Film ist Wahrheit, 24 Mal pro Sekunde. Tagebuch. Meinungen. Filmstoff.

Sonntag, 23. Dezember 2018

Summer of 84

Sommer. Ferien. Abenteuerzeit. Das Geheimnis dieses einen Sommers, der so magisch Erwachsenen im Gedächtnis nachhallt, mag durch die voranschreitende Zeit und winziger Details, die so vergessen werden, im Verborgenen bleiben. Die Essenz der Erlebnisse bleibt haften. Mag es der erste Kuss mit der ersten Freundin, das langsame entdecken der Freuden körperlicher Liebe, oder einfach nur Episoden guter Zeiten mit den besten Kumpanen sein. Dieser eine Sommer bleibt im Kopf haften. Buchautoren und Filmemacher schenken ihren heranwachsenden Protagonisten zudem tragische oder gleich mörderisch gefährliche Abenteuer; einen kompletten Umbruch im Leben ihrer Figuren, der alles vorherige nicht mehr so erscheinen lässt, wie es einmal war. Nicht erst seit dem Netflix-Serien-Hit Stranger Things geht diese Formel für Regisseure und Autoren auf und beschert zeitgleich einen immensen Erfolg. Schon Stephen King sorgte in den 80ern mit Büchen und deren Verfilmungen wie Es oder Stand By Me für zeitlose wie erfolgreiche Geschichten, die auf dieser Formel beruhen.

Bereits ein Jahr vor dem für die Renaissance der x-ten 80er-Nostalgie-Welle im Film sorgenden Hype um Stranger Things schuf das frankokanadische Regie-Trio RKSS mit Turbo Kid einen schrägen wie herrlichen Mix aus dystopischer (Splatter-)Action sowie Jugendabenteuer á la Die BMX-Bande. So krude wie der Vorgängerfilm, dort auch teils vom limitierten Budget herrührend, tritt Summer of 84 nicht in Erscheinung. Anouk und Yoan-Karl Whissell sowie Francois Simard scheinen eher bemüht, sich am großen Vorbild des Streaming-Giganten, der in seiner akribischen Reproduktion der 80er im Auftreten und erzählerisch selbst (zugegen effektiv wie charmant) bemüht ist, Spielberg'schen und King'schen Geschichten in ihrer Art nachzueifern, zu orientieren. Davey, Eats, Woody und Curtis befinden sich gleichzeitig in den letzten kindlichen Tagen und knietief in der Pubertät. Nach abendlichem Fangen-Spiel verwandelt sich Eats Baumhaus zur gemeinsamen Mancave, in der von Erlebnissen mit dem weiblichen Geschlecht berichtet wird oder man sich zumindest wünscht, mit einer hübschen Dame intim zu werden.

Bis Davey den Verdacht schöpft, dass sein Nachbar Wayne Mackey, ein in der kleinen Ortschaft angesehener Polizist, etwas mit dem regelmäßigen Verschwinden von Kindern und Jugendlichen im Umland zu tun hat. Er erkennt auf dem Vermisstenbild auf einer Milchtüte einen Jungen, der er einige Abende zuvor beim Fangen-Spiel von seinem Versteck aus in der Küche Mackeys sitzen sah, wieder. Während die Eltern Daveys ihrem Jungen und seinen abenteuerlichen Theorien keinen Glauben schenken, kann er seine Freunde davon überzeugen, Mackey zu beschatten und Beweise zu sammeln. Zwischen den irgendwann erschöpfend wirkenden pubertären Sprüchen und Witzchen der Freunde und der ausgedehnten Einführung der Figuren blitzt beinahe unbemerkt die Finesse von RKSS auf, dass sie in den seichten Jugend-Sommerfilm-Plot eine Hitchcock'sche Thriller-Geschichte einweben. Einleuchtend wie simpel erzählt Davey im Voice Over zu Beginn des Film davon, dass auch Serienmörder die Nachbarn von jemandem sind. Zwar beobachtet der Junge anders als James Stewart in Das Fenster zum Hof keinen Mord, doch RKSS gelingt es, in Summer of 84 parallel zwei eng miteinander verwobene Stories zu erzählen.

Während die Jungs in ihrem Geifern nach weiblichem Fleisch einerseits schnell nervig sein können, der Film allerdings trotzdem mit hübschem 80s-Vibe gefällt und eine tolle Atmosphäre aufbauen kann und durch die Zeichnung von Normalo-Davey überzeugt, entwickelt sich gleichzeitig um seinen Verdacht, dass Polizist Mackey ein Serienmörder sein könnte, ein netter Paranoia-Thriller. Dessen Darsteller Rich Sommer ist eine passende Wahl für einen freundlichen, ehrbaren Nachbarn dessen unspektakuläres Auftreten und markantes Gesicht gleichzeitig auch den Zuschauer auf Daveys Seite zieht und ihn verdächtigt, das irgendwas nicht mit ihm stimmt. Ohne in die Gefilde von Lynchs Blue Velvet oder Twin Peaks zu steigen, zeigt Summer of 84 das bekannte Bild der augenscheinlich perfekten Vorstadtsiedlung, hinter deren Fassaden das unaussprechliche geschieht. Die Macher zielen auf die Faszination des Bösen, welches in unseren Mitmenschen lauern kann, wovon u. a. True Crime-Publikationen, -Dokumentation etc. zehren. Selbst unbekanntere Monster, die keine weltweite Berühmtheit wie z. B. Jeffrey Dahmer, David Berkowitz oder Ted Bundy erlangten, waren, wie diese, Nachbarn.

Augenscheinlich normale Menschen, deren Auftritt in der Öffentlichkeit - hier im begrenzten Kosmos des Films - zuerst keinen Verdacht schöpfen lässt, dass mit ihnen nichts stimmt. Summer of 84 spielt mit der Frage, wie normal Normalität sein kann, ohne auffällig zu werden und ob man seine unmittelbaren Nachbarn, mit denen man vielleicht ein oberflächliches, gutes oder sogar freundschaftliches Verhältnis hat, so gut kennt, wie man annimmt. Die Regisseure kombinieren das mit der Fantasie und Einbildungskraft, die Kindern innewohnt. Der schwarze Mann, das Monster unter dem Bett: manchmal entpuppen sie sich doch nur als Schatten unscheinbarer Dinge im Dunkel des Zimmers. Als Thriller mag der Film spät zünden, überzeugt dafür im stetigen Wechsel der Positition des Zuschauers zu Daveys Verdacht. Die Perspektive der Kids lässt ihn schnell zum Täter werden, bevor der Film schnell in die Sicht der Erwachsenen wechselt und manches als vorschnelle Meinung abtut. Das Drehbuch gestaltet dies abwechslungsreich, obwohl die Autoren generische Thrillerformeln bedienen, um ihre Handlung in diesem Bereich vorantreiben. Das man am Ball bleibt, ist den Figuren zu verdanken.

Die Scriptautoren Matt Leslie und Stephen J. Smith bedienen sich großzügig im Fundus ihrer Vorbilder und präsentieren eine Konstellation von Charakteren, wie sie aus anderen 80er-Filmen mit jugendlichen Hauptfiguren bekannt sind. Deren Darsteller schenken diesen Leben und eine Persönlichkeit. Mit viel Charme und dem bis auf kleine Ausnahmen gekonnten Auflebens des Kult-Jahrzehnts bedient Summer of 84 all' die Nostalgiker, welche bei den kleinsten Anzeichen der glory 80s mit seligem Lächeln am Bildschirm kleben. Man schenkt den Autoren und den Regisseuren das Vertrauen, dass man ein tolles wie spannendes Abenteuer aus längst vergangenen Zeiten erlebt, nach dessen Ende man in die Gegenwart zurückkehrt und in den letzten Böen der angeflogenen Nostalgia verweilt. Schenkten allein die großen Vorbilder, an denen sich die Werke der aktuellen Retro-Welle orientieren, am Ende jenen Feel Good-Moment, dem man mit jenen Filmen wieder aufleben lassen möchte. Die vergangenen Sommer der alten Werke lassen positive Erinnerungen zurück; Happy Ends nach aufregenden Wochen und der Vorstellung im Kopf des Zuschauers, dass der nächste Sommer für die liebgewonnenen Charaktere vielleicht wieder ein großes Abenteuer bereit hält.

RKSS und ihre Scriptautoren reißen derweil dem Fan die Nostalgie-Brille brutal von der Nase, wenn Summer of 84 ohne große Vorzeichen den Ton verschärft. Bitterer Ernst und schonungslose Brutalität regieren, die Atmosphäre verdüstert sich mit dem Anflug schwarzer Wolken, welche die sonnige Grundstimmung trotz des Serienmörder-Sujets komplett verdeckt. Mit dem depressiven Ende lässt der Film den Zuschauer alleine im Dunkel des Raums zurück. Die simple Aussage von Davey, die gleichzeitig effektiv einen Teil des ganzen Films zusammenfasst, dass auch Serienkiller die Nachbarn von jemandem sind, wird nochmal wiederholt und hallt nach. Vielleicht trug der radikale Bruch gegen Ende dazu bei, dass Summer of 84 einen kleinen Hype erhielt. Ohne diesen wäre der Film ein durchaus spannender wie sympathischer Vertreter all' dieser Filme, die uns Vorgaukeln wollen, aus einem anderen Jahrzehnt zu stammen. Durch den Mut der Macher, nicht gänzlich den Wegen der damaligen Werke zu folgen, erhebt er sich ohne großkotziges Auftreten zum ultimativen 80er-Retro-Film. Nach Summer of 84 sollte eigentlich nichts mehr kommen, was erneut, schon wieder, noch einmal von vorn die 80er aufleben lässt und sich so gibt, als wäre er via Zeitreise in unsere Gegenwart geschleudert worden. Nie fühlte sich dazu der Coming-of-Age-Teil dieser Filme so niederschmetternd wie düster an. Es gibt eben auch diese Sommer in denen das Kind sein endet. Selbst wenn es noch etliche Jahre dauert, bis man tatsächlich nicht mehr als Kind (oder Jugendlicher) bezeichnet wird und diesem Status entwachsen ist. Summer of 84 ist dabei keine weitere Jubelarie auf dieses von vielen geliebte, von vielen auch gehasste Jahrzehnt und seine Filme. Es nutzt dessen Vibe, um gleichzeitig eine verhaltene (weitere) Hommage an diese zu sein und zeigt dem aktuellen Trend gleichzeitig den Mittelfinger: er glorifiziert eine Zeit, in der wahrlich nicht alles schlecht war, die viel Kult gewordene Dinge in die Popkultur brachte, aber manchmal auch zu viel glorifiziert wird. Das muss man auch als ausgemachter Retro- und 80er-Fan zu denen ich mich selbst zähle, einziehen. Hut ab vor diesem Film!

Samstag, 15. Dezember 2018

Green Room

Punk ain't no religious cult // Punk means thinking for yourself // You ain't hardcore 'cause you spike your hair // When a jock still lives inside your head // Nazi punks // Nazi punks // Nazi punks fuck off! schmettert Tiger, Sänger der Punk-Band The Ain't Rights dem Nazi-Skin-Publikum im schäbigen Rockerclub, gelegen in einem trostlosen Waldgebiet irgendwo in Oregon, entgegen. Die spannungsgeladene Brisanz in der Konfrontation beider ideologisch weiter auseinander driftenden Subkulturen in Jeremy Saulniers Green Room verspricht politische Durchschlagkraft. Regisseur Saulnier nutzt dies in seinem Drehbuch weitgehend nur dafür, bereits vorhandene Differenzen zwischen den Lagern für den Spannungsaufbau seiner Geschichte zu nutzen. Abgebrannt, mit kaum Sprit durch die Staaten tingelnd, wird die Combo um Tiger, Pat, Sam und Reece von ihrem Gastgeber, Veranstalter und Interviewer Tad nach einem erfolglosen Aufritt in einem mexikanischen Restaurant für einen ertragreicheren Ersatzauftritt gebucht.

Abhängig vom schnöden Mammon nimmt man den Job an, zockt den Gig routiniert vor dem rechtsradikalen Publikum runter und will hinterher so schnell wie möglich die Location verlassen, als man im Backstage-Bereich in einen unschönen Zwischenfall samt Leiche platzt. Die Bandmitglieder werden von den ebenfalls rechts gerichteten Veranstaltern im Club eingeschlossen und festgehalten, nichts ahnend, dass Clubbesitzer Darcy keine Zeugen des Zwischenfalls gebrauchen kann und mit seinen Kumpanen bereits systematisch deren Auslöschung plant. Als die Bandmitglieder von den Plänen der Nazi-Gruppierung Wind bekommen, verbarrikadieren sie sich zusammen mit einem Türsteher und dem Skin-Girl Amber in der Garderobe des Clubs und versuchen, einen Weg nach draußen, vorbei an den Nazis, zu finden. Saulnier strickt daraus einen schnörkellosen Thriller, dessen klaustrophobische Beschränktheit auf den engen Backstage-Raum, erst später ausgeweitet auf den Club und das nahe Umland, durchaus zu spannenden Momenten führt.

Die angespannte Stimmung nach Ankunft beim Club zwischen beiden Lagern wird vom Script gekonnt wie kontinuierlich hochgekocht; die Gewalteruption beim ersten Übergriffsversuch der Nazis auf die Punkbank reißt den Zuschauer als tosende Welle weiter aus der persönlichen Komfortzone. Wenn Saulnier in Green Room etwas beweist, dann wie gut er unangenehme Situationen kreieren kann. Weitgehend kann er das Niveau bis zum Finale halten. Dieses selbst gestaltet sich so trostlos wie die matschig-schmutzige Farbgebung des Films. Der Club, das Umland: es eröffnet sich dem Zuschauer als Point of no return, bevor den Protagonisten bewusst wird, in welch brenzlige Lage sie sich begeben haben. Saulnier scheint nur nicht bewusst zu sein, welche Brisanz sich in seinem Stoff überhaupt birgt. Die endgültige Konfrontation zwischen Clubbesitzer Darcy, dessen Darsteller Patrick Stewart zwar eine interessante Besetzung, darstellerisch allerdings eher routiniert den durchschlagend ist, und den beiden Überlebenden ist in seinem Aufbau simpel, farb- und einfallslos. Wie Rodrigo Gonzales singt man mit von Enttäuschung ersticktem Timbre Soll es das gewesen sein?

Vielleicht hatte Saulnier keine Lust auf eine erwartende Eskalation politisch extrem weit auseinander klaffender Lager und deren Denken; dem durch die Ausgangssituation der Erzählung zu erwartenden Storyverlauf. Vielleicht war es ihm auch nicht bewusst. Die Nazis entpuppen sich als Gruppe, die man auch mit aus anderen Lagern oder Nationalitäten stammenden Figuren austauschen könnte. Für den Film gewöhnliche Gangster. Zur Verteidigung des Regisseurs sei gesagt, dass die Protagonisten ebenfalls austauschbar bleiben. In einer kleinen Sequenz wird die Band als Modepunks beschimpft und trotz derer bemüht politischen Positionierung, in dem man als Akt der Provokation den Klassiker der Dead Kennedys dem Nazipulk entgegen schreit, nimmt man den jungen Menschen das Punk sein nicht komplett ab. Da ist die einfallslose Interviewfrage Tads, welche Band die Mitglieder auf eine einsame Insel mitnehmen würden, die immer wieder im Film auftaucht, doppeldeutig. Irgendwann scheint man sich vom Punk zu distanzieren, wenn plötzlich "Hippiekünstler" genannt werden, die nichts mit der schroffen Subkultur zu tun haben. Es mag ein Kommentar Saulniers auf Subkulturen als oberflächliches Label für den künstlich coolen Auftritt des Individuums sein, mag mit dem simpel aber effektiv gestalteten Thrillerkonstrukt des Films nicht zur Gänze kompatibel sein. Im Endeffekt lässt sich Green Room weniger komplett als politisch hintergründiger Thriller identifizieren wie die im Fokus stehende Musikergruppe als 100%ige Punks. Wenigstens zeigt Saulnier, dass er mit einfachen Mitteln hoch spannende Thrillerkost abliefern kann, die hinter den im letzten Jahr aufgekommenen Lobesarien zurück bleibt.

Montag, 10. Dezember 2018

Slithis

Drei Jahre schien schon die lachende, rote Sonne für die Anti-Atomkraft-Bewegung; ein Jahr später ereignete sich der Unfall im Kraftwerk Three Mile Island, als Stephen Traxler sein durch radioaktiven Schlamm entstandenes Monster in Slithis durch die Straßen Venice Beachs wackeln ließ. Mit bewusstem Blick auf die Unfähigkeit und Ignoranz des Menschen, die Natur sauber zu halten, hat der Low Budget-Sch(l)ocker wenig zu tun. Anders als offen mit der Thematik des Umweltschutz spielenden Ökohorrors der 70er wie z. B. Frogs oder Mörderspinnen ist Traxlers erste von insgesamt zwei Regiearbeiten im Monsterhorror der 50er Jahre verhaftet. Der verseuchte Schlamm aus der Nähe eines wohl nicht ganz dichten Atomkraftwerks, der Bakterien und andere Lebensformen absorbiert und daraus eine monströse wie bizarre neue Lebensform entstehen lässt, ist schlicht Aufhänger. Eine abstruse Alibierklärung für dessen Existenz, damit es überhaupt einen Grund gibt, warum sich für diesen Film ein armer Mensch in einen Monsteranzug zwängen musste.

Bevor man Slithis auf die Spur kommt, darf dies in lässiger Manier - schließlich befinden wir uns im Sonnenstaat Kalifornien - Tiere und Menschen töten. Geht die Polizei zuerst von religiös motivierten Ritualmorden aus, vermutet der Highschool-Lehrer und frühere Journalist Wayne Connors was anderes dahinter. Seiner Intuition folgend, findet er an einem der Tatorte mysteriösen Schlamm. Ein befreundeter Wissenschaftler analysiert die Probe und stellt fest, das diese leicht radioaktiv ist. Eben dieser Forscher erinnert sich daran, dass bei der Inbetriebnahme eines nahe gelegenen Atomkraftwerks schon einmal solch ein Schlamm, von den Entdeckern Slithis getauft, fand. Nach weiteren Todesfällen ermittelt Wayne auf eigene Faust und trommelt einige Kumpanen zusammen, um nach einem schlecht gelaunten und blutdürstigen Monster zu suchen, da der ermittelnde Kommissar der Theorie des Lehrers keinen Glauben schenkt.

Den anstehenden Höhepunkt und Showdown inszeniert Traxler stark auf Spielbergs Jaws schielend als Kampf gegen das Ungetüm auf einem Boot um den kostengünstigen Monsterhorrorfilm mit einem die Tür für eine eventuelle Fortsetzung offenhaltendes, offenen Ende abzuschließen. Gestaltet sich der Fight auf dem Boot gegen das Monster sicher aus Kostengründen in der Inszenierung weniger spektakulär wie beim großen Vorbild, so bringt dieser das Problem von Slithis nochmal besonders gut zur Geltung. Das Duell gestaltet sich so unspektakulär, wie es der Film in weiten Strecken zuvor ist. Nach einem teilweise - warum auch immer - in Zeitlupe laufenden Beginn und dem ersten, trashigen Kill des Monsters konzentriert sich Traxler, der sich auch für das Script verantwortlich zeichnet, auf die Ermittlungsarbeit seines Protagonisten. Dieser Joe Somebody ist ein unauffälliger Zeitgenosse, nett, damit der Großcousin von Scheiße und ein Durchschnittstyp durch und durch.

Slithis nimmt diese Durchschnittshaltung mit an. Mit Waynes tingeltangeln zwischen Wissenschaftsfreunden, dem Besitzer des Atomkraftwerks, der Polizeiwache und den Tatorten gestaltet sich der Film so spannend wie Farbe beim Trocknen zuzuschauen. Seine Qualitäten liegen indes im absonderlichen. Traxler lässt reihenweise kuriose Figuren, ein Gegenpol zum scheinbar einzig normalen Schlag Menschen á Wayne Connors und dessen Freundin, vor die Linse treten. Ein verschnupfter Polizist, der überdrehte Kommissar, das verschrobene Ehepaar welches als erstes Bekanntschaft mit dem Monster machen muss, der entstellte Kraftwerkbesitzer; deren seltsames Wesen und Auftreten bewegen den Film in Richtung unfreiwillig lustiges Trashwerk, macht ihn zusammen mit seiner sonnigen, unaufgeregten Atmosphäre bedingt interessant. Manchmal schießt Traxler auch hier über das Ziel hinaus und hält sich in Nebensächlichkeiten auf. Hoch anrechnen kann man ihm dagegen, dass vom vermeintlichen Postkartenmotiv-tauglichen wie paradiesischen Venice die heruntergekommenen und schmuddeligen Seiten gezeigt werden. Ohne diese beiden Eigenschaften wäre Slithis weit mehr ein beliebiges Billig-Monsterfilmchen mit valiumartiger Inszenierung als er es schon ist. Unterhaltsam ist das nur bedingt.

Samstag, 17. November 2018

Komm mit ins Kino! Strange Cinema mit Mandy



Auch in diesem Monat möchte ich alle Leser, die aus dem näheren oder größeren Umkreis von Kaiserslautern stammen, auf die Strange Cinema-Reihe des Union-Studios für Filmkunst hinweisen. Zur Erinnerung: in dem mittlerweile mehr als 100 Jahre alten und einzigen Programmkino der Stadt gibt es jeden vierten Freitag im Monat die Möglichkeit, geschädeltes Filmwerk oder auch Klassiker der Filmgeschichte auf der großen Leinwand zu genießen. Im letzten Monat gab es an Halloween ein Double Feature mit Clive Barkers Hellraiser und dem viel gelobten The Endless.

Der November wartet mit dem nächsten Genre- bzw. Horrorhighlight für 2018 auf. Panos Cosmatos Horror-LSD-Trip Mandy mit einem Nicolas Cage der Stimmen zufolge die Performance seines Lebens geben soll steht auf dem Programm. Dieses "Brett an Film", von der Bild unverstanden und mit stock-konservativer Schmäh versehen, wartet nur darauf, seine hypnotische Wirkung im Dunkel des gemütlichen Kinosaals zu entfalten.

Das ganze findet am 23.11.2018 statt. Beginn ist um 22:30 Uhr, der Eintritt beruht diesmal auf Spendenbasis. Gezahlt wird also, was einem der Film wert ist. Es wäre aber schön, wenn eine spritzige Cola oder ein kühles Blondes und/oder Snacks als Verzehr gekauft werden. Selbstverständlich werde ich selbst vor Ort sein. Bereitete mir schon der Trailer des Films viel Freunde und schenkte mir ordentlich Vorfreude. Bis dahin versuche ich meine Erwartungshaltung zurückzuhalten. Meistens empfinde ich ja viele Hypes als weit weniger gut wie kollektiv wahrgenommen. Doch seien wir ehrlich: Mandy bietet Nicolas Cage der freidreht, viel gekröse, überstilisierte Optik und im Trailer einen Filmtitel, der wie ein Black Metal-Bandlogo designt ist. Was soll da also bitte schief gehen? Die Veranstalter und ich würden uns freuen, wenn sich einige gleichgesinnte Freunde des besonderen Filmerlebnisses einfinden würden.

Pyewacket

Pyewacket ist ein Film des Schleichens. Selten wird der zweite Langfilm des Kanadiers Adam MacDonald, der bisher häufiger als Schauspieler in Fernsehproduktionen denn als Regisseur in Erscheinung trat, richtig laut. Im okkult gefärbten Kosmos des Films sind die dort anwesenden Dämonen (meist) gesichtslose, tief in der Dunkelheit lauernde Schatten. Titelgebendes Wesen Pyewacket wächst zu einer omnipräsenten Bedrohung, zugleich überall und nirgendwo und immer verwachsen mit Protagonistin Leah. Der von dem Mädchen aus Frust und Wut gerufene Dämon soll einen im pubertären Wutaffekt herausgeschleuderten Wunsch in die Tat umsetzen: Leahs Mutter soll sterben. Ein Resultat aus Missverständnissen und unüberbrückbar erscheinenden Differenzen zwischen der Jugendlichen und ihrer Mutter, die trotz ihres kleinen, engen Familienverbunds einsam erscheinen.

Der Tod des Mannes bzw. Vaters riss sichtlich ein großes Loch in die Seelen der beiden Frauen. Während sich die Mutter im stillen Kämmerlein tränenversunken mit Hochprozentigem betäubt, flüchtet sich Leah in die Arme alternativer Subkulturen. Ihre Gothic-/Metal-Freunde geben ihr halt in schweren Stunden und mit Aaron ist da ein erster, leichter Schwarm, der in den gemeinsamen Szenen die Unsicherheit Leahs offenbart. Verloren, alleingelassen in der Trauer schöpft sie Kraft mit nach außen gestülptem Seelenleben, dass sie die Subkultur ihrer Freunde ausleben lässt. Das einst brav und unschuldige Mädchen entwickelt Interesse am Okkulten, liest Bücher darüber und besucht Lesungen ihres Lieblingsautoren. In ihrer sozialen Blase fühlt sie sich sicher; die Mutter bringt sie mit dem Plan eines Neuanfangs, sprich eines Umzugs, zum Platzen. Die angestaute Teenage Angst birst vor Angst, Enttäuschung, Trauer und Wut.

Trotz des Kompromiss, dass Leah die alte Schule weiter besuchen kann, spitzt sich die angespannte Situation zu. Nach einem weiteren von vielen Streits kommt es zur schicksalhaften Kurzschlussreaktion und das Mädchen beschwört Mittels eines Rituals im das neue Heim umschließenden Wald eine alte, bösartige Kraft. Bis auf wenige Ausnahmen lässt MacDonald, gleichzeitig Autor des Scripts, diese immateriell. Eher tritt sie als atmosphärisches Stimmungsmittel für den Filmemacher und listig boshafter Geist für Leah auf. Sein Schabernack wirkt für den Freund des düsteren Unterhaltungsfilms altbacken: nur sie selbst scheint dessen Treiben wahrzunehmen, seltsame Geräusche auf dem Dachboden zu hören oder das Gefühl zu haben, verfolgt zu werden. Dazu manifestiert sich der Dämon im Zimmer Leahs, als diese längst dem Schlaf erlegen ist um drohend über ihr zu wachen. Die direkte Begegnung folgt im im Vergleich mit dem bisherigen Ton des Films hektischen Finale.

Dort angelangt, ist für uns als Zuschauer längst nicht mehr klar, was Realität oder Einbildung Leahs ist. Pyewacket ist psychologischer Horror, eine Dämon gewordene Psychose eines in ihrer Trauer umherirrenden, stumm nach Hilfe schreienden Mädchens. Die vom Drehbuch gestiftete Verwirrung lässt ratlos zurück, unentschlossen, ob offensichtliche Logikfehler in Beziehung mit MacDonalds Absicht den Eindruck schmälern. Der Kanadier beherrscht von ihm leise angeschlagenen Töne; als Mutter-Tochter-Drama wäre Pyewacket feinstes Indiekino. Den Beginn von Leahs Reise in die vermeintlich dämonische oder doch innere Dunkelheit gestaltet sich indes einfallslos. Das Spiel mit Wahrnehmung, geisterhafte Schatten, mysteriöses Gepolter stehen im Gegensatz zu gut gespielter, in den besten Momenten bodenständig authentische, fühlbare Tragödie um den Verlust des geliebten Ehemanns und Vaters. Ganz gleich, ob Pyewacket im Film ein tatsächlich übersinnliches Wesen ist: als Verkörperung aller negativen Gedanken und Gefühle in der Protagonistin existiert er. Sein endgültiger Ausbruch, die komplette Besitzergreifung von Leahs Körper und Geist, ist schockierend und erinnert an eine ähnliche Szene im famosen Eden Lake.

MacDonalds Ansatz, Horror und Drama zu verschmelzen und den realen Schrecken des Coming of Age zu einer übernatürlichen Metapher werden zu lassen, vermag nicht komplett auf die Seite des Regisseurs zu ziehen. Den guten Absichten fehlt es an Kraft in der Umsetzung, obwohl Pyewacket seine Geschichte angenehm zurückgenommen erzählt. Das erzeugt zugleich eine Distanz zum Zuschauer, die bei allen guten mimischen Momenten auf der Leinwand von Nicole Muñoz und Laurie Holden nie richtig verschwindet. Diese Schranke verwehrt Pyewacket, im Rotten Tomatoes-Ranking der besten Horrorfilme des Jahres immerhin auf Platz 9, das er den Zuschauer gänzlich mit seinem Wesen gefangen nimmt. Aber es kann nicht alles so interpretationsreich und gleichzeitig packend sein wie It Follows. Gut war das Erlebnis mit MacDonalds Film trotzdem.

Freitag, 9. November 2018

The Toxic Avenger

Was wäre eigentlich aus der kleinen Produktionsfirma Troma, die seit ihrer Gründung 1974 überwiegend kleine Sexklamotten produzierte, ohne The Toxic Avenger geworden? Mit Sicherheit nicht das mittlerweile älteste Independent-Studio der Welt, welches sich mit seinen kruden Billigfilmen, bestehend aus auf sämtliche Political Correctness scheißende schlechten Witzen, viel nackter Haut und noch mehr Gore eine eigene Nische geschaffen hat. Die Gorebauern und Trashologen freut es, bekommen sie mit dem Output des Studios genau das, was sie erwarten und wonach es ihnen giert. Die Fangemeinde ist treu ergeben und betet Lloyd Kaufman, Mitbegründer des Studios und Regisseur einiger Klassiker des Studios, als gottgleichen abgedrehten Trash-Opi an. Ich persönlich konnte immer wenig mit der ganz speziellen Art der Troma-Filme etwas anfangen, obwohl ich - leider damals mehr wie heute - eine Vorliebe für obskure und trashige Werke habe.

Vielleicht liegt darin auch das Problem begründet. Tromas Filme sind, anders als z. B. die Werke eines Andy Milligan oder Ted V. Mikels oder eines meiner liebsten Trash-Obskuritäten-Kabinetts, dem mexikanischen Horrorknaller Night Of The Bloody Apes, von vornherein als dilettantisch geplant, während sich (nicht nur) die aufgezählten Trash-Auteure sowie der Mexploitationer trotz der bewussten Limitation des Talents ihrer Schöpfer sich bierernst nahmen und deren Werke auf einer unfreiwilligen Art belustigen können. Intendierter Trash, der wild mit dem Zaunpfahl fuchtelnd darauf hinweisen möchte, wie scheiße und deswegen lustig er ist, möchte bei mir nicht hundertprozentig funktionieren. Bei meinem ersten Versuch, mich durch das Troma-Programm zu pflügen, kam ich zu dem Schluss, dass Class Of Nuke 'Em High der beste Film des Studios ist. Oliver Nöding argumentiert in seinem Review das, was ich genau so unterschreiben kann: weil er eben eine schlüssigere, rundere Geschichte erzählt als zum Beispiel The Toxic Avenger. 

Jahre nach meinem ersten Versuch mit den Filmen der Trash-Schmiede packte mich der Gedanke, es wieder mit Troma und deren Maskottchen zu versuchen. The Toxic Avenger, die definierende Origin-Story eines ganzen Produktionsstudios, machte mir zu meiner Verwunderung mittlerweile deutlich mehr Spaß wie früher. Zwar benötigt man für sowas weiterhin eine weit nach unten verschiebbare Schmerzgrenze, nun begegnet einem innerhalb der zugegeben dünnen Alibistory, nahezu anarchisch umgesetzt, eine den Film aufwertende, subversive Kraft. Kaufman und sein Co-Regisseur sowie -Gründer Michael Herz zeigen mit Genuss dem in den 80ern groß gehuldigten Körper- und Fitnesskult den Mittelfinger und ziehen ihn respektlos nicht durch den Kakao, sondern direkt durch eine dicke Schicht alter, stinkiger Fäkalien. Verpackt ist das in eine kaputte Superhelden-Geschichte um den trotteligen Melvin, Hausmeister im Fitness-Center der kleinen Ortschaft Tromaville. Die fiktive Stadt liegt direkt vor den Türen New Yorks und fungiert als Lager für hoch toxischen und gefährlichen Müll für die Industrie der Weltstadt und zwielichtige Geschäftsmänner aus dem Umland.

Von den gelangweilten und selbstgefälligen Halbstarken Bozo und Slug immer auf den Arm genommen, kommt es bei einem Streich der beiden und ihrer Freundin Julie zu einem folgenschweren Unfall. Auf der Flucht vor dem lachenden Fitnessmob springt Melvin aus dem Fenster und geradewegs in ein Fass mit radioaktiv verseuchtem Müll, auf einem vor dem Fitnesstempel parkenden Transporter stehend, was ihn zum deformierten wie ultrastarken Toxie mutieren lässt. In dieser neuen Form mausert sich der bisher veralberte Putzgeselle zum neuen Liebling der Bewohner Tromavilles, bekämpft er fortan alle kriminellen Subjekte innerhalb der Stadtmauern. Sehr zum Leidwesen des korrupten Bürgermeister Belgoody, dem Toxie deswegen bald ein Dorn im Auge ist und das Militär mobilisiert, um der Bedrohung durch das monströs Gute Herr zu werden.

The Toxic Avenger schildert diese Geschichte nach dem verstärkt auf Slapstick und Gaga-Humor setzenden Einstieg in einzelnen Episoden, die darauf zielen, dass die geschilderten Straftaten und die besonders abartig und abstrus dargestellten Gangster vom radioaktiv gestählten Melvin blutig vereitelt werden. Das erinnert vom Aufbau an die damals aufkommenden Selbstjustiz-Thriller und Actioner á la Hardcore, den Fortsetzungen von Michael Winners Ein Mann sieht Rot oder The Exterminator. Dazwischen beschränkt sich das Drehbuch darauf, den Bürgermeister durch seine korrupten Geschäfte mitsamt des gelinde nazihaften Polizeichefs als Oberfieslinge zu festigen, Bozo und Slug bei ihrem mörderischen Zeitvertreib und die obligatorische Liebelei des Helden zwischen ihm und der bei einem Überfall auf ein Schnellrestaurant geretteten, blinden Sara zu vertiefen. Mit fortschreitender Laufzeit erweist sich das als repetitiv; Kaufmans und Herz' Film bleibt in diesem Kreislauf aus Gore, bewusst geschmacklosen Gags und Schmalspuraction stecken.

Wäre da nicht das subversive Element, dass The Toxic Avenger als teils gallige Satire auf den damaligen Zeitgeist wahrgenommen werden kann. Ein sprichwörtlicher Real Life-Cartoon, bei dem alles von Beginn an so überdreht ist wie in einer Trickserie. Dazwischen nimmt der Film in seiner naiven Ausstrahlung die Position der ebenfalls Anfang/Mitte der 80er in das Bewusstsein der Gesellschaft rückende Öko-Bewegung ein, wobei der Aufhänger mitsamt des Giftmülls als Auslöser für Toxies Mutation ebenso aus einem x-beliebigen Superhelden-Comic stammen könnte. Diese feine, vielleicht nicht mal von Kaufmann und seinem Drehbuchautor Joe Ritter beabsichtigt, Doppeldeutigkeit rettet häufiger das gesamte, brüchige Gebilde dieser simplen Splatter-Action-Komödie. Nur gegen Ende hat auch sie Probleme, vom einfachen, schnell ermüdenden Erzählkonzept abzulenken. Der Dilettantismus der Leute vor und hinter der Kamera, bis auf den fetzigen Soundtrack sind die Production Skills bewusst oder unbewusst niedrig angesiedelt, wird zur Kunstform des Films, gleichzeitig mit dessen Erfolg zur Schablone für Troma selbst.

Der Erfolg des Films schien unerwartet für Kaufman und Herz zu sein, doch die Besitzer des Studios packten die Gelegenheit beim Schopfe und begründeten auf ihrem bewusst schlecht ausgelegten Schund den Erfolg für die kommenden dreißig Jahre. Eines muss man den beiden lassen: man kann sich über die nicht vorhandenen Qualitäten ihrer eigenen und der eingekauften Werke (mit Ausnahmen natürlich) streiten. Der Trash Tromas unterscheidet sich gewaltig von dem gewollt schlechten Quatsch á la Sharknado, dessen Fortsetzungen oder anderen Dingen von The Asylum. Dem genannten Beispiel merkt man den schnöden Kalkül, auf gewollt schlecht und damit lustig mehr an, als den meisten Troma-Produktionen. Dank viralen Erfolgs im Internet gilt die Haischleuderei als postmoderner Müllkult, begröhlt vom tumben SchleFaZ-Publikum, das gar nicht merkt, wie die kommerzielle Absicht und das Konzept hinter Sharknado und Co. einen eigentlich auf niedrig-souveränem Niveau wandelnden Film vollends bei diesen aufgeht. Die wahre Scheiße ist dann eher das, während der "Müll" von Troma, ich wette einfach mal, dass die Fans der Tele 5-Reihe die doppeldeutigen Momente der besseren Werke des Studios nicht mal nüchtern erkennen würden, im besten Falle immer sympathisch anarchisch erscheint. Respekt haben Herz und Kaufman (der mal sagte, dass 99% der Leute in Hollywood Abschaum sind) keinen, ziehen so lange ihr Ding durch, pfeifen auf Political Correctness und sind damit die wahren Punks des Films. Das macht sie, Troma und auch The Toxic Avenger doch irgendwie sympathisch.

Donnerstag, 8. November 2018

Cold Skin

Er wolle die Zuschauer mit seinen Filmen in ein dunkles Universum entführen und das diese so wirken wie Bücher, so Xavier Gens in einem Interview mit dem Horror-Magazin Virus. Der Franzose ist demnach ein vielseitiger, flexibler Auteur, dessen Debüt Frontier(s) zu Beginn der einsetzenden New Wave of French Horror ein unbequemes, vor Gewalt überlaufender, filmischer Leberhaken darstellt. Seitdem streckte er überall hin seine Fühler aus, löste sich nach der Spiele-Adaption Hitman aus den Armen der schmierigen Krake Hollywood und ist zurück im überschaubaren (B-)Filmgeschäft Europas. Sein neuester Film Cold Skin fühlt sich, gemessen an den Absichten des Franzosen, am nächsten nach Literatur an. Überzogen mit einer feinen Staubschicht hat man es mit einem Werk zwischen erster Abenteuerbelletristik á la Jules Verne und frühen Geschichten Lovecrafts (der schon wieder!) zu tun.

Der erste Weltkrieg steht vor der Tür, tritt nahezu schon in diese ein und den Wetterbeobachter Friend zieht es weg von seinen vergangenen, dem Zuschauer verborgenen Dämonen auf ein felsiges, fernab der bekannten Schiffsrouten liegendes Eiland. Die Hütte seines Vorgängers findet man verwüstet vor, von diesem selbst fehlt jede Spur. Einzig der wettergegerbte und verbraucht aussehende Leuchtturmwärter Gruner ist in seinem Turm aufzufinden, kann aber nicht mit einer brauchbaren Antwort über den Verbleib des vorigen Wetteroffiziers dienen. In der ersten Nacht wird Friend Zeuge eines Angriffs seltsamer Wesen auf seine Hütte, die seinen Beobachtungen nach aus dem Meer zu kommen scheinen. Weitere Antworten auf seine Fragen dahingehend suchend, ist ihm Gruner in dieser Sache ebenfalls wenig behilflich. Dafür entdeckt der Wetterbeobachter, dass der Leuchtturmwärter sich eines dieser Wesen als eine Art Haustier hält. Nach weiteren, heftigeren Angriffswellen in der Nacht verschanzt sich Friend im Leuchtturm und muss mit dem einzelgängerischen Gruner eine Zweckgemeinschaft bilden und sich den Meereskreaturen erwehren.

Die Angst und der Kampf gegen dieses Unbekannte, das die beiden von der restlichen Außenwelt isolierten Männer immer wieder angreift, ist ganz offensichtlich als Allegorie auf Rassismus und die menschliche Furcht vor dem Fremden zu verstehen. Auf der einen Seite hat man Gruner, der unüberwindbare denkerische Grenzen in sein Wesen gezogen hat, die Meereswesen zwischen Humanoid und Fisch lieber ausrottet oder die Aneris getaufte und von ihm im Leuchtturm gehaltene Kreatur für seine Zwecke missbraucht. Das geht sogar so weit, dass er seine sexuellen Bedürfnisse mit dieser befriedigt. Inselneuankömmling Friend scheint durch den Überraschungseffekt des ersten Angriffs ebenfalls abgestoßen von den Wesen zu sein, doch verfolgt er genauso angewidert Gruners Umgang mit Aneris. Der aufkeimende Konflikt der so unterschiedlichen Herren breitet sich weit über den schaurigen Teil von Gens Film. Altmodische Dramaturgie leuchtet in das fahle Dunkel der Erzählung, die filmisch nicht nur wie ein Buch aus alten Tagen wirkt, sondern eine Buchverfilmung darstellt.

Das Drehbuch scheint sich nahe an die Vorlage, Albert Sánchez Piñols Roman "Im Rausch der Stille", zu halten, erweitert und ändert diese der filmischen Umsetzung geschuldet mit Gefühl und Sinn, anstatt den literarischen Kosmos gänzlich umzukrempeln. Gens setzt dies routiniert um und anders als bei seinem Kollegen Pascal Laugier, den man leider immer irgendwo immer bis zu einem gewissen Punkt an seinem Überwerk Martyrs misst, schiebt man die Erinnerungen und etwaig versuchte Vergleiche zu dessen Debüt alsbald zur Seite. Die stilvolle und atmosphärische Romanverfilmung erzählt lieber breit den Konflikt zweier verloren zu scheinender Männer, die auf der Insel, ihrer persönlichen Hölle, gegen sich selbst und monströse Wesen aus dem Wasser kämpfen. Letztgenannter Kampf ist trotz der niedrigen Freigabe in Deutschland mit überraschend brutalen Spitzen ausgestattet, wobei diese den Fluss der Geschichte niemals brechen. Einzig die sattsam bekannte Struktur dieser verwehrt Cold Skin, ganz beim Zuschauer anzukommen. Die karge Landschaft, Sinnbild für das Innere der beiden Protagonisten, steht gleichzeitig für den abgegrasten Weg der Erzählart.

Generisch schreitet man auf den dramatischen Showdown zu, zieht die Schlinge des Konflikts zwischen Gruner und Friend enger zusammen und bringt erwartbar die Annäherung an die fischigen Humanoiden von Seiten des aufgeschlosseneren, progressiveren Inselbewohners. Die Nähe an der Vorlage kommt Cold Skin leider in diesem Punkt nicht zum Guten, bleibt der Film dadurch ein keineswegs schlechter, aber nicht komplett überzeugender Hybrid aus seichtem Abenteuer und Horrordramatik, dessen im Wesen der Menschen und seiner Figur Gruner verwurzelter Horror über die unbegründete Furcht und dem Hass auf Fremdes noch heutzutage weitaus erschreckender ist als irgendwelche Monster. Die altbekannte Frage, wer denn nun das wirkliche Monster letztenendes ist, wird ohne neu gewonnene Erkenntnisse beantwortet. Einzig der düster gestimmte, mit dem Ende einsetzende Kreislauf schlägt einen Bezug auf die betrübende wie wahre Erkenntnis, dass Fremden- und Rassenhass, selbst beim engagiertesten Kampf dagegen, leider nie komplett ausgemerzt werden kann. Monster (wie diese) wird es wohl leider immer geben.

Mittwoch, 7. November 2018

Spring

Aussteigen. Alles hinter und sich treiben lassen. Dem alltäglichen Grau mit seinen deprimierenden Seiten entfliehen um den Kopf frei zu bekommen; den persönlichen Fokus justieren. Justin Benson und Aaron Moorhead, nicht nur bei genreaffinen Filmfreunden durch ihre dritte (wenn man deren Beitrag zur Anthologie V/H/S: Viral außen vor lässt) gemeinsame Arbeit The Endless in aller Munde und von Jubelstürmen umzingelt, gleiten in ihrem Zweitwerk Spring mit ihrem Protagonisten Evan durch die Tage im sonnenumschlungenen Italien, nachdem zuvor in den heimischen USA sich der Mist aufgetürmt hat. Die totkranke, verstorbene Mutter wurde unter die Erde gebracht, nach einer Schlägerei in der Kneipe, in der Evan arbeitet, dort freundlich vor die Tür gesetzt, deswegen von der Polizei gehetzt und selbst beim gewollten Ablenkungssex mit einer Bekannten nicht zum Zug kommend, beschließt Evan, den Rat dieser Dame befolgend, das Land zu verlassen.

In Bella Italia angekommen, lernt er die schöne und geheimnisvolle Louise kennen. Sein beharrliches Werben zeigt Erfolg: zuerst bei ihr abgeblitzt, lenkt sie nach einiger Zeit ein und verabredet sich mit ihm zu einem Date. Es beginnt eine lockere Liebelei, von Louise wegen ungenannter Gründe stets auf eine gewisse Distanz gerückt. Diese Geheimniskrämerei steht unsichtbar zwischen den jungen Leuten, bis Evan durch einen Zufall die furchterregende, erschütternde Wahrheit und Geschichte von Louise erfährt. Die tragische Erkenntnis, mit der Evan konfrontiert wird, inszenieren Benson und Moorhead als krachigen Paukenschlag ihrer Geschichte. Die vagen Andeutungen über Louise und ihr Schicksal brechen zuvor fragmentarisch in den ruhigen Erzählton des Films. Spekulative Fetzen von Bildern rücken Spring in die Nähe von cronenbergschen Body-Horror, kürzere Szenen schlagen Bogen zu einer monströsen Zweitidentität der hübschen Frau.

Der Horror in Spring ist langsam, schleichend. Man kann wiederkehrende Vergleiche mit dem Werk H. P. Lovecrafts nachvollziehen, dessen Geschichten weit mehr beherbergen als gigantische, tentakelbewehrte Gottheiten. Es ist das im Hintergrund verborgene Grauen, das tief verborgene Ängste freilegt und wie ein Raubtier auf der Lauer liegt, um die Rationalität im geeigneten Augenblick umzureißen. Wie in ihrem jüngsten Genre-Konglomerat The Endless behandelt das Regisseur-Duo den phantastischen Teil der Geschichte als Nebensächlichkeit. Die bewusst kurzgehaltenen Szenen ordnen sie der Liebelei zwischen Evan und Louise unter; ausgedehnt in mäandernden Episoden spontanem Urlaubsalltags. Wie in The Endless interessieren sich Benson und Moorhead mehr noch für Zwischenmenschliches und die Tristheit des beständigen Lebenskreislaufs. Wurde dieses Konzept dort für mich bald zur Geduldsprobe, weil Benson und Moorhead die belanglos erscheinenden Szenen auf die Spitze treiben und ich (vielleicht vorschnell) den ganzen Film ab einem Punkt als gescheitert abgehakt habe, funktioniert es bei Spring recht gut.

Vielleicht war es für mich bei The Endless, jüngst im heimatlichen Programmkino innerhalb eines Halloween-Double Features gesehen, schon zu spät. Bei Spring war ich dennoch überrascht, wie das eigentlich gleiche Konzept viel besser funktioniert und runder erscheint. Benson und Moorhead gehen gelassener an die Umsetzung ihrer Geschichte, die sich weniger durchgeplant anfühlt. Der Stoff kann mehr atmen und sich entfalten. Die Symbiose mit dem phantastischen Anteil wirkt fließender. Was uns die beiden Regisseure wie Autoren kredenzen, bleibt sinniger, da die Geschichte in diesen Momenten fassbarer und weniger verquert-abstrakt wie in The Endless ist. Eher vertrauen die beiden hier konventionellen Formeln des Horrorkinos und ordnen sie eleganter, einfach gekonnter ihrem persönlichen Stil unter.

Spannend bleibt die Entwicklung von Benson und Moorhead, zeigen beide Filme - auch The Endless - wie gekonnt sie es verstehen, in ihren Geschichten vertraut wirkenden Alltag mit ihrem eigenen Verständnis von Horror und Schrecken zu verbinden und mit der Erwartungshaltung des Publikums spielen können. Entwickelt sich Spring doch irgendwann in eine gleißende Horrorromanze, einen längst verflogenen Urlaubsmoment zweier Menschen, die der Zufall zueinander führte. Das fühlt sich wie die phantastische Version von Richard Linklaters Before Sunrise mit mehr Blut und weniger Charme an. Spring ist eine aus Evans und Louise Leben gerissene Episode, welche beide vereint und von der Angst erzählt, sich auf die eigenen Empfindungen einzulassen. Es bedarf manchmal den Glauben an das Gute, vielleicht naiv, jedoch gnadenlos sympathisch, wie Evan und Louise einem tragischen Schicksal entgegenblicken und Benson und Moorhead im Finale die zu erwartenden Ereignisse auslassen und sich mit dem Ende als kleine Romantiker outen. Die Liebe überwindet alles, auch die tragischsten Schicksale, wenn man diesem chemischen Körperkonzentrat die Chance lässt, sich zu entfalten. Da ist es nebensächlich, was nun Evans Angebetete eigentlich ist. Liebe kann eine persönliche, innere Evolution hervorrufen, wenn man sie nur lässt. Was Spring hier vermittelt, bringt ausgerechnet der deutsche Untertitel hübsch auf den Punkt: Love is a monster. Sometimes.

Mittwoch, 31. Oktober 2018

Horrorctober 2018: Die Stunde, wenn Dracula kommt (12/13)

Der Herbst legt seinen Schleier auf die Welt und vertreibt den kräftig strahlenden Sommer und das Leben aus den Landen. Der Verfall schleicht sich in die Natur; Sträucher und Bäume verwöhnen das Auge zum letzten Mal mit prächtigem Farbenspiel ihrer Blätter, bevor diese im finalen Zug die Straßen benetzen. Die Kälte kriecht empor und setzt sich in jede kleine Ritze fest, während eisiger Wind durch kahle, knochige Äste pfeift. Bevor der Winter mit seinem eisig festen Griff unsere Umgebung und uns selbst packt, ist der Herbst ein sanfter Übergang in die unnachgiebig harte Zeit der Kälte. Seine Aura der Auflösung und der zarten Melancholie zeigt uns, wie die ersterbende Pflanzenwelt vor ihrem Exodus bis zum nächsten Jahr das in die Stunden und Tage einziehende Grau, die Schwärze wolkenverhangener Tage mit letzten Farbspielen durchbrechen kann. Das Sterben ist ästhetisch bunt.

Diese Jahreszeit mag mit ihren Regenstunden das letzte Aufblühen und Leben unnachgiebig für einige Monate hinfort spülen und lädt in trostlosen, langwierigen Stunden zum grüblerischen Versinken in vergangenen Tagen ein. Die Vergangenheit verweilt präsent in der Gegenwart und gibt Kunde von alten Zeiten mit all' ihrer Dunkelheit und dem Schmerz, die die damaligen Tage regierten und Herrenhäuser wie dem der Vajdas ihre schwärzesten Stunden vermachte, in denen Fürstin Asa und ihr Geliebter Javutich, in den Dracula persönlich gefahren sein soll, von einem hohen Gericht der Hexerei schuldig gesprochen und hingerichtet wurden. Durch ein Unwetter blieben deren Leichname der reinigenden Kraft des Feuers verwehrt und Jahrhunderte später machen die Ärzte Thomas Kruvajan und Andre Gorobec auf ihrer Reise zu einem Kongress Rast in einem Wirtshaus, nahe der letzten Ruhestätte Asas und ihres Geliebten gelegen.

In Augenschein wurde diese von Reisenden genommen, als sie durch einen Radsprung ihrer Kutsche im finsteren Wald mit seinen fremden und eigenartigen Geräuschen unfreiwillig Rast machen mussten. Dort machen die Kollegen Bekanntschaft mit Katia Vajda, Tochter des derzeitigen Fürsten Vajda und Asa wie aus dem Gesicht geschnitten. Durch einen Kampf mit einer wild gewordenen Fledermaus in der Krypta der Vajdas bricht Dr. Kruvajan das mahnend über dem Sarg Asas platzierte Kreuz, kratzt sich an einer Dorne ihrer abgenommenen Totenmaske, worauf sein Blutstropfen Asa den Weg aus der Dunkelheit zurück ins (untote) Leben ebnet. Zusammen mit dem von ihr zurückgerufenen Javutich versucht sie, Herr über die verbliebene Verwandtschaft zu werden um wieder erstarkt vom Blut ihrer Opfer unter den Lebenden zu weilen.

Lose auf Motiven von Nikolai Gogols Erzählung "Der Vij" basierend, schenkte uns Mario Bava 1960 mit seinem Filmdebüt eine Sternstunde des Gothic Horrors, der drei Jahre zuvor mit Frankensteins Fluch sowie zwei Jahre davor mit Dracula in England durch Adaptionen dieser Schauerliteraturklassiker durch die Hammer Studios eine Renaissance sowie einen Boom erlebte. Im Gegensatz zur Nahe an der schweren Atmosphäre der Gruselromane liegenden Filme der britischen Studios, mit ihrem etwas nüchtern und aufgeräumten Stil, deren Geschichten fest in der Hand männlicher Figuren standen, ist Bavas Die Stunde, wenn Dracula kommt eine düstere Geschichte, die den Charakter einer urwüchsigen Volkserzählung mit dem unheilschwangeren Ton von Poe-Erzählungen wie "Der Untergang des Hauses Usher" vermengt. Die schwer im Bann der eigenen Vergangenheit liegende Familie der Vajda, auf dem Scheiterhaufen von Asa verflucht, ergibt sich in gewisser dunkler Vorahnung beinahe erwartungsfroh und lethargisch dem bevorstehenden Grauen.

Der ursprüngliche, wahre Fluch des alten Adelsgeschlechts  findet sich in Gestalt der vom geraden Weg abtrünnigen Asa, die aus dem Totenreich die Rückkehr in die Welt der Lebenden vorbereitet. Ihre Auferstehung bereitet die schicksalsschweren Tage der übrig gebliebenen Verwandtschaft, in die die beiden durchreisenden Ärzte mit hinein gezogen werden. Dem bösen Bann Asas erliegt der ältere, Dr. Kruvajan, dem Bann der unschuldigen Katia erliegt der junge Dr. Gorobec. Als wollten die Autoren mit ihrer Geschichte zum Ausdruck bringen, dass dem weiblichen Geschlecht ein Zauber inne wohnt, der dem stärkeren Geschlecht, hier in Gestalt gestandener wie rational denkend erscheinender Akademiker, schaden kann. Dem Gegenüber zeigt der Film gleichzeitig eine weibliche Antagonistin, dargestellt von durch ihre Rolle als Asa zur Genre-Ikone aufsteigenden Barbara Steel, deren fahles, langes Gesicht mit den darin befindlichen großen, vor Traurigkeit (Katia) oder nach Zerstörung gierenden (Asa) glänzenden Augen wie für die Rolle gemacht ist.

Diese ist unmissverständlich Chef im Ring. Das männliche Geschlecht spielt die zweite Geige und selbst der vom starken als Dämon betitelten Dracula besessene Jaruvich steht eindeutig im Bann der Hexe und ist eine Spielfigur in ihrem teuflischen Plan. Der Frau wird durch diese Darstellung eine gewisse Stärke eingeräumt, auch wenn in späteren Minuten dies in einigen Szenen mit negativer Wirkung auf den Mann assoziiert wird. Wie im britischen Gothic Horror-Film ist die unterschwellige Sexualität wie im Vampirmythos und -film präsent. Asa bzw. Katia verzaubern und locken durch ihre jeweilige Ausstrahlung. In jenen Szenen deutet Bava unter anderem sehnsüchtige Berührungen von Katias tiefen Dekolleté durch Gorobec ein; gleichzeitig geschieht dies in einem Moment, in den Katia ungeschützt dem Doktor durch ihre Ohnmacht ausgeliefert ist. Asa selbst, die man häufig als im Hintergrund agierende, passive Kraft wahrnimmt, pulsiert nahezu vor sexueller Aufladung. Ihr einladender wie begehrender Blick lenkt die willenslosen Herren der Schöpfung in ihre Arme, um den erlösenden Kuss als Zeichen sexueller Aktivität zu erhalten.

Mehr treibt es Bava in der Szene auf die Spitze, als Asa Katias Blut in sich aufnimmt und in Gegenschnitten die lüstern erscheinende Asa der leidenden, jungfräulichen Katia im vergeblichen Kampf gegen ihre bösartige Verwandte stellt. Der vordergründige Akt der Kraftbeschaffung für die Hexe durch ihre Verwandte erscheint in dieser Szene gleichzeitig als verzerrt dargestellter, sexueller Akt. Asa kann man hier als Sukkubus interpretieren, dem Geschöpf, mit dem Gogols Protagonist in der literarischen Vorlage zuerst Bekanntschaft macht. Die Stunde, wenn Dracula kommt entspinnt damit ein interessantes Wechselspiel, ohne sich eindeutig auf die Seite eines Geschlechts zu schlagen. Mehr zelebriert Bava die von Poe vertraute Stimmung und Schönheit des Verfalls. Der von ihm gleichzeitig fotografierte Film platzt an wunderschönen Einzelbildern aus allen Nähten. Der Italiener macht aus seinem Film die bewegte Illustration eines imaginären oder Film gewordenen Schauerromans.

Selbst knapp 60 Jahre nach seiner Entstehung schafft der Film es, mit diesen Bildern eine dichte und schauerlich schöne Atmosphäre zu schaffen. Düstere Schwarz-Weiß-Poesie zwischen schwülstig-wuchtigem Gothic Horror, Anleihen beim deutschen expressionistischen Film der 20er Jahre und Zitate der Universal-Horrorklassiker der 30er Jahre ordnen sich der eleganten und geschmackssicheren Handschrift des italienischen Regisseurs und Kameramanns unter und können auch heute davon ablenken, dass der Geschichte kurz vor Schluss die Puste ausgeht. Die Anstrengungen Asas und ihrer Handlanger, sich des Lebens und der verbliebenen Blutsverwandtschaft zu bemächtigen ergehen sich in wiederholenden Abläufen, bevor der Film ins hastig herbeigeführte Finale mündet. An diesem verschleppten Erzähltempo kranken leider auch einige Werke aus dem Hause Hammer; diese wie auch Bavas Werk können das Manko mit ihrer starken visuellen wie atmosphärischen Kraft ausbügeln. Selbst die für diese Zeit äußerst zeigefreudigen Effekte besitzen noch eine kleine, bemerkenswerte Wirkung in diesem herrlich düsteren Horrormärchen das über alle Jahrzehnte hinweg nichts von seiner dunklen Schönheit verloren hat, in der man sich wie in den stillen Momenten des Herbst zwischen Melancholie, Moder und vergehender Schönheit verliert.

Dienstag, 30. Oktober 2018

Horrorctober 2018: Dead Pit (11/13)

Bevor Brett Leonard mit Filmen wie der verkorksten Stephen King-Verfilmung Der Rasenmähermann oder dem durchaus interessanten Virtuosity als B-Fachmann für virtuelle Genre-Filmwelten aufstieg, schickte er mit seinem Debüt Dead Pit krude Grüße aus der Totengrube. Die 350.000-Dollar-Produktion puzzelt die verschiedensten Einflüsse zu einem Low Budget-Horrorfilm zusammen, dessen erste Hälfte hinkend über den Bildschirm flimmert. Leonard ruht sich selbstgefällig auf dem Szenario seiner Geschichte aus, die ohne nennens- oder erahnenswerten Plan vor sich hin vegetiert wie die Figuren des Films. Diese sind in einer psychiatrischen Anstalt untergebracht, in der - so lehrt uns das Intro - der durch unmenschliche Experimente an den Patienten auffallende Dr. Colin Ramzi vom Anstaltsleiter Dr. Swan im Streit umgebracht und in einem finsteren Kellergewölbe eingemauert wird.

Zwanzig Jahre später wird die sich nicht an ihre Vergangenheit erinnern könnende Jane Doe in diese Anstalt eingeliefert, nachdem sie orientierungslos durch die Straßen irrte. Kurz nach ihrer Ankunft rumpelt es durch ein Erdbeben mächtig im Karton, welches das Kellergewölbe samt Dr. Ramzi freisetzt, welcher danach nur von Jane wahrgenommen wird, wie er böse dreinblickend und posierend auf dem Gelände der Psychiatrie rumsteht. Jane, die mit ihren Visionen vom Personal alleingelassen wird, freundet sich mit dem wegen diversen eigenmächtigen und nicht authorisierten, spontanen Sprengaktionen einsitzenden Christian an, der ihr allmählich glaubt, nachdem eine Schwester und ein Patient auf mysteriöse Weise verschwinden.

Bis Dead Pit an dem Punkt angelangt ist, dass die Luzie abgeht und Schwung ins Geschehen gebracht wird, vergeht manche zähe Minute. Leonard vertraut blindlings seinem Psychiatriesetting und der erzwungenen Stimmung aus ständiger Bedrohung und Janes wandeln am Rande des Abgrundes namens Wahnsinn. In stimmigen Kameraeinstellungen, die einige nette Einfälle präsentiert, wird das Gebäude mit seinen Gängen als bedrohlicher Hort der Angst dargestellt, in dem das Grauen allgegenwärtig ist. Sie schenken Dead Pit eine alptraumhafte Grundatmosphäre, in der Leonard mit allgemein gängigen Horrorschemata eine gruselige Stimmung aufbauen möchte. Dazu schenkt er auch den namenlosen Insassen mit ihren Psychosen und Ticks viel Zeit; befremdlich wird es leider nicht. Die an das Setting von Hellbound: Hellraiser II erinnernde Chose wird krampfhaft in die Länge gezogen. Die im Vorbild herrschende Atmosphäre erreicht man mit dem gebotenen Mummenschanz leider nicht.

Richtig interessant wird es erst, wenn Leonard all seine Einflüsse gebündelt von der Leine lässt. Da wird Dead Pit zu einem wilden wie kruden Destillat aus Mad Scientist-, Zombie-, Psychothriller-, Slasher- wie Gothic Horror-Fragmenten. Der Untotenanteil überwiegt und bringt gleichzeitig einfach getrickste, aber ziemlich blutige Splatterszenen mit sich, von denen das einsame Highlight eine Akupunktur am offenen Gehirn darstellt. Die Zügellosigkeit steht dem Film, Leonard entdeckt sie nur zu spät für sich. Man fühlt sich an einen ernsthafteren Re-Animator minus dessen gnadenlosen Tempo aus der Low Low-Budget-Ecke erinnert. Leider kann Dead Pit selbst hier nicht auf sattsam bekannte Standards verzichten. Zumal er mit wenig Finesse den Zuschauer sehr schnell darauf kommen lässt, um wen es sich bei Jane Doe handelt. Das man mehr weiß als die Figur selbst, tut der Dramatik des Films nicht gut, entpuppt sich als schlechte Wahl der Autoren (Leonard selbst und die Produzentin Gimel Everett) und gegen Ende hangelt man sich von einer guten Einzelszene zur anderen, die Dead Pit zu einem Videothekenkind der ausgehenden 80er machen, den man im guten Durchschnitt einordnen kann. Neben dem menschlichen Schmodder fließt leider das Herzblut ebenfalls sehr spät erkennbar durch den Film, der an Leonards übermütigen Vertrauen auf seine Fähigkeiten, eine stimmige Atmosphäre erzeugen zu können, krankt.

Samstag, 27. Oktober 2018

Horrorctober 2018: The Descent 2 (10/13)

Der Fluch der Fortsetzung treibt uns dazu, Werke anzuschauen, die man hinterher als verschwendete Lebenszeit bezeichnet. Aus kommerzieller und wirtschaftlicher Sicht ist die Entscheidung der Studios, einem Erfolg, mit dem man vielleicht nicht mal gerechnet hat, einen zweiten Film folgen zu lassen, verständlich. Lässt ein Sequel die Leute, welche das erste Werk begeistert aufgenommen haben, ebenfalls ins Kino gehen, wie einfach Neugierige die, solche soll es ja auch geben, erst hinterher den Ursprungsfilm anschauen. The Descent wurde zu seiner Entstehung im Fandom wie im Mainstream gut aufgenommen, zu meinem ersten Highlight des diesjährigen Horrorctobers und wenn schon der erste Teil es auf die Liste geschafft hat, bot dies die Gelegenheit, die Fortsetzung von Neil Marshalls Film nachzuholen.

Mit wenig Erwartungen, die bei Sequels zu Überraschungshits meiner Meinung nach ohnehin nie zu hoch sein sollten, machte ich mich an die bisher einzige Regiearbeit von Jon Harris heran. Vier Jahre gingen bis zur Fortsetzung ins Land, die an die Ereignisse des ersten Teils anschließt. Sarah hat es als vermeintlich einzige Überlebende der Gruppe von Freundinnen und Extremsportlerinnen aus dem höllischen Höhlenlabyrinth heraus geschafft. Die auf der Suche nach den mittlerweile als vermisst gemeldeten Frauen befindliche Polizei versucht Licht ins Dunkel zu bringen und hofft auf die Hilfe der noch neben sich stehenden, traumatisierten Sarah. Nach der Analyse von Proben die man vom blutverschmierten Oberteil der Überlebenden nahm und diese mit den bekannten Blutgruppen der Vermissten übereinstimmten, gerät sie in den Verdacht, etwas mit dem Verschwinden der Frauen zu tun zu haben. Unter der Leitung des knurrigen Sheriffs Vaines, begibt man sich zusammen mit drei Höhlenkletterspezialisten und auch Sarah erneut in die todbringenden Höhlen und wird damit für die kannibalischen Bewohner der unterirdischen Gewölbe zu einem willkommenen Schmaus.

Weniger willkommen ist die Art und Weise, wie The Descent 2 nun versucht, in die Fußstapfen des Vorbilds zu treten. Die Erkundung der Höhle entpuppt sich als weit weniger spannend, ständig versucht man sich an einzelnen Szenen des Erstlings zu orientieren, diese zu variieren oder die Eigenständigkeit mit Szenerien aus dem Volkshochschulkurs über Horrordrehbuchschreiben für Anfänger zu festigen. In einigen Momenten eifert man visuell krampfig dem Stil von The Descent nach; das Spiel mit farblicher Gestaltung und Ausleuchtung bleibt blass. Im übrigen Teil des Films beschränkt man sich dadurch, mit dem limitierten Radius der Helmlampen der Truppe und der Dunkelheit eine eigene Atmosphäre zu schaffen. Weder dies noch die Erzeugung von Spannung funktioniert. Das Drehbuch ruht sich auf Variationen von Schlüsselszenen von Teil Eins aus und so findet man auch in Teil Zwei einen einstürzenden Durchgang oder Kämpfe mit den monströsen Höhlenbewohnern in morastig-schlammigen Gruben.

Geradezu lächerlich entpuppt sich dazu der Versuch, den Ekelfaktor hochzutreiben. Wie im Porno schwappen und spritzen Körperflüssigkeiten in Regelmäßigkeit ausgiebig lange in die Gesichter der Protagonisten, die noch flacher als die leider eindimensional gezeichneten Figuren des ersten Teils sind. Man interessiert sich nicht die Bohne für eine persönliche Note dieser, lässt sie austauschbar und offensichtlich nur als Material für die fahlen Untergrundkannibalen existieren. Das führt dazu, dass sich hier wie in anderen Subgenres wie dem Slasher nervige Charaktere wie der völlig unlustige und notgeile Greg auftauchen. Der unausweichliche Konflikt innerhalb der Gruppe lässt diese versprengen, damit auch die recht dünne und wie die Figuren des Films im Dunkeln langsam vor sich hin stolpernde Story gestreckt wird. Der Name bleibt Programm; was im ersten Teil ein atemberaubend spannender Abstieg in die erdliche Hölle wurde, ist im Sequel ein Abstieg des Niveaus.

Es bleiben zwei recht nette Ideen und Szenen übrig, die kurzzeitig nett anzusehen sind: die Überwindung eines Abgrunds in dem man sich mit Hilfe einer an der Decke hängenden Leiche einer der vermissten Frauen über diesen hinweg schwingt (natürlich wieder mit ordentlich Schmodder im Gesicht) und die Rettungsmaßnahme vor herannahenden Crawlern und einer damit verbundenen groben Handamputation. Der Rest des Films ist ein belangloser Versuch, mit den gleichen Mitteln und weniger Können auf dem kommerziell erfolgreichen The Descent mitzuschwimmen. Man will mehr bieten und kredenzt dem Zuschauer einen mies inszenierten, von Spannung und Logik befreiten Horrorfilm, dass sogar für mich letzteres, bei dem ich nicht so streng wie andere mit den Filmen ins Gericht geht, ein einziges Ärgernis darstellt. Bestes Beispiel ist die verschüttete und festgeklemmte Cath, die keinen Ausweg und Lösung ihres Problems findet, bis sie plötzlich bei herannahenden Crawlern einen übergroßen Geistesblitz hat. The Descent ist für meinen Horrorctober 2018, obwohl ich noch einige Filme vor mir habe, das uneinholbare Lowlight und überhaupt einziger Quatsch mit schwappender Kunstblutsauce. Was bin ich froh, dass der weniger wie gewünscht überraschende Twist am Ende nicht noch einen dritten Teil beschert hat.

Horrorctober 2018: Die Mächte des Wahnsinns (9/13)

Als großer Alter des Horrorfilms bescherte John Carpenter dem Fanvolk über die Jahrzehnte mit Filmen wie dem jüngst mit einem x-ten Neueintrag für das tote Franchise versehenen Halloween, The Fog - Nebel des Grauens oder Sie leben!, welche heute - gemessen an den Beispielen - einen Klassiker- oder Kultstatut inne haben. Wie andere Altmeister rennt der Regisseur seinem erarbeiteten Ruf und Status seit längerer Zeit hinterher; zuletzt fabrizierte er vor acht Jahren den recht beliebigen und schnell wieder vergessenen Mini-Grusler The Ward. Die sattsam bekannten Großtaten, allesamt natürlich relevant für den Horrorctober wollte ich für dieses Jahr außen vor lassen. Lieber setzte ich mit Die Mächte des Wahnsinns den wahrlich letzten relevanten und leider von vielen übersehenen Film auf meine Liste. Gehörte dieser zu den (vielen) Werken, die ich aus der Erinnerung heraus als richtig gut befand, doch bis auf wenige kurze Szenen kaum noch in meinem Gedächtnis hafteten.

Die erneute Sichtung nach vielen Jahren zeigte mir einen metareferenziellen Film über das Schreiben bzw. das Schaffen von fiktiven Werken und wie sich ihre Schöpfer in diesen selbst verlieren können. Godlike errichten sie mit ihren Worten neue Welten, aufgebaut auf der uns bekannten Realität und erspinnen Kraft ihrer Gedanken für diese eigene Regeln. Fantasie wandelt sich zur Phantastik, wenn die Irrealität in den vertrauten Weltenlauf Einzug hält. Einzelne Erzählungen können zu einem Fragment eines großen Ganzen, eines Universums werden, das zum Kind des Autoren wird. Die bedingungslose Liebe zum geistigen Kinde und die stete Reise in den selbst erschaffenen Kosmos könnten, so in der mitschwingenden Theorie des Films, die Fiktion zur Realität und andersrum werden lassen. Der Übergang ist fließend und mit zunehmender Zeit nicht mehr unterscheidbar. Die Besessenheit des Künstlers vom eigenen Werk, wohlgemerkt in der Horrorvariante.

Auf der anderen Seite ist Die Mächte des Wahnsinns nicht einfach Huldigung, kurze Ehrehrbietung sondern eine große, lange Verbeugung vor dem literarischen Schöpfer des modernen Horrors und des Meisters der Weird Fiction H. P. Lovecraft. Sehen einige im verschwundenen Horrorautoren Sutter Cane, auf dessen Suche sich der Versicherungsagent John Trent macht, um ihn zusammen mit dessen Lektorin Linda Styles für den Verlag des Autoren zu suchen, da dieser wie seine tausenden Fans auf das Manuskript zum immer wieder verschobenen, neuen Werk wartet, eine Anspielung auf Carpenters engen Freund Stephen King (an einer Stelle im Film wird Cane sogar besser als King beschrieben), interpretiere ich Cane mehr als diabolisch-mysteriöse Variante des verschrobenen Schreibers. Einzig das real existierende Hobb's End, eigentlich nur eine von Cane erdachte Ortschaft wie es bei Lovecraft Arkham oder Castle Rock bei King sind, könnte man als Anspielung auf beide Autoren sehen. Erleben der rationelle Trent und Styles bereits auf der zuerst für sie ohne festes Ziel begonnenen Reise seltsame Dinge, lösen sich Zeit und weltliche Logik wenn sie Hobb's End erreichen, vollkommen auf.

Hier erhebt sich der Film zu einer filmisch nahe an das Werk Lovecrafts herankommenden Mixtur aus schleimigen, unförmigen und mit vielen Tentakeln bewehrten Monster, deren praktische Effekte mittlerweile wie das Gesamtwerk sichtbar ein Kind der 90er sind und einem am Rande des Wahnsinns und gesichtlosen Schreckens wandelnden Werk der rationellen Ohnmacht. Bilder die anscheinend zu Leben erwecken, Zeitschleifen die zu alptraumhaften Wiederholungen für die Protagonisten werden und die erschreckende Erkenntnis, dass Sutter Cane den Kontakt zu außerweltlichen Wesen, älter als die Zeit selbst und auf unbeschreibliche Art grauenvoll anzublicken hält, die ihm die Worte zu seinem neuesten Werk in den Geiste flüstern. Zu Gesicht bekommt man diese nie und wenn Carpenter auf den Spuren Lovecrafts wandelt und die für viele seiner Geschichten eigene Stimmung eines unvorstellbaren, stets präsenten Schreckens, über den man besser nie ein Wort verliert, sollte man dafür überhaupt adäquate Worte zur Beschreibung dieses im Kopfe finden, ist Die Mächte des Wahnsinns am stärksten.

Das ließ mich überlegen, was ich nun genau am Film so stark finde. Die beschriebene Stimmung des Films, die manch hübsch atmosphärische, mit Traumlogik behaftete Szene heraufbeschwört? Oder doch die ständige Präsenz Lovecrafts im Werk, was mir als Fan nicht nur ein Lächeln bescherte. In Hobb's End steigen Trent und Styles in Pickman's Hotel ab, eine klare Anspielung an die Geschichte "Pickmans Modell", die Titel der bisher erschienenen Bücher Canes ähneln den Namen der Erzählungen des Amerikaners und wenn Passagen aus diesen zitiert werden, hört man an die Handlung des Films angepasste Zeilen aus Lovecraft-Geschichten. Die außerweltlichen Geschöpfe mit denen Cane in Verbindung steht, sind eine klare Anspielung auf Cthulhu, Nyarlarthotep und die restlichen großen Alten des Cthulhu-Mythos. Anhänger des Autoren kommen auf ihre Kosten, was Die Mächte des Wahnsinns geschickt vom Umstand ablenken lässt, dass der Aufbau der Handlung zu den simpleren Vertretern des Genres gehört und Carpenter sich zu Beginn dazu hinreißen lässt, plumpe Methoden zur Schreckensverbreitung zu nutzen.

Seine ganze grauenvolle Schönheit entfaltet Die Mächte des Wahnsinns im Spiel mit der metareferenziellen Thematik, die gegen Ende die Frage was nun Realität und was Fiktion ist, auf die Spitze treibt. Der präsente Wahnsinn übernimmt das Drehbuch, bringt einerseits die als lange Rückblende erzählte Geschichte zum Ausgangspunkt des Films, die damit an Erzählstrukturen des Film Noir und seinen Hardboiled Detective-Stories erinnert. Was dann passiert ist ein dezent einsetzender Mindfuck am Ende des Films der den Metabezug einerseits erstmal zu übertreiben scheint, andererseits das bisher gesehene in Frage stellt, ob der großartig von Sam Neill dargestellte John Trent einfach nur dem Wahnsinn verfallen ist, die Fiktion sich nur in seinem Kopf abgespielt hat, er eine Wand der Erzählung von Drehbuchautor Michael De Luca durchbrochen hat oder wie bei Lovecraft das namenlose Grauen ihn in die totale geistige Instabilität getrieben hat. Die Leichtigkeit von Carpenters Regie und sein Gefühl für den Lovecraft-Vibe machen aus einem herkömmlichen Horrorfilm ein letztes, starkes Werk des Altmeisters und dazu die wohl beste Lovecraft-Verfilmung, die keine ist.

Freitag, 26. Oktober 2018

Horrorctober 2018: Dark Night Of The Scarecrow (8/13)

Amerika in den frühen 80ern. In der Provinz gibt es noch fest in Stein und soziales Leben gemeiselte Rollen(bilder). Schwarz-Weiß-Denken ohne differenzierte Graustufen, die im Kosmos von Dark Night Of The Scarecrow für deren Figuren Neuland darstellen. Als in der kleinen Ortschaft die Kunde umgeht, dass die kleine Marylee gestorben sei, ist die Sache für den Postbeamten Otis Hazelrigg sofort klar: der geistig behinderte Bubba, ein erwachsener Mann auf dem Stand eines kleinen Jungen, mit dem Marylee häufig ihre Zeit verbrachte, muss sich an dem Mädchen vergangen und sie anschließend getötet haben. Hazelrigg trommelt einige Männer zusammen um Bubba endlich die gerechte Strafe zuzuführen. Der Lynchmob findet nach Abweisung von dessen Mutter Mrs. Ritter den als Vogelscheuche getarnten Bubba auf einem einsamen Feld. Die Männer erschießen den ängstlichen und - wie sie durch einen Funkspruch erfahren - unschuldigen Sündenbock, der sich in seiner vom eigenen Blut getränkten, durchlöcherten Verkleidung als Held entpuppt.

Er rettete die von einem Hund angefallene Marylee und wurde im in seinem Entstehungsland als Kultfilm verehrten Werk zu einer frühen Art John Coffey ohne übernatürliche Fähigkeiten. Mysteriöse Begebenheiten treten langsam nach dem Prozess und Freispruch von Hazelrigg und seinen Komplizen aus für den Richter Mangel an richtigen Beweisen auf, als diese von einem scheinbar unsichtbaren Rächer nach und nach aus dem Leben gestoßen werden. Dark Night Of The Scarecrow spielt indessen mit der Paranoia der Charaktere und der Frage, ob diese, geplagt vom schlechten Gewissen sich Dinge nur einbilden, jemand menschliches mit Motiv wie Bubbas Mutter oder der Staatsanwalt, der von der Schuld der Männer weiß, sie aus der Reserve locken will oder wirklich eine übernatürliche Kraft am Wirken ist. Leider entlarvt sich der Film in diesen Szenen sehr schnell selbst.

Der TV-Film bemüht sich redlich, darin eine gruselige Stimmung zu erzeugen, bleibt allerdings immer auf einem recht familienfreundlichen Niveau, ohne übergroßen Schrecken zu verbreiten. Dazu kommt, dass einige Einfälle dort Foreshadowing auf die Schlusspointe betreiben und manch clevere Idee sich selbst auf die Füße tritt und häufiger in großes Straucheln kommt. Der Zuschauer soll dann mehr als die Bösewichte erfahren, was die Gruselszenen wie Seifenblasen zum Platzen bringt. Schon lange vor dem Ende kann man dieses dadurch erahnen. Punkten kann der Film einerseits mit seinem Cast, wie Dr. Giggles Larry Drake als Bubba und allen voran Charles Durning als hassenswerter Postbote, der in bester Trump-Manier seine Gefolgschaft um sich schart und mit Bubba als Andersartigem diesen als Manifestation des Bösen und Wurzel allen Dorfübels ansieht. Wie uns der Film mit dezent aufblitzenden Anspielungen, die zur Spekulation einladen, zeigt, auch ein Ablenkungsmanöver von ihm selbst zu sein scheint. Durning zuzusehen, wie er vom selbstsicheren Obermufti zum verängstigten, seine Maske ablegende Schlechtmensch wird, ist eine wahre Freude.

Das ist auch die dichte Kleinstadtatmosphäre, die ein Gefühl von den frühen und guten Stephen King-Verfilmungen aufkommen lässt. Das ländliche und zeitlose Setting ist etwas, mit dem Regisseur Frank De Felitta besser als mit den Spannungsmomenten des Buchs umgehen kann. Die Geschichte ist nicht unbedingt in der damaligen Gegenwart verwurzelt und könnte auch in vergangenen Jahrzehnten wie den 50ern oder 60ern spielen. De Felitta, den man auch als Autor der Buchvorlagen für die Filme Audrey Rose und dem vor kurzem hier besprochenen Entity kennen könnte, hat ein gutes Händchen für das Grundsetting, was negativ betrachtet in seinem TV-Serien-Feeling der frühen 80er den Horroranteil des Films gänzlich verschluckt. Den Anspruch auf Kult hat der grundsolide umgesetzte Film wohl nur bei den Menschen, die ihn damals in jungen Jahren zuerst im Fernsehen erleben durften. Als sachte vor sich hin mäandernden Dorfthriller mit starken Darstellern macht der im deutschen Raum auch als Die Rache des Gelynchten bekannten Film seine Sache besser denn als Horrorfilm. Da bekommt man mittlerweile leider etwas unter einer spürbar dickeren Staubschicht befindliche Standardkost kredenzt. Wenigstens zeigt De Felitta, dass er dennoch besser Regie kann als sein (bekannterer) Kollege Stephen King.

Mittwoch, 24. Oktober 2018

Komm mit ins Kino! Hellraiser und The Endless im Double Feature


Eine Premiere im Blog und gleichzeitig eine kleine Herzensangelegenheit ist dieser Veranstaltungstipp für alle, die genug von deutschen Halloween-Parties sind, die ja ohnehin nie so cool wie die amerikanischen Vorbilder sind. Wer sich lieber fhilmisch das Gruseln lehren will und das auch liebend gerne vor der Kiloleinwand, der darf (oder soll) gerne weiterlesen.

Unter dem Banner Strange Cinema lädt das Union-Studio für Filmkunst in meiner Heimatstadt Kaiserslautern zu einem ziemlich schicken Double Feature: Clive Barkers 1987 enstandener Hellraiser, einer meiner liebsten Horrorfilme überhaupt und meiner Meinung nach einer der besten seines Genres macht den Anfang, gefolgt vom hoch gelobten The Endless, von Justin Benson und Aaron Moorhead, u. a. auch für Spring verantwortlich, inszeniert.

Wer jetzt schon den Sack zu machen möchte, kann sich Karten im VVK für 8€ sichern, an der Abendkasse löhnt man 10€. Davor und dazwischen wird mit zu Halloween passenden Kurzfilmen das Programm komplettiert und auch für das leibliche Wohl wird gesorgt sein. Vielleicht erreiche ich hiermit nicht nur Leser, die zufällig aus dem Raum Westpfalz, Saarland, Rhein-Neckar-Kreis etc. stammen sondern sogar von ein bisschen weiter weg. Das Union-Kino galt in den 70ern lange Zeit als "Schmuddelkino", da dort solche Filme liefen, die heute in der Nischenfilmszene ein Zuhause fanden und blickt insgesamt auf eine mittlerweile mehr als 100-jährige Geschichte zurück, was es mit zu einem der ältesten Kinos des Landes macht. Das gemütliche Kino ist dabei nicht nur für eine Reise zu Strange Cinema wert.

Vielleicht sieht man sich im Kino!

Strange Cinema @ Facebook

Horrorctober 2018: Baskin (7/13)

Türkische Provinznächte sind lang. Erst fangen sie ganz langsam an, aber dann entwickeln sie sich in den Fingern von Nachwuchsregisseur Can Evrenol zu einem absurd blutigen Trip in die Hölle. Fünf Polizisten schickt er in seinem Langfilmdebüt auf einen nächtlichen Einsatz in einem nahegelegenen Dorf und zerstört die Hoffnung seiner Figuren, dass sie sich wie wohl aberdutzende Nächte zuvor das Hormongehänge schaukeln können. Unterhaltungen darüber und über sexuelle Abenteuer der Kollegen muss man als Zuschauer zuvor über sich ergehen lassen, bevor eine Bitte um Verstärkung das nächtliche Abenteuer einleitet. Selbst die Fahrt zum Einsatzort wird zur Geduldsprobe. Evrenols Charaktere sind gebündelte Negativitäten, eine eingeschworene Gruppe sexistischer Alphamännchen, die wenn nicht auf den nächsten Porno gerne auf ihren Status als Gesetzeshüter zu onanieren scheinen.

Nur der junge, zurückhaltende  und als einziger vernünftig erscheinende Arda fällt aus der Reihe; ein anderer Kollege bleibt den markigen Männersprüchen wegen akutem Unwohlsein fern. Wir Zuschauer lernen dafür, dass die Platzhirsche der Gruppe durchweg unsympathisch sind, Arda bleibt bei aller wohl gemeinter Differenzierung zum Rest seiner Kollegen etwas schwach. Am Einsatzort angekommen, erscheint dieser verlassen. Ein einsamer Polizeiwagen begrüßt sie stumm mit die Dunkelheit erhellendem Blaulicht, ansonsten regiert stumme Einsamkeit am Ankunftsort. Das Quintett begibt sich auf die Suche nach den Kollegen in einem Nahe gelegenen Gebäude und macht dort die Bekanntschaft mit Baba, dem Führer eines bizarren Kultes und dessen Anhängern. Zusammenfassend könnte man die folgenden Minuten Turkish Hellraiser betiteln, ohne Baskin damit in die Richtung äußerst billiger Rip Offs aus dem Bosporusland á la Turkish Exorcist oder Turkish Star Wars drängen zu wollen.

Sichtlich beeinflusst ist Evrenol von Clive Barkers Horrorgroßtat in seinen finalen Szenen sehr wohl. Anders als Hellraiser selbst ist Baskin weniger fetischiert und geordnet in seinem infernalen Trip, den Evrenol auf die Leinwand bannt. Der Regisseur und seine Co-Autoren zelebrieren düstere wie gleichzeitig schmutzige Höllenbilder voller Symbolik, bei der man leider erkennt, dass die Schreiberlinge diese ohne tieferen Sinn versehen. Vage erkennt man religiöse Anspielungen, die während der ganz speziellen Messe um den Kult Babas zwischen die Bilder geschmissen werden. Vielleicht ist man als westlicher Zuschauer auch weniger mit türkischer Folklore etc. vertraut, um die wahren Absichten der Macher zu verstehen. Eventuell ist die kryptische Bildsprache, die bizarre Note die der Film dadurch enthält, ein Zugeständnis an die Verhältnisse zwischen Medien und Zensur im Herkunftsland um damit die Botschaft zwischen den blutigen Zeilen geschickt zu tarnen.

Gut tut das dem Gesamteindruck Baskins nicht. Der pendelt ziellos zwischen höllischem Gorespektakel mit gelungener Atmosphäre und modernem Horror, leicht inspiriert vom asiatischen Langhaargeister-Trend weit vergangener Jahre. In kleineren Momenten macht Baskin sogar einen Ausflug in die Retro-Schiene, wenn seine stilisierte Ästhetik die neonverhangenen 80er Jahre und deren sphärischen Synthieflächen in der Bildgestaltung wie im Soundtrack zitiert. Zugegeben bleibt alles hübsch und interessant, nur wartet man selbst mit Ende des Abspanns auf das Auftauchen des tieferen Sinns. Als surrealer Horrortrip ist Baskin durchaus sehenswert, im Endeffekt stehen die Unentschlossenheit des Films und seine wenig sympathischen Figuren diesem für einen besseren Eindruck im Wege. Man könnte sich vorstellen, dass dies Evrenols Absicht war und er diese Charaktere stellvertretend für eine alte, überholte Gesellschaft fest in der Hand des männlichen Geschlechts sowie für eine willkürlich regelnde Staatsgewalt steht, die sich fest im Sattel wähnt, ihre widerlichen sexistischen und machismoverhafteten Gedanken freien Lauf lässt und für ihren Lebenswandel von Baba in Verkörperung der drei Gewalten verurteilt werden. Leider schafft er es nicht, diese Vermutung zu untermauern. Manche Derbheit im Finale erscheint im fahlen Licht des unbedingten Willens, schockieren zu wollen. Zurück bleibt ein ordentliches Debüt mit viel Luft nach oben, bei dem einiges an Potenzial wie die Polizisten im Film mit ihrem Einsatzbus gegen den nächsten Baum donnert.

Donnerstag, 18. Oktober 2018

Horrorctober 2018: Suspiria (6/13)

Es war einmal ein junges Mädchen, fast schon eine junge Frau, die sich von New York aus auf den weiten Weg über den großen Teich nach Deutschland aufmachte. Dort war die renommierte Schule der einst weltbekannten Tänzerin Elena Marcos ihr Ziel, um die Künste des Tanzes zu studieren und selbst einmal eine berühmte Tänzerin zu werden. In der fest von Sturm und Regen im Griff gehaltenen Nacht ihrer Ankunft trifft die Reisende, Suzie Bannion ihr Name, auf eine Schülerin die durchgeschüttelt von Angst und Panik aus der Schule stürzt, für das junge Mädchen unzusammenhängende Worte in das dunkle Gebäude hinein schreit, bevor sie durch die Regenwände hindurch in den nahe gelegenen, finsteren Wald rennt. Das ängstliche Mädchen wird von ihren Beinen zu einer Freundin getragen, in deren Wohnung sie unter mysteriösen Umständen zu Tode kommt. Die Hüter des Gesetzes ermitteln im ungewöhnlichen Todesfall, während Suzie im strengen Umgang der Lehrerinnen während einer Tanzstunde einen Schwächeanfall erleidet und von ihren Mitschülerinnen fast ferngehalten wird. Dem Mädchen und einer schnell gefundenen Freundin fallen ungewöhnliche Dinge in der Schule auf, über deren Leiterin Elena Marcos seltsame Geschichten erzählt werden.

Es war einmal ein italienischer Regisseur, Dario Argento genannt, der dem Giallo der 70er mit seinem Debüt Das Geheimnis der Schwarzen Handschuhe sein Gesicht gab. Er schuf nicht einen, nicht zwei, sondern drei an der Zahl: die Tier-Trilogie. Nicht zusammenhängende Filme, alle dem psychologisierten Pulp-Thriller Italiens verschrieben, zusammengehalten durch die im Titel vorkommenden Tiere (beim Debüt allerdings nur im Original und englischen Titel). Den Filmemacher zog es weiter zum Fernsehen, zu einer Kriegskomödie mit Italiens bekanntem Bespaßer Adriano Celentano bevor er den Proto-Giallo Profondo Rosso schuf. Der Höhe- und Endpunkt des Genres. Formvollendung auf der Leinwand. Danach packte Argento den Schrecken an und schuf den Auftakt einer weiteren Trilogie. Erzählungen dreier Mütter der dunklen Seite der Welt. Mater Lachrymarum, Mater Tenebrarum und Mater Suspiriorum. Tränen, Dunkelheit und Seufzer. Mother of Tears, Inferno und Suspiria. Unterschiedlicher könnten sie qualitativ nicht sein; musste die Vollendung der Trilogie über Jahrzehnte auf sich warten lassen und endete in einem traurigen Abschluss, begann Argentos Ausflug in die Welt der Ängste und der Hexen mit einem atmosphärischen Opus.

Es war einmal ein Horrorfilm, der wie zuvor und danach entstandene Werke Argentos nicht verhehlen kann, dass der italienische Kult-Filmemacher Probleme hat, Geschichten mit durchgehend gestärktem Erzählbogen zu schildern. Nirgends ist es so egaler wie bei Suspiria. Und: am Anfang war Hitchcock. Selbst Argentos erster Ausflug in das Horrorgenre birgt dessen klassisches Motiv der gestörten Wahrnehmung, des vergessenen Schlüssels zur Auflösung in seinem Kern was Argento immer wieder in seinen Gialli aufgriff. Suzie kann durch den laut peitschenden Regen die Worte der ängstlich flüchtenden Schülerin bei ihrer Ankunft nicht richtig verstehen, deren Zusammenhang nicht in Verbindung mit den Geheimnissen der Schule bringen. Suspiria besitzt damit ein klassisches Grundmotiv des Giallo; klassische Ermittlungsarbeit der ebenfalls vollkommen unbehelligt in seltsame Vorgänge hineingezogene Protagonistin kann man deren Ergründen der Geheimnisse um die Schule und deren Besitzerin Elena Marcos nicht nennen. Wie das Kind zur Jungfrau kommt, ergründet Suzie die Wahrheit. Beiläufig, in kurzen lichten Momenten während ihres delirierenden Zustands nach ihrem Zusammenbruch lichten sich die Schleier im doppelten Sinne.

Je länger ihr Aufenthalt in der Akademie andauert, desto mehr brechen geläufige Narrationsregeln auf. Suspiria entpuppt sich als unheimliches Erwachsenenmärchen mit Alptraumlogik und die Tanzschule wird zu einer ganz eigenen Welt, losgelöst vom Rest unserer bekannten Realität. Sinnbildlich betritt Suzie diese schon als sie den Flughafen nach ihrer Ankunft in Deutschland verlässt, was Argento beiläufig mit Gegenschnitten auf die Öffnungsmechanik in Nahaufnahme, deren Geräusche man deutlich auf der Tonspur vernehmen kann, darstellt. Suzie gleitet, begleitet vom Beginn des markanten Themes der Experimental-Prog-Rock-Band Goblin, durch den Regen und wird mit einer simplen, markant ausgeleuchteten Taxifahrt in das Herz dieser anderen Welt transportiert. Bevölkert ist sie abermals von obskur anmutenden Nebenfiguren, denen Argento eine Aura des unheimlichen schenkt. Hinzu kommen von Neid und Selbstsucht durchfahrene Mitschüler und Alida Valli als gestrenge Lehrerin, Argentos Version von Fräulein Rottenmeier. Inmitten dieser Ansammlung unmenschlich handelnder Menschimitationen ist das verlorene, verschreckte Mädchen Suzie. Mit den Schritten aus dem Flughafen sprang sie Alice gleich in ein Loch zu dieser anderen Welt in der alte, böse Mächte schlummern.

Daraus schafft Argento mit übersteuerten, nahezu pervertiert bavaesken Farbspielereien und einem allpräsenten Score einen Rausch filmgewordener Nachtmahre. Der Italiener machte nie einen Hehl daraus, dass er mit seinen Filmen stets gewisse Eigentherapie betrieb und darin seine Alpträume verarbeitete. Man darf dem Unterbewusstsein des Mannes dankbar sein, dass er zu solch einem Film fähig war. Suspiria vermochte formell bereits in seiner Entstehungszeit mit seinem Verständnis von Horror keine Neuerungen in das Genre zu bringen. Er öffnete es aber vielleicht für Filme, die von ihrer Stimmung getragen werden. Weniger Film, mehr Trip spricht Suspiria das Innerste an und schenkt stilisierte Bilder des unterbewussten Schreckens der sich selten zu wortwörtlich blutig roten Schocker- oder Todesszenen wandelt. Mit letzteren sucht Argento in deren Inszenierung nochmals die Nähe zum Giallo, um mit den stilisierten Ableben der Figuren und dem Aufblitzen scharfer Rasiermesserklingen die bösen Mächte in der Gegenwart zu verwurzeln. Manchmal stört das den traumartigen Sog der episodisch ausfasernden Geschichte, die mich persönlich auch bei dieser Sichtung wieder von Beginn an packte. Ist man einmal im eigenartigen Rausch dieser gefangen, gleitet man zusammen mit Suzie herzlich gerne durch die Gänge der Tanzschule deren Herz uns im Finale mit MC Escher-artigen Wandgemälden, bombastischem Getöse und entfesselten Farben nochmals all ihre traumhafte Schönheit des Seltsamen zeigt.

Dienstag, 16. Oktober 2018

Horrorctober 2018: The Descent (5/13)

Horrorctober-Film No. 5 und Man vs Nature die Zweite. Das Opus Magnum Neil Marshalls, nach seinem netten Einstand Dog Soldiers und vor dem zu gut gemeinten Doomsday sowie weit vor seinem Abstieg in den Abgrund des TV-Serien-Regisseur-Daseins (im Premium-Segment mit Folgen für u. a. Hannibal oder Game of Thrones) entstanden. Anders als der zuvor im heimischen Lichtspielhaus goutierte Preservation zelebriert der Brite mehr die direkte Konfrontation des kleinen irdischen Lichts, genannt Mensch, mit der übermächtigen Natur. Über weite Strecken ist The Descent mehr ein klassischer Survival-Thriller, in dem Marshall das Machtverhältnis zwischen dem Menschen und dem Planeten, auf dem dieser so viele Jahre verweilt, in beeindruckenden Einstellungen versinnbildlicht. Gegenübergestellt wird eine Gruppe von Frauen, Freundinnen, die Monate nach dem tragischen Unfalltod der Tochter und des Manns von Sarah zusammenkommen um sich ihrem gemeinsamen Hobby zu widmen: dem Überwinden von Naturgewalten.

Wildwasserrafting, Klettern oder Höhlen erforschen: die Freundinnen verbindet diese Liebe, sich in extreme Situationen zu bringen und die Natur dabei zu bewältigen, zu bezwingen. Nichts deutet darauf hin, dass die von Organisatorin Juno ausgesuchte Höhle eine besondere Extreme für die Frauen wird. Es beginnt nach dem Abstieg mit dem Einsturz eines schmalen Tunnels. Bei Sarah bricht das vom Unfall verursachte Trauma langsam wieder auf, Junos eigenmächtige und gegenüber dem Rest der Gruppe verheimlichte Änderung über die ausgesuchte Tour und ein schwerer Unfall mit Knochenbruch steht ihnen zusätzlich im Weg, aus der Höhle hinaus zu finden. Es scheint, als würde dieses Mal Mutter Erde die Herausforderung gewinnen und das der Feind das dünne Nervenkostüm der Gruppenmitglieder sowie das unterirdische, enge Labyrinth aus Gestein und Wasser ist. Dies wird zu einem Abstieg in die Hölle, angedeutet durch einen schönen wie extremen Weitwinkel-Shot, in dem die sich in den Eingang der Höhle abseilenden Abenteurerinnen schrecklich klein und unwichtig erscheinen.

Verschluckt vom Erdendunkel schürt Marshall die Beklemmung simpel wie effektiv mit Lichtspielereien. Die Schwärze ist allgegenwärtig. Sie verschluckt die Protagonisten wie den Zuschauer, der mit diesen zusammen seine Augen durch die dunklen Schleier der Höhle presst. Aus diesem Schwarz blitzen kleine Flecken Licht auf, die uns die Freundinnen beim Erforschen der Höhle zeigen. Das Wechselspiel zwischen bildschirmfüllenden und mit Licht und Dunkelheit spielenden Szenen, perfekt ausgeleuchtet, smart geschnitten, lässt die Atmosphäre förmlich spürbar werden. Die in dunklem Orange und blutigem Rot gehaltenen Bilder lassen im Stil The Descent zur unterirdischen, argentoesken Bilderflut werden. Aus der finsteren Schwärze und dem Höllenrot entsteigt überraschend, ohne das der Zuschauer groß darauf vorbereitet wird, das namenlose Grauen. Der Tiefe perfekt angepasste, animalische Humanoide, welche die Jagd auf das Frischfleisch eröffnen und für die Frauen aus der Höhle eine Todesfalle werden lassen. Dem klaustrophobischen Kannibalenterror entspinnt das Drehbuch ungeheuer intensive Szenen. Nur die im hohen Tempo aufflackernde Hektik bremst die Intensität des Filmes im zweiten Akt des öfteren aus.

Zeit bleibt dennoch kaum, die kleinen Schwächen von The Descent näher zu betrachten. Die weiblichen Figuren sind wie ihre männlichen Epigonen bis auf Hauptfigur Sarah leider eindimensional und einige Nebencharaktere spürbar nur als Futter für die tödlichen Höhlenbewohner existent. Marshalls Idee, mal nicht wie sonst üblich halbwegs gestandene Mannsbilder in den sicheren Tod zu schicken sondern Frauen auszuwählen, bleibt eine tolle, selbst heute noch frische Entscheidung. So steigen seine Figuren, Sarah voran, hinab in ihre eigenen Abgründe, die sie dem Genre geschuldet zu typisierten Charaktere entwickeln lässt, welche auch in männlicher Form im Horror seit Jahrzehnten existieren. Ihr Leidensweg scheint ebenfalls vertraut; Marshall setzt die Versatzstücke clever zusammen und entfacht einen mitreißenden Sog an Spannung und Gewalt. Das nackte Überleben von Sarah und ihren Gefährtinnen kulminiert in explosive Szenen. Terrormovie goes Underground. The Descent packt uns daneben in seiner geschickten Inszenierung bei unseren eigenen Urängsten: Enge,die Dunkelheit, das vermeintlich darin lauernde, namenlose Böse. Marshall kitzelt es aus dem Unterbewusstsein an die Oberfläche und lässt seine Figuren wie den Zuschauer spüren, dass etwas unbekannt schreckliches dort unten lauert.

Kenner Lovecrafts dürften frohlocken. Die in seinen Geschichten heraufbeschworene Stimmung der ständigen Bedrohung wird vom britischen Regisseur geschickt in die Handlung eingewoben und die Kreaturen erinnern in ihrem Aussehen an die Monster in der 1923 entstandenen, schon häufiger verfilmten Kurzgeschichte "Die lauernde Furcht" (Original: The Lurking Fear). Der Brite geht es weniger abstrakt als Lovecraft an und lässt die direkte, rohe Gewalt sprechen. Obwohl The Descent ein Rewatch ist, auf den ich schon länger Lust hatte und die Gelegenheit packte, ihn für den Horrorctober anzugehen und meinen Hang zur Prokrastination damit zu bekämpfen, vergaß ich über die Jahre, wie gut The Descent eigentlich ist. Es schien diesmal so, als habe er sich mit all seiner Größe komplett vor mir entfaltet und bescherte mir das erste große Highlight in der diesjährigen Aktion. Selten schaffte es ein Film hinterher gängige Genremuster mit so viel Können in ein so intensives Erlebnis zu verwandeln.

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