14. Dezember 2016

Tulpa - Dämon der Begierde

Ich habe es schon in meinem Review zu Francesca geschrieben: Filme wie Amer, gleichzeitig Hommage an den Giallo und eigenständiges, hochpsychologisiertes Werk, sind seltener als all die kleinen oder großen Huldigungen, welche sichtlich von großen Werken aus der Blütezeit des Genres beeinflusst sind. Meist werden darin bekannte Szenen aus den alten Klassikern mit wenigen Abwandlungen nachgestellt. Andreas Marschalls deutscher Giallo Masks geht in diese Richtung, oder auch die beiden Glamgore-Splatter-Sudeleien Last Caress und Blackaria. Federico Zampagliones dritte Regiearbeit Tulpa möchte merkbar ein eigenständiger Film sein, ohne allzu sehr die Metaebene wie der bereits angesprochene Amer zu bedienen und auch keine komplette Verbeugung vorm Genre sein, die zu einer bloßen Aneinanderreihung von abgewandelten Szenen aus den großen Werken verkommen könnte. Eine Tiefe, wie sie erstgenannter Film entwickelt, würde Zampaglione wahrscheinlich ohnehin nicht schaffen. Aber: Tulpa ist im großen und ganzen auch (überraschend) eigenständig.

Seine Geschichte ist denkbar einfach: Lisa, eine erfolgreiche Geschäftsfrau, entflieht dem auf der Arbeit entstehenden Stress in der Nacht mit Besuchen in einem geheimnisvollen Sex-Club. Durch einen Zufall sieht sie in der Zeitung einen Artikel, der von einer grausamen Mordserie berichtet. Die abgebildeten Fotos der Opfer lassen sie erstarren, waren dies doch bisher alles Menschen, mit denen sie im Club zusammen war. Entgegen der Regeln des Clubs, versucht sie, Kontakt zu einem ihrer letzten Sexualpartner aufzunehmen und Hilfe von Kiran, dem Leiter des Etablissements, zu erhalten. Dieser erzäht ihr von einer Tulpa, einem Geschöpf in der tibetanischen Mythologie, welches durch die reine Vorstellung eines Menschen entsteht. Manchmal auch unbemerkt. Ist der Mörder also eine Manifestation, enstanden durch Lisas Unterbewusstsein oder doch eher ein Mensch aus Fleisch und Blut?

In einer Sache fühlte ich mich zuerst an eingangs erwähnten Francesca erwähnt. Zampaglione reiht mehrere Mordsequenzen aneinander, ohne groß die Geschichte des Films voranzutreiben. Der obligatorische Einstiegsmord, der alles irgendwie ins Rollen bringt, ist gekonnt in Szene gesetzt. Die Ausleuchtung der Sets erinnert leicht an die Farbenspiele eines Mario Bava oder Dario Argento, sind allerdings nicht ausufernd in den Vordergrund gesetzt. Das einsetzende Saxophonstück lässt alles mehr nach Neo-Noir aussehen, bevor alles in die sexuell aufgeladene Stimmung eines Giallo übergeht. Bondage und leichter SM ist zu sehen, bevor der Mörder zuschlägt, stilecht mit schwarzem Hut und Mantel scheint er geradewegs aus Mario Bavas Blutige Seide entnommen zu sein. Im weiteren Verlauf der ersten Hälfte stagniert Zampagliones Drehbuch. Lisa wird abwechselnd im stressigen Berufsalltag und im Tulpa-Club beim Liebesspiel mit Fremden gezeigt. Den größen Platz nehmen weitere Morde ein. Sie sind gekonnt inszeniert: die Tötung eines Opfers mithilfe eines Stacheldrahts und eines Karussells auf einem Jahrmarkt bei Nacht ist knackig umgesetzt. Als hätte Argento Lenzi bei dessen Eyeball unter die Arme gegriffen. Doch schon bei der dritten Tötungsszene kehrt leichte Ungeduld ein.

Dankenswerter Weise scheint dem Regisseur dieser Umstand selbst aufgefallen zu sein, was den Film bzw. seine Story endlich voranbringt. Tulpa bekommt, anders als Francesca, viel eher die Kurve und entwickelt sich zu einem Neo-Giallo, dem es an Finesse auf erzählerischer Ebene fehlt, der allerdings auch gut aufzeigt, dass das ganze Team vor und hinter der Kamera viel Herzblut in das Projekt gesteckt hat. Zampaglione schielt nicht auf etwaige Absichten, einen großen Metaknaller abzuliefern oder sich in Details zu ergehen, welche als Ganzes den großen Klassikern aus den 70ern nacheifern und aussieht, als wäre es auch dieser Zeit entsprungen. Tulpa ist somit ein Stück weit unbefangener und die Idee, erstmal offen zu lassen, ob der  Mörder ein vermeintliches Geistergeschöpf oder doch ein Mensch ist, mag bei weitem nicht innovativ sein. Es hebt sich leicht vom bisherigen Whodunnit-Charakter anderer Neo-Gialli ab, wobei Zampaglione hier ruhig mehr Mut zeigen könnte. Der Mystery-Einschlag ist allzu wenig und beschränkt sich auf die Präsenz des Clubleiters Kiran, der mit dem markanten Nuot Arquint passend besetzt ist und Lisa in einer hübsch ausgeleuchteten und atmosphärischen Szene über die Hintergründe der Tulpa aufklärt. Der Rest ist Schema F. Tulpa erhöht das Erzähltempo, sputet sich durch die Story, nachdem die erste Hälfte den Mordszenen zu viel Platz geschaffen hat.

Einige Erzählstränge bleiben so auf der Strecke, wenn Lisa zum Beispiel Stefan, mit dem sie im Club zuletzt zusammen war, versucht zu kontaktieren und mit ihm versucht, dem Täter auf die Spur zu kommen. Der Film lässt dies schnell fallen, schickt seine Protagonistin alleine weiter und bringt Stefan in anderer Form wieder zurück in die Story. Es scheint, als wären Zampaglione und sein Co-Autor Giacomo Gensini beim Verfassen des Buches unentschlossen gewesen, wie man die Geschichte zu Ende bringt und sich darauf einigten, einige Ideen als Bruchstück einzuarbeiten. Richtig geht dies nicht auf, wobei Tulpa in bester Tradition zum Schluss die wohl abwegigste Auflösung auf die man kommen könnte, präsentiert. Doch dafür liebt man ja auch ein Stück weit die Gialli der 70er. Komplett schadet dies dem Film nicht. Dafür fühlt er sich angenehm frisch an: es fehlt jede Spur von versuchtem wandeln auf viel zu großen Pfaden, welche die damaligen Meister mir ihren Werken ebneten. Selbst der Soundtrack, von Zampaglione zusammen mit seinem Bruder Francesco und Andrea Moscianese selbst komponiert, ist eine hübsche Gratwanderung zwischen moderner Instrumentierung und Arrangements, die an Soundtracks von Stelvio Cipriani oder Bruno Nicolai erinnern. An Tulpa ist vieles nicht perfekt, aber Zampaglione macht im Großen so einiges richtig. Und seien wir ehrlich: bis auf wenige Ausnahmen, sind doch auch viele Gialli aus der Blütezeit des Genres nicht gänzlich mit Perfektion gesegnet, wofür man doch auch das Genre gern hat. In die richtige Richtung geht Tulpa auf jeden Fall.



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