Film ist Wahrheit, 24 Mal pro Sekunde. Tagebuch. Meinungen. Filmstoff.

Montag, 2. September 2019

Once Upon A Time In... Hollywood

Es geht auf die Zielgeraden. Once Upon A Time In... Hollywood ist der neunte Film von Quentin Tarantino, der sich der eigenen Ankündigung nach darauf beschränken möchte, nur zehn zu drehen um dann mit dem Filme machen aufzuhören. Bei jedem seiner Filme ist man gespannt darauf, was der Autodidakt mit Hang zum B- und Genre-Films dieses Mal an Anspielungen, Verweisen und Zitaten in diese gepackt hat. Mit dieser kontinuerlichen Manie des Maestros ist seine Unberechenbarkeit (fast) kalkulierbar geworden. Beinahe drei Stunden fröhnt Tarantino dabei seinem Publikum zu zeigen, was er neben seiner eigenen Person an Werken aus Film, Fernsehen und Musik so toll findet. Empfand ich seinen letzten Film The Hateful Eight zu ausgedehnt mit bis aufs Maximum ausgereizten Szenen, in denen man fast den vergossenen Samen schmeckte, den Tarantino durch Ego-Onanie auf sich selbst ergoss, ist sein neuestes Werk erstaunlich zurückhaltend im merklichen Feiern des eigenen Geschmacks.

Präsent ist er natürlich; vor allem im vorzüglichen Soundtrack, der viele tolle Tracks aus der Zeit der 60er beinhaltet. In diese entführt Tarantino, blickt mit leichter Melancholie an das tote Hollywood dieser Epoche mit ihren Stars und Sternchen und wird zugleich zum Märchenerzähler. Seine auserkorenen Protagonisten sind der Schauspieler Rick Dalton und dessen Stunt-Double Cliff Booth, welcher anhand einer sehr überschaubaren Auftragslage für ihn und seinen Boss für letzterem mehr zu einem Mädchen für alles geworden ist. Einst war Rick der gefeierte Star der bekannten Western-Serie "Bounty Law", nun hangelt er sich von Pilotfilm zu Pilotfilm, hat manchmal Gast-Auftritte in Fernsehserien und blickt neidisch auf seine neue Nachbarn: den für seinen neuesten Film Rosemary's Baby gefeierten Roman Polanski und seine junge Frau, die Schauspielerin Sharon Tate.

Während Rick mit Rollenangeboten für Italowestern hadert und seinen Frust über seine Lage in Alkohol ertränkt, erzählt Tarantino nebenbei noch von einem jungen Kerl Namens Charles Manson, der kaum zu sehen und trotzdem immer präsent ist. Mit der Kenntnis über die verübten Morde der Mitglieder seiner Family an der damals hochschwangeren Tate und ihren Gästen, baut der Film eine gewisse Spannung auf, wenn sein Regisseur und Autor fast mal wieder den Bogen überspannt. Hin und wieder stellt sich die Frage, wohin dieser nun eigentlich mit seiner Erzählung überhaupt hin will. Die Handlung wird manchmal schlingern gelassen, greift Andeutungen zu Manson auf, stellt sie mit Cliffs Besuch auf der Spahn Ranch, der Unterkunft der Manson Family zum damaligen Zeitpunkt, in den Mittelpunkt um dann wieder den Fokus auf seine beiden Protagonisten zu legen. Rick wird in den langen Episoden über seinen Versuch, einen neuen Serienhit zu landen, stellvertretend für die Altstars von früher und dem traurigen Niedergang ihrer Karrieren in der im Umschwung befindlichen Traumfabrik.

Tarantinos Blick auf diese Zeit ist bittersüß. Jeder Tragik wohnt zugleich eine Komik inne; Rick Dalton ist ein sympathischer Losertyp, dem man einen erneuten Erfolg gönnen würde, der sich und seiner Karriere im Blick auf die eigene, ruhmreichere Vergangenheit im Weg steht. An seiner Seite ist sein mit einer kriminellen Vergangenheit gestrafter Stuntman Cliff Booth, dessen einfaches Gemüt und dauerhafte Coolness entfernt an den (ebenfalls im Film vorkommenden) Steve McQueen erinnert. Die Beziehung der beiden Männer beschränkt sich nicht auf ein reines Arbeitsverhältnis. In ihr schlummert eine aufrichtige Freundschaft, die mal verborgen, mal ersichtlicher beiden Halt schenkt, wenn gleich Rick diesen spürbarer benötigt. Mit diesem blickt auch Tarantino auf eine Zeit zurück, in der zumindest vordergründig noch alles im Lot in Hollywood war. Once Upon A Time In... Hollywood ist seliges Seufzen seines Schöpfers; Erinnerungen an früher und die (erste) Magie der Stoffe, die einen jungen Quentin Tarantino begeistert haben.

Und er feiert vieles. Serien wie Rauchende Colts, The F. B. I. oder Filme wie Rollkommando oder Gesprengte Ketten. Mit Zitaten oder direkten Ansprachen. Imposant und charmant ist dabei Daltons Erinnung an seine Chance, die Hauptrolle im McQueen-Film Gesprengte Ketten zu bekommen. Mittels hübschem Tricksen aus der Technikkiste wurde dieser durch DiCaprio ersetzt, was zu einigem Schmunzeln führt. Und wenn sich Dalton letztendlich doch für einen Europatrip nach Rom und die Rollenangebote von dort entscheidet, macht Tarantino seine Figur zum Hauptdarsteller des von Mario Bava geschaffenen Nebraska Jim (vor Jahren übrigens hier besprochen). Beim ganzen Schwelgen in Erinnerungen an die gute alte Zeit, als das Testosteron die Leinwände flutete, schaut man Tarantino gerne zu. Dem Film wurde im Netz häufiger angelastet, dass er keine Handlung besäße und langweilig ist. Manchmal fragt man sich wirklich, wohin der Amerikaner nun überhaupt mit seiner Geschichte möchte. Ob das einfach nur hartes nostalgieren ist oder er uns auch wirklich etwas zu sagen hat.

Groß unterscheidet sich Once Upon A Time In... Hollywood nicht mal groß von früheren Werken, in denen er ebenfalls ausgiebig die Zitate in seine Scripte goss. Mehr fragt man sich mittlerweile bei mancher Kritik am Film, woher plötzlich diese Handlungsgetriebenheit der Leute führt. Fällt es mittlerweile so schwer, sich einfach auf die Stimmung eines Films einzulassen? Mehr als die Erzählung über einen beinahe gescheiterten Schauspieler des System des Old Hollywood ist dieser Film ein Stimmungsbild, das es nicht immer so genau mit den Fakten nimmt, den Zuschauer aber gekonnt in die Zeit mitnimmt und den darin wehenden Wind of Change spüren lässt. Noch blödsinniger ist eigentlich nur, dass ihn eine kleine Protestwelle empörter Bruce Lee-Fans traf, da deren Held im Film in seiner Darstellung nicht sonderlich gut wegkommt. Drauf geschissen. Es gibt auch für mich - der wegen der kultischen Verehrung des Regisseurs von einigen immer mit gewisser Skepsis an dessen Werke herangeht (kennt man die von ihm ausgiebig zitierten Vorbilder, dann kocht auch Tarantino nur mit Wasser) - wenig zu meckern.

Mehr Unberechenbarkeit wäre für sein wahrscheinlich finales zehntes Werk wünschenswert. Es kristallisiert sich eine Formel heraus, wie er seine Filme aufbaut. Mit der Verbindung zu wirklich geschehenen Ereignissen, ist die abschließende Gewalteruption - ähnlich wie in The Hateful Eight - zu erwarten gewesen. Womit wir wieder bei den Märchen wären. Once Upon A Time In.. Hollywood ist neben dem vielleicht auch mit Wehmut durchzogenen Blick auf die gute, alte Zeit ein What if...-Szenario Tarantinos; ein leichtes Märchen, mit unbestimmten Ausgang und der Hoffnung auf bessere Zeiten für die sympathisch gezeichneten Protagonisten. Gerne wandelt man mit ihnen und dem Geist, der hinter der Geschichte steckt noch einmal durch eine unwiederbringliche Zeit, die mit den vielen Gastauftritten und Anspielungen noch häufiger dazu einlädt, dieses zur Abwechslung mal wieder zufriedenstellende Kapitel in der Filmographie Tarantinos aufzuschlagen.

Freitag, 30. August 2019

Assassination Nation

Vielleicht mag ich in den Augen der jüngeren Zunft nun ein (mittel-)alter, weißer Mann sein, der bei Assassination Nation und seiner Prämisse "selbstverständlich" abwinkt. Treffen mich die angesprochenen Themen? Versetzen sie mir Stiche in meine Seele und mein ich, dass tief in mir verborgen wehleidig bei dem, was der Film anspricht, aufjault? Fragen, die mich nach dem Genuss von Sam Levinsons Werk beschäftigten. Mehr, als die Themen, welche auf seiner Agenda stehen. Wenn er damit seine Zuschauer auf- und durchschütteln wollte, sie aus ihrem Phlegma gleichgültiger Zurkenntnisnahme reißen wollte, schafft es Assassination Nation nur bedingt. Sein Problem ist, dass er sich auch auditiv und visuell auf die Seite der neuen Generation stellt, dass man schwer an dessen hippen Style vorbei auf die eigentlichen Ziele der Geschichte schauen kann.

Er bildet die Welt der Freundinnen Lily, Sarah, Em und Bex mit technisch beeindruckenden Mitteln als ein von Social Media beeinflussten Kosmos ab, der ins Wanken gerät, als durch Hackerangriffe Chats und Bilder von Bewohnern des kleinen Städtchens Salem geleakt werden. Gleich, ob es die sexuellen Vorlieben des Bürgermeisters oder die intimsten Geheimnisse der Nachbarn sind: sie bringen Chaos in den kleinen Ort und durch widrige Umstände setzt sich der Verdacht bei vielen Bewohnern fest, dass Lily und ihre Freundinnen die Verräterinnen sind. Passend zum Namen der Ortschaft rotten sich die Bewohner zu einer modernen Hexenjagd zusammen und beschließen auf dem Klimax der Geschichte, dass die Mädchen sterben müssen.

Mit der Ankunft von Chaos und Gewalt wandelt sich Assassination Nation vom schwerfälligen Jugenddrama zu einem grimmen Thriller mit leichten Bezügen zum Home Invasion- und Slasher-Film. Ersteres geschuldet durch die wohl beeindruckendste Szene des ganzen Films, wenn in einer großen Plansequenz mit einer einzigen, langen Kamerasequenz das Eindringen des Lynchmobs in das Haus von Lily gezeigt wird. Mehr als einmal fühlt man sich an die The Purge-Reihe erinnert, wenn die Mädchen den Kampf gegen die Bewohner ihres Heimatorts aufnehmen. Bis es dazu kommt, strengt der Film mit seiner Stilistik mehr an, als dass er mit den angesprochenen Themen Mobbing off- wie online, Feminismus, die Angst der angesprochenen alten, weißen Männern davor und seiner Kritik an einer Gesellschaft die in Zeiten von Fake News vorschnell irgendeine Person als schuldig ausmachen und an den (virtuellen) Pranger stellen, aufzurütteln vermag.

Seine spürbare Prämisse perlt an der geschaffenen glatten Oberfläche der Welt seiner Teenie-Protagonisten, welcher er sich als Stil zu eigen macht, ab. Diese Oberflächlichkeit, unter der die Sorgen und Ängste seiner Figuren aufbrechen um im nächsten Moment von einer neuerlichen, coolen Idee überschattet zu werden, ist das große Problem von Assassination Nation. Sam Levinson schafft es, dass man seine Themen und Absicht, anhand der Konzentration der aktuellen amerikanischen Gesellschaft in der Ortschaft Salem, erkennt und gleichzeitig darüber resigniert, dass dies mittlerweile der Lauf der Welt ist. Ein jüngeres Publikum, dessen Sprache er hier sichtbar beherrscht, mag er damit vielleicht besser ansprechen. Komplett erscheint der Film wie eine lange, ausufernde Rede eines Politikers, die wach- und aufrütteln möchte, aber in der viel trotz viel Rederei wenig gesagt wird.

Sonntag, 25. August 2019

Lords of Chaos

Mit den Bands Motörhead, Grave Digger und Sodom hat alles angefangen. Seitdem befinde ich mich seit gut zwanzig Jahren - trotz Unterbrechungen und damit verbundenen, auf andere Genres bzw. Subkulturen verschobenen Interessen - in den Klauen des Heavy Metal. Im letzten Jahr brachte mich die schwedische Okkult Rock-Band Ghost mit ihrem aktuellen Album zurück zu den musikalischen Wurzeln und während ich zu Beginn meiner "Metaller-Karriere" bei extremeren Spielarten wie Death- oder Black Metal wegen der stumpfer Brutalität der Musik wenig begeistert meist schnell abwinkte, erwachte über die Jahre zumindest für Black Metal leichtes Interesse. Trotz weniger Berührungspunkte mit diesem Subgenre stößt man, wenn man sich intensiver mit Heavy Metal auseinandersetzt, auf einen der größten Skandale, der es über die Szenemauern hinaus schaffte, für großes Medienecho sorgte und Black Metal ins Bewusstsein vieler Menschen setzte:
die durch Brandstiftung entstandenen Kirchenbrände im Norwegen der frühen 90er und den Mord von Kristian "Varg" Vikernes an seinem Bandkollegen Øystein "Euronymus" Aarseth.

Nachdem die musikalisch spannende, chaotische und gewalttätige erste Welle der noch jungen Black Metal-Szene in Skandinavien abebbte, erschien im Jahr 1998 das Sachbuch Lords of Chaos. Die verschiedenen Vorkommnisse der vergangenen Jahre wurden darin aufgearbeitet und ließ die damaligen, mit den im Buch beschriebenen Vorkommnissen verknüpften Szene-Köpfe der damaligen Zeit, darunter auch Vikernes, zu Wort kommen. Das Buch mit den darin abgedruckten, ungefilterten wie unkommentierten Gesprächen wurde in und außerhalb der Szene kontrovers aufgenommen. Die Verstrickungen von Autor Michael Moynihan in die rechtsextreme Szene heizten die Diskussionen um das Werk zusätzlich an. Viele Jahre nach seiner Veröffentlichung nahm sich Jonas Åkerlund dem Buch an und arbeitete als ausführender Produzent, Autor und Regisseur an einer Verfilmung dessen. In Bezugs auf das Thema erweist sich der Schwede, welcher sich als Videoclip-Regisseur für Madonna, Sigur Rós, The Prodigy oder Rammstein einen Namen machte, als gute Wahl. Von 1983 bis 1984 saß er unter dem Pseudonym Vans McBurger hinter dem Schlagzeug der schwedischen Metal-Band Bathory, welche mit ihrem Sound u. a. auch den Black Metal beeinflusste und deren bekanntes Goat-Motiv des Debütalbums häufiger auf den Shirts der Figuren des Films zu sehen ist.

Dieser entpuppt sich als zweischneidige Angelegenheit. Lords of Chaos schildert die Geschichte aus der Sicht von Øystein Aarseth, der als Erzähler fungiert und mit Voice Overs die Geschichte vorantreibt und kommentiert. Euronymus ist der Verbindungspunkt mit dem Zuschauer, der diesen aktiv anspricht, während der Film über weite Strecken die Handlung so nüchtern anpackt, dass eine distanzierte Kühle entsteht. Ansatzweise erinnert man sich in den Schlüsselmomenten rund um Aarseth und den Anfangstagen seiner Band Mayhem sowie dem kriminellen Treibens seines "Inner Circle" nach der Gründung des Plattenladens Helvete in Oslo bei deren Darstellung an die unmenschlich kalte Stimmung einiger Black Metal-Songs erinnert. Als Kenner der Materie besitzen manche Szenen trotz des Wissens, was folgt, eine unangenehme Wirkung. Der Suizid des ersten, schwer depressiven Sängers Per Yngve "Dead" Ohlin und der von Bård "Faust" Eithun begangene Mord an einem Homosexuellen in Lillehammer sind durch Åkerlunds stiller Beobachter-Perspektive schwer im Magen liegende Szenen die nachhallen.

Leider wird diese Sicht auf die vergangenen Zeiten von Momenten durchbrochen, in denen die Geschichte und die darin vorkommenden Menschen für ein hippes, PC-getreues Publikum und deren Sensationslust vorgeführt wird. Metal-Fan als solche und Black Metal-Anhänger insbesondere erscheinen in ihrer Andersartigkeit ein gefundenes Fressen für Szenen, die plump provokativ wirken sollen und damit höchstens in ihrer Blase durch gentrifizierte Trendviertel schwebendes Hipstervolk oder Senioren jenseits der 80 schockieren können. Nicht von ungefähr erinnert das an Reportagen der Vice. Diese hat Lords of Chaos mit ihrer Firma Vice Films mitproduziert und hat den Black Metal schon zu früheren Zeiten für sich entdeckt. True Norwegian Black Metal - ein Begriff der auch im Film selbst häufiger fällt - ist eine von der Vice produzierte Kurz-Dokumentations-Serie über die extreme Spielart des Heavy Metals. Wie das zugrunde liegende, verfilmte Buch wurde diese alles andere als gut aufgenommen und den Machern absichtliche Falschinformation vorgeworfen; Hauptsache die Zielgruppe erhält neues Futter über die "abartigen" Andersartigkeit außerhalb der eigenen Blase.

Nötig hat Lords of Chaos dieses Gehabe eigentlich nicht. Åkerlunds Film schafft die Balance zwischen kühler Studie und True Crime-Drama und ermöglicht dem Zuschauer einen Einblick in die Anfangstage einer Szene und Musikrichtung, bei der ich selbst ständig zwischen Faszination und Abscheu schwanke. Wie das Buch enthalten sich Åkerlund und sein Co-Autor Dennis Magnusson jeglichen Urteils über die Geschehnisse. Sie lassen Euronymus sprechen und zeigen an seiner Person das ganze Paradoxon des Black Metals. In keiner anderen Spielart des Metals ist man um angebliche Authentizität bemüht und schwankt auf dem schmalen Grat zwischen ideologischer Extreme und purem Posertum. Der schwelende Konflikt zwischen Aarseth und Vikernes, begonnen bei Kleinigkeiten wie dem bemängelten Scorpions-Patch an der Jacke Vikernes' beim ersten, kurzen Aufeinandertreffen der beiden entwickelt sich zu einer hochexplosiven Mischung aus auseinander triftenden Ideologien, Eifersucht und der "existenziellen" Frage, was eigentlich true ist. Die Konzentration auf Euronymus lässt diesen zu einer tragischen Figur werden, der den Zwängen der Szene hätte entwachsen können.

Der steifen Sicht des Films auf ihren Protagonisten nach könnte man Åkerlund eine einseitige Konzentration vorwerfen. Vikernes bleibt in seiner Darstellung gefühlt eine Randfigur, obwohl er der zweite Protagonist ist. Im Vergleich mit dem Buch ein sorgsam eingeschlagener Weg und Kontrast. Das der Norweger damals eine eigentlich leicht manipulierbare wie gleichzeitig einnehmende Persönlichkeit war, die sich über die Jahre (bis in die Gegenwart) gefährlich radikalisierte, wird schnell klar. Die im jugendlichen Rebellentum anhaltende Ablehnung gegenüber der Institution Kirche, weil sie den Glauben der norwegischen bzw. skandinavischen Vorfahren vertrieb und die Vermengung mit nationalistischem Denken eskalierte in den auch im Film gezeigten Kirchenbrandstiftungen; eine Konsequenz der ersten, frühen Radikalisierung Vikernes'. Dieses leere Gefäß, welches er in Andeutungen vor dem ersten Treffen mit Aarseth gewesen schien, war gleichzeitig gerne aufnahmebereit für die satanistische, lebensverneinende Welt des Black Metal. Noch heute ist die Szene Tummelplatz vieler zweifelhafter Gestalten und Nährboden für nationalsozialistische Auswüchse.

Die in Lords of Chaos beschriebene Zeit in Norwegen (und den angrenzenden Nachbarländern) quoll über vor hungrigen und jungen Menschen, die mit dieser neuen Extremen in der Subkultur über die nächsten Jahre in der Szene für Aufsehen und Kontroversen sorgen sollten. Gleichzeitig war ihr jugendliches Alter ein offenes Tor für extreme, radikale Gedankengänge. Würde die überwiegende Neutralität des Erzählstils nicht manchmal Platz machen für die sensationshaschende Zurschaustellung einer Subkultur, aus der Åkerlund selbst entstammt, wäre der Film im Gesamtton eine Nuance eindringlicher. Ebenso verzichtet er auf einen zu befürchtenden nostalgisierten Blick in die Vergangenheit. Das wird dem Zuschauer überlassen, der - sofern Fan - beim Anblick von Platten und Postern solcher Bands wie Metal Church, Motörhead oder Mercyful Fate sich ein leichtes Lächeln wegen des gebotenen Anblicks nicht verkneifen kann. Bei mir selbst war die kurz im Bild zu sehende "In The Sign Of Evil"-LP von Sodom - die Gelsenkirchener waren mit ihrem Spiel und dem rumpeligen Sound dieser und nachfolgenden Veröffentlichungen ebenfalls ein großer Einfluss für die frühen Black Metal-Bands - ein kurzer Grund spontanen feierns. Bei aller Kritik an der unterschiedlichen Tonalität kann man auch Lords of Chaos als spannenden und interessanten Blick in eine Subkultur ewiger Extreme ansehen und feiern dessen unaufdringliche Fotografie zeigt, dass in deren Schwärze eine faszinierende Schönheit innewohnt, deren Wirken auf einen selbst gefangen nimmt und begeistern kann.

Freitag, 23. August 2019

[Rotten Potatoes #02] Montrak

Zum ersten Mal tauchte Montrak 2002 auf der Bildfläche des deutschen Horrors auf. Über Timo Roses Label Sword of Independence wurde der Meister der Vampire dem deutschen Publikum vorgestellt. In seiner ersten Manifestation wurde der Film das, was viele Genrefans an hiesigen Produktionen aus dem Underground nicht mögen: Regisseur Stefan Schwenk und seine wie er selbst blutjunge Posse knallten einen Film zwischen gestelzt cooler Gangster-Action, Vampir-Horror und flacher Komödie auf Video, der mit einigem Enthusiasmus, aber wenig Budget und Können umgesetzt wurde. Die Jahre zogen ins Land, Schwenk realisierte mit Sick Pigs einen weiteren Film und stand häufiger bei anderen Indie-Produktionen vor der Kamera. In Zeiten des Crowdfundings versuchte der in Bayreuth geborene Enddreißiger Budget für eine Neuverfilmung seines Erstlings zu sammeln. Die benötigte Kohle kam zusammen und Schwenk konnte seine Vampirgeschichte erneut verfilmen.

Dank des höheren Budgets schenkte der Regisseur und Autor seinem Werk eine ausgedehnte Exposition und unterteilte die Geschichte in Kapitel. In den ersten beiden wird man in das Franken des 15. Jahrhunderts geführt. Dort waltet titelgebender Montrak als gottesfüchtiger Ritter, bis ihm vom Tod seine große Liebe genommen wird. Hasserfüllt sagt er sich von Gott los und wendet sich den dunklen Mächten zu. Durch einen Pakt mit Luzifer, der ihm einen magischen Ring schenkte, erhält er mit diesem ewiges Leben und wird gleichzeitig zum vampirischen Sklaven der Dunkelheit gemacht. Im kriegerischen Treiben der damaligen Zeit schart er eine Gefolgschaft um sich, dem ein Lynchmob entgegen tritt, als er mitsamt seinen Gefährten entdeckt wird. Um diese und die Vampire selbst in Vergessenheit geraten zu lassen, lässt er sich vom Mob töten. Zeitsprung in die Gegenwart: ohne Job, ohne Freundin und ohne großes Selbstbewusstsein gammelt Frank wieder bei seiner Mutter und seinem nervigen Bruder.

Dieser zeitliche Bruch brilliert in den ersten Minuten durch die unglückliche Entscheidung Schwenks, den komödiantischen Part des Ursprungsfilms in die Neuverfilmung zu übertragen. Mehr peinlich wie lustig fällt die Umsetzung aus. Alle vorgestellten Charaktere wirken unsympathisch, das dargestellte Familienklischee mit sich angiftenden Brüdern wirkt, je länger die Szene andauern, deplatziert. Mit Frank und dessen bald hinzukommenden besten Freund, der ein fürchterliches Cowboy-Faible besitzt, hangelt sich der Zuschauer durch eine ebenso dümmliche Disco-Szene, in welcher der neue Protagonist auf Nikki trifft. Es stellt sich raus, dass sie eine Vampirin ist, die zum Clan Wladislaws gehört, welcher zu den wenigen Überlebenden aus Montraks Gefolge gehört. Aus dem Untergrund heraus versucht Wladislaw seinen Meister mit Hilfe seines Rings wiederzuerwecken. Dafür benötigt er einen Menschen, der blind vor Zorn grenzenlosen Hass in sich trägt.

Um das Vampir-Epos abzurunden bricht Schwenk in seiner Geschichte ein letztes Mal und führt mit Harry eine weitere neue Figur ein, an die es sich zu gewöhnen gilt. Dieser gehört einer im Untergrund für die Regierung arbeitende Einheit an, welche sich mit übernatürlichen Phänomenen beschäftigt, welche Wladislaws Gang dicht auf den Fersen ist. Diese Einheit hat für Montrak selbst zwei Bedeutungen: einerseits ist es die klar definierte Opposition zu den vampirischen Antagonisten und zum zweiten bietet sie Anlass, dass krampfig coole Typen mit dicken Wummen durchs Filmset laufen und kontinuierlich rumballern dürfen. Es sind Momente, in denen man den Einfluss des Heroic Bloodshed-Films und Tarantinos Aufgreifen von dessen Elemente verflucht. Es scheint ein eisernes Gesetz zu geben, welches besagt, dass deutsche Amateur- bzw. Indie-Produktionen aus dem Horror-Bereich Figuren haben muss, die in Anlehnung an das Hong Kong-Kino bzw. Tarantinos Filmen per Definition cool agieren und mit möglichst vielen Wummen rumballern müssen.

Schwenks eingeschlagene Richtung kostet dem Film neben der Kontinuität und einen erzählerischen Fluss, zu häufig wird dieser mit der immer neuen Einführung von Figuren - den Subplot über einen Bauern der Montraks Ring habhaft wird könnte man sich komplett schenken - unterbrochen auch den sich in der ersten Hälfte entwickelnden guten Eindruck. Die Szenen im Mittelalter sind stimmig umgesetzt. Zeitweise mögen diese an Fan-Videos aus der Mittelalter-Szene erinnern; der Ansatz sich ausführlich mit Montraks Weg ins Dasein als Vampir zu beschäftigen bleibt positiv im Gedächtnis. Mehr lineare Struktur des Scripts hätte dem Film besser getan als der Versuch, wie z. B. Tarantino weitere Figuren einzuführen, damit diese im Finale aufeinander treffen können. Wobei man sich bei Frank fragt, ob er lediglich als Überbleibsel des Ursprungs eingeführt wurde oder Schwenk einen tieferen Sinn mit diesem verfolgt. Montrak bläht sich auf zwei eine epische Laufzeit von zwei Stunden aus, ohne diese in der zweiten Hälfte komplett sinnvoll zu nutzen.

Die für das Projekt gewonnenen, durchaus namhaften Darsteller - darunter Sönke Möhring, Dustin Semmelrogge, Diese Drombuschs-Darstellerin Sabine Kaack, "Tech-Nick" Antoine Monot Jr., "Gina Wild" Michaela Schaffrath, Cosma Shiva Hagen, Udo Schenk oder Charles Rettinghaus (u. a. die deutsche Synchronstimme von Jean-Claude Van Damme) verleihen Montrak weitere Größe, um das Gesamtwerk final gewaltiger wirken zu lassen, als es überhaupt ist. Mit einem lässigen "Schaut, wen ich für das Ding alles heranpfeifen kann!" winkt Schwenk fast schon selbstgefällig dem Zuschauer zu. Das ist durchaus beachtenswert, lässt aber nicht übersehen, dass Montrak in der zweiten Hälfte seine geringe Eigenständigkeit zu Gunsten der Orientierung am Hollywood-Duktus aufgibt. Die coolen Schießereien wirkten schon vor gut 20 Jahren im deutschen Amateur-Film deplatziert und meist lächerlich als tatsächlich mitreißend. Mit einer geradlinigeren Storystruktur und einer größeren Konzentration auf den Horroranteil hätte Montrak sich weitaus höher als letztendlich im Durchschnitt platzieren können. Zwar orientiert sich Schwenk in den Gegenwarts-Kapiteln leicht an Filmen wie dem Vampir-Kult The Lost Boys, hätte dort aber zumindest mehr beim Zuschauer gewonnen, als mit dem halbgaren Action-Horror-Endergebnis.

Mittwoch, 14. August 2019

Mystor - Deathstalker 2

Fünf Jahre nachdem der Todesjäger seinen ersten Auftritt (hier besprochen) in den deutschen Lichtspielhäusern hatte, wurde sein zweites Abenteuer auf die Fans zünftiger Barbaren-Action losgelassen und direkt in die Videotheken gestellt. Vom im ersten Teil vorherrschenden ernsten und für heutige Verhältnisse leicht zweifelhaften Ton gegenüber Frauen ist im vom deutschen Videoverleih nach dem Protagonisten Mystor betitelten Sequel nicht viel übrig geblieben. Beau John Terlesky, ein waschechter 80s-Posterboy mit Zahnpastawerbung-Lächeln und Föhnwelle ist ein verschmitzter, wieselflinker Held, der mit der Darstellung seiner Figur auch im Oneliner-Action-Kino der damaligen Zeit einen Platz gefunden hätte. In jeder möglichen und unmöglichen Situation flutscht dem Herren ein kesser Spruch aus dem Mund; in der deutschen Synchronfassung erinnert dies teils an die Spruchschmieden eines Karlheinz Brunnemann oder Rainer Brandt.

Das macht aus Deathstalker 2 eine Nummern-Revue der guten Laune, die mit aufgesetzter Heiterkeit ihr Fantasy-Märchen nach Schema F runterleiert. Der Deathstalker schlittert hier in die Arme der Hellseherin Reena, die von sich behauptet, eine aus ihrem eigenen Königreich vom bösen Zauberer Jarek verjagte Prinzessin zu sein. Mit diesem und seinen Schergen schließt der Todesjäger selbstverständlich sehr schnell Bekanntschaft und nach anfänglicher Skepsis entschließt sich Mystor, Reena bzw. Eevie, so deren echter Name, zu helfen. Mit ihr im Schlepptau reitet er in flottem Galopp dem Showdown mit dem Zauberer entgegen und muss auf diesem Weg allerlei Abenteuer bestehen. Regisseur und Drehbuch-Co-Autor Jim Wynorski, ein erprobter Recke auf dem weiten Feld dusseliger B-Filme lässt sich nicht lumpen und verwurstet neben gängigen Fantasy-Dauerbrennern wie Amazonen sogar Horror-Einflüsse und lässt u. a. eine Horde Untoter auf seine Protagonisten los.

Die geringe Laufzeit und das dabei meist durchwegs hohe Tempo der Erzählung bietet eine Fülle an unterschiedlichsten Settings, in denen nach deren Aufbau die Protagonisten in action- und spruchlastigen Sequenzen dafür sorgen sollen, dass der nächste Money Shot die Zuschauer gebührend bei Stange hält. Besonders beeindruckendes Spektakel bleibt in der Low Budget-Produktion, die sichtbar noch kostengünstiger als das Original ist, meist aus. Die gebotenen Kämpfe mit Schwert und Fäusten ist durchschnittlich choreographierter Genrestandard, die sichtlich nur existieren, damit John Terlesky den nächsten Spruch raushauen kann. Die entdeckte Lustigkeit, wahrscheinlich auf den Erfolg solcher Actionkomödien wie Lethal Weapon oder Beverly Hills Cop zurückzuführen, mag nie richtig passen. Der laue Humor sorgt meist mehr für angestrengtes Schnaufen als für entzücktes Lachen. Einzig das Wrestling-Match (!) gegen die stärkste Amazonen-Kriegerin bietet bei aller Albernheit eine amüsant kuriose Note.

Der häufig als beste Fortsetzung der Tetralogie beklatsche Deathstalker 2 krankt mehr an seiner Unentschlossenheit, ob er nun wirklich ein Fantasy-Abenteuer mit lauer B-Action oder eine selten sogar meta-referenzielle Komödie, die das gewählte Genre parodiert, sein möchte. Beides funktioniert minder gut und eher kämpft man als Zuschauer damit, den Film im Kopf für sich nicht frühzeitig abzuhaken. Wenige Ideen funktionieren soweit, dass der als stumpfes Unterhaltungswerk konzipierte Trasher tatsächlich unterhält. Mehr belustigen hier die Einflüsse des Jahrzehnts, in dem Mystor entstanden ist häufiger, als die gewollten Gags. Weit voran die aktuelle Frisurenmode der 80er, die in diesem eher durchschnittlichen Fantasy-Abenteuer sichtlich die Köpfe seiner Darsteller schmückt.

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Freitag, 2. August 2019

Nemesis

Es mag in manchen meiner Texte anmuten, dass nur die damalige italienische Genrefilm-Schmiede eine muntere Rip Off-Kultur pflegte. Zwar schielte man dort häufig auf die erfolgreiche Rezepturen der Hollywood-Kassenschlager, doch auch Filmemacher anderer Nationen ließen und lassen sich gerne von großen Vorbildern inspirieren und werfen diese munter in eine Schüssel. Ein gutes Beispiel ist dafür Nemesis, Albert Pyuns zweiter Ausflug in die Gefilde stark von Action betonter Science-Fiction nach dem Van Damme-Vehikel Cyborg. Mäanderte der auf Hawaii geborene Amerikaner darin durch seine postapokalyptische Erzählung und ließ seinen belgischen Actionimport die Lethargie des Films selten komplett wuchtig mit Muskel- oder Feuerkraft durchbrechen, feuert in Nemesis seine Inspirationskanone aus allen Rohren.

Seine im L. A. des Jahres 2027 spielende Zukunftsvision beginnt mit einem dystopischen Neo Noir-Szenario, in dem sich nach einem Nuklearschlag während eines Krieges die Welt mühsam mit Hilfe der modernen Technik wieder aufrappelt. Die Symbiose aus Maschine und Mensch schreitet voran, biomechanische und neu gezüchtete Organe verschmelzen mit Fleisch und Blut. Pyun lässt seine Off-Erzählerin von Datendealern und Cyber-Terroristen erzählen, welche zu Beginn von Undercover-Cop Alex Rain - selbst leicht durch technische Hilfsmittel nicht hunderprozentig menschlich - dingfest gemacht werden sollen. Die Mission beginnt gut, bis Alex in einer verfallenen Fabrik von der Terroristen-Gruppe beinahe erschossen wird. Der schwer verwundete Cop wird in einer Not-OP gerettet und rechnet Monate später während seiner Rehabilitation nebenbei mit seinen Fast-Mördern ab.

Doch bevor er Phoenix gleich aus der Asche seiner verfehlten Vergangenheit steigt, sieht der Zuschauer Alex' Abstieg als drogensüchtiger Schmuggler in Neu Rio de Janeiro, begleitet ihn bei einem fehlschlagenden Deal und darf nach einem weiteren rüden Zeitsprung den abermals geretteten Cyber-Marlowe in einem Gefängnis wiederfinden, aus dem er von seinen früheren Brötchengebern nur rausgeholt wird, wenn er eine von den Terroristen gestohlene Diskette mit Sicherheitsmaßnahmen für ein geplantes Treffen von Vertretern der amerikanischen und japanischen Regierung wiederbeschafft. Nach anfänglicher Weigerung knickt Rain ein, immerhin wurde ihm eine Bombe in den Hals implantiert, die in drei Tagen detonieren soll, sollte er nicht den Job erledigen, der ihn nach Indonesien, in die Hände der Cyber-Terroristen und in eine große Verschwörung führt.

Das Drehbuch erweist sich in seinen kreierten Szenarien als sprunghaftes Quasi-Best Of des damaligen Action- und Science-Fiction-Kinos. Die nicht gerade wenigen Versatzstücke werden in aneinander gepappten Story-Abschnitte geworfen, grob umgerührt und ohne Rücksicht auf narrative Verluste vom während seiner Karriere nicht gerade häufig mit Lorbeeren überhäuften Pyun auf ordentlichem B-Movie-Niveau über die Ziellinie gebracht. Einige der in Nemesis dargebrachten Konstrukte, die Präsenz der Offensichtlichkeit der zitierten Einflüsse außen vor gelassen, machen einen für das produktionstechnische Niveau des Films guten Eindruck. Die Noir-Einschübe versuchen dem Protagonisten Ecken und Kanten zu verleihen; seine Rehabilitation und Wiedergeburt präsentiert sich überraschend gut gefilmt und versucht dem Stoff (Pseudo-)Tiefe zu verleihen. Zugunsten der Actionlastigkeit des folgenden Plots lässt man diese leider Fallen und lässt Olivier Gruners Figur zum Prügel-und-Baller-Hero von der Stange werden.

Ansätze einer gewissen Eigenständigkeit lässt man großzügig liegen. Nemesis bedient sich fleißig bei seinen großen Vorbildern und bevor Hollywood kurze Zeit später vollkommen von den Einflüssen des Actionkinos aus Hong Kong geflasht wurde, lässt Pyun seine Figuren beeinflusst vom Heroic Bloodshed auch mal Woo'sches Todesballett tanzen und Shootouts in die rostig-schrottige Eleganz des Gesamtwerks stecken. Über allem thront dabei Ridley Scotts Blade Runner, bei dessen Geschichte sich man großzügig bedient, obwohl Pyun über seinen Film sagt, dass er hier Dinge verarbeitet, die schon lange in ihm schlummerten. Vielleicht war es auch einfach nur die Frage, ob er etwas ähnliches wie Scott, nur mit viel weniger Budget, hinbekommt. Was uns wieder zur Eigenständigkeit des Filmes bringt. Thematisch rennt man ebenfalls dem angesprochenen Science-Fiction-Klassiker hinterher und lässt in unerwarteten Momenten Ideen aufblitzen, die viel zu schade sind, so fahrlässig wie hier wieder fallen gelassen zu werden.

Der Frage, was einen Menschen menschlich macht und was dessen Kern ist, entlockt Nemesis wahrlich keinen neuen Ansatz. Eher treibt er das Spiel mit der Entfernung vom Menschlichen auf die pervertierte Genre-Spitze. Die Vermischung von Technik und Organik, der grob-industrielle Cyber(punk)-Stil des Films lässt die Figuren seines Plots sich von den mechanischen Hilfsmitteln abhängig machen. Die Fragen, wie viel Mensch man noch ist und wie viel Cyborgtechnik in einem steckt, lässt mittlerweile Assoziationen zur heutigen Abhängigkeit unserer Spezies in manchen Bereichen des Alltags gegenüber der Technik aufkommen. Wie weit machen wir uns dieser zum Untertan? Lässt sich der Kern unseres Wesens, die Seele, irgendwann technisch abstrahieren und aufbewahren? Einer der wenigen, aber interessanten Ideen des Scripts nach ja. Es sind solche Momente, die für mich Nemesis nicht unbedingt besonders, aber interessant bleiben lässt.

Die konfuse Gesamtheit schmälert den guten Eindruck dieser seltenen Augen- und Lichtblicke, was
Nemesis ein goutierbares Action-Flickwerk bleiben lässt. Was wäre das für ein Film geworden, der neben dem bloßen Abkupfern der großen Vorbilder aus diesen Gedankenspielen oder den wenigen, aber gleichermaßen interessanten und starken Frauenfiguren mehr herausgeholt hätte? Zugeben muss man, dass hier letztendlich das Testosteron (leider) weiter die Nase vorn hat. Dank der Berührung mit solchen Filmen zu Beginn meines Fanseins, entwickelte sich eine Vorliebe für solche einfach gestrickten, billigen Knaller, die dafür geschaffen wurden, entweder im Videotheken-Regal zu verstauben oder von dort aus das Herz der Genre-Liebhaber zu erobern. Weitaus weniger schlimm wie immer erwartet, hat Nemesis nicht unbedingt mein Herz erobert, aber für interessierte und amüsierte Zurkenntnisnahme gesorgt.

Dienstag, 30. Juli 2019

American Rikscha

Wild Strömungen des (aktuellen) populären Kinos in ein einzelnes Drehbuch stopfen, ohne Rücksicht auf Verluste, praktizierten italienische "Billigfilmer" noch Ende der 80er, als deren Rip Off-Industrie schon stark angeschlagen in den Seilen hing. Ich hatte schon immer leicht meine Probleme mit italienischem Genrekino, welches in dieser Zeit entstand. Das einzigartige Flair, welches die Filme aus dem Mittelmeerland wenigstens bis Mitte der 80er besaßen, ging immer mehr flöten und wich einem generischen Videolook und einer krampfhaften, dem noch geringeren Budget der damaligen Produktionen verschuldeten billigen Amerikanisierung des fertigen Werkes. Man konnte sie von anderen Massenproduktionen für den DTV-Markt nicht mehr von bräsigen US-Schoten unterscheiden. Seit dem internationalen Erfolg des Italo-Westerns versteckten sich die Italiener im Bestreben um eine bessere, internationalen Vermarktung hinter Pseudonymen und ließen durch eine internationale Besetzung ihre Produktionen größer wirken.

Den italienischen Kern, das Herz dieser Filme - eine unbedarfte, mutige und selbstbewusste Herangehensweise an den Stoff - spürte man den Werken, die Ende der 80er entstanden, nicht mehr an. Hinter aufgesetzten Plots und einem austauschbaren Look zwischen US-TV-Serie und C-Movie-Videoproduktionen verbarg sich der Versuch, damaligen 08/15-Videotheken-Allesleihern filmisches Fast Food zu verticken. Meine Erwartungen an American Rikscha waren gering; insgeheim loderte in meinem Fanherzen die Hoffnung, dass Sergio Martino mit seinem Spätwerk mir ein halbwegs spannendes Werk serviert. Die ersten zehn Minuten des Films ließen diese wachsen. Sein Stamm-Kameraman Giancarlo Ferrando bietet einige hübsche Einstellungen und eine in Zeitlupe ablaufende Sequenz erinnert leicht an die Rückblenden von Martinos bestem Film und meinem Lieblingsgiallo Der Killer von Wien. Wenn dort Hauptdarsteller Mitch Gaylord (!) in seiner Funktion als unbekümmerter Strahlemann eine alte chinesische Lady allein durch seine Muskelkraft im strömenden Regen von einer Bank hebt, blitzt dieses Gefühl aus italienischem Wahnwitz mit großen Sympathiewerten, trotz seiner rational betrachtet unfreiwillig komischen Darstellung, kurz auf.

Die Ernüchterung folgt auf dem Fuße. Mit dem sich ausbreitenden Plot um einen Studenten (Gaylord), der seinen erkrankten Mitbewohner bei dessen Nebenjob als Rikschafahrer vertritt und die Bekanntschaft der Stripperin Joanna macht, die ihn mit einem eindeutigen Angebot auf eine Yacht lockt, macht das kurz aufgetauchte Potenzial der Routine Platz. Auf dem kleinen Luxuskahn angelangt, entdeckt Student Scott, dass ihn ein schmieriger Geselle, versteckt hinter einem Spiegel, beim Schäferstündchen mit der Stripperin filmen wollte. Erzürnt darüber, verpasst Scott dem Kamerawiderling eine Schelle, konfisziert das Videotape und stapft davon. Weil er im Trubel das falsche Video mitgenommen hat, kehrt er an den Ort des Geschehens zurück um sich das richtige Material aushändigen zu lassen. Alles was er vorfindet, ist Chaos und die frische Leiche des filmenden Spanners. In Panik flieht Scott vor dem sich noch auf dem Schiff befindlichen Killer, setzt die Yacht in Brand und befindet sich fortan auf der Flucht vor dem geheimnisvollen wie muskelbepackten Killer und der Polizei, für die er zum Hauptverdächtigen wird.

Das Thrillereinerlei bietet im weiteren Verleih Menschen auf der Suche; der Killer zuerst nach dem versehentlich mitgenommenen Videoband, später nach einer Statue und dem dazugehörigen Schlüssel, die Polizei nach Scott und dieser nach Joanna. Wenn der Student die Stripperin findet, folgt das obligatorische Extremsituationsbumsen und das unfreundlich gegen die Hauptfiguren arbeitende Schicksal, welches diese zusammenschweißt. Um den Plot aufzupeppen, baute man in das Drehbuch - an dem u. a. Sauro Scavolini, Regisseur des Giallodramas Liebe und Tod im Garten der Götter (hier besprochen) beteiligt war - asiatisch gefärbte Mysteryelemente ein. Funktionell grätschen diese in die Handlung rein wie einst Bernd Hollerbach in seine Gegenspieler. Schlagartig brechen sie den Plot auf und überziehen das hitchcock'sche Grundgerüst des Films mit übernatürlichem Effektwerk. Nach langsamer Steigerung übernimmt es gegen Ende die Handlung komplett und lässt American Rikscha zu einer obskuren Mischung aus seichter Mystery und klischeebehafteten Dutzendwaren-Thriller werden. Auf den behäbig hingearbeiteten Genrewechsel folgt eigentlich charmant kruder Humbug, der den in einer Nebenrolle auftretenden Donald Pleasence als TV-Prediger in den Fokus rückt.

Was das Drehbuch ab diesem Zeitpunkt abbrennt, lässt den Zuschauer zwischen belustigtem Schmunzeln und skeptischen Stirnrunzeln schwanken. Der grobe Wechsel möchte nicht richtig passen, obwohl er gleichzeitig American Rikscha aus der Zone der Beliebigkeit leicht heraus pusht. Die wenigen Gore-F/X, die urplötzlich abgebrannt werden (Stichwort: Pleasence lässt wortwörtlich die Sau raus) verwundern, erfreuen und wirken nachhallend wie der verzweifelte Versuch, die traditionelle Formel des italienischen Genrefilms vergangener Jahre zwischen wildem kopieren und kreativer Eigenständigkeit noch einmal wie früher aufleben zu lassen. Die Magie war damals leider schon komplett verflogen. Selbst solche Regisseure wie Sergio Martino, der leicht zwischen routinierter Auftragsarbeit und künstlerisch angehauchten Pulp-Kino wechseln konnte, schafften es nicht mehr, einem Drehbuch das lediglich Einflüsse damaliger Filmhits ohne jeden frischen, kreativen Impuls lieblos aneinanderpappt, im Drehprozess mehr Pepp zu verleihen. Selten fühlt man sich an die glorreichen alten Zeiten erinnert, wenn ein Einfall gleichzeitig hirnrissig wie charmant erscheint, wofür ich italienisches Genrekino u. a. so liebe.

American Rikscha
ist ein leidlich unterhaltender Thriller, der sich wenig von anderen italienischen (Genre-)Filmen der damaligen Zeit unterscheidet. Die geheimnisvolle Katze, welche immer dann erscheint, wenn die Lage für Scott und Joanna brenzlig wird, ist ein nettes Unikum; leider mit geringer Langzeitwirkung. Neben bemühtem Schauspiel kann Paco-Darsteller Daniel Greene den Kenner bei der Stange halten. Die nostalgischen Gefühle halten sich ingesamt wie ein positiver Eindruck des Films in Grenzen. Man will das mögen; nur irgendwann verkommt das in sich ständiges Zwingen und der Kapitulation, die wenige Jahre bzw. Monate von der italienischen Filmindustrie wie sie damals bestand, ausging. Man kann Sergio Martino zugute halten, dass er anders als einige seiner Kollegen nicht komplett dazu überging, schlicht US-Filme in allen belangen zu kopieren. Den anfänglich so tollen Vibe, kann er nicht den ganzen Film über aufrecht erhalten. Man merkt ihm, dem Film und dem Genrekino d'Italiano die Müdigkeit in jeder Minute an.

Freitag, 26. Juli 2019

[Rotten Potatoes #01] Unholy Ground

Für Genre-fixierte Horror-Aficionados, die in diesem Sektor große Triple A-Mainstream-Werke als auch ambitionierte Indie-, sowie kostengünstiges DTV-B-Movie-Gedöns konsumieren, gilt er als inoffizieller Endboss der allesglotzenden Zunft: deutscher Amateur-Horror. Was die ehrwürdige Splatting Image zu ihren Print-Zeiten charmant und manches Mal äußerst treffend als Jungmutationen bezeichnete und in der gleichnamigen Rubrik besprach, nennen andere abschätzig Wald- und Wiesen-Splatter. Gleich, ob wirklich gleichermaßen dilettantische wie euphorische Teenie-Gore-Hounds ihr angelesenes Halbwissen über die Herstellung von S-F/X in eine Art Spielfilm umsetzen oder ambitionierte Regisseure mit beschränkten Mitteln durchaus sehenswerte Werke zustande bringen. Zum ersten Mal kam ich damit in Berührung, als Mitte der 90er das Doom Fanzine über die Produktion von Olaf Ittenbachs immerhin 100.000 DM teuren Premutos - Der gefallene Engel berichtete. Vom fertigen Werk war der mein junges Gorehound-Ich verzückt und über die Jahre schafften es Filme bekannterer Namen wie Timo Rose, Marc Fehse, Andreas Schnaas oder Jörg Buttgereit in meine damalige Sammlung. Noch heute bin ich ziemlich froh darüber, wenigstens die Filme von Jochen Taubert bis zum heutigen Tage erfolgreich ignoriert zu haben.

Lange fertig mit dem Phänomen des deutschen Amateur- oder Indie-Horrors fixte mich die Deadline mit einer Besprechung eines Films der ebenfalls schon lange in der Szene aktiven (seit 1998) Geschwister Monika, Günther und Helmut Brandl urplötzlich wieder an. Neben dem Vorgänger des in der Ausgabe besprochenen Moor-Monster 2 (der Freunden und mir einen fröhlichen Abend bescherte) landete der 2016 entstandene Unholy Ground in meinem Korb bei der ersten Bestellung bei Brandl Pictures. Unter diesem Label schuf das Trio eigenen Angaben nach bereits 59 (!) No-Budget-Filme und damit ein kleines, eigenes Parallel-Universum innerhalb der deutschen Indie-Szene. Die aus Bayern stammenden Filmemacher verzichteten von Beginn an darauf, sich auf ein bestimmtes Genre zu beschränken. Gemacht wird, was gefällt. Horror, Fantasy, Science-Fiction, Erotik, Thriller, Komödien; mit Und sie kehrten niemals wieder haben die Brandls sogar einen Western ihrer Filmographie hinzugefügt. Der schöpferische Drang scheint in vollem Umfang ausgelebt und jede aufziehende Idee umgesetzt zu werden.

In Unholy Ground verbinden sie okkult gefärbten Horror mit einer großen Prise Sex. Eine Kombination, die es in hiesigen Untergrund-Gefilden bisher eigentlich nur in den Filmen eines Andreas Bethmann gab. Übertrug sich bei diesem seit frühen Tagen die digitale Sterilität der Video-Optik auf dessen Stil, was die Zielsetzung das Werk möglichst atmosphärisch bzw. schmutzig wirken zu lassen, zunichte machte, lassen die Brandls mit Einfallsreichtum und spürbarer Leidenschaft ihren Horrorfilm durch die ihnen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten weitgehend ansprechend erscheinen. Sie scheuen sich nicht einmal, ihre Geschichte in der Vergangenheit anzusiedeln. Während des schwedisch-russischen Krieges rettet sich ein kleiner Trupp Soldaten mit einem schwer verwundeten Kameraden in ein kleines Dorf. Widerwillig nehmen dessen Bewohner die Fremden bei sich auf um den Verwundeten gesund zu pflegen; viele sehen in der Ankunft der Soldaten ein böses Omen, dass sich schreckliche Ereignisse aus der Vergangenheit wiederholen könnten. Tage darauf geht zuerst unbemerkt eine Veränderung in manchen Bewohnern und den Geistlichen eines nahe gelegenen Klosters vor. Die Gottesfurcht der Mitglieder der kleinen Gemeinde schwindet und macht Platz für lasterhaftes, blasphemisches Verhalten, tot geglaubte Väter kehren verändert zurück und diabolische Mächte scheinen unaufhaltsam ihre Schwingen über das Dorf und dessen Bewohner auszubreiten.

Auf den dargebotenen Stil der Brandls muss man sich einlassen können. Deren No-Budget-Methodik in der Umsetzung ihrer Stoffe schließt gleichzeitig aufwändig teure, authentische Kulissen oder Kostüme aus. Letztere mögen für viele wie Karnevalsverkleidungen wirken, zumal sich die Schöpfer nicht zu schade sind, sichtbar falsche Bärte an ihre Mimen zu pappen. Hat man sich damit arrangiert, entpuppt sich Unholy Ground als Hardcore-Horror mit Potenzial. Das Hardcore ist im übrigen wörtlich zu nehmen; die ohnehin reichlich vertretenen nackten Tatsachen werden in der X-tended Version durch Hardcore-Sex-Szenen erweitert. Diejenigen, die lieber Kunstblut als Sperma spritzen sehen möchten, müssen sich indessen gedulden. Blutige Momente werden dosiert eingesetzt und erst zum Ende rotzt der rote Lebenssaft ungehemmt durch die Szenerie. Höhepunkt dürfte hier die leicht an Hellraiser erinnernde Höllensequenz sein. Mehr als nacheifern oder nachspielen der liebsten Gore-Szenen aus den letzten Jahrzehnten der Horrorhistorie ist den Machern daran gelegen, eine Geschichte zu erzählen. Das Script folgt gängigen Mustern und manchmal hätte man gut daran getan, den Ideenreichtum zu zügeln. Lang ausformulierte Szenen zügeln den Erzählfluss, der in der zweiten Hälfte durch ausgedehnte Orgienszenen nochmals gedrosselt wird.

Die strukturell an Storyverläufe von B-Horror aus dem 80ern erinnernde Story lässt Platz für kleine Spitzen, in denen das verborgene Böse an die Oberfläche kommt, um dies in der nächsten Szene zu wiederholen. Die ausufernden Orgien sind klarer Höhepunkt von Unholy Ground und brauchen sich nicht vor Bethmann'schen Sexploitation-Horror zu verstecken. Im Gegenteil funktioniert dies hier viel besser, da die limitiert erscheinende Geschichte in ihrer okkulten Ausrichtung den erotischen Aspekt in den Vordergrund stellt, diesen gleichzeitig als Stilmittel nutzt um eine ganz eigene, freizügige Mischung aus Dämonen- und Okkult-Horror zu kreieren. Um eine ansprechende Umsetzung bemüht, gelingt den Brandls in ihrem No-Budget-Segment einen mit wenigen Längen gestraften, sehenswerter Amateur-Horror. Die darstellerischen Leistungen variieren für das Segment erwartungsgemäß zwischen ordentlich und stark bemüht, ohne große Ausfälle zu verbuchen. Zwar spielt der Film im bayrischsten Schweden ever und auch ein sichtbares Handpuppen-Höllenmonster sorgt für kleines Schmunzeln, jedoch bewegt sich alles angenehm weit weg vom unfreiwillig komischen Bereich. Den Schwächen zum Trotz bietet Unholy Ground das, was Sympathisanten des Amateur-Horrors suchen und angenehm old schooligen, schnörkellosen Horror von dem ich am Ende selbst überrascht war, dass er mir zugesagt hat. Ein mehr als ordentlicher Einstand für meine hier unregelmäßig erscheinenden Ausflüge in die Bereiche deutscher Amateur-/Indie-Genre-Produktionen.

Beziehbar über Brandl Pictures

Donnerstag, 18. Juli 2019

Raw Force (AKA Jäger des tödlichen Jade)

Wenn ich nun, einige Zeit nachdem ich mir Raw Force angesehen habe, meine Gedanken um diesen kreisen lasse, kommt regelmäßig die Frage in mir auf, wie der Film einige Jahre früher auf mich gewirkt hätte. Obwohl ich mich in meiner Twitter-Biographie als Trashologe bezeichne und - hier im Blog seit mehr als zehn Jahren bestens dokumentiert - durch den unwiderstehlichen Morast des B-Films pflüge, hat sich ein früherer Fokus auf Film Oddities in den Hintergrund des persönlichen Geschmacks und der Prioritäten verzogen. Selbst objektiv eher mäßiger Quatsch wie The Nostril Picker wurde damals - vor mehr als zehn bis fünfzehn Jahren - Aufgrund seiner abstrusen Geschichte wohlgesonnen aufgenommen; Ultra-Trash wie der fundamental christlich geprägte Anti-Drogen-Horrorfilm Blood Freak wurde freudig wiehernd bejubelt. Es scheint, als hätte die mit dem erwachsen werden gestiegene Ernsthaftigkeit die Lust auf freakige Filmkunst abseits bekannter Normen in den Hintergrund gedrängt.

Dann kommt eine amerikanisch-philippinische Co-Produktion um die Ecke, die man mir vor einigen Monaten wegen ihrem kruden Auftreten, der abstrusen Geschichte und deren Obskuritäten-Potenzial empfohlen hat. Das Filippino-Kino mit seinen Exploitation-gestählten Filmemachern wie Cirio H. Santiago oder Eddie Romero war mir bereits u. a. durch unglaubliche Werke wie Mad Doctor of Blood Island ein Begriff. Raw Force bietet dabei eine wilde Mixtur aus Hits des damaligen Mainstream- sowie Formeln des Exploitation-Kinos und schert sich einen Teufel darum, nach hochwertigem Kino auszusehen. Die Macher stopfen und drehen wie einst das italienische Exploitation- bzw. Genre-Kino alle erdenklichen Einflüsse in und durch den Fleischwolf. Dem Zuschauer wird als Ergebnis eine Geschichte um zwei amerikanische Buddies und Kampfsportler kredenzt, welche sich während ihres Trips einer Gruppe Pauschaltouristen auf einem alten Dampfer anschließen, welcher Kurs auf das berüchtigte Warrior Island genommen hat.

Auf jenem Eiland hausen kannibalistische Mönche, welche die Kraft besitzen sollen, Tote zum Leben erwecken zu können. Ihre Nahrung in Gestalt halbnackter Frauen erhalten die unheiligen Geistlichen von Mädchenhändlern, die im Gegenzug das immense Vorkommen an Jade auf der Insel zur Monetarisierung nutzen können. Während eines Landgangs verplappert sich einer der männlichen Touristen während eines Puffbesuchs, in dem gleichzeitig der Mädchenhändlerring wortwörtliches Frischfleisch sucht, dass ihr Schiff auf dem Weg zur Insel ist. Da die Gangster bei allem emsigen Treiben noch genügend Zeit zu haben scheinen, nehmen sie die Jagd auf die Touristentruppe auf und verschleppen eine der Frauen, was natürlich den Rest der Passagiere und die Kampfsport erprobten Kumpels auf den Plan ruft. Grotesker Höhepunkt stellt das Finale dar, wenn tote Kampfkünstler sich aus ihren Gräbern erheben und mit ihrem Zombie-Kung Fu gegen die Touries kämpfen.

Bei Raw Force ist der Name Programm. Die grobe Gewalt regiert ab Minute 0 und reiht Keilereien, seichtes Blutgekröse, stumpfe Witzeleien, Horror der weniger schreckenerregend sondern mehr wie Horrorkomödien, die Mitte der 80er in Hong Kong entstanden sind anmutet und viel nackte Haut aneinander. Der dünne rote Faden der Story zerfasert leicht und wenn es sich anbietet, nehmen die Macher Stillstand wohlwollend dann in Kauf, wenn Nuditäten im Vordergrund stehen. Die Party an Bord des ollen Dampfers, dessen Kapitän ein wild gestikulierender und viel Spaß bringender Cameron Mitchell ist, nimmt (zu) viel Zeit ein und lässt ihn dank der schnodderigen Synchro und dem Dauerfeuer an herrlich blödsinnigen Dialogen wie eine Sex-Klamotte wirken. Diese Sequenz bremst bei aller Spaßigkeit das hohe Tempo des Films dezent aus; das stetig vom Drehbuch durchgedrückte Gaspedal lässt Raw Force auch so ins Stottern kommen.

Sein einnehmend naiver Charme kann nicht verbergen, dass die repetitive Abfolge an Grundzutaten der Exploitationkunst in der zweiten Hälfte einer spürbaren inhaltlichen Leere Platz machen. Die rohe Kraft verpufft; in jugendlichen Jahren wäre ich weitaus gleichgültiger damit umgegangen. Unterhaltsam ist der in den US bei Vinegar Syndrome erschienene Film dennoch. Mit den richtigen Leuten ist dieser Film gewordene Altherrenabend eine mit Unglaublichkeiten gespickte, anachronistische Exploitation-Granate. Wer sich schon nach zehn Minuten Deathstalker (hier besprochen) wegen dessen sexistischen Tons duschen möchte, sollte Raw Force lieber auslassen. In den frühen 80ern war Actionkino weit weg von den heutigen gendersensiblen Umgangsformen der heutigen Gesellschaft eine rollentechnisch einfache Schwarz-Weiß-Geschichte, in dem der Mann eindeutig die engen Hosen an hatte. Eine zumindest mich belustigende Eigenart, die Raw Force für mich persönlich noch spaßiger werden lässt.


Samstag, 6. Juli 2019

Rotten Potatoes oder: Allesglotzer als kleines Heim für den deutschen Genrefilm

Es begann nach den Aufnahmen zum Podcast zu Eiskalte Typen auf heißen Öfen bei Bahnhofskino. Patrick Lohmeier und ich sinnierten noch über den italienischen Polizei- und Genrefilm und überlegten dabei, über welche Art von Film man sich in der Zukunft noch gemeinsam austauschen könne. Patrick kam im Verlauf des Gesprächs auf den deutschen Genre- bzw. Horrorfilm; nicht uninteressiert, aber leicht verhalten nahm ich die Idee gerne auf. Einige Wochen später schlug ich ihm vor, dass wir uns liebend gerne über Robert Sigls Debüt Laurin unterhalten können. Ich stieß damit auf offene Ohren, war Patrick der Film doch im Gegensatz zu mir schon bekannt.

Mit Patricks Erwähnung des deutschen Genrefilms und dem durch eine Besprechung in der Deadline entdeckten Clan der Brandl-Geschwister mit ihrer unabhängigen Low-/No Budget-Filmschmiede wurde meine Neugier auf deutschen Film abseits der vielerorts wahrgenommenen dominierenden Mainstream-Komödien oder kopflastigen Autorenstücke täglich größer. Deutscher Film war und ist weit mehr als das, was (selbsternannte) Filmexperten der hiesigen Lichtspiellandschaft in Foren und andernorts diesem vorwerfen. Genrekino wurde durch solch heute noch gewichtige und allseits bekannten Filme wie Murnaus Nosferatu, Langs Metropolis oder Boese und Wegeners Der Golem wie er in die Welt kam geschaffen und geprägt.

Für gemeinsame Filmabende mit Freunde wurden die ersten Filme aus der Brandl-Schmiede ins Heim geholt und selbst das lang verstorben geglaubte Interesse am deutschen Amateur-(Horror)Film wurde dadurch wiedergeboren. Ich sage selbst von mir, dass ich im Bereich des Films leider mit Interessen-ADHS gestraft bin und ein bestimmtes Werk sehr schnell mein Interesse für eine bestimmte Spielart des Films wecken kann, die ebenso rasch von einem anderen Genre abgelöst werden kann. Das Interesse und die Neugier auf das "exotische" deutsche Genre-Kino schlummerte immer in mir und letztendlich gab Patricks Vorschlag die Initialzündung für eine unregelmäßige Rubrik hier bei Allesglotzer.

Unter dem Label Rotten Potatoes werde ich mich hier keineswegs als Experte für Gemüseanbau im eigenen Garten versuchen, sondern mehr dem deutschen Genrefilm ein kleines Heim hier im Blog geben. Der Fokus liegt natürlich auf Besprechungen der Filme, bei denen ich auch vor "Wald- und Wiesenhorror" aus dem Amateurlager keinen Halt mache. Man sollte nicht erwarten, dass ich mir mit Filmen von Andreas Schnaas, Jochen Taubert oder Heiko Fipper die Gehirnzellen abschieße (ich kenne die drei genannten Herren nicht persönlich und sie können natürlich nette Zeitgenossen sein, gegen ihre Werke hege ich allerdings eine zu starke, persönliche Aversion, als das ich sie mir tatsächlich für eine Besprechung bei Allesglotzer anschauen werde), aber selbst dort gibt es viel obskures oder spannendes zu entdecken.

Abgerundet soll dies mit Betrachtungen, Meinungsbildern und - sofern möglich - auch Interviews mit den Machern werden. All das ist noch Zukunftsmusik und ich weiß selbst, dass es von meiner spärlichen Freizeit einiges von dieser fressen dürfte; die Lust dazu und der Wille, sowas umzusetzen, ist definitiv vorhanden. Für manches brauche ich nur eben etwas länger. Neben Patrick Lohmeier als Zünder der Funken für diese Idee geht der Dank hier auch an Sascha - einem meiner besten Freunde - der dieser Rubrik ihren Namen schenkte. Das deutsche Klischeegemüse Kartoffel auf Englisch faulen zu lassen, was ein ebenfalls gern genutztes Wort für "irgendwas mit Horror" ist, zu verbinden und dazu gleichzeitig ein Wortspiel mit Rotten Tomatoes hinzulegen, war für mich im zermarternd nervigen Namensfindungsprozess irgendwie zu einfach. Es mag sehr simpel, für einige zu bekloppt erscheinen: aber es ist auch ein sehr griffiger Name für diese neue Rubrik.

Selbstverständlich wird auch weiterhin Genrekino aus anderen Ländern hier im Blog ein Zuhause haben. Das mein Fokus meist in der Phantastik bleibt, obwohl ich bei Twitter häufiger bekunde und auch mit den Bildern zu den Sammlungsupdates zeige, dass ich keineswegs nur an sowas interessiert bin, dürfte damit zusammenhängen, dass meine erste Begegnung mit dem Medium Film eben der Horrorfilm war und meine große Liebe zum Kino bzw. Film damit begann. Vielleicht schaffe ich es sogar mal häufiger, andere cineastische Leidenschaften wie die Nouvelle Vague oder Bollywood, was auch den Blognamen mehr rechtfertigen würde, hier einzubringen. Zuerst möchte ich aber gerne für euch in unregelmäßigen Abständen ein paar hiesige, besonders schöne (und faulige) Filme ausbuddeln. Stay tuned for more, die ersten drei Texte liegen schon in der virtuellen Schublade...

Mittwoch, 19. Juni 2019

V/H/S: Viral

Man kann den Zusatz im Titel des dritten Teil der Found Footage-Anthologie V/H/S als Superlativ, absolute Steigerung des bisherigen ansehen. Nachdem der zweite Teil S-VHS (ebenfalls im Blog besprochen) auf gleichnamiges Format, welches technisch im Vergleich zur herkömmlichen VHS dank verbesserter Technologie fortgeschrittener war, abzielte, verbreiten sich die Schockersschnappschüsse im Videoformat in Teil Drei viral über den ganzen Globus. Die Protagonisten der einzelnen Segmente zielen darauf ab, dass ihre via Video aufgenommenen Momentaufnahmen, die gleichzeitig sichtbar ihre Sehnsucht nach dem die Langeweile durchbrechenden Spektakel wiedergibt, durch dieses die laut Warhol jedem zustehenden 15 Minutes of Fame einbringen sollen. Die knapp bemessene Viertelstunde verkommt durch das Internet zu einem Augenblick und einem kleinen Anflug von Popularität, die trotz der Fähigkeit des Webs, nichts zu vergessen, im Pool der Abermillionen von Fame Seekern schnell unterzugehen droht.

Sich dem Verhalten der User im Web unterwerfend, ist V/H/S: Viral mehr Collage von abgeschlossenen Geschichten, welche die übergreifende Erzählung weg von der für Anthologien meist üblichen Rahmenhandlung bringt, sondern diese unterbrechen. Sinnbild für den Klick, das Skippen zum nächsten Video der von ihrer Langeweile unter Druck gesetzten Nutzer, auf der Suche nach dem nächsten visuellen Kick. Der stumpfe, aber sinnige Übergang in den Vorgängern, in denen mit dem Wechsel eines Videos die nächste Geschichte eingeläutet wird, entfällt. Was selbst durch eigenes Verhalten vertraut erscheint, wenn man bei bekannten Videoportalen sich vom Flow seiner instinktgesteuerten Interessen treiben lässt, ist filmisch ein ungelenker Bruch. Beibehaltene Stilmittel wie beim analogen Material bekannte Störungen im Bildlauf erweisen sich für Teil Drei als kontraproduktiv. Sie bleiben stilistisches Merkmal, wiederkehrender Artstyle, welcher diesen Beitrag visuell mit beiden Vorgängern verbinden soll.

Weiter bricht man mit dem Found Footage-Stil: schon der erste Beitrag über einen Zauberer, der durch einen Umhang, welcher dem legendären Harry Houdini gehört haben soll, zu Ruhm erlangt, wird als Mockumentary erzählt. Die hier präsentierten Ideen, flott erzählt und mit einem trashigen Charakter von gescriptet anmutenden US-Doku-Formaten versehen, bieten einen vorhersehbaren, aber netten Einstieg. Unnötig sind hier die Einschübe aus alternativem Material - meist privaten Aufnahmen der Protagonisten - die dem Zuschauer eine alternative Perspektive der gezeigten Ereignisse zeigen wollen und die Wirkung der Story merklich schwächen. Als würde man der Generation Klick und Weg die Fähigkeit zum Kopfkino und Fantasie fast gänzlich absprechen. V/H/S: Viral bringt den treffenden Vibe viraler Internet-Phänomene mit sich, die bei allem Spektakel schwerlich länger im Gedächtnis hängen bleiben. Weniger um die in der Netzwelt geborenen Belanglosigkeiten hervorzuheben, sondern eher, weil jedes weitere Sequel in Franchises ein Stück mehr vergessenswertes Junk Food für die Sinne wird.

Einzig Nacho Vigalondos Beitrag über einen Wissenschaftler, dem es gelingt, ein Tor zu einem Paralleluniversum zu öffnen und mit seinem dort lebenden Doppelgänger die Plätze tauscht, sticht durch seine Cronenberg'sche Tonalität hervor. Mit viel Sinn für das richtige Timing schafft es der spanische Filmemacher minütlich die anfänglich greifbar eigentümliche Atmosphäre zu einem ewig andauernden WTF-Moment zu steigern. Die darin lesbaren Verurteilungen Vigalondos von in der Ehe übergriffigen Männern, deren sexuellen Machtgefühle und gleichzeitige Angst vor dem weiblichen Geschlecht spaßig übertrieben (und wortwörtlich) monströs dargestellt werden, lassen sein Videofragment abgeschlossener als das Franchise übergreifend viele andere Kurzgeschichten der Reihe erscheinen. Einzig das bitterböse Ende büßt Wirkung ein; es bleibt zu erwartbar. Sinn- wie den Zuschauer ratlos zurücklassend bleiben die Rahmengeschichte um den auf einen viralen Hit hoffenden Amateurfilmer Kevin sowie der Beitrag der The Endless-Regisseure Justin Benson und Aaron Moorhead.

Deren Bonestorm hab ich für mich in erster Unentschlossenheit über ein finales Urteil über die Episode in Tombs Of The Skating Dead umbenannt. Die dort auftauchenden, lebendigen Skelette erinnern weitgehend an die untoten Geschöpfe aus Amando de Ossorios Die Nacht der reitenden Leichen und terrorisieren glücklose wie nervige Skateboard-Kids, die während eines Trips nach Tijuana endlich ihre Vision eines coolen Skateboard-Videos umsetzen wollen. Die gelangweilte Stimmung der Kids ist das Beste und greifbarste, was das Regie-Duo in ihrem ansonsten eher als Effekt-Demo durchgehenden Beitrag abliefern. Weitaus abstruser gestaltet sich die übergeordnete Geschichte um Kevin und seiner Hatz nach einem Amok fahrenden Eiswagen, welchen er nach der Entführung seiner Freundin Iris in diesem unnachgiebig verfolgt. Der Bruch mit linearen Erzählmustern und die Aneinanderreihung verschiedener Bildmaterialien, welche die Syntax des Found Footage-Subgenres ignoriert und nur dessen Stilistik übernimmt und der unglückliche Umstand, dass sie ohne sichtbaren Übergang von den einzelnen Kurzgeschichten unterbrochen wird, lässt sie zu aufgeblähtem Horror 2.0 werden.

Künstlerische Ambitionen verkümmern. V/H/S: Viral bleibt emotional künstlich. Iris, die Kevin zum Schluss auf der aus den ersten beiden Teilen bekannten Fernsehgerät-Installation erscheint, schmettert ihrem Liebsten im Loop Go Viral entgegen, während er wie der Zuschauer fassungslos dem sinnentleerten Horror entgegenblickt. Es bleibt festzustellen, dass alle Werke des Franchises einiges an Potenzial mitbringen und ihr offener, experimenteller Charakter mehr als löblich ist. Öfter sang' ich in der Vergangenheit im Bezug auf die US-Indie-Horrorszene ein Loblied auf die neuen, schrägen, mutigen Blickwinkel, welche die darin ihr Unwesen treibenden jungen Köpfe auf das Genre haben. Sicherlich mag nie alles komplett passen, was ich bei V/H/S sogar sehr charmant fand. Leider bleibt bei mir das Gefühl, dass die komplette Reihe leider manchmal genauso sinnlos durch den Ideenstrom seiner Macher wabert wie ein Teil seiner Zielgruppe täglich durch die Social Media-Kanäle. Viele interessante Einfälle wurden darin über die Jahre präsentiert und es bleibt jetzt schon spannend, ob die Langzeitwirkung des Mumblegores die der viralen Web-Phänomente überdauert.

Freitag, 14. Juni 2019

S-VHS

Im Kern ähnelt S-VHS seinem Vorgänger V/H/S (hier besprochen) sehr: abgesehen von den für Episodenfilme meist üblichen, qualitativen Schwankungen bei den einzelnen Geschichten, erscheinen diese auch im Sequel manchmal als wildes drauflos gefilme ohne größeren Plan. Teils gar nicht so uninteressante Gedankenspiele entwickeln sich im Found Footage-Stil des Films zu nicht ausgearbeiteten, skizzierten Erzählungen. Verwackelte, gefilmte Treatments sozusagen. Dafür bleibt man dem ungeschriebenen Gesetz der Fortsetzungen treu und versucht, noch einen drauf zu setzten. Das negative voraus geschickt, funktionieren die unsauberen, nicht ausgestalteten Geschichten weniger gut als im ersten Teil. Bestes und traurigstes Beispiel ist die Entführung von Außerirdischen, welche die Pyjamaparty von einigen Kids sprengen. Der dortige Terror der extraterrestrischen Besucher ist eine chaotische und stressige Ansammlung an Geschrei, Übergriffen der Aliens und der Flucht vor diesen.

Jason Eiseners Beitrag ähnelt einem planlosen Amateur-Video, in dem alle als cool empfundenen Ideen hintereinander gereiht und ohne Rücksicht auf Verluste im Hardcore-Modus runtergenudelt wurden. Übersetzt man super aus dem Lateinischen, so bedeutet das Wort über. Der selbsternannte Auftrag der Macher und des Endprodukts, dem Zuschauer gesteigerten Horror im Vergleich zu Teil Eins und überdrehte Storys zu präsentieren, lässt auf den Titel des Films blickend eine Meta-Ebene entstehen. Höher, schneller, weiter. Weil ein Sequel sowas tun muss. Ironie bei Eiseners Episode: sie erinnert daran, wodurch das Format S-VHS am bekanntesten wurde: als ein bei Amateur- und semiprofessionellen Filmen beliebtes System. So stumpf wie deren Elaborate - gemessen am Output älterer Amateur-Filme aus hiesigen Gefilden - manchmal waren, überrascht es wenig, dass eine der spaßigsten Episoden uns eine via GoPro gefilmte Zombie-Apokalypse präsentiert, in die ein Fahrradfahrer hineinschlittert, von Untoten angefallen und letztendlich zu einem wird.

Der Zombie-Film aus der Ego-Perspektive nutzt die Einfachheit des Subgenres der Untotenfilme um gleichzeitig spannend und rasant die Verbreitung einer Zombieseuche zu zeigen. Hier nutzt S-VHS die um Authentizität bemühte Syntax der Found Footage-Stilistik fast perfekt. Weniger ist mehr: die minimalistische Geschichte ohne Schnörkel packt den Zuschauer besser als die beispielsweise mit einer guten Idee auskommenden erste Episode über ein implantiertes künstliches Auge mit Kamera, womit dessen Besitzer plötzlich tote Menschen wahrnehmen kann. Die heutzutage an Black Mirror erinnernde Idee bleibt interessant; die Ausarbeitung hingegen verkommt schnell zu generischem Geisterhorror zwischen The Sixth Sense 2.0 und stylischem Indie-Horror. Hier wie in der besten Episode über ein Kamerateam, welches über eine seltsame Weltuntergangs-Sekte eine Dokumentation drehen möchte wirkt S-VHS trotz seines Found Footage-Stils manchmal weniger wie zufällig oder gewollt mitgefilmtes Amateurmaterial, welches einem Horror bringen soll sondern mehr nach mit diesem Stil arbeitender Film.

Gegenschnitte aus zwei verschiedenen Videoquellen mögen zwar die Narration der Geschichte besser voran treiben, stehen der strengen Auslegung der gewählten Stilistik nach eher in Tradition von konventionell erzählen Filmen und sind kontraproduktiv, um die angebliche Echtheit des Materials wirken zu lassen. Man könnte S-VHS more of all als Untertitel andichten. Der Wille, mehr von allem zu bieten, lässt das Vergnügen im Gegensatz zum ebenfalls nicht perfekten, aber gesamt gesehen besseren Vorgänger schmälern. Die Geschichten um den Biker und die Sekten-Reportage können den qualitativ abfallenden Rest des Films nicht retten. Man bleibt der Charakteristik seines Produkts verglichen mit V/H/S treu. Die Rahmenhandlung um einen Detektiv und seiner Begleiterin, die auf der Suche nach einem vermissten Jugendlichen in ein verlassenes Haus auf eine Installation aus Fernsehgeräten und Videorekordern stößt, bleibt bis zum Ende sinnentleert und ein dürftiger Rahmen, der die einzelnen Episoden zusammenhält. Kruder als der Rahmen des Vorgängers und weiterhin aufgesetzt. Das letzte Flimmern der rollenden Endcredits hinterlässt einen trüben Gesamteindruck von mehr verspieltem Potenzial als im ersten Teil. Die sich versammelten Videorebellen scheitern mit ihrer Horrorrevolution und dem durchaus interessanten Konzept an den eigenen Überambitionen.

Mittwoch, 29. Mai 2019

Class Of Nuke 'Em High

Beide gelten sie als Kult, wenn es um das Kult-Independent-Studio Troma geht, bis vor kurzem konnte ich mit deren Maskottchen - dem Toxic Avenger - herzlich wenig anfangen. Früher wirkte der Film für mich wie eine konfuse Ansammlung verschiedener Ideen, die nicht alle funktionieren wollen. Der tiefschwarze, keinen Pfifferling auf Political Correctness gebende Humor, die einfachen wie kruden Effekte, die manchmal dahingerotzten Ideen wollten nie ineinander über greifen. Nachdem ich es mit Toxie nochmal probierte und unerwartet positiv überrascht wurde, wollte ich nochmal in der Class Of Nuke 'Em High die radioaktiv verseuchte Schulbank drücken. Bei meiner ersten Begegnung mit Troma-Produktionen hatte dieser klar die Nase vorn und wurde als viel besser als das Abenteuer um den toxischen Rächer empfunden.

Letzteren kann man selbst heute noch als grobe Skizze für das bezeichnen, was Troma über die Jahre ausmachen sollte. Die Firma um Lloyd Kaufman und Michael Herz schuf mit beiden Filmen den Beginn eines eigenen Universums voller Mutanten, Freaks, selbsternannten Außenseitern und anderem obskurem Gefolge. Class Of Nuke 'em High definiert die mit Toxie eingeschlagene Richtung aus und ist die Reinzeichnung des ersten Konzepts der chaotisch-anarchischen Horror-Punk-Show Tromas. Wieder sind die Auswirkungen radioaktiver Verseuchung ausschlaggebend für die Handlung: das nahe an der örtlichen Highschool von Tromaville gelegene Atomkraftwerk hat mit einem Leck zu kämpfen, welches dessen Betreiber als Lappalie abtut. Die ausgetretene Flüssigkeit verseucht das Grundwasser und lässt das auf dem Schulgelände angebaute Hasch der damit dealenden Rocker-Gang Cretins üppig sprießen. Ein daraus gefertigter, verseuchter Joint bringt mit seinen Nebenwirkungen beim Liebespärchen Chrissy und Warren eine Lawine von wortwörtlichen Ungeheuerlichkeiten ins Rollen.

In Folge dessen mischen die Verantwortlichen in ihre Parodie auf gängige High School-Komödien nicht nur ihre weitaus schmierigere Version von Mark L. Lesters Class Of 1984 sondern auch derben Monster-Horror. Das dargebotene Panoptikum zerfasert trotz ähnlich episodisch angelegter Narrative weit weniger in seine szenischen Einzelteile, wie es Toxic Avenger tut. Dies resultiert ausgerechnet aus der in den Film eingefügte Normalität, verkörpert durch die Protagonisten Chrissy und Warren. Sie sind die menschlichsten Figuren in einem Kosmos, in dem selbst ihre den Klischees der 80er-Teenie-Bums-Komödie entsprechenden Freunde wie übersteigerte Karikaturen dieser wirken. Gleichzeitig scheinen diese der Versuch von Troma zu sein, nach dem Überraschungserfolg von Toxic Avenger dessen Rezeptur zu verfeinern und mit den beiden jugendlichen Hauptfiguren sich bei einem größeren Publikum, dem Mainstream, vorzustellen. Im Kern und äußerlich weiterhin eine Low Budget-Produktion die Selbstbewusst damit umgeht, empfindet man Class Of Nuke 'Em High im direkten Vergleich mit dem ersten Hit des Studios als runder und in sich geschlossener.

Das legt gleichzeitig die Schwäche des Films frei. Der gesponnene rote Faden und die ebenfalls einfache, wenn auch bemüht feiner ausgearbeitete Geschichte wird bis zum Ende mühsam mit "Inhalt" aufgebläht, der lediglich eine kleine leere Blase in der Narrations-Bubble des Films ist. Diesen Nichtigkeiten folgen repetitive Momente, welche die wenigen für die Handlung relevanten Szenen ummanteln. Da gewinnt für mich mittlerweile knapp Toxic Avenger mit seiner ungestümeren Art, dessen Fuck Off!-Haltung sich etwas echter anfühlt als die in Class Of Nuke 'em High durchschimmernde bemühte Kompetenzhaltung. Vielleicht schimmert hier bereits das durch, was man späteren Troma-Produktionen anlasten kann: das ausruhen auf dem ewig gleichen, das wenig Variationen im eng gesteckten Rahmen zulässt. Spaß macht der Film mit seinen herrlich geschmacklosen und bekloppten Ideen immer noch. Die Cretins dürften die beste dämlich-fiese Film-Gang der 80er sein und die im Bemühen größer zu wirken eingesetzten Schmodder-Effekte, allen voran das Monster, funktionieren heute noch. Regisseur Richard W. Haines setzt das von ihm mitverfasste Script atmosphärisch dicht um und kann für viele gute (Troma-)Momente voller filmischer Anarchie sorgen, die mehr als einmal Spaß am gewollt schlechten Auftritt der Troma-Filme bringen. Wenn Bad Taste wirklich Good Taste ist (wobei wir Trash- und Obskuritäten-Freunde ohnehin auf diesen Spruch schwören), dann ist Class Of Nuke 'em High ein Beweis dafür.

Donnerstag, 23. Mai 2019

The Destructor (Prey)

Die Freuden und Leiden der Schönheit: auf den ersten Blick betörend in seinem Äußeren, offenbart sich Ding wie Mensch näher betrachtet in seinem innersten hochgradig verdorben. Auf einen kleinen Mikrokosmos heruntergebrochen, betrachtet Norman J. Warrens Prey recht eigenartig die Auswüchse den verheißenden Verlockungen von Fassaden mit schönem Anschein. Die scheinbar von der restlichen Welt abgeschottet in einem alten Bauernhaus lebenden Frauen Jessica und Josephine mögen im pittoresken Landstrich ein harmonisches Leben führen, die traute Zweisamkeit ihrer Beziehung lässt schnell Risse durch Josephines herrisches Wirken erkennen. Die hübsche Erscheinung ihrer Partnerin zieht sie an und ängstigt sie zugleich. Mit wenig Selbstbewusstsein und Verlustängsten ausgestattet, mausern sich diese durch deren Wechselwirkung in eine langsam voranschreitende, psychisch unterschwellige Gewalt gegenüber Jessica.

Alles, was nur annähernd für den Verlust ihrer Partnerin sorgen könnte, sieht Josephine als potenzielle Bedrohung. Früh wird angedeutet, dass die Beziehung sehr einseitig zu sein und Jessica in diese hinein gezwungen scheint. Josephines Paranoia nimmt stärkere Züge an, als der verletzte und verwirrt wirkende Anders vor der Tür der beiden Frauen steht und um Hilfe bittet. Wenig begeistert vom Eindringling, gibt Josephine ihrer hilfsbereiten Freundin nach, den Mann zu versorgen. Dessen merkwürdiges Verhalten wird von den beiden Frauen verwundert wahrgenommen, jedoch nicht weiter hinterfragt; ohne zu ahnen, dass Anders ein Außerirdischer ist, der den Planeten auskundschaften soll. Bevor dessen wahre Identität aufgedeckt wird, stellt er für Josephine eine Gefahr für ihre Beziehung dar. Richtig abgeneigt scheint ihre Freundin vom attraktiven, mit Ted Bundy-Seitenscheitel ausgestatteten Alien nicht zu sein.

Dessen wahres Gesicht behält Prey - kürzlich als Bootleg unter dem Titel Alien Prey hierzulande auf Blu Ray veröffentlicht - dem Zuschauer vor. In einer vor Klischees triefenden Szene mitsamt im Auto fummelnden Pärchen und einer im falschen Zeitpunkt drückenden Blase des männlichen Parts präsentiert der Film den extraterrestrischen Beau als blutdürstige Bestie mit Raubkatzen-artigem Gesicht, der nach dem Mord am harnlassenden Herren dessen Gestalt annimmt. Die sichtbar kostengünstige Maske lässt den außerirdischen Einzelinvasor wie eine angestrengt böse wirken wollende Miezekatze mit süß geschminkter Stupsnase aussehen und lockte mir mit dem ersten Auftritt einen größeren Lacher hervor, lässt ihn im Zusammenspiel mit den beiden weiblichen Protagonistinnen zu einer metaphorischen Bedrohung heranwachsen.

Mit Blick auf das Entstehungsjahr erscheint die Entscheidung, ein lesbisch lebendes Paar als Hauptfiguren zu etablieren mutig wie frisch. Josephine verkommt zwar leider zur Klischeelesbe mitsamt obligatorischer Kurzhaarfrisur, ihre Gespielin Jessica wird ebenfalls wenig akzentuiert als schön anzusehendes wie naives Weiblein dargestellt, doch mit seinem lethargischen Blick auf das Leben der beiden Frauen und den seltsam erscheinenden Fremden entwickelt die Story ungeahnte Zwischentöne. Diese entstand, mag man der Trivia Section der IMDb glauben schenken, während des zehn Tage andauernden Drehs komplett während der Dreharbeiten. Das ungezwungene drauf los filmen und die Planlosigkeiten der dürftigen Ideen, welche zwischen Nutzung gängiger Horrorfilm-Muster und interessanten Einzelszenen schwankt, lässt The Destructor (dt. Videotitel) zu einem spontanen Sonntagsvideo des Horrorfilms werden. Die durch den streng abgesteckten, kleinen Mikrokosmos des Films und dem Anschein, dass die Macher dem inneren Willen, einfach drehen zu müssen, folgen, entrückte Atmosphäre lässt erahnen, wie es ausgesehen hätte, wenn Jess Franco einen Alien-Horror-Film gemacht hätte.
Dem spanischen Kult-Vielfilmer Franco gleicht dem in seinen kleineren Werken herrschenden Dilettantismus, den The Destructor mit sich bringt und gleichzeitig auf mich als Zuschauer eine Faszination ausübte. Die krude Story entwickelt sich zu einem ätzend langsamen Psycho-Horrordrama aus der Exploitation-Ecke - selbstredend lässt man bei den aufgebauten Konstellationen mögliche Sexszenen nicht aus - das gleichzeitig als Metapher auf die wortwörtliche Bedrohung der Bestie Mann auf den Feminismus der damaligen Zeit und der Frau an sich gesehen werden kann. Spekulativ, surreal und wie der von mir sehr gemochte Alien-Rip Off Inseminoid des Regisseurs Norman J. Warren atmosphärisch entrückt stellt der Film plumpe Exploitation halbwegs intelligenten Ansätzen wie mit dem Spiel der Rollen von Mann und Frau (Stichwort: Partyszene) gegenüber. Der mehr auf Stimmung und kaum aus den Puschen kommende Spannung bauende, merkwürdige Kammerspiel kulminiert in einer ultrablutigen Szene und einen Twist, den man gleichzeitig als abschließend bitteres Fazit der herrischen Männerrasse über die Frau sehen kann. Die Doppeldeutigkeit des Originaltitels im Bezug zum Filmplot ist ein nettes Wortspiel für einen Film, dessen Unterton und dem damit einhergehenden Potenzial für die Macher unbemerkt durch die unbekümmert bräsige Handlungsmonotonie waberte und ein faszinierendes wie eigentümliches Gesamtwerk hinterlässt; gerade wegen seiner eigenartigen Machart. 

Dienstag, 14. Mai 2019

Suspiria (2018)

Viele Frauen kann sie ersetzen, selbst ist sie der in einer schlichten Wandtafel eingravierten Redewendung nach nicht ersetzbar: die Mutter. Diese scheint für Luca Guadagninos Remake des Argento-Kultfilms ein Leitspruch zu sein. Simples Ergebnis: mag sie noch so viele Rolle einnehmen oder ausfüllen; im Kern bleibt sie lebensschenkender Ursprung. Gleich ob wie bei der banalen philosophischen Frage, nun Ei oder Huhn zuerst da waren, Einspruch erhoben wird, dass zuerst ein Samen von Nöten ist, um eine Befruchtung einzuleiten. In ihrem Schoße reift es bis zur Geburt heran. Ihre Fürsorge und Aufopferung steht dem gestrengen Bild des Vaters gegenüber, der selten mit gleicher Wärme ausgestattet ist oder wahrgenommen wird. Ohne (ihre) Weiblichkeit auch kein Leben, keine Schöpfung. Guadagninos Suspiria ist voll damit. Männer spielen eine untergeordnete Rolle und die präsenteste männliche Figur wird von einer weiblichen Darstellerin verkörpert.

Eine reine Huldigung der Frau und des Feminismus ist Suspiria mitnichten. Steht die Mutter hier auch als Schöpferin und Verkörperung des Bösen: Mater Suspiriorum aka Helena Markos, gefeierte Tänzerin, Buchautorin und Direktorin der im geteilten Berlin der 70er Jahre ansässigen Tanz-Akademie. Die dort nach ihrem gut verlaufenen Vortanzen aufgenommene Susie Bannion erfährt langsam das, was die entschwundene Schülerin Patricia aufgedeckt und dem Psychologen Josef Klemperer anvertraut hat. Markos und ihre treu ergebenen Lehrerinnen sind in Wahrheit Hexen. Unter den Fittichen von Madame Blanc, die den Schülerinnen einiges abverlangt und eine komplette Aufopferung für den Tanz fordert, bemerkt Susie zuerst nicht das eigenartige Verhalten ihrer Ausbilderinnen. Erst ihre Begegnung mit Klemperer bringt sie dazu, nach erstem Anzweifeln seiner Aussagen, näher hinzuschauen.

Den Hexenkult um Markos nutzen Guadagnino und sein Drehbuchautor David Kajganich als geschicktes Sinnbild für ihre mannigfaltigen Ideen. Die Tanz-Akademie erscheint im Kontext der Zeit, in welcher die Geschichte angesiedelt ist, als Berlin innerhalb Berlins. Abgeschottet, ein eigener Staat innerhalb eines anderen, dessen System, sein Innerstes, marode und von Spannungen geprägt ist. Der Zirkel ist in zwei Lager um Markos und die zurückhaltendere, progressiver denkende Blanc gespalten und drohte durch die Schnüffeleien Patricias entdeckt zu werden. Der aufmüpfigen Schülerin wird nach ihrem Verschwinden nachgesagt, dass sie ihr erweckendes Rebellentum im Untergrund weiter auslebt. Der deutsche Herbst ist allgegenwärtig; Radio- und Fernsehmeldungen künden fast beiläufig von der Entführung Hanns-Martin Schleyers, der Landshut und anderen Aktionen der RAF. Das Politikum des Zirkels lässt diesen als Abbild des alten, von innen vergifteten Deutschlands nach der noch nicht lange vergangenen Nazizeit erscheinen.

Guadagninos Horror ist ein Horror des Inneren, begründet auf allgegenwärtige Ängsten. Was Patricia widerfährt, scheint Klemperer - einem Juden - und Susie und der Mitschülerin und zur Freundin gewordenen Sara bevorzustehen. Der erlesene Kreis der elitären Hexen beseitigt mit kaltem Kalkül all' jene, von denen eine Gefahr ausgehen könnte. Im Kontrast zu Argentos Vision eines poppigen, schrillen und verzaubernden Horrormärchens schlägt sich diese Angst im Bild des Films nieder. Die Farbgebung ist matt und der Schleier des deutschen Herbstes verschluckt in seinem grauen Schlund jedwede kräftige Farbe. Den einzigen Kontrast stellen die Tanzszenen dar. Guadagnino schenkt ihnen Raum und ergibt sich der bzw. dessen Kunst getreu dem Motto von Madame Blanc. Mit der Unterteilung in sechs Akte und einem Epilog ist Suspiria wie ein Theaterstück aufgebaut und die im Film ausgesprochene Aufforderung seitens der Lehrmeisterinnen, sich mit Haut und Haaren dem Tanz und dessen Kunst zu widmen, lässt vermuten, dass Guadagnino mit seiner Coverversion des Originals diesen ursprünglichen Kunstformen Tribut zollt.

Jene Momente schenken der kühlen Sprache des Films eine angenehme Körperlichkeit. Die Kamera ist dicht an den Performern und Hauptdarstellerin Dakota Johnson dran. Jede eingefangene Körperbewegung, mag sie noch so unscheinbar sein, wird ausgedehnt zelebriert. Es ist die Intimität dieser Szenen, durch die die erste Mordszene nicht nur allein durch ihre Darstellung lange im Gedächtnis bleibt. Gipfeln tut dies in eine faszinierende, grotesk ausufernde Finalszene, deren rauschartige Performance einem wortwörtlichen Blutbad weicht, dass seltsam unpassend im Vergleich zum vorangegangenen, eher ruhigen Horror ist. Häufig macht Suspiria den Eindruck, dass Guadagnino und sein Autor Kajdanich den Film zu einer bedeutungsschwangeren Kunstnummer hochstilisieren und ihre Version gezwungen oppositionär zum Original gestalten. 

Das raubt ihm die Lebendigkeit und lässt ihn wie die bühnenhaften Anfangswerke Fassbinders erscheinen. Vieles sollte da auf einmal in die Geschichte und lässt seine Metaebene bei allen vorhandenen Deutungen beinahe zerbirsten. Sinnbild für die Stimmung Deutschlands in den 70ern und wie allseits präsenter Terror im Alltag den Menschen beeinflusst, eine Studie über die Formen der Macht und ihren Auswirkungen, eine Zelebrierung der Weiblichkeit und des Feminismus und gleichzeitige Überzeichnung seiner Kraft. Die Faszination Suspirias rührt daraus, was Guadagnino und Kajdanich in den Film gesteckt haben und in der Wirkung ihrer Horror-Performance, die mit zweieinhalb Stunden eine epische, aber zu keiner Sekunde langweilige Laufzeit besitzt. Wie großartige Kunstwerke anderer Strömungen lädt Guadagninos Suspiria gerne dazu ein, sich immer wieder durch seine Kapitel zu pflügen und seine Details auseinander zu nehmen.

Dienstag, 7. Mai 2019

Stephen King's Stark

Bei George A. Romeros Verfilmung des Stephen King-Romans The Dark Half, im deutschen schlicht Stark, nach dem Pseudonym des schreibenden Protagonisten benannt, frage ich mich gerne, ob Romero im Plot ein Klagen über das Leben als Schöpfer von vom Feuilleton gerne als reine Unterhaltung oder negativer als Schund abgetaner Horrorwerke, gleich ob literarisch oder filmisch, herauslas. King wie Romero wurden damit bekannt, wobei letzterer in seinen Zombiefilmen Night of the living Dead und Dawn of the Dead durchaus sozialkritische und subtile Töne anschlägt. Eher ist es King, welcher die Geschichte seine Figur Thad Beaumont in einigen Dingen autobiographisch färbte und mit dem Ausgangspunkt von diesem augenscheinlich beklagt, dass es schwer ist, aus dem selbst geschaffenen Gefüge auszubrechen.

Mit den unter seinem richtigen Namen veröffentlichten Büchern verdient der angesehene und als Uni-Professor arbeitende Beaumont nicht viel; mit den unter dem Pseudonym George Stark geschaffenen, rauen Hardboiled-Krimis und -Thrillern steht er regelmäßig in den Bestenlisten. Als ein Erpresser droht, seine Identität auffliegen zu lassen, beschließt der Autor, diesem zuvor zu kommen und einen Schlussstrich zu ziehen. George Stark soll sterben. Öffentlichkeitswirksam möchte er ihn zu Grabe tragen. Seine Agenten beschließen mit ihm zusammen, dass mit einem Artikel im People Magazine die Bombe platzen soll. Kurz nach dem Interview- und Foto-Termin beginnen mysteriöse Morde im nahen Umfeld des Autors, die ihn selbst zum Hauptverdächtigen machen, als seine Fingerabdrücke am Tatort gefunden werden. Spät wird dem von den Ungeheuerlichkeiten überrumpelten Beaumont klar, dass sich sein literarisches Alter Ego George Stark selbstständig gemacht haben muss, da dieser es äußerst unschön findet, dass er nun sterben soll.

Das doppelbödige in Kings Buch geht in Romeros Umsetzung leider etwas abhanden. Steht George Stark dort einerseits als die Crux eines zu höher strebenden Autor, der mit seinem von der Kritik gelobten, von den Lesern leider eher vernachlässigten Büchern nicht die Beachtung von letzteren erhält, die er sich wünscht und ist andererseits die Verkörperung der dunklen Seiten des Menschen. Stark kommt stark nach der Hauptfigur seiner Romane und ist ein schmieriger, zynischer und egoistischer Mensch, der nicht vor Gewalt zurückschreckt um seine Ziele zu erreichen. Er trinkt, raucht, flucht; ist durch und durch ein schlechter Mensch und konzentriertes Böses. Beaumont beginnt durch die psychische Belastung nach Starks auftauchen und den ersten Morden mit dem Trinken. King verarbeitete im Buch teils die eigene Alkoholsucht; erst nach dessen Fertigstellung wurde er komplett trocken.

Romeros Film hingegen ist ein durchaus sehenswerter Horror-Thriller, der aus der Thematik um den düsteren Doppelgänger bzw. Zwilling wenig macht. Eher nutzt er Stark nach dessen Auftreten dazu, die atmosphärisch dichte und bedächtig aufgebaute Geschichte zu zerfasern und ihn in einzelnen Episoden die Menschen aus Beaumonts Umfeld umbringen zu lassen. Diese fühlen sich vom restlichen Film durch ihre konträre Tonalität losgelöst an. Wenn es Romeros Absicht war, dies als Stilmittel durch die Konzentration auf George Stark zu nutzen, so geht dies leider nicht komplett auf. Die Ermordung von Beaumonts Agenten z. B. ist beinahe gialloesk, versucht sich an Farbspielereien á la Dario Argento, möchte gleichzeitig nicht zum ruhiger voranschreitenden Restfilm passen. Im Aufeinandertreffen von Beaumont und Stark lässt Romero diese Stilistik fallen und nutzt die zu Beginn aufgebaute Stimmung der rationalen Welt des Autoren, in die Stark eindringt. Im Gesamtbild von Stark ist dies durchaus logisch, die Mordszenen mögen dennoch leider nicht komplett in den Film passen.

Kings Ton, wie der Horror in die behütete, unschuldig wirkende Welt der Protagonisten, welche durch deren häufig ländlichen Lebensmittelpunkte betont wird, trifft Romero hingegen sehr gut. Stephen King's Stark kann durch eine dichte Atmosphäre punkten, die den Film auch dann trägt, wenn offensichtlich wird, dass Romero sich im Evil Twin-Plot auf gängigen Mustern ausruht. Dem Regisseur und Drehbuchautoren gelingt es nicht, sich aus dem starren Image bzw. Bild, das die Öffentlichkeit (damals) von diesem hatte, zu befreien. Wie Stark scheint es eine starke Übermacht zu sein, deren Fesseln stärker als geahnt sind. Der zu höherem strebende Schöpfer - hier Romero - erscheint wie ein Träumer, dessen Pegasusflügel alleine beim Gedanken an die Höhensonne anspruchsvollerer Stoffe zu schmelzen beginnen. Leider schien sich Romero mit dieser Rolle im späteren Leben zu arrangieren und kratzte mit weniger erquicklichen Spätwerken am selbst geschaffenen Bild, dass die Fans von ihm hatten. Einzig Land of the Dead sollte von dem, was nach Stark kam, ein kleiner Lichtblick sein. Das phantastische Genre kann für einige Kreative Fluch und Segen zu gleich sein; manchmal scheinen sie gar nicht zu bemerken, dass der auf einem lastende Fluch eher daher rührt, dass sie das Potenzial von dessen nicht ausreizen und den durchaus dort vorhandenen Anspruch (und Intellekt) zugunsten altbekannter, variationsarmer Geschichten liegen lassen oder schlicht nicht wahrnehmen. Das führt wieder zu Romeros Umgang mit Kings Buch, dessen mitschwingenden Untertöne nicht komplett zu ihm bzw. in dessen Drehbuch durchdrangen und für mich trotzdem eine recht gute King-Verfilmung und gleichzeitig der letzte richtig gute Romero-Film in dessen Filmographie ist.

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