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Dienstag, 4. Januar 2022

X-Tro - Nicht alle Außerirdischen sind freundlich

Strahlend blauer Himmel, alles ist friedlich, ein Junge spielt mit seinem Vater im Garten. Im nächsten Augenblick wird dieser friedliche Moment gebrochen. Das Firmament hat sich schwarz gefärbt, Blitze erhellen den in Dunkel getauchten Schauplatz und ein Sturm wütet. Eine Albtraumszenerie, die der kleine Tony durchlebt und ihn naxh seinem Vater rufen lässt. Seine ins Zimmer geeilte Mutter Rachel beruhigt ihn, dass ihn nur ein böser Traum ereilt hat um ihn im nächsten Moment auf den harten Boden der Realität zu schmettern, als sie hinterher schiebt, dass sein Vater Sam doch verschwunden ist. Tonys Einwand, dass Sam von Außerirdischen entführt wurde, schiebt Rachel mit allen Kräften der erwachsenen Ignoranz ins Reich der Fantasie. Sie scheint sich mehr um sich und ihre neue Beziehung mit dem Fotografen Joe als um ihren Sohn zu kümmern. 

Es ist der Auftakt für einen eigentümlichen Eintrag in der langen Liste der Alien-Rip Offs. Die Tagline von X-Tro, vom deutschen Verleih zum obligatorischen Untertitel befördert, macht unmissverständlich klar, dass die auftretenden Außerirdischen anders als der von Spielberg im gleichen Jahr in die Kinos geschickte E.T. - Der Außerirdische, zu keinen herzerwärmenden Momenten führen. Die bleiben auch aus, als Sam nach drei Jahren wieder auf der Matte steht. Der hat sich während seiner Abstinenz sehr verändert. Neben der Distanz zur Gattin und seinem Nebenbuhler scheint auch das Interesse am Sohn wenig mit väterlichen Gefühlen zu tun zu haben. Einzig Eingeweihter ist der Zuschauer, der die Landung eines extraterrestrischen Wesens beobachten konnte, das mit wortwörtlichem Körpereinsatz zum alten Sam in Menschengestalt mutierte. 

Was die konkrete Mission der Kreatur ist, lässt der Film offen. Sam gibt seine besonderen Kräfte in einem pervertierten Moment väterlicher Zuwendung an Tony ab, was ab dort X-Tro zu einem Horrorfilm zwischen surrealem Albtraum und krudem Alien-Body-Horror werden lässt. Wie bei Norman J. Warrens Samen des Bösen (AKA Inseminoid; hier besprochen) herrscht im Stimmungsbild eine durchdringende Kühle, die von traumartigen Sequenzen durchbrochen wird. Die britische Distanziertheit schenkt dem Film und seiner Ausgestaltung der Geschichte eine höchst interessante, bizarre Atmosphäre. Laut Regisseur Harry Bromley Davenport war dies nicht intendiert. Vermutlich war dies auch nicht der ansatzweise vorhandene Subtext des Films, der Sams Entführung durch Außerirdische als versuchte Trauma-Verarbeitung von Tony lesen lässt. Der Junge kanalisiert die Abwesenheit des geliebten Vaters durch diese Fantasterei und flüchtet sich in eine Fantasie-Welt nach dem Erhalt von Sams Kräften und verbringt seine Zeit mit dem von ihm zum Leben erweckten Spielzeug.

Viel daraus macht X-Tro leider nicht. Es ist ein Erklärungsansatz sowie ein Versuch zu verstehen, warum die vom Film groß beworbenen, unfreundlichen Außerirdischen wie einst Sam eine ganze Weile mit Abwesenheit glänzen. Die wilde Wundertüte, die Bromley Davenport vor uns ausschüttet ist ein Kabinett aus Kuriositäten, durch die sich die Geschichte um die Familie Phillips zwängen muss. Deren familiäres Drama ordnet sich dem unentschlossenen Gesamtbild des Werks unter. Der Film gibt vielen seiner Ideen Raum, von denen einige bedauerlicherweise ins Nichts führen. Auf der Gegenseite besticht X-Tro dadurch mit einer Anti-Attitüde, die ihn zu einem gegen den Strich gebürsteten Horrorfilm macht, der einen Fick auf Konventionen gibt obwohl er sich dieser gleichermaßen bedient. Die Versatzstücke, derer er sich bedient, sind nicht wenige und sattsam bekannt. Großer Pluspunkt des Films ist, wie er diese anpackt.

1982 existierten noch nicht viele Nachahmer von Ridley Scotts Alien. Was der Brite darin definierte, kopierten diese mit unterschiedlicher Anzahl von Variationen und schufen einerseits für nachfolgende Filme gewisse Standards eines Subgenres. Von diesen ausgehend, mutmaßt man als Zuschauer vorschnell, dass auch X-Tro ein Paket bestehend aus Monstren, Schleim, Blut und eventuell etwas nackter Haut ist. Der Film spielt mit den Erwartungen des Publikums, befriedigt diese in den ersten zwanzig Minuten sattsam bevor er genug davon hat und eigene Wege beschreitet. Hätte Bromley Davenport das Potenzial seiner Geschichte um eine absonderliche Art des Familiendramas um einen sich von der Familie entfremdenden und entfernenden Vater erkannt, der dessen schutzbedürftigstes Mitglied tief traumatisiert zurücklässt, eher erkannt, könnte X-Tro ein explosiver Knaller aus Schmodder und Subversion sein. Das Erleben des Films bleibt anders: die Eigenheiten stechen hervor, die der Genre-Welt einen überraschend interessanten Alien-Anarcho schenkten, von dem man sich gerne entführen lässt.

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