Film ist Wahrheit, 24 Mal pro Sekunde. Tagebuch. Meinungen. Filmstoff.

Samstag, 19. Dezember 2020

Leprechaun - Tödliches Spiel in Vegas

Mit kleinen, aber steten Schritten ziehe ich es zu meiner eigenen Überraschung durch und wate durch das gesamte Leprechaun-Franchise. Anders als bei den beiden Vorgängern war die erneute Begegnung mit Teil 3 von geringer Skepsis und wenig gering gehaltener Erwartung geprägt. Tödliches Spiel in Vegas blieb mir als bester Teil der ursprünglichen Trilogie in Erinnerung und doch leicht überraschend bestätigte er dies erneut. Der wieder in die Rolle des bösartigen und nach Gold gierenden Gnoms geschlüpfte Warwick Davis wuselt im zweiten Sequel wieder mit sichtlicher Spielfreude durch das Spielerparadies Las Vegas und hält die Belegschaft eines Hotels mit angeschlossenem Casino auf Trab, welche alle auf ein Goldstück aus dem Pott des irischen Zwergs scharf sind, das der eigentlich nur auf der Durchreise befindliche Scott beim toten Besitzer eines Pfandhauses findet. Nichtsahnend, was bzw. wer diesen auf dem gewissen hat, nimmt der sein Studiengeld verzockende Pleitegeier die Münze an sich und hat durch deren magischen Kräfte eine kräftige Glückssträhne, die dem Personal nicht verborgen bleibt.

Es folgt die unausweichliche Begegnung mit dem fiesen Besitzer des Golds, der dieses mit seiner gewohnt schroffen Art und manch' garstigem Limerick auf den Lippen zurück fordert. Zusammen mit Tammy, der Assistentin des eingebildeten, im Hotel seine Shows aufführenden Magiers Fazio versucht Scott dem aggressiven Gnom Herr zu werden, während dieser jeden, der sich das fehlende Stück aus seinem Goldpott unter den Nagel reißt, kreativ ins Jenseits schickt. Erschwert wird das Unterfangen von den körperlichen Veränderungen die Scott durchläuft, nachdem er vom Leprechaun gebissen wurde. Mehr als in den vorangegangenen Filmen fokussiert sich der dritte Leprechaun-Aufguss auf den komödiantischen Aspekt seiner Geschichte. Mit dem Unterschied, dass es hier zumindest die meiste Zeit über funktioniert. Zwar bedient sich Tödliches Spiel in Vegas gängiger Muster des Genres, unter den Fittichen von Brian Trenchard-Smith funktioniert die Verschmelzung der Comedy- und Horror-Elemente weitaus besser als in den Vorgängern.

Ein Jahr zuvor machte der britische Regisseur schon aus dem Sequel des ganz netten Night of the Demons eine kurzweilige Fun Splatter-Sause und dank eines Drehbuchs, das endlich einen konstanteren Weg verfolgt, schafft Trenchard-Smith das mit Abstrichen auch beim dritten Leprechaun-Teil. Während Leprechaun Returns (hier besprochen) noch konsequenter und geradliniger auf gorigen Spaß setzt und bis zur Mitte Komödie und Horror ein ausgeglichenes Verhältnis besitzen, verliert sich die Goldhatz durch Vegas in manch eingestreuten Albernheiten. Das drückt das durchgehend hohe Tempo nach unten und Trenchard-Smith bemüht sich im Schalten und Walten hinter der Kamera, die Zügel anzuziehen. Wenn die gewählte Formel dann mal aufgeht, ist der Film und seine überzogene Darstellung der Klischees des "Entertainment Capital of the World" und der darin lebenden Menschen ein amüsanter Spaß, der von einigen saftigen Effekten aus der Schmiede von Gabe Bartalos abgerundet wird. Tödliches Spiel in Vegas fühlt sich zwar wie seine beiden Vorgänger nach wie vor nach kalkuliertem Kassenauffüller an, doch zumindest ist sein beschrittener Weg nicht so schlingernd und besitzt eine gefestigtere Attitüde, die für netten Spaß sorgt.

Donnerstag, 17. Dezember 2020

Die Bande des Captain Clegg

Packt man gleich zu Beginn der Worte, die ich über die Produktion der altehrwürdigen Hammer Studios verlieren möchte, die Negativ-Kelle aus, dann kann man nicht abstreiten, dass Die Bande des Captain Clegg seine Geschichte auf überschaubaren Bahnen bewegt. Große Überraschungen bleiben aus; die als spektakuläre Twists geplanten Wendungen, die der Plot parat hält, kann man mit wenig Mühen erahnen. Und es ist nicht mal mein beim Schauen von Filmen des britischen Studios öfter aufkommender, verklärter Blick auf dessen Filme, selbst wenn sie sich als eher mäßig gebaren, dass mich auch dieses Film-Abenteuer gut unterhalten hat. Seinen Charme hat er sich bis heute bewahrt und zusammen mit dem verschmitzt aufspielenden Peter Cushing in der Hauptrolle kann der Film schnell die Zuschauer auf seine Seite ziehen. Selbst wenn dieser anhand der großen Gothic Horror-Tradition von Hammer mit seiner Quasi-Piraten-Thematik für den Unkundigen zunächst untypisch erscheinen mag.

Komplett verabschiedet man sich selbst in Die Bande des Captain Clegg aber nicht vom atmosphärischen Grusel. Gespenster sollen im Moor nahe einer kleiner englischen Ortschaft umgehen, erzählt man sich in dieser und auch dem dort ankommenden Captain Collier und dessen Truppe, welche auf der Suche nach einem angeblich in der kleinen Ortschaft operierenden Schmuggler-Ring sowie dem ebenso grausamen wie legendären Piraten-Kapitän Clegg sind. Collier, dem Clegg in der Vergangenheit bereits einmal entwischt ist, muss vom örtlichen Geistlichen Dr. Blyss erfahren, dass dieser mittlerweile verstorben und auf dem Dorf-Friedhof begraben ist. Richtig möchte dies der Captain nicht glauben und bei seinen Nachforschungen stößt er neben Hinweisen darauf, dass tatsächlich ein reger illegaler Handel mit Alkohol betrieben wird auch auf Hinweise, dass sein alter Widersacher Clegg noch am Leben sein könnte.

Während der amerikanische Verleih den Film Aufgrund der Szenen mit den Moor-Geistern den Film mehr in die Horror-Ecke zu drängen versuchte, sind deren Einsätze spärlich gesät. Insgesamt drei Auftritte gewährt man ihnen um das atmosphärisch dichte Abenteuer mit den bekannten Hammer Trademarks aufzuwerten, welches sich ansonsten am ersten Auftritt des literarischen Schmuggler-Königs Dr. Syn, "Dr. Syn: A Tale of the Romney Marsh" von 1915, orientiert. Da zur Zeit der Produktion Unklarheiten über die Rechte um Dr. Syn herrschten -Walt Disney hatte diese wie Hammer ebenfalls erworben und es galt zu klären, wer inwieweit nun tatsächlich die Filmrechte an den Büchern hielt - änderte man sicherheitshalber einige Teile der Geschichte und benannte Syn in Clegg um, bevor ein teurer Rechtsstreit drohte. Dass Peter Cushing ein großer Freund der Bücher war, merkt man seinem euphorischen Spiel an. Der Mime legt eine tolle Performance hin und kann wie das hübsche Set Design von den simpleren Momenten des Films gekonnt ablenken.

Die damit mitschwingende Naivität erinnert mich an Begegnungen in frühester Kindheit mit dem Medium Film, wenn ich - der öfter bei seiner Oma war als bei den Eltern - bei dieser ^^^^^^^^^^^^^^^^^^ihr im Wohnzimmer mit spielen beschäftigt war und von dem im Fernsehen laufenden bunten Kintopp, welches Anno dazumal im Vormittagsprogramm der damals noch spärlichen Spartensender der öffentlichen-rechtlichen liefen, plötzlich abgelenkt wurde und fasziniert dem Treiben auf dem Bildschirm folgte. Irgendwann wandte ich mich mehr wieder meiner eigenen Fantasie und dem Spielen zu, doch bevor ich in späteren Jahren durch den Horrorfilm komplett auf den Geschmack gebracht wurde und mich das Goutieren unzähliger B-Filme cineastisch sozialisierte, war dies die erste prägende Begegnung mit dem Medium. Dann unterhält Captain Clegg nicht einfach nur durch Mimen, welche der Geschichte förderlich in schwächeren Momenten unter die Arme greift (neben Cushing ist z. B. Hammer-Regular Michael Ripper als Sargmacher Mipps ein Genuss) und dem im richtigen Moment ansteigenden Tempo, sondern auch durch das von ihm hervorgerufene nostalgische Gefühl.

Dann ist man im Hinterkopf unmerklich in diese unbekümmerte Zeit zurückgekehrt, kann das, was man damals so ähnlich schon mit seinem kindlichen Gemüt von der Flimmerkiste aufgesogen hat, noch besser greifen und verstehen und sinkt mit dem ansteigenden wohligen Gefühl zufrieden in den Sessel und erfreut sich an diesem einfach gestrickten, aber mit viel Charme ausgestatteten Abenteuer. Hinzu kommt, dass die Darstellung der Figuren die Sympathien des Zuschauers auf die rational betrachtet eigentlichen Kriminellen lenkt. Die Macht emotionaler Manipulation beherrscht er mehr als ordentlich, so dass man ihm seinen steifen Nebenplot mit obligatorischer Liebesgeschichte mitsamt etwas blasserem Auftritt von Oliver Reed verzeiht. Die Bande des Captain Clegg ist einer dieser Sonntags-Filme, für die man nicht so viel Aufmerksamkeit braucht und der durch seine Gesamtwirkung jeden Tag zum Sonntag macht, wenn man ihn anschaut. Egal ob wie ich etwas mehr hintergründig oder vordergründig empfänglich für solcher Art Werke von früher, wo alles - auch die Abenteuer - besser war, ist: man kann durchaus seinen Spaß damit haben.

Mittwoch, 16. Dezember 2020

Pale Blood - Im Bann der Vampire

Ruheloses Treiben auf den Straßen und aus dem nächtlichen Treiben des südkalifornischen Molochs Los Angeles schälen sich die Creatures of the Night, deren Music der sich schnell im Ohr festsetzende New Wave-Song "Bite The Hand That Feeds" der Sonst als Surf-Punks bekannten Band Agent Orange ist und häufiger das düstere Treiben in Pale Blood untermalt. In der ersten Hälfte des Films absolviert die Kapelle einen Auftritt in einem angesagten Club und lässt dutzende Kinder der Nacht über die Tanzfläche schwofen. Leicht fühlt man sich an den neo-gothischen Touch eines The Lost Boys erinnert, den Autorin und Regisseurin V.V. Dachin Hsu heraufbeschwört. Von dessen und anderen Teenie-Horror-Flicks des damaligen Jahrzehnts sich absetzend, möchte Pale Blood der ursprünglichen Vampir-Lore entwachsen und sich einem erwachsenen Publikum zuwenden. Wie einige andere Filme der 80er versucht Hsu das verstaubte Image der Leinwand-Blutsauger aufzupolieren; selbst wenn die ursprüngliche Vampir-Lore in diesen Fällen nur ein zeitgemäßes Makeover erhalten hat.

Den Einfluss der schauerromantischen Wurzeln des Genres kann Pale Blood nicht verbergen. Allein mit Hauptfigur Michael Fury und seiner Partnerin Lori konterkariert der Film die eigene Prämisse. Fury - ein Vampir vom alten Schlag - wird auf eine Mordserie in L.A. aufmerksam, bei der ausschließlich weibliche Opfer vom Täter blutleer am Tatort zurückgelassen werden und deswegen in den Medien "Vampir-Killer" genannt wird. Auf der Suche nach den immer weniger werdenden Artgenossen verschlägt es Michael deswegen in die Stadt der Engel. Die von ihm engagierte Detektivin Lori - welche wie er von grausamen, anscheinend mit der Mordserie zusammenhängenden Visionen geplagt wird - trifft sich kurz nach Michaels Ankunft in L.A. direkt dort, wo der Mörder zuletzt zugeschlagen hat und trägt ihm vor, was sie bisher herausgefunden hat. Kurz danach trifft der Vampir auf dem Dach eines Gebäudes gegenüber des Fundorts des letzten Opfers auf den exzentrischen wie extrovertierten Künstler Van Vandemeer, der für Lori und Michael durch sein Auftreten zum Hauptverdächtigen wird.

Die Chancen, die sich durch den nicht uninteressanten Plot ergeben, lässt Hsu leider großflächig liegen. Pale Blood zerfasert in fragmentarische Einzelteile, die grob von einem steif durch Los Angeles schweifenden George Chakiris auf der Suche nach weiteren Vampiren auf diesem Erdenrund zusammengehalten werden. Melancholische Stimmung wird in Farbfilter-Spielen und manchmal hübscher 80er-Hochglanz-Optik ertränkt. Nebensächlichkeiten der Geschichte um Michael werden ausgedehnt; möglicherweise deswegen, um die einfach gestrickte Narration in die Länge zu ziehen, da Pale Blood bei seinem vorhandenen Potenzial hier leider ohne große Bemühungen sehr vorhersehbar wird. Überraschungsarm wird eine schwer vorgetragene Geschichte erzählt, welche mit spannenderem Verlauf ein atmosphärisch ansprechender Vampir Neo(n)-Noir hätte werden können. Leider gebiert sich Pale Blood so ungelenk wie Chakiris' Darbietung, die den angestaubten, blutsaugenden Aristokraten in ein post-punkiges, gothisches Grundsetting wirft. 

Dieses alternde Relikt möchte in den kleinen Kosmos, der durch die Limitierung des Plots selbst eine Metropole wie Los Angeles wie ein Dorf wirken lässt, nie richtig passen. Zumal (ausgerechnet) Wings Hauser als Van Vandemeer darstellerisch frei dreht und jeder seiner Auftritte damit zu kleinen Highlights wird. Gemocht hab ich das fade Treiben dennoch irgendwie. Einzelne Ideen sind wirklich gut umgesetzt und der Beginn - der auf einen gothisch angehauchten Detektiv-Thriller mit Vampir-Setting hoffen lässt, schenken diesem kleinen Film eine perfekt unperfekte Ausstrahlung, bei dem auch der Soundtrack seinen Beitrag leistet. Die new-wavigen Agent Orange-Stücke passen richtig gut in Hsus Versuch, zeitgenössische Strömungen und Trends der ausgehenden 80er mit den starren Blutsauger-Darstellungen vergangener Jahrzehnte zu verbinden. "Bite The Hands That Feeds", "Fire In The Rain" und "...So Strange" sind übrigens alle auf dem 1986 entstandenen Album "This Is The Voice" vertreten und nachzuhören. Das einzige, was dauerhaft bei Pale Blood nachhallt, allerdings der unüberschaubare Umstand, wie Schade es ist, dass so viel Potenzial auf einmal verschwendet wird. Dankbar bin ich dennoch, dass das US-Label Vinegar Syndrome durch ihren Blu Ray-Release im April 2020 diesen eher sehr kleinen Vertreter des Vampir-Genres vor dem Vergessen retteten.

Freitag, 27. November 2020

Nobody Sleeps in the Woods Tonight

Eigentlich möchte ich gleich zu Beginn gar nicht so harsch mit Nobody Sleeps in the Woods Tonight ins Gericht gehen. Eine Sache wurmt mich persönlich bei diesem Film dann doch viel zu sehr, um sie nicht anzusprechen: der in Polen entstandene Backwood-Horrorfilm könnte viel mehr Potenzial aus seinem für das Genre exotisch anmutenden Entstehungsland und die Anspielungen an die dort vorherrschenden Zustände herausholen. Es reicht aber leider nicht aus, eine der ansonsten papierdünn charakterisierten Figuren als offen homosexuell darzustellen oder dass in der Post-Credit-Sequenz zwei voll bis oben hin durch den Wald torkelnde Saufkumpane stellvertretend für den mehr als unangenehmen Part des nationalistisch eingestellten Teil der Bevölkerung des Landes stehen. Im Kontext zum restlichen Film sind das zwei durchaus interessante, aber nur angerissene Themen, die leider nicht weiter verfolgt bzw. vertieft werden. 

Geschenkt hätten sie ihm mehr Eigenständigkeit, weil sich Autor und Regisseur Bartosz M. Kowalski am (Sub-)Genre brav abarbeitet und ihm einen stark amerikanisierten Touch schenkt. Eine Gruppe von Jugendlichen wird von ihm ins polnische Hinterland in ein Offline-Camp geschickt, in dem diesen ihre exorbitante Handy-, Game- oder Internet-Nutzung abgewöhnt werden soll. Nach der Einweisung in die Camp-Gepflogenheiten durch den übertrieben motivierten Campleiter, der frisch, fromm, fröhlich, frei mit den Schutzbefohlenen zu Werke gehen möchte werden Gruppen gebildet, welche bei einem Wanderausflug zueinander finden sollen. Die ins Zentrum der Handlung gestellte Gruppierung bietet mit dem blonden Püppchen, der verschlossenen Außenseiterin, einem sportlichen Beau und dem feigen Nerd alte Slasher-Bekannte, die im Verlauf des Films auf zwei im Wald lebende riesige, verformte und mordlustige Zwillinge treffen, die im steten Durst und Hunger nach Blut und Fleisch in den Teens die passende Beute sehen.

Hierbei zitiert Kowalski quer durch das Slasher- und Backwood-Genre und lässt durch eine Szene zusätzlich vermuten, dass er Der Blob ebenfalls sehr schätzt. Das macht er so sorgfältig wie es der Aufbau der Story sein soll, welche mit Fokus auf die schweigsame Zosia und Schwenks auf ihre schicksalsschwere Vergangenheit diese ausdehnt um zwischen all' den bekannten Genre-Koventionen eine Identifikations-Figur für den Zuschauer zu etablieren. Leider sind die Beschränkungen auf erwähnte Konventionen so stark, dass auch sie nicht mehr als ein schon oft im Horrorfilm erblicktes Final Girl wird, dass sich gegen die Übermacht der deformierten Zwillinge anscheinend erwehren kann. Mit einem kleinen Subplot um einen Geistlichen und Rückblenden auf Zosias Vergangenheit möchte Nobody Sleeps in the Woods Tonight seine straight runtergerotzte Story etwas mehr in die Breite dehnen, anstatt seinem Publikum ausschließlich Blut und Gekröse zu bieten. Davon gibt es im Film einiges; die praktischen Effekte sind ansehnlich und versprießen hübsch oldschooliges Flair. Aber: Gore allein macht nicht glücklich.

Zumindest nicht im Falle von Nobody Sleeps in the Woods Tonight, der merklich darum bemüht ist, es so wie die zitierten Vorbilder zu machen. Bis zu einem gewissen Punkt bietet das einen Spaß-Faktor, der am Punkt, wenn Kowalski seinen Lieblingen huldigt, endet. Zwar greife auch ich in manchen Bereichen des Horrorfilms zum Kredo "Besser gut kopiert als schlecht selbst gemacht", nur bleibt der Film in seinem oberflächlichen Aneinanderreihen bekannter Genre-Szenerien stecken. Dann entpuppen sich die durchaus interessanten Killer als bloße Mordwerkzeuge des Autors um die flachen Figuren meist ziemlich blutig aus der Handlung scheiden zu lassen. Das gebiert sich so schmucklos wie man sich das polnische Hinterland wohl auch vorstellt und hinterlässt den Zuschauer mit Schulterzucken. Mehr als Durchschnittsware mit hohem Blutgehalt ist das nicht, deren größtes Alleinstellungsmerkmal einzig sein Entstehungsland ist. Andere Produktionen bieten bei gleichem konventionellem Verlauf mehr Profil und verstehen es auch mehr, die Vorlieben der Schöpfer spritziger einzubetten.

Donnerstag, 26. November 2020

Leprechaun 2

Neuer Film, alte Probleme: ein Jahr, nachdem Warwick Davis das erste Mal in die Rolle des garstigen irischen Kobolds schlüpfte und mit der Mischung aus Horror mit leichten Fantasy-Einflüssen und seichten komödiantischen Anflügen einen veritablen Erfolg erzielen konnte, ließ man ein Sequel auf das Publikum los. Während der Leprechaun im Erstlingswerk seinem Gold nachjagte, liegt sein Fokus diesmal darauf, ein zu ihm passendes Eheweib zu finden. Die ausgesuchte und angebetete blonde Schönheit geht seinem hinterlistigen Plan, sie müsse nur dreimal niesen, wodurch sie dann ihm gehören würde, fast auf den Leim; wird aber in letzter Minute von seinem Lakaien, welcher einst versuchte, das Gold des Gnoms zu stehlen, vereitelt. Aus gutem Grund, handelt es sich doch bei der holden Maid um seine Tochter. Bevor er sich der tödlichen Abreibung des Leprechauns ergibt, verflucht dieser dessen ganze Blutlinie.

Sprung in die Gegenwart: die Beziehung zwischen Cody und dessen Freundin Bridget leidet unter der geringen Zeit, die er für sie aufbringen kann, weil sein dem Alkohol sehr zugeneigtem Onkel Morty seiner Arbeit als Führer einer angeblichen Horror-Tour für Urlauber durch Hollywood nicht nachkommen kann. Um dem hoffnungslos betrunkenen Morty unter die Arme zu greifen, springt Cody wieder als Guide für Morty ein, bricht damit bei seiner Auserwählten einen Streit vom Zaun und sieht sich potenzieller Konkurrenz in Person von Bridgets Schulkameraden Ian ausgesetzt. Um das ganze Chaos noch zu verschlimmern, bricht noch der Leprechaun in die Szenerie herein, der in Bridget seine damalige Braut zu erkennen glaubt, sie mit einem Trick verschleppen kann und versucht, die vor Hunderten von Jahren geplante Hochzeit umzusetzen. 

Dem ungeschriebenen Gesetz von Fortsetzungen folgend, versucht Leprechaun 2 im Vergleich zu seinem Vorgänger mehr zu bieten. Tatsächlich baut sich der Plot zügiger auf, das angezogene Tempo lässt ihn knackiger erscheinen; zeitgleich plätschert der Film ohne nennenswerte Höhepunkte vor sich hin. Wie im ersten Teil sitzt der Film zwischen den Stühlen und bietet mit seinem Fantasy-lastigen Horroransatz und den makaberen und schwarzhumorigen Limericks der titelgebenden Figur einen Aufguss dessen, was schon in Leprechaun (hier besprochen) nie wirklich zusammenpassen wollte. Während der Humor nur mäßig funktionierende Witzchen hervorbringt und der wild umherwirbelnde Warwick Davis mit seiner Performance (leider schon wieder) den Film nicht komplett tragen kann, verbucht die Horrorseite eine technisch soweit einwandfrei umgesetzte, aber in keinster Weise packende Abfolge gängiger Szenerien. 

Selbst wenn man versucht, Leprechaun 2 als Horrorkomödie anzusehen: komplett will das nicht überzeugen. Auch die eingestreuten Referenzen auf andere Werke wie Freaks oder Suspiria ist nette Beigabe. Böse ausgedrückt könnte man dies einfach anbiedern bei den Fans nennen, welche schon Leprechaun als glattgebügelten Allerwelts-Horror für ein breites Publikum ansahen. Trotz eines Kino-Einsatzes in den USA versprüht der Film, der inmitten seines cleanen Charakters einige nette atmosphärische Bilder präsentiert, einen höchst mittelmäßigen Videotheken-Regalfüller-Charme. In meiner Erinnerung blieb vom ersten Sequel innerhalb der Ursprungsreihe nicht viel hängen. Das erneute Schauen davon, führte mir nochmal vor Augen warum: leider sind die Filme mehr durchkalkulierte Ware, die selten wirklich gute Unterhaltung bietet und mehr darauf abzielt, soviel bzw. zu viele Leute gleichzeitig anzusprechen und abzuholen. Selbst dieses Unterfangen schaffen andere Reihen lockerer und kraftvoller und versauern nicht im Mittelmaß.

Donnerstag, 19. November 2020

7 Tote in den Augen der Katze

Roberto Curti konnte drei Bücher zu diesem Thema füllen, aus dem Stegreif verbinden die meisten Genrefilm-Interessierten beim Begriff des italienischen Gothic Horror-Films zu allererst den Namen Mario Bavas mit diesem Stoff und müssen auf der Suche nach weiteren Namen, welche man mit dieser Spielart in Verbindung bringt, länger die grauen Zellen anstrengen. Antonio Margheriti, welcher u. a. solche starken Beiträge wie Das Schloß des Grauens (hier besprochen) oder Castle of Terror geschaffen hat, bleibt bedauerlicherweise immer etwas übersehen. Seine Beiträge zu dieser Spielart des mediterranen Schauerfilms mögen sich eventuell etwas pulpiger bzw. trivialer anfühlen, zeugen aber davon, dass Margheriti ein tolles Gespür für Atmosphäre besaß. Das zeigt er sogar in anderen Genres wie seinem Western Satan der Rache oder 7 Tote in den Augen der Katze, dem zweiten von insgesamt drei Gialli. 

Darin schlingert Margheriti zwischen gothischem Horror und dezent mysteriösem, auf der anderen Seite bleiern schwerem Kriminalstück, in dem die junge Corringa ihre Ferien dazu nutzt, ihre im familieneigenen Schloss ansässige Verwandtschaft zu besuchen. Die Sippe und ihre Geschichte gleichem dem düster-muffigen Charakter des Gebäudes: in den dunklen Ecken wächst nicht nur über die Jahrzehnte eine dicke Staubschicht heran; darin gedeihen auch Missgunst und Niedertracht äußerst prächtig. Die Geldprobleme von Tante Mary, welcher der Schuppen gehört, zwingen diese dazu, Corringas Mutter Alice anzupumpen, welche es allerdings nicht einsieht, ihrer Schwester die benötigten Moneten zu leihen. Im undurchsichtigen Nebel aus zwielichtigen Schlossbewohnern und ihren allesamt nicht koscheren Figurenzeichnungen strahlt eine Erbschaft des familiären Schlosses zu Gunsten Corringas hervor, die den Anlass gibt, dass eine in dunklen Stoff gehüllte Gestalt durch die Gänge schreitet und zuerst Alice und nach und nach weitere Personen vorzeitig ins Paradies schickt. 

Zwischen den grusligeren Vertretern aus der Ecke der Edgar Wallace-Verfilmungen, traditionell britischem Kriminalstoff und gothischem Horror á la Edgar Allan Poe schwankt das Script von 7 Tote in den Augen der Katze die komplette Laufzeit über meist unentschlossen hin und her. Das im Schloss ansässige Panoptikum an undurchsichtigen Menschen ist durchaus spaßig anzusehen, verbirgt aber nicht die sperrige Ausarbeitung der Geschichte. Die trägt dick auf, bietet einige aus den genannten Genres bekannte Standards und Charakterisierungen und knallt mit wenigen Absonderlichkeiten durch das knarzige Grundgerüst. Größtes Highlight dürfte dabei der Gorilla das vermeintlich psychotischen Cousins Corringas darstellen, der sichtbar ein im mottigen Affenkostüm steckender Mensch ist. Was es mit dem Gorilla auf sich hat, wissen letztendlich - wenn überhaupt - nur die Autoren selbst. Bevor der angestaubte Stoff die Aufmerksam des Zuschauers unter sich begräbt, schiebt man meist recht gekonnt gialloeske Momente dazwischen und bietet prä-argentoeske Szenerien, die sich man in ihrer Gestaltung mehr dem Giallo der 60er Jahre zuordnen kann.

Kombiniert mit der gothischen Grundstimmung bieten die meist mit dem Auftauchen der titelgebenden Katze eingeleiteten Mordszenen mit ab und an blutrünstigem Ausgang einen hübschen Kontrast zum Rest der Story. Würden diese nicht etwas die Gangart des Films steigern, würde der in seinem altbackenen Auftreten den Zuschauer sachte ins Delirium geleiten. Die Schlenker in der Geschichte lassen den Verdacht aufkommen, dass sie einzig dazu da sind, diese etwas mehr auszudehnen. Vergnüglich ist das bis zu einem gewissen Grad auf jeden Fall, dürfte aber für Interessierte, die bisher nicht so viele Gialli gesehen haben, manchmal recht anstrengend sein. Wenn man wie ich durchaus mal Spaß an überaus altmodischen Stoffen hat, für den ist 7 Tote in den Augen der Katze (nicht nur) deswegen ein Blick Wert. Allen voran seine tolle wie dichte Atmosphäre wirkt durchaus anziehend und einladend, sich in nass-dunklen Jahreszeiten in eine warme Decke gehüllt im Sessel zu versinken und Corringa-Darstellerin Jane Birkin und ihren Kollegen des deutsch-französisch-italienischen Casts ins verwinkelte Familienschloss zu folgen. Lässt man die Kritikpunkte an der im Kern kargen Story, die einige angerissene Elemente leider im Dunkel versauern lässt, außen vor und sich vom Charme ihrer verschnörkelten Ausläufer rumkriegen, so ist 7 Tote in den Augen der Katze ein kurzweiliger und hübsch gestalteter Gothic-Giallo. 

Montag, 16. November 2020

[Rotten Potatoes #06] Hagazussa - Der Hexenfluch

Ich mag Horrorfilme, welche einen Kontrast zur bei größeren Produktionen des Genres mittlerweile immer häufiger vorherrschenden zwanghaften Event-Schockerei darstellen. Hagazussa bewegt sich von sowas meilenweit weg. Für das anti-cineastische Big Budget-Movie-Party-Volk dürfte der Film mit seiner elegischen Stimmung, in dem mehr seine Bilder als die Figuren sprechen, eine harte Geduldsprobe darstellen. Lukas Feigelfelds Abschluss- und gleichzeitiger Debütfilm spiegelt hierbei in seiner erzählerischen Beschaffenheit den Ort seiner Geschichte wieder. Das heimelige Tal mit der abgelegen liegenden Hütte, in welcher Protagonistin Albrun als kleines Mädchen alleine mit ihrer Mutter, später als erwachsene Frau, nun selbst Mutter, lebt, ist nur scheinbar ein Schutz versprechender Rückzugsort. Die sich darüber ringsum auftürmenden Alpen, deren steilen Anstiege unter einer schweren Schneedecke auf das nächste Frühjahr warten, besitzen manch unwirtlichen Pfad, unter dem sich unerwartet manche tiefe, schwarze Schlucht auftut. 

In solche schwarzen Untiefen lässt Feigelfeld den Zuschauer blicken, wenn er sich seiner weiblichen Hauptfigur Albrun widmet. Die Frau hatte und hat es in ihrem Leben nicht leicht. Deutet der Film zuerst ein sexuell übergriffiges Verhalten der todkranken, von ihrer kleinen Tochter mühevoll gepflegten Mutter an, wird die zur Frau gereiften Albrun als von der Gemeinschaft des nahe gelegenen Dorfs als Hexe verschrien gemieden und ausgegrenzt. In ständiger Isolation befindlich, muss sie sich mit ihrem Baby - über den Vater verliert das Script kein Wort - alleine durch die Welt schlagen. Mit Swinda findet sie eine vermeintliche Freundin, welche die zerbrechliche Persönlichkeit Albruns mit einer vordergründig gut gemeinten Tat näher Richtung Abgrund führt. Die finstere Präsenz, welche Albrun bereits davor wahrgenommen hat, lässt mit dem neuerlichen Trauma die grenzen zwischen diesem, Nachtmahren und der Realitäten weiter verschwimmen. 

Seinen Horror nährt Hagazussa nicht aus irgendwelchem dunklen Hexenwerk sondern aus dem Verfall der Psyche seiner Protagonistin. Atmosphärisch dichte, metaphorisch aufgeladene Bilder schildern die traurige Geschichte einer gefemten, ausgegrenzten Frau, allein gelassen mit den dunklen Geistern ihres Innersten. Selbst auf Hilfe von der allmächtigen Kirche darf Albrun nicht hoffen. Das starre Gefüge der kleinen Gemeinschaft hat keinen Platz für diese. Ihre abgeschiedene Behausung steht klein und verloren im bedrohlichen Schatten der Bergwand; so verloren, wie sie es schon seit jüngsten Jahren ist. Manchmal ist das leider auch der Film. Die unheilschwangere Bilder- und Stimmungsschar fühlt sich abgrenzend in. Wie die Hauptfigur steckt das Script zum Teil in seiner eigenen Welt fest. Albrun verliert sich in den verschwimmenden Grenzen zwischen Realität und Einbildung und der Zuschauer diese an die aufgeheizte, sperrige Bilderpracht.

Davon abgesehen ist Hagazussa für einen Abschlussfilm auf allen Ebenen überzeugend wie beeindruckend. Die sorgfältige Bildgestaltung, Aleksandra Cwens Schauspiel, der sphärische, zwischen Drone und Ambient Neofolk zu verortende Soundtrack der Band MMMD und ein detailliertes Setdesign lassen schnell vergessen, dass es sich bei diesem Film um ein kleines, mit Fördermitteln umgesetztes Werk handelt. Den Vergleich mit Robert Eggers großartigem The VVitch (hier besprochen) muss er sich wegen der vermeintlichen Hexenthematik gefallen lassen. Feigelfeld zielt mit seiner Prämisse nicht darauf ab, unserer traditionell vorherrschenden Vorstellung von Hexen Platz zu lassen. Sein Horror ist menschlischer Natur, in verzerrte Bilder von Aberglauben und lebendig gewordener Psychosen getränkt, der deswegen umso schrecklicher und nachhallender ist, als hätte er sich auf formelhafte Genrekost beschränkt. Vielleicht hab ich den Film unterbewusst absichtlich nicht näher an mich rangelassen und habe mich von seiner Geschichte abgegrenzt, um mich nicht komplett verloren in Albruns Schicksal zurecht zu finden. Nichtsdestotrotz ist der Film ein tolles Beispiel dafür, dass Genre selbst innerhalb der hiesigen und schwierigen Filmförderungs-Landschaft einen Platz hat bzw. haben sollte.

Montag, 28. September 2020

Leprechaun Returns

Der irische Horror-Kobold brachte es bisher auf insgesamt sechs Sequels. Nach dem letzten Eintrag in der Reihe - Back 2 Tha Hoodbrauchte es insgesamt fünfzehn Jahre, bis der Leprechaun wieder back in action war. Die eigene Erwartungshaltung war durch die meist positiven Stimmen in meiner Social Media-Filmbubble nicht immens, aber höher als bei anderen Filmen des Franchise. Wenige Sekunden nach Beginn fuhr mir der erste Schreck durch die Glieder, als das Logo des Fernsehsenders Syfy erschien. Entweder hatte ich es tatsächlich nicht mitbekommen oder unter meinen großen Haufen Grundskepsis gegenüber den Einträgen in der Reihe begraben: in mir stiegen Zweifel hoch, ob die nächsten neunzig Minuten tatsächlich unterhaltsam werden würden; waren meine bisherigen Begegnungen mit Produktionen des Senders durch die Bank weg negativer Natur gewesen. Es sollten wenige Minuten vergehen, bis der erste Schreck verflogen war. Zwar kann Leprechaun Returns seine TV-Produktions-Herkunft durch den kostengünstigen, immer etwas steril wirkenden Look nicht verbergen, dafür spürt man, dass die Herrschaften bei Syfy dem Franchise den nötigen frischen Wind verpassten, den dieses nötig hatte.

Bevor man den mörderischen Gnom weiter durch das Weltall, das Klischee-Rapper-Ghetto-Terrain oder andere ausgelutschte Themenbereiche jagt, ignoriert Leprechaun Returns die bisherigen Sequels komplett und schließt an den Ursprungsfilm an. Hier liegt es an Studentin Lila, Tochter der im Erstling von Jennifer Aniston verkörperten Tory, sich gegen den abermals zufällig wiedererweckten Leprechaun zur Wehr zu setzen. Ihr Wechsel der Universität und Eintritt in eine Schwesternschaft führt sie just in jenes abseits gelegene Haus, in dem ihre Mutter und ihre Freunde einst Bekanntschaft mit dem Kobold machen mussten. Aus jenen Tagen ist einzig Ozzie (welcher wie 1993 von Mark Holton verkörpert wird) übrig geblieben, der das Bindeglied zwischen Original und dem jüngsten Werk des Franchise darstellt und unfreiwilliger (Wieder-)Geburtshelfer für den Leprechaun wird. Hielt Lila diesen bisher nur für die Auswüchse der psychischen Erkrankung ihrer mittlerweile verstorbenen Mutter, trifft sie die weiter nach ihren Gold suchende Kreatur im Haus ihrer Verbindung und kämpft im Bestreben, ihren Kameradinnen und deren Freunden klar zu machen, welche reelle Gefahr von dem vermeintlich lustigen Kerlchen ausgeht, gegen Windmühlen.

Bis alle Anwesenden raffen, dass der Leprechaun bei der Suche nach seinem Gold diebischen Spaß daran hat, den tumben Klischee-Jugendlichen ein äußerst kreatives Ableben zu bescheren, gibt sich Leprechaun Returns in eben jenen Szenen erfrischend rotzig. Gefühlt scheint jemand zum ersten Mal überhaupt verstanden zu haben, wie man das thematische Setting sowohl lustig als auch für Horror-Fans richtig interessant umsetzt. Die weitgehend überraschungsarme Handlung ist zwar größtenteils ein Alibi um auf den nächsten gorigen Money Shot hinzuarbeiten, dort macht der Film mit den größtenteils handgemachten Effekten eine gute Figur. Leprechaun Returns baut ein gutes Tempo auf und legt seiner titelgebenden Kreatur fiese One Liner oder die Todesszene kommentierenden Reime in den Mund, die zumeist tatsächlich amüsant sind. Ging der Originalfilm lieber auf Nummer sicher um ein größtmögliches Publikum anzusprechen, pfeift man im aktuellen Werk auf den guten Geschmack und setzt auf eine ebenfalls altbewährte, hier aber gut funktionierende Rezeptur.

Was ich mir vom ersten Teil wünschte, erfüllt viele Jahre später Leprechaun Returns: der Film besitzt ein eigenes Profil, sitzt weniger zwischen den Stühlen und beschreitet straight einen einzigen Weg. Der Film ist kurzweiliger Fun-Splatter, dem es ab der zweiten Hälfte an Abwechslung mangelt. Weil man narrativ lieber Versatzstücke des Genres aneinanderschraubt, auf die gerne und ausgiebig zurückgegriffen wird, geht ihm hier die Puste aus. Es reicht nicht komplett aus, den Killer-Kobold mit diesem Film auf den rechten Weg zu schicken. Die wohlwollenden Meinungen, die dem Film entgegen schlugen, verwundern mich nicht komplett. Gemessen an den bisher produzierten Werken ist Leprechaun Returns am rundesten und schenkt dem reimenden Protagonisten die Bestimmung, welche bisher nur dezent aufblitzte. Ganzheitlich betrachtet ist auch dieser Film nichts neues und arbeitet solide seine To Dos in der Ausgestaltung seiner Erzählung ab. In der höhepunktlosen Reihe ist der Film dafür überraschenderweise ein Ausrufezeichen, obwohl er wie einige Beiträge zur Reihe davor ebenfalls wenig neues bietet, aber dafür endlich sichtbar weiß, wohin die Reise gehen soll. Für kurzweiligen und gorigen Filmspaß reicht dies mit Abstrichen aus.

Samstag, 29. August 2020

Leprechaun

Müsste ich Social Media-like zum Leprechaun-Franchise einen Beziehungsstatus angeben, dann wäre "es ist kompliziert" äußerst passend. Eigentlich hab ich die komplette Reihe, nachdem ich die ersten drei Teile bereits vor vielen Jahren sah und als gänzlich durchschnittliche Filme wahrnahm, für mich abgehakt. Durch Gespräche mit dem von mir hoch geschätzten Patrick Lohmeier von Bahnhofskino über den Sinn und Unsinn teurer Sammler-Editionen für solch mittelmäßigen Werke, durch die Bank weg negative Stimmen zum versuchten Reboot Leprechaun: Origins (die ich hier bestätige) und die für mich überraschend positive Resonanz zur direkten, alle bisherigen Sequels ausklammernden Fortsetzung Leprechaun Returns (welche wie bereits angekündigt, ebenfalls eine Besprechung im Blog erhalten wird) wurde ich immer wieder auf die langlebige Reihe aufmerksam. Das in unregelmäßigen Abständen wiederholt auf die Filme stoßen erweckte das schreckliche Ungeheuer der Neugier in mir, dass mich dazu trieb, den erneuten Kampf mit den Werken über den mörderischen irischen Gnom aufzunehmen.

Zu Beginn seines ersten filmischen Auftritts macht er dem Zuschauer und dem Ehepaar O'Grady klar, wo der Hammer hängt. Eher der Herr des Hauses als seine Gattin träumt bereits vom grenzenlosen Reichtum, als er seiner Frau eröffnet, dass er bei seinem Aufenthalt in seiner alten Heimat Irland einen Leprechaun gefangen hat und sich dessen Schatzes bemächtigte. Wütend darüber erscheint dieser mit mörderischer Absicht im Haus der O'Gradys um sich sein Gold zurück zu holen, wird dabei aber von O'Grady in eine Kiste gebannt, bevor er einen Schlaganfall erleidet. Zehn Jahre später ziehen J. D. und seine Tochter Tory in jenes Haus, nichtsahnend, dass in ihrem Keller jene irische Sagenkreatur lauert. Dieser wird vom geistig auf dem Stand eines Kindes befindlichen Ozzie, der seinen Freunden Nathan und Alex in deren Malerbetrieb hilft, versehentlich befreit. Als der am Ende eines Regenbogens mit seinem Kumpel Alex das Gold des Kobolds findet, zieht er dessen ganze Aufmerksamkeit auf sich. Schnell müssen Ozzie und seine Freunde erfahren, wie zornig der Leprechaun werden kann, wenn jemand sein Gold stiehlt. 

Der mittelmäßigen Ausführung des Scripts zum Trotz wurde der Film zu einem veritablen Hit am Kino und später in den Videotheken. Für mich bleibt das ein Stück weit immer wieder verwunderlich, da er sowohl bei seinem Versuch Humor in seinen nach gängigen Formeln aufgebauten Horror-Plot zu bringen als auch bei der Darstellung der gruseligen Komponente seiner Geschichte nicht groß gewinnt. Leprechaun betont übermäßig die falschen Elemente; einerseits bedingt durch die Vorlage den Fantasy-Anteil und in den Szenen mit Nathan, Alex und Ozzie meint man fast, dass man sich einen verkitschten wie seichten Familien-Film anschaut. Die seichten Gewässer verlässt Regisseur Mark Jones nie und geht auf Nummer sicher. Er bietet von allem etwas in geringer Dosierung und hatte zumindest im Jahr der Entstehung bzw. des Kinostarts in den USA nicht nur das Glück in Gestalt einer gut geschmierten PR-Maschinerie des Verleihs Trimark, sondern auch, dass ein Horrorfilm über einen Sprüche klopfende und mörderische Sagengestalt aus Irland aus dem damals üblichen Genre-Einerlei heraus stach.

Mit der Seichtigkeit seines Seins kann Leprechaun nicht davon ablenken, dass man durchaus auch auf erfolgreiche Franchises wie der Nightmare on Elm Street-Reihe schielte. Viele in die Kinos und mehr noch in die Videotheken gestoßene Horror-Werke machten dies und waren weniger erfolgreich. Jones' Werk dümpelt eigentlich wie viele seiner Kollegen in der Belanglosigkeit, wenn da nicht Hauptdarsteller Warwick Davis wäre, der sichtlich Spaß an seiner Rolle hat und ab der zweiten Hälfte den Film auf seinen schmalen Schultern trägt. Hinter der gelungenen, von Gabe Bartalos kreierten Maske, wird Leprechaun eine alberne Horror-Clownerie, die es verpasst, an den entscheidenden Stellen düsterer zu werden oder als Gegensatz in den Spannungs-Szenen den komödiantischen Anteil auszuarbeiten. Einzig die Präsentation Davis' bleibt durchgängig cartoonesk; um den Schritt in die Richtung eines Fun-Splatterfilms zu gehen, fehlt es dem Film an Chuzpe. Um dies bereits vorweg zu nehmen, macht das Leprechaun Returns um einiges besser. Der Ursprungsfilm zieht sich hierfür zu häufig in eine Komfortzone zurück und vertraut darauf, einen möglichst großen Teil an Zuschauern mit seinem mittelmäßigen Gesamtwerk anzusprechen. Das ist zumindest für mich zu wenig, um den Film richtig zu mögen, wobei ich aus der bisherigen Erinnerung härter mit ihm ins Gericht ging als er es verdient hat. 

Dienstag, 25. August 2020

Lake Placid

Es dürfte mittlerweile eine ungeschriebene Tradition sein, dass Tierhorror-Filme über tödliche Lebewesen aus den Tiefen des Meeres oder alternativ Seen und Flüsse pro Jahrzehnt eine Renaissance erleben. In den ausgehenden 90ern versuchte sich auch Autor und Produzent David E. Kelley daran, ein monströs erscheinendes Getier aus dem Wasser auf das Kinopublikum loszulassen. Der daraus entstandene Lake Placid besticht dabei weder durch innovative und frische Ideen oder atemberaubende Spannung bis zum Schluss, sondern hat mir persönlich wieder bestätigt, dass Kelley ein besonderes Talent dafür besitzt, schrullige Figuren und absurde Situationen oder Dialoge punktgenau zu kreieren. Gelang ihm dies in Ally McBeal - eine meiner Lieblingsserien im Jugendalter - fast durchgehend, ist sein Gespür für interessante Charakterzeichnung eine Stärke der Stephen King-Adaption in Serienform Mr. Mercedes, die ansonsten durchaus an ihrem nicht vorhandenen, eigenen Charakter und schleppender Story krankt und einen schwankenden Gesamteindruck bietet. 

Deren Hauptdarsteller Brendan Gleeson dürfen wir in Lake Placid als leicht bärbeißigen und wortkargen Sheriff Hank Keough erleben, in dessen County - Kelley siedelte die Handlung in seiner Heimat Maine an - eine zunächst unidentifizierte Kreatur für Unruhe in der Umgebung um den von den Bewohnern Lake Placid getauften See sorgt. Vor den Augen des Sheriffs wird ein Taucher in zwei Hälften geteilt, was die ruhige Idylle in einen Tummelplatz voller nervöser Gestalten verwandelt, die der Sache sprichwörtlich auf den Grund gehen wollen, was in dem Gewässer lauert. Zu Keough und Wildhüter Jack gesellen sich die nervöse Paläontologin Kelly und der exzentrische wie steinreiche Professor Hector, der eine sehr eigene Beziehung zu Krokodilen pflegt und auch im See einen Vertreter dieser Spezies vermutet. Möchte man ihm zuerst keinen Glauben schenken, ändert sich die Meinung schnell, als das Quartett Zeuge davon wird, wie das riesige Tier einen ausgewachsenen Braunbären in die Fluten zieht.

Bis dorthin und darüber hinaus baut Kelleys Script brav das gewohnte Setting eines Tierhorror-Films mit übellaunigen Wasser-Bewohnern auf und wird unter der routinierten Regie von Steve Miner bis zum Schluss durch die verschiedenen Szenerien des Subgenres gezogen. Von schlechter Qualität ist das nicht und neben einigen anschaulichen Special Effects, darunter die von Stan Winston geschaffenen Animatronics des heimlichen Hauptdarstellers verschafft der Film der Zuschauer wenige, aber gut aufgebaute und spannende Szenen. Mehr bleibt von Lake Placid der vergnügliche Culture Clash im Aufeinandertreffen von Keough, Hector, Kelly und Jack hängen. Die vom Luxus der Urbanität ihrer Heimat verwöhnte Kelly tut sich schwer mit dem ländlichen Idyll ihres Aufenthaltortes und deren Vertreter Jack, während Keough, stellvertretend für die gemütlichen Gemüter der Örtlichkeiten ständig mit dem exzentrischen Hector aneinander gerät. Die Leichtigkeit, mit der Kelley dies in sein Script gepackt hat, sorgt für einige amüsante Momente und lässt Lake Placid zu einem kurzweiligen Screwball-Horror werden.

Den Höhepunkt erreicht der Film mit der Einführung von Golden Girl Betty White und deren schrulliger Figur Mrs. Bickerman, die mehr über das Krokodil zu wissen scheint, als sie zuerst zugeben möchte. Die hinzu kommende Absurdität lässt über die standardisierte Abarbeitung des Horror-Szenerien hinwegsehen. Dem Charme, den Kelley seinen Figuren und dem Film damit schenkt, erliegt man nur allzu gerne und verzeiht so manchen Griff in die Klischee-Kiste. Weit weg vom Attribut outstanding ist Lake Placid ein dazu hübsch gefilmter und atmosphärisch ansprechender - hin und wieder wirkt es so, als hätte Stephen King für die Vorlage gesorgt - kleiner Horrorfilm, der Dank der Konzentration auf die komödiantischen Aspekte des Plots für kurzweilige Unterhaltung sorgen kann. Ein kleiner, aber durchaus schmackhafter Happen für den großen, gierigen Schlund des Genre-Fans.

The Nightingale

Während uns Jennifer Kent in Der Babadook mit weitgehend subtilem Horror das Fürchten lehrte, verzichtet die Australierin in ihrem neuesten Werk auf leise Töne. In The Nightingale trägt sie ihre Geschichte so rau vor, wie gleichzeitig ihr Heimatland und deren ersten Bewohner darin dargestellt werden. Das Drama um zwei Außenseiter, Clare, Strafgefangene und Leibeigene des unberechenbaren Armeeoffiziers Hawkins und Billy, ein Aborigene, dem gewaltvoll die westliche Kultur eingetrichtert werden soll und hin und sich wieder für die Armee als Führer durch den tasmanischen Dschungel verdingt, nutzt unverholen beim Schildern ihres gemeinsamen Wegs durch den dicht bewachsenen Busch Elemente des Exploitation-Kinos um das grausame Schicksal auch visuell durchgängige Härte zu verleihen. Der ständige Missbrauch Hawkins an Clare kulminiert im nächtlichen Besuch des Offiziers und seiner Gefolgschaft in der Hütte von Clares kleiner Familie. Dem voraus ging ein Besuch ihres Ehemanns Aidan bei Hawkins, der diesen wegen dessen ständiger Übergriffe auf seine Frau zur Rede stellen wollte und die Situation in Handgreiflichkeiten eskalierte.

Die Eskalation in der Hütte erreicht in ihrer Unannehmlichkeit fast das Level der quälend langen Vergewaltigungs-Szene in Meir Zarchis I Spit On Your Grave. Nicht der körperliche, aber der emotionale Schmerz, den Clare hier erfährt, fährt auch dem Zuschauer in die Glieder und ließ den hier erzeugten Schrecken für mich zu einer der unerquicklichsten Film-Erfahrungen der letzten Zeit werden. Nachdem Kents Protagonisten das für diese schlimmstmögliche widerfährt, setzt der Film zu einem quälenden Gang zur Katharsis über, in dem er Clare und Billy aufeinandertreffen lässt. Der Ureinwohner ist für die von Rache getriebene Frau zunächst Mittel zum Zweck. Er soll sie durch den unwirtlichen Busch Tasmaniens und auf die Spur ihres Peinigers führen, welcher mit ihm unterstellten Offizieren auf dem Weg in die nächstgrößere Stadt ist, um dort einen neuen Posten anzutreten. Ungeschönt blickt Kent auf das in den 1820ern vorherrschende Gedankengut und lässt aus dem Opfer Clare offen Vorurteile und rassistischen Dünkel treten. Der Film macht es einem schwer, weiterhin Mitleid mit der jungen Frau zu empfinden, wenn sie, obwohl sie wie ihr Führer ebenfalls in der damaligen Gesellschaft ein Außenseiter ist, offen ihren Rassismus zur Schau stellt. Der Aborigine ist für sie sehr viel weniger Wert als ihr geliebtes Pferd, das sie mit sich führt.

Kilometer um Kilometer nähert sich das zeitgleich gleiche und wiederum ungleiche Paar langsam an und erfährt vom Schicksal des jeweils anderen. Hätte man in der ehemaligen Traumfabrik die Gelegenheit ergriffen und noch eine dezente Love-Story in den Plot geklimpert, verzichtet Kent in ihrer Geschichte auf allzu große Sentimentalitäten. Billy und Clare lernen einander zu verstehen und sich schätzen und manche Blicke, die man sich gegenseitig im schützenden Dunkel einer zweckmäßigen Unterkunft zuwirft, könnten als langsam erwachende, tiefere Zuneigung verstanden werden. In der Zeit, in der The Nightingale spielt, ist für sowas kein Platz. Mehr ist der Film ein Fenster, das seine Regisseurin geöffnet hat und uns zeigt, dass die darin geschilderten Themen bedauernswerter Weise zeitlos sind. Inmitten der verregneten, schmutzigen und verwilderten Umgebung des für paradiesische Postkarten-Motive prädestinierten Tasmaniens kämpfen die beiden Misfits Clare und Billy für ein kleines bisschen Gerechtigkeit und ihren inneren Seelenfrieden. 

Die sich in beiden Protagonisten aufstauende Wut über ihr Schicksal, das einige Parallelen aufweist, ist Motivation für deren weitere Handlungen und roter Faden in Kents Rache-Mär. Anlass dafür bieten Hawkins und seine Untergebenen auf ihrer Reise über das australische Eiland zu Genüge. Manipulation, Misshandlung, Ausbeutung: Kent breitet den Schrecken der Kolonialisierung durch weiße Männer weit vor dem Zuschauer aus, in dem zwei unterschiedliche und doch gleiche Menschen von einem kleinen Stück Freiheit träumen. Eingeengt im Klassendenken der damaligen Gesellschaft manifestiert sich dies im zunächst ungewöhnlich erscheinenden Bildformat von 1,37:1. Das vermeintlich weite Land des fünften Kontinents verkommt dadurch zur beengenden Hölle, welche mit ihren Schrecken die Hauptfiguren des Films aneinanderschweißt. The Nightingale verkommt hierbei nie zum bloßen Historien-Rape and Revenge-Film, der nicht als bloße Verfilmung einer Hass-Schrift über die Schreckensherrschaft der Gründungsväter einer gemessen an den Abstammungen eigentlich bunten und vielfältigen Nation ist. Mehr ist der Film ein aufwühlendes und mitreißendes Kammerspiel inmitten einer beengten Welt, die in ihrem einfachen Schwarz-Weiß-Denken keine Abstufungen und Offenheit zuließ. Intensiv gespielt und umgesetzt ist Kents Film ein in seiner Tonalität grobes Drama, das mit einem Fuß im Genre-Kino für Standfestigkeit sorgt und für mich ein erstes größeres Ausrufezeichen des Filmjahrs ist.

Freitag, 7. August 2020

Leprechaun: Origins

Mir als Wrestling-Fan tut Dylan Postl ein wenig leid. Ungeachtet davon, ob der kleinwüchsige Sports Entertainer für die Muskelprotz-Soap Opera das nötige Talent mitbringt oder nicht, meinte man es während seiner Anstellung bei World Wrestling Entertainment in Bezug auf die Storylines, in die man Postl steckte, nicht gut mit ihm. Nachdem er für den irischstämmigen Dave "Fit" Finlay als fieser Kobold in Kämpfe zu dessen Gunsten eingreifen durfte und mit diesem im Team zusammen für das amerikanische Publikum die Klischee-Iren verkörperten, wurde er in einer groß angelegten Storyline Ersatz für den leicht unbequemen und deswegen von der Company entlassenen Kenneth Anderson, welcher den Fans eigentlich als unehelicher Sohn des WWE-Besitzers Vince McMahon präsentiert werden sollte. Plötzlich wurde dies Hornswoggle, so Postls Ringname, und fortan wurde er vermehrt in den von uns Smart Marks (Fans, welche sich intensiv mit den Hintergründen des Business beschäftigen und denen deswegen auch jederzeit bewusst ist, dass die Kämpfe gescriptet sind) verhassten und von McMahon so geliebten Comedy-Segmenten eingesetzt. 

Als seinerzeit von WWE Studios, dem Filmableger der Wrestling-Liga, ein Reboot des langlebigen Leprechaun-Franchises angekündigt wurde, lag es Nahe, Postl zum Erben von Warwick Davis zu machen. Er sollte ernster und düsterer werden; sich mehr vom komödiantischen Wesen der zuvor produzierten Filme um den irischen Gnom entfernen. Gleichzeitig bewegte man sich mit Leprechaun: Origins noch weiter vom schon in der Original-Reihe kaum vorhandenen Niveau weg, welche zumindest mit den ersten drei Teilen unspektakuläre, aber zumindest solide Horror-Kost bot, die es auf insgesamt sechs Filme brachte. Bei allen schlechten Kritiken, synchron mit der Gesamtzahl an Filmen innerhalb des Franchises ánsteigend, zogen sie weiterhin noch genügend Leute vor die heimischen Videorekorder bzw. DVD-Player, welche die Reihe für einige Jahre überleben ließ. Never change a running system. 

Man hat die Rechnung leider nicht ohne den (neuen) Wirt gemacht. Das letzte bisschen Profil des Franchise wurde komplett platt gewalzt und die Origins des neuen Leprechauns, der gut und gerne gegen jedes x-beliebige Ungeheuer aus volkstümlichen Sagen ausgetauscht werden könnte, werden zur unrühmlichen Beerdigung im 90-Minuten-B-Film-Format. Irgendwelche angehende Studenten erreichen fernab der bekannten Tourismus-Routen der grünen Insel ein kleines Dorf, welches nahezu alle Klischees über Irland bedient. Dort erzählt man ihnen im Pub von einer in unmittelbarer Nähe befindlichen Höhle und der darin angeblich befindlichen Wiege des Keltenreichs. Die begeisterten wie naiven Kids erfreuen sich an der vermeintlichen Hilfsbereitschaft zweier Dorfbewohner, sie dorthin zu führen, ohne zu ahnen oder zu erkennen, dass sie von diesen als frische Opfergabe für einen Leprechaun auserwählt wurden, welcher für den Diebstahl seines Golds durch die Vorfahren der Dorfbewohner weiterhin Vergeltung bzw. Wiedergutmachung fordert und deswegen am liebsten doofe Kids terrorisiert und unerschrockene Allesglotzer nervt.

Der mit jedem Sequel immer dünner werdende Wiedererkennungswert der ursprünglichen Reihe ist quasi nicht existent. Der Film stolpert über die schon oft bemühten ausgelatschten Pfade des Horrorfilms und steht mit seinem Unvermögen für das, was selbst aktuell im Tagesgeschehen von WWE den geneigten Fan nervt. Storytelling nach Schema F, dass man woanders wegen besserem Verständnis für den Stoff bzw. des Genres wenigstens mit mehr Gespür umgesetzt sehen kann, dass von einem gesichtslosen Cast vorgetragen wird, die von einem stocksteifen Monster-Gnom heimgesucht werden, der mit dem von Warwick Davis meist launig dargestellten boshaften Schalk nichts mehr gemein hat. Der Leprechaun hier wird als uralte, animalische Kreatur mit viel Appetit dargestellt, von dessen schlechter Maske mit einem während seiner Screentime ständig eingesetzten Verfremdungseffekt abgelenkt werden soll. Postl kann noch so beherzt und mühsam agieren, sein schlecht gemachtes Kostüm und das fade Script lassen ihm keine Chance.

Nach 78 Minuten hat der uninspirierte Spuk ein Ende. Die restlichen 12 Minuten verbraucht der Film für einen in die Länge gezogenen Abspann. Ein irrsinniger Schachzug, um das Vehikel aufzublähen und ihm die üblichen 90 Minuten an Laufzeit zu schenken. Wer erwartet, dass das Reboot der Reihe ein in irgendeiner Weise spaßiger oder zumindest kurzweiliger Horror-Royal Rumble ist, wird maßlos enttäuscht. Leprechaun: Origins ist das eine Sequel to dismember um das ganze Franchise in einen Sarg zu werfen und den Deckel zuzuknallen. Ich bin immer noch ungläubig, dass sich die Reihe mit dem letzten Eintrag Leprechaun Returns sowas wie erholte. Bevor ich hier im Blog mich diesem widme, hole ich lieber nochmal den Erstling hervor und versuche mich nicht nur an diesem, sondern auch an all seinen Sequels. Welche bei allen unrühmlichen Teilen ab den 2000ern wahrscheinlich immer noch mehr unterhalten können als dieser von Anfang bis Ende verbotchte Film.

Samstag, 25. Juli 2020

3 From Hell

Vierzehn Jahre nachdem der Firefly-Clan in Gestalt von Baby und Otis zusammen mit dem heruntergekommenen Clowns-Darsteller Captain Spaulding die Filmwelt in The Devil's Rejects unsicher machte und Aufgrund des eigentlich unmissverständlichen Shoot Outs am Ende des Films ein Sequel ausgeschlossen schien, schickt Regisseur Rob Zombie seine Redneck-Familie erneut auf Mordtour. Seine erdachte teuflische Sippe springt wie durch ein Wunder dem Schnitter von der Schippe und überlebt den auf sie niedergeprasselten Kugelhagel, was 3 From Hell seinem Publikum in semi-dokumentarisch gehaltenem Mix aus Nachrichten-Meldungen und Reportagen zu erklären versucht. Mehr noch ist es Zombies Zugeständnis, dass er mehr als wild fluchende und auf gesellschaftliche Normen und Regeln scheißende Rednecks, die ohne Sinn und Verstand durch die Staaten Amok laufen, nichts kann. Was mit dem stilistisch interessanten aber leicht überfrachteten House of 1000 Corpses (Besprechung hier) begann und mit dem bei aller Wildheit weitaus geordneter erscheinenden The Devil's Rejects fortgesetzt wurde, baut der Musiker und Filmemacher nun zu einer Trilogie aus.

Obwohl der Vergleich leicht hinkt, sehe ich Zombies letzten Film als seinen persönlichen Mother of Tears: lange Jahre warteten die Fans auf einen Abschluss von Argentos Drei Mütter-Trilogie und als es dann nach gefühlt unendlicher Zeit des Wartens soweit war, enttäuschte der Italiener mit seinem Abschlussfilm maßlos. Der Unterschied, der den Vergleich hinken lässt: auf 3 From Hell hat (bis vielleicht auf wenige Die Hard-Fans von Zombies Filmschaffen) niemand gewartet. Versöhnten die beiden vorangegangen Werke meine Haltung gegenüber Zombies Gesamtwerk mit meinen erneuten Sichtungen ein Stück weit, hagelt es hier wieder an Minuspunkten. Bei geringer Erwartungshaltung, entstanden durch eindeutig negative Stimmen nach seiner Veröffentlichung in meiner Twitter-Bubble und bei letterboxd, fällt mein Urteil über dieses Werk verglichen mit den bisher darüber verlorenen Worten leicht milder, aber nicht minder negativ aus. 

Beginnt die Aufarbeitung und Erklärung der Geschehnisse direkt nach dem Ende von The Devil's Rejects streckenweise interessant, schimmert deutlich durch, dass Sequels ihre eigenen Gesetze besitzen und in Zombies überdrehten Filmwelten Logik nicht als zwingend notwendig erachtet wird. Vollzieht man am inhaftierten Captain Spaulding die Todesstrafe, ein erzählerischer Kniff um den gesundheitlich bereits stark angeschlagenen Sid Haig schnell aus dem Film zu nehmen, gelingt Otis mit der Hilfe seines von Zombie aus dem Hut gezauberten Warden "Midnight Wolfman" Harper, einem entfernten Verwandten der Fireflys, die Flucht. Zusammen versuchen die beiden Psychopathen, mit der Geiselnahme von Gefängnisdirektor Warden, seiner Frau und einem befreundeten Ehepaar, Baby aus ihrer Haft freizupressen. Nachdem dies gelungen ist, will sich das Trio auf der Flucht nach Mexiko absetzen ohne zu ahnen, dass in dem kleinen Dorf, in dem sie stranden, eine alte Fehde beglichen werden soll, die Otis während seiner Haft entfacht hat.

Zombie spult dabei sein bekanntes Programm herunter, mehr noch: anstatt wirklich etwas neues zu erzählen, variiert er einfach verschiedene Parts des Vorgängers um dazwischen sein übliches B-Movie-Lover-Gehabe in die Story zu kippen. Halbwegs neu im Sortiment ist diesmal die im Stile von Home Invasion-Thrillern geglaubte Art der Inszenierung der Geiselnahme, welche im Kern das Martyrium der Musiker nach ihrem Zusammentreffen mit der irren Sippschaft aus The Devil's Rejects variiert. Dazu kommt Babys Gefängnisaufenthalt in dem der Regisseur für seine Verhältnisse beinahe konservativ das Subgenre des Frauengefängnis-Films in seine White Trash-Welt einbaut und merkt, dass ihm deren schmierige Grundhaltung nicht liegt. In den darin gezeigten Gewaltszenen fühlt er sich wohler, während Babys Duell mit Wärterin Greta, die in lethargischer Gleichgültigkeit von Genre-Ikone Dee Wallace verkörpert wird, dem Film einzig eine längere Laufzeit schenkt und dem Zuschauer einiges an Geduld abverlangt. Nach der Zusammenführung von Baby, Otis und Waren, den Zombie regelmäßig in den Dialogen zwischen ihm und Otis als "Psycho zweiter Klasse" degradiert und ihn wahrhaftig zu einem nervigen und zweitklassigen Charakter werden lässt, läuft der Film aus dem Ruder.

Drittklassig gebiert sich 3 From Hell in seiner Gesamtheit, dessen sattsam bekannte Orgie aus schnöde zelebrierter Hillbilly-Amokfahrt und B-Movie-Spielarten-Flickenteppich dem beschränkten Kosmos des Regisseurs nichts neues hinzufügen kann. Einzig wenn es zum Duell zwischen den mexikanischen Gangstern mit ihren Lucha Libre-Masken und dem Trio kommt und Zombie letztendlich auf seinem wilden Ritt durch die Arten des B-Films beim Italowestern oder Frühwerken von Robert Rodriguez ankommt, weht der heiße Wüstenwind einen Anflug von Spannung in den Film. Es bleibt eine wenig wuchtige Explosion, die aus der Gleichgültigkeits-Trance aufrüttelt, bevor man den bisher letzten Eintrag in der Saga um die Firefly-Familie weniger als würdige Fortsetzung dieser, sondern mehr als krampfhafte Fortführung wahrnimmt, deren Belanglosigkeit präsenter ist als die wenigen guten Momente. Zumindest muss man Zombie zu gute halten, dass er seinem von Beginn seiner Filmkarriere an geschaffenen Stil, den er aus seinem Wirken als Comic-Zeichner und Musiker zwischen Industrial Metal, Alice Cooper und Horror-Punk in diese mitgebracht hat, treu geblieben ist, weil - seien wir da ehrlich - er leider wohl nicht mehr kann oder der Meinung ist, dass sein Publikum nur dafür empfänglich ist. Egal, dass es in seiner Filmographie kleine  Ausreißer aus diesem stark abgegrenzten Gebiet gibt.

Das Grauen von Schloss Montserrat

Jess Franco. Man liebt oder hasst ihn; ein in between scheint (fast) nicht zu existieren. Mich selbst habe ich, was die Haltung zum spanischen Regisseur angeht, lange in dieser grauen Zone zwischen Verehrung und Ablehnung verortet. Zuerst durch die größeren Produktionen für Erwin C. Dietrich mit seinem Schaffen in Berührung gekommen und dann von für Eurocine geschossene Werken wie Oase der Zombies abgeschreckt worden, war ich längere Zeit der Meinung, dass höher budgetierte Filme mit ihrer Gesamtwirkung von Francos mangelndem Regie-Talent ablenken und deswegen gut unterhalten können. Mit dem steigenden Interesse an italienischem bzw. europäischem Genrekino und dem Aufenthalt im damaligen Internet-Tummelplatz für Liebhaber dieser Filmsparten, wuchs auch mein Interesse an Franco und seiner Filmographie. Das Grauen von Schloss Montserrat hielt dabei als erster Film zur Neuentdeckung her, nachdem mich Schwärmereien von francophilen Filmfreunden nochmal neugierig auf den Film machten, der mich bei meiner ersten Sichtung schulterzuckend zurück ließ. Das ich kurz darauf die für den Anfang der 80er grasierenden Untoten-Boom mit nachgedrehten Zombie-Szenen erweiterte Fassung, in Deutschland als Eine Jungfrau in den Krallen von Zombies vermarktet, sah und mich nicht dafür begeistern konnte, tat ihr übriges.

Obwohl durchaus großes Interesse am Wirken des Spaniers bei mir besteht, war dieser leider bisher immer Randthema in meinem Sein als aufgeschlossener Cineast und selbstbetitelter Allesglotzer. Im Blog selbst blieb er bisher außen vor; bis auf Beiträge zu einem Geburtstag und zu seinem Ableben wurde über all' die Jahre keiner seiner Filme hier besprochen. Das Grauen von Schloss Montserrat ist demzufolge ein zweifacher Beginn: es ist einerseits das erste von hoffentlich vielen weiteren Werken Francos, über die hier im Blog einige Worte verloren werden sollen und andererseits der Film, der die lange verschlossene Knospe (damals wie heute) zum Aufblühen und meine große Sympathie für Jess Franco brachte. Der 1971 entstandene Film ist weit weg von den größeren Produktionen, die er zuvor für Harry Allan Towers und hinterher für Erwin C. Dietrich drehte und gleichzeitig ein großes Trademark für die ureigene Filmwelt Francos. Vordergründig scheint er damit auf schmalbrüstige Weise die Tropes des gothischen Horrorfilms und mehr noch des seichten Mystery-Krimis abzuhandeln, wenn seine Protagonistin Christina im Gasthaus eines kleinen Dorfs eintrifft, da sie zur Testamenteröffnung ihres Vaters, welchen sie niemals kennenlernte, geladen wurde. Ihr eigentliches Ziel, Schloss Montserrat, soll laut der Wirtin vollkommen unbewohnt sein, woraufhin Christina dagegen hält, dass ihre Familie schon lange darin wohne und sie bisher immer Briefe von ihrem Onkel Howard erhalten hat. 

Das ist das Stichwort für den zurückgebliebenen Basilio (Franco selbst), der Christina abholt um sie auf das Schloss zu bringen. In jenem lernt sie ihren Onkel, Tante Abigail sowie die verruchte Carmencé kennen und erfährt, dass ihre Cousine Hermina im Sterben liegt, welche sie wenige Momente vor ihrem Ableben am Sterbebett besuchen kann und von dieser angefleht wird, sofort wieder abzureisen. Christina bleibt jedoch und wird in den nächsten Tagen von Alpträumen und seltsamen Ereignissen geplagt, bevor sie Warnungen vor ihren Verwandten vom Geiste ihres toten Vaters erhält. Diese scheinen zu spät zu kommen, offenbaren die Familienmitglieder Christinas ihr fast zeitgleich, was sie mit der jungen Frau eigentlich im Sinn haben. Mit gemäßigtem Tempo setzt der Spanier lose zusammenhängende Szenen aneinander und entfernt sich mit fortlaufender Zeit von einer kohärenten Handlung. Sphärische Tonwelten, mystifizierte Bilderfolgen und irrationales Verhalten seiner Figuren formen Das Grauen von Schloss Montserrat zu einem surrealen Erlebnis, dessen (alp)traumhafte Stimmung die offensichtlichen Mängel in Francos Regie und Script aufhebt. Die Logik befindet sich fortwährend in einem Auflösungszustand bis der auf Christina übergreifende Wahnsinn, der sich in den Mauern des Schlosses abspielt, komplett auf die Handlung übergreift. Der sich über deren narratives Gerüst hindurch schlängelnde rote Faden hilft nur dabei, die angerissene, nie konkretisiert behandelte Auflösung um das angebliche Geheimnis von Christinas Familie zu erreichen.

Mehr vertraut der passionierte Musiker mit großer Liebe zum Jazz auf dessen Kunst der Improvisation und lässt seinen Film und den Zuschauer von Piece zu Piece gleiten um im Hintergrund ein Grundthema zu implementieren. Das Grauen von Schloss Montserrat wirkt in seiner Gesamtheit wie ein düsteres Märchen. Christina ist die Adult Alice; das von Franco erschaffene Wunderland konfrontiert die naiv-unschuldig wirkende Frau mit fleischlicher Versuchung und einem durchgängigen morbiden Unterton. Der Tod ist allgegenwärtig; er ist wichtige Antriebskraft für die Geschichte und gleichzeitig breiten sich seine fauligen schwarzen Schwingen in düster poetischer Kraft über dem Gesamtbild aus. Verstärkt wird dies in der von mir präferierten deutschen Fassung des Films, die sich in der Übersetzung der Dialoge zwar einige Freiheiten nimmt, gleichzeitig mit überbordender Ausgestaltung mancher Passagen die Stimmung des Films verstärkt. Beispielsweise wird Christinas Schilderung aus dem Off über die Fahrt zum Schloss dort zu einer übertrieben ausgestalteten wie faszinierenden Erzählung, während die O-Ton- sowie englisch gedubbte Fassung sich hier deutlich mehr zurückhält. Ebenfalls tauscht die deutsche Fassung nahezu komplett den Score Bruno Nicolais, der mehr den märchenhaften Aspekt des Films unterstreicht, aus und ersetzt ihn mit düsteren und schweren Synthesizer-Kompositionen, die Das Grauen von Schloss Montserrat mehr zur surrealen Alptraum-Mär macht.

Tatsächlich gab Franco in einem Gespräch mit Stephen Thrower zu, hier Lewis Carrolls "Alice im Wunderland" auf intellektueller Ebene umgestalten zu wollen. Beschäftigt man sich mehr mit Francos Leben zu dieser Zeit, kommt man nicht drumherum, seinen Film zeitweise auch als Trauerbewältigung zu betrachten. Es ist der erste Film nach dem tragischen Tod seiner Muse Soledad Miranda, welche bei einem Autounfall ums Leben kam. Die abgefahrene Strecke, die man während der originalen Credit-Sequenz erblickt, ist eben diese, auf der Miranda verunfallte und verstarb. Zwar ist Hauptdarstellerin Christina von Blanc ein anderer Typ als die wunderschöne Spanierin, besitzt aber genauso eine fragil erscheinende Figur. Der Eintritt ihrer Figur in die im Schloss existente Parallelwelt lässt Franco Miranda auf fiktiver Ebene in das Totenreich hinüber geleiten. Francos last farewell ist angetrieben von einer dunkel leuchtenden Flamme, welche die Gedankenwelt des Schöpfers antreibt und in ihrer Hitze einen fiebrigen Film gebiert, der Francos Qualitäten als Schöpfer surrealer Traumwelten on point präsentiert. Leicht zugänglich für Kenner kohärenterer Filme des Spaniers möchte man ihn nicht unbedingt nennen, wenn man sich an die Essenz seiner umfangreichen Filmographie heranwagen möchte. Für mich persönlich vereint der Film diese ziemlich gut und ist immer wieder ein guter Begleiter in Francos Limbo aus fetischisierter, sado-erotischer Sexualität und schauerromantischen Stoffen.

Für mich steht Das Grauen von Schloss Montserrat als ein kompaktes Werk, dass die Obsession und Getriebenheit des Spaniers spürbar bündelt und greifbar macht. Alles muss gefilmt werden, auf Zelluloid gebannt; gleich, wie fragmentarisch sich die Story am Ende anfühlt. Francos Filme sind sicher nicht vollkommen und weit weg von Perfektion und selbst dieser Film kann bei seiner kurzen Laufzeit an manchen Stellen zum Finale sich in der ungeordneten Ideenflut seines Regisseurs verlieren. Die Ecken und Kanten, die der Film trotzig zur Schau trägt und inmitten belanglos wirkender Füllsel kurz aufblitzende Geistesblitze sowie das Talent des Spaniers, die imposante Architektur des Schlosses in wenigen Einstellungen eindrucksvoll in Szene zu setzen, lassen mich zusammen mit der Princesse de l'érotisme gerne ihr wundersames Königreich mit dessen in seiner Gewöhnlichkeit innewohnenden, morbiden Schönheit besuchen. Würden sie sich nicht dem normativen Aufbau des Mediums unterwerfen, könnte man sich in seinen Filmen wie diesem und der traumhaften Stimmung gänzlich verlieren. Ganz gleich, dass hier wohl die Psyche nach dem Verlust eines geliebten Menschen gereinigt wird und wiederkehrende Motive wie beispielsweise sadomasochistische Gewalt behandelt werden. Die traumwandlerische Atmosphäre von Das Grauen von Schloss Montserrat lässt zum Schluss kommen, dass Franco (und seine Filme) zeitlos sind. Mehr noch lässt sich feststellen: Jess is Jazz, der mit seinen beschränkt wirkenden, filmischen Improvisationen und den darin stattfindenden schrägen Melodien nicht den Ton eines jeden, aber mancher Cineasten trifft, die sich im vor sich hin plänkelnden "Filmgedudel" gerne treiben lassen. 

Freitag, 17. Juli 2020

Nachtschicht (1987)

Eben noch versuchte der Taxifahrer mit dem markanten Gesicht seinem weiblichen Fahrgast, die wenige Minuten zuvor ihren Körper und ihr Leben den kalten Gewässern des Sees im städtischen Park überlassen wollte, Trost zu spenden. Die Stimmung kippt, die aufgelöste Blondine ist plötzlich gebannt von dessen magisch wirkender Aura, die Szene wird in dunkles, rotes Licht getaucht, welches man sonst nur als Beleuchtung im Freudenhaus vermutet und die beiden geben sich ihrer aufsteigenden körperlichen Gelüste hin. Mitten beim Erkunden des Körpers der Unbekannten schnellt der Taxifahrer mit seinem Oberkörper hoch, reißt den Mund auf, als würde er ihr von animalischer Lust übermannt das rohe Fleisch aus dem Leib reißen wollen und offenbart uns zwei große Fangzähne, welche er nicht wie man vermuten könnte, in den Hals, sondern in die Brust der Frau rammt und genüsslich beginnt, das Blut auszusaugen. Als Pubertierender schwerlich angetan von der Szenerie und dem ganzen Film, muss ich nun, gut zwanzig Jahre nach der ersten Sichtung von Nachtschicht mich mehr als einmal über diesen und seiner Art der Inszenierung wundern.

Der unterschwellig ohnehin sexualisierte Akt des Vampirbiss wird in beschriebener Szene vom auch als Graveyard Shift bekannten Film in einen Softporno-Kontext gebettet und lässt den Horror außen vor. Die Existenz des Vampirs ist in Nachtschicht mehr eine schwere Bürde für den in den von den Lichtern der Großstadt erhellten Nächten mit seinem Taxi umher fahrenden Stephen Tsepes, der sich das für ihn überlebenswichtige Blut fast ausschließlich von Frauen mit suizidalen Absichten nimmt und ihnen gleichzeitig ewiges Leben schenkt. Als er während einer Schicht die Regisseurin Michelle kennen lernt, ist es um ihn geschehen. Die in einer unglücklichen Ehe steckende Frau verfällt ebenfalls schnell dem sich geheimnisvoll gebenden Stephen, welcher durch diese Liaison seine früheren Liebschaften aufscheucht, die nun ruhelos und von Eifersucht getrieben, in der Stadt wahllos Männern das Leben aushauchen. Dies wiederum scheucht logischerweise die Polizei auf und macht sie auf Stephens weibliches Vampir-Gefolge und ihn selbst aufmerksam.

In einigermaßen nett anzuschauenden, durchgestylten Bildern bietet Regisseur und Autor Jerry Ciccoritti einen Vampir-Film, erdacht für ein adultes Publikum zwischen spekulativen Nackt-Szenen und abgeschmackter Romanze, die schlagartig herbei geführt wird und beispielhaft für einen löchrigen Plot steht, in dem die Handlung sprunghaft aufgebaut wird. Ohne größer dargebrachte Motivation flickt Ciccoritti Szenen zusammen, die schwerlich bemüht sind, Nachtschicht im Gleichgewicht zwischen Drama und seichtem Horrorthriller zu halten. Halten kann der Film dies nicht. Die schwülstige Liebelei zwischen Stephen und Helen dominiert einen großen Teil der Handlung, die mit den Ausbrüchen von vampiristischer Aktivitäten und kurzen Auftritten des ermittelnden Kommissaren-Duos drapiert wird. Ciccoritti baut seinen ganzen Film auf ein fragiles Gerüst, und erschafft ein sichtlich hohles Gebilde, dessen Oberflächlichkeit die Pseudo-Ernsthaftigkeit als fade Fassade nutzt. Letztendlich kann er nicht verbergen, dass er mit Nachtschicht nur Stereotypen des Genres in einen scheinbar neuen, urbanen Kosmos setzen mag.

Der leidende Vampir, dessen Liebe in einem vorhersehbar dramatischen Ende gipfelt, nimmt sein jahrelanges Wandeln auf dem Erdenrund als große Last wahr; seine menschliche Auserwählte ist gebeutelt von der angeschlagenen, eigenen Gesundheit und untreuem Ehemann und dankbar für seine Aufmerksamkeit und Leidenschaft. Ciccorittis Urban Gothic kann den schweren Staub des Genres, den er vermutlich locker wegwischen will, schwerlich aufwirbeln. Das Ungleichgewicht des Films, dessen dramatische Seite schwerlich TV-Film-Niveau erreicht und der im Verlauf der Geschichte immer härter werdende Horroranteil schenken Nachtschicht einen seltsamen Gesamteindruck. Hohle Phrasen werden gedroschen, die ruhelosen Vampir-Damen, allesamt mental mit Stephen verbunden, gehen auf ihren nächtliche Beiß- und Mordtour und die Romanze zerrt mehr an den Nerven, als dass es das Herz des Zuschauers erreicht. Dazwischen blitzen Ideen auf, die Stephen als einzigen Mann in einer von weiblichen Vampiren dominierten Welt als letztes Überbleibsel alter Zeiten, einem Denkmal patriarchaischer Blutsauger-Geschichten, niedergerissen von aggressiv um ihre Stellung kämpfender Weiblichkeit; ein Paradoxon zu ihrer Gleichzeitigen Verbundenheit und Verfallenheit zu Stephen, von dem sie sich entweder befreien wollen oder einfach nur nicht teilen wollen. Dieser latente Feminismus kann Nachtschicht zwar nicht retten, aber verstärkt den eigenartigen Gesamteindruck, den er hinterlässt. Die Magie, die er in der Wahrnehmung meines pubertären Ichs, versprühte: verflogen. Seine Eigenheiten machen ihn prädestiniert für eine eventuelle zukünftige Veröffentlichung beim US-Label Vinegar Syndrome, Fachmänner für B-Film und seltsame Auswüchse der Filmwelt, zu der ich doch nicht nein sagen könnte.


Samstag, 11. Juli 2020

Skin

Die Wut des rechten Randes auf Flüchtlinge oder Menschen mit Migrationshintergrund, Angst vor dem Verlust der nationalen Identität des Staates und völkisches Denken, von Populisten wie Orban, Trump oder Parteien wie der AfD weit in die Gesellschaft gestreut, verursacht in mir - vom politischen linken Rand, in dem ich mich und meine politische Meinungen verorte, aus beobachtet - selbst eine unbändige Wut auf solche Menschen und ihr Gedankengut. Eigentlich wird diese auch von fiktiven Stoffen entfacht. Umso erstaunter war ich, als Guy Nattivs Skin keine größeren emotionalen Regungen in mir verursachte. Der Film über Bryon Widner, der seine Gesinnung über viele Jahre für alle gut sichtbar durch dutzende von Tattoos auf seiner Haut trug und dessen Weg aus der US-amerikanischen rechtsradikalen Szene schildert, wird ein Opfer seines Anspruchs, diese Zeit seines Lebens vielschichtig zeigen zu wollen. 

Der aus zerrütteten Verhältnissen stammende Amerikaner lebte viele Jahre in verschiedenen Organisationen der White Supremacy-Bewegung. Das jahrelange Mitglied des Vinland Social Club lernt 2005 auf einem "White Power"-Festival seine spätere Frau Julie kennen, die drei Kinder aus einer früheren Beziehung mit in die Partnerschaft bringt. Beide hinterfragen ihre Gesinnung, als Julie von Bryon ein Kind erwartet. Das Paar sagt sich von der Nazi-Zeit los und möchte aussteigen. Die beiden flüchten aus dem US-Bundesstaat Michigan nach Tennessee, doch Widner wird von seiner Vergangenheit eingeholt und von seinen alten Kameraden aufgespürt; hat sich mental jedoch bereits so gefestigt, dass er mit seiner Neonazi-Zeit abschließen möchte. Nach sich endlos lange hinziehenden Vorgesprächen finanziert ihm schließlich eine Bürgerrechtsbewegung die schmerzvolle Entfernung seiner Tattoos und hilft ihm bei der kompletten Lossagung von seinem alten Leben.

Nachdem 2011 die Dokumentation Erasing Hate sich mit Widners Fall befasste und diesen u. a. bei den insgesamt eineinhalb Jahre andauernden Entfernungen seiner Tattoos begleitete, erblickte 2018 mit Skin ein Spielfilm das Licht der Kinowelt, welcher sich mit Widners Weg aus der Nazi-Subkultur der USA beschäftigt. Neben seinem Wirken im Kommunen-artig aufgebauten Vinland Social Club beleuchtet der Film eingehend Widners Begegnung mit seiner späteren Frau und ihre Anfangs schwierige Beziehung. Der seit Jugendjahren von seinen Nazi-Zieheltern auf Hass gedrillte und emotional ausgehöhlte Mann muss sich fühlbar damit zurechtfinden, dass es außerhalb der ultraweißen Blase, in der er sich befindet, eine differenzierte Welt fernab von eindimensionalem Schwarzweiß-Denken gibt. Der Dramatik filmischer Narration geschuldet, ändert Skin einige der oben beschriebenen Details, ohne dabei die Geschichte des Aussteigers zu radikal umzuformen. Mit kühlem Ton wird diese vom israelischen Autor und Regisseur Guy Nattiv erzählt, der seinen Fokus häufiger auf die inneren Mechanismen des Clubs legt und im Kontrast dazu das Erwecken von Bryons warmherziger, menschlicher Seite im Beisammensein mit Julie gegenüber stellt.

Die beeindruckende und starke Performance von Jamie Bell als Widner kommt nicht gegen den entstehenden Eindruck an, dass Nattiv manchmal das Interesse an seiner Hauptfigur verliert. Die Biographie wandelt sich vom Sozial- zum zurückhaltenden Beziehungsdrama und wieder zurück; Bell steht dabei meist mit seiner großartig erzeugten Präsenz sichtbar im Bild und ist trotzdem häufiger nicht das zentrale Element in Nattivs Erzählung. Mehr entwickelt er sich als antreibendes Zahnrad im Gefüge der Geschichte, um diese letztendlich in die vorgesehenen Richtungen zu treiben. Weiter greift Nattivs Distanz zu den beiden Hauptfiguren auf den Zuschauer über; zusammen mit meiner persönlichen politischen Einstellung konnte ich mich nicht auf diese zugegeben schwache emotionale Ebene, die Skin besitzt, begeben. 

Bedauerlich, da der Film in allen Belangen auf einem hohen Niveau agiert und sein Blick auf einen Teil des rechten Rands der US-Gesellschaft durchaus interessant ist. Leider verspielt er mit seinem unterkühlten Ton, dass der Zuschauer Widners Prozess des Ausstiegs mitfühlt und ihm nahe geht. Seine unangenehme Persönlichkeit jener Tage führt dazu, dass man in der fiktiven Aufarbeitung seiner Geschichte auf persönlicher, emotionaler Ebene zu Vorsicht tendiert und man sich ihm nie wirklich nähern will, bis zum Ende in Texttafeln sein Werdegang nach dem erfolgreichen Ausstieg geschildert wird. Richtig Nahe kommt man ihm nur dann, wenn in kurzen Zwischenspielen die schmerzhafte Entfernung mittels Lasertechnik von Widners Tattoos in Großaufnahmen gezeigt wird. Selbst da tut das allerdings wenig weh, was ein Film wie Skin Aufgrund seiner Thematik bis zu einem gewissen Punkt schon tun sollte.

Montag, 29. Juni 2020

Engel mit schmutzigen Flügeln

Während unseres Lebens befinden wir uns auf vielen, unterschiedlichen Reisen. Egal, ob wir unsere Körper beispielsweise im Urlaub von A nach B transportieren und fremde Plätze und Länder erkunden oder auf persönlicher, charakterlicher Ebene: wir sind ständig on tour. Das Trio Gabriela, Michaela und Lucy ist dies mit seinen fahrbaren Untersätzen ebenfalls. Die Engel im Exil sind unentwegt unterwegs und weder Felder, Straßen, Autobahnen oder leere Kasernen sind vor ihnen sicher. Regisseur Roland Reber scheint entweder einen außerordentlichen Motorrad-Fimmel zu haben oder möchte mit den ersten Minuten seines Films durch ausgedehnte Szenen seiner Hauptdarstellerinnen auf den Zwei- und Vierrädern deren Fahrzeuge als mechanisches Symbol der Freiheit seiner Figuren dem Zuschauer penetrant unter die Nase reiben. Dazwischen sitzen sie rastend in Landschaften, blicken bedeutungsschwanger in die Ferne und lassen theatralisch gestelzte Sätze von sich. Bevor sich Lucy ebenfalls vollwertig zu einem Engel zählen darf, bekommt sie von ihren Begleiterinnen eine Aufgabe gestellt.

Diese lautet "Sei was du bist, erst dann bist du eine von uns". Die promiskuitive Lucy wird genaustens unter die Lupe genommen und in die Mangel genommen. Das, was der Film ausführlich schildert, verpackt die junge Frau in Ausreden sich selbst gegenüber. Die häufig wechselnden Liebhaber werden mit Verliebtheit schön geredet; was sie laut ihren Tagebüchern und Erlebnissen innerhalb der fortschreitenden Handlung diesen Männern offenbart, sind nichts weiter als leere, austauschbare Worte, mit denen sie sich selbst belügt. Mutet Engel mit schmutzigen Flügeln bis dahin wie ein existenzialistisches Drama mit dazu irritierenden, sterilen TV-Film-Look an, packt Reber manch offenherzige Sex-Szenen in sein Werk, dass Lucys Selbstfindung sexploitative Züge annimmt. Frei nach Descartes stellt sie dazu passend früh fest: Ich ficke, also bin ich. Während Gabriela und Michaela in überdrehten Possen das Verhalten Lucys kommentieren, sie still beim Ausleben ihrer Sexualität beobachten oder alle drei zusammen ausgelassen umhertanzen und im Kinderlied-Stil feststellen, dass die schöne Rothaarige bis auf sich selbst alles andere auf dieser Welt zu kennen scheint.

Ins rechte Licht rückt Reber dabei seine Lucy-Darstellerin und Lebensgefährtin Antje Mönning, die in der ARD-Soap Um Himmels Willen als Nonne bei einem breiteren wie betagteren Publikum bekannt wurde und mit ihrem Mitwirken in dem 2009 entstandenen Film einen kleinen Skandal im Boulevard heraufbeschwor. Wie einst Jess (Franco) bei seiner Lina (Romay) saugt die Kamera als verlängertes Auge Rebers die natürliche Schönheit von Mönning förmlich auf und lässt uns Zuschauer an ihrer Nacktheit so häufig wie nur möglich oder unmöglich teilhaben. Halbnackt auf dem Quad, beim Sex am Baggersee, als Stripperin mit Dildo-Einzelshow vor maximal tumb dreinblickenden Publikum: Reber zelebriert seine Darstellerin, die zur Muse seiner filmischen Phantasie heranwächst. Interessanterweise funktioniert Engel mit schmutzigen Flügeln am Besten, wenn er Lucys Liebesleben in den Mittelpunkt stellt. Die Szene am See mit dem Fremden erhält durch die während des gesamten Akts aus nächster Nähe filmenden Kamera eine hübsche Intimität. Die aufgesetzt wirkende Prämisse des Films löst sich in diesen Szenen weitgehend auf.

Einen Kontrast zur von Film verfolgten Reflexion über das Moralempfinden des Einzelnen stellen sie in jeder Minute trotzdem dar. Engel mit schmutzigen Flügeln wirkt über weite Strecken, als wolle Reber mit den tiefgründig gemeinten Momenten dazwischen den erdachten Ferkelkram entschuldigen und diesem damit eine Existenzberechtigung sichern. Der vom Theater stammende Regisseur inszeniert seinen Stoff steif (no pun intended) und unauthentisch. Wieder muss ich mit Franco vergleichen: während der Spanier einer inneren Lust um des reinen Filmens wegen folgte und in seinen teils schlicht ausgestalteten Geschichten Stimmungen wirken ließ, fehlt es dem Film, betrachtet man dessen Thematik, an Leidenschaft. Den ausladenden Sexploitation-Szenerien steht eine miefige Verkopftheit gegenüber, die viele dem deutschen Cinema d'Auteur als negative Eigenschaft anlasten und sich hier bestätigt fühlt. Zumal man philosophische Großleistungen wie "Ohne Liebe sind wir nur leere Hüllen in einer leeren Welt" oder "Wer gefallen will, ist schon gefallen" eher als schwülstige Sprüche-Bilder bei Facebook vermutet. Bis auf einen stetig ansteigenden Fremdscham-Faktor und gefälligen wie offenherzigen Erotik-Szenen bietet Rebers Werk wenig bemerkenswertes. Der spirituell-religiöse Überbau der Geschichte über die Befreiung und das Erkennen des eigenen Ichs und der Beschau des Begriffts Moral schwankt unkoordiniert zwischen seinen beiden Extremen hin und her. Seine Unzulänglichkeiten wirken wie der viel zitierte Unfall, bei dem man wegschauen möchte, aber nicht kann... und froh ist, wenn er am Ende angelangt ist. Autoren-Trash, bei dem Penis und Kopf gleichzeitig das Denken übernehmen; sich "viel traut" und nur geringfügig durch sein seltsames Gesamtbild geringfügig Aufmerksamkeit erlangen kann und nur für Stirnrunzeln oder Kopfschütteln sorgt.

Samstag, 13. Juni 2020

Midsommar

Allzu leicht könnte man Ari Asters aktuellen Film Midsommar als bloßen Mindfuck abstempeln, der wie die Bewohner der Kommune, in die es die Protagonisten verschlägt, diese wie uns Zuschauer mit ihren archaischen Traditionen und Riten auf vielen Ebenen nur verstören möchte. Doch das Kino des schnell hoch gehandelten Regie- und Genre-Wunderkinds ist weit mehr, als mit Symbolismus aufgeladene, interpretationsreiche Bilderfluten. Wie in seinem Langfilmdebüt Hereditary behandelt Aster Verlust als zentrales Thema. Ist es dort noch der Tod eines Familienmitglieds, der Anlass für die folgenden Schrecken ist, behandelt er in seinem zweiten Werk das Ende der bereits elendig lange dahinsiechenden Beziehung der Studenten Dani und Chris. Wieder ist es ein schwerer Schicksalsschlag, den die weibliche Hauptfigur zu verkraften hat; dadurch noch mehr als ohnehin mental angeschlagen, bringt sie ihre kriselnde Partnerschaft zu Chris einen Schritt weiter Richtung Abgrund. Dieser lädt seine Freundin nur aus Höflichkeit dazu ein, ihn und seine Studienfreunde Pelle, Josh und Marc auf eine Reise nach Schweden zu einer großfamilienähnlichen Kommune, in der Pelle einen Teil seines Lebens verbrachte, zu begleiten.

Entgegen Chris' Annahme, dass sie ausschlägt, sagt Dani zu. In Schweden angekommen, treffen sie rechtzeitig zu den Feierlichkeiten zur Mittsommerwende in der Kommune ein. Das auf einige Tage ausgedehnte Fest wird durch das immer bizarrere Verhalten der dortigen Bewohner und seltsam wie grausam anmutende Rituale eine harte Prüfung für die Studenten. Als einige geschockt von den dortigen Bräuchen mit dem Gedanken spielen, vorzeitig abzureißen, ahnen sie noch nicht im geringsten, wie sehr sie in den Planungen der Kommunenmitglieder für das Fest eingeplant sind. Weitgehend löst sich Aster mit seinem Script, das er seiner Aussage nach schrieb, um das Ende einer eigenen Beziehung zu verarbeiten, von gängigen Konventionen des Horrorfilms. Packte er seinen Hereditary noch häufig in Dunkelheit und düstere Bilder, wird Midsommar von hellen, leuchtenden Farben bestimmt. Lässt er seine Figuren zunächst mit der zu dieser Jahreszeit nie untergehen wollenden Sonne hadern, konfrontiert er sein Publikum gleichzeitig mit dem Umstand, dass das Grauen nicht im Dunkel lauert und man sich gedanklich nicht davor in visuelle Schattengebilde gängiger Horrorfilme retten kann. The Sun Always Shines On TV.

Aster festigt sich mit Midsommar als scharfer Beobachter, der sich gewollt gegen die hastigen Erzählstrukturen des Mainstream-Horrors stellt und sich beim Aufbau seines Szenarios und der Ausgestaltung der Charaktere Zeit lässt. Nachdem er die emotionale Spannung des Stoffs bereits Eingangs mit der Darstellung des Dani betreffenden Unglücks eindringlich zu einem ersten Höhepunkt führt, lässt er den Horror lange außen vor. Szenen, in denen er auch durch geschickte Bildkompositionen die Distanz zwischen seinen beiden Protagonisten darstellt, überwiegen und lassen den Zuschauer in die zerklüftete Partnerschaft der beiden eintauchen. Nüchtern, ohne störende Rührseligkeiten schaut Aster auf zwei Menschen, die über immer weiter auseinander reißenden Klüfte krampfig aneinander festhalten und nicht merken oder wahr haben wollen, wie man dem Partner immer mehr entgleitet. Dani steckt in ihrer selbst geschaffenen Abhängigkeit fest, die Chris in ein Pflichtbewusstsein ihr gegenüber drängt, das eine ungesunde Einseitigkeit besitzt. Er steckt in der Rolle der Stütze der Beziehung und Wächter über ihre mentale Gesundheit fest, anstelle sich komplett aufrichtig bzw. fürsorglich um sie zu kümmern. 

Die Magie der Liebe scheint lange versiegt zu sein. Dani und Chris müssen bis zur eigenen Erkenntnis, der völligen Wahrnehmung und Akzeptanz des Endes zunächst ein Martyrium durchgehen. Die fremd wirkenden Bräuche der Kommune, die ihre Freunde und sie selbst schockieren und emotional stark mitnehmen, stellen verschiedene Stufen der innerlichen Reinigung Danis und des konkreten Endes der Beziehung dar. Die in der Beziehung längst entzündete Wunde muss zunächst Schmerzen wie der Schock über die für ihre Gastgeber so normal erscheinenden Bräuche. Bis alles wieder vergeht, muss es nochmal richtig weh tun, brennen und unangenehm sein. So unbehaglich, wie sich auch die Stimmung des Films entwickelt, die Aster den Zuschauer in jeder weiteren Szene in der Kommune spüren lässt. Sein Horror ist eher das gemeinsame Erleben mit den Figuren, der kollektive Schock über die Grausamkeiten der von den Bewohnern der Kommune verübten Rituale. Die heidnischen Bräuche treffen uns christianisierte, aufgeklärten Menschen alleine schon durch ihre Fremdartigkeit. Bis auf zwei grafisch sehr explizite und äußerst wirksame Szenen verzichtet Midsommar auf den im Horror sonst meist exzessiv genutzten roten Lebenssaft. 

Neben dem Verlust eines Menschen, für den man tiefgreifende Gefühle empfand, die sich immer weiter auflösen, lässt uns der Regisseur auch die Absenz von ursprünglichem, urwüchsigem Denken und Fühlen in unser Bewusstsein treten. Aster spielt mit unserer Christianisierung und deren Verdrängung alter, monotheistischer Glaubenskonstrukte. Was barbarisch für den einen scheint, empfindet ein anderer in seinem Lebensbewusst als vollkommen üblich. Was normal ist, liegt im Auge des Betrachters. Fast schon bedauerlich, dass Midsommar bei seiner Vielschichtigkeit mitunter in gängige Horrorschemata verfällt. Dies fängt bei schwachen Nebenfiguren wie Marc an, der der übliche nervige, notgeile wie dezent tumbe Auffällige ist, der zumindest mir schnell auf die Nerven ging, und hört bei zwar nur angedeuteten und nie vollständig ausformulierten Szenen auf. Sie stehen im Kontrast zum komplexen Rest der Geschichte; zu simpel und vorhersehbar formt sich ein Verdacht im Kopf des Zuschauers, der sich später bewahrheitet. Es raubt ihm seine unvergleichliche Charakteristik und oppositionelle Haltung gegenüber normaler Genreware. Am ehesten kommt einem bei Midsommar als grober Vergleich The Wicker Man in den Sinn.

Scheinbar der Einzigartigkeit seines Stoffs voll und ganz bewusst, bewahrt Aster die Einzigartigkeit des Films. Wie die weiblichen Bewohner beim Tanz auf dem Höhepunkt des Fests, strauchelt er in wenigen Momenten um in seiner Gesamtheit im Glanz seiner gleißenden Schönheit zu stehen. Eigentlich ködert Aster das Publikum mit der altbekannten und doch die Neugier anheizenden Faszination des Fremdartigen, um dies wie die Figuren des Films mit der geschaffenen, parallel zu unserer konservativ erscheinenden Gesellschaft existierenden Welt zu ängstigen. Die stetig anhaltende, unangenehme Atmosphäre und Asters feines Gespür für präzise wie nüchtern erzählte Dramen, die eins werden mit dem naturalistischen Horror des Films machen Midsommar zu einem feinen Genre-Erlebnis, dem man die plumpen Momente verzeiht. Die weitgehend durchweg positiven Stimmen nach seinem Kinostart kann ich voll und ganz nachvollziehen, selbst wenn ich mich nicht komplett vom Begeisterungssturm mitreißen lasse. Stehende Ovationen und lang anhaltenden Applaus erhält er aber auch von mir. Ist er doch allein schon mit seiner Laufzeit von knapp zweieinhalb (Kino-Fassung) bzw. drei (Director's Cut) Stunden Laufzeit und dem sich bewussten Zeit nehmen für sein Sujet, seine Figuren und seinen Absichten dem Zuschauer gegenüber ein schöner Gegenentwurf zum in Laufzeitschablonen gepressten Genre-Standard. 

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