Freitag, 26. April 2019

Frauen bis zum Wahnsinn gequält

Jüngere Semester der Internet-Cineastik schnauben vielleicht beim deutschen Verleihtitel des Ercoli-Debüts verachtend oder angestrengt ihrem Bildschirm entgegen. Der abgeklärte Schmutzfink, der gerne im Morast des Bahnhofskinos vor sich hin schimmelt, grinst milde. Fakt ist: so reißerisch und im Vergleich zum Originaltitel (der übersetzt so viel wie "Die verbotenen Fotos einer wohlhabenden Dame" bedeutet) weit von diesem abweicht, ist er die Quintessenz der Handlung. Erstaunt waren damalige Videothekenbesucher womöglich schon. Exploitative Elemente sucht man in dem Giallo genau so vergebens wie maskierte Mörder mit Lederhandschuhen und simplen Schlitzwerkzeugen als Waffe. In seinem ersten Spielfilm orientiert sich Luciano Ercoli zusammen mit Drehbuchautor Ernesto Gastaldi an Hitchock'schen Verhältnissen.

Die angesprochene gequälte Frau ist die mit dem reichen Geschäftsmann Peter verheiratete Minou, welche bei einem abendlichen Spaziergang von einem Fremden verfolgt und bedroht wird. Er erzählt ihr, dass ihr Mann ein Halunke und Mörder sei, bevor er überraschend von ihr ablässt. Ein paar Tage später erfährt Minou aus der Zeitung, dass ein wichtiger Geldgeber Peters unter mysteriösen Umständen gestorben ist. Während die Medien spekulieren, dass es Suizid war, meldet sich der Fremde telefonisch bei Minou und spielt ihr ein Tonband vor, auf dem zu hören ist, wie Peter den Mord an seinem Geldgeber plant. Um ihren geliebten Gatten zu schützen, bietet Minou dem Anrufer Geld, auf welches er bei der geplanten Übergabe pfeift. Ihm steht viel mehr die junge, eingeschüchterte Frau im Sinn, welche sich diesem gezwungen hingibt, damit Peter nicht ins Gefängnis muss. Geplagt vom schlechten Gewissen und unterstützt von ihrer besten Freundin Dominique, beichtet sie Peter einige Zeit später ihren Fehltritt. Das dadurch geweckte Misstrauen ihres Ehemanns wird verstärkt, als es so scheint, als seien die von Minou geschilderten Dinge nie geschehen.

Nicht die durchaus gekonnt umgesetzte Thriller-Handlung ist es, die Frauen bis zum Wahnsinn zu einem sehenswerten Giallo macht. Luciano Ercoli legte am bereits seit einiger Zeit fertiggestellten Script von Gastaldi Hand an und machte laut diesem daraus einen ganz anderen Film. Um endlich etwas greifbares für ein längst zugesagtes Filmprojekt dem Co-Produzenten und langjährigen Ercoli-Partner Alberto Pugliese vorzulegen, griff man auf dieses als Notlösung zurück um irgendwas in der Hand zu haben. Gastaldi selbst gefiel der fertige Film nicht. Ercolis Änderungen machten laut diesem aus einem bodenständigen und geradlinigen Thriller einen Suspense-Film mit unpassenden, erotischen Szenen. Die vorgenommenen Modifikationen erweisen sich mit Blick auf das fertige Produkt als Salz in der Suppe. Lebt der Film mehr von der Konzentration auf die beiden weiblichen Protagonistinnen und Minous seltsamer Beziehung zu ihrem Erpresser.

Als Thriller bleibt Frauen bis zum Wahnsinn gequält weitgehend gutklassig, wobei die Geschichte ohne Überraschungen auskommt und Kenner der Materie alsbald erahnen, in welche Richtung das ganze geht. Wäre da nicht der für diese Rolle ungeheuer gut besetzte Simon Andreu als namenlose Nemesis der verschreckten, unemanzipierten Minou, deren bisheriger Beruf eindeutig reiche, verwöhnte Ehefrau war. Ihr in der alten deutschen Fassung zu Beginn getilgter innerer Monolog darüber, wie sie Peter selbst an den Rande des Wahnsinns bringt, indem sie eine Affäre mit einem Fremden fingiert, lässt den Thriller zu einer in seichte Abgründe blickende Beziehungsanalyse werden. Dagmar Lassanders Charakter scheint von ihrer eigenen Rolle als Vorzeigepuppe für den geschäftigen Geschäftsherren gelangweilt zu sein. Im prunkvollen Käfig eingesperrt, übt Andreus Figur eine unleugbare Faszination auf sie aus. Ercoli würzt alles mit einer gehörigen Portion Sadoerotik nach. Die 50 Shades of Ercoli sprechen von einer unterdrückten Lust, die Andreu mit der blitzenden Spitze seiner das Dunkel der Szenerien zerschneidenden Spitze seines Stockmessers rauskitzelt.

Gleichzeitig stellt Ercoli mit Andreu dem aalglatten Peter ein Beispiel eines richtigen Mannes entgegen. Was sich die junge Frau insgeheim vom Ehemann wünscht, erfüllt ihr Erpresser in beängstigender Weise. Eine tiefe Leidenschaft, die wie Peters Geldgeber schon längst von der nächsten Brücke gesprungen zu sein scheint. Ercoli bewahrt bei allem die Contenance und rutscht niemals in die wunderlichen wie ekligen Gefilde des Machismo. Die männliche Allmachtsfantasie, sich einfach - gegen alle Regeln - zu nehmen, was man begiert, straft der Film im Finale, wenn auch der Erpresser seine gerechte Strafe bekommt. Ausgerechnet Peter darf dort erklären, wieso: dieser habe es zu sehr genossen, der "Perversling" zu sein. Komplettiert wird das Protagonisten-Quartett von der starken Dominique, einer durch und durch emanzipierten Frau in einer Zeit, in der dies erst langsam begann, in der breiten Gesellschaft anzukommen.

Ihre Figur ist nicht gänzlich frei von Klischees; man könnte Ercoli auch vorwerfen, dass diese nichts weiter als weitere Männerfantasie dargestellt wird, die anscheinend bisexuelle Vorlieben hat, ein Man-Eater ist, extravagante wie sexy Kleidung trägt und Pornographie konsumiert. Gleichzeitig ist sie losgelöst von allen männlichen Figuren. Ein positiver Gegenpol zu Andreus Sado-Charakter, der dessen Virilität aus der Ferne bekämpft. Durch ihre Unterstützung lernt Minou schließlich, gänzlich auf das angeblich starke Geschlecht zu verzichten. Diese Wandlung stellt die letzte Szene des Films dar, in welcher beide Frauen über Minous Überwindung beider Testosteronversprüher triumphieren und diese als neu geboren, emanzipiert aus der Geschichte herausgeht. Frauen bis zum Wahnsinn gequält wächst damit zu einem guten Beispiel für die seit wenigen Jahren aufgestellte Theorie heran, dass der Giallo in seinem Kern ein tief feministisches Genre ist. Das die Thriller-Handlung routiniert abgedreht wurde und wie üblich für das Genre mit einem tollen (Morricone-)Soundtrack und ebenso hübscher Fotografie wie ansehnlichen Sets aufwartet, ist hier mehr Dreingabe wie Hauptaugenmerk. Somit sollte man den reißerischen Titel im deutschsprachigen Raum vergessen und einen Blick wagen.

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Samstag, 20. April 2019

Our Evil

Wenn amoralische Taten sich zur Rettung des eigenen Kindes von vornherein ausschließen, diese allerdings als letzter Ausweg wahrgenommen werden und keine andere Rettung möglich zu sein scheint, wie weit würde man als Elternteil gehen? Eine sperrige Frage, gleichzeitig Kern des Debütfilms von Samuel Galli. Seinen Protagonisten Arthur zeichnet er als vom Leben erschöpften, sich durch dieses watenden, verschlossenen Mann. Erst zusammen mit seiner Tochter erlebt man ihn von einer anderen, durch und durch gütigen und liebevollen Seite kennen. Was ihn dazu trieb, im Darknet mit dem Menschenhasser Charles einen Auftragskiller zu engagieren, lernen Zuschauer wie letzterer erst, als der Honorarmörder via Passwort Zugriff zu einem alles erklärenden Video erhält. In diesem offenbart Arthur die unglaubliche Last, die auf seinen Schultern ruhte.

Dies eröffnet Regisseur wie Autor Galli die Möglichkeit, übernatürliche Momente in die zuvor in düsteren, realistischen Tönen gehaltene Geschichte einzubauen. Das Schicksal Arthurs ist kein leichtes und wird in einer ausgiebigen Rückblende in einer Art erzählt, die seiner Wahrnehmung der eigenen Bestimmung als schleichende Qual gleicht. Galli tischt viel auf; vage gleicht Our Evil zu Beginn nüchtern-analytischen Serienmörder-Filmen, bevor er mit der zweiten Hälfte das Tor für Geister und Dämonen öffnet. Selbst einen Exorzismus bekommt er in seine Geschichte unter. Sehr wohl wichtig für die weitere Geschichte, bleibt der leichte Eindruck bestehen, dass Galli absichtlich das Erreichen des finalen Twists hinauszögert. Das hält den angenehm zurückhaltenden Erzählfluss der ersten Hälfte unnötig auf. Zum Finale wird förmlich geschlichen.

Die dort offenbarte Wendung erweist sich auf den ersten Blick höchst moralisch. Der im Entstehungsland Brasilien und seiner Gesellschaft verwurzelte Katholizismus tritt mit der Vertretung, dass schlechte Menschen ein ebenso schlechtes Schicksal ereilt, in Erscheinung. Die begangenen Taten Charles' - äußerst unangenehm durch sein "Werbevideo", welches schonungslos die brutale Tötung einer Frau zeigt und einem außer Kontrolle geratenen Tête-á-Tête mit zwei Frauen, die Charles in einer Bar kennenlernt, geschildert - prädestinieren ihn dazu, auf diese Weise verurteilt zu werden. Arthurs Handeln, um Erlösung zu gelangen und zeitgleich seine geliebte Tochter vor einer schrecklichen Zukunft zu bewahren, erscheint zur gleichen Zeit, betrachtet mit christlichen Werten, bitter und doppelmoralisch.

Wie weit Gutes/gut gemeintes gleichzeitig böse, ebenso negativ und amoralisch sein kann, arbeitet der Film bemüht heraus. Galli hinterfragt in seinem Script diese Scheinheiligkeit des christlichen Glaubens. Gleichzeitig damit auch Genrefans zu befriedigen, gelingt ihm mit Our Evil nur bedingt. Seine Prämisse ist gut gemeint, scheitert dabei daran, zu viel auf einmal zu wollen. Die minimalistische Struktur des Films in der ersten Hälfte steht diesem recht gut, bevor die Geschichte in der zweiten Hälfte zerfasert. Unnötige Füllszenen - darunter surreal gestaltete Unterredungen mit einem traurigen Clown - lassen Our Evil unnötig pseudophilosophisch wirken. Gallis Landsmann José Mojica Marins und sein Alter Ego Zé do Caixão bewiesen schon vor Jahrzehnten, wie man gekonnt und sehr einfach fragwürdige Moralen entlarvt und gleichzeitig blutrünstigen Horror auf die Leinwand zaubert. Dank seiner nüchternen Stimmung und der größtenteils okay umgesetzten Grundidee ist Our Evil ein durchaus sehenswertes Debüt.



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Donnerstag, 4. April 2019

Friedhof der Kuscheltiere (2019)

Nach dem Erfolg der Neuverfilmung des Stephen King-Romans Es war es so vorhersehbar wie viele Horrorfilme dies sind, dass King und seine Werke von den Majors wiederentdeckt werden. Bevor nun im über die Jahrzehnte beachtlich angewachsenen Œuvre des Schreibers die kleinen, unbekannteren Stories verwurstet werden, bietet es sich trefflich, die einem weniger in der Phantastik verwurzelten Publikum bekanntesten Werke erneut aus dem Schrank zu zerren. Nach der erneuten Auferstehung von Horrorclown Pennywise kruschte Paramount in seinem Rechtestock Friedhof der Kuscheltiere hervor, dessen erste Verfilmung meiner Meinung nach zu den besseren King-Verfilmungen gehört. Trefflich kann man sich nun darüber streiten, ob die 2019er-Version des jungen Regie-Duos Kevin Kölsch und Dennis Widmyer nun ein Remake oder eine Neuverfilmung ist.

Bei Buchverfilmungen bekomme ich leichte Bauchschmerzen, wenn das Wort Remake benutzt wird. Die filmische Umsetzung einer literarischen Vorlage kommt meinen Augen einer Interpretation der geschriebenen Erzählung gleich, da hier diese in das Korsett der zeitlichen Vorgaben bzw. Vorstellungen des Mediums Films gequetscht wird. Die narrative Struktur eines Buchs und die Elemente einer Geschichte kann die schreibende Kraft dahinter mehr ausschmücken, detaillierter zu Werke gehen, als es bei Produktionen im Film der Fall ist. Alleine aus produktionstechnischen und zeitlichen Gründen müssen - leider - Handlungsstränge gekappt werden. In der Umgestaltung der Dramatik für die Übertragung in den Film beginnt meiner Meinung nach schon die Interpretation der literarischen Grundversion; auch wenn es einem persönlich nicht gefallen mag, was im Endeffekt die Autoren und/oder die Regie daraus gemacht hat.

Kölsch und Widmyer, welche mir mit ihrem vorzüglichen Starry Eyes zum ersten Mal aufgefallen sind, haben mit der Neuverfilmung von Friedhof der Kuscheltiere eine auf das gegenwärtige, jüngere Zielpublikum zugeschnittene Version abgeliefert. Wenig lässt zu Beginn darauf schließen, dass man den King-Klassiker komplett umgekrempelt hat. Der mit seiner Frau Rachel und den beiden Kindern Ellie und Gage aufs Land gezogene Arzt Louis wird weiterhin von Visionen geplagt, in denen ihm der unter seiner Hand verstorbene, durch seinen Unfall entstellten Victor Pascow den Ratschlag gibt, "die Grenze nicht zu überschreiten". Was Pascow damit meint, lehrt ihm Nachbar Jud, als diese den von Ellie geliebten Church, die Katze der Familie, nicht auf dem zum Grundstück der Familie gehörenden, seit Generationen bestehenden Tierfriedhof, sondern weit dahinter, auf altem Indianerland begraben. Die dort waltenden Kräfte lassen dort bestattete Lebewesen wiederauferstehen. Allerdings stark verändert. Die Entscheidung Louis', einen schweren Schicksalsschlag nicht hinzunehmen sondern entgegen der Warnung Juds, nochmal die unheimlichen Kräfte des Indianergebiets in Anspruch zu nehmen, führt zu einer schrecklichen Wendung nach seinem sehnlich herbeigesehnten Wiedersehen mit einer geliebten Person.

Das Script der Autoren Jeff Buhler und David Kajganich variiert zu Beginn wenig. Das Build Up erfolgt, angepasst an die Sehgewohnheiten des jüngeren Publikums, schneller als in der ersten Verfilmung. Die dichte Atmosphäre, das bekannte wie liebgewonnene, ländliche Kleinstadt-Feeling, das in guten King-Verfilmungen mitschwingt, suggeriert dem Zuschauer eine heile Welt. Diesen damit einlullend, durchbrechen die Traumata der erwachsenen Personen die heimelige Stimmung. Ist es Pascow, der Louis in manchen Momenten plötzlich heimsucht, ist es die verstorbene Schwester Zelda bei dessen Frau Rachel. Wurde dies im ersten Teil mit einer kurzen, punktgenau schockenden Rückblende kurz abgefrühstückt, nimmt dies in der Neuverfilmung mehr Raum ein. Kings Prämisse, mit dem plötzlichen Tod einer geliebten Person umgehen zu müssen und den Wunsch, das frühe Ableben ungeschehen zu machen, schwer kämpfend mit dem loslassen (müssen) des Menschen, wird im Gegensatz zur 89er-Version mehr Raum geschenkt. Wieso Zelda dabei leider in ihrer Darstellung zu einer entfernten Verwandten von asiatischen Filmgeisterfrauen á la Sadako oder Kayako gemacht werden musste, bleibt diskussionswürdig.

Das unter Rachels Oberfläche schwelende Trauma erklärt ihre Probleme und Verdrängung des Tods im familiären Kosmos, bleibt für die Story zugleich Lieferant schaler Jump Scares. Weit mehr schießt das Script wie der Lastwagen in der traurigen Schlüsselszene über das Ziel hinaus, wenn die zweite Hälfte beginnt. Variationen in der Ursprungsgeschichte sind, wurde ein Buch bereits verfilmt, erwartbar und unvermeidbar, bevor aus dem Gesamtwerk eine unnötig empfundene Kopie einer früheren Verfilmung wird. Fast ängstlich vor neuen Nuancen, folgt das Script Lamberts Film um die ähnlich aufgebauten Szenen aus diesem zu variieren. Das die größte Änderung aus Friedhof der Kuscheltiere einen Killer Kid-Terrorfilm strickt, ist mutig und funktioniert bis zu einem gewissen Grad. Der behutsame Aufbau der Story wird über den Haufen geworfen für ein Katastrophen-Setting mit schlimmsten Ausgang für die Protagonisten. Die Downward Spiral, in der sich Louis befindet, schleudert diesen mit großem Tempo in die Verdammnis des eigenen Leidens. Der Staub auf dem Storygerüst wird mit dem Zuschauer aufgerüttelt.

Die letztendliche Pointe ist die Krönung einer für den bisherigen Aufbau unpassend erscheinenden zweiten Hälfte, die manchmal wie ein Zugeständnis an die angepeilte Teen-Mainstream-Zielgruppe wirkt. Alles aufgebaute wird brachial in Trümmer gehauen; ein Mittelfinger des New Horror, deren Vertreter Kölsch und Widmyer eigentlich zu den besseren zählen, gegenüber klassisch-moderner Horrorliteratur eines Stephen King. Richtig steht dem Duo dieses Bild nicht. Sie werden zu Handlangern eines Scripts, dass seine gekonnt aufgebaute Geschichte und den darin herausgearbeiteten Kampf seiner Figuren mit der Unausweichlichkeit des Todes mit Füßen tritt, um dies als innere Revolution zu feiern. Lediglich ist dies wie bei Louis der Übertritt einer unsichtbaren Grenze in das Gebiet derer, die gut aufgebaute Geschichten mit wenig schlechten Entscheidungen zum Einsturz bringen können (ergo dürfte demnach dort auch ein Rob Zombie anzutreffen sein). Schade für die gelungene erste Hälfte, die - wie es Es tat - das besondere King-Feeling gut in die Neuzeit transportieren konnte. Das ist durchaus sehenswert, schmälert aber die während des Films beim Zuschauer aufgebauten Erwartungen so unversehens, wie der Tod manchmal geliebte Menschen aus dem Leben reißt.

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Dienstag, 2. April 2019

Alita: Battle Angel

Noch regiert uns - trotz foranschreitend schneller Entwicklung und Digitalisierung - die Technik nicht zur Gänze. Die über den Globus verteilten Techlabore dringen mit ihren künstlichen Intelligenzen in neue Dimensionen vor, was die sprachgesteuerte Damen á la Alexa z. B. für den faulen Filmfan und bequemen Dauerkunden von Jeff Bezos' Milliarden-Unternehmen dutzendfach überholt erscheinen lässt. In dunklen, muffigen Kammern oder alternativ weiß durchfluteten Quasi-Influencer-Showrooms fragen sich derweil einige Männlein und Weiblein, ob Androiden von elektrischen Schafen träumen oder nicht. Derweil macht sich nicht nur die ganze Menschheit offensichtlich der Technik untertan. Darunter Robert Rodriguez, der es mit seinem neuesten Film schafft, dass Besprechungen seiner Filme durch die ständig wiederholenden Mängel seiner Werke beinahe obsolet werden.

Nach seiner Comic-Verfilmung Sin City (hier besprochen) muss nun ein Manga durch den Blockbuster-Drehwolf der Traumfabrik gequetscht werden. Der bereits 1991 erstveröffentlichte Comic wird durch die Feder James Camerons zu einer Quintessenz des über die Jahrzehnte gewachsenen Universums einer postapokalyptischen Welt, in der das Cyborgmädchen Alita von einem im  Standardschauspielprogramm durch den Film wandelnden Christoph Waltz in Frankenstein-Manier aus vom Schrottplatz aufgesammelten Teilen zusammengeschraubt und belebt wird. Vollkommen funktionstüchtig, nur der Erinnerung an die Vergangenheit beraubt, lernt das Alita getaufte Mädchen durch ihren "Vater" Dr. Ido die Welt kennen. Aufgeteilt ist diese in die durch den Großen Krieg einzige verbliebene Stadt auf dem Erdenrund selbst, Iron City, einem unruhigen, überkochenden Schmelztiegel und Salem, der letzten schwebenden Stadt, die den Privilegierten vorenthalten zu sein scheint.

Mehr die von James Cameron als (Mit-)Autor und Regisseur Rodriguez geschaffene Welt und ihre Details vermag den Zuschauer bei der Stange zu halten, als die Geschichte selbst. Das World Building präsentiert ausgiebig und mit viel Liebe zum Detail das dystopische Universum von Alita: Battle Angel mit seiner von Cyborgs und Menschen gleichermaßen bewohnten, randvoll gefüllten Stadt. Sie beherbergt die gutmütigen wie Dr. Ido, seine Assistentin, den mit verwegenen Bubi-Charme ausgestatteten Hugo und die unheimlichen, wie den Kopfgeld-Jägern, Hunter-Warriors genannt, welche teilweise offizielle Gesetzes-Vertreter sind, dieses manchmal um ihre eigenen Vorteile bedacht, verbiegen oder Vector, dem zwielichtigen Veranstalter von Events des angesagten Sports Motorball. Die in der Geschichte des Films vereinten ersten vier Bände des Mangas lassen einen umfassenden Blick auf das bunte wie düstere Treiben in der Metropole und der Welt Alitas zu. Merklich darauf ausgelegt, ein neues Franchise einzuführen, fühlt sich die filmische Origin-Story wie ein gehetztes abarbeiten verschiedener Meilensteine an.

Technisch beeindruckend, mit großen Aufwand betriebene CGI-Animationen für Hauptfigur Alita, für die Schauspielerin Rosa Salazar u. a. mit zwei Gesichtskameras aufgezeichnet wurde, um diese so lebendig wie möglich erscheinen zu lassen, lassen Cameron und Rodriguez ihrer Geschichte wenig Luft zum Atmen. Der Glaube an die Macht der Illusion, das Vertrauen auf die Technik, lässt das vermissen, was vielen Rodriguez-Filmen fehlt: Emotion und Seele. Propagiert die Heldin des Films, nachdem sie in Fragmenten ihrer Vergangenheit auf die Spur kommt, für ein Zusammenarbeiten von Mensch und Maschine bzw. Cyborgs mit einer emotionalen Ansprache im Treffpunkt der Hunter-Killer, macht sich der texanische Regisseur der Technik untertan, mehr noch: zum Sklaven. Waren seine früheren Werke von durchaus lässiger, umgarnender Coolness geprägt, ging dem späten Rodriguez in der Konzentration auf die Vorzüge des Offensichtlichen jegliche Emotionalität flöten.

Das bremst den sehr guten Sin City auf dem Weg zu einem modernen Meisterwerk aus und auch Alita: Battle Angel krankt daran. Die sorgsam herausgearbeiteten Einflüsse der Vorlage lassen den Film in seinem Storytelling austauschbar werden. Die erkennbaren Versatzstücke werden abgehakt wie es der Film in seiner Erzählstruktur mit den jeweiligen Milestones der Gesamtgeschichte macht. Bedauerlicherweise kann man auf potenzielle Sequels vergebens warten. Der eher als Flop eingestufte Kinofilm scheint langsam auch dem Blockbuster-Publikum die Augen zu öffnen, dass bis auf das interessante Drumherum Alita: Battle Angel an chronischem Blockbusterstandardismus leidet und wenig dafür tut, die interessante Vorlage adäquat umzusetzen. Robert Rodriguez sollte seinen Filmen mehr Seele schenken und weniger darauf vertrauen, dass die Technik das meiste schon macht. Ironischerweise ist in der Zeichnung der Figur Alitas am menschlichsten, während Figuren wie Ido und Vector sowie deren Darsteller Christoph Waltz und Mahershala Ali gnadenlos verschenkt werden. Da hätte viel mehr drin sein können.

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Samstag, 23. März 2019

Swimming Pool - Der Tod feiert mit

Manchmal ist die Abneigung einiger Filminteressierter gegenüber deutscher Filme (fast) verständlich. Neben der "kopflastigen Scheiße" des Autorenkinos scheint es nur leichte Kost bestehend aus krachend brachialer Comedy oder zähflüssige Romantiksauce, häufiger aus der Tratorria Schweiger stammend, zu geben. Muten letztere häufiger als Abklatsch der ebenso meist nervigen RomComs aus der Traumfabrik an, winken viele (Hardcore-)Horrorfans ab, wenn sie erfahren, dass ein Genrefilm aus Deutschland stammt, anstatt mal ihre Scheuklappen abzunehmen. Häufiges Argument ist, dass die hiesigen Filmemacher nur schlecht kopieren können. Junge, frische Filmemacher strafen in den letzten Jahren diese Aussagen lügen. Wobei man dort angeblich wieder das als urdeutsche Eigenart ausgemachte Problem der verkopften Herangehensweise hat.

Auf der anderen Seite der Medaille gab und gibt es im Mainstream der überschaubaren deutschen Kinolandschaft Kopien amerikanischer Erfolgsfilme. Als Wes Craven seinen ironisch gefärbten Meta-Schlitzer Scream auf das Publikum los ließ und in den ausgehenden 90ern und beginnenden 2000ern eine neue Slasher-Welle auslöste, wollten auch deutsche Kinoproduzenten sich am Horror für das überwiegend jugendliche Publikum versuchen. Der 2001 entstandene Swimming Pool, stilecht mit einem für deutsche Verleihs üblichen, einfallslosen Untertitel versehen, tarnt sich in angeblicher Internationalität. Der Cast vereint Darsteller aus Deutschland, Großbritannien und den USA. Darunter der damals noch Haare besitzende James McAvoy als grinsendes Nebenrollen-Opfer, lange vor seiner Hollywood-Karriere als junger Professor X in der zweiten Zeitlinie des X-Men-Franchise.

In Swimming Pool gehört zu einer Clique, welche auf einem internationalen Internat in Prag frisch das Abitur bestanden hat. Da den reichen Kids die offizielle Abschlusssause zu langweilig ist, plant Rudelsführer Gregor eine geheime Party in einem Schwimmbad. Nach dem ohne Komplikationen verlaufenden Einbruch lassen es sich die Kids wie man es aus dem Subgenre kennt mit reichlich Alkohol, gelöster Stimmung, wenig Textilien am gut gebauten Körper und gesteigerter Libido gut gehen. Dunkle Wolken ziehen erst auf, als sich das Wasser mit Blut vermischt und ein Rich Kid nach dem anderen ins Gras beißt. Ein Mörder befindet sich in den Reihen der Jugendlichen, die im versehentlich abgeriegelten Schwimmbad um ihr Leben kämpfen während draußen ein abgehalfteter Kommissar einen Mord untersucht, der mit den Bluttaten im Bad in Verbindung stehen könnte.

Ihre Hausaufgaben haben die Macher des Films schon aufmerksam gemacht. Swimming Pool orientiert sich überdeutlich an den Erfolgsfilmen der damaligen Zeit, zeigt privilegierte Jugendliche zwischen Altersgruppen- und First World-Problems, die wie in Slashern aus dem Amiland schablonenhafte Charaktere sind, die einzig deswegen existieren, um ihrer Existenz beraubt zu werden. Geleckte Bilder sollen den überwiegend in Tschechien gedrehten Film als teures A-Produkt verkaufen, während der Soundtrack es den US-Vorbildern gleich tut und aus Pop-Punk und Alternative Rock besteht. Dort tauchen neben der damals erfolgreichen Crossover-Truppe Guano Apes auch die erst bekannt werdenden Donots auf, deren erster Hit "Whatever Happened To The 80s" einen netten wie kurzen Flashback in die eigene Jugendzeit bietet.

Apropos Flashback: der gleichnamige Film, ebenfalls ein aus Deutschland stammender, ein Jahr früher entstandener Slasher, hat im direkten Vergleich mit Swimming Pool die Nase vorn. Beide Filme vereint die überdeutliche Orientierung an den US-Slashern der beginnenden 2000er, wobei Flashback weniger amerikanisiert wie Swimming Pool anmutet. Nicht zuletzt durch die Location wirkt der zum Vergleich herangezogene Film deutscher und besitzt deutlich mehr Drive und (positiven) Trash-Appeal. Um wenigstens ein durch die Thematik des Films sich anbietendes, flaches Wortspiel zu bieten, kann man Boris von Sychowskis Film attestieren, dass er nicht komplett absäuft. Technisch einwandfrei auf die Leinwand gezimmert, verkommt er leider zu einer einfallslosen Kopie, die selbst das im Subgenre häufig auftretende löchrige Drehbuch mit sich bringt. Das vom Verleih anvisierte jugendliche Publikum sollte, anders als Gorebauern und Splatterkiddies, nicht davon abgeschreckt werden, dass sie in einem deutschen Horrorfilm sitzen und mit dem gelöhnten Obolus die Kassen klingeln lassen. Das führte zu einem identitätslosen Film, der meist dann ganz okay funktioniert, wenn der mit austauschbarer Maskierung ausgestattete Killer in Erscheinung tritt, bevor er wieder im - Wortspiel ahead - Durchschnitt planscht.
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What The Waters Left Behind

Am 10. November 1985 ging Villa Epecuén unter. Stark anhaltende Regenfälle ließen den nahegelegenen See über die Ufer treten und letztendlich die Rückhaltewand der spärlichen Lehmdämme brechen. Die Bewohner des kleinen Ortes flüchteten so schnell sie konnten, während die Fluten des gestauten Sees die Stadt verschwinden ließ. Videoaufnahmen dieser Tragödie eröffnen den argentinischen Horrorschocker What The Waters Left Behind, dessen Titel auf die letzten Jahre anspielt. 2009 zog sich das Wasser nach und nach zurück und legte die Ruinen von Epecuén frei. Surrealistisch mutete das Bild der Trümmer dieser Geisterstadt an: wie das vom Ausbruch des Vesuv überraschte Pompeii stellt der verwüstete Ort und sein Umland ein Zeitzeugnis dar: zurückgelassene Wägen, Wohnungen, Häuser muten an, als hätte jemand den Lauf des Lebens der Bewohner per Druck auf die Pausetaste angehalten, bevor die Fluten alles verschluckten.

Für das Brüderpaar Luciano und Nicolás Onetti, welche zuletzt mit der detailliert wie bemüht auf alt getrimmten Giallo-Hommage Francesca (Besprechung hier) auf der Bildfläche erschienen, bietet Epecuén die passende Kulisse für ihren Backwood-Horror und ist gleichzeitig Inspiration für ihre Geschichte: ein klischeehaft gezeichneter, gestresster und divenhafter Filmemacher, der über die Tragödie eine Dokumentation drehen möchte, reist mit seinem kleinen Team und einer Überlebenden in die Geisterstadt, um für das Projekt Aufnahmen zu machen. Bis der Horror für die austauschbaren Figuren losbricht, strengen sie den Zuschauer mit Zickereien und Streitigkeiten an, bevor sie bemerken, dass die verwüstete Stadt gar nicht so verlassen ist, wie sie wirkt. Ein degenerierter Clan von Kannibalen hat es sich im argentinischen Hinterland gemütlich gemacht und bietet mit seinem Auftauchen eine wenig erbauliche Mischung aus Terrorfilm, Backwood-Slasher und Torture Porn.

Überdeutlich orientiert sich das Regie-Duo an großen Vorbildern wie The Texas Chainsaw Massacre oder Wes Cravens The Hills Have Eyes. Die Reise nach Epecuén in einem VW-Bus lässt ikonische Einstellungen aus Tobe Hoopers meisterlichem Kettensägenschocker weniger als Zitat, mehr als bis auf wenige Details abgeänderte Nachstellungen aufleben. Der Zwischenstopp bei einer verfallenen Tankstelle mitsamt auf der verschmutzten Toilette hängenden Zeitungsschnipsel über in der Region vermisste Personen bietet einen ersten, vagen Ausblick auf die menschenfressenden Antagonisten. Was als überdeutliche Hommage an die Klassiker des Subgenres beginnt, kippt mit jeder Minute nach dem Auftauchen des Clans in ein ideenarmes und spärlich interessantes Horrorstückwerk. Die Folterungen an den Gefangenen Filmcrew-Mitglieder könnte sogar Eli Roth im fiebrigen Magen-Darm-Grippe-Delirium besser abfilmen. Bei den Onettis ist das Foltermittel nicht das Leid der Protagonisten, deren schablonenhaftes Dasein dem Zuschauer schnell gleichgültig ist, sondern die Langeweile der schleppend voranschreitenden zweiten Hälfte.

Die Regisseure und Autoren verwechseln Hommage mit bloßem Kopieren. Auch die aus The Texas Chainsaw Massacre bekannte Dinner-Szene wird frohen Mutes wenig variiert in den Film eingebaut. Als Zuschauer fragt man sich wie die Protagonisten, wann das Martyrium endlich endet. Mit Eigenständigkeit hat What The Waters Left Behind bis auf den reellen Hintergrund und den Originalschauplätzen wenig am Hut. Letztere sorgen für eine interessante Kulisse, in der man einen wenigstens kurzweiligen Hinterwäldlerhorror hätte umsetzen können. Nach dem durchaus ambitionierten Francesca ist dieser Film nahezu eine Bankrotterklärung. Man möchte den Onettis zureden, dass sie lieber eine kreative Insolvenzerklärung aus Mangel an restlichem Talent abgeben sollten, als nochmal einen Film zu machen. Oder versuchen, wenigstens halbwegs eigenständige Werke abzuliefern. Mit dem als Hommage konzeptionierten What The Waters Left Behind wirken sie leider wie zwei über das Ziel hinaus schießende Fanfilmer, welche wie einst Epecuén mit ihrem Film sang und klanglos untergehen.
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Donnerstag, 14. März 2019

Pin Cushion

Der gesellschaftliche Standard, die normative Definition dessen, was der größte Teil der Menschen als normal betrachtet, ist entgegen aller Öffnung über die Jahrzehnte gegenüber vormals geächteten, am Rande existierenden Gesellschaftsgruppen in manchen Schichten weiterhin eng gesteckt. Als Jugendlicher hat man es schnell schwer, wenn man nicht dem streng festgelegten Maßstab seiner gleichaltrigen Mitmenschen entspricht. Zumindest, wenn man die Abweichung von der Norm nicht selbst gewählt hat. Spinner. Verlierer. Nerd. Uncool. Außenseiter. Gleich ob freiwillig oder wegen anderer Umstände nicht ins Raster passend, trägt man eine imaginäre Zielscheibe; ist das zarte Lamm, in das die mobbenden Wölfe mit asozialen oder hinterhältigen Aktionen ihre schmerzenden Reißzähne stoßen. Die hinterlassenen psychische und soziale Wunden klaffen so tief, dass sie in manchen Fällen unterbewusst nie komplett verheilen.

Der unbedingte Drang, dazugehören zu wollen, treibt weiter ins schmerzende Verderben voller kleiner und großer Demütigungen. Deborah Haywoods Umgang mit dieser Thematik in ihrem Debüt Pin Cushion umweht eine kühle Aura. Im nüchternen Blick auf den Kampf ihrer beiden Protagonisten, in ihrem neuen Wohnort einen Platz in der örtlichen Gesellschaft zu finden, schimmert bei allen schweren Schlägen die Haywoods Geschichte für sie bereit hält, eine Zuneigung für die beiden Frauen aus. Iona und ihre alleinerziehende Mutter Lyn wirken in ihrer eigenen Welt aus bunter, unpassend zusammengepuzzelt erscheinender Kleidung, ebenso farbenfroher und vor Kitsch überquillender Einrichtung in ihrem kleinen Haus und ihrem zuerst ungewöhnlich nahen und liebevollen Umgang miteinander hochgradig schrullig. Diese quirkiness lässt für beide große Sympathien wachsen. Gleichzeitig zeigt Haywood, wie unsicher sie einzeln außerhalb ihrer gewohnten Umgebung, der eigenen kleinen Welt, sind.

Iona findet schnell Anschluss, lügt der Mutter sozusagen aber vor, dass sie in ihren falsch spielenden Klassenkameradinnen Stacey, Keeley und Chelsea Freundinnen gefunden hat. Auch Lyn, die für ihre Tochter fürsorgende Mutter und beste Freundin zugleich sein will, ist ihrem Kind gegenüber unehrlich. Ihre angeblichen Dates, ihre Besuche bei Gemeindeveranstaltungen scheitern an ihrem nicht vorhandenen Selbstbewusstsein und sozialen Ängsten, resultierend aus Scham vor ihrem verwachsenen Rücken. Als Iona, deren Tagträume bereits andeuten, dass sich das Mädchen ein Leben wie aus dem Werbeprospekt weit weg von den Schrulligkeiten der Mutter wünscht, sich von ihrer Mutter abnabelt, um ihren angeblichen Freundinnen zu gefallen, stürzt dies Lyn in ein weiteres Loch währen das andauernde Mobbing der Mädchen Iona beständig zermürbt. Bei einer Party geschossene Nacktfotos der stark alkoholisierten Jugendlichen, die in der Schule umgehen und der Verlust ihres Schwarms Daz an Keeley führen zu einer Tragödie, welche die Welt von Lyn und Iona zum Einstürzen bringt, als Lyn zufällig von den Nacktfotos erfährt.

Frei von Klischees ist Haywoods Script nicht. Pin Cushion erscheint manchmal wie eine Worst of-Sammlung von Dingen, die Jugendlichen im Bezug auf Mobbing in der Schule und Identitätssuche in der Pubertät widerfahren können. Iona scheint kein Glück gegönnt; alle kleinen Lichtblicke vernichtet die Autorin zugunsten weiterer Dramatik und der Verlust des Freunds an die Anführerin der Clique ist auch in seichten Teenie-Filmen seit Jahr und Tag ein gern genutztes Element. Ist Deborah Haywood demnach eine Sadistin, die ihren Figuren und dem Zuschauer keine Hoffnung gönnt? Eher ist sie eine schonungslose Realistin, um die Aktualität ihres Filmthemas bewusst, welche das schlimmstmögliche Szenario zeichnet. Iona und Lyn sind Social Outcasts, die schwer außerhalb ihres Kosmos existieren können. So unangenehm viele Szenen um Ionas Bemühungen, zur Mädchenclique gehören zu wollen, die die Naivität der jungen Dame schonungslos offenlegt, sind und so traurig Lyns scheiternde Bestrebungen sind, weg von ihrer Tochter Anschluss zu finden: Haywood schafft durch die detaillierte Einführung ihrer Hauptfiguren eine nahe Bindung des Zuschauers zu diesen.

Häufig möchte man Iona verzweifelt zurufen oder an den Schultern packen und schütteln, damit sie aufwacht und bemerkt, wie man mit ihr umgeht oder sie und ihre Mutter einfach in den Arm nehmen, wenn das Schicksal einmal mehr gnadenlos zugeschlagen hat. An Schicksalsschlägen mangelt es dem Film nicht. Haywoods Blick auf die Welt junger Heranwachsender und den Problemen von sozialen Außenseitern, einen Platz in einer immer egomanischeren, hier auch oberflächlichen Welt zu finden, ist düster. Es gibt keinen Ausweg aus der Abwärtsspirale. Lyns gewählte Konsequenz als Rache an der Clique für deren fortdauerndes Mobbing ist zwar erschütternd, die ständige negative Richtung der Geschichte schenkt ihm leider den Nachgeschmack eines weiteren Schlags der Autorin gegen ihre Figuren. Erst die Schlusseinstellung lässt nach allen bitteren Stationen für Iona und Lyn Platz für teils fehlende Emotionen, deren Endeinstellung traurig wie schön zugleich ist. Pin Cushion ist ein - Nomen est omen - spitz zustechender Film mit hoffnungsloser Tonalität, hinter dessen Fassade man Haywoods Zuneigung zu den eigenen Figuren spürt und gleichzeitig beißend rational auf diese Außenseiter und ihre psychischen und soziale Probleme blickt. Die stets unaufgeregte, ruhige Regie und die tolle Darstellung der markanten Lily Newmark als Iona und von Joanna Scanlan als Lyn machen dabei aus Pin Cushion einen kleinen Geheimtipp des Coming of Age-Dramas.
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