Film ist Wahrheit, 24 Mal pro Sekunde. Tagebuch. Meinungen. Filmstoff.

Montag, 21. Dezember 2009

Yankee

Ein namenloser Fremder, von allen nur Aufgrund seiner Herkunft Yankee genannt, verschlägt es in ein Dorf im mexikanischen Grenzland, welches vom größenwahnsinnigen "großen Poncho" beherrscht wird. Trotz der Warnung einiger Bewohner versucht der Yankee, mit dem exzentrischen Kriminellen ins Geschäft zu kommen. Während Concho noch einen verschollenen Teil einer Beute eines früheren Raubs sucht, um die ihn ein paar Ganoven betrügen wollten und einen Überfall auf einen Geldtransport plant, versucht der Yankee ihn zu überzeugen, die eigene Bande an die Justiz auszuliefern um sich dann das Kopfgeld zu teilen. Doch Concho geht nicht auf dieses Angebot ein und versucht, diesen seltsamen Fremden aus seinen Geschäften rauszuhalten. Das er den Amerikaner allerdings unterschätzt hat, merkt er daran, als dieser damit beginnt, mit List und Tücke die Mitglieder von Conchos Truppe zu dezimieren.

Wer nun bei dem Namen Tinto Brass einen relativ freizügigen und mit allerlei Nuditäten versehenen Italowestern der etwas derberen zunft erwartet, der liegt vollkommen daneben. Der als Giovanni Brass 1933 in Mailand geborene Regisseur wurde einem größeren Publikum durch den in der Nazizeit angesiedelten Erotikfilm Salon Kitty und dem "teuersten Porno aller Zeiten" Caligula bekannt und im letzteren Falle auch berüchtigt. Doch auch wenn sich Brass gerade nach zuletzt genannten Werk eher den erotischeren Filmen zuwandte und dabei solche Werke wie dem auch noch relativ bekannteren Paprika - Ein Leben für die Liebe (1989), Miranda (1985) oder vergleichbare Softcore-Streifen schuf, so sollte man auf jeden Fall einen Blick auf dessen Karriere vor den "Schmuddelfilmen" werfen. Brass, der unter anderem als Regieassistent von Roberto Rossellini begann und später zum Schnitt wechselte, machte 1958 als Regisseur erste Übungen mit dem Experimentalfilm Spatiodynamisme, den er zusammen mit Nicholas Schoeffer realisierte, bevor er fünf Jahre später seine erste Einzelarbeit Wer arbeitet, ist verloren ablieferte. Von da an wandte sich Brass trivialeren Themen und Filmen zu, ohne aber doch noch eine gewisse Extravaganz in diese hinein zu bringen. So gilt sein Giallo Ich bin wie ich bin - Das Mädchen aus der Carnaby Street von 1967 als optisch sehr verspielter und experimenteller Vertreter des damals noch jungen Genres, der Aufgrund der losgelösten Verspieltheit seines Regisseurs beinahe schon einen wahren Overkill an optischen Spielereien bietet. Ein Jahr davor entstand mit Yankee sein einzigster Italowestern.

Es ist dabei wirklich sehr schade, dass Brass in diesem Genre nicht mehr Beiträge vorweisen kann. Der immer schon etwas gemächlicher als die Kollegen arbeitende Regisseur, bei dem zwischen seinen Filmen schon mal gut fünf Jahre ins Land gehen können, bietet hier für den aufgeschlossenen Fan des Subgenres einen von seiner Geschichte her sehr konventionellen und doch wieder völlig eigenen und sehr obskuren Vertreter aus dem Reich der Spaghettiwestern. Es sind auch hier wieder seine optischen Spielereien, die Yankee aus der Masse hervorstechen lassen. Schon der Beginn mit seiner etwas holprigen, aber eben so völlig anderen, weil doch recht flotten Schnittfolge weiß hier zu faszinieren und führt den Protagonisten stilsicher ein. Er ist ein Held des Italowestern, wie er im Buche steht. Ein wortkarger Mensch ohne näher bekannte Vergangenheit, ein Vagabund dessen Lebensaufgabe es nur zu sein scheint, den großen wilden Westen abzureiten und den Bösewichter der Regionen ein Bein zu stellen. Er ist trotz seiner angenehmen Erscheinungsart ein mit allen Wassern gewaschener Haudegen, der auch aus der größten Gefahr einen Ausweg findet und zudem unsagbar sicher mit dem Schießeisen umgehen kann. Man merkt, hier haben Figuren wie Clint Eastwoods Charaktere in Leones Dollar-Trilogie oder Franco Nero als Django klar Pate gestanden. Aber man schafft es, den Yankee nicht nur als bloße Kopie dieser Figuren darzustellen. Gerade auch durch die ungewöhnliche Weise, wie Brass seine Geschichte schildert, wird dieser namenlose Fremde trotzdem zu einem völlig eigenständigen Charakter.

Das könnte auch am Schauspieler selbst liegen, wird der titelgebende Yankee vom Franzosen Philippe Leroy dargestellt, einem wahren Veteranen des italienischen Genrefilms, den man unter anderem auch noch im Poliziottescho Milano Kaliber 9 (1971), dem von Sergio Martino gedrehten späten Italowestern Mannaja - Das Beil des Todes (1977), dem Abenteuerdrama Das Wilde Auge (1967) oder auch dem Bud Spencer-Streifen Hector, der Ritter ohne Furch und Tadel (1976) bewundern kann. Auch Leroy besitzt wie viele seiner Kollegen ein markiges Gesicht, dass ihn dazu prädestiniert, einen Helden des wilden Westens darzustellen, besitzt dabei aber eben auch eine gewisse Ausstrahlung, mit der andere nicht aufwarten können. Brass spielte eben nicht nur mit der Optik des Films an und für sich, sondern auch mit der seiner Figuren. So hängt Leroys Pistolengürtel eigentlich viel zu tief und auch sein Hut ist - wie übrigens auch der seines Gegenspielers - doch etwas zu groß geraten. Zudem erinnert auch die Kleidung des Yankees nicht an das abgewetzte einiger anderer Nomaden, sondern eher entfernt an Gentlemen wie Sartana.

Doch Brass sprengt das herkömmliche Figurenbild allein auch schon durch seinen Inszenierungsstil. Nicht nur, dass Yankee fast schon am laufenden Band mit ungewöhnlichen Einstellungen wie Frosch-, Vogel oder anderen verzerrten Perspektiven aufwartet, auch in Sachen Licht- und Farbgestaltung sowie der Kameraarbeit ist der Film über jeden Zweifel erhaben und bekommt dabei ja schon fast eine unwirkliche aber immer auch dichte Atmosphäre. Was Yankee nun noch abhebt, sind die ständigen kirchlichen Anspielungen, die man den ganzen Film über findet. Das fängt damit an, das Concho mit seiner Bande in einer verfallenen Kirche haust und dieser sich beinahe schon Gottgleich gibt. Diese beeindruckende Performance hat man übrigens Adolfo Celi zu verdanken, der hier wie in vielen anderen Filmen auch eine wirklich sehr gute Leistung an den Tag legt und zusammen mit Kollegen Leroy rein von den mimischen Leistungen her trägt. Wie auch für Concho selbst so sind die Darsteller der Bandenmitglieder eigentlich nur bloßes Beiwerk, auch wenn sie natürlich ebenfalls ihre Sache gut machen. Der leider schon 1986 an einem Herzinfarkt verstorbene Celi war ein sehr wandelbarer und vielseitiger Darsteller, der sowohl in Gialli wie Aldo Lados The Child - Die Stadt wird zum Alptraum (1972), harten Polizeikloppern wie Eiskalte Typen auf heißen Öfen (1975), aber auch in Buñuels Das Gespenst der Freiheit (1974) oder auch dem James Bond-Streifen Feuerball (1966) zu sehen war. Richtig losgelöst gibt er in Yankee diesen wiederwärtigen, gierigen und keine Moral kennenden Bandenführer, der von Bilder sich selbst in seiner Behausung reihenweise an der Wand hängen hat.

Auf einem Thron sitzend und in feinstem, bizarr aussehendem Zwirn gekleidet, herrscht er über seine Bande, die auch einen eigenen Maler und einen Professor verfügt. Erhaben wie eine Gottheit und vollkommen aufgehend in der Macht, die er über seine Kumpanen und seiner weiblichen Liebschaft ausübt. Allerdings ist er auch sehr misstrauisch und gnadenlos und duldet keinen anderen auf seiner Ebene. Sehr schön dargestellt wird die von Concho gelebte Überheblichkeit in der Bildfolge beim Gespräch zwischen ihm und dem Yankee in seinem Domizil. Celi wird ungleich größer durch die Froschperspektive, während Leroy von schräg oben herab gefilmt wird, so dass es aussieht, als würde er vor diesem "Halbgott" knien, obwohl er eigentlich auf einem Schemel vor diesem sitzt. Die kirchlichen und biblischen Anspielungen sind auffällig, allerdings nicht unpassend integriert. Da wird aus goldenen Kelchen getrunken, Leroy im weiteren Verlauf des Filmes gekreuzigt und Celi nimmt mit seinen Kumpanen ein Abendessen ein, dass in seiner Komposition frappierend an das letzte Abendmahl Jesu erinnert. Zudem wird auch in den Dialogen immer wieder Bezug auf dieses Thema genommen, da Himmel und Hölle, Gott und der Teufel immer wieder als Vergleiche bzw. Metaphern herhalten müssen.

Es scheint fast, als würde Brass in manchen Szenen die Leidensgeschichte Jesu immer wieder andeuten und dabei die Rolle des Heiland wahlweise dem Yankee oder auch Concho geben. Während letzterer hier als ein unbarmherziger Diktator dargestellt wird, so fällt die klassische Märtyrerrolle ganz klar auf Leroy. Interessant ist hier auch, das Concho wie einst Jesu von Judas von einem seiner "Jünger" bzw. Bandenmitglieder verraten wird. Und selbst der Sargmacher trägt Kleidung, die ein klein wenig an die Gewänder von Mönche erinnert. Man könnte ja nun schon fast davon sprechen, dass sich Brass fast genauso selbstverliebt wie sein gewalttätiger Bandenchef gibt und sich in den optischen Spielereien verliert und so ganz unrecht hat man damit auch nicht, trotzdem kann man sich dieser Faszination die Yankee ausübt, auch nicht ganz verwehren. Eine dreckige Italowesterngeschichte, zugegebenermaßen nicht gerade frisch, aber wirkich klasse umgesetzt. Brass Erzählstil ist relativ gemütlich, so dass er sich für seine Geschichte Zeit nimmt, dabei aber den etwas mehr actionverliebteren Freunde des Genres etwas vor den Kopft stößt. Trotz einer gewissen Spannungsarmut schafft er es, den Zuschauer bei der Stange zu halten, was eben auf die tolle Bildsprache und Kameraeinstellungen zurückzuführen ist. Sie wird eben langsam aufgebaut und muss eventuell auch bewußt der Optik weichen, so dass man schon fast von einem "Style Over Substance"-Western reden könnte.

Bleibt man aber am Ball so bekommt man einen mehr als nur interessanten Western zu sehen, ungewöhnlich komponiert und trotz dem altbekannten Einzelkämpfer-Motiv größerer Vorbilder genügend Eigenständigkeit beweist. Yankee ist ein Unikat, der für manche wohl etwas zu stark aufgetragene sakrale Elemente mit sich trägt, aber trotzdem bzw. gerade deswegen einen so eigenständig starken Charakter mit sich führt. Diese besondere Mischung aus bekannter, dreckig-düsterer und ins unwirklich-traumhafte abdriftender Atmosphäre und dem handwerklichen zwar etwas rohen, aber durchaus geschicktem Händchen von Tintro Brass macht Yankee zu einem sehr guten Italowestern.

Donnerstag, 3. Dezember 2009

Das Schlitzohr und der Bulle

Ein harter Fall zwingt den Kommissaren Sarti zu ungewöhnlichen Methoden: um ein entführtes Mädchen mit einer schweren Nierenkrankheit, welches dringlichst ärztliche Behandlung benötigt, aus den Fängen des skrupellosen Brescianelli zu befreien, befreit er den kleinen Ganoven Sergio, der von allen nur Maccaroni genannt wird, kurzerhand aus dem Knast. Anfänglich nicht gerade zur Kooperation bereit, kann ihn Sarti unter anderem mit Waffengewalt zur Mitarbeit bewegen. Als nächster Coup kann der toughe Bulle sogar noch ein Trio von Zugräubern unter Mithilfe von Maccaroni dazu bewegen, ihm zu helfen. Doch die Zeit drängt. Brescianelli und seine Helfer verlangen ein zu hohes Lösegeld, welches die Eltern nicht zahlen können und dem Mädchen geht es immer schlechter. Eigentlich läuft die Zeit gegen Sarti und seine Gaunerbande, doch trotzdem versucht es der verbissene Polizist trotz größerer Probleme mit seinen Vorgesetzten und auch seinen sehr ungewöhnlichen neuen Problemen, Brescianelli auf die Schliche zu kommen.

Wenn eine nicht unumstrittene deutsche Rockband mit dem Titel "Nur die Besten sterben jung" einen gewissen Bekanntheitsgrad errungen hat, so muss man der Gruppe attestieren, dass sie nicht ganz unrecht haben. Das unberechenbare Schicksal riss auch den italienischen Schauspieler Claudio Cassinelli viel zu früh aus dem Leben. Während den Dreharbeiten zum Film Fists of Steel verstarb er im Alter von gerade mal 46 Jahren durch einen Hubschrauber-Absturz. Der in Bologna geborene Darsteller war ein wandelbarer Mensch, der es verstand, seinen unterschiedlichen Figuren Leben einzuhauchen und diese durch sein engagiertes Spiel regelrecht dynamisch auf die Leinwand zu bringen. Mitte der 70er Jahre startete er zum damaligen Run der Poliziotteschis, den Action- und Crime-Filmen aus Italien, richtig durch als er in Dallamanos Der Tod trägt schwarzes Leder zum ersten Mal als Polizist in Erscheinung tritt. Den ruppigen Polizisten sollte er nicht nur einmal spielen. Zwar tauchte er danach erstmal noch als Abraham im sehr feministisch gezeichneten, aber auch extrem brutal gezeichneten Exploitationkracher Flavia - Leidenswege einer Nonne auf. Danach folgten noch so einige Poliziotteschi wie Die letzte Rechnung schreibt der Tod, dem sehr vergnüglichen und mitreißenden Morte sospetta di una minorenne oder eben Das Schlitzohr und der Bulle. Danach folgten noch einige Filme verschiedenster Sparten, darunter einige Arbeiten mit dem Morte sospetta...-Regisseur Sergio Martino wie dessen Kannibalenabenteuer Die weiße Göttin der Kannibalen, dem Krokoschocker Der Fluß der Mörderkrokodile oder auch dem Monsterstreifen Die Insel der neuen Monster.

Cassinelli bereicherte mit seinem Können eigentlich jeden Film in dem er mitspielte und so macht auch in Umberto Lenzis Porträt der kleinen Gauner und Fische in der römischen Unterwelt eine außerordentlich gute Figur. Er ist ein unbequemer Mensch, der, wie er es auch öfters innerhalb der Geschichte erwähnt, deswegen auch schon in die tiefste Provinz versetzt wurde. Aber man kennt es ja in den italienischen Poliziotteschi: für die richtig harten Jobs, braucht man eben Männer mit Profil. Doch auch wenn Cassinelli wirklich riesig einen unerbittlichen Cop mimt, der mit seinen Methoden desöfteren aneckt und sowieso schon fast auf der gleichen Stufe wie die von ihm eigentlich bekämpften Gauner steht, so kommt er nicht so wirklich an seinem Kollegen Tomas Milian vorbei. Der durch diverse Italowestern bekannt gewordene, auf Kuba geborene Darsteller, meistert seine Rolle als "Maccaroni" mit beachtlicher bravour. Hier taucht er auch zum ersten Mal in einem Look auf, den Milian später noch in so einigen Filmen auf dem Leib tragen würde. Mit verwegen großem Afro, fransigem Bart und schlabbrigem Blaumann gibt er den stets etwas asozial daherkommenden Gauner, der trotz seiner ruppigen, direkten Art auch einen gewissen Charme und trotzdem ein gutes Herz besitzt.

Milian und Cassinelli bilden einen schönen Gegensatz, bei dem sie die Grenzen ihrer Rollen immer wieder aufbrechen und auf der gleichen Stufe stehen. Gerade wenn sich Sarti dann mit den Räubern um Calabrese nochmals aus dem Milieu stammende Helfer dazuholt, werden sein Ton und seine Methoden noch um einiges ruppiger als ohnehin schon. Es wird verprügelt, aufgemischt und sogar Waffengewalt angewandt um seinem Ziel näher zu kommen. Doch durch den Charakter des Maccaroni vermischt sich der von Lenzis Poliziotteschi ohnehin schon sehr brutalen Stil urplötzlich eine Art Gewitztheit und Humor in die ansonst sehr ruppige Geschichte. Auch wenn Lenzi das ursprünglich von Dardano Sacchetti geschriebene Drehbuch nach seinem gutdünken umschrieb, da er den zuerst sehr lustigen Stil von Sacchettis ursprünglichem Entwurf nichts anfangen konnte, blieb trotzdem immer noch genug Humor übrig. Gerade diese lockere, flapsige Art von Maccaroni verbunden mit dessen verschiedensten Verkleidungen wie einem Schäfer, Pater oder auch einem Maler erscheint im ersten Moment etwas ungewöhnlich, bringt aber auch gesunde Abwechslung in die Geschichte. Gerade zum Beispiel die Aktion von Maccaron und Sarti, sich als Maler verkleidet in ein Gefängnis einzudringen um Infos über den Aufenthalt von Brescianelli von einem Inhaftierten zu holen, ist wirklich sehr toll umgesetzt und zeigt, wie locker Lenzi von unterhaltsamen zu gewaltsamen Szenen umschalten kann.

Zwar nicht so oft zu erblicken, aber dennoch sehr solide agierend, ist Henry Silva in seiner Rolle als Obermufti und Entführer. Der Mann mit dem teils eisernen Gesichtsausdruck verkörpert einen eiskalt berechnenden Mann, der ohne jegliche Gnade seinen Willen im Entführungsfall durchsetzen will und auch nicht davor zurückschreckt, den angeblichen Bruder Maccaronis als Warnung erschießen zu lassen. Ohne mit der Wimper zu zucken jagt Lenzi den Zuschauer auch durch die Geschichte, die unglaublich straight mit durchgetrenem Gaspedal erzählt wird, um wirklich kaum Zeit zum Verschnaufen bietet. Große Zeitsprünge innerhalb der Handlung und grobe Schnitte erzählen das Geschehen fast schon im Zeitraffer. Trotzdem gelingt es Lenzi allerdings auch, eine gewisse Atmosphäre aufzubauen. Gehetzt mag sie wirken, verfehlt aber nicht ihre Wirkung. Man merkt auch sofort, dass die Geschichte von Das Schlitzohr und der Bulle, also der Entführungsfall, eigentlich nur ein Aufhänger für etwas völlig anderes ist. Die Polizeiarbeit rückt in den Hintergrund, selbst der eigentlich sehr präsente Cassinelli macht hier Platz für die Darsteller-Kollegen, welche die "böse" Gegenseite darstellt. Allen voran wieder die Figur des Maccaroni zeigt, dass hier der Fokus eher auf den kleinen Fischen unter den Gaunern liegt. Sie nehmen einen großen Teil des Films ein und so sind auch die Figuren der Räuber Calabrese, Vallelunga und Mario nicht einfach nur Nebenfiguren. Gerade letzterer sorgt noch für einige Konflikte mit Sarti, die dann doch wieder diese Grenze zwischen Polizist und Kleinkriminellen aufzeigt. Auch wenn sie trotz einiger Gegenwehr trotzdem immer zu Sarti halten und diesem helfen, so zeigt Lenzi aber auch eindeutig immer wieder die Seiten auf, zu denen die einzelnen Personen gehören.

So richtig moralisch wird Lenzi da dann natürlich nicht. Seine hier gezeichnete Welt ist - wie in anderen seiner Werke - eine sehr brutale, in der der Stärkere gewinnt und sich durchsetzt. Dem kurzen Aufzeigen, wohin die Personen im von Sarti gebildeten Team gehören - ob zur "guten" oder zur "schlechten" Seite - stehen einige fast schon zweifelhafte Methoden und Szenen gegenüber. Auch wenn Sarti zur Seite der "Guten" gehört, so nimmt er durch den großen Kontakt mit den Gaunern fast schon deren Züge an. So billigt er auch ohne mit der Wimper zu zucken beim Durchsuchen eines Haus, das sein Begleiter sich mit der Haushälterin "vergnügt". Lenzi verliert es zwar durch die etwas episodenhafte Erzählweise nie wirklich aus den Augen, auch die Geschichte voranzutreiben, doch irgendwie entgleitet im bis zu diesem Zeitpunkt wirklich unterhaltsamen Film dann etwas das Finale. Die finale Konfrontation mit Brescianelli ist im Vergleich mit den Versuchen, ihn aufzufinden, eher etwas zu kurz ausgefallen. Einem so fulminanten bzw. rasanten Aufbau sollte ein epischer Showdown zwischen den beiden Männern Sarti und Brescianelli folgen, doch hier schlagen dann Lenzi und Sacchetti eine andere Richtung ein und lassen das ganze relativ unspektakulär verpuffen. Etwas enttäuschend könnte man das nennen, da so ein Film wie Das Schlitzohr und der Bulle irgendwie sowas krachendes zum Schluß braucht. Wenn Lenzi schon wilde Verfolgungsjagden, einige Schießereien, fast schon alltägliche Gewalt auf den Straßen Roms und ähnliches schildert und es noch mit humorigen Szenen würzz, dann sollte eben auch das Finale nochmal so richtig krachen. Schlecht ist es jetzt nicht ausgefallen, aber irgendwie etwas beiläufig.

Dafür zeigt das Ende aber auch nochmal schön das Verhältnis zwischen Macceroni und Sarti auf. Nach all der gemeinsamen Zeit, in der sie sich beide wohl zusammenreißen mussten, scheint wohl schon sowas wie Freundschaft entstanden zu sein. So könnte Das Schlichtohr und der Bulle fast schon ein sehr früher Vorläufer der Buddy-Movies aus Hollywood sein und nicht von ungefähr war er sogar Vorbild bzw. wenigstens Inspiration für so einen: Walter Hill soll die Idee zu seinem Nur 48 Stunden nach dem Anschauen dieses Werks gekommen sein. Durch diese Elemente ist es auch ein eher ungewöhnlicher Poliziotteschi, der zwar die von Fans gewohnten und geliebten Elemente beinhaltet, aber schon von Anfang an einfach etwas anders ist: beginnt er doch tatsächlich eher wie ein Italowestern mit Bildern von Cowboys, Wüste und Co. Ebenfalls erwähnenswert ist auch der sehr mitreißenden Score von Bruno Canfora, der so manche Szene sehr schön untermalt. So ist ein humoriger, und trotzdem sehr harter - wie von Lenzi gewohnt - Poliziotteschi entstanden, der auf ganzer Linie überzeugen kann und vor allem durch das Duo Milian und Cassinelli auftrumpfen kann.

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