Mittwoch, 30. Januar 2019

Anna und die Apokalypse

Der neue Tag begrüßt die erwachende Anna plötzlich. Der Wecker hat versagt, die Schülerin hat verschlafen. Schnell aus dem Bett und ins Bad springen, auf dem Weg noch schnell das Türchen des Adventskalenders öffnen und ab in die Uniform. Begleitet werden die Bilder mit den ersten Takten des Songs, den die Jugendliche anstimmt, als sie aus der Tür tritt. Nach einigen Disputen mit ihrem Vater über die Zukunftsplanung - sie will reisen, während ihr Vater dafür ist, dass zuerst die Universität ansteht - will sie einen Neuanfang starten. Der blaue Dezemberhimmel, der leichte Geruch von Neuanfang: das Motto ist Turning My Life Around. Während das Mädchen versonnen und träumerisch durch die Straßen tänzelt, bemerkt sie nicht die ausgebrochene Apokalypse um sie herum. Panisch rennt und kämpft die umliegende Nachbarschaft um ihr Leben. Untote haben die Siedlung überrannt, für Blut, Chaos und Weltuntergangsstimmung gesorgt, während sie und ihr bester Freund auf dem Weg zur Schule, der über einen Friedhof führt auf dem die Teenies ordentlich abrocken, vom Neubeginn im noch jungen Leben träumen.

Zugegeben: auf die Idee, Szenerien aus beliebten, für eine jugendliche Zielgruppe zurecht geschneiderten Musical-Formaten, wie Highschool Musical oder Glee mit Zombiehorror zu verbinden, muss man erst einmal kommen. Richtig zünden mag diese, in Kombination, nicht. Die beschriebene Szene birst über vor lustig gemeinten Einfällen, selten kann man richtig darüber lachen. Mehr als ein amüsiertes Schmunzeln kann das Drehbuch und die routiniert anmutende Regie von Debütant John MacPhail nicht aus dem Zuschauer herauslocken. Selten wird es humortechnisch richtig schwarz; lieber bleibt man so harmlos wie die persiflierten Teenie-Komödien. Horrorkomödien und britischer Humor können, wie wir seit Shaun of the Dead wissen, wunderbar funktionieren. Leider will das Drehbuch auf der sicheren Seite bleiben und setzt neben den gängigen Tropes beider Genres auch auf Gags, die zu erwarten sind. Sei es kreatives Ablenken oder Töten der untoten Schar, Slapstickelemente oder Späße im modrig-gorigen Bereich: vieles fühlt sich bekannt, zu vertraut, an, um richtig zu überzeugen.

Mehr funktioniert Anna und die Apokalypse ausgerechnet als Musical. Die Darsteller sind passend für die Rollenfiguren ausgesucht. Diese wiederum präsentieren ein buntes Potpourri aus für das Genre bekannte Charakteren. Der strenge aber milde Vater, die aufmüpfige Tochter, die leicht feministisch angehauchte Aktivistin, der Nerd, der unliebsame Rowdie, der überstrenge Schuldirektor und der hoffnungslos in die beste Freundin verknallte Durchschnittstyp. Die Macher kennen die Vorbilder und führen den Zuschauer ohne Hast in ihre Welt ein. Bis der erste Untote auftaucht, vergeht eine Zeit. Gesungen wurde bis dahin häufiger; und das ziemlich überzeugend. Die Songs orientieren sich am zeitgenössischen Pop, laufen allerdings keinem Trend hinterher. Modern arrangiert, zeitlos und - was manchem Radio-Pop-Liedchen ebenfalls anhaftet - gleichförmig bekommt der Zuschauer leichte Rocker, nach vorne treibende Pop-Nummern, Balladen, klassische Musical-Nummern in die Ohren gepflanzt. Manches funktioniert im Kontext des Films recht gut und einige Lieder laden tatsächlich zum Mitwippen ein.

Leider überkommt einen zeitweise das Gefühl, dass Anna und die Apokalypse ein Bewerbungsfilm ist, um mehr Aufträge im Filmgeschäft zu erhalten. Die Funktionalität der hier kombinieren Genres verstehen die Macher sichtbar. Das geringe Budget wird gut genutzt, technisch bewegt man sich auf ordentlichem Niveau. Die digitale Optik lässt manchmal Atmosphäre vermissen, den in der Kombination schlummernden Irrwitz lässt man selten aufblitzen. Überraschend ist dann, dass die Mimen nicht nur davon singen, dass da kein Hollywood-Ending ist. Das Leben ist kein Ponyhof, keine vor den Zombies rettende Insel. Das für Teenie-Filme Happy End bei dem sich alle lieb haben, alle für einander bestimmten zueinander finden: Fehlanzeige. Die Ausweglosigkeit des Zombie-Genres, dessen apokalyptischer Grundgedanke bleibt bestehen. Das ungewisse Ende für die Überlebenden, deren Flucht aus dem kleinen Nest, in dem durch eine Grippepedemie das Unheil seinen Lauf nahm, steht für den Schritt aus der Jugend in die Welt der Erwachsenen. Diese und ihr grauer Tag kann auffressen wie die Untoten die Lebenden. Coming of Age mit Zombies, der in seiner Durchschnittlichkeit und wenig auf allen angepeilten Ebenen gut funktionierenden Szenen nie komplett überzeugen mag. Das ergibt im Abschlusszeugnis eine 3. Aber mit Plus.
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Dienstag, 15. Januar 2019

Red Sparrow

Fernab seiner reichlich gewöhnlichen Spionage-Story ist Red Sparrow unangenehmes Kino der Körperlichkeit. Diese setzt Hauptdarstellerin Jennifer Lawrence, mit hunderprozentigem Körpereinsatz vor der Kamera dabei, gut in Szene, zelebriert allerdings keineswegs seine attraktive Hauptdarstellerin noch den weiblichen Körper. Dieser fungiert im Film als Waffe, den die Sparrows, eine speziell ausgebildete Einheit des russischen Geheimdienstes, dafür einsetzen, um die Bedürfnisse ihrer Ziele zu analysieren und diese psychisch wie physisch zu manipulieren und zu verführen. In der Ausbildungssequenz erleben wir, wie die Aspiranten, männlich wie weiblich, geistig wie körperlich gebrochen werden. Dieser Bruch zieht sich durch das Leben der von Lawrence dargestellten Protagonistin Dominika. Ein falsch getimter Sprung ihres Partners lässt ihre aussichtsreiche Karriere als Tänzerin jäh beenden. Der Beinbruch ist zu kompliziert, um hinterher erfolgreich weiter Zeit auf den Bühnen zu verbringen.

Auftritt Dominikas Onkel Vanya. Wenig subtil verpackt deutet das Drehbuch dessen sexuelles Begehren der Nichte an; auf Blicke folgen kleine Annäherungsversuche, welche die hübsche Frau verwehrt. Letztendlich muss sich Dominika auf anderer Weise dem Verwandten fügen. Damit weiter die schwer kranke Mutter versorgt bleibt, nimmt sie widerwillig sein drängendes Angebot wahr, für die Sparrows zu arbeiten, welche ihm als Vize-Direktor des Geheimdiensts unterstellt sind. Den Stolz, die Selbstbestimmtheit und eisig-kalte Unnahbarkeit der jungen Frau legt Vanya als beste Voraussetzungen für eine große Karriere bei den Sparrows aus. Deren Ausbildung erweist sich als zermürbende Tortur für Körper und Geist, welche darin kontinuierlich gebrochen werden soll. Erniedrigung, psychische Machtspiele, sexuelle Gewalt. Genüsslich hält die Kamera in Red Sparrow dabei drauf. Der Film erschafft einen nie komplett zu Ende gegangenen kalten Krieg, lässt kein Klischee über den vermeintlich bösen Russen aus und lässt Charlotte Rampling als Ausbilderin zu einer hollywood'schen Möchtegern-Ilsa werden, welche in diesen Klischees aufgeht und ihr Spiel auf bemühtes fies sein reduziert.

Red Sparrow entwickelt sich zu einem atmosphärisch düster gewollten, fahl ausgeleuchteten Spionage-Thriller mit exploitativen Zügen. Allen Widerwärtigkeiten zum Trotz, mit denen einige männliche Figuren dargestellt werden, bleibt deren Existenz bloß eine gewisses Alibi für das Drehbuch, damit dieses regelmäßig seinen fragwürdigen Körperkult durch die unnötig aufgeblähte Story schimmern lassen kann. Dessen Zelebrierung in der Dekonstruktion des Körpers kulminiert in einigen harten, deplatziert wirkenden Folterszenen. Die Anbiederung an der guten, alten Zeit und das Wildern in Mechanismen des Exploitation-Films lässt nicht übersehen, wie Red Sparrow bei allen falschen Anzeichen, dass sich eine gar nicht mal so schwach erscheinende Frau gegen finstere wie eklige Penisträger behaupten kann, gleichzeitig die Frau wieder einmal als eine Art Bedrohung für das männliche Geschlecht dargestellt wird. Dominika muss sich fügen, notgedrungen, im ewig gleichen wie langweiligen Machtspiel zwischen Herr und Dame. Selbstbewusstsein und sexuelle Eigenbestimmung gehört für manche anscheinend immer noch ins Reich der Märchen.

Der ganze Rest, die Suche nach einem amerikanischen Maulwurf innerhalb der russischen Reihen gestaltet sich als ungelenker Thriller, der häufig mit seinen Längen zu kämpfen hat. Dominikas Ansetzung auf einen CIA-Agenten wird selten spannend und gefühlt aberhunderte Wendungen lassen trotzdem die Aufmerksamkeit weiter schwinden. Lieber ergehen sich das Drehbuch und Regisseur Francis Lawrence darin, die Weiblichkeit in schmierigen, männlichen Allmachtsfantasien hinter dem neuerlich vorgezogenen eisernen Vorhang nieder zu machen. Getreu dem Motto "Wenn du zum Weibe gehst, vergiss' die Peitsche nicht" werden Frauen hier über zwei Stunden äußerst unangenehm dargestellt um am Ende als Alibi Dominika trotz aller Erniedrigungen als Gewinnerin dastehen zu lassen. Die vorherige Dekonstruktion der Körper im Film und die pure Ausnutzung des weiblichen Körpers als Waffe des Mannes gegen das eigene Geschlecht mag in Bahnhofskino-Filmen ab den 60er Jahren besser funktionieren. Mag es sein, dass man diese noch mehr im Kontext des damals vorherrschenden Zeitgeists sieht, leicht ironisch goutiert oder sie - anders als Red Sparrow - bei all' dem fragwürdigen Frauenbild gar keinen Versuch unternehmen, mit fadenscheinigen Entscheidungen in der Geschichte das Publikum versöhnlich zu stimmen, dass ja alles gar nicht so gemeint ist. Darin scheitert Lawrence' Film sehr schnell und entwickelt sich in seiner Überlänge schleppend zu einem durchschnittlichen Spionage-Thriller mit unangenehmen Unterton.
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Sonntag, 23. Dezember 2018

Summer of 84

Sommer. Ferien. Abenteuerzeit. Das Geheimnis dieses einen Sommers, der so magisch Erwachsenen im Gedächtnis nachhallt, mag durch die voranschreitende Zeit und winziger Details, die so vergessen werden, im Verborgenen bleiben. Die Essenz der Erlebnisse bleibt haften. Mag es der erste Kuss mit der ersten Freundin, das langsame entdecken der Freuden körperlicher Liebe, oder einfach nur Episoden guter Zeiten mit den besten Kumpanen sein. Dieser eine Sommer bleibt im Kopf haften. Buchautoren und Filmemacher schenken ihren heranwachsenden Protagonisten zudem tragische oder gleich mörderisch gefährliche Abenteuer; einen kompletten Umbruch im Leben ihrer Figuren, der alles vorherige nicht mehr so erscheinen lässt, wie es einmal war. Nicht erst seit dem Netflix-Serien-Hit Stranger Things geht diese Formel für Regisseure und Autoren auf und beschert zeitgleich einen immensen Erfolg. Schon Stephen King sorgte in den 80ern mit Büchen und deren Verfilmungen wie Es oder Stand By Me für zeitlose wie erfolgreiche Geschichten, die auf dieser Formel beruhen.

Bereits ein Jahr vor dem für die Renaissance der x-ten 80er-Nostalgie-Welle im Film sorgenden Hype um Stranger Things schuf das frankokanadische Regie-Trio RKSS mit Turbo Kid einen schrägen wie herrlichen Mix aus dystopischer (Splatter-)Action sowie Jugendabenteuer á la Die BMX-Bande. So krude wie der Vorgängerfilm, dort auch teils vom limitierten Budget herrührend, tritt Summer of 84 nicht in Erscheinung. Anouk und Yoan-Karl Whissell sowie Francois Simard scheinen eher bemüht, sich am großen Vorbild des Streaming-Giganten, der in seiner akribischen Reproduktion der 80er im Auftreten und erzählerisch selbst (zugegen effektiv wie charmant) bemüht ist, Spielberg'schen und King'schen Geschichten in ihrer Art nachzueifern, zu orientieren. Davey, Eats, Woody und Curtis befinden sich gleichzeitig in den letzten kindlichen Tagen und knietief in der Pubertät. Nach abendlichem Fangen-Spiel verwandelt sich Eats Baumhaus zur gemeinsamen Mancave, in der von Erlebnissen mit dem weiblichen Geschlecht berichtet wird oder man sich zumindest wünscht, mit einer hübschen Dame intim zu werden.

Bis Davey den Verdacht schöpft, dass sein Nachbar Wayne Mackey, ein in der kleinen Ortschaft angesehener Polizist, etwas mit dem regelmäßigen Verschwinden von Kindern und Jugendlichen im Umland zu tun hat. Er erkennt auf dem Vermisstenbild auf einer Milchtüte einen Jungen, der er einige Abende zuvor beim Fangen-Spiel von seinem Versteck aus in der Küche Mackeys sitzen sah, wieder. Während die Eltern Daveys ihrem Jungen und seinen abenteuerlichen Theorien keinen Glauben schenken, kann er seine Freunde davon überzeugen, Mackey zu beschatten und Beweise zu sammeln. Zwischen den irgendwann erschöpfend wirkenden pubertären Sprüchen und Witzchen der Freunde und der ausgedehnten Einführung der Figuren blitzt beinahe unbemerkt die Finesse von RKSS auf, dass sie in den seichten Jugend-Sommerfilm-Plot eine Hitchcock'sche Thriller-Geschichte einweben. Einleuchtend wie simpel erzählt Davey im Voice Over zu Beginn des Film davon, dass auch Serienmörder die Nachbarn von jemandem sind. Zwar beobachtet der Junge anders als James Stewart in Das Fenster zum Hof keinen Mord, doch RKSS gelingt es, in Summer of 84 parallel zwei eng miteinander verwobene Stories zu erzählen.

Während die Jungs in ihrem Geifern nach weiblichem Fleisch einerseits schnell nervig sein können, der Film allerdings trotzdem mit hübschem 80s-Vibe gefällt und eine tolle Atmosphäre aufbauen kann und durch die Zeichnung von Normalo-Davey überzeugt, entwickelt sich gleichzeitig um seinen Verdacht, dass Polizist Mackey ein Serienmörder sein könnte, ein netter Paranoia-Thriller. Dessen Darsteller Rich Sommer ist eine passende Wahl für einen freundlichen, ehrbaren Nachbarn dessen unspektakuläres Auftreten und markantes Gesicht gleichzeitig auch den Zuschauer auf Daveys Seite zieht und ihn verdächtigt, das irgendwas nicht mit ihm stimmt. Ohne in die Gefilde von Lynchs Blue Velvet oder Twin Peaks zu steigen, zeigt Summer of 84 das bekannte Bild der augenscheinlich perfekten Vorstadtsiedlung, hinter deren Fassaden das unaussprechliche geschieht. Die Macher zielen auf die Faszination des Bösen, welches in unseren Mitmenschen lauern kann, wovon u. a. True Crime-Publikationen, -Dokumentation etc. zehren. Selbst unbekanntere Monster, die keine weltweite Berühmtheit wie z. B. Jeffrey Dahmer, David Berkowitz oder Ted Bundy erlangten, waren, wie diese, Nachbarn.

Augenscheinlich normale Menschen, deren Auftritt in der Öffentlichkeit - hier im begrenzten Kosmos des Films - zuerst keinen Verdacht schöpfen lässt, dass mit ihnen nichts stimmt. Summer of 84 spielt mit der Frage, wie normal Normalität sein kann, ohne auffällig zu werden und ob man seine unmittelbaren Nachbarn, mit denen man vielleicht ein oberflächliches, gutes oder sogar freundschaftliches Verhältnis hat, so gut kennt, wie man annimmt. Die Regisseure kombinieren das mit der Fantasie und Einbildungskraft, die Kindern innewohnt. Der schwarze Mann, das Monster unter dem Bett: manchmal entpuppen sie sich doch nur als Schatten unscheinbarer Dinge im Dunkel des Zimmers. Als Thriller mag der Film spät zünden, überzeugt dafür im stetigen Wechsel der Positition des Zuschauers zu Daveys Verdacht. Die Perspektive der Kids lässt ihn schnell zum Täter werden, bevor der Film schnell in die Sicht der Erwachsenen wechselt und manches als vorschnelle Meinung abtut. Das Drehbuch gestaltet dies abwechslungsreich, obwohl die Autoren generische Thrillerformeln bedienen, um ihre Handlung in diesem Bereich vorantreiben. Das man am Ball bleibt, ist den Figuren zu verdanken.

Die Scriptautoren Matt Leslie und Stephen J. Smith bedienen sich großzügig im Fundus ihrer Vorbilder und präsentieren eine Konstellation von Charakteren, wie sie aus anderen 80er-Filmen mit jugendlichen Hauptfiguren bekannt sind. Deren Darsteller schenken diesen Leben und eine Persönlichkeit. Mit viel Charme und dem bis auf kleine Ausnahmen gekonnten Auflebens des Kult-Jahrzehnts bedient Summer of 84 all' die Nostalgiker, welche bei den kleinsten Anzeichen der glory 80s mit seligem Lächeln am Bildschirm kleben. Man schenkt den Autoren und den Regisseuren das Vertrauen, dass man ein tolles wie spannendes Abenteuer aus längst vergangenen Zeiten erlebt, nach dessen Ende man in die Gegenwart zurückkehrt und in den letzten Böen der angeflogenen Nostalgia verweilt. Schenkten allein die großen Vorbilder, an denen sich die Werke der aktuellen Retro-Welle orientieren, am Ende jenen Feel Good-Moment, dem man mit jenen Filmen wieder aufleben lassen möchte. Die vergangenen Sommer der alten Werke lassen positive Erinnerungen zurück; Happy Ends nach aufregenden Wochen und der Vorstellung im Kopf des Zuschauers, dass der nächste Sommer für die liebgewonnenen Charaktere vielleicht wieder ein großes Abenteuer bereit hält.

RKSS und ihre Scriptautoren reißen derweil dem Fan die Nostalgie-Brille brutal von der Nase, wenn Summer of 84 ohne große Vorzeichen den Ton verschärft. Bitterer Ernst und schonungslose Brutalität regieren, die Atmosphäre verdüstert sich mit dem Anflug schwarzer Wolken, welche die sonnige Grundstimmung trotz des Serienmörder-Sujets komplett verdeckt. Mit dem depressiven Ende lässt der Film den Zuschauer alleine im Dunkel des Raums zurück. Die simple Aussage von Davey, die gleichzeitig effektiv einen Teil des ganzen Films zusammenfasst, dass auch Serienkiller die Nachbarn von jemandem sind, wird nochmal wiederholt und hallt nach. Vielleicht trug der radikale Bruch gegen Ende dazu bei, dass Summer of 84 einen kleinen Hype erhielt. Ohne diesen wäre der Film ein durchaus spannender wie sympathischer Vertreter all' dieser Filme, die uns Vorgaukeln wollen, aus einem anderen Jahrzehnt zu stammen. Durch den Mut der Macher, nicht gänzlich den Wegen der damaligen Werke zu folgen, erhebt er sich ohne großkotziges Auftreten zum ultimativen 80er-Retro-Film. Nach Summer of 84 sollte eigentlich nichts mehr kommen, was erneut, schon wieder, noch einmal von vorn die 80er aufleben lässt und sich so gibt, als wäre er via Zeitreise in unsere Gegenwart geschleudert worden. Nie fühlte sich dazu der Coming-of-Age-Teil dieser Filme so niederschmetternd wie düster an. Es gibt eben auch diese Sommer in denen das Kind sein endet. Selbst wenn es noch etliche Jahre dauert, bis man tatsächlich nicht mehr als Kind (oder Jugendlicher) bezeichnet wird und diesem Status entwachsen ist. Summer of 84 ist dabei keine weitere Jubelarie auf dieses von vielen geliebte, von vielen auch gehasste Jahrzehnt und seine Filme. Es nutzt dessen Vibe, um gleichzeitig eine verhaltene (weitere) Hommage an diese zu sein und zeigt dem aktuellen Trend gleichzeitig den Mittelfinger: er glorifiziert eine Zeit, in der wahrlich nicht alles schlecht war, die viel Kult gewordene Dinge in die Popkultur brachte, aber manchmal auch zu viel glorifiziert wird. Das muss man auch als ausgemachter Retro- und 80er-Fan zu denen ich mich selbst zähle, einziehen. Hut ab vor diesem Film!
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Samstag, 15. Dezember 2018

Green Room

Punk ain't no religious cult // Punk means thinking for yourself // You ain't hardcore 'cause you spike your hair // When a jock still lives inside your head // Nazi punks // Nazi punks // Nazi punks fuck off! schmettert Tiger, Sänger der Punk-Band The Ain't Rights dem Nazi-Skin-Publikum im schäbigen Rockerclub, gelegen in einem trostlosen Waldgebiet irgendwo in Oregon, entgegen. Die spannungsgeladene Brisanz in der Konfrontation beider ideologisch weiter auseinander driftenden Subkulturen in Jeremy Saulniers Green Room verspricht politische Durchschlagkraft. Regisseur Saulnier nutzt dies in seinem Drehbuch weitgehend nur dafür, bereits vorhandene Differenzen zwischen den Lagern für den Spannungsaufbau seiner Geschichte zu nutzen. Abgebrannt, mit kaum Sprit durch die Staaten tingelnd, wird die Combo um Tiger, Pat, Sam und Reece von ihrem Gastgeber, Veranstalter und Interviewer Tad nach einem erfolglosen Aufritt in einem mexikanischen Restaurant für einen ertragreicheren Ersatzauftritt gebucht.

Abhängig vom schnöden Mammon nimmt man den Job an, zockt den Gig routiniert vor dem rechtsradikalen Publikum runter und will hinterher so schnell wie möglich die Location verlassen, als man im Backstage-Bereich in einen unschönen Zwischenfall samt Leiche platzt. Die Bandmitglieder werden von den ebenfalls rechts gerichteten Veranstaltern im Club eingeschlossen und festgehalten, nichts ahnend, dass Clubbesitzer Darcy keine Zeugen des Zwischenfalls gebrauchen kann und mit seinen Kumpanen bereits systematisch deren Auslöschung plant. Als die Bandmitglieder von den Plänen der Nazi-Gruppierung Wind bekommen, verbarrikadieren sie sich zusammen mit einem Türsteher und dem Skin-Girl Amber in der Garderobe des Clubs und versuchen, einen Weg nach draußen, vorbei an den Nazis, zu finden. Saulnier strickt daraus einen schnörkellosen Thriller, dessen klaustrophobische Beschränktheit auf den engen Backstage-Raum, erst später ausgeweitet auf den Club und das nahe Umland, durchaus zu spannenden Momenten führt.

Die angespannte Stimmung nach Ankunft beim Club zwischen beiden Lagern wird vom Script gekonnt wie kontinuierlich hochgekocht; die Gewalteruption beim ersten Übergriffsversuch der Nazis auf die Punkbank reißt den Zuschauer als tosende Welle weiter aus der persönlichen Komfortzone. Wenn Saulnier in Green Room etwas beweist, dann wie gut er unangenehme Situationen kreieren kann. Weitgehend kann er das Niveau bis zum Finale halten. Dieses selbst gestaltet sich so trostlos wie die matschig-schmutzige Farbgebung des Films. Der Club, das Umland: es eröffnet sich dem Zuschauer als Point of no return, bevor den Protagonisten bewusst wird, in welch brenzlige Lage sie sich begeben haben. Saulnier scheint nur nicht bewusst zu sein, welche Brisanz sich in seinem Stoff überhaupt birgt. Die endgültige Konfrontation zwischen Clubbesitzer Darcy, dessen Darsteller Patrick Stewart zwar eine interessante Besetzung, darstellerisch allerdings eher routiniert den durchschlagend ist, und den beiden Überlebenden ist in seinem Aufbau simpel, farb- und einfallslos. Wie Rodrigo Gonzales singt man mit von Enttäuschung ersticktem Timbre Soll es das gewesen sein?

Vielleicht hatte Saulnier keine Lust auf eine erwartende Eskalation politisch extrem weit auseinander klaffender Lager und deren Denken; dem durch die Ausgangssituation der Erzählung zu erwartenden Storyverlauf. Vielleicht war es ihm auch nicht bewusst. Die Nazis entpuppen sich als Gruppe, die man auch mit aus anderen Lagern oder Nationalitäten stammenden Figuren austauschen könnte. Für den Film gewöhnliche Gangster. Zur Verteidigung des Regisseurs sei gesagt, dass die Protagonisten ebenfalls austauschbar bleiben. In einer kleinen Sequenz wird die Band als Modepunks beschimpft und trotz derer bemüht politischen Positionierung, in dem man als Akt der Provokation den Klassiker der Dead Kennedys dem Nazipulk entgegen schreit, nimmt man den jungen Menschen das Punk sein nicht komplett ab. Da ist die einfallslose Interviewfrage Tads, welche Band die Mitglieder auf eine einsame Insel mitnehmen würden, die immer wieder im Film auftaucht, doppeldeutig. Irgendwann scheint man sich vom Punk zu distanzieren, wenn plötzlich "Hippiekünstler" genannt werden, die nichts mit der schroffen Subkultur zu tun haben. Es mag ein Kommentar Saulniers auf Subkulturen als oberflächliches Label für den künstlich coolen Auftritt des Individuums sein, mag mit dem simpel aber effektiv gestalteten Thrillerkonstrukt des Films nicht zur Gänze kompatibel sein. Im Endeffekt lässt sich Green Room weniger komplett als politisch hintergründiger Thriller identifizieren wie die im Fokus stehende Musikergruppe als 100%ige Punks. Wenigstens zeigt Saulnier, dass er mit einfachen Mitteln hoch spannende Thrillerkost abliefern kann, die hinter den im letzten Jahr aufgekommenen Lobesarien zurück bleibt.
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Montag, 10. Dezember 2018

Slithis

Drei Jahre schien schon die lachende, rote Sonne für die Anti-Atomkraft-Bewegung; ein Jahr später ereignete sich der Unfall im Kraftwerk Three Mile Island, als Stephen Traxler sein durch radioaktiven Schlamm entstandenes Monster in Slithis durch die Straßen Venice Beachs wackeln ließ. Mit bewusstem Blick auf die Unfähigkeit und Ignoranz des Menschen, die Natur sauber zu halten, hat der Low Budget-Sch(l)ocker wenig zu tun. Anders als offen mit der Thematik des Umweltschutz spielenden Ökohorrors der 70er wie z. B. Frogs oder Mörderspinnen ist Traxlers erste von insgesamt zwei Regiearbeiten im Monsterhorror der 50er Jahre verhaftet. Der verseuchte Schlamm aus der Nähe eines wohl nicht ganz dichten Atomkraftwerks, der Bakterien und andere Lebensformen absorbiert und daraus eine monströse wie bizarre neue Lebensform entstehen lässt, ist schlicht Aufhänger. Eine abstruse Alibierklärung für dessen Existenz, damit es überhaupt einen Grund gibt, warum sich für diesen Film ein armer Mensch in einen Monsteranzug zwängen musste.

Bevor man Slithis auf die Spur kommt, darf dies in lässiger Manier - schließlich befinden wir uns im Sonnenstaat Kalifornien - Tiere und Menschen töten. Geht die Polizei zuerst von religiös motivierten Ritualmorden aus, vermutet der Highschool-Lehrer und frühere Journalist Wayne Connors was anderes dahinter. Seiner Intuition folgend, findet er an einem der Tatorte mysteriösen Schlamm. Ein befreundeter Wissenschaftler analysiert die Probe und stellt fest, das diese leicht radioaktiv ist. Eben dieser Forscher erinnert sich daran, dass bei der Inbetriebnahme eines nahe gelegenen Atomkraftwerks schon einmal solch ein Schlamm, von den Entdeckern Slithis getauft, fand. Nach weiteren Todesfällen ermittelt Wayne auf eigene Faust und trommelt einige Kumpanen zusammen, um nach einem schlecht gelaunten und blutdürstigen Monster zu suchen, da der ermittelnde Kommissar der Theorie des Lehrers keinen Glauben schenkt.

Den anstehenden Höhepunkt und Showdown inszeniert Traxler stark auf Spielbergs Jaws schielend als Kampf gegen das Ungetüm auf einem Boot um den kostengünstigen Monsterhorrorfilm mit einem die Tür für eine eventuelle Fortsetzung offenhaltendes, offenen Ende abzuschließen. Gestaltet sich der Fight auf dem Boot gegen das Monster sicher aus Kostengründen in der Inszenierung weniger spektakulär wie beim großen Vorbild, so bringt dieser das Problem von Slithis nochmal besonders gut zur Geltung. Das Duell gestaltet sich so unspektakulär, wie es der Film in weiten Strecken zuvor ist. Nach einem teilweise - warum auch immer - in Zeitlupe laufenden Beginn und dem ersten, trashigen Kill des Monsters konzentriert sich Traxler, der sich auch für das Script verantwortlich zeichnet, auf die Ermittlungsarbeit seines Protagonisten. Dieser Joe Somebody ist ein unauffälliger Zeitgenosse, nett, damit der Großcousin von Scheiße und ein Durchschnittstyp durch und durch.

Slithis nimmt diese Durchschnittshaltung mit an. Mit Waynes tingeltangeln zwischen Wissenschaftsfreunden, dem Besitzer des Atomkraftwerks, der Polizeiwache und den Tatorten gestaltet sich der Film so spannend wie Farbe beim Trocknen zuzuschauen. Seine Qualitäten liegen indes im absonderlichen. Traxler lässt reihenweise kuriose Figuren, ein Gegenpol zum scheinbar einzig normalen Schlag Menschen á Wayne Connors und dessen Freundin, vor die Linse treten. Ein verschnupfter Polizist, der überdrehte Kommissar, das verschrobene Ehepaar welches als erstes Bekanntschaft mit dem Monster machen muss, der entstellte Kraftwerkbesitzer; deren seltsames Wesen und Auftreten bewegen den Film in Richtung unfreiwillig lustiges Trashwerk, macht ihn zusammen mit seiner sonnigen, unaufgeregten Atmosphäre bedingt interessant. Manchmal schießt Traxler auch hier über das Ziel hinaus und hält sich in Nebensächlichkeiten auf. Hoch anrechnen kann man ihm dagegen, dass vom vermeintlichen Postkartenmotiv-tauglichen wie paradiesischen Venice die heruntergekommenen und schmuddeligen Seiten gezeigt werden. Ohne diese beiden Eigenschaften wäre Slithis weit mehr ein beliebiges Billig-Monsterfilmchen mit valiumartiger Inszenierung als er es schon ist. Unterhaltsam ist das nur bedingt.
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Samstag, 17. November 2018

Komm mit ins Kino! Strange Cinema mit Mandy



Auch in diesem Monat möchte ich alle Leser, die aus dem näheren oder größeren Umkreis von Kaiserslautern stammen, auf die Strange Cinema-Reihe des Union-Studios für Filmkunst hinweisen. Zur Erinnerung: in dem mittlerweile mehr als 100 Jahre alten und einzigen Programmkino der Stadt gibt es jeden vierten Freitag im Monat die Möglichkeit, geschädeltes Filmwerk oder auch Klassiker der Filmgeschichte auf der großen Leinwand zu genießen. Im letzten Monat gab es an Halloween ein Double Feature mit Clive Barkers Hellraiser und dem viel gelobten The Endless.

Der November wartet mit dem nächsten Genre- bzw. Horrorhighlight für 2018 auf. Panos Cosmatos Horror-LSD-Trip Mandy mit einem Nicolas Cage der Stimmen zufolge die Performance seines Lebens geben soll steht auf dem Programm. Dieses "Brett an Film", von der Bild unverstanden und mit stock-konservativer Schmäh versehen, wartet nur darauf, seine hypnotische Wirkung im Dunkel des gemütlichen Kinosaals zu entfalten.

Das ganze findet am 23.11.2018 statt. Beginn ist um 22:30 Uhr, der Eintritt beruht diesmal auf Spendenbasis. Gezahlt wird also, was einem der Film wert ist. Es wäre aber schön, wenn eine spritzige Cola oder ein kühles Blondes und/oder Snacks als Verzehr gekauft werden. Selbstverständlich werde ich selbst vor Ort sein. Bereitete mir schon der Trailer des Films viel Freunde und schenkte mir ordentlich Vorfreude. Bis dahin versuche ich meine Erwartungshaltung zurückzuhalten. Meistens empfinde ich ja viele Hypes als weit weniger gut wie kollektiv wahrgenommen. Doch seien wir ehrlich: Mandy bietet Nicolas Cage der freidreht, viel gekröse, überstilisierte Optik und im Trailer einen Filmtitel, der wie ein Black Metal-Bandlogo designt ist. Was soll da also bitte schief gehen? Die Veranstalter und ich würden uns freuen, wenn sich einige gleichgesinnte Freunde des besonderen Filmerlebnisses einfinden würden.
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Pyewacket

Pyewacket ist ein Film des Schleichens. Selten wird der zweite Langfilm des Kanadiers Adam MacDonald, der bisher häufiger als Schauspieler in Fernsehproduktionen denn als Regisseur in Erscheinung trat, richtig laut. Im okkult gefärbten Kosmos des Films sind die dort anwesenden Dämonen (meist) gesichtslose, tief in der Dunkelheit lauernde Schatten. Titelgebendes Wesen Pyewacket wächst zu einer omnipräsenten Bedrohung, zugleich überall und nirgendwo und immer verwachsen mit Protagonistin Leah. Der von dem Mädchen aus Frust und Wut gerufene Dämon soll einen im pubertären Wutaffekt herausgeschleuderten Wunsch in die Tat umsetzen: Leahs Mutter soll sterben. Ein Resultat aus Missverständnissen und unüberbrückbar erscheinenden Differenzen zwischen der Jugendlichen und ihrer Mutter, die trotz ihres kleinen, engen Familienverbunds einsam erscheinen.

Der Tod des Mannes bzw. Vaters riss sichtlich ein großes Loch in die Seelen der beiden Frauen. Während sich die Mutter im stillen Kämmerlein tränenversunken mit Hochprozentigem betäubt, flüchtet sich Leah in die Arme alternativer Subkulturen. Ihre Gothic-/Metal-Freunde geben ihr halt in schweren Stunden und mit Aaron ist da ein erster, leichter Schwarm, der in den gemeinsamen Szenen die Unsicherheit Leahs offenbart. Verloren, alleingelassen in der Trauer schöpft sie Kraft mit nach außen gestülptem Seelenleben, dass sie die Subkultur ihrer Freunde ausleben lässt. Das einst brav und unschuldige Mädchen entwickelt Interesse am Okkulten, liest Bücher darüber und besucht Lesungen ihres Lieblingsautoren. In ihrer sozialen Blase fühlt sie sich sicher; die Mutter bringt sie mit dem Plan eines Neuanfangs, sprich eines Umzugs, zum Platzen. Die angestaute Teenage Angst birst vor Angst, Enttäuschung, Trauer und Wut.

Trotz des Kompromiss, dass Leah die alte Schule weiter besuchen kann, spitzt sich die angespannte Situation zu. Nach einem weiteren von vielen Streits kommt es zur schicksalhaften Kurzschlussreaktion und das Mädchen beschwört Mittels eines Rituals im das neue Heim umschließenden Wald eine alte, bösartige Kraft. Bis auf wenige Ausnahmen lässt MacDonald, gleichzeitig Autor des Scripts, diese immateriell. Eher tritt sie als atmosphärisches Stimmungsmittel für den Filmemacher und listig boshafter Geist für Leah auf. Sein Schabernack wirkt für den Freund des düsteren Unterhaltungsfilms altbacken: nur sie selbst scheint dessen Treiben wahrzunehmen, seltsame Geräusche auf dem Dachboden zu hören oder das Gefühl zu haben, verfolgt zu werden. Dazu manifestiert sich der Dämon im Zimmer Leahs, als diese längst dem Schlaf erlegen ist um drohend über ihr zu wachen. Die direkte Begegnung folgt im im Vergleich mit dem bisherigen Ton des Films hektischen Finale.

Dort angelangt, ist für uns als Zuschauer längst nicht mehr klar, was Realität oder Einbildung Leahs ist. Pyewacket ist psychologischer Horror, eine Dämon gewordene Psychose eines in ihrer Trauer umherirrenden, stumm nach Hilfe schreienden Mädchens. Die vom Drehbuch gestiftete Verwirrung lässt ratlos zurück, unentschlossen, ob offensichtliche Logikfehler in Beziehung mit MacDonalds Absicht den Eindruck schmälern. Der Kanadier beherrscht von ihm leise angeschlagenen Töne; als Mutter-Tochter-Drama wäre Pyewacket feinstes Indiekino. Den Beginn von Leahs Reise in die vermeintlich dämonische oder doch innere Dunkelheit gestaltet sich indes einfallslos. Das Spiel mit Wahrnehmung, geisterhafte Schatten, mysteriöses Gepolter stehen im Gegensatz zu gut gespielter, in den besten Momenten bodenständig authentische, fühlbare Tragödie um den Verlust des geliebten Ehemanns und Vaters. Ganz gleich, ob Pyewacket im Film ein tatsächlich übersinnliches Wesen ist: als Verkörperung aller negativen Gedanken und Gefühle in der Protagonistin existiert er. Sein endgültiger Ausbruch, die komplette Besitzergreifung von Leahs Körper und Geist, ist schockierend und erinnert an eine ähnliche Szene im famosen Eden Lake.

MacDonalds Ansatz, Horror und Drama zu verschmelzen und den realen Schrecken des Coming of Age zu einer übernatürlichen Metapher werden zu lassen, vermag nicht komplett auf die Seite des Regisseurs zu ziehen. Den guten Absichten fehlt es an Kraft in der Umsetzung, obwohl Pyewacket seine Geschichte angenehm zurückgenommen erzählt. Das erzeugt zugleich eine Distanz zum Zuschauer, die bei allen guten mimischen Momenten auf der Leinwand von Nicole Muñoz und Laurie Holden nie richtig verschwindet. Diese Schranke verwehrt Pyewacket, im Rotten Tomatoes-Ranking der besten Horrorfilme des Jahres immerhin auf Platz 9, das er den Zuschauer gänzlich mit seinem Wesen gefangen nimmt. Aber es kann nicht alles so interpretationsreich und gleichzeitig packend sein wie It Follows. Gut war das Erlebnis mit MacDonalds Film trotzdem.
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