7. Mai 2017

The Voices

Sätze, welche nach dem schauen des The Voices-Trailer im Kopf entstehen könnten:

"Oh cool, das ist doch dieser Typ, der in Deadpool mitspielt!"
"Der Hund und die Mieze sind ja schon ziemlich süß. Und dann sprechen die auch noch!"
"Die Katze ist 'ne coole, fiese Sau!"
"Geil, das wird bestimmt unglaublich lustig!"

Diese Annahmen werden vom Film selbst bedingt bestätigt. The Voices ist eine Mischung aus schwarzer Komödie, die manches Mal in die Groteske abrutscht und einem Drama über die psychischen Irrungen und Wirrungen einer armen Seele. Ungeachtet der Schwächen des Films hat dieser - jedenfalls im deutschsprachigen Raum - ein absolut grausames Marketing verpasst bekommen. Da wird, wohl auch durch Hauptdarsteller Ryan Reynolds, der gesamte Film wie das nächste, crazy Comedy-Ding dargestellt und die ernsten Töne vollends unter den Tisch fallen gelassen. Mir ist bewusst, dass ein Verleih seine eingekauften Filme natürlich an die Frau und den Mann bringen will. Ich will mich nun nicht mit erhobenem Zeigefinger hinstellen und "Mogelpackung!" zeternd ins Internet schrei(b)en. Aber: ich werde den Verdacht nicht los, dass das Marketing ebenfalls eine kleine Mitschuld trägt, dass The Voices nicht der übergroße Hit ist.

Wenn ein Film nun nicht das ist, was der Trailer verspricht, ist das eigentlich eine freudige Sache für mich. Marjane Satrapis Werk ließ mich mit leichtem Stirnrunzeln zurück. Die komödiantischen Elemente, die sehr wohl im Film zu finden sind, mögen nicht zu hundert Prozent mit dem tragischen Stoff der Geschichte um Jerry harmonieren. Der von Ryan Reynolds dargestellte Protagonist ist ein freundlicher, harmlos wirkender Mensch, der auf den ersten Blick etwas ungelenk wirkt. Sein soziales Umfeld scheint überschaubar: es scheint sich auf die Mitarbeiter in der Wannenfabrik in der er seinem Tagewerk nachgeht und seiner Psychiaterin zu beschränken. Seine Welt scheint intakt, bis wir als Zuschauer bemerken, dass sie eine Scheinwelt ist. Jerry nimmt Psychopharmaka ein, die ihm seiner Ansicht nach nicht gut tun und die er eigenmächtig absetzt. Aus dem grau um ihn herum wird dadurch bunt und außerdem kann er sich auch mit seinen beiden "Mitbewohnern" unterhalten: dem gutmütigen Bosco, einem Hund, und dem gemeinen Mr. Whiskers, einer Katze, welcher ihn zum töten animiert.

Satrapi, Regisseuren des vielerorts gefeierten Persepolis, möchte den Zuschauer mit ihrer Geschichte in die unsichere Situation ihres Protagonisten werfen. Der Plot ist trotz der wohl beabsichtigten Tiefe bzw. Doppelbödigkeit nicht allzu komplex aufgebaut: der Einfachheit halber wälzt man Jerrys gute und böse Seite in seine Haustiere ab. Ganz Klischeehaft mit dem gutmütigen Hund und der hinterhältigen Katze gezeichnet. Dies ergibt im Dialog mit Jerry einige nette und garstige Szenen, manche Gags verpuffen allerdings auch einfach oder sind einfach zu flach gehalten. Die Entscheidung, Jerrys tragisches Dasein mithilfe komischer und grotesker Elemente anzureichern und zu schildern, entpuppt sich als nicht ganz hilfreich. Sie wirken wie diese Fremdkörper, die in Jerrys Scheinwelt kurz aufblitzen und ihm sein trauriges Leben schonungslos zeigen. Hier wiederum ist The Voices unglaublich stark, wenn für den Zuschauer kurz der Vorhang fällt. Das geschieht meist beiläufig, wenn Jerry seine "versehentlich" umgekommene Angebetete von ihm aus dem Wald abtransportiert wird. Was hier gezeigt wird, irritiert im ersten Augenblick, wird dann aber zu den richtig starken Momenten von The Voices.

Wenn die Regisseuren die ganze Tragik ihrer Geschichte ausbreitet und dieser Raum gibt, dann ist The Voices ein trauriges Porträt eines innerlich zerstörten Mannes der versucht, sein Trauma und seine Probleme mit unserer normalen Welt zu verdrängen. Dann, wenn die schöne Fassade zu bröckeln beginnt und das faulig-schmutzige, sowohl in Jerrys Wohnung wie in seinem Inneren, ungeschönt darstellt. Beinahe erstarken so im Nachgang sogar die faden Versuche einer Komödie. Das es nun nicht doch zu einem richtig guten Film langt, liegt auch an Ryan Reynolds. Die komischen Momente liegen dem Mimen mehr als die dramatischen, hier fehlt ihm einige Male sichtbar der Zugang zum Stoff. Auch wenn er sich bemüht. Der Film bleibt an der Oberfläche des Konglomerats aus Komödie, Horror und Tragödie kleben. Die Mischung dieser drei Genres ist zu viel und möchte an mancher Stelle nicht komplett ineinandergreifen. Trotz einiger guter Momente und der interessanten Idee. Nach dem tragikomischen Animationserfolg Persepolis könnte man annehmen, dass Satrapi ein Händchen für sowas hat. Vielleicht ist es aber auch das, was schon andere am Film bemängeln: im gesamten zu viel gewollt. So bleibt leider auch das Porträt eines Mannes, der in seiner Unbeholfenheit gegenüber seiner Umwelt und den Mitmenschen, sowie seinem Trauma, zum äußersten greift, leider zu sehr auf der Strecke.

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