Film ist Wahrheit, 24 Mal pro Sekunde. Tagebuch. Meinungen. Filmstoff.

Mittwoch, 29. September 2010

Eine Flut von Dollars

Wenn man den Yankees Geld klaut, sind diese verständlicherweiße alles andere als erfreut darüber. Das müssen auch Jerry Brewster und Ken Seagull feststellen, die genau diesen 600.000 Dollar gemopst haben. Während der Flucht trennen sich die beiden. Seagull bringt die Moneten in Sicherheit, während Brewster versucht, die Verfolger abzulenken und diesen zu entkommen. Letzteres gelingt ihm nicht und so stehen ihm fünf harte Jahre im Kitchen bevor. Nach seiner Freilassung macht er sich schnurstracks zu Frau und Kind auf, findet das alte Zuhause allerdings verwüstet und verlassen vor. Durch das Tagebuch seiner Frau erfährt er, dass sein Kumpan Seagull mit viel Geld aus dem Krieg heimgekehrt ist, Jerry für tot erklärt hat und unter dem neuen Namen Ken Milton sich ein töftes Häuschen in die Natur gebastelt hat. Der angeblich so tolle Kumpan hat auch schon von der Freilassung Brewsters Wind bekommen, und setzt seinen Handlanger, den irren Mendez und dessen Meute, auf diesen an. Doch den ersten Angriff auf seine Haut kann Brewster dank der Hilfe des mysteriösen Vinnie Getz abwehren. In der nahen Stadt Austin erfährt er mehr über Milton: dieser ist ein wahrer Raffzahn geworden und versucht, die Bürger der Stadt um ihren Besitz zu bringen. Da steckt man ihm auch gleich, dass Milton Brewsters Frau auf dem Gewissen hat und das Söhnchen verschleppt hat. Von Rache getrieben, schmiedet er einen Plan um dem ehemaligen Kumpel eins auszuwischen. Erst schickt er Getz zu Milton, um diesem von Jerrys angeblichem Tod zu überzeugen, dann infiltriert er unter falschem Namen die Truppe von Mendez um so seine Rache voran zu treiben.

Eine streng bzw. geradlinig ausgerichtete Geschichte wird einem hier von Regisseur Carlo Lizzani aufgetischt. Der Film stellt seinen ersten Beitrag zum Westerngenre dar, sein zweiter (und letzter) war der 1968 entstandene Mögen sie in Frieden ruhen. Mit Eine Flut von Dollars machte er seinem damaligen Produzenten einen Gefallen, um somit auch weiterhin Filme mit Themen nach seinem Gusto zu realisieren. So war er zwar nicht großartig am Genre des damals gerade so boomenden Spaghettiwestern interessiert, kurbelte den Film aber glücklicherweise nicht merklich lustlos herunter. Der aus dem linken Spektrum stammende Lizzani schuf einen mehr als ordentlichen Film, der trotz seiner teils noch sichtbar vom US-Western geprägten Machart zu gefallen weiß. So entsteht im weiteren Verlauf eine gesunde Mischung aus Elementen der sowohl amerikanischen, als auch den frühen italienischen Cowboystories. Der Hype um die italienischen Pferdeoperetten war durch die Leone-Werke gerade erst so richtig am kommen und auch wenn Maestro Sergio mit seinen Beiträgen schon erste Marken und Standards für kommende Produktionen gesetzt hatte, so fehlte es dem Genre noch etwas an Eigenständigkeit.

Herr Lizzani ist allerdings sichtlich bemüht, der Flut von Dollars einen eigenen Stempel aufzudrücken. Nun ist es nicht so, dass er hier großartig Sozialkritik wie in anderen Einträgen aus seiner Filmopraphie unterbringt, schafft es aber, gut zu unterhalten. Selbst dann, wenn das Rache- und Hauptmotiv der Geschichte äußerst simpel aufgebaut ist. Überschaubar und altbekannt ist der Aufmacher, so dass man bei einigen Handlungsstrengen schnell weiß, wie der Hase läuft. Dabei ist die Vorhersehbarkeit des Films gar nicht weiter tragisch. Die saubere Inszenierung des Regisseurs, der wirklich mehr als nur ein routinierter Auftragsarbeiter ist, und die ebenfalls sehr in Ordnung gehenden mimischen Leistungen schaffen es, von diesem Makel abzulenken. Dabei macht vor allem Henry Silva eine gute Figur. Dieser darf als Garcia nämlich in schicker schwarzer Ledermontur durch die Sets stiefeln und dabei äußerst fies zu Werke gehen. Hiermit haben wir ganz klar einen Charakter, wie er auch in späteren Italowestern zu finden ist. Dem Sadisten weht eben ein gewisser Hauch des Wahnsinns nach, mit dem er so für sich faszinieren kann. Der Unsympath strahlt durch Silvas tolle Leistung sogar eine gewisse Faszination aus, kann einige gute Szenen bieten, tritt dann aber viel zu unspektakulär ab. Als Mendez zeigt Silva sogar, dass sein ansonsten meist so steinernes Gesicht sogar zu ganz außergewöhnlichen Regungen fähig ist. Seine fiese Lache und damit äußerst breite, aufgezeigte Zahnreihen kommt durch das Cinemascope-Format des Films noch eine Ecke gewaltiger daher.

Zudem verstanden es Lizzani und sein Kameramann Antonio Secchi, die Auftritte des schwarzgewandeten Psychopathen äußerst markant in Szene zu setzen. Von unten nach oben gleitet da einmal die Kamera über Silvas Körper hinweg und auch in anderen Einstellungen wird er meistens von unten bzw. in der Froschperspektive abgefilmt. Dies gibt ihm eine wirkliche Gewaltigkeit und läßt Mendez noch ein Stück mehr bedrohlicher wirken. Da wünscht man sich eigentlich noch ein paar mehr Szenen mit dem Kerl, da er den Film sichtlich aufwerten kann. Hier merkt man auch den Einfluss der Amerikaner: die Rollenverteilung ist klar und ersichtlich. Es gibt keinen Antihelden und gut und böse sind klar voneinander getrennt und sofort erkennbar. Der absolute Oberfiesling bleibt allerdings Silva, da Nando Gazzalo als sein Boss doch ziemlich blass in seinen wenigen Szenen bleibt. Richtige Akzente kann er da nicht setzen und selbst im Schlussduell kann er nicht viel reißen. Da gelobt man sich doch wieder Thomas Hunter als Protagonist der ganzen Westernsuppe. Nach Henry Silva ist er der zweite von insgesamt drei US-Akteuren im Film. Manchmal agiert er zwar etwas zu stoisch, doch wenn die Verzweiflung seinen Charakter überfällt, kann er wirklich gut überzeugen und liefert eine gute Leistung ab. Hunter ist eine Mischung aus US-Sonnyboy und von Rache getriebenen Protagonisten der Italowestern, der sich seinem Ziel schon beinahe mit Obsession verfolgt. Da paßt es, wenn seine Figur erklärt, dass die Rache an Milton/Seagull der Grund ist, weswegen er lebt und atmet.

Ihm zur Seite steht mit Dan Duryea ein Schauspielveteran, der zwei Jahre nach Fertigstellung des Films leider seinem Krebsleiden erlag. Dies ist dann auch der dritte Amerikaner am Set. Seine Motive, weshalb er Brewster überhaupt gegen Milton unterstützt, bleiben bis zum Schluss im Dunkeln. So bringt man etwas Würze und Spannung in die Handlung, da man nicht weiß, ob er es nun ehrlich mit dem guten Jerry meint oder nicht. Und bis auf die von Nicoletta Macchiavelli dargestellte Schwester von Milton sucht man größere oder überhaupt für die Geschichte wichtige weibliche Rollen vergebens. Western sind eben patriarchalisch geprägte Filme, in denen wenig bis gar kein Platz für die holde Weiblichkeit herrscht. So ist die Macchiavelli eben nur ein hübsch anzusehendes Gesicht, dass der Geschichte allerdings keine große Impulse geben kann. Auch wenn ihr weiteres Schicksal gegen Ende doch mal kurz verwundert. Quicklebendig erscheint sie am Ende, obwohl es einige Minuten voher den Eindruck macht, man hätte sie in die ewigen Jagdgründe geschickt. Allerdings ist dies auch darauf zurückzuführen, dass in der deutschen Fassung des Films das versöhnlichere US-Ende mit dem Unhappy End für Italien gemischt wurde. Ein kurioser Umstand, aber nicht weiter störend.

Das ist dann auch der Kampf der beiden Good Guys gegen die Bad Guys. Große Überraschungen und Twists bleiben aus und im Endeffekt ist man den Bösewichtern irgendwie doch immer eine Nasenspitze voraus, auch wenn es mal kurz etwas brenzlig wird. Brewster ist ein Held der guten alten Schule, immerhin kann er es locker mit mehreren Männern allein aufnehmen. Egal ob am Anfang mit zwei Schergen aus Mendez' Bande, oder weiteren sieben Kerlen, die auf dessem Lohnzettel stehen. Auch wenn er sichtlich gezeichnet aus dem Kampf gegen die Kerls als Sieger hervorgeht, so ist es eine Selbstverständlichkeit, dass am Ende immer das Gute gegen das Böse siegt. Anders als in späteren Italowestern gerät er so auch nicht in die Patsche und ist seinen Gegenspielern hilflos ausgeliefert. Es gelingt alles wie am Schnürchen. Dies kann nun für einige Zuschauer etwas unglaubwürdig oder verklärt erzählt erscheinen, man kann Eine Flut von Dollars aber nicht abstreiten, dass es nicht gut gemacht ist. Das Team hinter den Kulissen versteht sein Handwerk und so kann man auch in den Actionszenen überzeugen. Dabei ist vor allem auch das Schlussduell hervorzuheben, in dem es Brewster und sein Buddy Getz mit der gesamten Bande von Mendez aufnehmen. Einige nette Einfälle bietet es, trotz dass diese sehr überzeichnet rüberkommen. Dafür sind die Sequenzen viel zu gut gemacht, um darüber zu mäkeln. Selbst die kurzen, leicht kitschigen und gefühlsdusligen Momente machen da nicht viel aus. Nicht, dass es auch mal gefühlvoll zugehen kann: doch auch hier merkt man wieder die amerikanisch gefärbte Prägung des Stoffs.

Da wird unter den seichten Klängen von Ennio Morricone, der im großen und ganzen wieder mal sehr gut hörbaren Stoff abgeliefert hat, eben auch vorsichtig auf die Dramadrüse gedrückt, so dass auch etwas Schwulst hier und da abgesondert wird. Es mag nicht wirklich passen an manchen Stellen, da der Ton des Films schon längst etwas rauher geworden ist. Zwiespältig gibt er sich manchmal. Da bleibt man so brav wie die Amerikaner und die Shootouts werden ohne größeres Blutvergießen über die Bühne gebracht, andererseits darf Held Brewster zum Beispiel auch schon mal gut sichtbar jemanden ein Messer durch die Hand jagen. Im großen und ganzen funktioniert der Stilmix, ein manches Mal hakelt es aber dennoch. Richtig gut funktioniert dabei die gestalterische Ebene. So einige tolle Einstellungen versüßen den Gesamteindruck des Films. Die Kamera ist nicht übermäßig experimentell, doch es enstehen in Verbindung mit dem Scope-Format doch einige wirklich sehr schöne Bilder. Unspektakulär und trotzdem wirklich gutklassig ist Eine Flut von Dollars gerade wegen seinem heimlichen Star Mendez und der zügig und sauber erzählten Geschichte ein insgesamt vollkommen in Ordnung gehender Italowestern aus einer Zeit, als dieser sein Gesicht noch nicht ganz gefunden hat.


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Donnerstag, 23. September 2010

Der Schrecken im Kino - Lamberto Bavas Dämonen-Filme



Das Medium Film hat für jeden Menschen eine andere Bedeutung. Es soll sogar einige geben, die damit so gar nichts anfangen können, was für einen ausgesprochenen Filmliebhaber nur schwerlich nachvollziehbar ist. Mittlerweile ist der Film bzw. das Kino selbst, ganz im Sinne der großen Kinoketten, ein Erlebnis. Dieses ist es ab und an auch schon durch gefühlte Ewigkeiten des Wartens in endlosen Schlangen vor der Kasse. Kino und Film als Event: ein Spektakulum. Höher, schneller, weiter. Effektbeladen, mit viel Wumms und Geschichten so dünn wie der Kaffee aus dem Automaten in der Firma. Natürlich gibt es auch hier durchaus qualitativ hochwertige Unterhaltungsware, doch die Substanz der Geschichten im Mainstreamkino scheint sich immer mehr aufzulösen. Kino und Film wird immer mehr zu einem Mechanismus, einer Geldmaschine. Natürlich kann man sich auch vorzüglich von so einem Leinwandspektakel ablenken lassen, da es auch hier qualitativ ansprechende Werke gibt. Doch Film und Kino ist vor allem eines: Gefühl. Kann man in einer Geschichte versinken, mit dieser eins werden und mit den Protagonisten leiden, lachen, trauern, sich freuen oder ängstigen, so kann man sich sicher sein, dass auf dem Regiestuhl ein Könner seines Fachs gesessen hat. Manche Werke schaffen dies wirklich perfekt, andere eben nicht so gut.

Fest steht: der Gang ins Kino sollte im bestmöglichen Fall ein positives, so schnell nicht zu vergessenes Erlebnis werden. Doch natürlich kann es auch anders kommen und gar schrecklich werden. Nicht nur, wegen den langen Wartezeiten in der Schlange, dem vielleicht unfreundlichen Personal, dem unmöglichen Publikum mit seinen Sufleusen, rumalbernden Sprücheklopfern, selbsternannten Filmprofessoren und und und. Schlimmstenfalls ist sogar noch das Machwerk auf der Leinwand selbst eine Zumutung. Mitte der 80er hat uns Lamberto Bava, Sohn der italienischen Regielegende Mario Bava, einen gänzlich neuen Schrecken beim Gang ins Kino näher gebracht. Angefangen hat der gute Lamberto als langjähriger Regieassistent seines Vaters, Ruggero Deodatos bei dessem Cannibal Holocaust sowie vom Meister der Gialli, Dario Argento. Anfang der 80er konnte er mit Macabro - Die Küsse der Jane Baxter das erste mal selbst ganz alleine Regie bei einem Film führen. Laut Bava selbst wurde er irgendwann von seinem Freund Argento gefragt, ob er eine gute Idee für einen Horrorfilm habe. Die hatte er nicht direkt, dafür aber der Autor Dardano Sacchetti, die Argento gut gefiel und er dann zusammen mit Bava Junior und Franco Ferrini ein Drehbuch daraus entwickelte. Herausgekommen ist, neben dem TV-Fantasy-Mehrteiler Prinzessin Fantaghiro das wohl bekannteste Werk des guten Lamberto: Demons, im italienischen ebenfalls ganz schlicht Dèmoni betitelt.

Darin entführt er uns in das Metropol-Kino, welches zur Neueröffnung eine ganz besondere Filmpremiere veranstaltet, für die ganz mysteriös die Werbetrommel gerührt wird. Ein schwargewandeter, maskierter Scherge verteilt Einladungen, darunter auch an die Schülerin Cheryl, die gleich noch eine weitere für ihre Freundin Kathy miteinsackt. Auf Schule hat man allerdings an diesem Tag keine große Lust, weswegen die Einladung natürlich wie gerufen kommt. Man macht sich auf ins Kino und harrt gespannt der Dinge. Unter dem bunt zusammengewürfelten Publikum befinden sich auch ein Zuhälter und zwei seiner Prostituierte, welche sich beim Rumalbern im Foyer an einer als Werbung herumhängenden Dämonenmaske schneidet. Das dies nicht gesund ist, merkt die Dame schon bald, als sie durch wieder zu bluten anfangenden Schnitt während der Vorstellung die Toilette aufsuchen muss. Mysteriös ist dabei, das bei dem laufenden Film - übrigens ein Horrorfilm - nicht nur Nostradamus die Machtübernahme der Erde von Dämonen vorhersagte (!), sondern in dessen Grab man eine Maske, die dem Werbestück ähnelt, findet. Einer der wie immer in solchen Filmen so hohlen Kids setzt diese auf, schneidet sich daran im Gesicht und wird zum Dämon. Dies geschieht auch mit der Prostituierten, die auch bald die nach ihr schauende Freundin ordentlich malträtiert. Als diese schwer verwundet auf sich Aufmerksam macht und ebenfalls zu einem Dämonen wird, bricht eine Panik unter den anderen Kinobesuchen aus. Doch der Versuch zu fliehen, schlägt fehl: die Ausgänge sind urplötzlich zugemauert und die Opfer, die sich ebenfalls zu den blutrünstigen Wesen verwandeln, trachten nach dem Leben der Überlebenden. Zusammen mit den feschen Kerlen George und Ken versuchen Kathy und Cheryl wie die restlichen Besucher, trotzdem
einen Weg aus dem Kino zu finden.

Die Handlung ist nicht gerade die komplexeste, trotzdem funktionierte der Film wirklich gut. Auch wenn es im Ursprungsland nur gerade mal 250.000 Zuschauer waren, die sich die Dämonenhatz durch das Kino anschauten, so waren italienische Horrorfilme, dank solcher Werke wie die des Produzenten Argento oder auch vom "Meister des Splatters" Lucio Fulci ziemlich gefragt. Dämonen wurde international ein recht beachtlicher Erfolg. Angesport von dem Ergebnis, wurde alsbald an einer Fortsetzung gearbeitet. Der 1986 veröffentlichte Dämonen 2 variiert hierbei die Grundgeschichte seines Vorgängers und verlegt diese in eine Wohnanlage mit komplexen Sicherheitssystem, Fitnessstudio und weiterem Schnickschnack. Der Schrecken kommt hier aus dem TV, läuft doch hier ein Gruselfilm über eine Gruppe von Jugendlichen, die sich zu einer abgesperrten, verbotenen Zone aufmachen, in der vor einigen Jahren eine Dämonenseuche ausbrach und Schrecken über die Bevölkerung brachte. Es kommt wie es kommen muss: im Fernsehen erwecken die Kids einen der Dämonen zu leben, der alsbald aus dem Fernsehgerät steigt um die angesäuerte Hannah anzufallen, die dann flugs die Gäste ihrer Geburtstagsparty dezimiert. Diese werden ebenfalls wie gehabt zu Dämonen, die nun den Rest der Hausbewohner, darunter ein kurz vorm Examen stehender Physiker samt seiner schwangeren Frau beginnen zu terrorisieren und zu jagen. Obwohl Bava sich dabei großzügig beim ersten Teil bedient, teils sogar kopiert und mit Bobby Rhodes obendrein auch noch einen Darsteller aus Teil Eins am Start hat, funktioniert auch die Fortsetzung recht gut.

Den größten Reiz üben die beiden Filme dadurch aus, dass es Bava gelingt trotz der einfach gehaltenen Geschichte ordentlich Pepp in die Inszenierung zu bringen. Es geht zügig und ordentlich temporeich zur Sache, doch merkt man auch die typischen Probleme beim Sproß vom großen Mario an, wenn im ersten Teil etwas vom Gaspedal gegangen wird. Der Jammer, dass viele Werke von ihm trotz guter Ansätze im Mittelmaß versinken, ist hier zwar nicht, doch es stellt sich trotzdem eine kleine Länge ein. Obwohl er mit seinem Vater und Argento zwei gute Lehrmeister sowie auch Talent und Können vorzuweisen hat, reichte es nie zum großen Wurf. Was nicht heißen soll, dass er keinerlei guten Werke in der Filmographie stehen hat. Wie ironisch, dass gerade der erste Teil der Dämonensaga zu seinen besten Werken zählt, merkt man hier doch auch deutlich den Einfluss des Produzenten Argento. Neben dem angenehm flotten Erzähltempo ist es vor allem die Optik, die den ersten Teil ausmacht - und die Handschrift des werten Dario erkennen läßt. Ganz nüchtern betrachtet, könnte man Dämonen auch als "Suspiria Light" des italienischen Mittachtziger-Splatterfilms nennen. Die Farben- und Lichtspielereien liegen nicht so stark im Vordergrund wie bei Suspiria, doch tragen sie gut dazu bei, die Atmosphäre des Films gut zu verstärken. Rot-, Gelb- und Blautöne wechseln sich munter ab und dem Regisseur gelingt es dabei sogar, einige wirklich starke Szenen zu inszenieren. Läßt man außen vor, dass Argento ihm vielleicht etwas unter die Arme gegriffen hat, so muss man zugeben, dass es eben auch ein Lamberto Bava durchaus kann! Sehr schön ist dabei die Szene, wenn der zum Dämon gewordene Zuhälter im Schein von Gegenlicht mit leuchtenden Augen eine Treppe hochschreitet und ihm die blutgierigen Kumpanen folgen. Eine sehr tolle Szene, die darüber hinaus es auch zum Plakatmotiv des Films geschafft hat.

Die Spielereien unterstreichen die Atmosphäre, wirken niemals übertrieben (auch wenn die Flucht eines Liebespärchens im Lüftungsschaft eventuell etwas zu blau geraten ist) und lassen auch einige Motive des klassischen Horrorkinos zu. Immerhin war der Vater ein begnadeter Kameramann und hat selbst für einige wunderbare Bilder in seinen Werken gesorgt. So gibt es trotz des immens hohen Splattergehalts in einigen wenigen Momenten auch tolle Schattenspiele zu betrachten. Doch, Dämonen ist ein zügelloser Film. Er nimmt sich nicht zurück, Gewalt äußerst graphisch zu schildern, überzeichnet diese allerdings und bietet dafür aber einige wirklich sehr sehenswerte Effekte, die von Sergio Stivaletti stammen, der ab Phenomena auch für viele Argento-Werke die Effekte kreiert hat. Gerade das Aussehen der titelgebenden Dämonen, ohnehin die heimlichen Stars beider Werke, ist wirklich sehr schön ausgearbeitet und auch die Verwandlungen können sich sehen lassen. Zähne werden durch nachwachsende herausgeschoben, Klauen wachsen unter Fingernägeln und das Gesicht wird zu einer von Adern durchzogenen Fratze. Äußerst imposant ist auch, als ein Dämon einer jungen Dame aus dem Rücken entsteigt! Wirkungsvolle Arbeit, die im Sequel etwas verpufft. Auch dort sind die Kreaturen wirklich wieder schön anzuschauen, doch insgesamt hält sich dieses mit Gore zurück. Dieses ist eher auf Atmosphäre und actionreiche Kampfszenen ausgelegt. Wenn sich die Anwohner des Hauses mit den Muskelprotzen aus der Fitnessschule in der Tiefgarage des Anwesens verschanzen, dann bleibt ein erwartetes blutrünstiges Massaker aus. Es geht, abgesehen von einigen wenigen und härteren Effekten sehr gezähmt zur Sache. Erstaunlich, hatte man doch für die Fortsetzung laut Bava mehr Geld zur Verfügung als für den Erstling. Man wollte sich wohl auf anderen Gebieten austoben.

Gelungen ist dies auch, obwohl man zugeben muss, dass man Dämonen 2 nach dem Genuss des Vorgängers gut vorhersehen kann. Aus der Kinoleinwand wird das TV, wieder spielt ein Film die Rolle, auch wenn er diesmal die Dämonen und somit das Unheil bringt und nicht voraussagt, was passieren wird. Dafür haben wir aber auch hier wieder zum Beispiel vier Chaoten, die mit dem Auto unterwegs sind. Werden diese in Teil Eins noch gekommenes Kanonenfutter für die Dämonen und haben somit wenigstens eine kleine Existenzberechtigung so kommen die Szenen in der Fortsetzung als Füllwerk vor. Nun gut, sie sind auch auf die Party eingeladen aber bis sie beim Haus ankommen, vergeht eine gefühlte Ewigkeit und man fragt sich, wie weit diese wohl trotz des betont rasanten Fahrstils des Chefs der Clique von der Wohnanlage entfernt sind. Auch die Rückenszene wird zitiert, nur steigt diesesmal eine äußerst knuffig aussehende Kreatur einem der Dämonen aus dem Leib. Auch hier sind die Überlebenden von der Außenwelt abgeschnitten. Hier ist es nämlich die Sicherheitsanlage, die außer Betrieb genommen wird, als durch das ätzende Blut der Dämonen der gesamte Strom im Haus ausfällt. Jawohl, das Blut ätzt sich durch sämtliche Stockwerke, bahnt sich so seinen Weg durch das Haus und kann in jedem Stockwerk auch so einige Leutchen infizieren. Ein ziemlicher wahnwitziger Einfall, doch die Fortsetzung besteht generell aus so manchen, typisch italienischen, Unglaublichkeiten. Diese funktionieren mal mehr, mal weniger, können aber ehrlich gesagt recht gut für kurzweilige Unterhaltung bieten. Fix ist Bava auch hier mit seinem Inszenierungsstil und spielt auch wieder ausgiebig mit Farben und Licht, beschreitet hier aber - löblicherweise - einen anderen Weg. Es ist vor allem kaltes, meist bläulich gehaltenes Licht, das verstärkt durch die vorherrschende Dunkelheit für einige schöne Schattenspiele herhalten muss. Gerade auf der optischen Seite hat der zweite Dämonen-Film seine Stärken. Er ist routiniert abgedreht, aber während Teil 1 durch seine Dynamik noch ordentlich von den darstellerischen Schwächen und Lücken in der Handlung ablenken kann, so ist es hier mit Atmosphäre nicht allein gebracht. Seine Rasanz rettet ihn, auch wenn ein so muskelbepackter Physiker wie Hauptdarsteller David Knight nicht gerade glaubhaft ist.

Qualitäten haben beide Filme aber wirklich. So ist Dämonen eine grelle Tour de Force, die mit dem klaustrophobischen Aspekt der Story gut umzugehen weiß. Lamberto Bava sagte über seinen Film, dass er in ihm eine Satire sehe. Noch eher ist er aber ein guter Beweis, wie geschickt Lamberto Bava mit dem Film im Film-Charakter der Geschichte umzugehen weiß. Die Ereignisse im abgespielten  Film im Kino (in dem übrigens der Darsteller und Regisseur Michele Soavi zu sehen ist) werden gekonnt mit denen im Saal verbunden. Es gelingt Bava so manche brilliante Szene, alleine schon als die Verwandlung des ersten Dämons auf der Leinwand eins wird mit der der Prostituierten. Ist alleine dies schon eine schöne Montage, so wird dies noch von der verzweifelten Suche nach Hilfe von deren Freundin getoppt. Von der zum Dämon mutierten angegriffenen und verwundeten Freundin durch das Kino umherirrend, gerät sie hinter die Leinwand. Was folgt ist ein Eins werden mit dem Schrecken im Film und Kino. Die Versuche, auf sich Aufmerksam zu machen und das damit verbundene Klopfen auf die Leinwand läßt hier eine schöne Bildwerdung zu, dass die Dämonen von der Leinwand in die "reale" Welt drängen. Noch fantastischer ist das Drängen nach draußen. Während ein unbekannter Schlitzer im Film das Zelt einer unbekannten, jungen Frau aufschlitzt, fällt die Verwundete gleichzeitig beim Schlitzgeräusch als das Messer durch den Zeltstoff gleitet, durch die von ihr eingerissene Leinwand. Eine wunderbare Montage. Der Film läuft weiter und die Szene gipfelt im Dämonen, der übergroß und diabolisch von der Leinwand auf das Publikum blickt, während dies auch die mutierte Verwundete macht. Auch hier fühlt man regelrecht die Präsenz eines Argento. Doch wollen wir diesen genialen Einfall ruhig mal Lamberto Bava zusprechen. Sein Produzent trieb ihn dazu, dass Buch zu
Dämonen mehr als einmal umzuschreiben.

Damit hat er rein filmisch seine stärkste Phase zu Beginn, kann aber auch noch als durchweg gelungener Splatterreißer durchweg überzeugen. Er pumpt sich regelrecht nach Vorne, macht wenige Pausen und kann darüber hinaus auch mit einem gefälligen Soundtrack von Claudio Simonetti punkten. Als wäre dies nicht genug, setzt er in einigen Szenen auch auf lauten Heavy Metal damals so angesagter Bands wie Accept, Saxon oder den Pretty Maids. Ein Ding, mit dem ebenfalls Argento seit Phenomena um die Ecke kam. Auch der zweite Teil setzt neben dem Score von Simon Boswell auf Beiträge von Musikgruppen, bleibt hier allerdings etwas zahmer. Unter anderem sind Dead Can Dance, The Smiths oder auch The Cult zu hören. Lamberto Bava mag kein allzu guter Geschichtenerzähler zein, doch kann er mit seinen beiden dämonischen Horrorschockern wirklich gut überzeugen und auch seine eventuelle Enttäuschung über den "Niedergang" bzw. die Veränderungen in der Filmindustrie transportieren. Wie Eingangs besprochen, wird diese immer mehr zu einem Maschinarium, einem komplexen Gefüge aus verschiedenen Teilen die als ganzes einfach zu funktionieren hat. Bezeichnend ist die Szene (im ersten Teil), als ein Teil der Überlebenden nach dem Vorführraum und dem Vorführer suchen, dort allerdings nur Maschinen vorfinden. "Aber hier sind ja nur Maschinen" wird da entsetzt vorgestellt, bevor die Meute mit einer Mischung aus Wut und Verzweiflung die Einrichtung auseinander nimmt. Eine gewisse Ironie scheint da durch, ist der gezeigte Streifen doch so ein typischer, seelenloser und uninspirierter 08/15-Horrorkram. Er sollte eben Leute ins Kino locken. In der realen Welt um Geld zu verdienen, hier um als Futter für fiktive Kreaturen herzuhalten. Noch ironischer wird dies, da gerade die italienische Filmindustrie was den Genrefilm anbelangt, gerade durch ihre zahlreichen Kopien erfolgreicher Vorbilder bekannt wurde. Natürlich gab es auch dort qualitativ sehr ansprechende Werke, als auch eigenständige Werke.

Gerade wenn der werte und in Interviews immer sehr sympathisch auftretende Lamberto Bava seine Eigenständigkeit dem Einfluss seines Mentors Dario Argento etwas unterordnet, gelingt ihm der große Wurf. Nicht, dass es sich bei Dämonen 1 um einen verkappten Streifen des Maestros handelt. In den schwachen Momenten, schade dass es gerade dort ist, erkennt man die Handschrift Lamberto Bavas. Er orientiert sich hier halt nur stärker an seinem Freund, als ohnehin schon. Immerhin versucht er ja auch in seinen Gialli wie A Blade In The Dark oder Midnight Ripper argentoeske Momente zu kreieren. Schade, dass ihm dafür das Händchen fehlt. Eine gewisse Behäbigkeit in seinem Stil scheint da immer durch, da kann die Handlung noch so schnell vorangetrieben werden. In diesem beiden Filmen gelingt es ihm jedoch, den Zuschauer mitzureißen und ihnen eine schrecklich kurzweilige Zeit zu bereiten. Er kritisiert unterschwellig das bunte Spektakel, dass auf die erzählte Geschichte auch verzichten kann mit eben einem solchen. Er reichert dies an mit Versatzstücken aus dem Filmen seines Produzenten sowie ganz grob auch Zombiefilmen an und verbeugt sich dabei vor dem altehrwürdigen Erzählkino (im Foyer hängt ein Plakat von Herzogs Nosferatu und des frühen Argento-Giallos Vier Fliegen auf grauem Samt) und seiner Kraft, alleine mit geringen Mitteln großartige Momente zu schaffen. Der erste Teil ist dabei ein wirklich sehr gutes Splatterspektakel, der von einem gutklassigen zweiten Teil unterstützt wird. Es sind keine allzu großen Sternstunden des italienischen Horrorkinos, dafür aber doch bemerkenswerte Filme. Selbst wenn Teil Zwei nahe an der kompletten Plagiatur des Vorgängers vorbeischrammt: auch er hat seine Berechtigung und kommt noch näher an sowas wie dem klassischen Horrorfilm heran als der erste Teil. Übrigens wurden die Filme hier in ihrer richtigen Reihenfolge besprochen. Zu Videozeiten hat der damalige Verleih diese nämlich vertauscht und das Sequel zum ersten Teil und diesen zur Fortsetzung gemacht. Wer sich mit Lamberto Bava näher beschäftigen möchte und einen Einstieg in sein Schaffen möchte, der fängt wohl gleich mit den zwei Besten (nach Macabro) an, bevor es in den feuchten Keller des Mittelmaßes geht. Zudem hat man es bei den Dämonen auch mit den besten Gore- bzw. Splatterstreifen nach den Blutepen eines Fulci zu tun.



Beide Filme und andere Schocker jetzt sofort auf Filmundo abgreifen.

Samstag, 18. September 2010

Schwarze Messe der Dämonen


Seit einem von ihrem Vater verschuldeten Unfall, bei der die Mutter starb, sitzt Ippolita halb gelähmt im Rollstuhl. Nur kürzere Strecken kann sie unter höchster Anstrengung mit einem Gehstock bewältigen. Bei einem Besuch einer Marienstatue, von der angeblich heilende Kräfte ausgehen sollen, muss die durch ihre Behinderung verbitterte und frustrierte junge Frau mit ansehen, wie einer der vielen anderen sich vor Ort befindlichen Besessenen in den Tod stürzt. Kurz darauf, beginnt sie sich zu verändern. Sie bekommt hellsichtige Fähigkeiten und hat darüber hinaus sehr seltsame und real wirkende Träume. Als ihre Familie einen Psychiater beauftragt, sie zu therapieren, stellt er während einer Rückführung unter Hypnose fest, dass Ippolita vor vielen hundert Jahren schon einmal gelebt hat. Damals verschrieb sie ihre Seele einem Satanskult und kurz darauf verändert sich der Charakter der Dame immens. Sie beginnt, mit Obszönitäten ihre Mitmenschen zu beleidigen und lässt einige Spektakel wie das Mobiliar des Hauses schwebend durch den Raum zu bewegen, vom Stapel. Es kristallisiert sich immer mehr, dass sie von einer dämonischen Macht, ja wahrscheinlich dem Teufel selbst, besessen zu sein scheint. Auch wenn sich gerade ihr Psychiater und der Vater erst gegen den Gedanken wehren, so zeugt die immer krassere Wesensveränderung der Tochter davon, dass sie handeln müssen. Doch einfach läßt sich die unbekannte Macht nicht aus Ippolitas Körper vertreiben.

Wer nun zuerst den Namen eines der Kassenknüller der 70er Jahre errät, der für dieses Werk Pate gestanden hat, gewinnt zwar nicht mal einen kleinen Trostpreis, ist ansonsten aber auf der richtigen Spur. Es besteht keinen Zweifel, dass man auch in Bella Italia beeindruckt war vom Erfolg William Friedkins und dessen Okkultschocker Der Exorzist (1973), der Aufgrund seiner für die damaligen Zeit erfrischenden Offenheit in der Darstellung von Schockeffekten für einiges an Aufsehen erregt hat. Da ist man dann auch in Italien natürlich nicht weit und schickt sich an, einige Nachahmer ins Rennen zu schicken. Da kam dann zum Beispiel ein Jahr später mit dem Film Beyond the Door der in Deutschland unter dem Titel Wer bist du? lief, ein sehr behäbiges Werk auf die Freunde des Satansaustreibens auf großer Leinwand zu, der zwar ganz nett ist, aber nicht richtig aus dem Puschen kommen will. Ganz dreist ging man beim Mario Bava-Spätwerk Lisa und der Teufel. Da der künstlerisch sehr ambitionierte Film leider kein Verleih für den Film fand, ließ der Produzent durch den Erfolg von Friedkins Film von Bava Szenen nachdrehen, bei denen anstelle Linda Blairs nun Elke Sommer Erbsensuppe durch ein Krankenhauszimmer speien durfte. Die Szenen des ursprünglichen Films wurden als Rückblenden benutzt und diese Version wurde in Deutschland als Der Teuflische vermarktet.

Ebenfalls 1974 schickte Alberto de Martino mit Schwarze Messe der Dämonen seinen Beitrag zum fröhlichen Teufelsaustreiben in den Ring, welcher den Dreikampf um den Titel des schamlosesten, aber auch besten Exorzisten-Rip Offs ganz locker und mit Leichtigkeit gewinnt. Richtig reißerisch mutet hier auch der deutsche Videotitel an, der das Thema des Films ein klein wenig verfehlt. Da paßt der Kinotitel Der Antichrist wie die Faust aufs Auge. Der vom Römer de Martino dabei vorgeführte Antichrist ist vor allem unverschämt. Gerade deswegen, da es ihm zusammen mit den Co-Autoren Gianfranco Clerici und Vincenzo Mannino gelingt, richtig dreist Szenen des großen Vorbilds zu kopieren oder so gut zu variieren, dass man am liebsten ungläubig mit dem Kopf schütteln würde. Am meisten überrascht hierbei vor allem, dass es sich bei Schwarze Messe der Dämonen nicht mal um einen billigen bzw. eiligst herunter gekurbelten Streifen handelt. Geld auf das Konto der Produzenten sollte er unter zuhilfenahme eines brandaktuellen Themas bzw. Erfolgs natürlich schon, aber sowas hat man wirklich auch schon schludriger gesehen. Doch die Antichristenhatz de Martinos ist alles andere, nur nicht schlampig auf Celluloid gebannt. Das Buch versteht es sogar, die Thematik und Ansätze von Der Exorzist zu variieren und wenn man sich schon wähnt, dass es gar keine große Kopie des Blockbusters ist, haut einem de Martino die volle Kante an Unchristlichkeiten vor den Latz. Schamlos wird da zitiert und umgeändert. Dies allerdings immer so, dass es eine wahre Freude ist, dem Treiben zuzusehen.

Zu größtem Dank ist man hier vor allem der Hauptdarstellerin Carla Gravina verpflichtet. Schon die Leitung von Linda Blair ist, auch in Anbetracht ihres damaligen Alters, wirklich als herausragend anzusehen. Doch Gravina, welche später nur noch sporadisch als Mimin in Erscheinung getreten ist, spielt hier wirklich den gesamten Cast an die Wand. Und dieser besteht nicht gerade aus unbekannten, ist ihr Herr Vater doch kein geringerer als Mel Ferrer, der Bischof der örtlichen Kirche und gleichzeitig ihr Onkelchen Arthur Kennedy, als Haushälterin ist Alida Valli zu sehen, Umberto Orsini ist der Therapeut und die Geliebte von Ferrer wird von der aus anderen Italoproduktionen bekannte Anita Strindberg verkörpert. Schwergewichtige Namen also, die auch wirklich respektable Leistungen abliefern. Zwar kommt Kennedy ohne richtigen Schwung und irgendwie fast versteinert rüber, doch gegen so eine darstellerische Macht wie die von Gravina kommt sowieso niemand heran. Ihre Wandlung von der zutiefst frustrierten jungen Frau, gebeutelt von ihrem Schicksal und sogar eifersüchtig auf das Liebesglück ihres Vaters zu einer immer wahnsinniger agierenden, höchst Bbesessenen ist einfach nur beeindruckend. Sie schafft es punktgenau, ihr Spiel in der schön langsam erzählten ersten Hälfte des Films gut einzusetzen. All der verlorene Mut, die Verzweiflung und die Hoffnungslosigkeit: Gravina füllt die Rolle der Ippolita wunderbar mit Leben aus. Wenn de Martino noch die leisen Töne in seinem Film regieren läßt, läßt sie auch hier schon schön aufhorchen.

Schwarze Messe der Dämonen schafft es spielerisch, sowohl subtile, kleine Schreckmomente mit markig-lauten Böllerschüssen was die Schockmomente angeht, zu kombinieren. De Martino wandelt hier auf einer künstlerisch sogar schön ansprechenden Ebene, verzaubert die Kamera doch mit einigen wirklich schönen Einstellungen und Fahrten. In Verbindung mit der wirklich üppigen und prunkvollen Ausstattung und Settings, zieht einen der Film schnell in seinen Bann. Wirklich überrascht ist man da, wenn man sieht, dass für die höchst anspruchsvollen Bilder Aristide Massaccessi verantwortlich zeigt. Der später unter dem Pseudonym Joe D'Amato als Regisseur zu Italiens Schmuddelfilmer Nummer 1 aufgestiegene Massaccessi, der mit seinen Werken auch öfters die deutschen Jugendschützer zur Weißglut gebracht hat, dürfte hier an der Kamera wohl eine seiner besten Arbeiten erledigt haben. Der Film feuert eine visuelle Pracht ab, setzt erste kleine Schreckensmomente gekonnt ein und selbst wenn die Effekte, auch was die spektakulärere zweite Hälfte angeht, doch mal etwas offensichtlich sind, geschieht dies immer noch mit gehörigen Portion Charme. De Martino treibt die Handlung erstmal langsam voran, läßt sich vor allem viel Zeit Ippolita zu porträtieren und den Horror langsam einfließen. Es darf gegruselt werden. Die erste Hälfte ist bestimmt von der Zerrissenheit Ippolitas Charakters und wie sie sich eben - genau wie die Geschichte selbst - langsam wandelt. Psychologisch sauber ausgearbeitet ist dies natürlich nicht, aber atmosphärisch unheimlich dicht umgesetzt.

Im krassen Gegensatz ist da natürlich der weitere Verlauf der Story. Die leitet de Martino stilecht mit einem hammerharten Paukenschlag ein. Während des Dinners mit der Familie schreitet der Antichrist vollends zu seinem Auftritt und Gravina darf zeigen, was in ihr bzw. Ippolita steckt. Während ihrer besessenen Phase ähnelt sie zwar auch hier stark der Regan aus dem Exorzisten, trotzdem haben die Maskenbildner alle Arbeit geleistet. Die fragil wirkende, etwas kränklich aussehende Frau ist zu einer wortwörtlich diabolischen Kreatur, mit schrecklich verzerrter Fratze. Zeigte schon Der Exorzist harten Tobak, so übertreffen die Italiener sogar den teuflischen Terror. Obszönitäten, Levitation, auf andere Leute erbrechen - altbekannt. Doch der Teufel in de Martinos Version ist noch eine Prise heftiger drauf. Da darf er auch mal einige kleinere "Zaubertricks" auspacken und sogar ganz verschlagen agieren, um Familienmitglieder zu bezirzen. Was hier ausgepackt wird, ist eine (ganz positiv gemeint) verdammte Gottlosigkeit nach der anderen, ein Feuerwerk der Geschmacklosigkeiten. Bekannte Schlüsselszenen aus Friedkins Werk werden modifiziert, erweitert oder gänzlich mit anderem Ansatz umgesetzt. Furios und richtig entfesselt gibt sich Schwarze Messe der Dämonen, was ein regelrechter Kontrast zur eigentlich so ruhigen Anfangsphase ist. Was das Autorenkino hier geritten hat, so auf gut Deutsch gesagt auf die Kacke zu hauen, weiß man nicht. Allerdings zeigt dies wirklich Wirkung.

Das Finale schwächelt sogar ein wenig nach diesem lauten Brimborium, mit welchem die Handlung durch den Film ratterte. Dafür bietet es in seiner Bildsprache Anspielungen auf das Leid Jesu, höchst stimmig wieder von Massaccessi eingefangen. Untermalt wird der Film mit anfänglich eher ungewohnt experimentellen Klängen von Ennio Morricone und seinem Schüler Bruno Nicolai, welcher sich dann aber sehr schön in den Film einfügt. Und obwohl Schwarze Messe der Dämonen die wohl schamloseste unter den Exorzist-Rip Offs ist, so verfügt er trotzdem über eine gute Eigentständigkeit und auch gute Ansätze, die Zerrissenheit der Protagonistin offen zu legen. Zwar wird dies nur angekratzt und hätte noch vertieft werden können, doch dies sind Kleinigkeiten. Es ist und bleibt ein sehr stimmiger, starker Film der den Horror mit großem Tam-Tam und subtil zelebrieren kann. Eine kleine Perle unter den Okkultschockern aus Italien und der Beste unter den von dort stammenden Rip Offs von Friedkins unchristlichem Meisterwerk.


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Freitag, 10. September 2010

Django - Melodie in Blei

Steve McGregor ist ein frommer Mann, stellt er doch immerhin den Prediger des Wüstenkaffs Bowie dar. Doch das gemeine Brüdertrio Ward möchte ihm zu gerne seine Farm bzw. sein Land abluchsen. Die Nachbarn drumherum konnten sie schon mit genügend Nachdruck davon überzeugen, dass sie es besser an die Sippe abtreten. Doch der Pfarrer bleibt standhaft und möchte seinen Grund und Boden nicht einfach so diesen Raffgeiern überlassen. Ihm zur Seite steht sein Ziehsohn Django, der trotz der ihn alles umgebenden Frömmigkeit ein großes Herz für hübsche Damen hat. Allerdings können die Wards mit einem hinterhältigen Trick Django einen Mord in die Schuhe schieben und ihn aus dem Verkehr ziehen. Allerdings nicht lange. Der mit ihm inhaftierte Gauner Meredith mag den mit frommen Weisheiten um sich werfenden Django irgendwie und nimmt ihn bei seiner Flucht einfach mal mit. Trotz einer gewissen Skepsis im Lager von Merediths Kumpanen, verhilft ihnen Django bei einem großen Coup, in dem sie die sicherste Bank Arizonas ausrauben. Als sich der Lebemann mit der hübschen Iris, welche von einem von Merediths Kumpels gegen ihren Willen festgehalten wurde, von Meredith und Co. wieder auf den Weg nach Hause macht, muss er schreckliches feststellen: die Wards haben Steve McGregor kaltblütig umgebracht. Obwohl Django etwas gegen das sinnlose Blutvergießen und Töten von Menschen hat, schwört er noch am Grabe des Ziehvaters Rache an dessen Mördern.

Wobei man es sich schon denken kann, dass der Film im Original nicht viel mit dem Kulthelden Django zu tun hat. Aber wenn die Milch einer gewissen Kuh schon so verdammt lecker schmeckt, dass die Nachfrage so immens ist, dann melkt man sie natürlich so lange, bis der Euter leer ist. Und so gab es dann in den hiesigen Lichtspielhäusern nach dem Erfolg von Sergio Corbuccis Django aus dem Jahre 1966 eine riesige Flut an unterschiedlichsten Django-Nachzüglern, die im Original so weit von der von Franco Nero dargestellten Figur entfernt waren wie Flensburg von Garmisch-Partenkirchen. Gut, auch im Ausland hat man manche Werke zu einem Django-Film gemacht, doch es scheint, dass gerade in Deutschland die Gäule mit so manchem Filmverleih durchgingen. So ist dann auch der von Giovanni Fago inszenierte Melodie in Blei kein offizieller Nachfolger zu Corbuccis Klassiker. Das merkt man auch schon an der etwas halbherzigen deutschen Synchronisation, was den Namen des Titelhelden zu tun hat. Dieser heißt eigentlich Johnny King und so wird Django auch des öfteren mal mit Johnny angesprochen. Da fehlte es der deutschen Übersetzung dann doch etwas an Konsequenz.

So richtig Konsequent war man dann auch nicht, als man das Script des Films verfasst hat. Eher gesagt, schien sich der eigentlich sonst so routinierte Autor Ernesto Gastaldi nicht wirklich sicher zu sein, in welche Richtung er den Film denn eigentlich lenken soll. Liest sich die Handlung nach einer im Italowestern typischen und tausendfach erzählten Rachegeschichte, so läßt man sich im Film selbst doch recht Zeit, bis es zu eben dieser kommt. Zu Beginn wird es nicht nur komödiantisch, sondern sogar richtig klamaukig. Obwohl der Einstieg schon sehr schön den übergroßen Wahnsinns des Clanführers der Ward-Familie aufzeigt. Der von Gerard Herter im späteren Verlauf schön abgehoben dargestellte Ernest Ward ist nämlich ein ziemlicher Waffennarr und besessen von der Jagd, so dass er wohl durch zuviel Langeweile auf "lustige" Spiele zu seiner Unterhaltung kommt. Da werden schon mal Mexikaner Melonen auf den Kopf gebunden und durch die Gegend gejagt, nur dass dann Herr Ward diesen die Früchte von der Birne ballern kann. Dabei gibt er sich regelrecht desinteressiert, was um ihn herum so überhaupt passiert. Die "Drecksarbeit" läßt er da die beiden Brüder machen. Wäre nun dieser gewisse und typische zynische Unterton über den ganzen Film verstreut, so wäre Melodie in Blei ein durch und durch sehr bissiger und düsterer Western. Zwar ist es auch so noch ein sehenswertes Filmchen, doch man läßt sich eben Zeit, bis man komplett den ernst der Geschichte walten läßt.

Glücklicherweise wird hier der Klamauk nicht zu sehr in den Vordergrund getrieben und ist noch auf erträglichem Niveau. Fremdschämen muss man sich nicht, eher sind hier vage Elemente der Klopper vom beliebten Duo Bud Spencer und Terence Hill eingebaut. So gibt es auch mal eine zünftige Prügelei im Saloon, wo starke Männer merken, dass auch Dirnen über einen ordentlichen Schlag verfügen. Welch Glück, das auch Hauptdarsteller George Hilton gut aufgelegt ist und schon hier als komische Mischung aus Lebemann und frommen Bürger überzeugen kann. Ein schelmisches Lächeln trägt er da meist auf den Lippen, hilft seinem Ziehvater gegen die Ward-Bengel und macht sich dann sehr zum Ärger des Predigers auch mal schon in die Stadt zur nächsten Dame auf, die für Django schon mal das Bett vorwärmt. Dabei präsentiert man Django als recht feinen Lebemann, mit feinem Zwirn und Fifi auf dem Arm. Auch wenn er alles andere als fromm sein Leben meistert, so ist der Einfluss von Steve McGregor doch zu spüren. Töten lehnt er eigentlich ab, so ist dies auch seine Bedingung als er nach der Flucht aus dem Knast zusammen mit Neukumpel Meredith und seinen Kumpanen die Bank knacken soll: es soll kein Blut vergossen und sinnlos Menschen getötet werden. Außerdem wirft er mit Bibelsprüchen bzw. den rezitieren der zehn Gebote nur so um sich und erfindet auch mal öfters einfach so ein Gebot. Ein verquerter Charakter einfach, interessant genug um den Zuschauer bei Stange zu halten und auch schnell eine Figur, die gewisse Sympathien mit sich bringt.

Neben Hilton überzeugen allerdings auch die anderen Mimen. Neben diesem bieten Paolo Gozlino und der eigentliche Jess Franco-Stammdarsteller Paul Muller darstellerische Highlights. Gozlino ist dabei als Meredith zu sehen, der Django erstmal ordentlich vertrimmt und dabei gefallen an diesem sonderlichen Kerl findet. Er ist ein harter Hund, ein Gesetzloser der mit seiner Flucht dem Sensenmann von der Schippe springt. Allerdings ist er bei weitem keiner der Bösewichte, die vollkommen herzlos und kalt sind. Die Bande um ihn sind die typischen Desperados des Italowesterns, allerdings mit Herz und sowas wie Menschlichkeit verbunden, die dann gerade im Falle von Meredith schön dargestellt wird. Immerhin scheint er in Django schon so eine Art Freund gefunden zu haben, auch wenn er dies erstmal unter seiner harten Schale versteckt. Herzlos ist dahingegen ein Attribut, das man vor allem Mullers Charakter attestieren kann. Kaltblütig verfolgt er für seine Familie den Plan, das Land im Umkreis von Bowie für sich alleine zu bunkern. Und dazu ist nun mal jedes Mittel recht. Muller stellt den Bösewicht wirklich sehr glaubhaft dar und ist vor allem bei der Jagd nach Django wirklich bei jedem Auftritt vor der Kamera ein Highlight. Durch und durch bösartig hetzt er dem verhassten Ziehsohn des toten Predigers hinterher und blickt durchweg wütend in die Kamera.

Wenn Django dann nach Hause zurückgekehrt ist und am Grabe von McGregor steht und sich von der Haushälterin von dessen schrecklichen Tod unterrichten läßt, nimmt die Melodie in Blei auch ordentlich an Fahrt auf. Es ist eigentlich so, dass die ersten beiden Teile des Films, neben dem heiteren Beginn nimmt vor allem der Coup um den Bankraub auch ordentlich Zeit in Anspruch, nur darauf aus sind, den zweiten Teil von Fagos Werk vorzubereiten. Nun läßt sich darüber vortrefflich diskutieren, ob man hier nun Zeit verschwendet hat oder nicht. Ist das Storytelling in der ersten Hälfte noch recht ausführlich ausgearbeitet, so holpert man sich im zweiten Teil durch manche Hauruck-Aktionen bei den Zeitsprüngen schon fast durch die Geschichte. Entweder wollte man nun so ein wenig Tempo in die Handlung bringen, oder es ist (auch) auf einige Kürzungen innerhalb der deutschen Fassung zurückzuführen. Für Unterhaltung und auch Spannung ist dennoch gesorgt. Zwar ist die Handlung nicht so originell, dass man manchen Handlungsstrang vorausahnen kann, aber Fagos routinierte Umsetzung weiß zu gefallen. Im zweiten Teil zeigt er einen gänzlich anderen Django, dessen feiner Zwirn immer schmutziger und zerlumpter aussieht, der aber immer noch so manchen markigen Spruch auf den Lippen hat. Hier werden einige Härten gezeigt, für die man den Italowestern so schätzt. Den moralischen Kodex, den Django bisher für sein Leben und Handeln gewählt hat, scheint dieser nach dem Ableben des Vaters mit diesem beerdigt zu haben. Fago zeigt, dass auch der frommste Mensch von Rache zerfressen und von solch starken Gefühlen getrieben werden kann.

Wobei Django durch seine Vorliebe für das weibliche Geschlecht ohnehin ein eher scheinheiliger Vertreter der Spezies Mensch ist. Aber dieser irgendwie paradoxe Kontrast paßt zu Hiltons Figur. Vor allem, als dann Ernest Ward seinen großen Auftritt hat, geizt Melodie in Blei nicht gerade mit Zurückhaltung. Die Sadismen, die durch diese Figur zur Story hinzugefügt werden, geben dem Film eine sehr düstere und bösartige Unternote. So steigert sich der Film beständig. Es ist kein großer Reißer und weitab von den richtig großen Werken des Genres anzufinden, aber dennoch ein wirklich ansprechender Vertreter aus der zweiten Reihe. Dazu tragen auch der schmissige Score von Nico Fidenco sowie einige nette Einstellungen bei. Zwar ist die technische und fotographische Seite des Films weitgehend unspektakulär, doch zum Ende scheint sich Fago mit seinem Kameramann Antonio Borghesi doch etwas mehr zu trauen. Mag sein, dass sich der Film an einigen Stellen der Geschichte zu lange aufhält und eventuell etwas auf der Stelle tritt, doch seine gewisse Grundhärte, die er in der zweiten Hälfte bekommt, hilft, ihn zu einem gutklassigen Italowestern werden zu lassen. Ein kleiner, räudiger Streifen der es versteht, einen mal ganz frommen und doch äußerst coolen Helden zu präsentieren, der trotz der größten Tortur mit eisernem Willen sein Ziel verfolgt. Melodie in Blei ist vor allem ein Rachewestern mit einem kleinen Zusatz an komödiantischen Einlagen und Elementen von Heist-Movies, die in keinster Weise störend wirken sondern ihn nur mehr zu einem interessanten Italowestern aus der zweiten Reihe werden läßt.


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Montag, 6. September 2010

Die Horde

Regelrecht hingerichtet wird der Polizist Mathias Rivoallan aufgefunden. Am Tag seiner Beerdigung schwört sein Kollege Jimenez der Witwe des Toten, sich an den Mördern zu rächen. Zusammen mit seinen Kollegen Ouessern, Jimmy und Aurore, welche eine Affäre mit Mathias hatte, plant er die kriminelle Markudi-Bande zu viert auseinander zu nehmen und sie regelrecht zu massakrieren. Allerdings geht das durch den übermütigen Hausmeister des Hochhauses, in dem sich die Bande um die nigerianischen Brüder Bola und Adewale eingenistet hat, gehörig schief. Man gerät in die Fänge der brutalen Kerle und wähnt sich schon am Ende, als urplötzlich draußen ertönenden Sirenen die Situation noch verschlimmert. Immerhin nimmt die Bande an, dass den Cops Verstärkung zu Hilfe kommt. Doch bald merken sie, dass alles noch viel schlimmer ist. Die Stadt steht in Flammen, es herrscht urplötzlich der Ausnahmezustand und vor den Türen und bald auch im Inneren des Gebäudes tummeln sich blutrünstige Kreaturen, die einst normale Menschen gewesen waren. Auf ihrer Flucht vor diesen gehen die Kriminellen und die Polizisten eine Zwangsgemeinschaft ein, welche aufgrund der immensen Gefahr, die von den Untoten ausgeht, zwingend nötig ist. Doch bald wird die Gruppe getrennt und es treten immer wieder untereinander Probleme auf. Auch wenn man bald noch auf den älteren und kauzigen René, einem der wenigen Bewohner des Hauses, trifft, hat man dabei noch alle Hände voll zu tun, auf dem Weg nach draußen sich gegen die schnellen und bluthungrigen Kreaturen zu wehren.

Der Horror- bzw. phantastische Film an und für sich ist in Frankreich - welches ja beinahe schon Synonym für zähe und angeblich "schwierige", anspruchsvolle Filmkost ist - eher von schwerem Stand. Nicht, dass es dort nicht auch Freunde der Science Fiction, des leichten Grusels oder auch harten Splatterfilms gibt, doch es ist wie in manch anderen Ländern auch eher eine Nische als ein Massenphänomen. Wo früher der beim eher einfacher gestrickten Fandom recht umstrittene und von Freundes des besonderen, abseitigen Films gefeierte Jean Rollin fast allein auf weiter Flur stand, so ist es selbst jetzt immer noch verwunderlich dass gerade aus diesem Landstrich auf einmal die derzeit härtesten Horrorschocker der letzten Jahre kommen. Oft und viel wurde seit Alexandre Ajas Haute Tension (2003) und die nachfolgenden Werke, allen voran der überharte Martyrs (2009) über die "Nouvelle Vague de Horror" geschrieben und diskutiert. Haben diese einen noch recht nüchternen und einigermaßen realistischen Hintergrund zu bieten, so ist die Präsenz des Horrorfans liebsten Kind, des Zombies, im französischen Horrorfilm beinahe bei Null. In den 80ern, genauer gesagt 1987, schuf Pierre B. Reinhard mit Rückkehr der lebenden Toten einen Film, in dem es im größeren Rahmen Zombies zu sehen gab. Drei Stück an der Zahl. Mit etwas mehr Intelligenz als die damaligen untoten Kollegen gesegnet, dafür aber mit grausiger Maske und sowas wie Brautkleidern am Leib ausgestattet. Grausig ist übrigens auch ein wunderbares Wort, welches diesen Film in seiner kompletten Wirkung beschreiben kann.

Plötzlich kommt da aber mit Die Horde ein Ding um die Ecke, das jeden Zombie-Fan bestimmt aus seinem dunklen Loch hervorlocken und bei diesem für Verzückung sorgen kann. Allerdings muss man sich auch hier mit dem derzeit vorherrschenden, sehr martialischen und realistischen Look des französischen Horrorfilms anfreunden. Dies hat ja aber schon recht gut bei anderen Filmen geklappt. Der Einstieg dabei ist schön flott und das Debütantenduo Benjamin Rocher und Yannick Dahan verschwenden keine überflüssige Zeit damit, ihre Charaktere großartig einzuführen. Man treibt die Handlung mit einer großen Portion Schwung nach Vorne, ohne durch den von vielen so verschmähten, langsameren Erzählstil des französischen Films aufzufallen. Betont modern gibt man sich hier und hat als Vorbilder für das narrative Stakkato bestimmt auch so einige trendige Filmwerke für die MTViva-Generation. Aber es funktioniert, auch wenn der Freund von Romeros schlumpffarbigen Untoten bestimmt wieder am sehr hektischen Schnitt etwas auszusetzen hat. Die Sehgewohnheiten ändern sich und so auch das Bild des Zombies. Auch hier wird nicht langsam und bedrohlich geschlurft, sondern äußerst sportlich vorgegangen. Dabei könnten die fleischfressenden Ungetüme hier auch so manchen Weltrekord im Kurzstreckensprint aufstellen, gäbe es denn eine Zombie-Olympiade. Subtilität hatte beim Schreiben des Drehbuchs wohl keine Zeit und so herrscht eine erfrischende "In die Fresse"-Mentalität, die sich gewaschen hat.

Dabei gestaltet sich der Einstieg in Die Horde doch als etwas schwierig. Das liegt auch daran, dass man - ähnlich wie beim 2007 entstandenen Inside - die Figuren auf eine gewisse Distanz beim Zuschauer läßt. Die Beweggründe werden nicht so recht klar, es wird vieles im Dunkeln gelassen und als das Quartett auf der Suche nach dem Versteck der Mörder ihres Kollegen ist, überlegt man auch schon mal kurz, ob die Herren und Dame von der Polente nicht sogar aus der Schublade des Gesetzeshüter mit Dreck am Stecken sein könnte. So ist der Beruf des Polizisten wohl auch eher nur ein Alibi, die Vier hätten auch gut und gerne einer anderen, verfeindeten Bande angehören können. Dieser Aspekt wäre sogar ein vielleicht noch besserer Kniff gewesen. Schnell befindet man sich aber mit den Polizisten am Versteck der Bande und gerade der Beginn des Films ist sehr actionbetont. Auch wenn Rocher und Dahan bestreiten, sich groß an den Romero'schen Untoten-Epen orientiert zu haben, so wird sich doch an einigen Stellen bei diesen bedient. Dafür haben diese auch zu sehr Einfluss auf nachfolgend erschienenen Werke mit Zombies als horrifizierenden Protagonisten. Wenn die Lichter der brennenden Stadt wahrgenommen werden und einige Vertreter der Markonis und der Polizei auf dem Dach des Hauses stehen und sich dieses apokalyptische Bild anschauen, so wird das berühmte "Sie kommen und werden dich holen"-Zitat aus Night of the Living Dead (1968) ganz unverfroren abgewandelt. Außerdem: ähnlich wie beim ollen Romero-George bleibt die Herkunft bzw. der ganze Grund für die Anwesenheit der Zombies nie geklärt. Urplötzlich stehen sie auf der Matte wie der ungeliebte Staubsaugervertreter.

Dann geht die Luzie auch richtig ab und es gibt auf dem Schirm wie auch für den Zuschauer kein Halten mehr. Wenn der erste Zombie im inneren des Gebäudes mal so richtig herzhaft in einen Hals beißen darf, drückt das dynamische Regie-Duo mächtig aufs Gas, und drosselt dies nur selten. Es regiert allerdings nie so richtig der klassische Horror. Der Schrecken geht hier eine durchaus unterhaltende Melange aus wortwörtlich krachiger Action ein. Es wird aus vollem Rohr geballert und Patronen spritzen genau wie das Blut fast im Minutentakt durch das Filmbild. Dieses ist betont düster und dunkel gehalten, hat einen dreckigen und dank der stimmigen Location auch einen schön runtergekommenen Look. Es paßt einfach und sollten mal nicht die Patronen fliegen, dann übrigens die Fäuste. Nie wurden in einem Film Zombies so oft verprügelt wie hier. Man bleibt, auch wenn es sich im ersten Moment für ein Werk mit so einem Thema ungewöhnlich anhören mag, auf einem gewissen realistischen Level. Bodenständiger Haudrauf so wie man ihn aus den 80ern kennt, stand Pate für die Actionszenen. Trotz der ungeheuer mitreißenden Dynamik hat Die Horde ein klein wenig Startschwierigkeiten. Der Funke mag gerade durch die schon angesprochene distanzierte Darstellung nicht überspringen, zumal fehlt auch irgendwie eine gewisse Identifikationsfigur. Erst spät kann man als Zuschauer ein wenig Bezug zu bestimmten Figuren aufbauen. Hier wird das Tempo dann gedrosselt und versucht, den Charakteren etwas mehr Tiefe zu verleihen.

Das dies bei einem sehr aktionslastigen Film allerdings keine extreme Tiefe sein kann, dürfte jedem klar sein. Trotzdem klingen hier auch einige interessante Dinge an, durch die man sich mehr mit den verschiedenen Figuren auseinandersetzen kann, auch wenn hier einige Klischees mit einfließen. Größte Überraschung dürfte hier wohl der einzige weibliche Part von Die Horde sein. Die von Claude Perron gespielte Aurore erscheint rein von ihrem Auftreten her als typische toughe Lady, die irgendwann im Film ganz John McClane-Like mit verdrecktem Tanktop durch die Gegend rennt. Aber sie ist nicht nur tough. Aurore ist auch ein eiskaltes und skrupelloses Miststück, welches man ganz salopp gesagt öfters mal ganz gehörig die Fraze klatschen könnte oder der man wenigstens mal eine nähere Begegnung mit den untoten Schmatzbacken wünscht. Die Antipathie zu dieser Figur ist wirklich sehr groß angelegt und mal eine nette Abwechslung zum ansonsten typischen starke Heldinnen-Konstrukt der letzten Jahre. Psychopathische Gangster, auf den zweiten Blick doch ganz vernünftig wirkende Kriminelle und auch einen obligatorisch sehr exzentrischen Charakter: La Horde hat sie alle. Doch auch hier ist letztgenannten Figur mal etwas anders angelegt. Der Film spricht ein erwachsenes Publikum an und braucht so glücklicherweiße keine geschniegelten, geleckten Teenietypen, bei denen es ja dann sowieso immer so einen ganz lustigen Typen gibt, der total crazy ist und so. Hier ist es der Hausbewohner René, eine uralte Reliquie vergangener Tage, im typischen upgefuckten Outfit mit zerrissenem, zu kurzem Unterhemd, unrasiert und äußerst räudigem Umgangston. Aber die Sympathien hat er trotzdem auf seiner Seite.

Es scheint, als würden Rocher und Dahan jede ihrer Figuren eine gewisse Bevölkerungsschicht ihres Heimatlandes darstellen lassen. Vor allem scheinen es jene zu sein, die man in den Vorstädten der französischen Metropolen antreffen kann. Einfache, sozial schwächer gestellte Menschen, die trotzdem nicht so asozial sind, wie es die Vorurteile anderer immer darstellen wollen. Doch dann kommt man da mit dieser Szene um die Ecke, als eine weibliche Untote auf dem Boden festgehalten wird und eine anstehende Misshandlung bzw. Vergewaltigung dieser angedeutet wird. Sexistisch wird man da, äußerst rüde und vulgär und das hier dargestellte Bild wird zu einem tief liegenden Klotz im Magen. Selbst der so lustige René zeigt hier eine andere, sehr triebhafte Seite die bei ihm darin gipfelt, dass er sich trotzdem mal die Brüste der Untoten anschauen muss. Da haben wir dann wieder die kleinen, doch vorhandenen Bezüge zum Papa des modernen Zombies. Auch Romero kann es ja nicht mit ein wenig Sozialkritik lassen, auch wenn diese von Film zu Film weniger wurde. Rocher und Dahan deuten an und schaffen es in den ruhigeren Passagen doch, genug Raum für gewisse Interpretationen zu lassen. Es ist eine Anklage auf eben jene Vorurteile, die auch eben so manchen Migranten in Frankfreich entgegenschlägt. Der harte, rauhe Alltag der Straße und des sozial auf unterster Stufe stehenden Mobs, in ein phantastisches Sujet eingebettet.

Dies funktioniert ausgezeichnet, wie auch der stetig ansteigende Spannungsgrad des Films. Was als reine von Rache getriebene actionlastige Oldschool-Wumms-Operette anfängt, wechselt nahezu unbemerkt zu einem modernen Zombievertreter. Im übrigen ist der Umgang mit dem Suspense wirklich als sehr gut zu bezeichnen, immerhin schafft man durch sein hohes Tempo und den angesprochenen sehr hektischen Schnitt so manche Schrecksekunde. Klassischen Horror darf man bei leibe nicht erwarten. Doch je enger es im Verlauf der Handlung für die Protagonisten wird, desto action- und spannungsgeladener wird auch Die Horde. Hier hat man Untote im Adrenalinrausch, den auch irgendwann der Zuschauer, sofern nicht allzu abgebrüht, erleben wird. Wie hungrig auf menschliches Fleisch und Blut die effektmäßig gut in Szene gesetzten Massen an Zombies sind, sieht man auch wunderbar an der Szene, wenn die Gruppe im Erdgeschoß des Hauses angekommen ist. Da drücken sich sie hungrigen Zombies gierig gegen die Scheibe, was entweder wiederum an Romeros Dawn of the Dead (1978) oder sogar an die schöne Szene aus Cronenbergs Frühwerk Shivers (1975) erinnert, als dort die vor Wut rasenden Menschen an der gläsernen Front des Gebäudes versuchen, sich selbst Einlass zu gewähren. Der Film fängt diese rohe Urbanität der Vorstadt und all ihre Tristheit wunderbar ein und hat eine immens starke Stimmung, die in so einigen herben Szenen mündet. Ausufernde Knabbereien am Mastdarm des Opfers und anderes fröhliches Mantschen in den Innereien findet man hier nicht. Schnell, hart und zügig sind hier auch die Gewaltspitzen, die trotzdem noch genügend Härte aufweisen. Man kommt nicht an die Schockerkollegen heran, hat allerdings doch noch ein ordentlich saftiges Gewaltlevel, dass nicht ohne ist.

Kreative und beinahe schon ästhetisch anmutende Tötungen sollte man hier allerdings nicht erwarten. Da wartet man doch lieber auf bestimmt nicht lange auf sich warten lassende, andere Zombie-Werke aus anderen Ländern. Da darf dann bestimmt auch wieder ordentlich gefressen werden. Dafür ist Die Horde eine im positiven Sinne viel zu gehetzte Tour de Force. Aber eine ungemein sehenswerte, die sogar mit das Beste der letzten Zeit im seit langen Jahren existenten Zombiefilm-Subgenre darstellt. Eine ordentliche Portion an Härte und einem hoffnungslosen Unterton, auch wenn die Protagonisten weiterhin an eine erfolgreiche Flucht vor den Untoten glaubt. Ein Film, der einige heftige und trotzdem starke Szenen aufzuweisen hat und damit den etwas holprigen Beginn wirklich sehr gut kaschieren kann. Frankreich hat es somit also wieder einmal geschafft und einen äußerst sehenswerten und gutklassigen Genrevertreter abgeliefert.


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