13. Dezember 2016

Metalhead

Die Zeiten, in denen in die Pubertät kommende Jugendliche Heavy Metal und die Symbole dieser Subkultur nutzen, um ihre Eltern zu schockieren oder provozieren, dürften weitgehend vorbei sein. Aus meiner eigenen Jugend kann ich sagen, dass ich - ebenfalls in jungen Jahren dem Metal verfallen - nur leicht unseren Pfarrer des Konfirmantenunterrichts aus der Reserve locken konnte. Trotz aller Bemühungen, aufzufallen und eben zu provozieren. Hera, die Protagonistin von Metalhead, eckt mit ihrer Art im kleinen Nest in dem sie lebt schon mehr an. Eines Tages muss sie mit ansehen, wie ihr Bruder Baldur bei einem Unfall auf dem Feld ihres kleinen Bauernhofes verunglückt und ums Leben kommt. Es geschieht über Nacht, dass das damals 12-jährige Mädchen in das Zimmer des Bruders stapft, mit seiner Gitarre klampft, eins seiner Metalshirts anzieht, Musik auflegt und ihr altes ich in Form ihrer alten Kleidung verbrennt.

Nach einem zeitlichen Sprung des Films sehen wir Hera als 18-jährige, voll und ganz in ihrer Welt des Metals lebend. Die Eltern leben vor sich hin, driften in ihrer Beziehung auseinander. Über den toten Bruder wird kaum gesprochen. Hera träumt von einem Leben in der Stadt, spricht immer wieder davon, in diese zu ziehen, bleibt aber auf der Bank der Haltestelle hängen. Sie hängt, wie die übrigen Familienmitglieder, fest. Der für den Zuschauer spürbare Schmerz, die restliche Trauer um den toten Sohn bzw. Bruder wird von den Mitgliedern der kleinen Familie ausgegrenzt und wortlos mit sich wohnen gelassen. Schmarotzerhaft zehrt er von allen (Lebens-)Energie. Einen kleinen Wandel gibt es, als in die kleine Gemeinde ein neuer Pfarrer kommt. Für Hera selbstverständlich ein Feindbild, entdeckt sie doch durch eine Fernsehreportage über Kirchen in Norwegen, welche in Brand gesteckt worden sind, den Black Metal für sich. Anhänger dieser nihilistischen Strömung sollen laut dem Bericht für die Brände verantwortlich sein.

Aber auch Hera taut auf, nachdem sie durch eine offensiv ehrliche Aktion des Pfarrers bemerkt, dass dieser ebenfalls ein Metal-Fan ist. Das Mädchen steckt ihre Hoffnungen in diesen neuen Kontakt, von denen sie wenig hat. Sie öffnet sich, vertraut ihm ihre Ängste an und versucht, zarte Bande mit ihm zu knüpfen. Die Zurückweisung des viel älteren Mannes, verdaut sie alles andere als gut und begeht eine große Dummheit. Regisseur Ragnar Bragason zeichnet bis zu diesem Punkt mit seinem Film ein interessantes Porträt einer jungen Frau, die sich selbst ihre Außenseiterrolle gesucht hat und in dieser kleinen, selbsterschaffenen Welt mit dem tieferliegenden Auslöser für diese Handlung nicht fertig wird. Schon das Plakatmotiv des Films zeigt uns diese zwei Seiten Heras. Das einzig "provozierende" ist dabei Heras Corpse Paint, die typische schwarz-weiße Gesichtsbemalung von Black Metal-Anhängern. Gleichzeitig hebt diese Bemalung den erschöpften Gesichtsausdruck von ihr hervor. Sie ist erschöpft von ihrem stagnierenden seelischen Zustand, den Hera durch Verdrängung, das sich flüchten in eine andere Welt, kompensiert.

Wie Bragason seine Geschichte dann weiter erzählt, kann man mit gemischten Gefühlen sehen. Der Bruch Heras mit dem alten Leben, das erhöhren der bisher von ihr verschmähten Liebe des besten Freundes Gunnars kommt so plötzlich wie die sehr milden Konsequenzen aus ihrer begangenen Dummheit. Das fühlt sich zuerst recht weichgespült an, als würde Bragason hier eine Kappe Hollywood-Dramen-Auflösung in sein Buch schütten. Richtig stören kann man sich daran nicht. Bis dahin haben es Bragason und seine Darsteller geschafft, uns greifbare Figuren zu präsentieren, die uns nahe gehen. Da verzeiht man auch einige Griffe in die Klischeekiste, gerade was die Figur des Pfarrers und die Zeichnung von Hera angeht. Ihr aufmüpfiges Wesen, das anecken und um jeden Preis auffallen zu wollen, driftet leicht in peinliche Gefilde ab, nur um diese dann elegant zu umschiffen. Die von Þorbjörg Helga Þorgilsdóttir sehr gut dargestellte Protagonisten wächst einem zudem äußerst schnell ans Herz. Man verzeiht Metalhead solche kleinen Aussetzer und das fröhlich anmutende Ende, das aufgesetzt wirkt und die Botschaft wie manches Feelgood-Movie aus den USA nochmal dem letzten auf der Leitung stehenden Zuschauer in den Kopf knallt.

Feelgood-Movie ist ein Begriff, den ich auch ruhig für Metalhead benutzen kann. Einige sehen in dem Film eine Verbeugung vor dem Genre, was nicht gänzlich falsch ist, allerdings bei weitem nicht die wirkliche Absicht des Films. Es ist - das merkt man, wenn man selbst Jahre lang in dieser Szene war - auf jeden Fall ein Kenner und Liebhaber der Musik am Werk gewesen und vielleicht empfinde ich auch wegen seiner Anspielungen (als ich das Poster zum Annihilator-Album "Never, Neverland" an Heras Zimmertür hängen sah, ging in mir schon das Fanherz auf) den Film als Feelgood-Movie. Selbst dann, wenn er seine so einfach gestrickte Botschaft, dass Trauer dazu da ist, um sie zu verarbeiten und nicht sich ihrer zu ergeben, ebenso simpel transportiert. Potenzial, die Geschichte um ein Mädchen, welches durch seine Trauer sich in die leer gewordene Stelle und Rolle des Bruders schiebt und eine Familie, die aufgrund ihrer Trauer beinahe zu zerbrechen droht da sie von dieser erdrückt wird, noch etwas tiefgründiger, mehr ausgearbeitet zu erzählen, hat er. Den von Bragason gewählte einfachere Weg mag zuerst schade wirken, ist allerdings vollkommen okay. Seine Bilder, die reduzierten Farben, der wirklich sehr gute Soundtrack (sowohl Songs als auch ergänzende Kompositionen) und gut aufgelegte Darsteller ergeben einen Film, ähnlich wie Islands Landschaften. Richtig schön, wenn auch hier und da steinig und unwegsam.
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