Film ist Wahrheit, 24 Mal pro Sekunde. Tagebuch. Meinungen. Filmstoff.

Montag, 20. Dezember 2010

Blastfighter - Der Exekutor

Kernig. Ein Wort, dass auf die Beschreibung vieler Protagonisten aus gülligen Actionproduktionen der 80er Jahre paßt. Um beim Thema zu bleiben: das meist sogar wie die Faust aufs Auge. Auch Jake Sharp, von jedem nur "Tiger" genannt, beschreiben. Der Ex-Cop wird nach acht Jahren unschuldigem Einsitzen hinter schwedischen Gardinen wieder auf die Menschheit losgelassen. Eingebrockt hat ihm diese Strafe ein Politiker, an dem er sich auch liebend gerne rächen möchte. Dafür bekommt der gute Jake von einem Freund kurz nach der Entlassung auf einem Parkplatz ein wahres Wunderwerk an Waffe in die Hand gedrückt. Das Ding kann man als eierlegende Wollmilchsau unter den Tötungswerkzeugen beschreiben, es gibt nämlich fast nichts, was es nicht irgendwie abfeuern kann. Doch Jake zeigt Nerven, ja sowas wie ein Gewissen und so läßt er die Gelegenheit sausen, sich an dem Kerl zu rächen, der ihn da zu acht Jahren gesiebte Luft hat verdonnern lassen. Lieber zieht er in seine ländliche Heimat zurück, gibt den Eremiten und zieht sich in eine Hütte in den Wäldern zurück. Doch Jake kommt mit einigen Wilderern und deren Einstellung nicht so zurecht. Die Kerle erlegen Wild fast im Minutentakt um dieses meist noch lebend für reichlich Penunzen an einen Asiaten zu verhökern. Das dadurch Konflikte vorprogrammiert sind, ist einleuchtend. Allerdings läßt sich Jake nicht von dem vorlauten Volk, darunter auch der Sohn seines einst guten Kumpels Tim, unterkriegen. Allerdings schaukeln sich beide Parteien derart hoch, dass die Situation eines Tages folgenschwer eskaliert.

Bis es allerdings auch so richtig kernig auf dem Bildschirm wird, braucht man etwas Geduld. Richtig ruhig und gelassen geht es für eine zünftige Actionsause aus den güldenen Zeiten des Jahrzehnts zu. So richtig mag das aber auch nich überraschen, wenn man die Credits zu Beginn näher verfolgt. Hinter dem Namen John Old Jr. verbirgt sich niemand geringeres als Lamberto Bava. Als John Old inszenierte schon sein Vater Mario einige Filme unter falschem Namen und so übernahm auch der Sohn das Pseudonym und hängte einfach mal ein Junior hinten dran. Man wundert sich allerdings, dass der Sprößling der Regielegende sich bei Blastfighter hinter diesem Namen versteckt. Auch wenn sein etwas schwerfällig Erzählstil auch hier schön deutlich das Geschehen bestimmt, so macht er bei weitem keine schlechte Sache. Allerdings kann dies natürlich den Freund einer ordentlichen Portion Krawums schon erschrecken, wenn die esentiellen Dinge von B-Action erst in der zweiten Filmhälfte richtig in Erscheinung treten. Im Schneckentempo entwickelt sich die Geschichte, bei der man schon Anhand des Genres nicht wirkliche Tiefe und gehaltvolle Behandlung des Themas erwarten kann. Man bemüht sich allerdings trotzdem die Story so gut wie möglich ausgefüllt zu präsentieren.

Dabei geht es zu Beginn ja doch etwas konfus und ungelenk zu. Frisch aus dem Knast entlassen, wird der "Tiger" also von seinem Kumpanen aufgegabelt und auch gleich mit einem ganz besonderen Entlassungsgeschenk beglückt. Einer wirklich beeindruckenden Waffe, bei der selbst John Rambo vor Begeisterung Pipi in den Augen bekommen würde. Nicht nur, dass alle erdenkliche Arten an Munition damit verballert werden können, nein, auch Miniraketen und Tränengas läßt sich damit abschießen. Bei soviel Funktionen freut man sich insgeheim doch, im Verlauf des Films jede Einzelne davon mitzuerleben. Aber dann beschleicht die Skrupel den rachsüchtigen Ex-Bullen und die Gelegenheit, seine Rache zu Befriedigen, wird sausen gelassen. Eine Finte vielleicht, um so die Geschichte voranzubringen? Jein. Man könnte sich denken, dass gute "Tiger" seine Beute noch etwas jagt, bevor er richtig zuschlägt. Doch dieser Politiker, der ihn in den Knast brachte: er spielt keine Rolle mehr im weiteren Film. Viel mehr nutzt Bava diese Szene um zu zeigen, dass zwei Herzen in der Brust seines Protagonisten schlagen. Ein sanftmütiges und ein Hassklumpen, welches nach Vergeltung schreit. Dick aufgetragen mag es sich zwar im ersten Moment anhören, doch der Held der Geschichte gibt dies ja an einer Stelle selbst zu, dass er von Rache und Hass zerfressen ist. Doch selbst mit diesen zwei so intensiven Emotionen siegt die Moral des Guten. Aber: jeder wird einfach mal so an seine Grenzen gebracht.

Dies erfährt man dann, wenn sich Jake auf in die alte Heimat macht. Untermalt von einem gefälligen Song im Countrystil braust er über die Landstraßen in die alte Heimat und verschanzt sich in einer alten Hütte. Was folgt, ist die Bava'sche Remix-Version der Actionklassiker Rambo (1982) und Beim Sterben ist jeder der Erste (1972). Man fühlt sich irgendwie immer leicht an einen der beiden Filme erinnert (insbesondere an das Stallone-Vehikel), je länger der Film dauert. Dabei dauert es auch bis zur endgültigen Eskalation. Detailliert schildert das Drehbuch erstmal diese Art von Desillusionierung, als Sharp merkt, dass der Lauf der Zeit selbst bei seiner idyllischen alten Heimat nicht halt macht. Die Art und Weise wie die Wilderer mit den Tieren die sie erlegt haben, umgehen, läßt ihn einfach nur grausen. Doch damit abfinden kann er sich nicht. Diese neuartigen Methoden sind ihm ein Graus. Der "Tiger" trauert alten, vergangenen Tagen nach. Über diese unterhält er sich auch mit dem alten Freund Tim, den er alsbald in der Ortschaft trifft. Doch herzlich ist das Wiedersehen nicht. Unterkühlt wird es dargestellt, vor allem, da einer der großkotzigsten Wilderer ganz zufällig der Sohn von Tim ist. Das verstärkt die Konfliktsituation innerhalb der Figurenkonstellation natürlich ungemein. Doch das Drehbuch kennt noch viel unglaublichere Verstrickungen und Twists. Übermäßig kompliziert gibt man sich allerdings nicht. Wie für einen Actionstreifen üblich, kann man der Geschichte zu jeder Zeit wirklich gut folgen.

Hier hält man sich aber an einigen Dingen unnötig lange auf. Der ein oder andere Zuschauer könnte so auf eine harte Geduldsprobe gestellt werden, bis es so richtig los geht. Denn die ein oder andere Keilerei zwischen den Wilderern und Jake verspricht nicht wirklich ein mitreißendes oder sogar spannendes Actionfeuerwerk. Die Streiterei entwickelt sich langsam, aber beständig. Es wird immer zu besonderen Zeitpunkten zugeschlagen. Auf beiden Seiten. Bis diese allerdings erreicht sind, versucht man, dem Protagonisten etwas an Profil zu geben. Gelingen tut dies nur bedingt. Man wiederholt sich schon fast ein wenig, wenn man öfters zeigt, dass trotz all der Rache die in "Tiger" tobt, immer auch noch eine gute Seite in ihm vorhanden ist. Logisch ist dies alle Mal, immerhin ist er doch der Hero des Flicks. Doch er ist ein geduldiger Mensch, der lange zuschauen kann, bis ihm dann doch der Kragen platzt. Dann gibt es wirklich ordentlich Zores und es wird nicht lang gefackelt. Nur ob es so gut ist, so lange zu warten, sei dahingestellt. Dies ist ein kleines Timingproblem von Blastfighter. Das finale Geböller setzt urplötzlich ein. Es wird zwar wirkungsvoll entfacht, doch bricht dies irgendwie etwas verschleppt über die Geschichte herein. So richtig Tempo kann Bava hier wie auch in vielen seiner anderen Filme nur bedingt aufbauen. Was in der ersten Hälfte zu wenig war, wird ja schon fast etwas überdosiert.

Trotzdem blitzt hier das vorhandene Potenzial des Regisseurs mehr als nur einmal auf. Man kann sich mit seinen Filmen wirklich schwer tun und bis auf einige Ausnahmen wie die beiden von Dario Argento produzierten Dämonen-Filme oder sein Debüt Macabro (welcher ironischerweise der wohl am langsamsten erzählte Film im Oeuvre Bavas sein dürfte) ist das meiste seiner Filmographie leider nur durchschnittlich. Ausgerechnet ein Actionfilm zeigt aber, dass es der sympathisch auftretende Zeitgenosse hier und da doch wirklich drauf hat. Geben sich so einige Actionstreifen aus den 80ern sehr hart und dreckig, so hat Blastfighter einen sehr ungewöhnlichen, unterkühlten und beinahe schon stilisierten Look. Sehr gut gelingt es Bava dabei, die Locations ins rechte Licht zu rücken. Alleine schon die Fahrt aus der Stadt heraus in die Heimat des "Tigers" ist ein schönes Beispiel für die kalte Art der Fotographie. Die ländliche Gegend wird ebenfalls gut in Szene gesetzt. Dabei schafft man es, dies nicht allzu stilisiert sondern schön natürlich erscheinen zu lassen. Der kühle 80er-Stil paßt dabei sogar recht gut. Nun mag man sich aber bei weitem nicht nur an der tollen Landschaft ergötzen. In einem Actionfilm hat es eben auch ordentlich zu krachen. Hier hält man sich aber wie schon beschrieben, etwas zu sehr an der Zeichnung von "Tiger" auf. Die Beweggründe werden klar und auch der Konflikt mit der plötzlich auftauchenden, weiblichen Hauptfigur wird ganz leicht überstrapaziert. Uninteressant ist es nun nicht, aber packend ist es eben auch nicht wirklich.

Es mag wohl auch daran liegen, dass der Amerikaner Michael Sopkiw eben kein großartiger Charaktermime ist. Der in Connecticut geborene Darsteller schaffte es in den 80ern selbst auf nur vier Filme. Neben Blastfighter waren dies der ebenfalls von Lamberto Bava geschaffene Tierhorrortrash Monster Shark (1984), der Abenteuerfilm Amazonas - Gefangen in der Hölle des Dschungels (1985) sowie sein Debüt, der Endzeitstreifen Fireflash (1983). Hier tritt der Herr mit einer nicht wirklich schicken Rotzbremse auf, schafft es aber, recht annehmbar den nach Rache dürstenden Exknacki mit Wut im Bauch darzustellen. Nun gut, in manchen Szenen macht er keine wirklich gute Figur, gerade wenn es am emotionalsten für seine Figur wird. Als von Prinzipien getriebener Kerl geht er aber noch klar. Schade ist es allerdings bei seinem Kumpanen Tim, der von George Eastman dargestellt wird. Eastman agiert auf Sparflamme. Selbst wenn man seiner Figur noch mehr Szenen geschenkt hätte, wäre dies wohl leider immer noch der Fall gewesen. Schade, hat Eastman doch weitaus mehr auf dem Kasten. Bleibt wenigstens noch der Darsteller seines Söhnchens. Der macht seine Sache mehr als solide und ist schnell eine sehr hassenwerte Figur. Dieser und seine Jäger- oder auch Wildererkollegen bekommen dann ordentlich ihr Fett weg. Dabei sollte man allerdings nicht auf allzu spektakuläre Actionszenen warten. Das Budget war nicht das größte, was man dem Film in diesen Momenten auch gut ansieht. Fahrende Fahrzeuge explodieren und man sieht dabei sehr gut, dass diese - als sie hochgehen - auf der Stelle stehen.

Dafür sind die Schießereien nicht zu verachten und wie für die damalige Zeit üblich geht es hier und da sogar etwas blutig von statten. Spätestens als "Tiger" alle Bedenken über Bord geworfen und die Moral zurückgelassen hat, ist mit ihm noch weniger gut Kirschen essen, als ohnehin schon. Der einst so hochgelobte Cop zeigt sein ganzes Können und kann selbst gegen eine ganze Übermacht bestehen. Natürlich: so richtig logisch ist es ab hier schon lange nicht mehr, doch schmackhaft ist diese Actionbrühe dennoch. Es fehlt der finale Schmiss und Schwung, den Lamberto Bava nur sehr schwer hinbekommt, sonst wäre Blastfighter eine äußerst lässige Angelegenheit. In Verbindung mit dem ohrigen Soundtrack und der soliden Kamerakunst, die für einige nette Bilder sorgt, hat man es mit einem ordentlichen B-Actioner aus Italien zu tun. Das Finale, welches beinahe schon ein klassisches Endduell wie aus einem Italowestern sein könnte, bleibt allerdings etwas schwach auf der Brust und unbefriedigend. Hier war der Ideenfluss leider etwas versiegt. Der Film hat zwar etwas seine Anlaufschwächen und mag sich hier und da etwas verlieren, doch wenn man das Gehirn auch gerne mal etwas schonen möchte beim Filmgenuss und auch vor etwas spannungs- und tempoarmen Actionern keine Angst hat, der darf hier ruhig mal reinschauen. Bava hätte nämlich ruhig mal öfters in diesem Genre wildern dürfen. Das leichte Gespür für die Art und die Gesetze des Actionfilms merkt man ihm mit diesem Werk an. Mit etwas mehr Übung hätte er dann sogar noch für den ein oder anderen Kracher sorgen können. Alles in allem ist sein Blastfighter aber immer noch ein leicht überdurchschnittlicher und gefälliger kleiner Actionfilm, wie man ihn aus den 80ern kennt. Einfachste Story, etwas Krach, etwas Bumm und dazu leichte Probleme, was seine Glaubwürdigkeit angeht. Aber dafür mag man diese Filme ja auch schließlich. Und was das angeht, ist der Blastfighter wirklich in Ordnung.


Diesen oder andere Actionkracher jetzt auf Filmundo abgreifen.

Sonntag, 12. Dezember 2010

Keoma

Mit düsterem Blick erscheint uns hier Franco Nero als titelgebendes Indianerhalbblut, mit mächtig Pelz im Gesicht, am Kopf und auf der Brust. Diese Dunkelheit in den Augen scheint eine Gewissheit zu sein, dass Mitte der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts der Western schon in den letzten Zügen lag. Im Geburtsland Amerika erreichte das "New Hollywood" seine ersten Höhepunkte mit seinen zeitgemäßen, schonungslosen und eher realistischeren Geschichten. Da wirkte der Western allzu verstaubt, was nicht durch die Locations der Cowboy-Geschichten herrührten. Glänzende Helden und fiese Bösewichte waren für den damaligen Zeitgeist, wo man überall Aufbruch- und Umbruchsstimmung verspürte, schlicht und ergreifend zu altbacken. Schon Anfang der 70er hat Clint Eastwood, bekannt geworden durch die damals schon sehr unkonventionell den wilden Westen darstellenden Italowestern, einige Abgesänge auf das Genre abgeliefert bzw. in diesen mitgewirkt. Dann kam auch noch Sam Peckinpah und zeigte uns mit seinem The Wild Bunch (1969) eine Demontage der alten Mythen. Doch was machten eigentlich die Italiener?

Diese sorgten mit solchen Klassikern wie Django (1966), Leichen pflastern seinen Weg (1968), der Dollar-Trilogie, Töte Amigo (1967) oder anderen größeren und kleineren Werken für ein neues Bild des Westerns. Dreckig und düster war dieser, nicht mehr glänzend und strahlend. Die Rollen zwischen Held und Bösewicht wurden verwischt und gemischt, der Antiheld als Protagonist wurde beinahe schon ein Standard. Doch 1976 war auch die große Zeit der Spaghettiwestern schon etwas vorüber. Sein letztes großes Aufbäumen - auch wenn hinterher noch einige späte Western entstanden - war damit Keoma. Diesen kann man sogar als großen Abgesang auf das gesamte Genre verstehen und als verfilmten Nihilismus bezeichnen. Er zeichnet ein finsteres Bild, beherrscht vom allgegenwärtigen Leid. Dieses ist im Klartext die von Pocken und Cholera heimgesuchte, verwüstete Heimat von Keoma, in die dieser nach dem Bürgerkrieg zurückkehrt. Um der Krankheit Herr zu werden, werden die Infizierten in eine verlassene Mine abgeschoben, wo diese dann ohne große Hilfe vor sich hinvegetieren. Doch der Halbindianer rettet bei einem dieser Transporte eine schwangere, nicht erkrankte Frau.

Hier fängt das große Drama des Films allerdings erst an. Herrscher in der halbverwüsteten Heimatstadt ist der Ex-Offizier Caldwell, welcher sich diese und auch fast das umliegende Land unter den Nagel gerissen hat. Diesem haben sich auch die drei Halbbrüder Keomas angeschlossen, wie dieser vom Ziehvater erfährt. In geschickt in die Handlung eingefügte Rückblenden erfahren wir hier, dass die Beziehung unter den Halbgeschwistern nicht gerade innig war. Durch die angebliche Fixierung des Vaters auf den kleinen Keoma, wuchs der Hass auf diesen was in einigen unschönen Prügeleien und Misshandlungen gipfelte. Diese Missgunst besteht auch noch Jahre später. Keoma ist nicht gerne gesehen. Er bringt mit der geretteten Schwangeren nicht nur das Misstrauen und die Angst unter die Bürger, welche sichtlich verzweifelt unter Caldwell und den Seuchen leiden. Jegliche Hilfe wie Medikamente und ähnlichem wird ihnen verwehrt und zudem ist die Stadt fast gänzlich von der Außenwelt abgeschnitten. Konflikte sind somit vorprogrammiert und beinahe scheint es so, als stehe Keoma der Übermacht bestehend aus Caldwell und den Brüdern alleine gegenüber. Doch in seinem Vater und dessem ehemaligen Sklaven George findet er Unterstützung.

Dabei soll man allerdings nicht meinen, dass Keoma ab diesem Punkt sowas wie "positive Vibes" verbreitet. Nein, die Stimmung des Films ist und bleibt von Anfang an nicht nur einfach düster und schmutzig, wie man es aus vielen Italowestern kennt. Er vesprüht eine total gänzliche hoffnungslose Stimmung, manifestiert in der Figur des Keoma. Ein dunkler Schatten muss über die Jahre auf Franco Neros Charakter ein stetiger Begleiter in dessen Leben gewesen sein. Dass aber auch in ihm Gutes schlummert, erkennt man schon an seinen Beweggründen, warum er die Schwangere vor dem sicheren Tod in der Mine bewahrt. "Dein Kind hat ein Recht auf Leben" beantwortet er ihr ihre Frage. Leben. Eine Hoffnung in einer mehr als nur trostlosen Welt, wie sie Castellari in seinem Film zeichnet. Beeindruckend ist da schon der Prolog des Films, die die Heimkehr des Halbbluts zeigt. Die Stadt in die er reitet, ist weitgehend verwüstet und menschenleer. Ein Leben scheint hier ja schon fast nicht mehr möglich zu sein. Den einzigsten Mensch, den er hier trifft, ist eine geheimnisvolle Frau, welche die Ruinen nach altem Plunder durchsucht. Laut Keoma droht der Tod, wenn diese irgendwo erscheint. Und wirklich: sie wird auch im weiteren Verlauf des Films wie ein Bote der unheilvolles ankündigt, eingesetzt. Sie ist eine mystische Figur, die die insgesamt vier Drehbuchautoren, darunter auch der Regisseur selbst, geschaffen haben. Bezeichnend ist hier die Szene gegen Ende des Films, als sie während einem Unwetter urplötzlich in der Tür einer alten Hütte erscheint. Draußen tobt das Unwetter, Blitz und Donner wüten und urplötzlich erscheint sie und steht dort ohne ein Wort zu sprechen. So richtig wird man ihrer genauen Rolle bzw. dem Sinn dieser Figur nicht gewahr, doch es ist eine nette Spielerei, die den dunklen Touch der Geschichte noch etwas verstärkt.

Was die Geschichte an und für sich angeht, so betritt man mit Keoma eigentlich bekannte Pfade. Es gibt einen geheimnisvollen Helden, einen wahnsinnigen Kerl der sich die gesamte Macht in einer kleinen Stadt an sich gerissen hat und durch die Eigensinnigkeit bzw. Unangepasstheit des Protagonisten vorprogrammierte Konflikte. Das Grundgerüst erscheint also etwas alt und klapprig, doch man schafft es in dem Film einige andere Wege zu gehen. Die Vergangenheit des Protagonisten bleibt nicht wie so oft im Dunkeln. Sie wird angeschnitten und vieles wird dadurch für das Handeln dessen klar. Zudem dreht es sich hier auch nicht einfach darum, dass Recht wieder gerade zu rücken. Caldwell und seine Bande sind bei weitem nicht so präsent, wie es in anderen Filmen wäre. Dreh- und Angelpunkt ist Franco Nero, der den Keoma wirklich beeindruckend gibt. Dessen Spiel ist eigentlich recht minimalistisch und dennoch verschafft er es in den wichtigsten Momenten, seiner Figur noch mehr Leben einzuhauchen. Hippiesk ist sein auftreten, desillusioniert sein Denken. In einigen Momenten betritt er so den Weg des Märtyrers und die religiösen Symbolismen und Anspielungen sind nicht nur im Outfit von Nero begründet. Wallend langes Haar und ein Vollbart lassen ihn wie Jesus erscheinen. Dies gipfelt in der Kreuzigung Keomas die ihn letztendlich wirklich wie der Westernepigone von Gottes Sohn erscheinen lassen. Dick aufgetragen kann man das nennen, doch im Subtext des Werks erscheint dies stimmig. So läßt man den Zuschauer an einigen philosophisch angehauchten Dialogen zwischen Keoma und der mysteriösen alten Frau teilhaben.

So ist der Film keineswegs ein einfacher, simpler Western. Keoma scheint nach sich selbst, einem Sinn des Lebens bzw. einer Rolle für ihn auf unserem Erdenrund zu suchen. Losgelöst von seinen Wurzeln, von denen er durch ein bitteres Schicksal in frühester Kindheit entrissen wurde. So ist der Kampf gegen Caldwell auch nur ein guter Aufhänger. Tiefer wird hier der Konflikt zwischen ihm und den Brüdern angerissen. Hier offenbaren sich Züge klassischer Tragödien. Castellari schafft es dabei sogar, eine gewisse Tiefe zu erzeugen und braucht sich nicht nur auf der starken Atmosphäre auszuruhen. Angenehm zurückhaltend gibt sich der Film auch in seinen Actionszenen. Ist der Tod allein schon durch das Seuchenthema allgegenwärtig, so wird das Ableben durch die häufig in Zeitlupe dargetellten Schießereien - ein Markenzeichen Castellaris - beinahe schon wie ein Tanz stilisiert. Style hat der Film auf jeden Fall, und das nicht zu knapp. Sorgfältig und mit viel Liebe zum Detail wurde hier gearbeitet. Der Soundtrack der beiden De Angelis-Brüder mit dem extrem hohen Frauengesang und dem im Kontrast stehenden, tiefen männlichen Gesang mag Geschmackssache sein, passt allerdings trotzdem zum Geschehen auf dem Bildschirm. Kongenial muss man dabei auch die Kamera- und Schnittarbeit nennen. Die Einstellungen, Bildfolgen und Kamerafahrten sind von höchster Erhabenheit und schaffen es, die unheimlich dichte Stimmung des Films noch einmal zu verstärken.

Der deutsche Untertitel Melodie des Sterbens wurde hier für den Film dabei sogar recht passend gewählt. Versöhnlich bleibt der Film am Ende für den Zuschauer nur bedingt. Der nach sich selbst suchende Keoma scheint immer noch nicht am Ende zu sein. Er ist eine rastlose Figur, die mit seinem Aussehen und der zeitlichen Ansiedlung kurz nach dem Bürgerkrieg sogar zu damals aktuellen Geschehnissen Interpretationen zuläßt. Keoma war im Krieg und fragt sich an einer Stelle des Films, was er nun überhaupt tun soll. Er ist sich seiner jetzigen Rolle im Leben nicht bewußt, ein Umstand, den auch viele Vietnamveteranen nach der Rückkehr in den Krieg ausgesetzt waren. Doch so weit mögen Castellari und seine Co-Autoren bei weitem nicht gedacht haben. Die umfangreiche, aber gut zusammengesetzte Mischung aus mythisch und religiösen Versatzstücken kann man wie gesagt eher als melancholischen Abgesang auf das Genre ansehen. Keoma ist ein bildgewaltiger Spätwestern aus Italien, welcher als einer der besten Vertreter seiner Art angesehen werden darf, auch wenn er eigentlich eine Art Requiem auf dieses darstellt.


Diesen oder andere Western jetzt auf Filmundo abgreifen.

Montag, 29. November 2010

Mittwoch, 24. November 2010

24 Frames - Interessantes von den Kollegen 11/24/2010


Posted from Diigo. The rest of my favorite links are here.

Dienstag, 23. November 2010

Mama, Papa, Zombie - Die komplette Dokumentation

Für folgenden Beitrag möchte man nur zu gerne einen bekannten Werbespruch umdichten: Die Geschichte des Horrorfilms ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Gerade in den 80er Jahren setzten deutsche Jugendschützer - offizielle wie selbsternannte - im Zuge des Videobooms ihre Inquisitorkapuzen über und verdammten Video und insbesondere Horrorfilme als Teufelszeug, welches die Jungend nur verdirbt. Nun ist folgendes Dokument aus der Blütezeit der Indizierungen und Beschlagnahmungen ein für Fans altbekanntes Zeitzeugnis und auch auf so manchem Blog ist diese Dokumentation bestimmt schon öfters gepostet worden. Trotzdem ist Mama, Papa, Zombie auch heute noch ein wahres Amüsement, welches man nicht unterschlagen sollte und von Zeit zu Zeit aus der Versenkung holen sollte. Außerdem zeigt dies recht deutlich, wie die Medien - in diesem Falle sogar eine öffentlich-rechtliche Anstalt - wunderbar Hysterien erzeugen und/oder diese verstärken können. Sorry für die schlechte Bildqualität, aber sehenswert ist das auf jeden Fall.



via Schund und Schlock

Grizzly

Meister Petz hat schlechte Laune! Am eigenen Leib müssen dies zwei junge Schnecken spüren, die einem Nationalpark noch ganz gemütlich campiert haben. Doch das nahende Ende der Saison und ihres Ausflugs ist leider nicht so erhol- und geruhsam wie gewünscht. Der braune Wüterich hat das bepelzte Schnäuzchen voll vom Honig, murkst die zwei jungen Hüpfer ab und nascht auch noch ein wenig an ihnen herum. Auf den Fall angesetzt wird der markige Ranger Michael Kelly, der zusammen mit dem Verhaltensforscher und Zoologen Arthur Scott versucht, den Mörder auf vier Pfoten dingfest zu machen. Als ihm dies allerdings nicht gelingt und Personal sowie Besucher des Parks tödliche Bekanntschaft mit dem Grizzly schließen, wird Kellys Boss immer ungehaltener. Dieser will trotz Kellys Drängen und Bitten den Park auch nicht schließen sondern spielt den Reportern vor Ort lieber vor, man hätte die Situation im Griff. Da der werte Herr Park Ranger allerdings nicht schnell genug agiert, läßt der Chef des Parks auch noch einige Hobbyjäger in den Park um den Grizzly um die Ecke zu bringen. Doch diese als auch Kelly und Co. stellen schnell fest, dass mit der pelzigen Bedrohung nicht gut Kirschen essen ist.

Im Jahre 1975 verlagerte Steven Spielberg den Horror in die Weltmeere und ließ den weißen Hai auf ahnungslose Strandbesucher sowie die Kinobesucher los. Bei so einem weltweiten Erfolg, der die Kassen klingeln ließ, dass nicht nur dem guten Steven schwindelig wurde und zudem freudig grinsen ließ, ist es natürlich ganz logisch, dass findige Low Budget-Filmer auch einen Erfolg vom Kuchen abhaben wollen. Die Masche ist fast so alt wie die Filmindustrie an und für sich und so geschah es, dass David Sheldon und Harvey Flaxman, animiert durch einen Campingausflug Sheldons, die Idee für einen weiteren Horrorfilm mit animalischer Bedrohung hatten und recht fix ein Drehbuch zusammenschusterten. Auf das Buch wurde dann der Regisseur William Girdler aufmerksam, der den Film letztendlich auch inszenieren durfte. Mit dem Namen ist leider auch eine gewisse Tragik verbunden, denn alt wurde der von seinen Freunden Billy gerufene Regisseur leider nicht. Im Alter von nur 30 Jahren verunglückte er während der Suche für Schauplätze zu seinem neusten Projekt bei einem Helikopter-Unfall. Schaut man sich seine Filmographie an, könnte man schnell zu dem Schluß kommen, dass er einer von so vielen, hunderten, B-Film-Machern gewesen sei. Doch ohne Girdlers Frühwerk Three On A Meathook (1972) hätte es vielleicht nie Tobe Hoopers Terrorfilmmeiserwerk The Texas Chainsaw Massacre (1974) gegeben, war dieser doch einer der stärksten Einflüsse für Hooper.

Selbst wenn Girdler nur Low Budget- und/oder Trashfilme verbrochen hat, fakt ist: der Junge hatte Talent. Und davon eine ganze Schippe voll! Immerhin sieht man auch seinem Grizzly keinsterweise an, dass er weit unter einer Millionen Dollar (exakt 750.000) gekostet hat. Eingespielt hat der als "Jaws with Claws" angepriesene Bärenhorror um die 30 Millionen Dollar. Der Film war ein Erfolg auf ganzer Linie und hat sich über die Jahre zu einem Kultfilm entwickelt, der auch heute noch zu meist nachtschlafenden Zeiten im deutschen TV läuft. Auch wenn ihn die Privatsender durch seinen unaufgeregten Charakter als Einschlafhilfe ansehen, so hat Grizzly doch so einige Qualitäten, die ihn zu einem angenehmen, mittlerweile vielleicht auch etwas angestaubten, Horrorerlebnis der extraleichten Sorte werden läßt. So gefällt der Film gleich zu Beginn durch einige wirklich sehenswerten, ja sogar wirklich schönen Naturaufnahmen. Die Kamera fliegt über ein wahres Meer aus unberührter Natur und Wald, rauscht über einen kristallklaren See und nimmt so den Zuschauer gleich gefangen. Man hält sich sogar nicht mal so lange bei der Einführung der Charaktere auf, sondern rauscht auch schon alsbald zum ersten Auftritt der titelgebenden Schreckenskreatur. Hier deutet Girdler schön an, läßt das braune Biest erstmal angedeutet und läßt dessen erster Auftritt sogar aus dessen Perspektive geschehen. Ein wirklich netter Einfall, wenn auch wahrlich nicht neues. Gut umgesetzt ist es allerdings und der Angriff auf die Camperinnen sogar ziemlich garstig. Nicht nur hier sondern auch im weiteren Verlauf des Films dürfen da ein paar Gliedmaßen das beinahe herbstliche Laub zieren.

Auch wenn durch die Ausführungen der Figur des Arthur Scotts die Bedrohlichkeit und die immensen Ausmaße des Grizzly näher erklärt werden, so schafft man es allerdings nie so richtig konsequent, Meister Petz auch wirklich gefährlich rüberkommen zu lassen. Dies läßt sich nicht mal auf das Alter des Werks schieben. Schon zu aktuelleren Zeiten dürften die Schockszenen wohl nur für die ganz, ganz Zartbesaiteten im Publikum wirklich erschreckend gewesen sein. Nur: gibt es wirklich Horrorfilme, die ohne so essentielle Mittel wie Spannungs- bzw. Schockmomente funktionieren? Ja, ein paar wenige schon und irgendwie gehört da Grizzly mit dazu. Der Schrecken mag so nicht in alle Glieder fahren, dafür vermittelt der Film durch seine angenehme Art ein wohliges Gefühl, dass Spaß am Treiben auf dem Bildschirm aufkommen läßt. Girdler schafft eine äußerst dichte Atmosphäre, was auch auf die gut ausgesuchten Schauplätze trotz kleinerer Probleme mit dem Wetter (gedreht wurde im winterlichen Georgia) zurückzuführen ist. Dies läßt auch über die Geschichte im großen und ganzen hinwegsehen, der es neben der angesprochenen Spannung auch an Überraschungen fehlt. Große Twists haben Sheldon und Flaxman nun wirklich nicht. Geradlinig geht es hier zu, wie man es eben bei einem Film über große, gefährliche Killer aus dem Tierreich eben erwarten kann. Ein ganzer Kerl kämpft hier gegen seine Ohnmacht gegenüber dem so übermächtig erscheinenden Tier und den Problemen, die er mit seinem Boss bekommt.

Dieser angesprochene Kerl ist Hauptdarsteller Christopher George, mit einem markanten Gesicht gesegnet, so dass er auch äußerst charismatisch rüberkommt. Ein markiger Type ist das, mit dem Herz am rechten Fleck, ein einfacher Mann der mit allen ihm erdenklichen Mitteln versucht, dass Unheil von "seinem" Park fernzuhalten. Doch sein Boss, dargestellt von Joe Dorsey, macht ihm das Leben dabei allerdings nicht allzu leicht. Leicht gelingt es den Autoren des Films dessen Carakter Charley Kittridge so darzustellen, dass man ihm am liebsten eher jetzt als später eine Begegnung mit dem wütenden Bären wünscht. Mit aller Macht versucht dieser, die Geschehnisse im Park als leichtes Übel runterzuspielen. Man kann sich denken, dass ihm das alles andere als gut gelingt bzw. die ganze Sache sogar ziemlich entgleitet. So lebt der Film neben den öfters angeschnittenen Konflikten zwischen Kelly und Kittridge am meisten aber durch die Jagd auf den Bären. Was an Spannung in den Szenen mit dem Bären fehlt, wird wieder ein klein wenig wett gemacht. Man knabbert zwar weiterhin lieber am Popcorn oder den Salzstangen als an seinen Fingernägeln, Girdler schafft es aber, den Zuschauer bei der Stange zu halten. Das Treiben vor der Kamera wurde wirklich ziemlich lässig eingefangen, eventuell sogar ein klein wenig zu behaglich. Doch dem irgendwie liebevollen Eindruck, den Grizzly vermittelt, kann man sich schwer entziehen.

Dazu tragen auch die zwei Recken bei, die Christopher George bei der Jagd nach Meister Petz zur Seite stehen. Als erstes hätte man da Andrew Prine als Hubschrauberpiloten Don Stober sowie Richard Jaeckel als Verhaltensforscher Arthur Scott. Letzterer hat den Part der verschrobenen Filmfigur inne, die ja irgendwie dazugehört. Wunderbar schon sein erster Auftritt, wenn er gegen seinen ausdrücklichen Wunsch von seinem Büro informiert wird, dass Ranger Kelly wegen des Bären seine Hilfe braucht. Scott sieht halt eher den Wald als das Büro als Heimat und Arbeitsplatz an und so ist er ziemlich ungehalten, wenn der Ruf über das Funkgerät die Rehfamilie, mit der er die letzten Tage über gelebt hat, urplötzlich vertreibt. Mimisch wie technisch geht der Film mehr als in Ordnung. Selten schaffen es Low Budget-Filme so gut vorzugeben, eine große Produktion zu sein. Auch wenn alles sehr einfach anmutet, was die Umsetzung angeht: gerade dieses bodenständige, dass von dem Film ausgeht, macht auch seinen Reiz aus. Es mag wenig passieren, trotzdem fühlt man sich von dem Treiben gut unterhalten. Auch dies zeugt vom Talent des Regisseurs, selbst eher nicht den Adrenalinspiegel antreibenden Stoff so gut zu verpacken, dass man nach Ende des Films trotzdem zufrieden ist. Es mag vom Vorbild Der weiße Hai vielleicht hier und da etwas ausgeliehen sein, was Szenen angeht, doch wie sagt man ja immer so schön: besser gut geklaut als schlecht selbst gemacht. Oder so ähnlich.

Irgendwie gibt der Erfolg da zudem dem Film auch recht. So viele Zuschauer können da gar nicht irren. So kann man ruhig auch mal den Ausflug in den Wald wagen um zu sehen, was passieren kann, wenn der Bär los ist. Gutklassiger Stoff für verregnete Sonntag Nachmittage oder lange Filmnächte mit zeitlosen B-Klassikern aus den 70er Jahren: so kann man Grizzly am Besten beschreiben. Natürlich lockt sowas hartgesottene Gore- und Schockfanatiker nur schwerlich bis gar nicht hinter deren Öfen hervor. Jeder andere, der sich für kleine, charmante Streifen begeistern kann, sollte mal einen Blick riskieren. Zumal hier die erste Welle von Tierhorrorstreifen anrollte, die Mitte bis Ende der 70er noch so manche kleine und große Perlen hervorbrachte. Und der in den Wald verlegte weiße Hai-Rip Off macht wirklich Laune. Anders als seine Jahre später enstandene Fortsetzung Grizzly II: The Predator. Im Jahre 1987 wurde dieser verwirklicht, hat sogar Stars wie George Clooney, John-Rhys-Davies und Suffnase Charlie Sheen im Aufgebot, aber das Licht der Welt hat er nie erblickt. Die Qualität dieses Films muss so dermaßen unterirdisch sein, dass er heute noch in irgendeinem Giftschrank vergammelt. Als halbe Fortsetzung kann man den ein Jahr später (1977) entstandenen Panik in der Sierra Nova ansehen. Hier saß wiederum Girdler auf dem Regiestuhl und Christopher George sowie Richard Jaeckel stehen wieder vor der Kamera. Neben einem Bären bedroht aber fast die gesamte Fauna nun die Menschen. Zudem ist der spätere Ulkfilmdarsteller Leslie Nielsen als äußerst zwielichtiger Geselle zu bestaunen. Wie gesagt: wer also Bären mag, darf Grizzly gerne mal die Pranke reichen!


Diesen oder andere Tierhorrorstreifen jetzt auf Filmundo abgreifen.

Montag, 8. November 2010

Friedhof ohne Kreuze

Eine karge Wüstenlandschaft, aufgewirbelt von den Hufen der Pferde, die von ihren Reitern gelenkt über das Land preschen. Die drei Caine-Brüder sind auf der Flucht vor den Rogers. Es geht um eine Menge Geld, doch Ben wird - schwer verwundet - auf seinem eigenen Land von den Brüdern der verfeindeten Familie gestellt. Vor den Augen seiner Frau Maria wird Ben von den gnadenlosen Männern gehängt. Schwer von dieser grausamen Tat mitgenommen und gezeichnet, bleibt ihr fast nichts. Die geflohenen Brüder ihres Mannes übergeben ihr noch den Anteil, der dem Toten zustand. Damit macht sie sich auf in eine Geisterstadt, in der Manuel lebt, ein alter Freund ihres verstorbenen Gatten. Er soll für den Obulus Rache an den Rogers üben, doch lehnt die Offärte erstmal ab. Doch er gibt Marias Willen nach und macht sich auf, dass Vertrauen der Familie zu erschleichen. Als ihm dies gelingt und er Arbeit auf deren Ranch bekommt, entführt er die Tochter Juana und entfacht damit eine Lawine grausamer und tragischer Verstrickungen.

Vor und hinter der Kamera finden wir hierbei Robert Hossein, einem französischen Akteur und Regisseur. der schon seit vielen Jahren im Geschäft dabei ist. Schon seit den 50er Jahren ist auf der Leinwand und auch der Bühne zu bewundern. Dabei hat der Herr mit dem markanten Gesicht sogar im altehrwürdigen Grand Guignol angefangen, welches durch seine reißerischen Boulevardstücke bekannt und berüchtigt wurde. Durch das angesprochene aufsehenerregende Äußere hatte Hossein zu Anfang seiner Filmkarriere desöfteren Gangsterrollen inne. Der große Durchbruch gelang ihm allerdings durch das Schmachtstück Angelique (1964), welches einige Fortsetzungen mit sich brachte, in denen Hossein auch wieder als von Narben entstelltem Peyrac und somit die große Liebe der titelgebenden Helden zu sehen ist. Zu dieser Zeit hatte er auch schon angefangen, eigene Bühnenstücke zu inszenieren, die allerdings noch recht erfolglos blieben. Dadurch angetrieben, nahm er auch schon recht früh auf dem Regiestuhl platz: Im Jahre 1961 erschien sein Debüt Haut für Haut, eine ebenfalls schon im Westerngenre beheimatete Geschichte. Noch etwas bekannter wurde der allerdings erst sieben Jahre später entstandene Friedhof ohne Kreuze, den Hossein seinem Freund Sergio Leone widmete.

Man merkt dem Werk auch an, dass der Freund des Franzosen mit ukrainisch-iranischer Abstammung ein großer Einfluss auf den Film war. Laut Hossein selbst inszenierte der leider viel zu früh verstorbene meister des "Spaghettiwesterns" beim Besuch der Dreharbeiten auch gleich mal eine Szene selbst. Allerdings ist Friedhof ohne Kreuze keine bloße Kopie der großen Westernepen Leones. Bei der französisch-italienischen Koproduktion ist der Einfluss der französischen Seite, besser gesagt die Handschrift des Regisseurs, herausragender, auch wenn man die bekannten Versatzstücke der italienischen Westernvarianten ganz klar erkennt. Das Genre hatte damals schon seinen Höhepunkt erlangt und trotz der vielen Produktionen, die damals schon aus Italien auf die Freunde der Cowboygeschichten einbrachen, sticht der im Original Une cord, un colt betitelte Film sehr schön aus dem Westerneinerlei hervor. Hossein schrieb zusammen mit Claude Desailly (die Beteiligung von Dario Argento am Buch verneinte er vor einiger Zeit in einem Interview) eine für dieses Genre auch heute noch bemerkenswerte Geschichte. Anders als im US-Western, wo man schon ab und an auch mal die Damenwelt näher behandelte, war gerade der Italowestern eigentlich eine Männerdomäne. Starke Frauen sind Fehlanzeige. In dieser Welt sind sie Beiwerk und bis auf einige kleine Nebenfiguren gibt es keine größeren bzw. bemerkenswerte, weiblichen Figuren.

Bei Friedhof ohne Kreuze ist dies anders. Die Geschichte um Rache und Sühne, einem weitverbreiteten Motiv, wird erst durch die Frau des ermordeten Ben entfacht. So nimmt dessen Witwe Maria eine zenrale Rolle in dem Stück ein. Noch nie war eine weibliche Figur so in einem Italowestern präsent, auch wenn trotzdem noch ein großer Anteil der Story von den männlichen Charakteren vorangetrieben wird. Nur ist deren Schicksal und auch Handeln zu einem gewissen Teil abhängig von der düsteren Gedankenwelt der Protagonistin. Eine gebrochene Frau, zerfressen von ihrer Wut und Trauer auf die grausamen Mörder. Es scheint, als hätten sie damit nicht nur ein Leben vom Erdenrund gefegt sondern damit auch noch gleichzeitig so gut wie ein weiteres zerstört. Die gute Frau könnte sich mit dem Anteil des verblichenen Gatten ein neues Leben irgendwo anders aufbauen. Doch Vergeltung geht voran. Natürlich wird diese Art von Geschichte auch in anderen Italowestern erzählt. Zankt man sich nicht um irgendwelche Penunzen, so muss irgendwer für eine von ihm begangene Tat aus der Vergangenheit meist schrecklich büßen. Doch es ist die inszenatorische Art Hosseins sowie die Art des Aufbaus der Geschichte von Friedhof ohne Kreuze, das dies urplötzlich so anders ist.

Dieser hat nämlich nicht nur die Art und Konventionen des Italowestern genaustens studiert und stellt diese bemerkenswert in seinem Werk dar, er fügt der an sich so simplen wie auch guten und rauen Geschichte auch eine schöne tragische Note hinzu. Die Geschichte vermag auf den ersten Blick einfach erscheinen, doch die Verstrickungen der Figuren untereinander und deren miteinander verwobenes Schicksal macht aus Friedhof ohne Kreuze mehr als eine gewöhnliche Pferdeoper. Es ist eine waschechte Italowestern-Tragödie mit starken, melodramatischen Zügen. Dabei ist die gesamte Stimmung des Films über bestimmt von der so stark in Maria schwelenden Wut und der Trauer, an der sie fast zu zerreißen droht. Es wird ein dreckiges und trostloses Bild gezeichnet. Dabei ist das ganze so trist, dass der Film stilistisch ungewöhnlich in sehr kaltem schwarz-weiß anfängt und erst nach dem Vorspann zur Farbe wechselt. Dabei schenkt Hossein seinem Film und dessen Bildern eine visuelle Kraft, die durch dessen melancholische Stimmung noch verstärkt wird. Wenn man hier von Trostlosigkeit spricht, dann werden selbst andere Genregrößen, deren Bilder auch diese Sprache kennen und sprechen, beinahe noch übertroffen. Die verfallene Geisterstadt in der Manuel haust, ist hier ein gutes und zugleich beeindruckendes Beispiel dafür, wie sehr Friedhof ohne Kreuze den Aspekt des Verfalls auch in seinen Settings zum Ausdruck bringen kann.

Es schwingt irgendwie eine gewisse Schwärze, nicht näher definierbare Dunkelheit im Unterton des Films mit. So bleibt auch Manuels Intention, weswegen er dann doch auf Marias Angbot eingeht, erst im Unklaren. Die Story schweigt sich zuerst aus, so wie seine Figuren. Schon andere Helden in Italowestern waren schon mal recht Maulfaul. Doch hier ist nicht nur Manuel ein schweigsamer (Anti-)Held, der lieber Taten an Stelle der Worte sprechen läßt. Friedhof ohne Kreuze ist ein recht dialogarmer Film. Es wird mit ausdruckstarken Bildern und mimischer Kraft gesprochen und erzählt. Dabei macht der Regisseur auch als Darsteller eine gute Figur. Geheimnisvoll gibt sich sein Manuel, seine genauen Beweggründe werden erst später genauer erläutert. Er läßt geschehen, scheint - wie andere Protagonisten des Genres auch - nur auf seinen eigenen Vorteil aus zu sein und scheint Menschen gegenüber gleichgültig. Er scheint gute Seiten zu haben, doch läßt auch die Misshandlung der entführten Rogers-Tochter durch die beiden Caine-Brüder einfach so zu geschehen. Wie Maria, scheint auch er im inneren Gebrochen zu sein.

Hossein holte sich für die Rolle der Maria niemand geringeren als seine aus den Angelique-Filmen bekannte Partnerin Michèle Mercier vor die Kamera. Dabei beweist sie, dass sie nicht nur eine hübsche Adelige darstellen kann. Sie gibt sogar die beste mimische Arbeit im Film zu Besten, so stark und nuanciert spielt sie ihre Rolle. Nicht nur sich treibt sie durch ihre von Rache getriebenen Handlungen so unweigerlich in den Abgrund. Einen Ausweg, eine bessere und positivere Alternative zum gewählten Weg gibt es hier für die Figuren nicht. Schon zu Beginn mahnt Manuel die Frau, dass Rache, ist diese erstmal vollzogen, keine hundertprozentige Befriedigung ist. Friedhof ohne Kreuze ist die Suche zweier gebeutelter Existenzen nach Erlösung, deren Schicksal nach erfolgter Katharsis allerdings nicht gerade das positivste ist. Hossein schafft es hier sehr gekonnt, Elemente des Italowesterns mit denen der Tragödie zu verbinden. Die Beziehungen und Verstrickungen zwischen den einzelnen Figuren bleiben glaubhaft und der Verlauf der Geschichte wird somit langsam aber dafür auch umso intensiver ausgearbeitet. Dabei läßt er eigentlich so für das Genre notwendige Dinge wie ordentliche Actionenszenen außen vor.

Man könnte Friedhof ohne Kreuze vormal vorwerfen, dass er fast schon langweilig sei. Doch die Spannung erreicht er nicht durch lange Shootouts oder langen Verfolgungsjagden auf so vielen Kläppern wie möglich. Der Film hat eine gewisse Härte, läßt hier aber eher durch den dreckigen Look, seinen rauhen Charme sowie der schon angesprochenen tristen Stimmung hier eher das Kopfkino arbeiten. Der durch die Geisterstadt gellende Schrei der misshandelten Juana reicht hier schon, um den Schrecken entstehen zu lassen. Die Stärken des Films liegen sowieso ganz wo anders, reine Action hat man gar nicht nötig. Die Figuren sind interessant gezeichnet, sind sogar recht gut ausgearbeitet und fernab von sonst so vorherrschender Schablonenhaftigkeit. Dies soll andere wunderbare Werke des Genres, die mit so etwas arbeiten, natürlich nicht abwerten. Dafür ist dann Hosseins Film auch wieder viel zu speziell. Es ist eine klassische Erzählung mit viel dramatischem Sprengstoff, der die Empfindungen des Zuschauers - wenn dieser sich drauf einlassen kann - explodieren lassen kann. Eine herrlich schwermütiger Film, der - dies sollte nicht unerwähnt bleiben - vom grandiosen Score von Hosseins Vater André unterstützt wird. Ein ganz und gar anderer, aber gerade deswegen so schöner Italowestern, der vordergründig genau sowas ist und tiefgründig eine klassische Tragödie von beinahe epischem Ausmaß ist. Kalt, schwarz und niederdrückend in seiner erzählerischen Kraft und gerade deswegen so faszinierend. Oder anders ausgedrückt: ein rundum gelungenes Gesamtpaket.


Diesen oder andere Western jetzt auf Filmundo abgreifen.

Mittwoch, 3. November 2010

Banksy - Exit Through The Gift Shop

Der in den USA lebende Franzose Thierry Guetta besitzt die Obsession, alle seiner Schritte und Ereignisse in seinem Umfeld mit der Kamera festzuhalten. Durch seinen Cousin kommt er zum ersten Mal mit der aufkommenden Streetart-Bewegung in Kontakt. Er begleitet diesen auf seinen nächtlichen Trips durch die Stadt, lernt weitere Künstler kennen und bannt deren Aktionen auf Video. Als Thierry schon fast jeden Straßenkünstler den er kennt, auf Video festgehalten hat, stößt er auf das Phantom der Szene: Banksy, welcher durch seine subversiven und teils aufwändige Aktionen schnell einem größeren Publikum bekannt wird. Er entschließt sich, das unmögliche wahr zu machen und versucht, Kontakt mit dem sich eher im Hintergrund aufhaltenden Künstler aufzunehmen. Als es ihm gelingt, dreht Banksy den Spieß einfach um und hält schnell eine Videokamera auf den Franzosen, den er doch so viel interessanter als sich selbst hält.

Wenn es um das Thema Streetart geht, dann kommt man eben nicht an Banksy vorbei. Viele asoziieren den Begriff auf Anhieb auch erstmal mit dem englischen Künstler, der den puren "Schmierereien" auf Häuser- und/oder Plakatwänden zu mehr Stellenwert verholfen hat. Immerhin findet durch ihn Streetart immer mehr auch in gehobeneren Kreisen der Kunstszenen und sogar auf Auktionen statt. Dabei wird dem Streetartguru, dessen wahre Identität bis heute nicht wirklich geklärt ist, von einigen Leuten aus der Szene der kommerzielle Ausverkauf vorgeworfen. Doch wenn richtig gute Kunst mit Messages eben auch die breite Masse ansprechen kann, so hat nahezu fast jeder Kunstschaffende, egal aus welcher Sparte, damit zu kämpfen.

Wer nun aber ein umfassendes Portrait über den Mann und seine kongenialen Werke erwartet, der wird erstmal etwas enttäuscht nach dem Film sein. Doch Banksy wäre nicht Banksy, wenn er hier mal wieder nicht einiges ad absurdum führt. Stellt Exit Through The Gift Shop auch dessen Filmdebüt dar und erwartet man wirklich von jemandem, der darum bemüht ist seine wahre Identität so gut wie möglich zu verbergen, dass er sich dann mit diesem Film so stark ins Rampenlicht drängt? Der Film ist eine wahre Schelmerei und versteht es sehr geschickt, mit den Erwartungen seines Publikums zu spielen. Desweiteren ist Exit Through The Gift Shop auch ein gekonntes Spiel mit der Realität bzw. der Wahrnehmung, da die Grenzen zwischen "Documentary" und "Mockumentary" fließend sind. Was ist überhaupt schon Wirklichkeit? Und was ist mit diesem schrägen Franzosen, der nach und nach immer mehr zum Zentrum des Films wird? Der Film wirft so einige Fragen auf, die einen auch nach dem Anschauen noch etwas im Kopf kleben bleiben.

Hintersinnig nimmt Banksy hier den Hype um Streetart aufs Korn und hält der Kommerzialisierung der Kunst ein klein wenig den Spiegel vors Gesicht. Der Regisseur hält sich zurück, kommt nur hier und da ins Bild um seine Ansichten über Guetta und dessen Wesen an den Zuschauer weiterzugeben. Lieber läßt man da die verschiedensten Filmschnipsel und Ausschnitte sprechen, die uns einen Menschen zeigen, der von vielen Menschen wohl einfach als Sonderling abgetan werden würde. Überall wo er auch ist, nimmt er die Kamera mit. Jedes Ereignis muss er festhalten, auch wenn es an und für sich noch so banal ist. Die vollen Tapes, so schildert es der Film, bunkert er dann ungesehen in Kisten. Manchmal beschriftet er die Bänder, manchmal auch nicht. Als habe Guetta kein Gedächtis, scheint es ihm darum zu geben, Augenblicke für die Ewigkeit zu bannen. Erklärt wird dies mit einem traumatischen Erlebnis, dass wohl auch dazu führt, dass man diesen Dauerfilmer immer mit etwas argwohn betrachtet. Dafür liefert er aber so einige interessante Bilder von seinem Cousin, der mit dem Künstlernamen Space Invader in der Szene unterwegs ist, sowie dessen Kumpanen von ihren Aktionen. Man widmet sich hier etwas beiläufig den verschiedensten Menschen aus dieser Subkultur, begleitet sie und läßt durch den dokumentarischen Charakter den Zuschauer zum Zeuge bei der Entstehung dieser neuen Kunstwerke werden.

Exit Through The Gift Shop huldigt hier dieser so tollen, guerrillahaftigen Kunstform, bleibt allerdings an der Oberfläche. Es wird nicht tiefer in die Marterie gegangen. Häppchen werden hier aufgetischt, wohl aber auch, da Guetta gar nicht richtig in der Lage ist, sich mit den Aussagen der Künstler bzw. deren Intentionen zu befassen. Er findet es erst so nach und nach interessant und begleitet seinen Cousin auch erst nur, damit er eben etwas filmen kann. Das er raus kann und somit einzig und allein seine Obsession befriedigen kann. Er erzählt den Künstlern, wenn sie ihn fragen, wieso er eigentlich immer die Kamera mit sich führt und alles auf Video bannt, dass er eine Dokumentation über Streetart plant. Man kommt beim Herzstück des Filmes, Phantom Banksy, an und schnell stellt dieser den "irren" Franzosen in den Mittelpunkt. Alle Augen der Kunstwelt sind schon auf diesen Mann gerichtet. Es scheint fast so als frage sich Banksy hier nun, wieso auch in diesem Film jeder unbedingt auf ihn glotzen soll. Trotzdem wird man der Faszination um das Phänomen auch hier ausgesetzt. Die Aktionen, wenn er in Disneyland eine als Guantanamo-Häftling verkleidete Puppe an einer Atraktion montiert, eine zerstörte Telefonzelle irgendwo in London hinstellt oder auch in Krisengebieten Mauern mit seinen Kunstwerken schmückt: insgeheim fängt der Zuschauer ihn wegen seiner Kühnheit an zu feiern.

Doch bevor er sich allzu sehr ins Rampenlicht stellt, ändert er einfach mal den Ablauf und rückt Guetta in den Vordergrund. Nicht nur, dass dieser uns mit seinem irgendwie doch schon recht charmanten Akzent über seine ersten Berührungen mit Streetart, sein dann doch gestiegenes Interesse an dieser Kunstform und vor allem an seinen berühmtesten Vertreter Banksy informiert hat, er nimmt den zentralen Punkt im Film ein. Noch mehr: aus dem stillen Beobachter in all seiner Passivität wird nun ein aktiver Teilnehmer an der Szene. Auf Banksys Anraten hin versucht auch Thierry sich als Streetartist. Hier dreht sich Exit Through The Gift Shop ein klein wenig und aus der reinen Mock- bzw. Documentary wird auch eine kleiner, giftiger aber immer noch mit genügend Ironie ausgestatteter Kommentar auf den Kunstbetrieb an sich und den Umgang mit dem Streetart-Hype. Banksy selbst lehnt Galerien wie auch eben diesen Kunstbetrieb an und für sich ab, doch so richtig kan man sich dieser Sache leider nie verwehren. Es scheint so, als wolle er sich mit diesem Werk auch ein wenig Luft verschaffen und seine Gedanken darüber einem breiten Publikum näherbringen.

So stellt er Guetta als einen Dampfplauderer dar, einen ohnehin oberflächlichen Mensch, der schon früher durch seinen Kleiderhandel daran interessiert war, schnelle Kohlen zu verdienen. Er will unter seinem Pseudonym Mr. Brainwash gleich von 0 auf 100 in Nullkommanichts durchstarten, gibt sich als großer Visionär, bleibt aber lediglich ein Kopist. Jemand, der gut abkupfern kann. Er erklärt am Anfang, dass er mit gefälschten Klamotten auch gut Geld machen konnte. Und auch wenn er für die Kunst einiges an Moneten investiert: er tritt die Arbeit an andere ab, läßt ein wenig die Pop- und Streetart der letzten Jahrzehnte von ihm angeheuerte Künstler modifizieren und läßt dies alles in einer pompösen Ausstellung gipfeln. Thierry ist schnell der neue, gefeierte Star der Szene, die eigentlich auf subversive und höchst alternative Art und Weise die heutige Gesellschaft beobachtet und kommentiert. Doch wie schnell sowas selbst ein Rädchen in der Maschinerie des Kapitalismus und der kommerzialisierten Kunst wird, sieht man eben am Beispiel von Guetta. Mit sarkastischen Untertönen kommentiert Banksy im weiteren Verlauf den Werdegang des einst so piefigen, videobesessenen Franzosen.

Zudem kommentiert er mit Exit Through The Gift Shop unterschwellig die Kunst, stellt den Hype um Personen wie ihn in Frage und überspitzt ihn. Es wird ein wenig ermüdend im weiteren Verlauf, Guetta bei seinem Werk und Schaffen zuzusehen, doch die Kommentare seiner Weggefährten und allen voran Banksys schaffen es, dass das Interesse daran weiter bestehen bleibt. Das scheitern eines jemanden, der nichts von dieser Richtung der Kunst verstanden hat, damit aber schnell seinen Lebensunterhalt verdient, wird hier ausgiebig dokumentiert. Kommentieren hätte man es noch etwas bissiger können. Der ohne jeden Zweifel sehr stimmige Film, der teils ebenso flapsig wie auch die von ihm als Thema auserwählte Kunst daher kommt, bleibt somit eine Satire Light was diesen Aspekt angeht. Die vom technischen Standpunkt sehr schnell und auf das urbane Thema angepasste Art mit ihren teils zügigen Schnittfolgen, die dann wieder in ruhigere Passagen übergleitet, ist dabei sehr passend gewählt. Mit einem Schmunzeln im Gesicht lässt man dabei den Film nach seinem Ende noch ein wenig in seinem Kopf weilen und kann dabei nur sagen "Gut gemacht, Mr. Banksy". Dem Künstler ist hier zwar kein Geniestreich gelungen. Es hätte noch etwas deftiger bzw. direkter im Kommentar rund um die Kunstszene sein können, doch alles in allem ist und bleibt das Debütwerk des Briten eine rundum gelungene, gute Doku.

Montag, 1. November 2010

Das Waisenhaus

Mit ihrem Ehemann Carlos zieht Laura in ein leer stehenden Haus ein, um aus diesem ein Pflegeheim für behinderte Kinder zu machen. Somit kehrt sie nach gut 30 Jahren dorthin zurück, wo sie einen Teil ihrer Kindheit verbrachte. Immerhin war ihr neues Zuhause früher einmal ein Waisenhaus, in dem sie bis zu ihrer Adoption wohnte. Mit dabei ist auch der gemeinsame Sohn Simon, ein aufgeweckter Junge, der eine wahrlich lebhafte Phantasie besitzt. Seine liebsten Spielgefährten sind zwei imaginäre Freunde, zu denen sich nach einem Besuch am nahegelegenen Strand und einer in der Nähe befindlichen Höhle mit Tomàs noch ein dritter hinzugesellt. Eigentlich haben sich seine Eltern schon daran gewöhnt, doch sein neuer Freund als auch die Alten bringen immer seltsamere Ereignisse mit sich. Die Lage dramatisiert sich sogar so sehr, dass an der Eröffnung des neuen Kinderheims Simon verschwindet. Kurz zuvor hatte Laura einen geheimnisvollen Jungen mit Sack über dem Kopf, den von Simon durch eine Zeichnung so dargestellte Tomàs, im Haus gesehen. Die Suche nach Simon bringt keine Ergebnisse, das Kind scheint wie vom Erdboden verschluckt und die seltsamen Ereignisse im Haus häufen sich. Es scheint, als wollen die unsichtbaren Freunde des Verschwundenen der verzweifelten Laura etwas mitteilen. 

Die derzeitigen Trends innerhalb des Horrorfilms kann man mit der Bezeichnung Rustikal schon wirklich gut beschreiben. Der Gore und Splatter sind im Mainstream angekommen und fast jede neuere Horrorproduktion hat auch einen immensen Kunstblutverbrauch. Da freut man sich doch, wenn hier und da auch mal noch ein eher traditionellerer Film der eher auf Subtilität und unterschwelligen Grusel setzt, veröffentlicht wird. Vor knapp drei Jahren war Das Waisenhaus so ein Kandidat, der darüber hinaus von allen Seiten bejubelt wurde. In seinem Entstehungsland Spanien wurde er mächtig gehypt und als neues Aushängeschild für den iberischen Genrefilm angesehen. Und man muss sagen: die Lobeshymnen auf das bisher einzige abendfüllende Werk des ehemaligen Videoclip-Regisseurs Juan Antonio Bayona sind verständlich.

Das Waisenhaus ist dabei ein schön ruhiger Film, dem es nicht auf große und aufwendige Effekthascherei ankommt. Die Geschichte um Laura, Carlos und ihren Sohn Simon entwickelt sich langsam, vorangestellt ist dabei ein kurzer Blick auf die Kindheit der Mutter und deren Zeit in dem Haus, das nun - nach langen Jahren - nochmals zu ihrem Heim wird. Schon in dieser kleinen Rückblende schafft es der Film ein gewisses Gefühl der Behaglichkeit zu schaffen. Wohlfühlmomente stellen sich ein und die Familie erweist sich als ein sicherer Hort für die Protagonisten. Dabei arbeitet Bayona mit einem gekonnten Mix aus warmen aber auch gleichzeitig recht kalt und stilisiert wirkenden Bildern. Das Haus wird so in Perspektiven eingefangen, die es einerseits als angenehm erscheinende Wohnung, aber auch als unheimliches altes Gemäuer zeigen. Innen sieht es genauso aus. Viele dunkle Plätze und Gänge gibt es hier, die sich mit anfänglich noch hell erleuchteten Zimmern abwechseln. Doch mit dem Verschwinden Simons wird Platz für die Dunkelheit gemacht. Die Verzweiflung der Figuren, allen voran Laura, wird auch durch die immer düsterer werdenden Räumlichkeiten des Hauses dargestellt. 

Mit der Dunkelheit und den Schatten zieht auch der Schrecken in das Haus ein. Auch dieser erweist sich als sanft und steigert sich nur marginal. Bayona inszeniert den Horror zwar nicht mit angezogener Handbremse, beruft sich hier aber auf den ganz klassischen Grusel mit Andeutungen, dunklen Geheimnissen und ähnlichem, dem es auf den Grund zu gehen heißt. Es sind bewährte Standards, die man hier in die Story packt. Nach einem schweren Schicksalsschlag droht der Protagonist daran schon fast zu zerbrechen und wird für den unheimlichen und paranormalen Aspekt der Story sensibilisiert. Ob Lauras Ehemann Carlos genauso direkt mit den seltsamen Begebenheiten im Haus konfrontiert wird bzw. diese so wie seine Frau wahrnimmt, wird nie zur Gänze beantwortet. Auch hier ist die Rollenverteilung klassisch: Carlos bleibt der ewige Zweifler, ein nüchterner Realist, was durch seinen Beruf als Arzt und der somit vorhandenen Verwurzlung in die realistisch denkende Wissenschaft nochmals betont wird. Auf der anderen Seite ist da Laura, seine Frau. Versunken in ihrem Schmerz ist sie empfänglich für das, was normale Menschen nur schwerlich wahrnehmen können oder wenn, als Hirngespinst abtun würden. Das nach dem Verschwinden ihres geliebten Sohns doch noch irgendwas im Haus ist, dem ist sie sich sicher. Mit ihr auch der Zuschauer, kann man sich durch so manche Andeutungen zu Beginn schon denken, welche Richtung Das Waisenhaus einnehmen kann.

So sieht man Simon sich in der Höhle flüsternd mit seinem neuen imaginären Freund unterhalten. Er  legt am Strand gesammelte Muscheln als Spur auf dem Nachhauseweg aus, damit dieser auch zu ihm findet. Immerhin hat er vorher ja auch ganz artig gefragt, ob sein neuer Freund ihn zu Hause besuchen dürfe. Das Waisenhaus nimmt hiermit den Aspekt auf, dass Kinder dazu in der Lage sind, immer etwas mehr zu sehen als die abgestumpften Erwachsenen. Das Auftauchen von Tomàs kurz vor seinem Verschwinden könnte darauf deuten, dass es ab sofort im Verlauf des Films zügiger von statten geht, doch der Film bleibt eher ruhig. Gänsehautmomente, ganz große sogar, kann er trotzdem aufbauen. Altbekannte Gruselelemente lehren einem, sofern sie sauber inszeniert sind, eben auch heute noch das Fürchten. Eines der vielen kleinen Highlights ist dabei auch Lauras Zuhilfenahme eines Mediums, das schaut, ob sich neben dem Ehepaar noch etwas im Haus befindet. Die sehr glaubwürdige Umsetzung der nun vorkommenden Parapsychologen in Kombination mit den sich steigernden Schock- bzw. Schreckmomenten ist ein gelungener Mix. So möchte man mit der immer verzweifelter werdenden Laura, eindringlich von Belén Rueda dargestellt, hinter das Geheimnis des Verschwindens von Simon kommen.

Man nimmt ihr diesen tief von innen kommenden Schmerz über den Verlust des Kindes jede Minute ab. So gelingt es wie vielen seiner Kollegen auch Bayona, eine schöne Mischung aus Horror und Drama darzubieten. Gerade der moderne bzw. neuere Genrefilm aus Spanien geht immer Hand in Hand mit Dramaelementen, die so auch emotional höhrere Bindung mit der Hauptfigur beim Zuschauer schaffen. Und selbst wenn Das Waisenhaus wahrlich keine unverbrauchten Ideen oder Innovationen zu bieten hat, so zeugt es auch von Qualität, wenn ein Film das Altbekannte ansprechend gut verpacken kann. Dies kann der Film auf jeden Fall, da er mit genügend Raffinesse umgesetzt wurde. Gegen Ende hin fällt er ein klein wenig ab, da man die in hohe Gefilde wachsenden Erwartungen des Zuschauers nicht ganz halten kann. Man könnte es sogar kitschig nennen, wenn man etwas negatives am Film suchen wollte. Gekonnt und dem Versuch widerstehend, es allzu offensichtlich bzw. plump darzustellen, könnte man es auch nennen. Es ist ein versöhnliches Ende, gepaart mit schrecklicher Erkenntnis wenn das Geheimnis um Simons Verschwinden endlich aufgedeckt ist.

Hier wird aber auch schön gezeigt, dass mitunter die besten traditionellen Horror-, Grusel- oder auch Spukfilme genannten Werke meist aus Spanien kommen. Die Leute dort haben das richtige Händchen dafür, interessante Geschichten mit dramatischen Zügen und einer gehörigen Portion Spannung umzusetzen. Das Waisenhaus ist dafür der beste Beweis, schafft er es sogar durch seine kleine vorauszusehenden Entwicklungen trotzdem eine meterdicke Gänsehaut zu erschaffen und den Zuschauer zu packen. Er ist vielleicht nicht der beste und größte Film dieser Sparte, aber auf jeden Fall ein sehr guter Horrorstreifen. Sollte man gesehen haben.


Diesen oder andere Gruselschocker jetzt auf Filmundo abgreifen.

Montag, 25. Oktober 2010

Nebraska Jim

Trotz seinem Land, Vieh und einer hübschen Frau zu Hause hat es Marthy Hillman alles andere als leicht. Das angesprochene Weibchen Kay gibt nur zum Schein die treu liebende Ehefrau, um sich so besser vor dem äußerst fies in die karge Landschaft glotzenden Bill Carter zu schützen. Dieser hat nämlich seit geraumer Zeit eine Rechnung mit Hillman zu begleichen und ist zudem schon seit Ewigkeiten auf Kay scharf. Gerade als Carter zum nächsten Schlag gegen seinen Kontrahenten angesetzt, einen von dessen Aufsehern hinterrücks vom Pferd geschossen und das Vieh unter seinen Nagel gerissen hat, kommt für Hillman die rettende Hilfe in Gestalt eines Fremden daher. Dieser nennt sich ganz einfach Nebraska Jim, kann gut mit dem Colt umgehen und bietet Hillman ganz selbstlos seine Dienste an. Dieser stellt ihn ein und damit beginnen die Probleme aber im Konflikt zwischen den beiden Parteien aber erst richtig. Nicht nur dass sich auch Hillmans neuer Helfer sehr schnell bei Carter unbeliebt macht, dieser verübt auch einen hinterhältigen Anschlag auf Marthy und versucht ihn durch eine gemeine Intrige beim fast ständig besoffenen Sheriff der nahe gelegenen Stadt anzukreiden. Gut allerdings, dass der gute Jim nun da ist. Dieser ist auch noch mit genug List und Intelligenz ausgestattet, um es mit Carter und dessen Bande aufzunehmen um so Marthy und Kay aus der Patsche zu helfen.

Auch wenn einige Quellen als Regisseur dieses frühen Italowestern den Spanier Antonio Román angeben, so ist dies viel eher das Werk eines Mannes, bei dem man recht erstaunt sein kann, dass dieser wirklich Western in seiner Filmographie stehen hat. Einige Tage nach Produktionsbeginn überwarf sich der Produzent mit Román, der diesen dann im Streit vom Set warf. Nun durfte ein Mann auf den Regiestuhl klettern, der vor allem als Vater des gothischen Italohorrors sowie (vor allem) des Giallo angesehen werden darf. Niemand geringerer als Mario Bava vollendete den Western, bekam allerdings niemals eine namentliche Erwähnung. Man sprach das Werk als dieses in den Lichtspielhäusern dieser Welt anlief trotzdem Román zu. Erst viele Jahre später erklärte der Produzent Fulvio Lucisano in einem Interview, wie der Hase eigentlich lief und gestand ein, dass Bava das Ruder bei diesem Film übernahm. Dabei ist Nebraska Jim nicht mal der einzigste Italowestern des Bildervirtuosen. Zwei Jahre zuvor, 1964, entstand unter seiner Fuchtel der noch stark am US-Western angelehnte Der Ritt nach Alamo, den er unter seinem Pseudonym John Old drehte. Sein dritter und letzter folgte 1970 und ist auch der einzigste, den er unter seinem richtigen Namen machte: Drei Halunken und ein Halleluja setzte unter dem Kapitel "Mario Bava und der Spaghettiwestern" einen Schlußstrich.

Riesengroßes Interesse brachte der in Sanremo geborene Regisseur dem Genre niemals wirklich entgegen. Diese drei Filme waren für Bava Auftragsarbeiten, mit denen er nun mal seinen Lebensunterhalt sichern konnte. Dies heißt allerdings nicht, dass Bava sich recht gelangweilt in seinen Regiestuhl gefläzt und den Kram schnell hinter sich gebracht hat. Seinen Stempel konnte er dem Genre so leider nie aufdrücken, da halt nicht 100% Bava hinter den Werken stehen und man seine typische Handschrift den Filmen nur sehr bedingt ansieht. So auch bei Nebraska Jim, der zwar auch noch stark nach Amiwestern riecht, aber schon leichte Einschübe aus Bella Italia mit sich bringt. Diese halten sich aber eher in Grenzen. Zu stark ist da noch der Einfluss der Hollywoodvorbilder, der sich auch in der Gestaltung der Charaktere zeigt. Allen voran ist da der titelgebende Held,  dargestellt von Ex-Model Ken Clark. Es scheint beinahe so, als sei er ein Übermensch, ein Superheld in Cowboy-Klamotten, so überlegen wird seine Figur angeschnitten. Er ist zwar ein vergangenheitsloser Fremder, der - wie auch in späteren Italowestern - dann auftaucht, wenn irgendwo der Dung heftig am Dampfen ist, aber allerdings nicht als Antiheld aufgezogen wird. Er ist ein ehrlicher, bodenständiger Bursche mit dem Herz am rechten Fleck. Hier wird nicht zum eigenen Nutzen eine Allianz mit anderen Figuren eingegangen sondern sich ganz in den Dienst für die gute Sache gestellt.

Hinzu kommt, dass er sich vom Gros der Wildwestfiguren abhebt. Ein markiger Bursche mag er sein, was auch das kantige Gesicht von Clark noch unterstreicht, doch anstatt Whiskey trinkt er lieber mal ein Gläschen Milch, zeigt sogar in einer kurzen Szene das er das Schachspiel beherrscht und kann trotzdem prächtigst mit dem Menschenlocher umgehen. Ein schimmernder Held, dem schon bald Yvonne Bastien alias Kay, zu Füßen liegt. In so eine Männerblaupause kann man sich halt einfach nur verlieben, selbst wenn sie eine ganz Fußmatte als Brustbehaarung mit sich trägt. Für die Figur des Nebraska Jim müsste man eigentlich eine Steigerung für das Substantiv Mann erfinden, soviel Kerl ist das. Da kommt Alfonso Rojas als Marthy nicht so richtig dagegen an, auch wenn Clarks spielerisches Talent sich öfters mal eine Drehpause gegönnt hat, obwohl dieser gerade vor der Kamera stand. Nicht, dass der werte Herr Hauptdarsteller ein Charge mit viel Knall davor ist, aber er steht halt meist in der (schön anzusehenden) Gegend herum und schaut angestrengt vor sich hin. Für die übersteigerte Figurenepigone des strahlenden Helden ist dies gar nicht mal so unpassend. Er macht seine Sache eben in Ordnung. Rojas als fast immer durch die Bedrohung Carters verzweifelten Hillman kommt dabei schon ganz anders zur Geltung. Auch wenn er vor der Testosteronbombe auf zwei Beinen Clark nun eben etwas untergeht, so kann auch er einige Akzente setzen. Zu Beginn setzt er schallend sogar eine Ohrfeige in das Gesicht seiner Scheinehefrau. So ein richtig braver Bubi ist der gute Marthy nun auch nicht, wie er sich immer gibt. Die Sympathien des Zuschauers hat er trotzdem auf seiner Seite.

Ja, auch Peter Carter hat diese. Der heißt eigentlich Piero Lulli und bei diesem Namen dürften dem wissenden Italowestern-Afficionado die Ohren vor Verheißung ganz laut klingeln. Lulli war damals gefühlt ja auf fast jedem Set anwesend, auf dem man einen Italowester gedreht hat und spielte meistens die ganz finsteren Typen und wie sollte dies anders sein: auch in Nebraska Jim ist dies der Fall. Dabei setzt er der Figur des Bill Carter seinen eigenen Stempel auf und als Fan macht man schon einen halben Kniefall vor dem heimischen TV-Gerät bei dessen ersten Auftritt, wenn er in seiner komplett schwarzen Montur sehr düster in die Richtung des Zuschauers blickt. Carter lügt, betrügt und setzt auch eine ordentliche Gewaltkelle ein, um alle Vorteile für sich auszunutzen. Ein unbequemer Kerl, dem man Nachts alleine nicht über den Weg reiten möchte. Lulli ist so der heimliche (bzw. sogar eigentliche) Star des Ensembles von Nebraska Jim, ist sein Acting kurz vor Over, aber dafür trotzdem unheimlich gut anzuschauen. Wenn der Herr mit dem leicht ungepflegten Gesichtspullover schallend auflacht, da zieht es einem selbst durch Mark und Bein. Nichts geht eben über einen Piero Lulli im Cast, da darf man sich immer auf einige tolle Szenen freuen. Auch wenn sein Fiesheitsfaktor durch die Anlehnung an den klassischen Western aus Amerika nicht ganz so hoch wie in späteren Produktionen aus Italien ist, so überrascht Bavas Film doch mit einigen für die damalige Zeit noch untypische Härten. Da wird hinterhältig ermordet samt blutiger Einschüsse und selbst Obersaubermann Ken Clark darf einem Mitglied von Carters Bande recht blutig eine Patrone am Ohr vorbeischrammen lassen.

Während dann im Hintergrund der Score von Nino Oliviero pfeift und trompetet, läßt Bava die Geschichte recht routiniert inszeniert verstreichen. Dabei ist Nebraska Jim ein recht gut anzuschauender Western nach traditionellem amerikanischem Stil mit einem Hauch Italowestern-Anleihen. Doch für einen richtig guten Film langt es hier irgendwie nicht so ganz. Dafür kann man wohl auch in der Story teils doch zu schnell den Braten riechen, wie sich das ganze weiter entwickelt und das da noch eine ganze Menge mehr zwischen den Herren Carter und Hillman steht, wie immer nur angedeutet. So etwas wie Spannung kann sich hier nicht entwickeln so dass der Film trotz seines unterhaltenden Charakters doch etwas spröde in manchen Dingen erscheint. Da hätte man etwas mehr Feuer im Ofen entfachen müssen, so lodert hier eine kleine, heimelige Sparflamme die dem Film nur einen gewissen "Kuschelfaktor" bringt. Es muss zwar beileibe nicht immer nur derbe Keile und wuchtige Action sein, damit ein Western punkten kann, doch rein objektiv gesehen, gibt die Story von Nebraska Jim nicht so viel her. Narrativ kann sich der Streifen zwar trotzdem sehen lassen, vermag es aber nicht, großartig zu fesseln.

Zwischen Zuschauer und Film funkt es halt doch einfach zu wenig, auch wenn er ein zufriedenstellender Western ist. Die Italiener begannen zu dieser Zeit erst langsam, ihre eigene Richtung innerhalb des Genres zu finden. Obwohl es auch von der technischen Seite äußerst gut zugeht: selbst hier merkt man zu wenig Bava. Gerade der Mann, der soviel optische Wucht in seine Filme legen kann, bleibt hier unter seinen eigenen Leistungen. Hier merkt man dann doch, dass das Interesse leider nicht das allergrößte wäre. Hätte man Bava für die Cowboyepen der damaligen Zeit begeistern können, so wäre wohl ein äußerst extravaganter Streifen herausgekommen. Alles in allem ist Nebraska Jim ein Werk, dass man als grundsolide und okay einstufen kann. Kein besonders herausragender Film, aber so die ein oder andere Szene und das Gesamtergebnis weiß dann doch schon wohlwollend zu gefallen.


Diesen oder andere Western jetzt auf Filmundo abgreifen.

Montag, 18. Oktober 2010

My Dear Killer

Ob man schnell seinen Kopf verliert in manchen Situationen, liegt natürlich immer an der Persönlichkeit eines Menschen. Trifft man aber wie in diesem Falle ein ehemaliger Versicherungsdetektiv auf einen Schaufelbagger, so kann das unheimlich schnell gehen. Diese Einsicht hat auch Inspektor Peretti, der auf den Mordfall des mit eben diesem Bagger geköpften Herren angesetzt wird. Was zuerst wie ein tragischer Unfall aussieht, wird nach dem Fund des ebenfalls toten Baggerfahrers eine äußerst brisante Angelegenheit. Dessen Suizid ist nämlich ein getarnter Mord, den Spürnase Peretti ziemlich schnell entlarvt. Doch schnell stößt er in seinen Ermittlungen auf noch viel größere und unglaublichere Dinge. Der Mord an dem Versicherungsangestellten scheint in Zusammenhang mit einem schon seit einiger Zeit geschehenen Entführungsfall Moroni zu tun haben, als Stefania, die kleine Tochter der Familie, urplötzlich vom elterlichen Anwesen verschwunden ist. Trotz Kooperation mit den Entführern und der Zahlung eines Lösegelds, war aber auch der auf der Suche nach dem Töchterchen befindliche Herr Vater schnell wie vom Erdboden verschluckt. Ganz in der Nähe des Baggermordes wurden die Leichen der beiden einige Zeit später gefunden. Für Peretti scheint es gerade so, als hätte der Entführer einen Grund, irgendetwas zu vertuschen.

Dabei ist es schön zu betrachten, wie die Familie Moroni und Leute aus derem nahem Umfeld so ziemlich allesamt Dreck am Stecken haben könnten. Doch dafür ist das Genre des Giallo ohnehin bekannt: es werden so viele Fährten gelegt, wie nur möglich. Auch bei My Dear Killer stellt sich dabei relativ zügig ein recht ansprechendes Whodunit-Feeling ein, dass den Zuschauer zum Mitraten animiert. Die Hatz nach dem Mörder ist hier sehr ansprechend umgesetzt worden und bekommt es sogar hin, trotz der komplexen Geschichte nicht allzu unübersichtlich zu sein. Regisseur Tonino Valerii, der sich vor allem durch seinen Italowestern Der Tod ritt Dienstags (1967) und dem Mitwirken an Mein Name ist Nobody (1973) einen Namen gemacht hat, gelingt es hier sich nicht allzu groß zu verzetteln, wie es schnell mal bei einem wendungsreichen Giallo passieren kann. Viel eher baut er seine Geschichte langsam auf und präsentiert seinem Protagonisten wie auch dem Zuschauer ein Puzzleteilchen nach dem anderen. Schnell durchschaubar ist der Film dabei aber nicht. Valerii geht clever zu gange und schickt seinen Hauptdarsteller George Hilton, ein gialloerprobter Recke der mimischen Kunst, durch eine undurchsichtige und dadurch so interessant werdenden Story.

Herr Hilton macht als Peretti, trotz der für gebürtigen Uruguayer etwas ungewöhnlichen Rotzbremse im Gesicht, eine gute Figur. War er in den unzähligen Western in denen er mitgewirkt hat, meistens ein vor Energie kaum zu bremsender Strahlemann, so zieht er es im Genre des Giallo immer wieder vor, ein wenig unterkühlt zu agieren. Bravourös und richtig toll gelingt ihm dies zum Beispiel an der Seite von Edwige Fenech in einigen Gialli von Sergio Martino. In seiner Rolle als eiskaltem Ehemann in The Killer Must Kill Again (1975) passt dies dann logischerweise richtig gut. Hier steht er als Peretti wie bereits angesprochen im Dienste der Polizei und überzeugt auch hier. Zwar fühlt er sich in mancher Situation durch kleinere Pannen, die seinen Kollegen etwas allein gelassen, doch er gibt einen guten Schnüffler ab. Doch bis er eine Spur aufgenommen hat, ist ihm der Täter meist schon wieder ein bis zwei Schritte voraus. Irgendwie muss man natürlich auch die Handlung mit gewisser Spannung ausstatten. Es paßt und bereitet so einige vergnügliche Minuten vor dem heimischen TV-Gerät. Der Film, 1971 zur Hochzeit des Giallo-Genres entstanden, verfolgt hier allerdings noch eher den Ablauf eines herkömmlichen Kriminalfilms und hat nur zeitweise einige Thrillermomente zu bieten. Der Suspense ist somit nicht sonderlich stark ausgeprägt.

Allerdings hat man es beim Täter mit einem aus der klassischen Schule zu tun. Bis zur Auflösung sieht man von diesem eigentlich nur die Hände, die - wie sollte es anders sein? - mit schwarzen Handschuhen ausgestattet sind. Eigentlich ist der auch als Time To Kill, Darling bekannte Film ein ruhigerer Vertreter seiner Zunft, kann dann allerdings mit einigen fast schon brachialen Mordszenen überraschen. Gerade wenn eine junge Frau mit Hilfe einer elektrischen Handsäge in die ewigen Jagdgründe geschickt wird, geht es schon sehr deftig zur Sache. Auch der graphisch sehr ausgeprägte Mord mit dem Bagger ist neben seinen raffinierten Kameraeinstellungen ebenfalls nicht von schlechten Eltern. Doch im Blut watet Valerii nicht. Wie erwähnt entsteht schnell ein klassisches Krimifeeling, das mit einigen Nuancen aus dem kleinen Giallo-Einmaleins verfeinert wird. Tatverdächtige gibt es viele und irgendwie scheint es hinter den Kulissen des gut bürgerlichen Hauses Moroni bedächtig zu brodeln. Verdachtsmomente werden so geschaffen und durch die recht geschickten Wendungen, es gibt Vertreter die sind da etwas plumper, recht schnell wieder verworfen.

Es entsteht ein routiniert gefilmter Giallo, der auch durch die auftretenden, kauzigen Figuren noch einmal etwas mehr punkten kann. Immerhin hat man hier ein durchaus namhaftes Cast zusammen bekommen, auch wenn Westernveteran Piero Lulli einen eher kurzen Auftritt hat. Etwas öfters vor der Kamera hätte man sich da auch William Berger gewünscht. Wieder einer, der für die italienischen Filmschaffenden öfters mal einen Ausflug in den wilden Western unternommen hat und mit seinem verwegenen Gesicht so manche Produktion bereichert hat. So spielt er hier einen undurchsichtigen Typen, den man sofort als Unsympath ausmacht und schnell zu den Verdächtigen gehört. Abgerundet wird My Dear Killer mit Auftritten von Helga Liné (u. a. Blutmesse für den Teufel), Manuel Zarzo und Marilu Tolo, die ab und an als frustrierte Liebhaberin von George Hilton in Erscheinung tritt. Ein erlesener Cast, dem es Spaß macht zuzuschauen. Die Darsteller bekleckern sich zwar nicht allesamt mit Weltruhm, doch mimische Ausfälle sind nicht auszumachen. Das Ensemble gibt sich sichtlich Mühe, ihre Rollen mit dem nötigen Ernst auszufüllen. Gütlicherseits driftet der Film bei solchen Themen wie Kindsentführung und -mord nicht in die Exploitation- oder Klamaukecke ab. Gut, ersteres hätte man in Italien zu einem Fest des Bad Taste werden lassen können, aber Valerii packt das Thema mit großer Sorgfalt an.

My Dear Killer
fehlt es aber an richtig packenden Momenten. George Hilton bei der Mörderjagd zuzuschauen ist zwar wirklich interessant, aber memorable Szenen sind hier leider Fehlanzeige. Es ist ein klitzekleiner Fleck auf der ansonst wirklich weißen Weste. Man hat hier einen wirklich guten Giallo geschaffen, dem es ein wenig an Pepp fehlt, dafür aber mit einigen netten Einstellungen, einer guten Requisite sowie einer schön ausgearbeiteten Handlung aufwarten kann. Man glaubt es kaum, trotzdem ist dies für große Jubelsprünge doch etwas zu wenig. Es wäre an manchen Stellen mehr drin gewesen. Selbst beim Score, obwohl dieser doch von Morricone stammt. Er ist schön anzuhören, allerdings auch irgendwie zu unaufdringlich. Dies ist auch ein gutes Wort, wenn man den gesamten Film mit einem Wort beschreiben will. Zufrieden kann man nach dessen Genuss trotzdem sein und ihn wohlwollend abnicken. In die erste Liga der Gialli kommt er zwar nicht, sollte allerdings nicht unterschätzt oder sogar übersehen werden. Es ist ein schwer in Ordnung gehender Giallo, der nach der Auflösung mit einem wirklich netten Endbild aufwarten kann. Schwer in Ordnung geht übrigens auch die deutsche Synchronisation. Erst vor einigen Jahren wurde er von einem Independent-Anbieter nach Deutschland geholt und die Eindeutschung kann sich trotz einigen wenigen, bei manchen Nebenfiguren unpassenden Stimmen, alles in allem hören lassen. Schön, dass so ein kleiner, aber durchaus feiner Film doch noch seinen Weg in unsere Gefilde gefunden hat.


Diesen oder andere Gialli jetzt auf Filmundo abgreifen.

Mittwoch, 29. September 2010

Eine Flut von Dollars

Wenn man den Yankees Geld klaut, sind diese verständlicherweiße alles andere als erfreut darüber. Das müssen auch Jerry Brewster und Ken Seagull feststellen, die genau diesen 600.000 Dollar gemopst haben. Während der Flucht trennen sich die beiden. Seagull bringt die Moneten in Sicherheit, während Brewster versucht, die Verfolger abzulenken und diesen zu entkommen. Letzteres gelingt ihm nicht und so stehen ihm fünf harte Jahre im Kitchen bevor. Nach seiner Freilassung macht er sich schnurstracks zu Frau und Kind auf, findet das alte Zuhause allerdings verwüstet und verlassen vor. Durch das Tagebuch seiner Frau erfährt er, dass sein Kumpan Seagull mit viel Geld aus dem Krieg heimgekehrt ist, Jerry für tot erklärt hat und unter dem neuen Namen Ken Milton sich ein töftes Häuschen in die Natur gebastelt hat. Der angeblich so tolle Kumpan hat auch schon von der Freilassung Brewsters Wind bekommen, und setzt seinen Handlanger, den irren Mendez und dessen Meute, auf diesen an. Doch den ersten Angriff auf seine Haut kann Brewster dank der Hilfe des mysteriösen Vinnie Getz abwehren. In der nahen Stadt Austin erfährt er mehr über Milton: dieser ist ein wahrer Raffzahn geworden und versucht, die Bürger der Stadt um ihren Besitz zu bringen. Da steckt man ihm auch gleich, dass Milton Brewsters Frau auf dem Gewissen hat und das Söhnchen verschleppt hat. Von Rache getrieben, schmiedet er einen Plan um dem ehemaligen Kumpel eins auszuwischen. Erst schickt er Getz zu Milton, um diesem von Jerrys angeblichem Tod zu überzeugen, dann infiltriert er unter falschem Namen die Truppe von Mendez um so seine Rache voran zu treiben.

Eine streng bzw. geradlinig ausgerichtete Geschichte wird einem hier von Regisseur Carlo Lizzani aufgetischt. Der Film stellt seinen ersten Beitrag zum Westerngenre dar, sein zweiter (und letzter) war der 1968 entstandene Mögen sie in Frieden ruhen. Mit Eine Flut von Dollars machte er seinem damaligen Produzenten einen Gefallen, um somit auch weiterhin Filme mit Themen nach seinem Gusto zu realisieren. So war er zwar nicht großartig am Genre des damals gerade so boomenden Spaghettiwestern interessiert, kurbelte den Film aber glücklicherweise nicht merklich lustlos herunter. Der aus dem linken Spektrum stammende Lizzani schuf einen mehr als ordentlichen Film, der trotz seiner teils noch sichtbar vom US-Western geprägten Machart zu gefallen weiß. So entsteht im weiteren Verlauf eine gesunde Mischung aus Elementen der sowohl amerikanischen, als auch den frühen italienischen Cowboystories. Der Hype um die italienischen Pferdeoperetten war durch die Leone-Werke gerade erst so richtig am kommen und auch wenn Maestro Sergio mit seinen Beiträgen schon erste Marken und Standards für kommende Produktionen gesetzt hatte, so fehlte es dem Genre noch etwas an Eigenständigkeit.

Herr Lizzani ist allerdings sichtlich bemüht, der Flut von Dollars einen eigenen Stempel aufzudrücken. Nun ist es nicht so, dass er hier großartig Sozialkritik wie in anderen Einträgen aus seiner Filmopraphie unterbringt, schafft es aber, gut zu unterhalten. Selbst dann, wenn das Rache- und Hauptmotiv der Geschichte äußerst simpel aufgebaut ist. Überschaubar und altbekannt ist der Aufmacher, so dass man bei einigen Handlungsstrengen schnell weiß, wie der Hase läuft. Dabei ist die Vorhersehbarkeit des Films gar nicht weiter tragisch. Die saubere Inszenierung des Regisseurs, der wirklich mehr als nur ein routinierter Auftragsarbeiter ist, und die ebenfalls sehr in Ordnung gehenden mimischen Leistungen schaffen es, von diesem Makel abzulenken. Dabei macht vor allem Henry Silva eine gute Figur. Dieser darf als Garcia nämlich in schicker schwarzer Ledermontur durch die Sets stiefeln und dabei äußerst fies zu Werke gehen. Hiermit haben wir ganz klar einen Charakter, wie er auch in späteren Italowestern zu finden ist. Dem Sadisten weht eben ein gewisser Hauch des Wahnsinns nach, mit dem er so für sich faszinieren kann. Der Unsympath strahlt durch Silvas tolle Leistung sogar eine gewisse Faszination aus, kann einige gute Szenen bieten, tritt dann aber viel zu unspektakulär ab. Als Mendez zeigt Silva sogar, dass sein ansonsten meist so steinernes Gesicht sogar zu ganz außergewöhnlichen Regungen fähig ist. Seine fiese Lache und damit äußerst breite, aufgezeigte Zahnreihen kommt durch das Cinemascope-Format des Films noch eine Ecke gewaltiger daher.

Zudem verstanden es Lizzani und sein Kameramann Antonio Secchi, die Auftritte des schwarzgewandeten Psychopathen äußerst markant in Szene zu setzen. Von unten nach oben gleitet da einmal die Kamera über Silvas Körper hinweg und auch in anderen Einstellungen wird er meistens von unten bzw. in der Froschperspektive abgefilmt. Dies gibt ihm eine wirkliche Gewaltigkeit und läßt Mendez noch ein Stück mehr bedrohlicher wirken. Da wünscht man sich eigentlich noch ein paar mehr Szenen mit dem Kerl, da er den Film sichtlich aufwerten kann. Hier merkt man auch den Einfluss der Amerikaner: die Rollenverteilung ist klar und ersichtlich. Es gibt keinen Antihelden und gut und böse sind klar voneinander getrennt und sofort erkennbar. Der absolute Oberfiesling bleibt allerdings Silva, da Nando Gazzalo als sein Boss doch ziemlich blass in seinen wenigen Szenen bleibt. Richtige Akzente kann er da nicht setzen und selbst im Schlussduell kann er nicht viel reißen. Da gelobt man sich doch wieder Thomas Hunter als Protagonist der ganzen Westernsuppe. Nach Henry Silva ist er der zweite von insgesamt drei US-Akteuren im Film. Manchmal agiert er zwar etwas zu stoisch, doch wenn die Verzweiflung seinen Charakter überfällt, kann er wirklich gut überzeugen und liefert eine gute Leistung ab. Hunter ist eine Mischung aus US-Sonnyboy und von Rache getriebenen Protagonisten der Italowestern, der sich seinem Ziel schon beinahe mit Obsession verfolgt. Da paßt es, wenn seine Figur erklärt, dass die Rache an Milton/Seagull der Grund ist, weswegen er lebt und atmet.

Ihm zur Seite steht mit Dan Duryea ein Schauspielveteran, der zwei Jahre nach Fertigstellung des Films leider seinem Krebsleiden erlag. Dies ist dann auch der dritte Amerikaner am Set. Seine Motive, weshalb er Brewster überhaupt gegen Milton unterstützt, bleiben bis zum Schluss im Dunkeln. So bringt man etwas Würze und Spannung in die Handlung, da man nicht weiß, ob er es nun ehrlich mit dem guten Jerry meint oder nicht. Und bis auf die von Nicoletta Macchiavelli dargestellte Schwester von Milton sucht man größere oder überhaupt für die Geschichte wichtige weibliche Rollen vergebens. Western sind eben patriarchalisch geprägte Filme, in denen wenig bis gar kein Platz für die holde Weiblichkeit herrscht. So ist die Macchiavelli eben nur ein hübsch anzusehendes Gesicht, dass der Geschichte allerdings keine große Impulse geben kann. Auch wenn ihr weiteres Schicksal gegen Ende doch mal kurz verwundert. Quicklebendig erscheint sie am Ende, obwohl es einige Minuten voher den Eindruck macht, man hätte sie in die ewigen Jagdgründe geschickt. Allerdings ist dies auch darauf zurückzuführen, dass in der deutschen Fassung des Films das versöhnlichere US-Ende mit dem Unhappy End für Italien gemischt wurde. Ein kurioser Umstand, aber nicht weiter störend.

Das ist dann auch der Kampf der beiden Good Guys gegen die Bad Guys. Große Überraschungen und Twists bleiben aus und im Endeffekt ist man den Bösewichtern irgendwie doch immer eine Nasenspitze voraus, auch wenn es mal kurz etwas brenzlig wird. Brewster ist ein Held der guten alten Schule, immerhin kann er es locker mit mehreren Männern allein aufnehmen. Egal ob am Anfang mit zwei Schergen aus Mendez' Bande, oder weiteren sieben Kerlen, die auf dessem Lohnzettel stehen. Auch wenn er sichtlich gezeichnet aus dem Kampf gegen die Kerls als Sieger hervorgeht, so ist es eine Selbstverständlichkeit, dass am Ende immer das Gute gegen das Böse siegt. Anders als in späteren Italowestern gerät er so auch nicht in die Patsche und ist seinen Gegenspielern hilflos ausgeliefert. Es gelingt alles wie am Schnürchen. Dies kann nun für einige Zuschauer etwas unglaubwürdig oder verklärt erzählt erscheinen, man kann Eine Flut von Dollars aber nicht abstreiten, dass es nicht gut gemacht ist. Das Team hinter den Kulissen versteht sein Handwerk und so kann man auch in den Actionszenen überzeugen. Dabei ist vor allem auch das Schlussduell hervorzuheben, in dem es Brewster und sein Buddy Getz mit der gesamten Bande von Mendez aufnehmen. Einige nette Einfälle bietet es, trotz dass diese sehr überzeichnet rüberkommen. Dafür sind die Sequenzen viel zu gut gemacht, um darüber zu mäkeln. Selbst die kurzen, leicht kitschigen und gefühlsdusligen Momente machen da nicht viel aus. Nicht, dass es auch mal gefühlvoll zugehen kann: doch auch hier merkt man wieder die amerikanisch gefärbte Prägung des Stoffs.

Da wird unter den seichten Klängen von Ennio Morricone, der im großen und ganzen wieder mal sehr gut hörbaren Stoff abgeliefert hat, eben auch vorsichtig auf die Dramadrüse gedrückt, so dass auch etwas Schwulst hier und da abgesondert wird. Es mag nicht wirklich passen an manchen Stellen, da der Ton des Films schon längst etwas rauher geworden ist. Zwiespältig gibt er sich manchmal. Da bleibt man so brav wie die Amerikaner und die Shootouts werden ohne größeres Blutvergießen über die Bühne gebracht, andererseits darf Held Brewster zum Beispiel auch schon mal gut sichtbar jemanden ein Messer durch die Hand jagen. Im großen und ganzen funktioniert der Stilmix, ein manches Mal hakelt es aber dennoch. Richtig gut funktioniert dabei die gestalterische Ebene. So einige tolle Einstellungen versüßen den Gesamteindruck des Films. Die Kamera ist nicht übermäßig experimentell, doch es enstehen in Verbindung mit dem Scope-Format doch einige wirklich sehr schöne Bilder. Unspektakulär und trotzdem wirklich gutklassig ist Eine Flut von Dollars gerade wegen seinem heimlichen Star Mendez und der zügig und sauber erzählten Geschichte ein insgesamt vollkommen in Ordnung gehender Italowestern aus einer Zeit, als dieser sein Gesicht noch nicht ganz gefunden hat.


Diesen oder andere Western jetzt auf Filmundo abgreifen.

Stichworte

Review Horror USA Action Italien Thriller Drama Giallo Großbritannien Science-Fiction Deutschland Western Kanada Komödie Filmkram Frankreich Horrorctober 2017 Horrorctober 2018 Abenteuer Poliziottesco interna News Spanien Mystery Krimi 24 frames Fantasy Hong Kong Anthologie Erotik Martial Arts settegialli Argentinien Australien Dario Argento Dokumentation Found Footage Neuseeland Shaw Brothers Shorties Animation China Comic Dänemark Franco Quentin Tarantino Schweden Südkorea Umberto Lenzi Aaron Moorhead Aktion Alexandre Aja Antonio Margheriti Belgien Biographie Brasilien Chang Cheh Coming of Age Dennis Widmyer Eastern Enzo G. Castellari Guillermo del Toro Illustration Island James Wan Japan Jordan Peele Justin Benson Lamberto Bava Lucio Fulci Mario Bava Michele Soavi Nachruf Norman J. Warren Pascal Laugier Philippinen Radio Silence Robert Rodriguez Sergio Martino Serie Stephen Carpenter Troma Österreich Adam Wingard Adrian Garcia Bogliano Aktion Deutscher Film Alfred Vohrer Amando de Ossorio Andrea Bianchi Artwork Blickpunkt Boaz Davidson Bob Clark Bollywood Bruno Mattei Claude Chabrol Daily Trailer David Cronenberg Drew Goddard Duccio Tessari Dämonen Eddie Romero Eli Roth Fernando di Leo Festival Gothic Hammer Films Hörspiel Interview Italowestern Jack Arnold Jim Van Bebber Jim Wynorski John Carpenter John McNaughton Kinotipp Krieg Lloyd Kaufman Luc Besson Luis Buñuel Luxemburg Mario Caiano Mario Landi Marvel Marvin Kren Mexiko Michael Herz Michael Winner Mike Murphy Neil Marshall Netflix Oliver Kalkofe Paul W. S. Anderson Peter Rütten Peter Stults Podcast Polen Portugal Posterart Pupi Avati RKSS Regisseur Ridley Scott Rob Zombie Robert Kurtzman Romano Scavolini Russland S. Craig Zahler Sauro Scavolini Schlefaz Schweiz Sexploitation Slasher Soundtrack Strange Cinema Stuart Gordon TV Takashi Miike Tele 5 Terry Gilliam The Wild Binge Thomas Vinterberg Ti West Tobe Hooper Tom Savini Trailer Trashfilm Trinidad und Tobago Tschechische Republik Türkei Ulli Lommel VOD Vereinigte Arabische Emirate William Lustig Xavier Gens Zombies filmArt

Copyright © Allesglotzer | Powered by Blogger

Design by Anders Noren | Blogger Theme by NewBloggerThemes.com