10. Dezember 2016

Lights Out

Die Frau greift an den Lichtschalter, löscht dieses und im Türrahmen zeichnet sich in der fahlen Dunkelheit die Silhouette einer Frau ab. Nach dem ersten Schrecken schaltet sie schnell wieder das Licht an. Nichts. Da ist niemand in der Wohnung. Ein Hirngespinst? Hervorgerufen durch diese unheimliche Wirkung, welche die Dunkelheit mit sich bringt? Sie beruhigt sich wieder, schaltet das Licht aus... und die Silhouette ist wieder zu sehen. Eine menschliche Gestalt, genauer gesagt eine Frau, zeichnet sich ab. Der Schrecken fährt ihr nochmals, weitaus heftiger, in die Glieder. Da muss etwas sein. Zudem ist die Gestalt näher als zuerst. Sie spürt, wie ihr langsam die Angst in Form kalter Schauer in Windeseile die Glieder hochfährt. Sie macht das das Licht wieder an...

Was in David F. Sandbergs Kurzfilm aus dem Jahr 2013 noch sehr gut funktioniert, ist als abendfüllender Spielfilm häufig sehr unbefriedigend. Die Idee, dass mit dem Löschen des Lichts der Dunkelheit und ihren düsteren Schatten und Kreaturen Platz gemacht wird, spielt schön mit unserer Urangst vor dem abendlichen Schwarz, welches uns Tag für Tag umhüllt. Vielleicht kennt man es noch aus Kindertagen, wenn die Schlafenszeit gekommen ist, und die Monster unter dem Bett oder eben die schwarzen Männer - draußen oder als Schrankbewohner - ihren Dienst antraten. Da werden im Zwielicht sogar Alltagsgegenstände "dank" unserer Fantasie zu furchterregenden Kreaturen. David F. Sandberg greift dies auch in der langen Version von Lights Out auf. Im Mittelpunkt der Geschichte steht hier der kleine Martin, gebeutelt vom plötzlichen Tod des Vaters und der darauf sehr verschlossen erscheinenden Mutter. Sie schließt sich ein, scheint psychisch stark angeschlagen zu sein, was sich auf ihren kleinen Sohn niederschlägt. Es raubt ihm wortwörtlich den Schlaf, was zur Folge hat, dass er in der Schule öfters einschläf. Dies ruft nicht nur die Jugendbehörde, sondern auch seine Schwester Rebecca auf den Plan, die damals die Familie im Streit hinter sich gelassen hat. Sie nimmt sich Martin an, als sie merkt, dass deren Mutter Sophie wieder anfängt von einer geheimnisvollen Freundin Namens Diana zu sprechen.

Sandberg könnte man es eigentlich auch nicht übel nehmen, dass er wie so viele Horrorfilme aus dem amerikanischen Raum den Schrecken und die Konfrontation mit dem Übernatürlichen auch mit innerfamiliären Konflikten und deren Auflösung verbindet. Die Schreiber der Traumfabrik nehmen sich dieser Art der Geschichtenerzählung seit Jahrzehnten gerne an; der Zuschauer ist damit bestens vertraut. Besitzt man das Gespür, die tragischen mit den Grusel bringenden Komponenten zu verbinden, kann durchaus gut funktionierende Horrorkost enstehen. Das Problem von Sandberg ist, dass diese beiden Grundpfeiler beide für sich stehen und niemals wirklich ineinander greifen. Der Einstieg, welcher den Tod des Vaters zeigt und auch die unheimliche Entität und ihr Gimmick etabliert, ist stark in seinen Schockeffekten ausgearbeitet und bietet einen überzeugenden Beginn. Die Story entwickelt sich mit schleppender Zähigkeit und trotz einer knackigen Laufzeit von gerade einmal 80 Minuten möchte man bei Lights Out zu gerne in bester Stefan Raab-Art mahnend auf die (imaginäre) Stelle der Armbanduhr zeigen um zu signalisieren, dass es weiter gehen muss. Sandberg schafft es, eine theoretisch interessante und auch spannend erscheinende Geschichte und ihre Entwicklung in dieser kurzen Laufzeit des Films höhepunktlos zum Ende zu schaukeln.


Es bleiben die Schockeffekte, für die der gebürtige Schwede ein gutes Gespür besitzt. Wenn in der Dunkelheit die nur in dieser existieren könnende Gestalt auftaucht, schafft es Lights Out mit wenig Aufwand einige nette Einfälle gekonnt umzusetzen. Jegliches Licht lässt die unheimliche Gestalt verschwinden und so sind sogar - der modernen Technik sei Dank - Screens von Smartphones die Rettung vor der Bedrohung. Selbst wenn Sandbergs Kreatur in ihrem Bewegungsablauf grob an die abgehackten Bewegungen japanischer Geistermädchen á la Sadako und Co. erinnert, kann diese bis zum Finale meist nur als Silhoutte und schwarzes Etwas dargestellte Figur dem Zuschauer so einige hübsche Gruselmomente schenken. Das Finale gipfelt in einer finalen Konfrontation zwischen endgültiger Katharis beim Konflikt zwischen der ältesten Tochter und ihrer Mutter, der sich die ganze Zeit zuvor im Kreis drehte. Das hält den Film in seiner Entwicklung so stark auf, dass sein Spiel mit den menschlichen Urängsten vor Dunkelheit und was darin lauern kann - egal ob real oder nur ein Gespinst unserer Gedanken - geschwächt wird. Auch der Ansatz bzw. die Interpretation, dass all das finstere Spiel auf eine psychische Erkrankung der Mutter zurückzuführen und letztendlich eine weltliche Manifestation ist, bleibt "dank" der auf der Stelle tretenden Geschichte eine Randnotiz. Lights Out bietet nette Spielereien und Einfälle, die eingefügt in die 08/15-Bausteine für Durchschnittshorrorfilme aus der Traumfabrik darin einfach untergehen. Es ist eben einer dieser Filme, bei denen man trotz des durchschnittlichen Gesamteindrucks denkt, dass es richtig schade um die einzelnen, guten Ideen ist, weil man weiß, da wäre mehr drin gewesen.
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