Film ist Wahrheit, 24 Mal pro Sekunde. Tagebuch. Meinungen. Filmstoff.

Montag, 23. Dezember 2019

Wish Upon

Alle Jahre wieder, mindestens ein- oder mehrmals, schnappt man sich als Filmfreund und/oder -blogger die deutlich abgegriffene Tatsache, dass die Hollywood'sche Traumfabrik diese Bezeichnung schon lange nicht mehr zu recht trägt. Einfallslosigkeit macht sich breit; Cineast, Bingewatcher und Allesglotzer leiern ihre Beschwerde deutlich müde in die Welt hinaus, dass softe oder harte Reboots, Remakes, Prequels, Sequels, der x-te Superhelden-Blockbuster oder was auch immer die eigene filmische Bubble bzw. Wahrnehmung stört, von einem übergroßen Kreativitätsdefizit zeugt. Der Wunsch nach Innovation, egal in welchem Genre, sprießt seit Jahren und ist so unvergänglich wie Unkraut. Über die Jahre, seitdem dieses Blog existiert, dürfte auch meine Wenigkeit so unermüdlich gewesen sein, diesen Meinungskanon herunter zu beten. Und Wish Upon? Das ist beileibe nicht der erhoffte Heilsbringer des Horrorgenres, die schon längst in Gestalt von Regisseuren wie Ari Aster, dem Duo Justin Benson und Aaron Moorhead oder Jordan Peele sich daran machen, den verdorrten Acker des Genres umzupflügen.

Die Tagline des Films mahnt bereits: Be careful what you wish for! Vielschichtige Charaktere, intelligenter, am besten noch mit Meta-Ebene versehener Horror mit wendungsreicher Story, eine visuell ansprechende Präsentation, eine spannende und mitreißende Art der Erzählung: Wish Upon kann kaum etwas davon bieten. Meine für viele Horror-Produktionen jüngeren Datums zum Lieblingswort gewordene Umschreibung generisch - eigentlich auch erster Todesstoß für einen Film - lässt sich passend auf diesen anwenden. Zwischen Mystery-Thriller und seichtem Horror schwankend erzählt man die Geschichte der Schülerin Clare, einer Bilderbuch-Außenseiterin, mitsamt ebenfalls weniger beliebten Freundinnen und einem Highschool-Beau als heimlichen Schwarm. Die armen Verhältnisse, in denen sie heranwächst, sind ihr peinlich und bei jeder sich bietenden Gelegenheit wird sie in der Schule den Grausamkeiten von Schul-Liebling Darcie ausgesetzt. Vom alltäglichen Leid geplagt, spricht sie mit der von ihrer Vater beim Schrott sammeln gefundenen, chinesischenWunschbox im Arm den Wunsch aus, dass Darcie doch am besten verrotten soll.

Einen Tag später wird diese mit einem aus dem Nichts aufgetauchten nekrotischen Befall großer Hautteile ins Krankenhaus eingeliefert. Anfänglich noch als Zufall von Clare abgetan, merkt sie bald, dass die geheimnisvolle Box die Kraft besitzt, ihre Wünsche Realität werden zu lassen. Nach dem plötzlichen Tod ihres Onkels erfüllt sich mittels der Box der Traum vom besseren Leben; sie wird an der Schule beliebt, ihr Schwarm interessiert sich für sie und auch ihr sich als Schrottsammler durchs Leben schlagender Vater wird dank Clares Wünsche mit einem neuen Leben bedacht. Dabei bemerkt das Mädchen zuerst gar nicht, dass die Box für jeden getätigten Wunsch einen hohen Preis fordert. Erst durch ihren Mitschüler Ryan und dessen Cousine Gina, die auf Clares Bitten die altchinesische Schrift auf der Box übersetzt, dämmert ihr langsam, dass in den unscheinbaren Holzkasten eine böse Kraft ruht. Umgesetzt wird dies als durchaus interessante, wie leider auch überraschungsarme Mystery-Story, deren Horror-Ausflüge zu einer Art Final Destination Light werden. Anders als die Filme dieser Reihe werden die dort immer unglaubwürdigeren Zufallsabfolgen, die zum Tod der Figuren führen, glücklicherweise nicht übernommen.

Wish Upon bleibt angenehm auf dem Teppich und schafft es in diesen Szenen durch gutes Timing und dem Spiel mit den Erwartungen der Zuschauer, Spannung aufzubauen. Die Sterbeszenen fallen eine ganze Ecke unspektakulärer als beim mutmaßlichen Vorbild aus. Zum Stil des Films mag das durchaus passen, der Final Impact dieser Sequenzen wird zeitgleich leider auch beschnitten: der erwartete große Knall wird ein leises Puffen. Überraschend gut funktionierte da die offensichtliche Botschaft, die man der jungen Zielgruppe vermitteln will. Die Träume sind Schäume-Message des Scripts winkt merklich ab der zweiten Hälfte wenig galant, aber nicht zu aufdringlich mit dem sprichwörtlichen Zaunpfahl durch die Szenerie. Dank Hauptdarstellerin Joey Kind, die aus Clare eine Figur formt, zu der selbst ältere Semester unter den Zuschauern einen Zugang finden, gelingt es Wish Upon aus einem objektiv betrachtet beliebigen Teenie-Horror-Beitrag einen durchaus sehenswerten Vertreter seiner Zunft zu machen, ungeachtet dessen, dass man vieles, was der Film bietet, als Zuschauer bereits häufig vorgesetzt bekam.

Die in den Medien und sozialen Netzwerken wie z. B. Instagram dauerpräsente Verlockung der schönen, vermeintlich perfekten Welt von Menschen mit makellosem Leben und Aussehen ist eine trügerische Oberflächlichkeit, die selbst mit dem Aufstieg zu diesem Level nicht die dahinter klaffende Leere verbergen kann. Man kann auch mit dem, was einem gegeben wird, zufrieden sein und was gutes daraus machen, gibt Wish Upon seinem (jungen) Publikum mit auf dem Weg und rät diesem mit seiner Moral, den eigenen Blick niemals von diesen Versuchungen blenden zu lassen. Unbedachte ausgesprochene Wünsche bringen wahr geworden lediglich kurzzeitige Erfüllung und irgendwie könnte man das auch als spöttischen Kommentar gegenüber anspruchsvollem Horror-Publikum sehen. Wenn die Phantastik und ihre Möglichkeiten tatsächlich an der Endlichkeit angekommen sind, sollte man sich mit dem, was einem aufgetischt wird, zufrieden geben. Bodenständigkeit ist keine schlechte Eigenschaft, nur ruhen sich Filmkreative leider viel häufiger darauf aus, als ein Wagnis einzugehen. Leider beraubt sich Wish Upon durch sein unglücklich übergroßes Foreshadowing zu Beginn fast jeden Überraschungsmoments. Einzig das fiese Finale kann kurzzeitig schocken, bevor man wieder den Boden der Tatsachen unter den Füßen hat. Diese zeigt, dass bekannte Elemente gekonnt miteinander kombiniert durchaus kurzweilige Unterhaltung bieten kann, Wish Upon aber auch eher im Kurzzeitgedächtnis der Fans haften lässt, weil bei allen positiven Merkmalen die Durchschnittlichkeit vorherrscht. Ich für meinen Teil mochte das und fand vieles sympathisch und nett, wobei leider auch letzteres Adjektiv immer einen kleinen Hauch Negativität mit sich bringt.

Freitag, 13. Dezember 2019

Magnum 45

Unter der Oberfläche brodelt es. Das Blut kocht und die heißen Wallungen der Erregung fließen durch den voyeuristischen Körper von Paolo Cavaras Magnum 45. Sein Intro gleicht einem flirrenden Traum angespannter Hochstimmung, voll von spekulativen Elementen. Die mit knallbuntem 70s-Bad Taste vollgepackte Wohnstube wird zum Schauplatz von für die damalige Zeit ungeahnten Perversionen, oder dem, was man dafür hielt. Ein mit leicht homosexuellen Zügen gezeichneter Mann öffnet einer groß gewachsenen Dame die Tür und lässt sich, kaum dass sie in sein Wohnreich eingetreten ist, unter wonnevoller Zustimmung von dieser Schläge verpassen, bevor er sich lustvoll in ihren Würgegriff begibt. Das damit gleichzeitig sein letztes Stündlein geschlagen hat, lässt an das Slasher-Kino der 80er erinnern, wenn der anonyme Mörder die Protagonisten für ihr sündhaftes Verhalten abstraft. Mit dem Unterschied, dass dieser meist nicht in die frevelhaften Taten einschreitet und ausschließlich die fiktive Exekutive der konservativen Einstellung der Script-Autoren ist.

Mit dieser Einstellung konterkarieren die Autoren von Magnum 45 den exploitativen Charakter ihrer Geschichte. Die vom Trio Paolo Cavara, Enrico Oldoini und Bernardino Zapponi erschaffene Filmwelt ist durchflutet von Sexualität; deren allgegenwärtige Präsenz übersteigert die mit der 68er-Bewegung und dem Hippietum aufgekommene neue Offenheit der Gesellschaft gegenüber Sex und seine verschiedenen Formen. Mit den Mitteln des Exploitation-Films machen sich die Autoren dieser zu nutzen; das gezeigte wirkt weniger ansprechend erotisch, sondern mehr wie schmuddelig durchzogene Altherren-Fantasien aus den schummrigen Ecken ranziger Sex-Shops. Mit seinem bis auf wenige Ausnahmen vornehmlich tristen und unspektakulären Look entwickelt sich der Film in seiner ersten Hälfte zu einem durchaus schmierigen Erlebnis, ohne jemals solche derben Sphären zu erreichen, wie sie z. B. ein Andrea Bianchi erschaffen hätte.

Gleichzeitig steht dem scharfen Treiben um einen dubiosen Verein Namens Freunde der Natur und einem Mörder, der am Tatort Seiten aus dem Kinderbuch "Der Struwwelpeter" hinterlässt, mit dem in diesem Fall ermittelnden Kommissar Gaspare Lomenzo ein gutbürgerlicher Charakter gegenüber. Er mag (zu Beginn) eine dunkelhäutige Freundin haben, die ihn mit "exotischem" Essen und Liebesspielen verwöhnt und gibt sich anscheinend offen gegenüber dem Anderen, welches immer mehr zur Normalität zu werden scheint; je weiter die Geschichte voranschreitet, erkennt man, dass sich Lomenzo in die vorherrschenden Gepflogenheiten versucht einzuleben, aber eigentlich lieber am gewohnten und bekannten festhält. Und seien es nur seine heißgeliebten Spaghetti. Dies hindert ihn nicht, während der Abwesenheit seiner Freundin mit deren Bekannten Jeanne anzubandeln und eine Liebelei mit ihr zu beginnen. Entpuppt sich das schöne Modell doch gleichzeitig als wichtige Hinweisgeberin für Lomenzos Fall, da sie ihm ausgiebig von den Begebenheiten während eines Treffens der Freude der Natur und dessen Leiter Hoffmann (damit gleichzeitig ein Namensvetter des Buchautors), bei dem sie beiwohnte, berichten kann.

Der damit beginnende Fokus auf die Arbeit Lomenzos lässt Magnum 45 zu einem unausgeglichenen Werk aus Poliziottescho und Giallo werden. Mit dem Augenmerk auf die Ermittlungen wird die Story dröge und die spekulativen Momente weichen einer Krimihandlung, deren umständlicher Aufbau die gewollte Spannung ausbremst. Bei vielen der eingeführten Figuren, z. B. Riccio, der Besitzer einer großen Detektei, bleibt die Bedeutung für die weitere Geschichte bis zum Schluss im Dunkeln. Dem Script wie Cavara fehlt es an Timing und eingestreute Wendungen sollten den Formeln des Giallo folgend für Aha-Effekte sorgen, die durch den umständlichen Aufbau leider ausbleiben. Auch die Auflösung bringt leider nicht die gewünschte Überraschung. Der Wandel vom sleazigen Giallo zum spröden Polizeifilm mag nicht passen und lässt den Film zwischen den Stühlen sitzen. Als reiner Thriller d'Italiano fehlen ihm die erinnerungswürdigen Momente. Die täten ihm auch als Poliziottescho gut, gibt sich der Film leider in der zweiten Hälfte wie ein handzahmer Fernsehkrimi der damaligen Zeit.

Viele Stränge der Geschichte werden schludrig ausgearbeitet oder hingeworfen; die fehlende Logik lässt das Script diffus wirken und der ausgedehnte Weg zur Auflösung raubt Magnum 45 deutlich seine dichte Atmosphäre und narrative Energie. Das sich Cavara und seine Co-Autoren deutlich der Konservativität zuwenden und die gialloesken Elemente dafür opfern, könnte man auch als Kommentar auf die Entwicklung des Genres verstehen. Vielleicht entschied man sich bewusst dafür, den als gegeben hinzunehmenden Regeln der hier geschaffenen Welt eine unspektakuläre Wandlung zu schenken und aus dem schmierigen Anfang auszubrechen. Ob nun Lomenzo der Fremdkörper in der verdorbenen Welt oder diese es im Weltbild des Kommissars ist, lassen die Schöpfer offen. Konkretisiert wird nur, dass der Schmutz allgegenwärtig ist und der ist - das macht Magnum 45 so klar wie viele andere italienische Genrewerke - anziehend, verführerisch und verdammt hübsch. Verborgen im vertrübten Grau seines Ganzen glänzt der Film mit manchmal umwerfend tollen Kamera-Einfällen und Einstellungen. Das macht ihn keineswegs zu einem runden, aber durchaus interessanten Erlebnis, dem ein großes Stück Entschlossenheit im Auftreten gut getan hätte.

Mittwoch, 4. Dezember 2019

Wir

Jordan Peele ist der neue Mann der Phantastik für brandaktuelle wie unangenehme Themen. Versuchte er sich in seinem Debüt Get Out (hier besprochen) am übergreifenden Rassismus dieser Tage und scheiterte damit - zumindest für mich - kläglich, packt er mit seinem Zweitwerk Wir die soziale Ungerechtigkeit einer Zweiklassengesellschaft an. Das polemisch am Stammtisch und in niederen Gesellschaftsschichten bescholtene Problem zwischen "denen da oben!" und "denen da unten!" greift der Amerikaner wortwörtlich auf und baut seine Erzählung in ihrer Struktur ähnlich seines Debüts auf. Mit ruhigem Ton und hübscher Kamera der Marke Postkartenmotive entführt er den Zuschauer auf die Reise der Familie von Gabe und Adelaide Wilson in ihren Kurzurlaub an der Küste. Der gemeinsam mit Josh und Kitty Tyler, einem befreundeten Pärchen, verbrachte Tag am Strand, findet kurz nach ihrer Ankunft nur unter Protest von Adelaide statt. In ihrer Kindheit hatte sie genau dort eine unheimliche wie traumatische Begegnung.

Bevor Peele diese im Verlauf seiner Geschichte nochmals aufgreift, widmet er sich in seinem Film vordergründig dem Subgenre der Home Invasion. Vom Strand zurückgekehrt, verwandelt sich die sachte einstellende Idylle in blankes Entsetzen. Vier vermeintliche Unbekannte stehen zuerst regungslos in der Einfahrt des Hauses der Wilsons. Als die ungebetenen Besucher anstalten machen, in dieses einzudringen, entpuppen sie sich als Doppelgänger der Familie und eröffnen eine gnadenlose Jagd auf diese. Aus welchem Grund das überhaupt geschieht, lässt das Script zunächst offen. Mehr bedient sich Peele dem für das Subgenre so typische Szenario des plötzlich, ohne große Vorankündigung eintretenden Grauens. Neue Aspekte lässt der Regisseur Autor außen vor und konzentriert sich darauf, den Zuschauer in die Situation seiner Protagonisten zu zerren. Bis auf die Tatsache, dass die vierköpfige Familie in ihr eigenes Antlitz blickt und die Situation hierdurch atmosphärisch an unangenehmer Bizarrheit gewinnt, bedient sich Peele gängiger Formeln.

Durch den rätselhaften Prolog und einem ruhigen Aufbau gelingt es Peele die Stimmung so gut aufzubauen, dass der Spannungsbogen des Films bis zum Anschlag gespannt ist. Seiner Version eines Home Invasion-Films gelingt das, was anderen Werken aus dieser Richtung weniger gelingt. Der Zuschauer wird emotional bestens integriert; die darstellerische Leistung der Mimen - allen voran sei hier die großartige Performance von Lupita Nyong'o zu erwähnen - ist richtig stark, haucht ihren Figuren zusätzlich Leben ein und lässt sie greifbarer werden. Die Mechanismen des Subgenres sind Peele bekannt und mit seinem Gespür für Timing wächst Wir zu einem durchweg spannenden Terrorfilm heran. Dessen formelle Beschränktheit reichert Peele mit einem übernatürlichen Element an und erweitert seine Möglichkeiten, der Handlung eine Ebene verschiedener Deutungsmöglichkeiten zu schenken. Wir ist ein interpretationsreicher Horrorfilm, bei dem es Peele gelingt, alle unangenehmen Klischees, die aus Get Out einen Reinfall machten, zu umgehen.

Der tiefe Graben zwischen arm und reich, die Auflösung des Mittelstands und der Verfall in eine Zweiklassengesellschaft mit der damit verbundenen Ungerechtigkeit in der US-amerikanischen Gesellschaft wird von Peele als Angriff der niederen Volks auf den Rest der Gesellschaft inszeniert. Er tut gut daran, den Killing Spree auszuweiten und sich nicht mit dem dauerhaften Kampf der Wilsons gegen ihre Doppelgänger zu beschränken. Viele Home Invasion-Filme kranken daran, im beschränkten Raum ihrer Handlung sich auch in ihrem Verlauf einzuschränken und repetitiv zu werden. Peele stellt lieber die Frage in den Raum, ob der Mensch nicht nur langsam im vermeintlichen Kampf gegen andere gesellschaftliche Schichten an sich selbst scheitert, sondern auch, ob die Doppelgänger im Film nicht auch ganz simpel die losgelöste, dunkle Seite unserer Selbst ist, gegen die wir anzukämpfen haben, wenn diese aus dem Untergrund der Persönlichkeit hervortritt.

Der Story und Peele nach scheinen wir uns auf dem Weg in eine bessere, tolerante Gesellschaft selbst im Weg zu stehen. Seiner bitteren Ironie nach bedient sich der Mensch weiterhin einer kontraproduktiven Aggressivität. Das verbindet er lose mit der 1986 tatsächlich stattgefundenen Wohltätigkeitsaktion Hands Across America, die das Ziel hatte, eine Menschenkette quer durch die USA zu bilden. Die Symbolik der Menschenkette als Zeichen der Solidarität und Gleichheit gegenüber Gesellschaftsschichten etc. pervertiert Peele durch die Mittel, wie die auftretenden Doppelgänger dies bewerkstelligen. Egal ob sozial Benachteiligte (in den USA) häufig und gerne ausgeblendet werden und sie sich in der Schreckensvision des Regisseurs mit rigorosen Mitteln Gehör verschaffen bzw. sich an der Ignoranz der Gesellschaft rächen: man kann Wir auch so lesen, dass unsere über die Jahrzehnte gewonnene Toleranz, Offenheit und Freundlichkeit einer beispiellosen Aggressivität weicht, wenn ein alter, weißer cis-Mann oder andere unliebsame Gestalten die Bildfläche betreten. Schnell verfällt auch der gutmütigste, ausgeglichenste und offenste Mensch - zumindest in den heutigen sozialen Medien - in eine seiner propagierten Denkweise widersprüchliche Intoleranz und Aggression.

Scheiterte Peele in Get Out noch daran, den hoch angesetzten Anspruch differenziert in einen spannenden Horrorfilm zu packen, so gelingt es ihm in Wir weitgehend das Level der eigenen, hoch angesetzten Messlatte zu halten. Lediglich beim Sprung in eine übernatürliche Richtung tauchen in der Handlung einige Ungereimtheiten auf, die durch einen langen Expositions-Monolog von Adelaides Doppelgängerin noch mehr in den Vordergrund rücken. Das mag einigen sauer aufstoßen. Gesamt betrachtet fühlt sich Wir weitaus runder und gelungener als Peeles Debüt an und kann durch seine Thematik und Peeles Herangehensweise an das Genre des Home Invasion-Films gefallen. Das ist tatsächlich ein starker Horrorfilm ,der gemessen an der nicht immer haltbaren Logik seiner Story, trotzdem ein frühes Highlight für das Genre im Jahr 2019 war.

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