Film ist Wahrheit, 24 Mal pro Sekunde. Tagebuch. Meinungen. Filmstoff.

Samstag, 25. April 2020

Man-Eater (Der Menschenfresser)

Wie schnell wird man doch als jugendlicher Jäger des verbotenen Schatzes ernüchtert: mit leuchtenden Augen ließt man in Sekundärliteratur und Fanzines von diesen bösen, verbotenen Filmen mit ihrem auf Anschlag gedrehten Blutzoll, der seine Darstellerinnen und Darsteller in Blut und Gedärme waten lässt, monströse Psycho-Killer, Horden an Untoten, hungrige Dschungelbewohner oder die schrecklichste aller höllischen Dämonenbruten bietet und dann entpuppen sich einige der in diesem Land beschlagnahmten Filme als lahme Krücke. Der alles, was die jugendliche, vor Blutgeilheit strotzende Fantasie wie ein Kartenhaus zusammenfallen und (teils bis heute) am Urteilsvermögen der Richter an den Amtsgerichten aller Provinzen zweifeln lässt. Viele Beschlagnahmen erscheinen in der heutigen Zeit überholt und dank einiger engagierter Heimkinoanbieter wurden einige Filme, heute teils moderne Klassiker des Genrefilms, rehabilitiert. Meine erste Begegnung mit dem berühmt-berüchtigten italienischen Man-Eater war ein Geschichte voller Enttäuschung und Missverständnisse: vom überschaubaren Blutgehalt und der dünnen Handlung angeödet schob ich den Film in die Schublade der "langweiligen Kacke".

Jahre später, gereifter und tiefer in die Ebenen des (italienischen) Genrefilms gestiegen, gab ich ihm eine zweite Chance und fand gefallen an der irreal wirkenden Atmosphäre des auch unter seinem Originaltitel Antropophagus bekannten Werks. Wieder einige Zeit später: wieder etwas gereifter, mit anderem Blick auf manche Filme und ihre Mechanismen, immer noch mit viel Lust auf schundiges Kino, ist man mit seiner Sammlung und auch der Man-Eater im HD-Zeitalter angekommen. Meine größte Frage vor der erneuten Sichtung: funktioniert dieses ranzige Stück Film überhaupt auf Blu-Ray? Seien wir ehrlich: einigen B-, C- oder Z-Grade-Movies tut der Sprung in die High Definition nicht gut und sie verlieren einiges an Charme und Wirkung. Der Film von Aristide Massaccesi, so der bürgerliche Name des Regisseurs, überdauert die Zeit und ist im Kern das, was er immer sein wollte und sollte: auf schnelle Lira, Dollars, Mark etc. ausgelegtes Schockerkino, schludrig und hastig zusammengezimmert. Luigi Montefiori aka George Eastman, Hauptdarsteller und Autor des Scripts von Man-Eater brachte es seiner Aussage nach über das Regie-Talent von Massaccesi auf den Punkt: dieses war kaum vorhanden; mehr hetzte der 1999 verstorbene Italiener durch die Dreharbeiten und gab sich oft mit dem ersten Take zufrieden.

Dennoch birgt Man-Eater eine gewisse Faszination. Der Minimal-Horror der hier geboten wird, nutzt zu seiner Entstehungszeit ausgefranste Klischees und schickt eine Gruppe Urlauber auf ein menschenleeres Eiland, auf dem sich Julie, die sich den jungen Leute angeschlossen hat, die Kinder ihrer Freunde den Sommer über hüten soll. Von der gemischten Truppe dorthin gebracht, wundern sie und alle anderen sich recht schnell über die gespenstischen Straßen und anscheinend von ihren Bewohnern hastig verlassenen Häusern. Dem Grund dafür begegnen sie, als man sich in die ebenfalls verlassenen Villa von Julies Freunden begibt: ein Mann, der mit seiner Familie Schiffbruch erlitten hat und tagelang mit dieser in einem Rettungsboot im Meer trieb, fiel dem Wahnsinn anheim, als er dem immer stärker werdenden Hungergefühl nicht mehr widerstehen konnte und seinen toten Sohn und seine Frau verspeiste. Auf der Insel gestrandet, lebte dieser seine erwachte kannibalistische Neigung weiter aus und ist merklich erfreut, als mit den Urlaubern Nachschub ankommt. Häufig dem Subgenre des Kannibalenfilms zugerechnet, beschränkt sich die Menschenfresserei eigentlich auf ein Minimum. Neben der vom bekannten deutschen Plakatmotiv aufgegriffenen Endszene und dem angedeuteten Vorfall im Rettungsboot ist es nur eine Szene, in welcher der Kannibalismus komplett ausgekostet wird.

Diese bot häufig Anlass in den 80ern während der grasierenden Video-Hysterie, darüber zu diskutieren, wie schädlich Horrorfilme für die al(e)manische Jugend ist und machte sie in der von D'Amato konzipierten plumpen Provakation durch deren Tabubruch zum Gegenstand vieler blutiger Träume früher Gore-Bauern und Splatterkiddies. Seien wir ehrlich: selbst wenn man nicht wissen sollte, dass George Eastman darin in einen gehäuteten Hasen beißt, ohne jetzt näher auf das einzugehen, was dieser eigentlich darstellen soll, wirkt die Szene deplaziert und zu offensichtlich provokant und auf den puren Ekel ausgelegt. Sicherlich besteht das ganze Konzept von Massaccesis Film darauf, möglichst viele Effekte dem Publikum zu präsentieren, der Aufbau der ganzen Szene bis sie zu ihrem Climax angelangt ist und viele andere lassen mich in ihrer Wirkung mehr aufhorchen als dann den letztendlich präsentierten dusseligen Splatterquatsch abzufeiern. Bloß, weil Eastman sich kalten Hasenbraten gönnt und seinem Hintergrund nach seine Familie in einer Ausnahmesituation verspeiste, ist die von den meisten vollzogene Kategorisierung von Man-Eater als Kannibalenfilm meines Erachtens nicht richtig. Das Script orientiert sich - natürlich auch wegen des geringen Budgets - mehr am Slasher und in seiner bemühten Ausgestaltung der Szenerie am klassischen Schauerkino.

D'Amato montiert einen gewissen Anti-Gothic und ordnet die Grundstimmung von Melancholie und Zerfall des gothischen Horrors seinem kommerziellen Mechanismus des Splatterkinos unter. Die Nachlässigkeit der Inszenierung, das Desinteresse an einer künstlerischen Ausgestaltung ist Kontext zu dessen prunkvollen und detailliert ausgemalten Szenerie; der Verfall und Tod ist auch in der Atmosphäre von Man-Eater allgegenwärtig und kann in den ersten Szenen auf der verlassenen Insel und deren Erkundung durch die Freunde mit einer irrealen, gespenstischen Stimmung punkten. Manchmal blitzt sogar ein guter Einfall Massaccesis auf, wenn handwerklich konventionell ausgeführte Bilder kurzzeitig interessante Einstellungen bietet. Mit mehr Sorgfalt hätte der von der Kamera kommende, ehemalige Lehrling Mario Bavas häufiger einige entrückt-hübsche Momente wie in einem seiner künstlerisch besten Filme - Mörderbestien - schaffen können. Wo sich die Handlung mehr dem Zusteuern auf Blutszenen Untertan macht, gewinnt Man-Eater bei mir mehr mit seinen leiseren Szenen, die ohne im Gothic Horror genutzte Romantisierung das kleine Einmaleins des traditionellen Horrorfilms nutzt und bei seinem handwerklichen Simplizismus funktionell entschlacktes und heruntergebrochenes Formelkino bietet.

Fast darf man D'Amato dankbar sein, dass er wenig interessiert am ausgefeilten Arrangement seines Films war und sein handwerklicher Minimalismus dazu führt, dass dieser die Tonalität von Man-Eater zwischen allgegenwärtigem Verfall und dem Bewusstsein über die Endlichkeit der Figuren des Werks verstärkt. Selbst sein tragischer Schreckensbringer, der den schiffbrüchigen Kannibalen zu einem übermenschlich wirkenden Monstrum mutieren ließ, muss zum Ende einsehen, dass der Tod, den er über die Insel, deren Bewohner und die Touristen brachte, auch für ihn keine Ausnahme macht. Wenn alles gefressen ist, frisst das Monstrum sich selbst. Handwerklich und erzählerisch mag Man-Eater allersimpelste Technik bieten und seine narrative zieht sich, für mich diesmal wieder etwas mehr fühlbar wie in meiner zweiten Sichtung, in die Länge. Nach wie vor verliere ich mich aber gerne in dieser filmischen Kloake, welche die idealisierte Präsenz des natürlichen Zerfalls in D'Amatos hier erschaffener, schroffen Realität holt und beinahe demontiert. Gleichzeitig nutzt er einige dieser klassischen Horrorelemente, schafft Grusel von der Stange und kreiert damit gleichzeitig eine leicht alptraumhafte Atmosphäre, in manchen Szenen durch den minimalistischen Score Marcello Giombinis passend untermalt, die die größte Stärke eines handwerklich und narrativ objektiv betrachtet überschaubaren und im Fandom kontrovers aufgenommenen Films ist. Er ist selbst im Rund des italienischen Horror-Cinema ein Außenseiter und für die hab ich seit jeher viele Sympathien.

Freitag, 24. April 2020

The Greasy Strangler

Bei diesem Film muss ich zum Einstieg tatsächlich etwas auf meine Sehgewohnheiten eingehen. Die derzeit geringere Frequenz an Blogpostings sind neben dem Umstand, dass ich seit einiger Zeit mit meiner Switch und der Playstation 4 wieder intensiver dem Gaming fröne, auch meinen Arbeitszeiten geschuldet. Im Schichtdienst, der auch Arbeit am Wochenende umfasst, ist es mir schlicht mit dem ganzen Gedöns, was daheim noch getan werden muss, einer Beziehung und - blendet man die derzeitigen Einschränkungen mit Social Distancing und Abstand halten aus - Socializing, manchmal nicht möglich, mehr Filme zu schauen, wie man in manchen Phasen selbst gerne möchte. Dazu kommt, das ich - anders als Freunde, die selbst noch totmüde sich einen Film im Heimkino reinziehen und dann vielleicht mehrere Anläufe benötigen, weil sie immer selig wegschlummern - beim geringsten Anzeichen von Müdigkeit darauf verzichte, was zu schauen. Ich kenne mich und weiß, wie genervt ich sein kann, wenn ich gemütlich im Sessel wegnicken würde. Es mag verschroben klingen, nur ist das für mich gegenüber dem Künstler und seinem Werk nicht respektvoll, wenn man sich dieses nicht in vollem Bewusstsein bzw. in guter, fitter Verfassung anschaut.

Was dies mit The Greasy Strangler zu tun hat? Manchmal überkommt auch mich bei aller Abgeschlagenheit der innere Zwang, eher: ein unbändiges Verlangen, das man doch noch gerne was schauen möchte. Als meine Wahl auf diesen fiel, war ich an einem Samstag durch meine Arbeit schon seit 5 Uhr wach, aber wollte Abends, als meine Freundin zu Bett gegangen war, trotzdem noch einen Film schauen. Schon länger auf meiner Watchlist stehend, wählte ich den laut Empfehlung eines Arbeitskollegen "sehr speziellen Streifen" aus und hoffte für mich, dass ich ohne größere Anflüge von spontanem Kurzschlaf die nächsten gut neunzig Minuten durchstehen würde. Der Film lief gerade einmal ca. zehn Minuten, als jede körperliche wie geistige Erschöpfung wie weggeflogen war. Denn das, was ich dort auf dem Bildschirm sah, war eine bizarre Geschichte mit obskuren Figuren und deren irrealem Verhalten in einem vom Glamour befreiten Los Angeles in dem Ronnie mit seinem Sohn Brayden eine fragwürdige Tour durch die weniger glanzvollen Teile der Stadt für Touristen anbieten, in denen sie ihnen angebliche Wirkungsstätten späterer Discogrößen zeigen. Auf einer dieser Touren lernt der mit seinem Vater in einem Haus lebende Brayden die robuste Janet kennen. Die beiden knüpfen zarte Bande, wenn da nicht der nach extra fettigem Essen gierende Ronnie wäre, der in seiner maßlosen Selbsteinschätzung ein Auge auf die junge Dame wirft und ständig wie offensichtlich verneint, der in der Stadt umhergehende Bratfett-Mörder, einem wie der Name sagt über und über mit Küchenfett eingeschmierter Serientäter, zu sein.

Horror, Komödie, Drama: im Kern ist The Greasy Strangler ein Vater-Sohn-Drama um zwei Menschen, die man am Rande der Gesellschaft verorten kann und versuchen, in dieser sich zurecht zu finden. Durcheinander gewirbelt wird das Gefüge durch die angeblich weibliche Bedrohung in Form von Braydens Romanze mit Jane. Ronnie reagiert, nachdem die Mutter die beiden vor Jahren bereits verlassen hat, mit kindlichem Trotz und Eigensinn auf die Invasorin, die im Begriff ist, ihm seinen letzten Bezugspunkt und Halt zu nehmen. Regisseur Jim Hosking wirbelt mit seinem Co-Autoren Toby Harvard die weitere Story mit weniger unerwarteten, mehr abstrusen Wendungen durcheinander, als er Ronnie in die Offensive gehen und Jane seinem Sohn ausspannen lässt. Normal als Begrifflichkeit allgegenwärtiger, kollektiver Wahrnehmung scheint in diesem Film nicht viel zu sein. Absurde Details wie der schweinsnasige Freund Braydens oder Augen, die wie in Cartoons aus den Köpfer der Opfer des Killers herausploppen werden innerhalb des filmischen Mikrokosmos als selbstverständlich verkauft. In seiner grenzenlosen Absurdität schwankt der Film zwischen den Filmen eines John Waters oder Quentin Dupieux sowie einer guten Portion Monty Python.

Übertrieben hervorgehobene Ekeldetails in einzelnen Szenen, betont gewaltig oder winzig dargestellte männliche Genitalien, leichter Einschlag in einen vulgären Humor und allgegenwärtige Hässlichkeit als gewählte Ästhetik des Films: Jim Hosking erstellt in The Greasy Strangler einen Gegenentwurf zur bekannten schillernden Scheinwelt eines Los Angeles mit seinen Stars und Sternchen. Durch die Verbindung mehrerer Genres geht The Greasy Strangler trotz seines vorherrschenden Konzepts vom "Mut zur Hässlichkeit" die klare Linie etwas verloren. Ohne wirklich die Mechanismen des Horrorfilms voll ausspielen zu wollen, schwankt der Film in manchen Szenen unentschlossen zwischen reiner Komödie und Anflügen konventioneller Horrorformeln, die der Groteske eine komplette, klare Struktur verwehren. Mehr nimmt der Film die wankelmütige Persönlichkeit seines Protagonisten Big Ronnie an, der bei all seinen lauten Ausbrüchen, Extravaganzen und diffusen Verhaltensmustern nicht verbergen kann, dass er unter dieser Hülle eine fragile Seite besitzt, die geschützt werden möchte. Ohne in Gefühlsduseligkeit abzudriften, behält Hosking hier den Weg bei und setzt bis zum gleichermaßen seltsamen wie in der Syntax des filmischen Kosmos dennoch völlig normalen Happy Ends auf die größte Stärke seins Films: einer Welt bevölkert von Figuren und deren Aussehen, Handlungen und Eigenheiten die bei geringer repetitiver Handlungsmuster als großes Ganzes soweit funktionieren, dass man meist ungläubig mit offenem Mund, immer leicht verzogen zu einem Grinsen oder sich anbahnenden Lachen - - frei nach dem Motto Seeing is believing - in seinem Heimkino sitzt. Da funktioniert der Film wirklich sehr gut und bot mir, der ein Herz für filmische Absurditäten besitzt, eine nicht enden wollende Flut an verzückenden Unglaublichkeiten.

Samstag, 18. April 2020

[Rotten Potatoes #5] The Children of Golgotha

Meine einleitenden Worte zum ersten Beitrag meiner unregelmäßigen Streifzüge in den deutschen Genrefilm müssen richtig gestellt werden: Initialzündung für diese war neben eines Berichts der Deadline auch der von mir sehr geschätzte Patrick Lohmeier, mit dem ich mich für seinen Podcast Bahnhofskino über Robert Sigls wunderbar düsteres Horrormärchen Laurin unterhielt. Gleich welches Niveau, welches Produktionslevel; egal ob nun in den Credits die Namen Sigl, Schwenk, Ittenbach, Faltermeier, Herzog oder Brandl erscheinen: in Bayern scheint es gute Voraussetzungen dafür zu geben, dass Filmkreative öfter düstere Geschichten erschaffen. Das Geschwister-Trio der Brandls konzentriert sich nicht ausschließlich auf Horror, legte dafür mit dem Ende 2019 veröffentlichten The Children of Golgotha den inoffiziellen Nachfolger zur Okkult-Gore-Eskapade Unholy Ground - der erste hier unter dem Label Rotten Potatoes besprochene Film - kürzlich einen weiteren wortwörtlich unheiligen Genre-Beitrag nach.

Wie bereits Unholy Ground handelt es sich bei The Children of Golgotha mehr um ein Solo-Projekt von Günther Brandl, dessen Geschwister Monika und Helmut hier eher hinter der Kamera (und in kleinen Nebenrollen auch davor) an der Produktion beteiligt waren. Die darin eingeschlagene Richtung behält Brandl bei und vermengt viel nackte Haut mit einer okkulten Geschichte, welche im Venezuela der 20er Jahre angesiedelt ist. Gebeutelt vom dortigen Bürgerkrieg entschließt sich das gut betuchte Ehepaar de Guzman ihre Tochter Maria in die Obhut eines Klosters zu geben, um sie vor den Gefahren der weiter im Land schwelenden Kämpfe zu beschützen. Einen Platz im Gefüge des Klosters zu finden und zu akzeptieren, dass sie nun ein Leben als Nonne führen muss, fällt Maria, welche als Novizin den Namen Lucita erhalten hat, schwer. Unter der frommen Oberfläche brodelndes, sündiges Treiben verbreitet sich mit dem bei Renovierungsarbeiten Stück für Stück freigelegten, als verschollen geglaubtes Fresko der Kinder von Golgotha innerhalb der Klostermauern unter den meisten der im Kloster ansässigen Schwestern in wahrhaftig teuflischer Geschwindigkeit. Wahn und Wirklichkeit scheinen zu verschwimmen; die Nonnen nehmen dämonische Züge an, zeugen mit Jesus selbst ein Kind und Lucita fällt es immer schwerer, sich den Versuchungen zu erwehren.

Selbst wenn The Children of Golgotha nur lose thematisch mit Unholy Ground zusammenhängt -  hüben wie drüben wird Sex, Gore and Blasphemy geboten - so wird er leicht ein Opfer jener Last, der ansonsten nur reine Sequels anheim fallen. Von allem wird mehr geboten, nur komplett möchte es diesmal leider nicht ganz funktionieren. Manches Mal wird zuviel aufgetischt und die nächste Gore- oder Nacktszene geht zu lasten der an sich gar nicht so uninteressanten Idee und Geschichte. Neues wird darin nicht geboten, aber typisch für die Sippe der Brandls merkt man dem Film an, dass bei deren No-Budget-Methodik eigentlich weniger die Befriedigung niedriger Instinkte der Zuschauer im Vordergrund steht sondern vielmehr die Verwirklichung der eigenen Visionen mit den gegebenen Mitteln. Betrachtet man sich beispielsweise die technische Seite des Films genauer, ist das Trio der eigenen Vorgehensweise leicht entwachsen. Die Kulissen sind weit entfernt vom für deutsche Amateur-Produktionen gewohnten Wald- und Wiesensetting; die bayrische Natur kann nur mit zwei zugedrückten Augen als venezolanischer Dschungel durchgehen, doch die Bemühungen, dies dem Zuschauer als eben jenen zu verkaufen, locken mehr respektvolle Anerkennung als unfreiwillige Komik hervor. Abgerundet wird dies von Drohnenaufnahmen, die dem Film und seinen Look hübsch aufwerten.

Die Art der Arbeit erinnert an die Realisierung der Stoffe im italienischen Genrekino der 70er und 80er Jahre: aus geringsten Mitteln auf kreative Weise das Beste herausholen. Passend dazu erinnert The Children of Golgotha an Vertreter des Nunploitation-Genres wie Joe D'Amatos Kloster der 1000 Todsünden oder andere; es gibt reichlich Anlass um die Peitsche knallen zu lassen oder Nonnen sich der fleischlichen Versuchung hingeben zu lassen; wenn Günther Brandl diesmal in einer Nebenrolle als Eunuch und Bediensteter des Klosters eine Nonne wegen ihrer Verfehlungen auspeitschen muss, erinnerte mich das an Jess Francos Auftritte in einigen seiner Filme als tumber Hilfsgeselle, der ebenfalls gerne sadistische Taten zelebriert. Weil neben reichlich nacktem Fleisch auch reichlich roter Lebenssaft fließt, könnte man The Children of Golgotha mehr noch als bajuwarische Version von Bruno Matteis The Other Hell ansehen, wobei der italienische Trash-Spezialist sich darin mehr auf den Horror konzentriere. Bei den Brandls erhält man Elemente aus beiden Welten und es scheint beinahe überraschend, dass sowas nicht schon vor vielen Jahren von Andreas Bethmann gemacht wurde. Wie in den Sleaze-Bomben vergangener Zeiten lässt man keine Gelegenheit aus, nackte Haut zu präsentieren. Die Schauwerte nehmen überhand und verdrängen leider manchen guten Ansatz in der Geschichte.

Richtig interessant wird diese, wenn Brandl offen lässt, ob das Geschehen im Kloster Wirklichkeit oder nur kollektive Wahnbilder sind. Das Rad erfindet er damit nicht neu, zeigt aber in jenen Szenen ein gutes Geschick für deren Inszenierung. Leider kommt er häufiger von diesem Weg ab, lenkt im weiteren Verlauf kurzzeitig auf diesen ein um doch mehr dem diabolischen Treiben und dessen Verlockungen Raum zu geben. Bei knapp zwei Stunden Laufzeit ufert der Film manchmal aus; die Orgienszene gegen Ende verleitet dazu, gedanklich gänzlich auszusteigen. Zu breit wird das unheilige Treiben der Nonnen dort ausgewälzt. Vielleicht ließ sich der Schöpfer unbemerkt vom teuflischen Charme seiner Story so ablenken, dass er die subtilen Momente so gnadenlos ans Kreuz nagelte wie das Ende ausfällt. Durch den Umstand, dass sowas aus dem katholisch geprägten Bayern kommt, erhält The Children of Golgotha eine ganz dezent subversive Note. Blasphemic Bavarian Nunslaying - das ist filmischer Death Metal der den Zuschauer platt wälzt. Ein Rausch an Exploitation der alten Schule, die man heute manchmal vermisst und hier ohne gänzlich ins schmuddelige abzudriften. Der gewollte diabolische Rausch des Films ist in manchen Augenblicken mehr ein lautes Rauschen, durch das sich die ansprechenden Töne leicht quetschen müssen. Für Freunde von Nunploitation und deftigem Horror ist The Children of Golgotha ein wahres Fest auf vielen Ebenen, der mich nicht komplett überzeugen konnte, mir aber persönlich Lust machte, wieder mal in diesem Genre zu wildern.

Beziehbar über Brandl Pictures

Donnerstag, 2. April 2020

Haus der 1000 Leichen

Als erstes nahm ich Robert Bartleh Cummings als Musiker wahr. Mitte der 90er, frisch in die Fänge des Heavy Metal geraten, erblickte ich spät Abends bei der MTV-Show "Headbangers Ball" den Clip zum Song "More Human Than Human" der Band White Zombie. Cummings, eher unter seinem Pseudonym Rob Zombie bekannt, zeigte bereits mit dieser Band seine Liebe für den Horrorfilm. Diese selbst benannte er nach dem bekannten Klassiker mit Bela Lugosi; als weiteres Beispiel sei das zweite Album der Band genannt, welches nach dem berüchtigten italienischen Kannibalen-Sleazer Make Them Die Slowly (aka Cannibal Ferox) benannt wurde. Nach der Auflösung seiner Band begann er mit seinem Debüt "Hellbilly Deluxe" eine erfolgreiche Solo-Karriere. Neben seiner Tätigkeit als Musiker und Comic-Autor ließ Zombie bald darauf Ambitionen erkennen, dass er im Begriff ist, einen Film zu schreiben und zu drehen.

Mit dem Titel seines ersten Albums umschreibt der Tausendsassa sehr treffend die Konstante in den meisten seiner filmischen Werken. Der Backwood-Horor mit seinen inzestuösen, degenerierten Familienbanden, kaputten Existenzen und monströs verwachsenen Aussätzigen ist sein liebster Spielplatz. White Trash Deluxe als seine persönliche Reminiszenz an den Terrorfilm der 70er Jahre. Wenn noch irgendwo Platz ist, werden noch gerne Anspielungen an andere Genrewerke und -spielarten aus den letzten Jahrzehnten untergebracht, bis letztendlich gequetscht und geschoben werden muss, dass der Film aus allen Nähten platzt. Zumindest ist dies in seinem Filmdebüt Haus der 1000 Leichen so. Der Beginn der zur Trilogie angewachsenen Geschichte um den Firefly-Clan wirkt in schwächeren Momenten wie der Versuch eines übereifrigen Fanfilmers, all das, was man feiernswert findet, in neunzig Minuten Formelkino zu stopfen.

Mit einem Sack voller Genre-Klischees dazu, erzählt Zombie die Geschichte von vier jungen Leuten, die ein Buch über abseitige Attraktionen an den Bundesstraßen der USA planen. Das sie während ihrer Reise nun bei Captain Spaulding und seinem "Museum of Monsters and Madmen" Rast machen, ist ein passender Zufall. Von diesem dazu überredet, eine Tour in seiner Mörderbahn zu nehmen, eine thematisch auf Serienmörder ausgerichteten Geisterbahn-Tour, sind hinterher die beiden Jungs der reisenden Vierergruppe von der Geschichte um den regional aktiven Killer Dr. Satan beflügelt. Unter Protest zeichnet der vulgäre Clown Spaulding eine grobe Karte auf, wo man der Legende nach den Baum, an dem der Mörder aufgehängt wurde, findet. Das holde Schicksal meint es noch besser mit dem Quartett: die aufgegabelte Anhalterin Baby Firefly gibt nach einem Gespräch zu Protokoll, dass sie in der Nähe besagten Baumes wohnt und sie gerne dorthin geleiten würde. Eine Reifenpanne zwingt den Tross zunächst zur seltsamen Familie der Anhalterin, ohne dass die zwei Damen und Herren ahnen, was sie dort neben einer bizarren Halloween-Party noch erwarten wird.

Mein zweiter Versuch mit dem Film bestätigte auf der einen Seite das, was mir vor Jahren bei meiner ersten Sichtung - bereits in meinem Review zu Zombies 31 hier kundgetan - missfiel: Haus der 1000 Leichen ist ein vollgestopfter Film, der am Ideenreichtum seines Schöpfers leider häufiger scheitert. Nach seiner Einführung in die Tonalität des Werks für die kommenden neunzig Minuten mit einem Überfall auf die am Museum gelegene Tankstelle, bewegt sich das Script geschwind auf das ausgiebige Martyrium seiner Protagonisten zu, welche ab der Ankunft im Hause der Fireflys zu Werkzeugen für den filmischen Terror degradiert werden. Zombie rückt den bizarren und verstörenden Clan in den Mittelpunkt, die mit dem hochgradig interessanten visuellen Stil des Films zwischen Exploitation-Kino alter Schule, White Trash-Ästhetik und einem nicht leugbaren Einfluss von Natural Born Killers zu Zombies Karikatur einer amerikanischen Durchschnittsfamilie des Prekariats wird.

Für diese Modern Pulp-Ästhetik hat Zombie ein unübersehbares Gespür, die halbwegs über die Schwächen seines Debüts hinwegsehen lassen. Bis auf den ultimativen Terror sind seine Fireflys für nichts weiteres gut; dem Stoff geht eine Subversion ab, die man hinter dem überdrehten Tingeltangel auf dem Bildschirm herbei wünscht. Mehr macht er den Stoff seiner visuellen Stilistik untertan und jagt seinen Zuschauer in das groteske Panoptikum des Bösen der Fireflys. Seine Hellbillys foltern, morden, fluchen, saufen, vögeln ohne Hemmungen; leider wird der Film der 1000 Anspielungen zum Finale hin mehr anstrengend als furchteinflößend. Zombies Name Dropping-Kino knallen die Sicherungen durch. US-Terrorkino der 70er, bavaeske Farbspielereien, Gothic Horror, Horrorklassiker der 50er, übertrieben bunter 80er-Horror: man entdeckt viel in Zombies Film, dessen narrative eiaculatio praecox den Zuschauer gedanklich leider viel zu früh aus diesem abgedreht schrillen Backwood-Horror aussteigen lässt, obwohl die von Zombie erschaffene Welt ebenso leicht verführen und einen in dieser oberflächlich bleibenden Abgründigkeit verlieren lassen kann.

Mittwoch, 1. April 2020

Dark Universe

Obwohl ich meine Probleme mit SchleFaZ habe, so ist Dark Universe ein trefflicher Kandidat für das von Oliver Kalkofe und Peter Rütten auf Tele 5 präsentierte Format. Stammt er doch aus dem Umfeld des amerikanischen Vielfilmers Fred Olen Ray, welcher hier als ausführender Produzent fungierte und auch der ebenfalls durch etliche kostengünstige B-Filme Bekannte Jim Wynorski war hinter den Kulissen als Co-Produzent aktiv. Dark Universe ist Videotheken-Dutzendware ohne eigene Identität und kredenzt eine Story zum weglaufen. Eine NASA-Mission scheitert kurz vor ihrer Rückkehr auf der Erde; das Space Shuttle explodiert und stürzt mit lauten Getöse in die Everglades. Eine Reporterin, die hinter den unbekannten Gründen für den Absturz eine große Story wittert, macht sich mit ihrem Kameramann und zwei für den millionenschweren Finanzier der Mission arbeitenden Wissenschaftlern in das Sumpfgebiet inmitten Floridas auf, um nach den Überresten des Shuttles zu suchen.

Zusammen mit ihrem angeheuerten Führer findet die Gruppe die Trümmer, blutleere Leichen und bald auch deren Urheber: eine pilzartige, außerirdische Lebensform die jede nur erdenkliche Form annehmen kann und aus Kostenaspekten für den Film wie der von der Bastel-AG einer Grundschule gefertigte Nachbau eines Xenomorphen aus Alien aussieht. Das Monstrum schleimt und mordet durch die sehr nach leicht verwilderter Parklandschaft aussehenden "Sümpfe" (obwohl der Film tatsächlich in Florida gedreht wurde) um am Ende mit moderat ausgestatteter Pyrotechnik im Endkampf selbstverständlich doch noch den kürzeren zu ziehen. Bis dorthin wirft man in die jederzeit zu erahnende Story eine Menge an Versatzstücke aus großen wie kleinen Klassikern des Science-Fiction-Horrors. Neben den klar erkennbaren Einflüssen von Alien und Predator erinnern die ausgesaugten Leichen in ihrem Aussehen an die Opfer in Tobe Hoopers Lifeforce und in einer Szene fühlt man sich unweigerlich an die fliegenden "Alien-Frisbees" aus Das Geheimnis der fliegenden Teufel erinnert.

Die statisch-steife Handlung beinhaltet dabei alle für solcherlei Filme bekannten, wahrscheinlich auch nötigen Klischees und presst sie bar jeder Emotion in die vorgefertigte Schablone für 08/15-Videothekenregal-Füllmaterial der damaligen Zeit. Starre Kameraeinstellungen, ebenfalls starres Mimenspiel der vor der Kamera beteiligten und Billo-Effekte lassen einen auf normaler Betriebstemperatur laufenden Cineasten schnell die Haare raufen. Größtes Highlight war das damals en vogue gewesene Morphing und die hierfür bemühten digitalen Effekte erwecken den Anschein, dass dieses - zusammen mit dem am Rechner gerenderten Titel des Films im Vorspann - das teuerste an dieser Produktion war.

Nüchtern muss man dem Film Unterdurchschnittlichkeit mit Hang zum totalen Scheitern attestieren. Wäre da nicht der Umstand bei mir, dass meine filmische Sozialisation mit solchem Käse, der in den 90ern häufiger auch im Nachtprogramm der digitalen Sendeanstalten lief, begann. War mein jugendliches Ich mit dem gebotenen Standard aus ein bisschen Brüste, Geschmodder, lauer Action und austauschbarer, ewig gleicher Handlung schnell zufrieden zu stellen, empfinde ich heutzutage beim ständig aus diesem Konglomerat herausblitzenden Unvermögen hier und da einen Heidenspaß, obwohl das alles eigentlich großer Mumpitz ist. Wenigstens muss ich mir den Film nicht mit bescheuerten Cocktails und dämlichen Sprüchen spaßig schauen.

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