21. Dezember 2016

Death Race

Gleich zu Beginn wird erstmal ein minder gutes Wortspiel rausgehauen: Das Remake zum von Roger Corman produzierten Frankensteins Todes-Rennen (AKA Death Race 2000) hab ich über die Jahre immer gemieden, weil ich nicht sonderlich auf Remakes abfahre. Bei vielen Neuverfilmungen stellt sich teilweise schon beim Sehen des Trailers die Frage, wieso in aller Welt die so verehrten Klassiker oder kleinen Perlen neu aufgelegt werden müssen. Neu ist das richtige Stichwort, kann die angepeilte (Mainstream-)Zielgruppe doch weit wenig mit den "alten Schinken" was anfangen. Bei vielen schlechten Remakes, exemplarisch möchte ich hier (trotz einiger guter Ansätze) Rob Zombies Halloween anführen, gibt es auch solche, die einen überraschen. Weil sie eben gut umgesetzt sind, wie zum Beispiel Zack Snyders Dawn of the Dead.

Als Death Race in die Kinos kam, spielten drei Faktoren eine Rolle, dass ich den Film links liegen ließ: die angesprochene Aversion gegen Remakes, Actionfilme waren für mich meist - gerade im Mainstream - sinnlose "Dumpfbacken-Streifen" und Paul W. S. Anderson. Mittlerweile kann ich mehr mit Action anfangen, Remakes finde ich immer noch fragwürdiger Natur aber nicht mehr ganz so dämlich, dass ich einen riesengroßen Bogen drumherum mache. Paul W. S. Andersons Resident Evil hab ich nach all den Jahren des ignorierens auch eine Chance gegeben. Außerdem ist für mich Jason Statham schon eine coole Type. Der Star aus Transporter und The Expandables mimt hier den arbeitslos gewordenen Minenarbeiter und früheren Rennfahrer Jensen Ames. Dieser kommt nach dem angeblichen Mord an seiner Frau in die Strafanstalt Terminal Island. Dort veranstaltet die Gefängnisdirektorin Hennessy das sogenannte Death Race, einem Autorennen auf Leben und Tod, welches im Internet übertragen wird und immens hohe Quoten bringt. Wer die Rennen, die sich über drei Tage erstrecken, fünf mal hintereinander gewinnt, dem winkt die vorzeitige Entlassung. Als der Topstar und immer maskiert fahrende Frankenstein stirbt, hält Hennessy dies erstmal geheim. Sie befürchtet einen Einbruch der Quoten und setzt Ames unter Druck, für sie den Frankenstein zu mimen. Sie bietet ihm den Deal an, dass er nur ein Rennen fahren muss um frei zu sein, da Frankenstein die letzten vier gewann. Ames geht zähneknirschend drauf ein, stellt aber bald fest, dass Hennessy nicht im Traum daran denkt, ihn wirklich nach einem gewonnenen Death Race gehen zu lassen.

Den Kern des 1975 entstandenen Originals versucht auch Anderson bei der ansonsten abgewandelten Geschichte beizubehalten: Death Race versucht sich an Medienkritik und deren Versuch, den Ablauf der Realität mit ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln zu beeinflussen um damit noch mehr Quoten steigernde Sensationen zu kreiieren. Während Bartels Film seine Geschichte - Der Originaltitel verrät es schon - ins Jahr 2000 legt, verlegt Anderson es in die damals nicht allzu ferne Zukunft und das Jahr 2012. Sein hier gezeichnetes Amerika liegt brach, ist erschöpft von steigender Arbeitslosigkeit und Kriminalität. Private Firmen teilen sich die Macht im Staat und auch das Betreiben der Haftanstalten. Das Sträflinge in einer im Internet übertragenen Show bis zum Tod gegeneinander kämpfen, erinnert frappierend an den 2007 erschienenen The Condemned. Dieser versagt bei seinem Versuch, Medienkritik mit Action zu verbinden. Ersteres ist viel zu aufgesetzt, zweiteres funktioniert erst zum Schluss so richtig gut, kann ihn allerdings nicht davor bewahren, in der Mittelmäßigkeit zu versinken. Anderson zeigt mit seinem Remake wie man es richtig macht. In vollem Bewusstsein, dass die Grundgeschichte sehr einfach gestrickt ist, versucht er erst gar nicht, diese unnötig aufzublähen. Der Einstieg mit Ames letztem Arbeitstag und dem nachfolgenden Vorfall, wieso er als Straftäter auf Terminal Island landet, ist schön straff erzählt und macht bald für das Platz, worauf man schon die ganze Zeit wartet.

Ganz klar sind hier die ausgedehnten Rennszenen das Herzstück des Films. Anderson zeigte schon in Resident Evil bedingt, dass er es versteht, Action gekonnt in Szene zu setzen. Was er hier allerdings abbrennt, erfasst einen mit der Wucht eines heranrasenden Boliden des Films. Das positive daran: die CGI lässt Anderson hübsch im Schrank, so dass Death Race mit einer nett anzuschauenden, handgemachten Effektbude nach der anderem um die Ecke rast und einiges an Explosionen bietet. Es knallt an allen Ecken und Enden, Anderson lässt dabei seine Geschichte nicht außer acht. Komplex und tiefschürfend wird Death Race in seinen gut 100 Minuten nicht, dessen Medienkritik fühlt sich im Vergleich zu The Condemned keineswegs aufgesetzt an. Die Übertragung des Rennens lässt Anderson ebenso hübsch mit in den Film fließen wie einst das Original und Joan Allen schafft es im Minimalprinzip, die Figur der Hennessy hassenswert aussehen zu lassen. Andersons Versuch, ein Gleichgewicht zu schaffen, den Antagonisten so fies wie möglich aussehen zu lassen und mit dieser Zeichnung die Gier der Medien nach quotensteigernden Spektakel, notfalls auch durch Manipulation selbst herbeigeführt, darzustellen, kann man als gelungen bezeichnen. Das Publikum bekommt so oder so das was es will: krachige Action bis zum Anschlag, der man sich schwer verwehren kann. Mit steigernder Laufzeit hab auch ich gemerkt, wie ich mit immer breitrem Grinsen im Sessel sitzend dem Treiben auf der Mattscheibe folge.

Neben der wilden Spektakel, dass hier abgebrannt wird, trägt auch Jason Statham dazu bei. Auch wenn sein Casting in den letzten Jahren ihn immer mehr auf den obercoolen Actionstar der moderne festlegt, der mit seinem kernigen Auftreten auch einige Frauenherzen zum Schmelzen bringt: es funktioniert. Er reißt sich spielerisch keinen Zacken aus der Krone, aber seine Präsenz genügt, um auch Death Race damit zu adeln. Dabei ist er an der Front der coolen Säue gar nicht mal alleine: Tyrese Gibson als Machine Gun Joe und Ian McShane als Coach, Ames Chefmechaniker, kann man ebenfalls hohe Coolness- und Maskulinitätswerte bescheinigen. Anderson löst mit seinem Film den alten Rollen- und Gesellschaftsbildern von Männern und Frauen sehr kritisch eingestellten Personen etwas aus, das sehr selten vorkommt: Death Race zeichnet eine Welt voll harter Hunde mit weichem Kern und stellt Frauen als sexy Beiwerk (bzw. Beifahrer) dar, aber hier darf es einem einfach mal scheißegal sein. Dieser Film will auch gar nicht mehr sein als Unterhaltung in seiner pursten Form und feiert ein beinahe schon aus der Mode gekommenes Spektakelkino, das komplett handgemacht ist. Death Race, an dem auch Roger Corman wieder im Hintergrund mitwirkte, ist nichts anderes als ein gut produzierter, im damalig bevorzugten Stil vollkommen state of the art daherkommender, B-Movie. Nicht so ganz verrückt, hintergründig und abgehoben, wie die Vorlage aus den 70ern. Die Medienkritik funktioniert wie angesprochen zwar besser wie in The Condemned, bleibt in der zweiten Hälfte aber auf der Strecke. Sei's drum: es darf auch ruhig mal Filme geben, mit denen man Spaß haben kann und die "niederen Instinkte" anspricht. Denn eines hat Andersons Death Race ebenfalls mit dem Original gemein: sie funktioneren einfach zu gut, besitzen zu viel Charme, was dafür sorgt, dass man ihnen ihre Schwächen verzeiht. Im Falle des Remakes ist es neben der fallengelassenen Kritik auch die Vorhersehbarkeit der Geschichte: was da passiert, kennt und riecht man schon 100 Meilen gegen den Wind. Nochmal sei's drum: Death Race ist ein Remake, dass selbst mir als Neuverfilmungsmuffel ziemlich viel Spaß gemacht hat.
Kommentar veröffentlichen