8. Oktober 2017

Es (2017)

Eigentlich ist Maine, im Nordwesten der USA gelegen, ein schöner Flecken des Landes. Trotzdem spielen viele Geschichten von Stephen King in dessen Heimatstaat und lassen das Grauen in diesen einziehen. Normalerweise ist die Familie im Idealfall ein Hort des Rückzugs, der Geborgenheit und ein Kraft spendende Zelle des menschlichen Lebens. Trotzdem lässt King in vielen seiner Geschichten diesen sozialen Bund erschüttern. Schicksalsschläge sind der Ausgangspunkt für seine Art des Horrors, um das Gefüge der Familie weiter auseinander treiben zu lassen. Im amerikanischen Mainstream-Horror ist dies seit vielen Jahrzehnten ein bewährtes Motiv, innere Konflikte in der Familie durch übernatürliche Eingriffe von außen zu steigern, um dann im gemeinsamen Bewältigen der Bedrohung auch diese zu meistern. Überwiegend sind alle Familienmitglieder gleich schwer betroffen oder die schwächsten, die Kinder, Angriffspunkt des Bösen um von ihren Eltern oder anderen Erwachsenen geschützt zu werden.

Kings Es funktioniert anders. Hier lauert das Böse nicht nur in Form einer übernatürlichen Kraft. Auch die Erwachsenen selbst, in der gesamten Geschichte ohnehin Randerscheinungen, sind keine schützenden Heilsbringer. Sei es die übermäßig besorgte Mutter von Eddie, welche ihm einredet, er könnte selbst vom harmlosesten Bazillus schrecklich krank werden oder der Vater von Beverly, der eine sehr eigene Interpretation von väterlicher Fürsorge gegenüber seiner Tochter hat. Einzig Bills Eltern erscheinen normal; die Familie wird dafür vom plötzlichen Verschwinden des kleinen Georgie, Bills Bruder, beherrscht. Das krampfhafte Suchen Bills nach diesem - eine gut gemeinte Geste und Versuch von diesem, mit dem Verlust des Bruders fertig zu werden - bringt nicht nur seine Eltern an ihre Grenzen. Auch dessen Freunde, so beherzt sie versuchen zu helfen, belastet dies. Die Clique, die meist von älteren Mitschülern aufgemischt und von diesen als Verlierer bezeichnet wird und sich deswegen selbst Losers Club nennt, steht dabei unwissentlich noch vor ihrer größten Prüfung.

Alle 27 Jahre kehrt Pennywise, eine fürchterliche Kreatur die großenteils in Gestalt eines Clowns auftritt, nach Derry, dem Ort des Geschehens zurück. Erst langsam dämmert den Freunden, dass Pennywise kein weiteres Gespinst Bills oder keine Einbildung eines anderen Cliquen-Mitglieds ist. Durch Ben, dem Neuen in der Stadt, finden die Freunde heraus, dass Pennywise schuld an einigen schlimmen Katastrophen sowie dem verschwinden von Menschen, Kindern im besonderen, ist. Trotz aller aufkommenden Konflikte in der Gruppe und ihren Ängsten, schwören sich die Kinder, sich dem Monstrum in Clownsgestalt zu stellen und ihn zu bekämpfen. Es sind ebenfalls 27 Jahre her, seitdem Pennywise - damals vom großartigen Tim Curry verkörpert - das erste Mal filmisch auf sich aufmerksam machte. War die 1990 entstandene, erste Verfilmung des Stoffs ein TV-Zweiteiler, so schafft es die Neuverfilmung des über 1000 Seiten starken Romans nun in die Kinos. Für mich war Es unter den vielen King-Verfilmungen neben Friedhof der Kuscheltiere und Misery immer eine der besten Umsetzungen seiner Bücher.

Die Neuverfilmung schickt sich an, dass ich diese künftig ebenfalls dazu zählen werde; selbst wenn er als Horrorfilm beinahe versagt. Seine Jumpscares und überlautes Dröhnen der Tonspur sorgen dafür, dass sorgfältig aufgebaute Spannungsmomente kaputt gemacht werden. Diese Zugeständnisse an Standards des modernen Horrorkinos hätte Es eigentlich nicht nötig. Das Spiel mit den kindlichen Ängsten, deren Bewältigung eines der Motive der Geschichte ist, könnte in subtilerer Herangehensweise weitaus mehr gewinnen. Der effektlastige, schnell hereinbrechende Terror funktioniert selten. Ein Gemälde einer verzerrt dargestellten Dame, die diesem entsteigt, ist einer der seltenen Momente, in denen diese Taktik funktioniert. Die einzelne Konfrontation der Jugendlichen mit Pennywise überzeugt weitaus mehr. Bill Skarsgård verleiht seinem Pennywise eine dämonische Ausstrahlung, die ihn offensichtlicher zu dem werden lässt, was er auch ist: ein durch und durch bösartiges Monster, welches den Clown nur als menschliche Hülle nutzt um seine Opfer anzulocken.

Erinnerungen an das Alter Ego des Serienmörders John Wayne Gacy, Pogo der Clown, werden dann wach, wenn Skarsgårds Augen gierig und böse auf der Leinwand funkeln. Der monströse Clown wird zum Sinnbild für all' den Schrecken, der in auf den ersten Blick harmlosen Kleinstädten lauert. Seien es die typischen Bullys, welche ihre Mitschüler terrorisieren oder das, was hinter den Türen der Häuser schwelt. Es gibt viele Ängste, viele Traumata, denen man sich als Kind stellen muss. Deren Bewältigung bringt der Film fernab seines Horrorbrimboriums sehr schön zur Geltung. Es bezieht seine größte Stärke vor allem durch die erzählerische Dichte und seiner Darstellung des Losers Club in allen Facetten. Die stark gecasteten Kinderdarsteller haben daran einen erheblichen Anteil. Ihr lockeres, unverkrampftes Spiel schafft es, dass die Figuren lebendig werden. Die Verlierer-Clique wächst dem Zuschauer schnell ans Herz und lässt Erinnerungen an Klassiker wie Stand By Me - ebenfalls eine King-Verfilmung - wach werden. Das Gefühl erwächst, ein unsichtbares Mitglied der Gruppe zu sein, die dicht am Geschehen dabei ist.

Regisseur Andrés Muschietti erweist sich als richtige Wahl: der Argentinier hat ein gutes Händchen für klassische Horrorgeschichten mit dramatischem Grundtenor, wie sein Debüt Mama (Review dazu gibt es hier) beweist. Muschietti kann subtil und in wichtigen Szenen schafft es auch das Buch, zurückhaltend zu agieren. Ganz unaufgeregt stellt er die großen und kleinen Dramen der Freunde dar: sei es die Enttäuschung des Vaters über die ungenügende Vorbereitung auf eine Bar Mitzvah, die Trauer um das verlorene Kind bzw. den Bruder oder angedeuteter sexueller Missbrauch. Hier glänzt Es, bevor der Horror wieder alles übertüncht und sinnbildlich auffrisst. Selbst wenn es nicht immer passen mag: die Coming of Age-Geschichte und damit verbundene Emotionalität, die der Film transportiert und die immens dichte Atmosphäre sorgen dafür, dass Es tatsächlich ein Anwärter für den besten Horrorfilm des Jahres ist. Das Gesamtbild ist bis zur letzten Minute stimmig und trägt in den Szenen, die zu übertrieben, zu laut, einfach zu plakativ sind. Das hat Es überhaupt nicht nötig. Seine herausstechenden anderen Stärken lassen ihn zu diesem sehr guten Film werden, der er letztendlich ist.