Film ist Wahrheit, 24 Mal pro Sekunde. Tagebuch. Meinungen. Filmstoff.

Donnerstag, 29. September 2011

Perrak

Paula - Emil - zweimal Richard - Anton - Kacke. Perrak. So wird der Name des namensgebenden Kommissaren, der in dieser deutschen Kriminalgeschichte die Ermittlung übernimmt, buchstabiert. Zwar nicht von ihm selbst sondern von seinem nassforschen Söhnchen Joschi, doch man kann dies ohne große Einwände so abnicken. Das ist ein rauher Ton, der hier vorherrscht und auch innerhalb der Geschichte beibehalten wird. Es weht eine steife Brise. Dies darf auch nicht verwundern, geschieht dies doch alles inmitten von Hamburg, das von seiner tristesten und unwirtlichsten Seite gezeigt wird. Postkartenkulissen sieht man woanders. Nicht in Perrak. Die erhöhte Windstärke gibt den Ton vor und so braust man auch richtig durch die Handlung. Ein Wirbelwind rauscht durch die Handlung, welche trotz einfacher Ausgangslage so einige Wendungen zu bieten hat. Es beginnt mit einer Leiche, die von einem Obdachlosen mitten auf einer Müllhalde gefunden wird. Dank des geschulten Blicks von Perrak wird die auf den ersten Blick als junge Frau scheinende Tote als Transvestit Toni identifiziert. Bei den darauf beginnenden Ermittlungen deckt dieser so einiges auf. Es geht um Erpressung, sexuelle Ausschweifungen von hohen Amtsträgern, kompromittierende Fotos und einen Batzen Kohle. Hinter dieser ist unter anderem auch der Gauner Kaminski her, der bald zum erbitterndsten Widersacher Perraks wird. Als dieser den Drahtziehern hinter dem Mord an Toni auf die Schliche kommt, schreckt Kaminski auch nicht vor einer Entführung zurück.

Inspektor Perrak greift ein. So der Kinotitel des Films, der wirklich wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge paßt. Wobei er ja nicht nur eingreift. Perrak packt zu. Geschehen ist dies unter der Regie von Alfred Vohrer. Bekannt wurde der in Stuttgart geborene Regisseur und Drehbuchautor, welcher im Zweiten Weltkried einen Arm verlor, vor allem durch sein mitwirken an der äußerst erfolgreichen Serie der Edgar Wallace-Verfilmungen, welche von Horst Wendlandt produziert wurden. Auf sein Konto gehen dabei unter anderem Die toten Augen von London (1961), Der Zinker (1963), Der Hexer (1964) oder auch Der Mönch mit der Peitsche (1967). Insgesamt war ein 14 Wallace-Verfilmungen beteiligt. An den Sets der Karl May-Verfilmungen schaute Vohrer auch mal kurz rein und inszenierte im Jahre 1964 Unter Geiern. Es folgten noch drei weitere Filme auf die Werken von Karl May beruhten. Ende der 60er verließ Vohrer Wendlandts Rialto Film und wechselte zu Roxy. Dort wurde er unter anderem auch Regisseur von einigen Johannes Mario Simmel-Verfilmungen wie Und Jimmy ging zum Regenbogen (1971) oder auch Liebe ist nur ein Wort (1972). Ab Mitte der 70er nimmt Vohrer dann auch Jobs beim TV an und trifft bei Derrick zum Beispiel wieder auf Horst Tappert, mit dem er auch schon einige Kinofilme zusammen drehte. Seine letzte Arbeit für das Kino ist der Krimi Anita Drögemöller und die Ruhe an der Ruhr (1976) bevor er sich auf die Arbeit beim Fernsehen konzentriert. Im Jahr 1986 stibt der von der Kritik oft verschmähte Regisseur in seiner Wahlheimat München.

Der schon angesprochene Horst Tappert, dem deutschen Publikum bestens als Kult-TV-Ermittler Stephan Derrick bekannt, gibt hier - nach zwei Auftritten als Inspektor Perkins innerhalb der Edgar Wallace-Reihe und diversen Rollen in TV-Krimis - einen Polizisten, der beinahe schon an die einzelgängerischen Kommissare diverser, später entstandenen italienischen Poliziotteschis heranreicht. Wer den Schauspieler bisher nur von seiner Erfolgsserie kannte, dem steht bei dessen Auftritt in Vohrers Krimireißer ein wenig der Mund offen. Obwohl man hier nicht offensichtlich und vordergründig auf Action und große Effekthascherei setzt, so ist die Art und Weise, wie Perrak auftritt, wirkungsvoll. Ein harter Hund, der trotzdem irgendwo einen weichen Kern besitzt und in jeder Situation immer einen passenden Spruch parat hat. Aufgelockert werden Handlung und auch die Figurenzeichnung unseres Protagonisten, wenn Sohnemann Joschi auf der Bildfläche erscheint. Hier schimmert auch ein wenig der Stil bzw. Aufbau der Wallace-Filme durch. So ist der von Georg M. Fischer verkörperte Jungspund ein klein wenig der lustige Sidekick. Ein ungestümer junger Kerl, der seinen hier oftmals etwas überfordert erscheinenden Vater, gerade was dessen Damenbekanntschafen angeht, an den Rand der Verzweiflung bringt. Diese humorigen Szenen lockern den grimmigen Gesamtton von Perrak auf und fügen sich homogen in das Gesamtbild ein. Es wirkt einfach passend, die Chemie zwischen beiden Darstellern stimmt sichtlich und so sind diese Szenen glücklicherweise niemals als störend wahrzunehmen.

Dieses wahnwitzige Stück Film zeichnet sich ohnehin durch die spürbare Lust am Stoff vor und hinter den Kulissen aus. Vohrer und seine Helfer hinter der Kamera scheinen wie beflügelt vom wilden Stoff und geben somit ein hohes Tempo vor, mit dem man durch die wilde Geschichte voranschreitet. Man gibt sich bewusst locker und easy, die Übergänge zwischen den Szenen kommen genauso wie aus der Pistole geschossen wie so mancher Spruch über Tapperts Lippen. Das Bild des norddeutschen Milieus wirkt zwar überzeichnet, aber dank der routinierten Arbeit des Regisseurs geschieht dies mit einer ganzen Wagenladung an Charme. Einem, der rauh und ehrlich daherkommt. Dazu weiten sich dann die Augen, wenn so einige Unglaublichkeiten vom Stapel gelassen werden. Political correctness ist bei Perrak ein Fremdwort. So wird ein farbiger Handlanger vom zwielichtigen Kaminski die ganze Laufzeit des Films über Bimbo gerufen und in einer Szene mit Farbe übergossen. Diese fließt aus Farbeimern, in die vorher zur Einschüchterung des Afrikaners geschossen wurde, über diesen und ergibt am Ende die Kombination der bundesdeutschen Flagge. In heutigen Zeiten undenkbar, damals wurde es einfach gemacht. Kopfüber stürzt sich Vohrer in den Sumpf der Kleinkriminellen und zeigt uns ein zwielichtiges Panoptikum an undurchsichtigen Figuren.

Nicht nur, dass Arthur Brauss als Casanova einen übermäßig betont coolen Schläger und Handlanger von Kaminski gibt. Das von Manfred Purzer geschriebene Script strotzt nur so vor miesen und fiesen Typen. Der Anfangs so unscheinbar wirkende Wolf Roth wird als Nick ein richtig ätzender Kerl, der ein falsches Spiel zu spielen scheint. Getoppt wird dies nur durch die Tatsache, dass der heute vor allem als Kabarettist bekannte Jochen Busse einen unheimlich schmierigen und abstoßenden Kerl gibt, der ebenfalls ziemlich undurchsichtig daherkommt. Auch wenn Tappert ohnehin schon ein mimisches Highlight darstellt und wohl niemals mehr cooler in Erscheinung tritt, so sind seine Schauspielkollegen, egal ob nun männlich oder weiblich, auch mehr als nur gut bei der Sache. Der Cast wurde wirklich sehr sorgfältig ausgewählt. Dieser sorgfältigen Arbeitsweise am Film hat man auch zu verdanken, dass sich der Stoff in seinen zahlreichen Wendungen nicht verzettelt. Die rasante Gangart des Buchs und Vohrers sachkundige Arbeitsweise sorgen dafür, dass Perrak zu einem äußerst vergnüglichen Gesamtpaket wird. Auch wenn ab einem gewissen Punkt die Geschichte trotz ihrer verschachtelten Erzählweise etwas vorhersehbar wird. Dort ist man als Zuschauer dem guten Stück schon längst erlegen.

Der Film packt einen unverblümt und stürzt einen förmlich in sein Geschehen, diesen Kosmos, bevölkert von allerlei seltsamen, undurchsichtigen und gerade deshalb so faszinierenden Figuren. Es ist eine grob erzählte Geschichte bei dem die damalige Werbung für den Film, die diesen als pulvertrockenen Sittenreißer anpreist, sogar einmal recht hat. Perrak ist nicht einfach nur pulvertrocken. Das Ding hier ist knochentrocken. Doch in all seiner Trockenheit scheint auch wieder Vohrers Einfallsreichtum aus. Der atmosphärisch dichte Reißer bietet sogar hier und da einige schöne bzw. ungewöhnliche Kameraeinstellungen, mit denen der Regisseur auch schon in seinen Wallace-Filmen arbeitete. Beim Mord an Emma wird die Inszenierung ja sogar schon beinahe gialloesk. Gerade solche kleinen Feinheiten veredeln dieses urige Stück deutschen Filmguts, fernab vom damals schon aufkeimenden Neuen Deutschen Films. Perrak bewegt sich meilenweit weg vom intellektuellen Autorenkino. Feinfühligkeit sucht man hier vergebens. Wer aber auf grobe Schellen steht, der ist hier bestens aufgehoben. Ein vorzügliches Krimivergnügen wird hier geboten, dass zeigt, dass auch die hiesigen Filmemacher dazu in der Lage waren, sowas wie Exploitation und/oder Sleaze zu produzieren. Was das angeht, steht Perrak dem deutschen Übersleazer Blutiger Freitag (1972) in nichts nach. Auch wenn Olsens Film noch ein Stück packender geraten ist, so ist auch Perrak ein äußerst sehenswertes Stück aus deutschen Landen, dass es zu entdecken gilt. Prädikat: unkorrekt und verdammt gut dabei!

Sonntag, 4. September 2011

Aktion deutscher Film

Denk ich an deutsche Filme in der Nacht...

...bin ich um den Schlaf gebracht. Oder aber auch nicht. So schlimm steht es um meine Aversion gegenüber der hiesigen Filmerzeugnisse auch nicht. Immerhin soll ja schon allein wegen des Blognamens eine Offenheit gegenüber den unterschiedlichsten Filmen aus aller herren Länder eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein. Und tatsächlich: je exotischer das Land, aus dem das Werk stammt, desto interessierter werde ich. Oder wie viele von euch haben schon jemals einen Film aus der Mongolei (in meinem Falle Der Dieb von Ulan-Bator) gesehen? Doch das Land von Dschingis Khan soll nicht unser Thema sein. Die Überschrift deutet es an: es geht um Filme aus unserem Heimatland. Und ausgerechnet immer dann, wenn der Begriff "deutscher Film" an mein Ohr dringt, so wird selbst so einem großen und aufgeschlossenem Filmfreund wie mir kurzzeitig mulmig.

Aber die Aktion, zu die unser liebenswerter, intergalaktischer Affenmensch aufgerufen hat, dient keineswegs dazu, deutsche Filme in Grund und Boden zu dissen. Das Gegenteil ist der Fall. Mit seiner Aktion möchte er zu einem gemeinschaftlichen Erleben von Filmen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz anregen und somit auch dem vergessen so mancher kleinen Perle aus diesen Ländern entgegenwirken. Lange hat es gedauert, bis mein Artikel zu dieser Aktion das Licht der Welt erblickte, versprach ich dem werten Bloggerkollegen doch schon vor einiger Zeit in einer Mail auf Dirty Pictures, bei seiner Aktion mitzumachen. Akkuter Zeitmangel hat die Geburt des Artikels etwas verzögert. Doch wie sagt man so schön: was lange währt, wird endlich gut! Und zuallererst bekenne ich mich schuldig. Zu Anfang meiner "Karriere" als Cineast hatte ich hiesigen Filmen gegenüber genauso große Vorbehalte wie ein großer Teil des durchschnittlichen Filmguckers, der nur Mainstream-Fast Food aus der ehemaligen Traumfabrik gewohnt ist. Erst nach und nach, mit den Jahren, bemerkte ich, was für durchaus feine, ja sogar meisterliche Stücke an Film in Deutschland entstanden!

Die Initialzündung kam dabei mit zwei damals noch neueren Filmen, die mich durch ihre mitreißende Machart und einer wirklich sehr eigenwilligen, da frischen und etwas anderen Inszenierung überzeugt haben. Die Rede zum einen von Das Experiment (2001) und zum anderen von Lola rennt (1998). Gerade letzterer hat mich durch seine visuellen Experimente und Eigenheiten wirklich geflasht, während Hirschbiegels Thriller-Drama ja wirklich ein den Zuschauer sehr einnehmender Film ist. Meine Vorurteile wichen immer mehr und da ich mich auch rein vom Geschmack her weiterentwickelte (Anfangen bei Horror/Splatter wurde bald alles an Filmen aus jeglichem Genre verschlungen), waren auch deutsche Filme sehr willkommen. Die sich bei mir schon bald entwickelte Vorliebe zum (vornehmlich französischen) Autorenkino ließ mich natürlich auch einige "höhertrabende" Werke aus Deutschland antesten. Bis heute stehe ich dabei mit Rainer Werner Fassbinder auf Kriegsfuss. Ich erkenne sein Werk und Wichtigkeit für den deutschen Film an, doch persönlich bin ich nicht der größte Freund seines Schaffens.

Erst vor einiger Zeit bemerkte ich dabei, dass aus dem filmischen Deutschland eben nicht nur Heimatschmonz, Pennäler-Klamauk, Report- und andere Softsex-Filme, kopflastiges Autorenkino oder Edgar Wallace-Krimis kommen. Diese verbinden ja wohl viele Gelegenheitsgucker mit dem Überbegriff "Deutscher Film". Doch auch ich bemerkte erst sehr spät bei genauerem Wühlen, was es da noch alles an Schätzen aus unserer Heimat gibt. Ich gebe zu, dass hierfür auch das eigene Forum eine perfekte Lektüre bot die hungrig auf die etwas anderen Filmerlebnisse aus Deutschland machten. Dabei stehe ich glaube ich immer noch am Anfang meiner Entdeckungsreise durch die hiesige Filmlandschaft, so viele kleine und größere Perlen gibt es da noch zu sehen. Deswegen schätze ich auch so die Idee des werten Ape-Mans. Dadurch wird man noch ein wenig mehr auf bisher unbekanntere Werke gestoßen oder auch an einige erinnert, die man vielleicht schon fast vergessen hätte.

Da merkt man erstmal, dass es in den vergangenen Jahrzehnten eine Filmindustrie gab, die gleichwohl offener und mutiger als in der heutigen Zeit war. Sicherlich, Till Schweiger hat mit seinen letzten Filmen Erfolge an den Kinokassen gefeiert. Doch meiner Meinung nach stagniert der deutsche Film ein klein wenig. Beziehungs- bzw. Liebeskomödien, Autorenfilme und Dramen scheinen die (Kino-)Landschaft hierzulande zu bestimmen. Bis auf einige rar gesäte Ausnahmen gibt es sonst beim Unterhaltungsfilm keine mutigen Projekte zu vermelden. Solche tollen Reißer wie Zinksärge für die Goldjungen (1973) oder Inspektor Perrak greift ein (1970) scheinen heute genau so wenig möglich wie psychedelische und auch den Geist ansprechende Dinge á la Engel die ihre Flügel verbrennen (1970). Ich möchte aber bei weitem kein Klagelied über die Eintönigkeit der heutigen, inländischen Filmlandschaft anstimmen. Dies tun andere schon zu hauf. Trotzdem wäre es schön, wenn der deutsche Film wieder etwas mehr risikoreicher werden würde. Und das nicht nur unbedingt im Underground. Fröhnen wir in dieser Aktion bzw. nun lieber solcher Werke wie die gerade eben angesprochenen oder auch anderen, schönen Filmen. Es folgen nun nach dieser langen Vorrede zehn von mir wirklich sehr geschätzte, deutsche Filme. Sicherlicht habe ich trotz genauem Nachdenken wieder so einige Lieblinge vergessen. Die Reihenfolge ist dabei rein willkürlich.

1. M - Eine Stadt sucht einen Mörder (Fritz Lang, 1931)
Was der Herr Lang da geleistet hat, besitzt auch heute noch einen schier unglaublichen und mitreißenden Stil, trotz seines Alters. Hier trifft das Wort zeitlos wirklich zu. Und mit Peter Lorre hat man zudem einen grandiosen Hauptdarsteller.

2. Aguirre - Der Zorn Gottes (Werner Herzog, 1972)
Ich mag Herzog. Und ich mag Kinski. Sich für einen der Filme, die die beiden miteinander gemacht haben zu entscheiden, fiel aber gar nicht mal so schwer, da Aguirre in meinen Augen immer noch der intensivste ist. Kinski gibt keine 100, er gibt 1000%. Ein großartiges historisches Drama mit ganz eigener Atmosphäre.

3. Blutiger Freitag (Rolf Olsen, 1972)
Heinz Klett! Wer den Film kennt, bekommt ein freudiges und wissendes Grinsen ins Gesicht gezaubert wenn er diesen Namen hört. Ein räudiges und hartes Stück Film von einem der interessantesten Handwerker der deutschen Filmindustrie der 60er und 70er: Rolf Olsen. Reißerische Krimikost die mitreißt. Nicht nur durch den sehr gut aufgelegten Hauptdarsteller Raimund Harmstorf.

4. Der Totmacher (Romuald Karmakar, 1995)
Man mag von Götz George halten, was man will: der Mann kann spielen! Dies hat er auch in einigen anderen Filmen gut zur Schau gestellt, doch was er hier als Serienmörder Fritz Haarmann vermag, ist meiner Meinung nach seine beste Leistung. Das Kammerspiel ist eindringlich und die auf den originalen Aussagen Haarmanns beruhenden Monologe/Aussagen lassen einen in Verbindung mit Georges Darstellung so manches mal fassungslos werden.

5. Die Zärtlichkeit der Wölfe (Ulli Lommel, 1973)
Und nochmal Haarmann. Diesmal wurde der Stoff vom Gefolge Fassbinders - Lommel als Regisseur, Kurt Raab als Hauptdarsteller - verfilmt. Eine wohl schon etwas vergessene Perle, mit einer sehr unbehaglichen Stimmung gesegnet. Auch wenn Raab nicht an George im Totmacher heranreicht, so haucht auch er in seiner Interpretation Haarmanns diesem Leben ein.

6. Roula (Martin Enlen, 1995)
Eine sehr zurückgenommene Inszenierung, die dafür ihre Stimmung intensiviert und Anica Dobra als Hauptdarstellerin aufblühen lässt. Ein eindringliches und fesselndes Psychodrama mit einem heiklen Thema.

7. Die Schlangengrube und das Pendel (Harald Reinl, 1967)
Gothic Horror aus Deutschland. Kann das funktionieren? Und ob! Unter der routinierten Regie von Reinl und mit reichlich Starpower versehen (u. a. sind Christopher Lee, Karin Dor und Lex Barker mit von der Partie) hat dieser einen atmosphärischen und überaus bunten, aber auch sehr liebevoll umgesetzten Grusler geschaffen.

8. Das Millionenspiel (Tom Toelle, 1970)
Eine TV-Produktion aus den 70ern mit dem damaligen Hitparade-Moderator Dieter Thomas Heck und Komiker Dieter Hallervorden vor der Kamera. Ein sehr guter und spannend umgesetzter Thriller der Filme wie Running Man (1987) vorweg nimmt und eine auch heute noch aktuelle Betrachtung auf die Sensationslüsternheit der Medien ist.

9. Jenseits der Stille (Caroline Link, 1996)
Ein leises Drama, dass Frau Link hier eingefangen hat und durch eben diese leisen Töne, die es einschlägt auch so begeistern kann. Dazu ist der Film auch noch mit einer wirklich schönen Kameraarbeit gesegnet.

10. Nosferatu - Symphonie des Grauens (Friedrich Wilhelm Murnau, 1922)
Einer der ganz großen, beinahe schon ein "Überfilm", obwohl noch aus der Stummfilmära stammend. Dafür definiert er teils die Darstellung des Vampirs im Film für die nächsten Jahrzehnte, baut eine dichte Atmosphäre auf und kann selbst heute noch mit wunderbaren Einstellungen begeistern. Und über die Darstellung Max Schrecks als Graf Orlock braucht man ohnehin nicht reden.

Dies waren sie nun: zehn sehr geschätzte und sehr gerne gesehene Werke aus Deutschland. Mit Sicherheit habe ich dabei einige Filme vergessen oder auch übersehen, die ich auch noch sehr gerne mag. Doch die hier aufgelisteten Werke sind vor allem auch Titel, die mir ohne großes Überlegen sofort in den Kopf geschossen kommen, wenn man mich nach meinen Lieblingen aus Deutschland fragt. Bis auf einige Abweichungen sind da vor allem auch Standardwerke vertreten, aber es ist ja keine Pflicht, mit den unbekanntesten Filmen zu punkten. Wie erwähnt: das sind meine Favoriten. Außerdem ist diese Aktion auch dafür da, auf eine unheimlich interessante Entdeckungsreise zu gehen. Und auf diese begebe ich mich auch jetzt!

Denn das sind meine größten Erwartungen an die Aktion. Spannende und interessante Beiträge zu einem doch immer noch vernachlässigten Thema und einem großen und weiten Feld, das an einigen Stellen noch kaum erforscht ist bzw. wieder in die Erinnerung gerufen werden muss. Da wird mit Sicherheit das Wissen erweitert und auf so manchen Film aufmerksam gemacht um so den Hunger nach neuen Filmen und Erfahrungen mit diesen, die so unterschiedliche Hintergründe aufweisen können, zu stillen. Und wir Filmliebhaber wissen ja, dass so ein Hunger ab und an beinahe schon als unstillbar oder wenigstens sehr groß bezeichnet werden kann. So bin ich noch auf viele tolle Beiträge und Vorstellungen gespannt.

Donnerstag, 1. September 2011

Samen des Bösen

Griffige Werbesprüche bzw. Taglines sind das A und O, um das Publikum überhaupt auf einen Film aufmerksam zu machen und dieses dann in das Kino zu locken. Im Falle von Ridley Scotts Alien (1979) hat man da alle Arbeit geleistet und sich nicht nur einen einprägsamen sondern auch gar nicht mal so falschen Spruch ausgedacht. Bekanntlich lautet dieser "Im Weltall hört dich niemand schreien" und diese unendlichen Weiten verschlucken trotz ihrer Lautlosigkeit mit Sicherheit jeden Schreckensschrei, den man bei einer Konfrontation mit schlechtgelaunten Außerirdischen von sich gibt. Der im von Scotts düsterem Meisterwerk ausgelösten Boom zwei Jahre später in Großbritannien enstandene Samen des Bösen könnte aber die Tagline widerlegen. Denn die dort von Judy Geeson abgelassenen Schreie würden mit Sicherheit auch in den am weitesten entfernten Winkeln der Galaxie noch gehört werden.

Ihre Rolle als Sandy bietet ihr allen Anlass zum Schreien. Immerhin ereilt sie das Schicksal, als Mitglied einer auf einem nicht näher benannten, fremden Planeten stationierten Crew von Forschern von einem fremden Wesen nicht nur angegriffen, sondern auch vergewaltigt zu werden. Hinterher macht sie die von einigen davor geschehenen und unschönen Ereignissen gebeutelten Mitglieder einen Kopf kürzer und dezimiert einen Kollegen nach dem anderen. In ihrem Leib die Brut des Außerirdischen tragend. Die wenigen Crew-Mitglieder, die die Angriffe der hochschwangeren sowie hochaggressiven Frau überlebten, versuchen sich mit allen Kräften gegen diese zu wehren. Dies ist dabei der traurige Höhepunkt von seltsamen Vorfällen, seitdem bei einer Untersuchung eines Tunnels eine rätselhafte Explosion diesen zum Einsturz brachte und somit zwei der Forscher mehr oder minder schwer verletzte. Dabei gefundene Kristalle brachten noch mehr Geheimnisse mit sich und als einer der von der Explosion betroffenen Crew-Mitglieder scheinbar den Verstand verliert und auf seine Kollegen losgeht und den (mittlerweile geretteten) Kollegen retten will, ahnt noch niemand, was ihnen noch bevor steht. Denn Sandy legt auf den Terror innerhalb des Hauptquartiers noch eine ganze Schippe drauf.

Wer allerdings glaubt, dass dies auch der Film selbst tut, immerhin besticht er ja gerade wieder im deutschsprachigen Raum mit einem besonders reißerischen Titel, der irrt sich. Der im Originalen schlicht Inseminoid betitelte Film stellt im Wust der vielen Alien-Rip Offs, die in den 80ern entstanden sind, sogar eine angenehme Ausnahme dar. Regisseur Norman J. Warren präsentiert uns hier nämlich einen Alien-Horror bei dem das wichtigste Element, nämlich der allseits beliebte, schlecht gelaunte Extraterrestrier gar nicht mal die erste Geige spielt. Es rückt in den Hintergrund und wird für das Buch nur ein Mittel zum Zweck, um die Geschichte in ganz eigene Bahnen zu lenken. Die fremdartigen Aggressoren bekommen nicht mal an die fünf Minuten Screentime geschenkt. Also ist Samen des Bösen einfach nur eine riesengroße Mogelpackung? Mitnichten. Der mit einer recht interessanten Filmographie gesegnete Warren schafft es wunderbar, seinen Film durch diesen Umstand zu etwas besonderem zu machen. Es ist vielleicht nicht alles rund und sauber ausgearbeitet, aber im Gesamteindruck gibt sich der Film mehr als ordentlich.

Der Terror ist eher menschlicher Natur. Was zuerst der im Tunnel verunglückte und verletzte Ricky ist, der urplötzlich nicht mehr alle Murmeln beisammen hat und wohl von einer unbekannten Macht ergriffen wird und daraufhin ein wenig durchdreht, wird dann zu Sandy. Dieser Figur wird vorher gar nicht so viel Beachtung geschenkt und erst als sie und ihr Kollege im Tunnel, in dem sich diese seltsame Explosion ereignete Fotos machen soll, von einem fremden Wesen angegriffen werden, rückt sie in den Fokus der Handlung. Mit gemächlichem Tempo schreitet Warren hier durch diese und läßt sie langsam aufbauen. Das gelingt auch ganz gut, auch wenn sich trotzdem an manchen Stellen Längen einschleichen. Leider tauchen diese gerade dann auf, wenn Sandy sich daran macht, die restlichen Kollegen abzumurksen. Es gelingt dem Regisseur aus der Story soviel rauszukitzeln, dass eine gewisse bedrohliche Stimmung erzeugt wird, die durch den kalten Grundton des Films untermauert wird. Der klaustrophobische Unterton des Films kann aber nicht allzu stark Spannung aufbauen.

Geeson mimt voller Inbrunst. Ihr Overacting sticht hervor und überstrahlt die Kollegenschaft, die allerdings auch redlich bemüht ist, ihre Sache gut zu machen. Aber schnell merkt man, wer der eigentliche Star des Films ist. In den besten Momenten von Samen des Bösen blitzt nicht nur das Talent und Potenzial von Warren auf, es beginnt sogar für kurze Momente zu strahlen. Es gelingt ihm aus den  für die Produktion - an der immerhin auch Run Run Shaw, Begründer der für ihre Martial Arts-Filme bekannten Shaw Brother-Studios, beteiligt war - zur Verfügung stehenden geringen Mitteln  das nötigste herauszuholen. Der Planet erscheint unwirtlich, unfreundlich und die Forschungsstation mit ihren langen, unterirdischen Gängen kommt dann und wann auch erfreulich unheimlich rüber. Untermauert wird die vorherrschende bedrohliche und kalte Stimmung durch einen sehr wabernden Synthiesound der mehr auf Soundcollagen, denn auf Harmonien setzt und diese nur als kleine, aber starke Akzente einsetzt.

Der Film funktioniert, hat aber noch so einige Ecken und Kanten zu bieten. So vergißt man in der allgemeinen Hysterie um Sandy schon so einige Dinge innerhalb der Geschichte, die auch nie wirklich geklärt werden. So wird nie genau geklärt, was es eigentlich mit den rätselhaften Kristallen die im Tunnel gefunden werden, auf sich hat. Dies ist ein Missstand, den der Film immerhin dank seines ganz eigenen Charmes noch ausbügeln kann. Das auch vieles über den genauen Sinn der Mission der Forscher und auch die Hintergründe des Planeten im Dunkeln bleibt, macht auch nicht viel aus und steigert so sogar noch die Stimmung von Inseminoid. Eine genauere Struktur hätte der Story trotzdem gut getan. Dafür bietet der Umstand, dass man es hier mit Alienhorror bei dem eben das Alien fehlt, zu tun hat, einiges an Freude. Warren legt seinen Space-Schocker wie einen Thriller aus, in dem ein Serienkiller bzw. hier eben eine Schwangere die zeigt, dass die von Hormonschwankungen von sich in anderen Umständen befindlichen Damen gar nicht so schlimm sein können, wütet. Er baut eher auf Spannung, was allerdings nur bedingt funktioniert. Da hätte die Story ruhig noch etwas straffer sein können.

Trotzdem schafft es der Film mit einigen guten Szenen zu punkten (zum Beispiel die verzweifelte Aktion einer Forscherin, sich aus einer misslichen Lage zu befreifen). Wer sich dank des deutschen Titels aber eine wüste Orgie aus Sex und Gewalt erhofft, der liegt falsch. Auch wenn der Härtegrad gegen Ende deutlich zunimmt, so versprüht Samen des Bösen eher angenehm oldschooligen Charme. Selbst die Schlüsselszene des Films, der Akt des Aliens mit Sandy, ist alles andere als geschmacklos inszeniert worden. Für viele andere Filmschaffende wäre dies der perfekte Moment gewesen um mit der Kamera auf fleischliche Action zwischen dem interstellaren Wesen und der Erdenfrau drauf zu halten. Um die damals strenge Zensur der BBFC, dem britischen Gegenstück zur FSK, zu umgehen, inszenierte Warren die Vergewaltigung zwischen eindeutig und angedeutet. So mutiert der Penis des Außerirdischen zu einer gläsernen Röhre, durch die der Samen des Wesens in die arme Sandy hineingepumpt wird.

Allein diese wirklich gut umgesetzte Szene zeigt, was da hätte alles aus dem Film werden können. Doch das Drehbuch macht dem ganzen etwas einen Strich durch die Rechnung, hält sich zu sehr bei der Figur von Sandy auf und Warren gibt diesem einfach nach. Doch dank der liebevollen Umsetzung von Samen des Bösen kann man dem Regisseur gar nicht mal so sehr böse sein. Dafür funktioniert der Film dann doch recht gut, auch wenn die Längen immer wieder an der Grenze zum Unangenehmen kratzen. Doch diesem ganz besonderen, etwas verschrobenen Reiz des Films kann man sich nicht verwehren. Es ist wohl einer der seltsamsten, aber gerade deswegen auch so interessantesten Alienhorrorstreifen, die seit den frühen 80ern entstanden sind. Warren hätte noch etwas mehr aus dem Stoff rausholen können, war aber vielleicht auch etwas durch die angesprochene strenge Zensur damals auf der Insel gehemmt. Geleistet hat der Brite dafür dennoch etwas gutes. Wer also kein Problem mit leicht gemächlichen Geschichten bzw. Filmen hat, der sollte mehr als nur einen Blick riskieren. Mit klein gedrehten Erwartungen entdeckt man hier einen durchaus gut gelungenen Film den man lieb haben kann.

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