13. Januar 2018

Das zweite Gesicht

Ein Kind verknüpfen wir als Erstes mit solchen Eigenschaften wie rein, unschuldig und wohlbehütet vor all dem oder den Bösen Dingen des Lebens. Das von diesen kleinen Geschöpfen, den nachwachsenden Generationen eine konsequente Bedrohung ausgeht oder direkt in diesen das Übel sitzt, ist seit Jahrzehnten ein Gedankenspiel Filmschaffender. Insbesondere der Horrorfilm kann mit solchen Werken wie Ein Kind zu töten... oder der bekannten Reihe um die Kinder des Zorns punkten. Gefühlt wohnt in der heutigen Zeit bei einigen der Kleinen schon heute der Teufel in ihnen, wenn Eltern, die selbst gerade dem Kindesalter entsprungen scheinen, merklich überfordert ihre Saat an "Arschlochkindern", all diesen Chantals und Kevins, der Gesellschaft aussetzen. Mit dem zum Synonym gewordenen Namen Kevin verknüpft man nicht nur weniger intelligente Kids oder Jugendliche, sondern einen Knirps, der mit seiner anarchischen Art Anfang der 90er die Kinokassen klingeln ließ. Macaulay Culkin wurde mit Kevin allein zu Haus und der Fortsetzung Kevin allein in New York zum neuen süßen Knuddelfratz. Davor sprang er dem Kinobesucher mit seiner Rolle in Allein mit Onkel Buck an der Seite von John Candy ins Gedächtnis; danach wurde die Schmachtstory My Girl ebenfalls ein profitabler Erfolg.

Was lag also näher, um den Massen ihren Liebling von einer neuen Seite zu zeigen? Im Thriller Das zweite Gesicht versucht Culkin gegen sein Image, ein rotzfrecher aber süßer und charmanter Bengel zu sein, anzuspielen. Dem Jungdarsteller gelingt dies leider nur bedingt. Seine Figur des Henry, der in einem krankhaften Eifersuchtsanfall den von seiner Familie aufgenommenen Mark versucht zu terrorisieren, bleibt stark oberflächlich. Das Build-up seines Charakters das hinter diesem (schon wieder) so lieben und freundlichen Jungen ein mordlüsterner Jungpsychopath steckt, wirkt bemüht und ist leider in den seltensten Fällen überzeugend. Der schwache Aufbau lässt die schockierende Wahrheit über den tragisch frühen Tod von Henrys Bruder Richard, leicht durchschaubar werden. Das Drehbuch müht sich, leichte Andeutungen zu machen, innerhalb der simpel konstruierten Geschichte entwickeln sie sich zu übergroßen Hinweisen, welche die Auflösung vorwegnehmen. Die morbiden Themen, über die der Junge mit seinem Cousin Mark, der nach dem Tod seiner Mutter von seinem Vater bei Henrys Familie geparkt wird um durch einen lukrativen Job Geld für die Beerdigung zusammenzukratzen, redet und seine makabren Spiele sind in Verbindung mit der glatten Fassade, die Hauptdarsteller Culkin besitzt, bemüht aber wirkungslos.

Man nimmt Culkin den boshaften, um seinen Willen zu bekommen über Leichen gehenden Jungen nicht ab. Es passt nicht zum Wesen des Jungens, der in den vorangegangen Filmen so leicht erscheint, weil er hier auch mehr er selbst und einfach Kind sein kann. Sein Schauspielpartner, der sehr junge Elijah Wood, schlägt sich entgegen anderer Stimmen besser. Man merkt seinen Hang, dramatisch und kurz vorm vom Schicksal erzwungenen Heulkrampf stehendes aufreißen der Augen, was er in Peter Jacksons Herr der Ringe perfektionierte, schon hier. Seiner Rolle kommt dies zu gute, wenn er als Mark verzweifelt versucht, Gehör bei Henrys Eltern zu finden, dass mit ihrem Sohn etwas nicht stimmt. Das Drehbuch lässt diese Rolle leider manchmal etwas aus dem Alter des Darstellers bzw. der Figur fallen und diese altklug erscheinen. Woods engagiertes Spiel schafft es dafür, dass Culkin für wenige Momente trotzdem bedrohlich wirkt. Diese sind in Joseph Rubens Film rar gesät, einsamer Höhepunkt ist Henrys Ausflug mit der kleinen Schwester zum Schlittschuhlaufen auf einem zugefrorenen See. Hier der stimmt der Einsatz an Spannung; das Timing ist ebenfalls passabel.

Dazwischen fühlt sich Das zweite Gesicht bieder an und wirkt wie eine TV-Produktion, die immerhin einige hübsche Landschaftsaufnahmen besitzt. Das sieht durchaus nett aus, hilft dem Film gesamt gesehen nicht weiter. Auf der Tonspur sieht es nicht anders aus. Elmer Bernsteins Score gniedelt ohne Unterlass und zwingt dem Film eine dramatische Note auf, welche die Geschichte niemals erreicht. An manchen Stellen stört das und weniger dick auftragen wäre weitaus mehr gewesen. Durch seinen Drehort, das herbstliche Maine, bekommt der Film wenigstens eine Atmosphäre wie sie auch einige Stephen King-Geschichten bzw. -Verfilmungen besitzen. Es ist eine der wenigen authentischen, glaubhaften Dinge des Films, der wie sein Star auf dem Filmplakat eine hübsche Mine aufsetzt, die spürbar gezwungen erscheint. Das zweite Gesicht dürfte schon damals nur im mittleren Alter befindliche Hausfrauen erschreckt haben, die von dem kleinen Zwerg so verzaubert waren und niemals geglaubt hätten, dass der Junge zu solch schrecklichen Taten fähig wäre.