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Sonntag, 6. August 2023

Nackt über Leichen

Lucio Fulci war nicht nur abseits der Leinwand ein Querkopf. Diese Eigenschaft übertrug sich des Öfteren auch auf seine Filme. Während seine Beiträge zur Untoten-Welle im Kino der 80er den wandelnden Leichnamen schon mal ein gespenstisches Wesen wie in Ein Zombie hing am Glockenseil (hier besprochen) verlieh oder sie zur pervertierten Verkörperung des allgegenwärtigen Todes innerhalb eines surrealen Albtraums wie in Über dem Jenseits (hier besprochen) wurden, waren seine Gialli nie zu einhundert Prozent das, worüber man das Subgenre heute definiert. Bereits mit seinem ersten Beitrag Nackt über Leichen geht der Italiener eigene Wege und schuf innerhalb seiner sehr diversen Filmographie wohl einen seiner besten Filme. Mit diesem kredenzt er dem Publikum eine vordergründig ruhig erzählte Kriminalgeschichte um den Arzt George Dumurrier, Leiter einer Privatklinik, um deren Finanzen es nicht gerade gut steht. Nachdem seine ungeliebte Gattin Susan ihrer langjährigen Krankheit erliegt, winkt ihm durch die damit verbundene Erbschaft finanzieller und dazu persönlicher Segen. Einer Heirat mit seiner Geliebten Jane scheint damit an sich ebenfalls nichts mehr im Wege zu stehen.

Doch wo das Glück ist, ist in der negierten Welt des Giallo das Unglück nicht weit. In einer Stripbar stößt das Paar auf die Tänzerin Monica Weston, die Georges toter Gattin zum Verwechseln ähnlich sieht. Mit dem Auftauchen der Doppelgängerin brauen sich über dem Kopf des Doktors pechschwarze Wolken zusammen und zu spät bemerkt dieser, dass er Opfer eines Komplotts ist, der ihm schnurstracks den Weg in die Todeszelle weist. Die unterhalb der Schönen und Reichen schwelende Niedertracht findet man im Giallo nicht gerade selten. Nackt unter Leichen unterscheidet sich von ähnlich gelagerten Filmen dadurch, dass Fulci in deren Darstellung jegliche Überspitzungen fürs Erste außen vor lässt. Bevor er zeigt, wie abgrundtief böse die Verschwörung gegen George eigentlich ist, lässt er dies die Menschen vor der Leinwand oder dem heimischen TV-Gerät vage spüren, ohne dass der Protagonist im Plot bereits etwas von der Konspiration ahnt. Das die Geschichte im finalen Akt doch einige sich überschlagende Wendungen in petto hat, ist eher als "großer Knall", den irreversiblen Climax, zu bezeichnen, der alles, was bisher unterschwellig im Plot brodelte, eruptieren lässt. Selbstverständlich kann man diese Handhabe als für den Giallo durchaus übliche Art der Narration, die bereits in Filmen, die vor und nach Fulcis Giallo-Erstling auftritt, bezeichnen.

Was Nackt über Leichen von einem Teil der beliebten italienischen Thriller und Krimis unterscheidet, ist seine Art der Präsentation. Der Film, dessen Handlung in den Vereinigten Staaten spielt, fühlt sich auch amerikanischer an. Während viele Gialli mehr dem "German Krimi", also den Edgar-Wallace-Verfilmungen, nacheifern und auch nicht unerheblich von der europäischen schwarzen Romantik beeinflusst sind oder sich später häufig auf das Œuvre von Hitchcock berufen, kreuzt Fulci in seinem Werk den Film Noir mit dem im damaligen, pop-kulturellen Zeitgeist angesagten, psychedelischen Look. Die dargestellte filmische Hardboiled-Welt ist aufregend bunt, fabelhaft fotografiert und über allem thront die in einer Doppelrolle auftretenden, österreichische Darstellerin Marisa Mell, eine markante Schönheit, als Femme Fatale. Ihr erstes Auftreten als Monica heizt die Stimmung des Films, die vom jazzigen Soundrack Riz Ortolanis prächtig unterstützt wird, ordentlich auf und ist quasi die Schlüsselszene, welche einen imaginären Schalter umlegt und die Perversion Story vollends ins Rollen bringt. 

Diese auch im Namen des Werks vorkommende, Perversion Story ist ein englischer Alternativtitel, und konkret benannte Pervertierung ist innerhalb des Genres, bei der Konstruktion des jeweiligen filmischen Kosmos, gern genutzt. Nackt über Leichen mag im Vergleich mit anderen Gialli und deren Zeichnung ihres Weltbild zurückhaltender sein, aber Fulci wäre nicht er selbst, wenn er nicht noch einen drauf legen würde. Hintergründig fühlt sich sein Film abgründiger, schwärzer, als andere an. Wer bislang an den Qualitäten Fulcis zweifelte, sollte sich durch Nackt über Leichen eines Besseren belehren lassen. Gelingt es ihm dort doch die zukünftig mehr herausstechenden bzw. herausgearbeiteten Übertreibungen innerhalb des Giallo griffiger, dezent subtiler und damit rationaler darzustellen. Gleichzeitig zeigt der Italiener bereits hier, dass diese Spielart des italienischen Kinos und er gut zusammenpassen sollten. Mit Nackt über Leichen beginnt der Reigen von dunklen, ungeheuren Geschichten, die er in seinen späteren Gialli erzählen sollte und bereitet zu einem Teil auch den Umbruch im Genre vor, der 1970 mit Argentos Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe erfolgen sollte. Gemessen an noch kommende Werke des streitbaren Regisseurs gelang diesem hier ein aufgeräumter wie gleichermaßen komplexer Film, der über wenige Zweifel - im Gesamtgefüge mutet manche Wendung leider zu konstruiert an - erhaben ist.

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Donnerstag, 31. März 2022

Verdammt zu leben - verdammt zu sterben

Anders als zur Zeit des kalten Krieges war man Mitte der 70er bei allen politischen und gesellschaftlichen Turbulenzen von einer Weltuntergangsstimmung weit entfernt. Bei den in dieser Zeit spät entstandenen Italowestern sieht die Sache anders aus. Das kleine Revival des Genres, gleichermaßen ein Abschiedsgruß an dieses, öffnet mehr noch als bei der Jahre zuvor genüsslich zelebrierten und über einige Jahre kommerziell ausgeschlachteten Demontage des glorreichen wilden Westens das Tor für apokalyptische Stimmung und Nihilismus. Castellaris Keoma (hier besprochen) bringt es schließlich auf den Punkt: Die Welt ist schlecht! Zwar sollten nach diesem weiter einige wenige Italowestern auf der Leinwand erscheinen, doch stellt der Film einen gütlichen Schlusspunkt für das Genre dar. Bevor der römische Regisseur 1976 sein Requiem hielt, ebnete ein Jahr zuvor Lucio Fulci, ebenfalls ein Experte für schwarz gefärbte Weltsicht, mit seinem Verdammt zu leben - verdammt zu sterben diesem den Weg.

Seine Vier der Apokalypse begeben sich auf eine Reise durch eine Welt, die sich aufzulösen scheint. Begonnen in Salt Flat, einem Eldorado für Gesinde aller Art, werden sie nach ihrer Inhaftierung mit spärlicher Versorgung ihrer selbst überlassen. Als Protagonisten wählt Fulci vier wahrhaftige Outlaws der Gesellschaft: den Falschspieler Stubby Preston, die schwangere Prostituierte Emmanuelle "Bunny" O'Neill, der psychisch nicht ganz intakte Buddy sowie den Alkoholiker Clem. Die heterogene Gruppierung mag der nächtlichen Säuberungsaktion eines durch die Kleinstadt ziehenden Lynchmobs entkommen sein, doch prägt ihre Begegnung mit dem perniziösen Chaco ihr weiteres Schicksal. Den kleinen Funken Hoffnung auf ein gutes Leben für das Quartett erstickt Fulci im Keim, nur um der unausweichlich wie dunkel scheinenden Zukunft etwas Licht zuzuführen. Doch Fulci wäre nicht er selbst, wenn er dem versöhnlich anmutenden Ende nicht noch eine bittere Note hinzufügen würde.

Stubby muss einen schmerzlich hohen Preis zahlen, um neugeboren einer ungewissen Zukunft entgegen zu reiten. Die längst gewaltsam aufgelöste Zweckfamilie brachte ihm seine neue Bestimmung als das, was im Genre längst als Antiheld etabliert war. Sein Fall auf den Boden der Tatsachen ist tief und schmerzhaft; auferstanden aus dem Schmutz, der über die Zeit mehr und mehr wie eine neue Haut an ihm haften bleibt, beendet er seine Transformation mit einer Vendetta. Im modernen Filmjargon könnte man die Geschichte Stubbys als eine Origin sehen, die erst mit ihrem Ende einen Anfang schafft. Lange hält der Film das klassische Rache-Motiv außen vor und gibt sich mehr als episodisch angelegten Trip durch einen dystopischen wilden Westen, dessen Konstrukt und Gesellschaft als gescheitert erscheint, bevor erste zivilisatorische Höhepunkte erreicht wurden. Einen Platz scheint es für das Gute in dieser Welt nicht zu geben, was das Massaker an den Pilgern zu bestätigen scheint.

Dem stellt Fulci die rein männliche Bevölkerung des Bergdorfs Altaville entgegen, die nach der Geburt von Bunnys Kind ihre erste Ablehnung gegenüber dieser und Stubby ablegen und euphorisch im gemeinsamen Aufziehen des Kindes einen Lichtblick in ihrer ansonsten trostlosen, von Schnee verhüllten kargen Welt sehen. Während Fulci in späteren Filmen ab seiner Horrorphase die auch in Verdammt zu leben - verdammt zu sterben behandelte Unausweichlichkeit gegenüber dem endgültigen Ende zum Standard erhebt und in Über dem Jenseits (hier besprochen) ihren Höhepunkt findet, schlägt er mit dieser Sequenz für ihn fast schon milde, liebevolle Töne an. Es scheint nicht alles verloren und schenkt den dunkelsten Stunden ein Quentchen Licht; ein Quell, aus dem Hoffnung auf bessere Zeiten entspringt. Vielleicht ist das erzählte einfach nur wie in seinem Horror-Opus Magnum eine Art Alptraum, aus dem am Schluss nur Stubby zu erwachen vermag.

Dieses (alp)traumhafte wohnt dem Film dank seiner stets leicht entrückten Stimmung inne, verstärkt durch einen sanften, folkigen Soundtrack, an dem auch Fabio Frizzi mitwirkte. Narrativ kohärenter als spätere cineastische Nachtmahre, fällt es an einigen Stellen trotzdem schwer, den roten Faden der Story dann wieder aufzunehmen, wenn der Film in dieser sprunghaft die Szenerie wechselt. Bereits hier konzentriert sich Fulci mehr auf die bedrückende Stimmung seiner Geschichte, als dass diese detailliert ausgearbeitet geschildert wird. Eher kann Verdammt zu leben - verdammt zu sterben als Vorbote des Endes des Italowesterns angesehen werden, der in seiner Gesamtheit dessen Alleinstellungsmerkmale nochmal besonders hervorhebt und verstärkt, bevor das Genre endgültig zu Grabe gelassen wurde. Zwar sollte Fulci drei Jahre später mit Silbersattel (hier besprochen) tatsächlich nochmal einen Western drehen, doch hebt der sich wiederum von seinen Mitstreitern dadurch ab, dass darin eher zahmere Töne angeschlagen werden und mit Verdammt zu leben - verdammt zu leben bereits unmissverständlich stark alles gesagt wurde.



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Mittwoch, 1. November 2017

Horrorctober 2017: Über dem Jenseits (11/13)

Nachdem ich im letzten Jahr Lucio Fulcis selbst normaleren Zeitgenossen zumindest vom Hörensagen bekannten Ein Zombie hing am Glockenseil (welcher vor längerer Zeit bereits hier im Blog besprochen wurde) in meine Horrorctober-Liste packe, war dieses Jahr Über dem Jenseits dran. Dies geschah eher spontan als geplant, obwohl die beiden Filme zusammen mit Das Haus an der Friedhofsmauer seit einiger Zeit als "Gates of Hell"-Trilogie miteinander verbunden werden. Meiner persönlichen Meinung ist diese Verbindung nur eine weitere Maßnahme, für die drei Filme ein neues Marketing und mehr noch eine weitere Art der Auswertung auf physikalischen Medien zu finden. Inhaltlich unterscheiden sich alle drei Werke und jeder steht für sich alleine. Auch ist meines Wissens nach niemals von den Machern, egal ob Drehbuchautor Dardano Sacchetti oder Regisseur Fulci selbst, geplant gewesen, eine solch eine Trilogie zu kreieren.

Einen gemeinsamen Nenner hat das Trio dennoch: den Einfluss des Werks von H. P. Lovecraft. Ist der in seinen Geschichten häufige Zustand der jederzeit spürbaren Bedrohung, ausgehend von einem stets im Hintergrund lauernden, namenlosen Schrecken atmosphärisch in Ein Zombie hing ein Glockenseil und Das Haus an der Friedhofsmauer deutlich spürbar, so spielt die Handlung in erstgenanntem zudem in der aus Lovecrafts Erzählungen bekannten Ortschaft Dunwich. Bei Über dem Jenseits geht Fulci eigenständige Wege, der Schrecken ist visuell präsenter während er dabei eine die konventionelle Erzähllogik komplett aufbrechende, wortwörtlich alptraumhafte Stimmung aufbaut. Lovecraft ist wie im ein Jahr zuvor entstandenen, am Glockenseil baumelnden Untoten benennbar vertreten. Das im Film vorkommende Buch Eibon ist eine Schöpfung des Amerikaners, welches von ihm selbst in Geschichten wie "Das Ding auf der Schwelle", "Träume im Hexenhaus" oder "Der Schatten aus der Zeit" erwähnt wird. Durch letztgenannte Geschichte ist es auch ein Bestandteil des Cthulhu-Mythos und ist in diesem sogar noch älter und mächtiger als das allseits bekannte Necronomicon. War es bei Lovecraft selbst nur eine Randnotiz, spielte es in den diesen Mythos erweiternden Geschichten von Clark Ashton Smith eine größere Rolle.

Diese hat es auch in Über dem Jenseits, in dem es eine Art Schlüssel zum Öffnen der Tore zur Hölle dient. Über einem der insgesamt sieben Tore wurde in Louisiana ein Hotel erbaut. Im Jahr 1927 wurde darin, so lehrt uns die Pre Title-Sequenz, der Maler Schweick von einem schlechtgelaunten Pulk an Menschen grauenvoll umgebracht. 54 Jahre später renoviert Liza eben jenes, frisch geerbte Gebäude. Die Arbeiten am Gebäude werden von schrecklichen Unfällen überschattet und bald darauf lernt die junge Frau die geheimnisvolle, blinde Emily kennen. Diese warnt Liza vor den Gefahren, wenn sie weiter im Hotel verweilen sollte. Von der hübschen Blondine ungemerkt wurde der Maler Schweick aus seinem zugemauerten Verlies im Keller befreit, was dazu führt, dass immer häufiger unerklärliche und schreckliche Dinge in Lizas Umfeld passieren. Mit ihrem Freund Martin und dem Arzt John McCabe versucht sie, das Geheimnis des Hotels zu ergründen. Dieser Inhaltsangabe zum trotz fällt es nicht einfach, die Story von Über dem Jenseits komplett wiederzugeben. Schuld daran ist seine sprunghafte, mit groben Auslassungen arbeitende Erzählweise und eingeschobene, aufgebröckelte Episoden, die erst im späteren Ganzen einen gewissen Sinn ergeben.

Sinn in der vom Film etablierten, eigenen Logik wohlgemerkt. Oliver Nöding spricht in seinem Text zu Über dem Jenseits von Fans, die den Gore ziemlich töfte, die Geschichte des Films selbst aber total unlogisch finden. In meiner extremen Gorehound-Phase ging es mir beinahe ebenso. Von der damaligen Kritik, welche die Story als Alibifunktion für äußerst viele, ausgedehnte Szenen voller Brutalitäten ansah, ganz abzusehen. Damit tut man Über dem Jenseits unrecht. Die Goreszenen mögen ein Zugeständnis an den kommerziellen Aspekt des Films sein; die vorkommenden Zombies - deswegen trug Fulcis Werk bei der Erstaufführung in Deutschland den leicht dämlichen Titel Die Geisterstadt der Zombies - sind zum Beispiel auf Anforderung des deutschen Verleihs, der Gelder für die Produktion beisteuerte, mit eingebaut worden. Splatter ließ sich in Kombination mit Untoten eben sehr gut verkaufen. All' das Blut und Gekröse funktioniert - im Gegensatz zu Ein Zombie hing am Glockenseil - in der Gesamtheit des Films. Schon die Eingangssequenz arbeitet mit quälend langen Einstellungen auf den vom Löschkalk verätzenden Körper von Schweick und fast alle Szenen kulminieren in einem blutigen Finale.

Über dem Jenseits ist übernatürlicher Horror mit stark naturalistischem Charakter. Fulci wandelt in ruhigen Szenen auf den Spuren des Haunted Houses, mancher Szenenaufbau lässt grob an Kubricks The Shining erinnern. Die Darstellung des Hauses, insbesondere die Kellerszenen sowie fast alle Sequenzen mit der blinden Emily wandeln auf den Spuren des Gothic Horrors. Die Untoten selbst verhalten sich komplett anders, wie z. B. in Romeros Trilogie oder ähnlich gelagerten Filmen. Fulci schert sich um die Darstellungsregeln der zu dieser Zeit schon etablierten, "neuen" Zombies (fernab vom Voodoo-Volksglauben) einen Dreck. Wie in Ein Zombie hing am Glockenseil verhalten sie sich geisterhaft: sie können plötzlich vom Ort des Geschehens verschwinden und sich materialisieren. Im Grunde genommen sind Fulcis Geister hier die Konsequenz des Überthemas seines Films. Es sind keine romantisierte Erscheinungen, keine lebendig erscheinenden Menschen mit transparentem Astralkörper oder sonstige Schreckgespenster. Seine Geister sind vom Tod deutlich gezeichnete Erscheinungen, an deren einstige Sterblichkeit durch ihre mehr oder weniger verweste Gestalt immer erinnert wird.

Diese Jenseitigkeit ist das Kernthema von Fulcis Film, dessen kaum vorhandene, gewöhnliche Erzählweise der eigenen Logik eines Alptraums weicht. Zwei weit voneinander entfernte Orte sind beispielsweise schlagartig miteinander verbunden. Der übergreifende Schrecken hebt die Regeln der realen Welt aus den Angeln. Hier können wir noch einmal Lovecraft heranziehen, dessen Beschreibungen der Stätten seiner "Großen Alten" im Cthulhu-Mythos ebenfalls mit einer verzerrten Realität, einer ganz eigenen Geometrie ausgestattet sind. Der vordergründige Alptraum über die Öffnung eines Höllentores, dem Einzug geisterhafter Wesen und deren Machtübernahme der menschlichen Welt ist hintergründig ein Horror des Unterbewussten. Über dem Jenseits ist die Jagd des Todes nach dem menschlichen Leben und der ständig präsenten Angst, vom Schnitter früher oder später geholt zu werden. Vom natürlichen Ableben möchte Fulci nichts wissen. Sein Spiel mit unserer Angst ist die Ungewissheit, ob man irgendwann gewaltsam aus dem Leben gerissen wird. Viele seiner Szenen enden eben mit diesen nicht vorhersehbaren Unfällen.

Es ist eine pessimistische Sicht auf das Leben als solches, der empathielos auch vor schweren Schicksalen von Kindern nicht halt macht. Fulcis Fazit: Der Tod ist unausweichlich. Das wunderschön makabre Finale mit seiner legendären Endsequenz kann man somit auch als Tod der beiden Protagonisten sehen, die sich letztendlich fassungslos ihrer Endlichkeit ergeben und somit in die jenseitige Welt übergehen. Fulcis verbittertet Ton, der auch in Äußerungen seiner selbst immer wieder zum Vorschein trat, fügt sich hier (wie in anderen Filmen) in die Handlung des Filmes ein. Wir müssen am Ende eben alle jenen Weg gehen, den auch John und Liza gehen. Vordergründig ist dieser negative Abschluss ein weiterer Sieg der übernatürlichen Kraft, die die rational angelegten Figuren - hier in Form des Arztes - besonders schwer treffen. Über dem Jenseits funktioniert losgelöst von dieser Lesart sehr schön als morderner Splatter Gothic, der sich für eine von normalen Regeln bestimmte Handlung nicht interessiert und den Zuschauer für alptraumhafte 90 Minuten in eine ganz eigene Welt entführt. Auch nach der x-ten Sichtung ist dieser Film eine tolle Entdeckung.
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Donnerstag, 5. Januar 2012

Ein Zombie hing am Glockenseil

Auf geht's nach Dunwich! In dem kleinen Ort gehen seltsame Dinge von sich und die Toten scheinen sich wieder aus ihren Gräbern zu erheben, seitdem sich der Priester des Ortes, Pater Thomas, an den nächstbesten Baum gehangen hat. Im fernen New York wird das Medium Mary während einer spirituellen Sitzung Zeuge dieser schrecklichen Vorgänge und wird davon so mitgenommen, dass sie noch an Ort und Stelle den Löffel abgibt. Dies ruft den Reporter Peter auf den Plan, denn immerhin stirbt ja nicht immer jemand nach einer Seance. Seinem beruflichen Spürsinn ist es auch zu verdanken, dass Mary aus ihrem Grab gerettet wird, immerhin ist die Dame nicht so mausetot wie zuerst angenommen. Kaum aus der Grube geholt, macht sich die Dame mit dem Journalisten auf den Weg nach Dunwich, auch wenn es gar nicht so einfach ist, die Ortschaft überhaupt zu finden. In dieser gehen immer mehr schreckliche und seltsame Dinge vor sich, welche den Bewohnern an den Nerven zehrt. Zwei davon sind der Psychiater Gerry und seine Patientin Sandra, welche ihren Arzt sehr schwer begreiflich machen kann, dass an all den übersinnlichen Legenden um den Ort doch was dran ist.

Die Crux für den guten Lucio Fulci begann im Jahre 1979, als er den Job für Zombi 2, in Deutschland besser unter dem Namen Woodoo - Die Schreckensinsel der Zombies bekannt, annahm. Der ursprünglich aus dem Komödienfach stammende Regisseur und Autor, der sich über die Jahre in seiner Laufbahn so mancher Sparte annahm, war nach nur einem Film sofort zu einem gefragten Mann für weitere Horrorfilmchen geworden. Verständlich ist es ja, vermengt angesprochener Woodoo doch mit sehr einfachsten Mitteln, dafür aber höchst effektiv und beachtlich das Beste aus altem Zombiemythos mit dem von Romero geschaffenen, neuen Bild der Untoten. Rein atmosphärisch und formell betrachtet, kann man Woodoo sogar noch vor Dawn of the Dead (1978) ansiedeln. Trotz dessen sozialkritischen Untertönen. Welch Ironie, war Woodoo doch überhaupt nur durch Romeros mittleren Teil von dessen Untoten-Saga möglich, da die Italiener (wie so oft) ein Stück vom Erfolg abhaben wollten.

Der Zombie wurde für die nächsten Jahre zu einem kleinen Fluch für Fulci, auch wenn er ihn in Fankreisen schnell zu gewissem Ruhm der bis in die heutige Zeit währt, verhalf. Aber: der Mann war auf allerblutigste Splatterkost reduziert, man erwartete (in späteren Jahren) weitere Goreeskapaden. Dabei wird und wurde vergessen, dass Fulci eben nicht nur der "Godfather of Gore" ist und auch andere Talente vorzuweisen hat. So kann man - bis vielleicht auf Murder Rock (1984) - sämtliche Gialli des Mannes als wirklich sehr schöne (und teils sogar herausragende) Beiträge zu diesem Genre bezeichnen. Begeben wir uns aber wieder auf den modrigen Pfad der wandelnden Leichen und somit ins Jahr 1980. Zusammen mit Dardano Sacchetti entsann Fulci eine weitere Geschichte um tote Menschen, die es nicht mehr in ihrem Grab hält. Doch trotz des Zombies im Titel, so kann man Ein Zombie hing am Glockenseil wie auch den ein Jahr später entstandene Über dem Jenseits (1981) nur bedingt als richtigen und reinrassigen Zombiefilm nennen.

Dies liegt vor allen daran, dass der Hintergrund der Geschichte zum Glockenseil einen stark übernatürlichen Charakter hat, was viele Zombiefilme damals wie heute einfach nicht bieten. Diese sind durch irgendwelche Epidemien, hervorgerufen durch irgendwelche unbekannte Viren, einen etwas realistischeren Kontext eingebettet und lassen jeglichen Anflug von Phantastik vermissen. Hier erhängt sich ein Geistlicher, der damit das Unheil heraufbeschwört. Der Ort: Dunwich, das laut Geschichte angeblich altertümliche Salem, einer Stadt der Hexen. In dieser sollen sich, laut einem Buch mit dem Namen Enoch, die Tore zur Hölle öffnen, wenn ein Priester selbst etwas nachhilft bei seinem Tode. Die Toten sollen aus ihren Gräbern steigern, jedenfalls wenn dann auch noch Allerseelen ist. Ganz zufällig steht der Tag im Film natürlich kurz bevor, was die ganze Brisanz an der Sache noch verschlimmert. Dank des großen Einfluss Romeros lassen sich viele von ihm inspirierte Regisseure in späteren Jahren sowie dieser auch selbst ja nie so viel Zeit bei der Erschaffung einer Hintergrundgeschichte. Was natürlich ebenfalls seinen Reiz hat.

Der Kenner wird hier nun ohnehin schon etwas aufgehorcht haben. Eventuell hat man den Ortsnamen willkürlich genannt oder fühlte sich etwas von einem allseits bekannten Autoren der Phantastik inspiriert. Das rein fiktive Örtchen Dunwich ist immerhin desöfteren Schauplatz für die Geschichten von H. P. Lovecraft gewesen. Immerhin war bei diesem Dunwich teils auch Schauplatz für seinen Cthulhu-Mythos. Und laut Hintergrundgeschichte, erbauten bei Lovecraft Siedler aus der Stadt Salem das Dorf. Möglicherweise war Fulci ja doch ein Freund von Lovecraft's Geschichten, da ein gewisser Einfluss derer auch bei Das Haus an der Friedhofsmauer (1982) zu finden ist. Natürlich streift Fulci bei Ein Zombie hing am Glockenseil nicht die Klasse des verschrobenen Schriftstellern. Aber auch er schafft es in den besten Momenten des Films, eine absolut dichte, alptraumhafte Atmosphäre zu schaffen.

Wobei es bei dieser dann auch wieder etwas hapert und auch dafür verantwortlich ist, dass der im italienischen betitelte Paura nella città dei morti viventi im Vergleich zu den anderen Werken Fulcis aus dessen Splatterphase ein klein wenig abfällt. Man bemüht sich eine konstant starke Atmosphäre aufzubauen, welche allerdings durch die Geschichte des Films immer wieder Schwankungen unterworfen ist. Diese ist ausschlaggebend für dieses Gefälle, ist sie doch zu stark auf den Fokus einzelner Szenen aus. Der rote Faden der Story ist mehr als dünn, auch wenn er die einzenen Szenen dennoch zusammen halten kann. Man hangelt sich eben von Ereignis zu Ereignis, wechselt sich von Schreckensmoment zur Suche von Peter und Mary nach Dunwich ab. Es kommt da schon zu kleinen Ermüdungserscheinungen innerhalb des Films. Dann schafft es Fulci in manchen Momenten aber dennoch, den Zuschauer wieder in seinen Bann zu schlagen. Er schickt den Zuschauer förmlich auf eine irreale Reise in das Grauen. Ihm und Sacchetti gehen an manchen Stellen des Buchs dann aber die Ideen aus, manches erscheint wie Füllwerk, möchte die Story nicht wirklich voranbringen.

Man sollte sich, was die Handlung angeht, zudem nicht gerade Wert auf logische Zusammenhänge legen. Schnell bleibt die Logik außen vor. Bei Fulci scheint alles möglich zu sein, was auch gar nicht weit hergeholt ist. Ein Zombie hing am Glockenseil wohnt eine ungemein faszinierende Surrealität inne, der man sich nicht entziehen kann. Raum und Zeit lösen sich auf, jedenfalls innerhalb der Ortsgrenzen von Dunwich. Plötzlich erscheint der tote Vater Thomas, löst sich urplötzlich aber wieder in Luft auf. Die Untoten tun es ihm gleich, scheinen eher modrige Schreckgespenster zu sein, als richtige Zombies, die auch schon damals vom Romeros neuer Prägung dieser beeinflusst waren. Der Schrecken, die immer neuen Horrorvisionen, welche der Italiener in seinem Film heraufbeschwört, sind dabei noch mit die interessantesten Vorgänge in der Geschichte. Zu lange hält er sich an anderer Stelle dabei auf, Peter und Mary endlich nach Dunwich gelangen zu lassen. Diese sind die etwas sympathischeren Figuren, Fulci stellt seine hier ohnehin recht blassen Charaktere kaum großartig weiter vor. Der Journalist und das Medium kommen am besten Weg, scheinen sich mehr Menschlichkeit bewahrt zu haben.

Denn weder zum sehr kühl agierenden Carlos de Mejo als Gerry noch zur Genrefilm-erprobten und eigentlich sonst auch sehr sympathisch erscheinenden Janet Agren kann man kaum einen Zugang finden. Der sehr pragmatisch daherkommende Gerry als bis zuletzt an den übernatürlichen Vorgängen Zweifelnder ist in dieser charakteristik sogar ein klein wenig zu aufgesetzt bzw. zu stark gezeichnet. Zudem verschenkt Fulci einen herrlich irre in der Gegend rumglotzenden Giovanni Lombardo Radice als bei der Dorfgefolgschaft nicht gerade beliebten Bob, welcher durch einen aufgebrachten Vater ein sehr unschönes Schicksal erfährt. Dieser Charakter scheint nur für seine Sterbeszene erdacht worden zu sein, hätte allerdings duch die leicht psychothischen Züge, die er mit sich bringt, sicher für den ein oder anderen schönen Moment sorgen können. Doch diesen gibt es auch so, wenn zum Beispiel mit der Kamera durch die dunklen, nebligen Straßen des Ortes gefahren wird. Hier wird ein Anflug von Atmosphäre wirklich deutlich und auch mehr spürbar. Diese wird teilweise durch selbstzweckhafte Splatterszenen zerstört, auch wenn Ein Zombie hing am Glockenseil in diesen Belangen einige kleine Highlights vorzuweisen hat.

Unter anderem die Szene, in welcher der untote Pfarrer einem im Auto turtelnden Pärchen erscheint und unter seinem Einfluss die junge Dame dazu bringt, blutige Tränen zu weinen und ihre Eingeweide zu erbrechen. Der ängstliche Liebhaber, der kurz darauf auch Opfer des untoten Treibens wird, ist übrigens Michele Soavi, später u. a. Regisseur des letzten großen (und guten) italienischen Horrorfilms: DellaMorte DellAmore (1993). Drastisch geht Fulci hier vor, steigert den Ekelfaktor in nie erreichten höhen und läßt so den Film an dieser wie auch an anderen Stellen sehr "over the top" erscheinen. Und je mehr die Handlung voranschreitet und wenn es dann auch Peter und Mary endlich nach Dunwich gelangen, steigert sie sich in alptraumhafte Dimensionen. Hierauf baut auch die Stärke des Films auf. Wo, wenn nicht in Träumen, ist ohnehin alles möglich und lässt sich die Logik ausschalten? Wobei dies nicht mal eine hervorgeholte Interpretation des Films ist um diesen in gutes Licht zu rücken. Mitnichten. Größte Stärke von Ein Zombie hing am Glockenseil ist eben seine Art der traumartigen Darstellung der Vorgänge.

Bezeichnend ist hier die Szene, in der Gerry auf die mittlerweile untote Antonella Interlenghi trifft, welche kurz zuvor ihren eigenen Bruder bedroht hat. Anstatt sich dieser zu stellen, ihr wie in vielen Fällen mit roher Gewalt entgegenzukommen bedient er sich eines einfachen, ja fast schon kindlich-naiven Tricks (und das als Doktor!): er schließt die Augen und "wünscht" sie sich, wie eben in einem Traum, einfach weg bis sie tatsächlich nicht mehr da ist. Man hätte sich bei Fulci in diesem Falle gewünscht, dass er teils ebenso zurückhaltender inszeniert. Weniger ist bekanntlich mehr und in Kombination mit dem effektiven Score von Fabio Frizzi gelingt es hier und da wirklich sehr schöne Szenen zu erschaffen. Die von Kameramann Sergio Salvati geschaffenen Bilder strahlen dann eine unheimlich intensive Düsternis aus, die - hätte man eher Wert auf den nicht so stark trendigen Splatter sondern auf den Schreck- und Gruselfaktor gelegt - noch dichter als in den besten Szenen sein können.

Großer Höhepunkt ist hier vor allem das Betreten der Gruft, in welcher der Priester begraben wurde. Hier übertrifft man sich und mit all den Spinnweben, Skeletten und Lichtspielereien streift man sogar am guten alten Gothic-Horror italienischer Schule. Hier erscheint der Film etwas aufgeräumter und kann mit einer sehr schönen und fast schon greifbaren Atmosphäre punkten. Fulci reduziert hier auf das wesentliche und hätte man den Film etwas aufgeräumter gestaltet, so wäre das Endergebnis bei weitem etwas runder und noch besser. Trotzdem schafft er es ja, dass man trotzdem von Ein Zombie hing am Glockenseil in dessen ganz eigentümlichen Bann gezogen wird. Auch wenn der Italiener hier und da vielleicht noch etwas zu viel wollte, teils eventuell auch halbherzig an die Sache heranging. Es ist schon lustig mitanzusehen, wie sehr sich hier wirklich tolle Sequenzen mit nicht ganz so wirkungsvollen abwechseln. In einer der ersteren Gattung zuzurechnenden Szene setzt er das Trauma eines anderen, bekannten Phantastikautoren - nämlich Edgar Allen Poe - wirklich ungeheuer intensiv um. Bekanntlich hatte Poe zeit seines Lebens Angst, lebendig begraben zu werden, was sich auch als wiederkehrendes Motiv in seinen Geschichten wieder findet. Das Erwachen Marys im Sarg und deren realisieren, dass sie lebendig begraben wurde, ist gründlichst ausgearbeitet und klasse inszeniert worden.

Allein hier wird schon deutlich, dass Fulci in seinem Film darauf aus ist, Zustände zu erschaffen und diese einzufangen. Reaktionen heraufzubeschwören. Beim Zuschauer als auch bei seinen Figuren. Diese verdeutlicht er durch die ihm typischen, extremen Zooms auf die Augenpaare dieser. Wobei dies hier ja schon fast überbordend häufig zum Einsatz kommt. Immer wieder fokussiert er auf die Augenpaare seiner Darsteller, fängt somit deren Regungen ein. Diese Art der Inszenierung kratzt auch hier beinahe schon wieder an der Grenze des zuvielen. Es mag sein, dass Fulci hier in der Tat etwas zuviel wollte. Alles, was der Kopf für den Film ersann, auch tatsächlich in diesen unterbringen wollte. Horror auf der Überholspur, der fast ins Schlingern gerät aber trotzdem noch unterhaltsam ist. Es vermag, durch seine Eigenartigkeit weiterhin die Aufmerksamkeit zu halten. Da man es leider durch die Wechselhaftigkeit im Wesen des Films nicht vermag, eine konstante Spannungskurve aufzubauen. Den Bogen bekommt man hier erst am Ende gespannt.

Ein Zombie hing am Glockenseil ist ein Film der krassen Gegensätze. Kruder Horror, der durch seine massiv derben Art trotzdem eine gewisse - wenn auch sehr makabre Art - Poesie mit sich bringt. Und selbst hier schafft es Fulci nicht, seine Abneigung gegenüber der Kirche zu verstecken. Alleine schon der Ausgangspunkt der Geschichte - ein toter Priester der Unheil bringt - lässt hier schon Bände sprechen. Der Zeit seines Lebens der Kirche immer sehr kritisch gegenüberstehende Fulci lässt den Pfarrer meist ohnehin gehängt erscheinen, selten sieht man ihn ohne Strick um den bleichen Hals. Von diesem geht das Grauen aus, erst sein Tod lässt die Toten erheben. Zeigt dies einen gewissen Konflikt des Mannes gegenüber der Institution der Kirche? Der Wunsch nach dem Tod dieser, oder wenigstens der Abschaffung alter Formen wobei hier mit dem Suizid des Priesters auch dargestellt wird, dass ohne Kirche Gottlosigkeit über die Erde kommt. Das Grauen, all die schlechten Dinge aus dieser Welt, eben versuchen sich zu erheben und die Welt mit ihrer Schlechtheit zu überziehen. Bei Fulci geht es hier wie auch in Über dem Jenseits niemals nur um die Rettung weniger vor einer Bedrohung. Dieser als eben auch der angesprochene, spätere Horrorfilm Fulcis nehmen apokalyptische Züge an.

Der Italiener geht dann aber sogar so weit, dass er den Priester durch das Kreuz umkommen lässt. Mit einem heftigen Stoß in den Unterleib, einer gewaltsamen Penetration gleichkommend. Die Kirche tötet sich durch sich selbst? Das schlechte kommt aus dem Inneren? Eine gewisse Symbolik schimmert hier und da durch, lässt Raum für Interpretationen. Fulci kann es eben nicht lassen. Überhaupt die Penetration: der Schnitt des berühmt-berüchtigten Bohrermords lässt diesen wie eine Vergewaltigung erscheinen, immer mit Gegenschnitt auf das Phallussymbol (Bohrer), welches sich immer mehr dem Eindringen nähert. Währenddessen Venantino Venantini als aufgebrachter Vater versucht, den Bohrer gewaltsam in den Kopf seines Opfers einzuführen. Der gewaltsam bemühte Ausdruck im Gesicht läßt solche eine Assoziation zu. Am Ende der Szene: der Minfuck. Das Eindringen des Bohrers in den Schädel. Fulci selbst sagte über die Szene aus, er wolle den im Ort vorherrschenden Faschismus verdeutlichen. Immerhin wird der als etwas anders dargestellte Bob zuerst für die komischen Vorkommnisse in Dunwich verantwortlich gemacht.

Dem Film fehlt zwar die inhaltliche Tiefe, um dieses näher zu beleuchten, doch wie schnell wird - man kennt es aus der realen Welt - der andersartige bzw. nicht dem normalen Wertestand entsprechende Mensch als Sündenbock herangezogen? Es war und ist immer noch so. Ob Bob nun geistig nicht mehr richtig beisammen ist, wissen wir nicht. Oder eben nur ein Mensche mit anderem Lebenswandel, abweichenden Wertevorstellungen. Ein Freigeist? Vielleicht. Sie stellen eine Bedrohung für einige dar und bemerkenswert ist hier, dass die meisten Figuren dadurch sterben, dass ihnen die Schädeldecke samt Gehirn zerquetscht wird. Auch wenn die Figuren ebenfalls keine tiefen Charaktere sind, so fallen diesem Schicksal auch eher die locker auftretenderen anheim. Ist der Film also auch eine Solidarisierung mit den Freigeistern, Querdenkern der Zeit? Fulci galt selbst als so einer. Möglich wäre es, zumal durch diese kurz auftauchenden Elementen eine Bedrohung der Verfechter von eher altem, konservativem Gedankenguts darzustellen versucht wurde.

Trotz seiner inszenatorischen und narrativen Schwächen zum Trotze und all den kurz aufkeimenden, aber ebenfalls nicht in die Tiefe gehenden Symbolismen so ist Ein Zombie hing am Glockenseil eines: eine eben durch seine krude Art äußerst interessante Symbiose aus traditionellem Horror und  ganz tief in das durch und durch blutige, vom Splatter getränkten moderne Horrorkino. Man steht sich in manchen Szenen selbst im Weg, hätte den Film reduzierter machen sollen. Auf das Nötigste beschränkt. In seinen stärksten Momenten, bringt der Film nämlich unheimlich starke und atmosphärisch dichteste Sequenzen hin. Und immer schwingt dieser Hauch von Surrealität mit, der dann wirklich ganz groß ist. Es scheint, als habe Fulci hier für den ebenfalls sehr surrealen, aber formell noch etwas besseren Über dem Jenseits geübt. Aber auch diese Übung kann sich all seiner Schwächen zum Trotz sehen lassen. Denn in seinen wirklich grandiosesten Momenten, da man sich eben dem Wahnwitz des Werkes nicht entziehen kann, ist Ein Zombie hing am Glockenseil nichts anderes wie ein verdammt unbequemer, aber gerade eben so toller, Film gewordener Nachtmahr.
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