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Dienstag, 21. März 2017

Aquarius

Bevor er hinter der Kamera auf dem Regiestuhl platz nahm, war Michele Soavi vor der Kamera aktiv: zum Beispiel in Ein Zombie hing am Glockenseil oder Lamberto Bavas Blastfighter. Im Jahre 1987 wechselte der meistens als Nebendarsteller in Erscheinung getretene Soavi ins Regiefach. Gleich sein Debüt, produziert von der Filmirage, der Produktionsfirma von Italiens Schmuddelpapst Joe D'Amato, zeigt auf, zu welchen Großtaten Soavi noch fähig sein sollte. Aquarius, im deutschsprachigen Raum mit dem leicht dämlichen Untertitel Theater des Todes versehen, ist ein beeindruckender Hybrid aus Giallo und Slasher. Wobei die Grenzen bei diesen Subgenres ja fließend sind, könnte der Slasher ohne den Giallo doch gar nicht existieren. Die Geschichte orientiert sich dabei mehr an den amerikanischen Schlitzerfilmen.

Für die anstehende Premiere eines Musicals über einen Serienmörder probt ein Ensemble unter der harten Knute ihres Regisseurs Peter in einem abgelegenen Theater. Die Darstellerin Alicia zieht sich eine Knöchelverletzung zu und verlässt trotz ausdrücklichen Verbots von Peter die Proben, um sich in einer nahegelegenen Klinik behandeln zu lassen. Diese entpuppt sich als Psychiatrie, in die vor kurzem der wahnsinnig gewordene Schauspieler Irwing Wallace eingeliefert wurde. Dem Mimen, der sich zum Serienmörder entwickelte, gelingt die Flucht aus der Anstalt und versteckt sich im Wagen von Alicia und verschafft sich Zutritt zum Theater. In der Maske des Mörders aus dem Stück macht er Jagd auf die Mitglieder des Ensembles.

Als ich Aquarius vor mehr als 15 Jahren das erste (und bis jetzt zum einzigen Male) sah, nahm ich ihn als italienische Version eines Slashers wahr, der sich stark an den amerikanischen Vorbildern orientiert. Auch heute kann man den auch als Stage Fright bekannten Film im Grunde mehr als Slasher sehen. Der Mörder bekommt keine große bzw. besondere Hintergrundgeschichte spendiert, kann sich aus der Sicherheitsverwahrung befreien, versteckt sich im Wagen der Darstellerin Alicia um so am Hauptort der Handlung transferiert zu werden und zieht dann maskiert seine Runden durch das Gebäude, um sein blutiges Handwerk zu verrichten. Die Maske, ein Eulenkopf, den auch der Mörder des Musicals trägt, hebt sich dabei hübsch vom Einerlei der übrigens Slashermeuchler ab. Schwarze Handschuhe, ein dezent verhüllter Mörder, ja selbst kunstvoll inszenierte Mordszenen, hintergründig sexuell aufgeladene Stimmung oder sexualpsychologische Traumata des Mörders sucht man hier vergebens. Wie Soavi die von Luigi Montefiori, besser bekannt als George Eastman, geschriebenen Geschichte inszeniert, ist ganz klar italienisch und gialloesk.

Alleine schon der Einstieg, wenn man eine Szene des Stücks gezeigt bekommt und noch nicht weiß, dass dies nur eine Inszenierung ist, ist klasse fotografiert und wird erst dann aufgelöst, wenn die Musik einsetzt und die Tänzer zu sehen sind. In einer langsamen, rückwärtigen Fahrt der Kamera wird immer mehr vom Theaterbetrieb gezeigt. Es mag einen an manche Filme eines Dario Argento erinnern, der mit Opera zufälligerweise im gleichen Jahr einen Giallo präsentierte, der ebenfalls ein Schauspiel auf den Brettern der die Welt bedeutet, zum Thema hat. Manchmal ist die Bildsprache von Aquarius auch sichtbar von Argento beeinflusst. Hier macht man allerdings nicht den Fehler, diesen und dessen episch-schweren, aber immer noch eleganten Kamerafahrten schlicht zu kopieren. Die Kamera ist zurückhaltender, kann dabei mit sehr hübschen und kunstvollen Einstellungen punkten. Zusammen mit Simon Boswells Synthie-Soundtrack ist Aquarius auf der audiovisuellen Ebene ein großer Genuss.

Die Handlung selbst bietet nicht einmal viele Überraschungen und Montefiori hält sie auch sehr überschaubar und schlicht. Dabei begeht er allerdings nicht den Fehler vieler US-Produktionen und lässt den Mörder nicht als Überwesen erscheinen, welches zu jeder Zeit an jedem Ort urplötzlich aus dem Nichts aufzutauchen scheint. Die Reduzierung auf das Wesentliche tut dem Plot gut und selbst eine gewisse Metaebene, die man in den Film hineininterpretieren könnte, drängt sich nicht auf. Spitzen gegenüber das Schauspiel-Business scheinen hier eher zufällig und nicht gewollt, können allerdings in einigen Momenten die Wirkung des Films noch verstärken. Wunderbar ist hier die Szene, in welcher Ferrari, der Produzent des Stücks, auf der Flucht vor dem Mörder zurückbleibt, weil er in Panik seine Geldscheine verliert und hastig versucht, wieder in den Koffer zurückzulegen. Diese Geldgier kostet ihm schließlich das Leben.

Es geht in Aquarius schlicht und ergreifend um das altbekannte Katz-und-Maus-Spiel zwischen einem maskierten Mörder und einer Gruppe unterschiedlicher Typen. Diese werden in der ersten Viertelstunde sehr zügig und auf den Punkt dem Zuschauer vorgestellt. Bevor nach einem erneuten Vorgeplänkel, der Fahrt zur Klinik und dem Aufenthalt darin, der Killer losgelassen wird. Der Begriff auf den Punkt beschreibt die ganze Art der Inszenierung Soavis haargenau: er hat ein richtiges Händchen für den Stoff und schafft es selbst vorhersehbare Momente sehr ansprechend umzusetzen. Gegen das leicht entgleitende Finale mit seinem etwas langen Epilog kann auch Soavi nichts tun. Da wäre ein konsequenterer Schluss besser gewesen. Durch den bodenständigen Charakter des Buchs mag dies nicht wirklich passen und wird als zu große Anbiederung an den Slasher wahrgenommen. Doch das ist meckern auf hohem Niveau. Soavis Spät-Giallo ist ein kurzweiliger und fesselnder Film, der nach vielen Jahren, in denen ich meine Liebe zum Thrillergenre aus Italien fand, sogar noch eine stärkere Wirkung bekommen hat. Mittlerweile wage ich zu behaupten, dass Soavis Debüt der beste Giallo der 80er Jahre ist.
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Montag, 28. November 2016

The Sect

Gegen Ende der 80er siechte der italienische Genrefilm schon vor sich hin; die Filmindustrie konnte ihre Auflösungserscheinungen nicht mehr verbergen. Der Sargnagel folgte 1994 mit DellaMorte DellAmore, der wie ein allerletztes Aufbäumen wirkte, bevor es endgültig zu Ende ging. Regie führte hier Michele Soavi, dieses Wunderkind des späten italienischen Genrefilms. Man wünscht sich heute immer ein wenig, dass Soavi früher hinter der Kamera Platz genommen hätte. Vorher war er Darsteller, der unter anderem in Fulcis Ein Zombie hing am Glockenseil oder Lamberto Bavas Blastfighter zu sehen ist.

Ausgerechnet der Schmier- und Schmuddelfilmer Aristide Massaccesi AKA Joe D'Amato produzierte mit seiner Produktionsfirma Filmirage Soavis feines Regiedebüt Aquarius, der auch als Stagefright bekannt ist. Es folgte der Horrorfilm The Church und damit die Zusammenarbeit mit Dario Argento. Mit diesem entstand auch The Sect, der - dies vorweggenommen - am Unvermögen krankt, die symbolische Ebene eines Filmes auch mit Inhalt bzw. Bedeutung zu füllen. Das ist eine der Schwächen vom hier als Produzent und Co-Autor in Erscheinung tretenden Argento. Soavi zufolge, versuchte dieser während der Produktion von The Sect als "väterlicher Berater" diesen zu beeinflussen.

Schlecht ist dieser Einfluss sicher nicht, führt er doch zu einigen sehr netten Szenen, Einstellungen und Kamerafahrten. Die Geschichte des Films tritt dafür zu mancher Zeit stark auf der Stelle. Beginnend mit zwei Morden, einmal an einer Hippiefamilie und an einer jungen Frau, deren Mörder in einer U-Bahn von Taschendieben deren Herz aus der Tasche gezogen bekommt (!), setzt die Story ihren Fokus auf die Lehrerin Miriam, welche einen alten, seltsam erscheinenden Mann beinahe auf der Straße anfährt. Mit dieser Begegnung und ihrem Entschluss, den sich auf einer Busreise befindlichen Herren zu sich zu nehmen, damit dieser sich ausruhen kann, beginnen in ihrem Umfeld mysteriöse Ereignisse.

Bis nun eine Brücke zu den beiden eingangs gezeigten Taten gezogen wird, braucht es fast den ganzen Film über. Manchmal scheint es so, als wären diese komplett unter den Tisch gefallen während des Schreibprozess, nur um dann diesen Faden zum Finale schnell noch einmal aufzunehmen. Richtig funktioniert das nicht, obwohl dieser Twist nicht komplett versaut wurde. Eher krankt The Sect an seinem großen Potenzial, das nicht richtig genutzt wird. Die auftretende Symbolik, richtig gut in einer Traumszene Miriams funktionierend, möchte vieles Gleichzeitig sein, bleibt aber leer und nicht greifbar. Miriams weißer Hase, das ihm hinterher rennen, die Uhr an seiner Hütte lässt offensichtlich auf eine (gewollte?) Anspielung an Lewis Carolls "Alice im Wunderland" schließen, möchte sich aber nicht mit der Geschichte vereinbaren.

Die leichte Umkehrung von Motiven der Geschichte bzw. Geburt Jesu passt durch seinen Twist, welcher einiges des übernatürlichen Boheis unnötig und als Füllmaterial erscheinen lässt. Argento hätte Soavi auch beim Buch mehr Freiheiten lassen sollen. Ich schätze diesen Mann und Großtaten wie Suspiria, allerdings kranken fast alle seiner Horrorfilme daran, dass sie sich in ihrer leeren Symbolik (wie angesprochen) und ihrer inneren, nicht immer schlüssigen Logik verzetteln. Das ist auch ein kleiner Kritikpunkt am ansonsten so wunderbar wirkenden Suspiria. In anderen Argento-(Horror-)Filmen kommt dies noch stärker zu tragen. Die eigens kreierte Logik, mag eine halluzinatorische Wirkung erschaffen und verzettelt sich in ihrem Kosmos.

Richtig schlecht macht dies The Sect nun nicht, ihm wird aber viel an Stärke durch die innere Unentschlossenheit genommen. Das langgezogene Ende tut sein übriges, den Eindruck das man mit der Geschichte zu viel (erzählen) wollte, zu untermauern. Die wenigen netten Momente mögen so nicht mehr herausstechen. Soavis Film hinterließ bei mir aber den Eindruck, dass er ein Film ist, dessen Feinheiten sich erst bei weiteren Sichtungen erschließen. Mit seinem The Church konnte ich zuerst auch nicht viel anfangen. Wenn der für mich nun eher mäßige The Sect irgendwann nochmal angesehen wird, dann allerdings besser im O-Ton mit Untertiteln. Die damalige Videosynchro grenzt nämlich an einem Verbrechen.
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