19. April 2017

Die Unschuldigen mit den schmutzigen Händen

Nachdem bei mir das Interesse an Film durch phantastischen Stoff in Bewegtbildform - meist Horrorfilme aller Couleur - geweckt wurde, schnitt ich ab Ende der 90er fröhlich alles im TV mit, was in der bei meinen Eltern bevorzugten Fernsehzeitschrift mit einem Daumen nach oben gesegnet wurde. Durch einen runden Geburtstag von Claude Chabrol wurden irgendwann viele seiner größten Filme bei den öffentlich-rechtlichen Kanälen rauf und runter gesendet, ich notierte mir so gut wie alle Sendetermine, nahm die Filme auf... und war gefangen. Meine Liebe zum französischen Film basiert durch dieses damalige "alles mal mitnehmen" und Neugierde auf alle Spielarten des Mediums. Ich mag die Nouvelle Vague und durch sie groß gewordenen Regisseure wie Truffaut, Rohmer, Godard (mit dem ich immer etwas meine Schwierigkeiten habe), Malle oder Resnais. Mein allerliebster Regisseur dieser Strömung ist und bleibt aber Claude Chabrol.

Die Unschuldigen mit den schmutzigen Händen war bisher einer der wenigen Filme des Franzosen, den ich noch nicht gesehen habe. Es lag nicht daran, dass er als schwächster Film Chabrols und von Hauptdarstellerin Romy Schneider gilt. Er wurde meiner geringen Erinnerung nach damals nicht gesendet und im Nachhinein hab ich es schlicht und ergreifend immer verpasst, ihn bei einer späteren Ausstrahlung mitzuschneiden oder auf DVD zu kaufen. Wie gut, dass diese Wissenslücke nun geschlossen werden konnte. Die auf einem eher drögen Kriminalroman basierende Geschichte wird in den Händen des ehemaligen Filmkritikers zu einem doppelbödigen und spannenden Werk zwischen Krimi und Drama, welches auch hier Chabrols liebstes Motiv, das Zurschaustellen der Abgründe innerhalb des gehobenen Bürgertums, aufgreift.

Vordergründig scheint hier Gier das zentrale Motiv der Geschichte zu sein. Konkreter gesagt die Gier des jungen Schriftstellers Jeff, der die hübsche Julie trifft. Diese ist mit dem steinreichen und alkoholabhängigen Louis verheiratet, doch das Eheleben der beiden beschränkt sich auf ein Minimum von Zweisamkeit. Julie meidet die Nähe ihres Mannes, beide schlafen in getrennten Zimmern und Louis' Geld allein scheint Julie nicht (lange) glücklich zu machen. Jeff rennt bei ihr offene Türen ein, es entwickelt sich eine Affäre und ein perfider Plan: der Mord an Louis, getarnt als Segelunfall. Nachdem Julie und Jeff diesen in die Tat umgesetzt haben, scheint alles wie ausgedacht zu laufen. Doch dann bleibt Julies Liebhaber verschwunden und durch von der Polizei aufgedeckte, pikante Details, von denen auch sie nichts wusste, sehen die Ermittler sich gezwungen, diese als Verdächtige anzusehen. Gäben sie ihr doch ein Motiv für ein Verbrechen am Ehemann. Allerdings kommt es für Julie noch schlimmer als angenommen.

Das tolle an Die Unschuldigen mit den schmutzigen Händen ist der Umstand, dass er auf seinen zwei Ebenen sehr gut funktioniert. Zuerst wäre da die angesprochene Kriminalgeschichte, die auf den ersten Blick recht konventionell erscheint. Mit zurückgenommenem Tempo spinnt Chabrol eine Geschichte, deren Überraschungen in ihrer Wirkung auch heute noch gut funktionieren, obwohl sie bei näherer Betrachtung stark konstruiert erscheinen. Das erzählerische Timing jedoch bleibt einfach exzellent. Grob könnte man die Wendungen sogar gialloesk nennen, arbeiten die italienischen Thriller in ihren Auflösungen ebenfalls gerne mit gewissen Übertreibungen. Chabrol bettet seine Geschichte nur in nicht ganz so tolle Bilder wie die Kollegen aus Italien, wobei auch hier - teils eher auf den zweiten Blick versteckt - hübsche Kameraeinstellungen vorhanden sind. In einer der stärksten Szenen sind zwei der Protagonisten im dunklen Haus Julies mit den nächtlichen Schatten verbunden, schälen sich aus diesen heraus und entschwinden wieder in ihnen. Die Ausleuchtung und der Einsatz der Schatten ist atemberaubend noiresque und verstärkt das ausgezeichnete Spiel Romy Schneiders und ihres Partners.

Mehr noch konzentriert sich Chabrol auf seine weibliche Protagonistin. Er zeigt Julie als eine gefangene, eingesperrt in einem stylischen Luxuskäfig, die trotz ihres Handeln immer auch Opfer bleibt. Sie wird ausgenutzt; mal mehr, mal weniger. Die Machtspiele der drei Hauptfiguren und Julies Bestreben, in dieser Welt in der sie existieren muss, sich zu behaupten, verliert sie. Die Unschuldigen mit den schmutzigen Händen ist ein feministischer Film, obwohl das Bild, das von Julie oder Frauen im Allgemeinen gezeichnet wird, nicht das beste ist. Er ist eine nüchterne Betrachtung der damaligen Zustände, noch weit weg vom weiteren Erstarken der Frauenbewegung. Julie erreicht ihr Ziel, bekommt das was sie will. Allerdings nicht als starke Frau, die sich in der "Männerwelt mit Gesetzen die von Männern gemacht wurde" - so sagt es der eigene Anwalt zu ihr - behauptet. Bei all' dem Kampf um Macht und emotionalem Besitz über eine Person verliert vor allem Julie das aus den Augen, was ihrem Seelenfrieden gut tut. Die aufgestaute, unterschwellige Sexualität lässt Chabrol gekonnt in kleinen Momenten aufblitzen, bis es im Finale gewaltig explodiert. Anders als seine Kollegen aus Italien zu der Zeit erzählt Chabrol seine Geschichte zugeknöpfter, konzentriert sich lieber auf seine Figuren und treibt die Handlung mit schön geschliffenen Dialogen voran. Die Unschuldigen mit den schmutzigen Händen spart dabei gar nicht allzu viel aus, schafft beim Zuschauer in einigen Szenen ein zusätzliches Kopfkino und steigert gekonnt seine Spannung. Bis auf die manchmal sehr obskur anmutenden Polizei-Beamten, welche in Louis' Fall ermitteln, passt ansonsten vieles bei diesem Film. Chabrol, der laut einer enttäuschten Romy Schneider während der Dreharbeiten mehr am Schachspiel als am eigentlichen Film interessiert war, erzählt mit distanziert-kühlem Blick eine Geschichte um Gier, Machtspiele und -verhältnisse innerhalb einer Beziehung, um Lügen und seziert im vorbeigehen die gesellschaftlichen Verhältnisse gegenüber Frauen in einer damals noch sehr patriarchalisch geprägten Welt. Es mag nicht ganz so präzise und stechend wie in anderen Filmen sein. Trotzdem ist Die Unschuldigen mit den schmutzigen Händen ein großartiger Film, der  auch heute noch eine mitnehmende Wirkung entfaltet. Eine Sache an Chabrols Werken, die mich schon von Beginn an fasziniert hat.