die Verbissen- und Entschlossenheit seiner Figur sehr gut darstellen kann, als auch an der Wahl des Regisseurs. Liu Chia-Liang war nicht nur für die Regie, sondern auch für die Choreographie des Trainings und der Kämpfe zuständig. Der meist immer gleiche Weg, wie die manchmal zuerst unlösbar wirkenden Aufgabe doch bewältigt wird, ist im Verlauf der Trainingsszenen mit gutem Gespür zusammengefasst. Der Film ist hier angenehm on-point im erzählerischen Tempo und seiner Montage. Er versteht es, von narrativen Schwächen mit diesen mitreißenden Szenen abzulenken, während das Drehbuch im Ansatz auch versucht, dem Zuschauer die Philosophie der Shaolin-Mönche zu transportieren.

Ausgiebig bzw. besonders tiefgründig, wie es zum Beispiel auch ein King Hu versucht hat, wird es bei DIE 36 KAMMERN DER SHAOLIN nicht. Beinahe könnte man bei all den lobenswerten Punkten übersehen, dass der Film nach Liu Yu-Tes Ausscheiden aus dem Kloster etwas verloren wirkt. Das sich berappeln hat zur Folge, dass die Handlung sehr hastig erzählt wirkt. Es scheint wie ein Versuch, die bisher episch anmutende Art des Films abzuschütteln um dem Publikum auch einige Fights nach dem langen Training zu präsentieren. Diese folgen Schlag auf Schlag, das übermäßig angezogene Erzähltempo möchte jedoch nicht zum bisher eingeschlagenen Weg passen. Die finale Konfrontation zwischen Liu Yu-Te und dem von Lo Lieh grundsolide böse dargestellten Tien Ta ist sogar enttäuschend kurz ausgefallen. Im Ganzen gesehen, ist dies nur ein kleiner Abzug in der B-Note. Dafür ist der Rest des Films ein tolles Beispiel dafür, wie selbst zur Entstehung abgestanden wirkende Stories mit gutem Gespür sehr gut umgesetzt werden kann. Der Film wird zurecht als Klassiker gehandelt.