Film ist Wahrheit, 24 Mal pro Sekunde. Tagebuch. Meinungen. Filmstoff.

Sonntag, 18. Dezember 2011

Viva Cangaceiro

Aller guten Dinge sind drei. Nach dieser bekannten Redewendung ist auch der Italiener Giovanni Fago vorgegangen und hat sich nach dem dritten von ihm inszenierten Western anderen Genres zugewandt. Wobei er allerdings gerade mit seinem letzten Film aus dieser Sparte ein kleines Ausrufezeichen gesetzt hat, da sich dieser damals wie heute doch schon etwas von den vielen anderen Pferdeopern aus Bella Italia abhebt. Zuerst wandte er sich mit seinem Debüt Django der Bastard (1967) sowie dem darauf folgenden Django - Melodie in Blei (1969) recht gebräuchlichen Geschichten zu und präsentierte diese mit allen für das Genre typische Elementen. Dabei hat Fago auch schon bewiesen, dass er vielleicht kein meisterlicher Macher, aber dafür ein sehr solider Handwerker ist, der ordentlichen Stoff abliefern kann. Mit dem im Original betitelten O'Cangaceiro überrascht Fago plötzlich mit etwas völlig anderem, der bestimmt so manchen Zuschauer mit falscher Erwartungshaltung vor den Kopf gestoßen hat.

Man könnte hier natürlich das Argument anbringen, dass der Cangaceiro einer unter vielen der damals aufkommenden Revolutions-Western ist. Zwar verschlägt es Fago zwar auch auf den amerikanischen Kontinent, doch nicht wie üblich nach Mexiko. Lieber hat er mit seinem umfangreichen Autorenteam (darunter der ebenfalls als Westernregisseur bekannte Rafael Romero Marchent) in der südamerikanischen Geschichte gewühlt und dort in Brasilien die sogenannten Cangaceiros für sich entdeckt. Diese waren im Nordosten des größten Landes Südamerikas marodierende Banden Gesetzloser, welche u. a. Städte oder auch Stützpunkte der Armee überfielen. Durch die in diesem Landstrich vorherrschende Armut rotteten sich die zusätzlich auch noch von der Regierung unterdrückten, unzufriedensten Bürger zu eben solchen Banden zusammen, welche ihre armen Mitbürger meistens in Ruhe ließen und teils sogar unterstützten. Als Darsteller für seinen Gesetzlosen suchte sich Fago einen gebürtigen Mittel- bzw. Lateinamerikaner aus, so dass dieser nicht nur durch sein gutes mimisches Können sondern auch durch sein Aussehen glaubhaft in dieser Rolle überzeugen kann.

Man griff zum Kubaner Tomas Milian, einem wahren Kultdarsteller, der ja schon zur damaligen Zeit in so einigen Italowestern mitwirkte. Und dieser ist eine wahrhaft passende Wahl für die Figur des Esposito, der in den 20er Jahren während eines Massakers des Militärs an der Bevölkerung seines Heimatdorfs, angeschossen und hinterher von einem Eremiten aufgefunden und versorgt wird. Zuerst ist Esposito nur mit der Pflege seiner Kuh beschäftigt, interessiert sich nicht für die Vorgänge in seinem Dorf, über die auch sein Vater mit ihm redet. Esposito ist eine einfache Haut, ein Naivling, ohne große Bezüge zu seiner Umwelt. Während draußen die Armee vor dem Dorf steht und einen dort untergekommenen Cangaceiro zur Kapitulation auffordert, ansonsten würde man die gesamte Bevölkerung umbringen, kümmert er sich aufopferungsvoll um das Tier. Er bekommt die Vorgänge gar nicht mit und scheint selbst bei der Eskalation der Ereignisse vollkommen desinteressiert diese an sich vorbei gehen lassen. Erst als beim Massaker der Militärs auch seine Kuh daran glauben muss, erwacht er aus seiner Welt, in der er zu leben scheint.

Glücklicherweise überlebt er leicht angeschossen die Gräueltaten und wird nun von einem äußerst gottesfürchtigen Einsiedler gesund gepflegt, der Esposito mit seinem religiösen Gebrabbel ziemlich beeindrucken kann. Vor allem: er beeinflußt ihn auch. Esposito wird vom Eremiten für dessen Zwecke benutzt. Laut diesem, ist ihm immerhin schon Gott erschienen, der zufälligerweise die Gestalt des Kuh- und Vaterlosen Manns trug. Esposito scheint wie ein hohles Gefäß zu sein, in welches man seine Zwecke einfüllen kann, damit dieser sie dann ausführt. Er wandert nun durch die Gegend, predigt das heilige Wort und ruft dabei gleichzeitig zum Kampfe und zur Rebellion auf. Dabei wird er in seinen Worten immer radikaler und nachdem er während eines Bettelzuges vom Militär aufgegriffen und verhaftet wird, wandelt er sich zum Cangaceiro. Er schart die Mitgefangenen nach einem Ausbruch aus der Haft um sich und formt eine Bande, welche den Landstrich, in dem er sich mit seinen Kumpanen niederläßt, mit Terror überzieht.

Dabei ist Esposito, der sich mittlerweile auch "Der Erlöser" nennt, aber dem Gouverneur der Region, einem gewissen Branco, im Wege. Immerhin ist dort ein großes Ölvorkommen entdeckt worden, das dem Land und vor allen den höhergestellten Gesellschaften ordentlich Geld in die Taschen fließen lassen würde. Aber die dort eben umherwandelnden Banden sind das einzige Hindernis, welches dem Abbau des Öls im Wege steht. Mit Hilfe eines holländischen Ölsuchers, der schon mal die Bekanntschaft mit dem Erlöser machte, versucht der Gouverneur Esposito auf seine Seite zu ziehen und so die anderen Cangaceiro-Banden zu beseitigen. Unser Erlöser lässt sich wieder einspannen, merkt aber alsbald, dass er von dem schmierigen Herren betrogen wurde, was dessen Versprechungen angeht. Allerdings hat Branco nicht mit der Rache des Erlösers gerechnet.

Nun macht Fago hier mit der Geschichte zwar schon so einiges richtig, dennoch erscheint Viva Cangaceiro doch auch etwas holprig an manchen Stellen. Milian verkörperte übrigens auch schon in Corbuccis Lasst uns töten, Compañeros (ebenfalls 1970) einen naiven Menschen, welcher durch den Einfluss anderer plötzlich in einer für ihn vormals vollkommen uninteressanten Sache verwickelt ist. Auch hier ist seine Leistung wieder sehr gut, nur das Buch bremst seine Figur auch etwas aus. Der religiöse Einfluss auf Esposito, der seinen Retter durch seine Verwundung an der Seite an Jesus Christus erinnert, wird etwas zu schnell auf die Seite geschoben. Fago zeigt uns in wenigen, schnellen und episodisch erscheinenden Szenen den Wandel Espositos. Es scheint als habe er das Potenzial, welches hier schlummerte nicht erkannt oder nicht weiter nutzen wollen. Schnell wird aus dem predigenden Naivling, dem man anmerkt, dass ihm seine Worte von einem anderen in den Mund gelegt sind, ein fast schon einfacher Bandit. Dabei entfernt sich auch Milians Äußeres weg vom einfachen Prediger der mit Kreuz und Machete seine Worte verkündet zu einem stylish interessanten, aber auch überfrachtend aussehenden Halunken.

Esposito spricht von Freiheit, von Aufstand gegen die Unterdrücker der armen Bevölkerung und versucht das Wort Gottes in revolutionäre Tiraden zu wandeln. Er schart mit den ehemaligen Mithäftlingen eine Bande um sich, wie einst Jesus seine Jünger. Man hätte die religiösen Anspielungen ruhig weiter in den Stoff einbauen und natürlich auch ausbauen können, um die Botschaften, die Viva Cangaceiro hier und da mit sich bringt, weiter auszubauen. Die Geschichte des Heilands umgewandelt in eine Art Revolutions-Western mit ganz eigener, ungewöhnlicher Art. Da hätte man etwas daraus machen können, doch die sichere und wohl auch einfachere Spur wird im weiteren Verlauf der Geschichte bevorzugt. Wobei es Fago hier und da noch schafft, leichte Kapitalismuskritik in den Stoff zu Schmuggeln. Beinahe könnte man seinen Esposito als sozialistischen Heilsbringer ansehen, der für das Wohl des Volkes beisteht und der nur auf Gewinn und Moneten schielende Obrigkeit ans Bein pinkeln will. Immerhin hat er mit Eduardo Fajardo als Gouverneur Branco einen schauspielerisch ebenbürtigen Partner bekommen, der auch sehr gut als aalglatter und skrupelloser Geselle, der nur auf seinen persönlichen Vorteil aus ist, rüberkommt.

Da scheint man zuviel auf einmal mit dem Cangeceiro gewollt zu haben. Nicht nur, dass man diese Allegorie auf die Geschichte plötzlich einfach unter den Tisch fallen lässt und auch die vormals starken religiösen Anspielungen sich im Laufe der Geschichte zurücknehmen. Hinzu kommen sozialkritische Töne, die aber auch nur Ansatzweise aufgezeigt werden um weiterhin auch noch die eigentliche Story des Films erzählen zu können. Es passt einfach nicht so richtig und erst spät schafft es der Film, seinen eigenen Weg zu gehen. Hier wandelt er allerdings eher auf den Pfaden einfacherer geprägter Revolutions-Western. Wenigstens kann er sich durch die Ansiedlung der Story in Südamerika und der Zeit in der er spielt, dem 20er Jahren des letzten Jahrhunderts, deutlich von diesen abheben. Somit ist Viva Cangaceiro auch nochmal etwas ganz eigenes, eine kleines Unikum, dass es trotz seiner Diskrepanzen im Aufbau der Story zu entdecken gilt. Fago schafft es trotz allem, eine interessante Geschichte zu erzählen, bei der eben leider die Anfangs so interessante Figur des Esposito etwas verblasst.

Dieser Wust an Fäden, welche die Autoren des Films aufgenommen haben, verheddert sich etwas an mancher Stelle und einige werden dann auch noch fallen gelassen. So sind dann auch manche Handlungen einiger Figuren etwas schwerer bzw. nicht allzu logisch nachvollziehbar. Hier wollte man wohl eher etwas mehr Pepp in die Handlung an manchen Stellen bringen, damit auch die Action nicht zu kurz kommt. Immerhin wird auch hier ordentlich die Feuerbüchse betätigt, so dass mancher Filmtod gestorben wird. Spätestens beim Kampf gegen die Militärs wandelt sich Viva Cangaceiro zu einem Spektakel, dass durch einen äußerst tristen und nüchternen Stil auffällt. Allerdings punktet der Film auch durch einige gute Einstellungen, die auf das Konto von Kamermann Alejandro Ulloa gehen. Nicht unterschlagen sollte man auch den etwas eigentümlichen, aber dennoch passenden Score von Riz Ortolani der auch so manche Szene sehr gut aufwerten kann.

Vielleicht war Fago nicht die beste Wahl für so einen komplexen Stoff, eventuell hat er mit seinen Mitautoren auch nur zu viel in einen Film packen wollen. Er ist ein guter Handwerker, dem es allerdings etwas an Esprit und hier und da auch an Feingefühl geht. Grundsätzlich ist ihm hier ja ein sehr interessanter Streich gelungen, dessen Motor bei der Fahrt durch die Handlung ins stottern gerät. Man kratzt zu sehr hier und da an der Oberfläche, bohrt aber nicht weiter nach und läßt einen etwas unbefriedigenden Eindruck zurück. Viva Cangaceiro kann sich durch seinen eigenen Charme, den er mit sich bringt, vor dem Fall in die Bedeutungslosig- bzw. Mittelmäßigkeit bewahren. Doch so richtig rund erscheit das ganze einfach nicht. Sicherlich: auch Filme dürfen und sollten Ecken und Kanten haben, doch an diesen stößt man sich allerdings doch irgendwie zu schmerzhaft. Und irgendwie ist der Film trotzdem auch so etwas wie eine klitzekleine Perle, die es zu entdecken gilt. Hier geht die Zwiegespaltenheit, die auch dem Werk innewohnt, fröhlich weiter. Alles in allem aber ein ansprechender Film der auch durch seine ganz außergewöhnliche und andere Art faszinieren kann. Ja, der Giovanni ist schon ein Fuchs. Bevor er mit anderen Arbeiten wieder eher durchschnittliche Arbeiten ablieferte, hat er hiermit schon ein aus seiner Filmographie herausstechendes Stück Film abgeliefert.

Dienstag, 13. Dezember 2011

Djangos blutige Spur

Insgesamt zwanzig Mal nahm der gute Tanio Boccia auf einem Regiestuhl platz und war dabei vor allem im Peplum, also den italienischen Monumental- und Sandalenschinken, zu Hause. Dabei war Boccia zu Beginn seiner Karriere eher auf der Bühne aktiv: er startete als Choreograph und Tänzer, wurde hier und da auch als Mime in Dialektstücken eingesetzt bevor es ihn dann von den Brettern dieser Welt zum wuseligen Filmgeschäft seines Heimatlandes zog. Dies begann gegen Ende der 50er, als mit dem Erfolg des pompösen, amerikanischen Monumentalfilms auch die ersten italienischen Produktionen dieser Machart über die Leinwände dieser Welt flimmerten. Der gute Tanio konzentrierte sich hier eher nicht auf historische, sondern eher alter Legenden und Sagen verbundene Stoffe. Unter seiner Knute erlebten Sagenhelden wie Maciste (Maciste besiegt die Feuerteufel, 1961), Samson (Samson und die weißen Sklavinnen, 1963) oder auch Herkules (Hercules of the Desert, 1964) kostengünstig hergestellte, aber bunte Abenteuer in den Kinos der damaligen Zeit. Mit dabei war meistens der italienische Bodybuilder und Mime Adriano Bellini, der sich hier meist hinter dem amerikanischen Pseudonym Kirk Morris versteckte.

Und als man in der italienischen Filmindustrie die ohnehin schon recht angestaubten Sandalen an den Nagel hing und sich anderen Stoffen widmete, so zog natürlich auch Boccia mit, inszenierte hier mal einen Agenten- und dort einen historischen Abenteuerschinken, bevor er sich dem nächsten Trend widmete. Vier Italowestern entstanden unter seiner Regie, wobei aus dieser Phase wohl vor allem Die sich in Fetzen schießen (1967) herausragt. Dieser Film wurde nämlich schon drei Jahre später neu verfilmt. Das Quasiremake hörte auf den Namen Matalo bzw. in Deutschland Willkommen in der Hölle und stellt einen ausgesprochen psychedelischen und herausragend anderen Italowestern dar. Boccias Vorbild für diesen Ausnahmefilm kommt dabei viel ordentlicher und bodenständiger daher. Zwei Eigenschaften, die man auch seinem letzten Western zusprechen kann. Was allerdings nicht heißt, dass Djangos blutige Spur etwa zu bieder umgesetzt wurde. Man merkt dem Streifen ja schon seine Entstehungszeit, die beginnenden 70er, doch etwas an.

Gerade auch beim Hauptdarsteller Richard Harrison, welcher mit seinem breiten Oberlippenflusensammler hier auf der Suche nach den Mördern seiner Schwester ist. Jeff Cameron ist hier sein Name, ein Kriegsgefangener, der nun in den Süden und seine Heimat zurückkehrt und die niederschmetternde Nachricht überbracht bekommt, dass Schwesterlein Deborah den Radies beim Wachsen von unten betrachten muss. Der Erlös des Verkaufs der Familienranch wurde ihr hier zum Verhängnis. Während der Auszahlung durch die Käufer des Grundstücks, einer Eisenbahngesellschaft, wird sie von einem bediensteten beobachtet. Schon hier geifert er beim Anblick des vielen Zasters die Fensterscheibe voll um dann mit einem Kumpanen in der nahe gelegenen Stadt einen Hinterhalt zu planen, in den Deborah leider auch vollends reintritt. Entrinnen gibt es keinen und während Oberfiesling Montana sogar noch kurz seinen Spaß mit dem armen Mädel hat, wird sie hinterher kaltblütig ermordet. Also schmiedet Jeff nach einigen Hinweisen auf die Mörder, die er gesammelt hat, den Plan, den insgesamt fünf Herren welche am Tod der Schwester schuld sind, sein Leibgericht zu servieren. Natürlich ist dies nichts anderes als eiskalt servierte Rache.

Der gute Harrison, wie Boccias Peplum-Lieblingsdarsteller Bellini ebenfalls ein ehemaliger Muskelpumper, ist hier wirklich gut aufgelegt. Sein flapsiger erster Auftritt als recht neben sich stehendem, verlumpten Kerl der in inniger Zweisamkeit mit seinem Maultier Manolito zu sein scheint, erinnert uns dabei ein klein wenig an diverse Auftritte von Terence Hill in diversen Prügelwestern, die er mit Dauerpartner Bud Spencer bestritt. Zerzaustes Haar, leicht angeschickert und trotzdem immer einen launigen Spruch auf den Lippen. Da verzeiht man ihm auch das schäbige rosa Hemd, welches er in dieser Szene trägt. Diesen kleinen, auflockernden Anflug von Humor lässt schnell die Sympathien für Harrison entstehen. Auch wenn er im weiteren Verlauf des Films ab und an wie ein typischer Held aus US-Western rumrennt, so sieht man dem bärtigen Herren gerne bei seinem Rachefeldzug zu. Eine markige, aber niemals kalauernde sondern eher sehr sorgfältige deutsche Synchronisation unterstreicht dies hier auch noch gekonnt. Hier und da scheint man es in der Ausrichtung Harrisons Figur etwas zu gut gemeint haben, zu cool erscheint der Herr. Seine Figur lässt etwas Verbissenheit in seinen Bemühungen vermissen.

Zumal er ja ohnehin ein sehr leichtes Spiel hat, die Pappenheimer, welche seine Schwester auf dem Gewissen haben, ausfindig zu machen. Hier leiert Boccia, der auch das Script schrieb, die Geschichte leider etwas zu einfallslos einfach runter. Nach dem ersten Hinweis auf den Aufenthaltsort von Obermufti Montana macht sich Jeff einfach dorthin auf, trifft diesen zwar an, bekommt ihn aber nicht in die Finger. Dafür spürt er nach und nach die Komplizen auf und richtet diese logischerweise einen nach dem anderen für ihr grausigen Vergehen. Selbst hier kommt er, bis auf die erste Begegnung mit Montana, nicht in Schwierigkeiten. Hier umgeht Boccia das ungeschriebene Italowestern-Gesetz, dass der Protagonist mindestens einmal in die Hände des Widersachers gerät und schlimmste Misshandlungen aushalten muss. Von daher ist die vom ohnehin unsinnigen deutschen Titel angedeutete Spur keineswegs blutig. Das hier kein Django vorkommt, versteht sich nach den bisherigen Ausführungen zum Film auch von selbst.

Aber Boccia versteht sein Handwerk und schafft es mit dem angesprochen wohlgesonnenen und spielfreudigen Harrison schnell den Zuschauer auf seine Seite zu ziehen. Die wilden (und milden?) Siebziger versprühen ihren Glanz, ihre ganz eigene Art und rein atmosphärisch bietet uns der mit 69 Jahren in Rom verstorbene Regisseur ausgezeichneten Stoff. Staubige, verlassene oder auch sehr runtergekommene kleine Städtchen bilden hier den Hintergrund für eine Geschichte, die einfach mehr Biss vertragen hätte. Somit hätte man wohl auch einen richtig starken Western hinbekommen. Wobei Djangos blutige Spur keineswegs schlecht ist. Einen Innovationspreis wird das Machwerk nie gewinnen, doch besser eine gute, aufgewärmte Story als miese Neukompositionen, die nicht munden wollen. Zumal nicht nur Harrison zu überzeugen vermag. Als weibliche Hauptrolle, die allerdings erst zum Ende etwas Screentime bekommt, bekommt man die dralle Anita Ekberg als Dame aus dem horizontalen Gewerbe zu Gesicht. Irgendwie ist die Rolle der schwedischen Aktrice etwas verschenkt, auch wenn Chemie zwischen ihr und Harrison stimmt. So hat man wenigstens noch eine kleine Nebengeschichte in den dünnen, hier und da vorhersehbaren Stoff, eingebaut bekommen.

Der oberfiese Montana wird von Rik Battaglia gemimt, ausserdem ist auch noch George Wang als einer der Bösewichte zu sehen. Dabei macht auch Battaglia eine gute Figur und ist auch für die wenigen im Film doch zu sehenden Sadismen zuständig. Eventuell gibt es aber im Ausland sogar mehr zu sehen, hier und da erscheint die deutsche Fassung etwas holprig und unvollständig. Dennoch ist die unaufgeregte, aber saubere Machart des Films ein Pluspunkt, die den Stoff bis zu seinem doch eher unspektakulären Ende über die Zeit rettet. Dazu versüßt einem der recht präsente und tolle Score von Carlo Esposito den Film. Die bekannte Rachestory, die man wie den kommenden Besuch im norddeutschen Flachland schon ewig vorher sehen kann, vermag es nun wahrlich nicht, Bäume auszureißen bzw. Begeisterungsstürme zu entfachen. Doch der ohnehin für sein Talent, kostengünstige Stoffe gut aussehen zu lassen, bekannte Boccia schuf einen dennoch sehr lockeren und leicht den damaligen Zeitgeist versprühenden Italowestern. Wie bereits angesprochen, wäre etwas mehr Biss wünschenswert. Aber auch so ist der Film ein voll und ganz zufrieden stellender und in Ordnung gehender Beitrag.

Freitag, 2. Dezember 2011

Meister des Grauens

Wir befinden uns im Spanien des Jahres 1492. Die Inquisition sorgt dafür, dass das Land von Hexen und ähnlichem gottlosen Gefolge gereinigt wird. Der Obersaubermacher hört auf den Namen Torquemada und der Großinquisiteur ist dabei sogar so überzeugt von seinem Tun und dem Werkzeug der Folter als Maßnahme um Hexen zu überführen, dass er sich sogar über eindeutige Weisungen des Papstes hinwegsetzt. In sein grauslig-frommes Tun platzt allerdings die herzensgute Maria, die während einer Hexenverbrennung einen kleinen Jungen vor seiner Auspeitschung bewahren möchte. Selbst ihr Ehemann Antonio kann sie nicht davon abhalten. Torquemada bekommt davon natürlich Wind und lässt Maria unter Verdacht, sie sei ebenfalls eine Hexe, in einen Kerker seines Schlosses werfen. Dort durchlebt die hübsche Dame allerlei Absonderlichkeiten und einen Großinquisiteur, der trotz aller Frömmigkeit sehr triebhafte Gelüste für diese entwickelt. Währenddessen versucht ihr Ehemann mit einem tollkühnen Plan, sie aus den Fängen der Inquisition zu befreien.

Das Werk Edgar Allan Poes ist für Filmemacher aus der Genreschublade ein gut bestückter Fundus für Inspiration und Ideen. Nicht gerade selten wurden seine Geschichten für die große Leinwand adaptiert oder zumindest Elemente aus den ja auch nicht gerade immer sehr leicht umzusetzenden Erzählungen aufgenommen und in so manches Schauerwerk eingeflochten. Dem B-Film-Halbgott Rogar Corman verdanken wir sogar mit die besten Verfilmungen von Poe-Geschichten, welche in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts entstanden. Und wenn wir schon gerade bei Veteranen des Genrefilms sind, so dürfen wir nicht Charles Band vergessen. Irgendwie wird dieser ja leider immer etwas vergessen, dabei hat dieser mit seinen Studios Empire und nicht zuletzt auch Full Moon so manch launiges und kultiges Werk abgeliefert. Er mag zwar nicht so bedeutend sein wie Corman, aber dennoch haben wir ihm zum Beispiel die Puppetmaster-Reihe oder auch die kultige Lovecraft-Verfilmung Re-Animator (1985) zu verdanken. Zu Beginn der 90er war dann bei Band und den damals noch recht frischen Full Moon-Studios Poe eine literarische Vorlage Poes an der Reihe, als Film umgesetzt zu werden.

Wobei der Allrounder Band (er ist u. a. Autor, Darsteller, Regisseur und Produzent) hier nur als Produzent fungierte, um eine Herzensangelegenheit von Stuart Gordon umzusetzen. Gordon ist ja als Fachmann für Verfilmungen eines anderen für die phantastische Literatur wichtigen Mannes bekannt: H. P. Lovecraft. Der schon angesprochene Re-Animator geht auf das Konto des vom Theater kommenden Regisseurs, aber auch ebenfalls auf Lovecraft basierende Filme wie From Beyond (1986) oder auch Dagon (2001). Meister des Grauens stellt die erste Berührung Gordons mit Stoff von Poe dar und basiert lose auf der Geschichte "Die Grube und das Pendel". Wenn man den Vergleich zieht, was Gordon besser liegt, so kommt man jedenfalls bei diesem Werk zum Schluss, dass es wohl Lovecraft ist. Dabei ist Meister des Grauens nicht mal ein übler Stinker ohne jegliche Qualitäten. Es ist ein für Full Moon-Verhältnisse, da die Qualität derer Machwerke leider teils auch stark schwankend sein kann, ein sogar überaus sorgfältig produzierter bzw. realisierter Film.

Gordon gelingt hier ein atmosphärisch dichter Film, den man dank der Detailliertheit bei den Kulissen und Requisiten für Full Moon-Maßstäbe sogar schon beinahe opulent nennen kann. Trotz seines weiter durchschimmernden B-Film-Charakters. Es krankt hier aber einfach nur daran, dass man bei der Geschichte selbst, nie so richtig wusste, wohin man diese steuern mag. Meister des Grauens schwebt unentschlossen zwischen Drama und Horror, bietet allerdings von allem deutlich zu wenig, um stärken in einem der beiden Gebiete ausspielen zu können. Dies führt trotz vorherrschender, höherklassiger Qualität zu einigen Längen, die man nicht so recht auszubügeln vermag. Man fühlt sich an die alten Hexenfilm-Klopfer wie zum Beispiel dem deutschen Mark of the Devil (1970) erinnert. Doch man geht an die Thematik bei weitem nicht so ausschweifend heran wie dieser oder andere, ähnlich gelagerte Filme.

Bis auf einige wenige Szenen hält sich Meister des Grauens zurück, womit die wenigen, gezeigten Grausamkeiten noch mehr Wirkung erzielen. Wer also ein Feuerwerk an Grausamkeiten und Folterungen erwartet, wird hier eher enttäuscht. Durch die Unentschlossenheit bei der Ausrichtung des Films, verpufft an manchen Stellen allerdings der Old School-Grusel, den man hier erwirken wollte. Es mag sich einfach keine richtige Spannung einstellen. Auf der anderen Seite verpuffen die dramatischen Anflüge durch einige wohl Alibimäßig hinzugefügte, übernatürliche Phantastereien. Hier punktet der Film aber durch die Darstellung von Lance Henriksen, welcher der Figur des Torquemada (der übrigens auch real existierte) unheimlich viel Leben einhaucht. Ohne großes Overacting, sondern sogar sehr akzentuiert gibt er hier einen beinahe schon religiös fanatischen Mann, der durch die Verlockung einer Frau mit sich selbst und seinen Prinzipien hadert. Diese Töne, die man hier bei Meister des Grauens anschlägt, sind ziemlich ungewöhnlich für Full Moon-Streifen. Es steht dem Film aber, Henriksen trägt diesen durch seine Leistung sogar zu einem gewissen Teil, kann selbst aber auch nicht über den langatmigen Gesamteindruck retten.

Dafür stehen ihm zwar in den Nebenrollen einige ebenfalls gute Darsteller wie Herbert West himself, Jeffrey Combs, der für einige Minuten zu erblickende Oliver Reed oder auch Mark Margolis zur Seite, aber auf der anderen Seite der Hauptdarsteller regiert der Durchschnitt. Sowohl Rona de Ricci als Maria als auch deren Filmehemann Jonathan Fuller liefern zwar okaye Leistungen ab, doch gerade de Ricci verblasst in den Szenen neben Henriksen total. Hier wäre eine erfahrenere Darstellerin wohl die bessere Wahl gewesen. Der Film bietet zwar einige nette Schauwerte, schafft es allerdings nicht, zu fesseln. Selbst der Aspekt, die Poe'sche Originalgeschichte mit der Zeit der Inquisition zu verbinden, der erst ungewöhnlich, dann aber als gute Wahl erscheint, kann hier nichts mehr herausreißen. Sogar dann, wenn Gordon andere bekannte Elemente aus dem Oeuvre des Herrn wie dem lebendig begraben sein, auspackt.

Auch wenn Meister des Grauens mit einem sehr gut aufgelegten Hauptdarsteller aufwarten kann und hier und da einige nette Szenen bietet, so ist die Inszenierung insgesamt etwas zu kraftlos. Diese Hin- und Hergerissenheit zwischen Drama und Horror lähmt das ganze. Gordon und sein Stammautor Dennis Paoli hätten sich vorher besser entscheiden sollen, welchen Weg sie einschlagen. So verpufft so manch guter Ansatz im Wust der Mittelmäßigkeit, obwohl wir es hier mit einer richtig guten Full Moon-Produktion zu tun haben. Eventuell ist es auch die hier nicht ganz passend zu scheinende ironische Art und Weise, wie Gordon sich dem Konstrukt seiner Geschichte nähert. Schwarzer Humor funktioniert wunderbar mit der abgehobenen Fantasterei eines Lovecrafts, doch bei Poe scheint dies hier und da ein Griff in die Toilettenschüssel zu sein. Mal funktioniert es zwar, jedoch nicht immer. Man verschenkt viel bei Meister des Grauens und im Endeffekt geht das ganze zwar noch in Ordnung, aber man verbleibt als Zuschauer auch noch etwas unbefriedigt zurück. Da wäre eben noch mehr drin gewesen, als einem hier geboten wird.

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