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Donnerstag, 9. Juni 2022

Sexual-Terror der entfesselten Vampire

Weiter entfernt vom traditionellen, etablierten Mythos des aristokratischen, verführerischen Blutsaugers könnten die vampirischen Welten des französischen Regisseurs Jean Rollin kaum sein. Höchstens Ansatzweise ist von diesem noch etwas zu spüren, wenn wie in Sexual-Terror der entfesselten Vampire die beiden selbst zu Untoten verwandelten, ehemaligen Vampirjäger einen Kleidungsstil zwischen Adel und Dandy an den Tag legen. Beseelt vom Zeitgeist des Umbruchs entfesselt er in seinem Film einen stimmungsvollen Rausch, zelebriert nackte Körper, schert sich nicht um "Nebensächlichkeiten" wie eine stringente Handlung oder herkömmlichen Spannungsaufbau. Weiter entfernt von dem, was wir als Zuschauer in den 95 Minuten Film nicht einfach sehen, sondern erleben können, könnte der deutsche Titel nicht sein. Übersetzt man den Originaltitel Le Frisson des vampires, so spricht dieser eigentlich von einem "Schauer der Vampire". 

Für die deutsche Kinofassung schnitt man großzügig einige womöglich uninteressant erscheinende Passagen heraus, drehte unter der Leitung von Günter Hendel ein paar plumpe Sexszenen nach, welche in den Film integriert wurden, blafaselt in der lange als verschollen gegoltenen Synchronfassung im ursprünglich komplett stummen Prolog etwas vom Grafen Dracula und seiner Verwandtschaft, damit der deutsche Kinogänger wenigstens irgendeinen Bezug herstellen konnte und stopfte diese Version in die bundesdeutschen Lichtspielhäuser. Der reißerisch im Titel deklarierte Sexual-Terror mag zunächst marktschreierisch darauf abzielen, Besucher ins Kino zu locken. Gleichzeitig offenbart die Wahl des Titels hintergründig die ablehnende wie hochnäsige Haltung gegenüber einer neuen Art von Kunst, die gleichzeitig Avantgarde und Anspruch mit Pulp und Trash verbinden konnte. Für den Geist des deutschen Bundesmief eine schier unmögliches Ding.

Der schon immer stark dem Surrealismus zugewandte Rollin wandelt zwischen pur traumartigen und erotisch aufgeheizten Szenenkompositionen, um den Zuschauer in einen nackten Rausch aus auf der einen Seite kunstvollen und auf der anderen Seite darum bemühte, die Schauwerte ins rechte Licht rücken zu wollenden Szenen zu stürzen. Eingebettet sind sie in der Geschichte über das frisch verheiratete Ehepaar Isa und Antoine, die auf dem Weg in die Flitterwochen einen Abstecher zu Isas Cousins machen wollen. Bevor sie bei den auf einem Schloss in der tiefsten Provinz lebenden Herren ankommen, erfahren sie von Bewohnern des nahegelegenen Dorfs, dass diese vor einem Tag verstorben seien. Auf Isas Wunsch hin macht sich das Paar auf dem Weg zum Schloss und wird von den Dienerinnen der Cousins in Empfang genommen. Nach kurzer Zeit bemerken die Zwei seltsame Vorgänge in dem alten Gemäuer. Während Isa Bekanntschaft mit der geheimnisvollen Isolde macht und in deren Bann gezogen wird, wächst in Atoine die Skepsis und lässt diesen Nachforschungen anstellen.

Bereits mit seinem ersten Langfilm Le viol du vampire (Die Vergewaltigung des Vampirs) stellt sich Rollin gegen jede filmische Regel, was er mit Sexual-Terror der entfesselten Vampire weiter etabliert. Sein Avantgardismus ist gleichermaßen ein Bruch mit bestehenden gesellschaftlichen Konventionen der Entstehungszeit. Wie Chabrol innerhalb der Nouvelle Vague oder Luis Buñuel stellt er sich im Rahmen seiner referenziellen, künstlerischen Erzählung, ohne die Scharfzüngigkeit der genannten Filmschaffenden zu erreichen, gegen die Bourgeoisie und veraltete Gesellschaftsnormen. Recht eindeutig lässt sich das vampirische Volk als Anti-Establishment dechiffrieren, dass auf Ehe und heteronormativ ausgerichtete Lebensart pfeift. Bisexualität, polyame Beziehungskonstrukte oder wechselnde Sexualpartner ohne sich auf einen festzulegen sowie Kritik gegenüber des wohlhabenden Bürgertums sprechen klar die Sprache der 68er-Bewegung. Der bisher bestehende Symbolismus des Vampirs wird invertiert. Rollins Blutsauger stehen nicht mehr für den machthungrigen Aristokraten, die den einfachen Bürger aussaugen und blutleer dahinsiechen lassen.

Sie symbolisieren mehr eine neue, lockende Freiheit und sind einzig für den nach Beischlaf und damit vollkommenen Ehevollzug schmachtenden Antoine. Weiter ist die sexuelle Anziehung des Vampirs keine verborgene Hintergründigkeit sondern offen zur Schau gestellt. Die inkohärente Haltung des Films gegenüber Regelwerken macht leider nicht davor halt, in manchen Szenen zum alten Bild des Vampirs zurückzukehren, wenn Rollin mehr der Schauerliteratur vergangener Zeiten seinen Tribut zollt. Davon abgesehen ist der Film ein höchstinteressanter, künstlerischer und entdeckenswerter Trip der einen unweigerlich in eine Art Zwischenwelt zieht, die so verführerisch wie Isolde für Protagonistin Isa ist. Der katholische Filmdienst riet damals in seiner knappen Besprechung ab. Heutzutage sollte jeder aufgeschlossene Cineast ruhig einen Blick auf das Werk von Jean Rollin und diesen Film wagen, den ich wärmstens ans Herz legen kann.

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Dienstag, 12. Oktober 2021

Der Geschmack von Leben

Während manche Vertreter unser Spezies weiter angestrengt über den Sinn der Existenz des einzelnen Individuums ihre Gehirnzellen verbiegen, geht Roland Reber einen Schritt weiter. Weniger hohl-phrasierend wie in Engel mit schmutzigen Flügeln (hier besprochen) fragt er in seiner kollagenartigen Komödie, wonach das Leben schmeckt. Anders als erstgenannter Film ist Der Geschmack von Leben nicht spirituell aufgeladen, nicht sperrig verkopft sondern locker und spritzig. Die Suche nach dem Sinn des eigenen Seins, dem Grund der Existenz scheint abgeschlossen. Das Leben und die Lust als solche möchte auf allen Wegen genossen werden. Neugier auf die verschiedenen Wege und Arten, wie Menschen ihr Dasein verbringen, durchzieht sein Werk und ist die Antriebsfeder von Protagonistin Nikki. Dargestellt von Rebers Muse Antje Mönning streift sie bewaffnet mit ihrer Videokamera durch das Land, um spontan Leute vor diese zu zerren um sie für ihr Vlog zu interviewen.

Ihre weiblichen Talkpartner berichten in ihren Geschichten mit traurigen, manchmal resignierenden Gesichtern von Einsamkeit oder sexueller Frustration, was von Nikki mit locker-flockigen Sprüchen weggegrinst wird. Die offenherzige Videobloggerin rät dazu, die Zitronen, die einem das Leben so schenkt, open-minded anzugehen und den sauren Momenten der Seins frohen Mutes zu begegnen um diese wie Nikki mit einem (Dauer)Lächeln zu entfernen. Ein ernsthaftes Interesse am Schicksal der Nebenfiguren und ihren Problemen scheint nicht zu bestehen. In seiner Position als Autor offenbart das belächelnde Abfertigen der Protagonistin Reber als einen alten, weißen Mann, der unter dem Deckmantel einer aneckend wollenden Anti-Establishment-Komödie durchaus reelle Nöte von Frauen nicht für voll nimmt, weglächelt und eine misogyne Haltung annimmt. Lieber rücken er und seine Parterin Mönning, Co-Autorin des Scripts, diese ins rechte Licht. All about Nikki.

Diese erklärt dem Zuschauer, dass das Leben nach Sperma schmeckt. Passend dazu trinkt sie an manchen Stellen aus einem penisförmigen Becher mittels Strohhalm und saugt anscheinend das Leben sinnbildlich in sich auf. Der Film versteht sich als Ode an die Freiheit des Einzelnen und möchte seine Hauptfigur als freche, freizügige und selbstbestimmte Frau darstellen, die mit Augenzwinkern und Witz durch das Leben gondelt und vieles nicht so Ernst nimmt. In wenigen Szenen gelingt es Reber, zumindest ausufernde Deutschtümelei gekonnt zu überspitzen. Im Gesamten wirkt Der Geschmack von Leben infantil und angestrengt humorig. Was edgy wirken soll, etwa die Vlog-Kategorie "Die Fi(c)ktion des Monats", in der Nikki die sexuellen Fantasien ihrer Zuschauer präsentiert, mutet an, als hätte sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk in den 90ern an TV-Formaten wie Peep oder Wa(h)re Liebe versucht. Dafür, dass der Film dem gut bürgerlichen Durchschnittsdeutschen gegenüber eine Anti-Haltung einnimmt, mieft es mehr nach Konservatismus.

Offen gelebte Sexualität, autonom, feministisch: Schlagworte die der Film mit leichter Heiterkeit zu propagieren scheint, im seinem Kern mehr ein Porno für CDU-Anhänger ist. In Rebers Karneval der Nacktheit steht Mönning hoch oben auf dem Wagen und verteilt Fellatio für alle. Der Geschmack von Leben verwechselt emanzipatorische Lebensart mit Affirmation alter Rollenbilder, wenn Mönning als Nikki sich willig Fremden hingibt und auf einem öffentlichen Männer-WC eine schnelle Nummer schiebt oder Blowjobs gibt. Das der Phallus an unmöglichen Stellen in Erscheinung tritt - trauriger Höhepunkt ist ein Typ im Penis-Kostüm als Gentränkeverteiler bei der abschließenden Talkrunde - ist weit weg von ironischer Brechung althergebrachter, heterosexueller Rollenbilder. Nikkis Schwanzhingabe ist keine frei gelebte Sexualität, kein lockeres Ausleben der Lust sondern eine Altherrenfantasie mit aufgesetzten humoristischen Touch, der weniger verkopft wie andere Reber-Filme, aber eher eine augenscheinliche Absage an den Feminismus ist, getarnt als positiv aufgeladene Nummernrevue.
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Freitag, 29. Januar 2021

Stripped To Kill

Es liegt alleine durch den Begriff schon auf der Hand: die Actricen in Werken des (S)Exploitation-Films geizen meistens nicht gerade mit nackter Haut und selbstverständlich lassen die Autoren in ihren Drehbüchern keine Gelegenheit aus, um blanke Busen und Hinterteile vor die Kamera zu rücken. Was Stripped To Kill allerdings in diesem Punkt abbrennt, stellte sogar mich, der schon seit einigen Jährchen durch die "Niederungen" des Unterhaltungsfilms wandert, auf die Geduldsprobe. Das man bei einer Story, die sich um Polizistin Cody dreht, welche nach dem Mord an einer Stripperin beginnt, undercover in dem Milieu zu ermitteln, nicht nur ein oder zwei Strip-Nummern präsentiert, dürfte auch Lieschen Müller einleuchten. Hier geben sich allein in der ersten Hälfte die Blankzieh-Einlagen häufig die Klinke in die Hand und nach dem dritten Tanz ruckelt man auch als stockheterosexueller cis-Kerl ungeduldig auf seinem Sessel hin und her.

Besänftigt wird die strapazierte Geduld bedingt. Zwischen all' der nackten Haut arbeiten sich Regisseurin Katt Shea und ihr Ehemann Andy Ruben, mit dem sie zusammen das Drehbuch verfasste, an zeitgenössischen Kino-Trends ab und kreieren einen neondurchfluteten Erotik-Thriller mit zwei ungleichen Cop-Partnern als Protagonisten. Wird Cody noch als glaubhaft sensibel und unsicher dargestellt, ist ihr Partner Heineman ein Over The Top-Cop und wandelndes Klischee, das ständig in Rockerkluft rumläuft, seine Kollegin mit seinem unlustigen Humor und dem immer gleichen "Witz" malträtiert und aufgesetzt cool ist. Das Geplänkel zwischen den beiden und der durchaus interessante und glaubhaft ungeschönte Blick hinter die glanzlosen Kulissen des Strip-Geschäfts, selbst wenn dies Mithilfe von Exploitation-Film-Mechanismen geschieht, drängt den grundlegenden Thriller-Anteil des Films stark in den Hintergrund.

In dieser Funktion versagt Stripped To Kill leider ziemlich. Der von Cody gejagte Mörder gibt selten ein Stelldichein und wenn, wird in diesen Szenen spannungsloses Thriller-Einerlei geboten, dessen lasche Inszenierung den Zuschauer durchgehend kalt lässt. Ist das lästige drumherum abgehakt, kehrt man lieber zur nächsten Tittenschau zurück um sich damit über die Zeit zu retten. Selbst wenn Oliver Nöding - mit dem ich häufiger einer Meinung bin - einige positive Worte über den Film verloren hat, kann ich diesen in diesem Fall nicht so recht zustimmen. Die von ihm attestierte weibliche Sichtweise auf die Welt des Animiergewerbes ist Ansatzweise im Miteinander unter den Tänzerinnen Backstage zu spüren, bevor der Film doch wieder lieber die fleischlichen Gelüste des männlichen Publikums befriedigen möchte und noch eine Nackttanz-Nummer präsentiert. Eher ist Stripped To Kill eine Art sanftmütige Exploitation, der viel nackte Haut für das männliche Zielpublikum bieten möchte und deren misogynen Untertöne subtrahiert. Zumindest mir kommt das mehr als Alibi vor, um mit dem weiblichen Blick auf die Thematik des Films den Herrschaften des Publikums genügend Triebanheizer zu bieten. Das ist im Endeffekt genauso käsig wie vieles andere an diesem Film, der wenig interessante Blickwinkel, geschweige denn Szenen bietet.

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Samstag, 25. Juli 2020

Das Grauen von Schloss Montserrat

Jess Franco. Man liebt oder hasst ihn; ein in between scheint (fast) nicht zu existieren. Mich selbst habe ich, was die Haltung zum spanischen Regisseur angeht, lange in dieser grauen Zone zwischen Verehrung und Ablehnung verortet. Zuerst durch die größeren Produktionen für Erwin C. Dietrich mit seinem Schaffen in Berührung gekommen und dann von für Eurocine geschossene Werken wie Oase der Zombies abgeschreckt worden, war ich längere Zeit der Meinung, dass höher budgetierte Filme mit ihrer Gesamtwirkung von Francos mangelndem Regie-Talent ablenken und deswegen gut unterhalten können. Mit dem steigenden Interesse an italienischem bzw. europäischem Genrekino und dem Aufenthalt im damaligen Internet-Tummelplatz für Liebhaber dieser Filmsparten, wuchs auch mein Interesse an Franco und seiner Filmographie. Das Grauen von Schloss Montserrat hielt dabei als erster Film zur Neuentdeckung her, nachdem mich Schwärmereien von francophilen Filmfreunden nochmal neugierig auf den Film machten, der mich bei meiner ersten Sichtung schulterzuckend zurück ließ. Das ich kurz darauf die für den Anfang der 80er grasierenden Untoten-Boom mit nachgedrehten Zombie-Szenen erweiterte Fassung, in Deutschland als Eine Jungfrau in den Krallen von Zombies vermarktet, sah und mich nicht dafür begeistern konnte, tat ihr übriges.

Obwohl durchaus großes Interesse am Wirken des Spaniers bei mir besteht, war dieser leider bisher immer Randthema in meinem Sein als aufgeschlossener Cineast und selbstbetitelter Allesglotzer. Im Blog selbst blieb er bisher außen vor; bis auf Beiträge zu einem Geburtstag und zu seinem Ableben wurde über all' die Jahre keiner seiner Filme hier besprochen. Das Grauen von Schloss Montserrat ist demzufolge ein zweifacher Beginn: es ist einerseits das erste von hoffentlich vielen weiteren Werken Francos, über die hier im Blog einige Worte verloren werden sollen und andererseits der Film, der die lange verschlossene Knospe (damals wie heute) zum Aufblühen und meine große Sympathie für Jess Franco brachte. Der 1971 entstandene Film ist weit weg von den größeren Produktionen, die er zuvor für Harry Allan Towers und hinterher für Erwin C. Dietrich drehte und gleichzeitig ein großes Trademark für die ureigene Filmwelt Francos. Vordergründig scheint er damit auf schmalbrüstige Weise die Tropes des gothischen Horrorfilms und mehr noch des seichten Mystery-Krimis abzuhandeln, wenn seine Protagonistin Christina im Gasthaus eines kleinen Dorfs eintrifft, da sie zur Testamenteröffnung ihres Vaters, welchen sie niemals kennenlernte, geladen wurde. Ihr eigentliches Ziel, Schloss Montserrat, soll laut der Wirtin vollkommen unbewohnt sein, woraufhin Christina dagegen hält, dass ihre Familie schon lange darin wohne und sie bisher immer Briefe von ihrem Onkel Howard erhalten hat. 

Das ist das Stichwort für den zurückgebliebenen Basilio (Franco selbst), der Christina abholt um sie auf das Schloss zu bringen. In jenem lernt sie ihren Onkel, Tante Abigail sowie die verruchte Carmencé kennen und erfährt, dass ihre Cousine Hermina im Sterben liegt, welche sie wenige Momente vor ihrem Ableben am Sterbebett besuchen kann und von dieser angefleht wird, sofort wieder abzureisen. Christina bleibt jedoch und wird in den nächsten Tagen von Alpträumen und seltsamen Ereignissen geplagt, bevor sie Warnungen vor ihren Verwandten vom Geiste ihres toten Vaters erhält. Diese scheinen zu spät zu kommen, offenbaren die Familienmitglieder Christinas ihr fast zeitgleich, was sie mit der jungen Frau eigentlich im Sinn haben. Mit gemäßigtem Tempo setzt der Spanier lose zusammenhängende Szenen aneinander und entfernt sich mit fortlaufender Zeit von einer kohärenten Handlung. Sphärische Tonwelten, mystifizierte Bilderfolgen und irrationales Verhalten seiner Figuren formen Das Grauen von Schloss Montserrat zu einem surrealen Erlebnis, dessen (alp)traumhafte Stimmung die offensichtlichen Mängel in Francos Regie und Script aufhebt. Die Logik befindet sich fortwährend in einem Auflösungszustand bis der auf Christina übergreifende Wahnsinn, der sich in den Mauern des Schlosses abspielt, komplett auf die Handlung übergreift. Der sich über deren narratives Gerüst hindurch schlängelnde rote Faden hilft nur dabei, die angerissene, nie konkretisiert behandelte Auflösung um das angebliche Geheimnis von Christinas Familie zu erreichen.

Mehr vertraut der passionierte Musiker mit großer Liebe zum Jazz auf dessen Kunst der Improvisation und lässt seinen Film und den Zuschauer von Piece zu Piece gleiten um im Hintergrund ein Grundthema zu implementieren. Das Grauen von Schloss Montserrat wirkt in seiner Gesamtheit wie ein düsteres Märchen. Christina ist die Adult Alice; das von Franco erschaffene Wunderland konfrontiert die naiv-unschuldig wirkende Frau mit fleischlicher Versuchung und einem durchgängigen morbiden Unterton. Der Tod ist allgegenwärtig; er ist wichtige Antriebskraft für die Geschichte und gleichzeitig breiten sich seine fauligen schwarzen Schwingen in düster poetischer Kraft über dem Gesamtbild aus. Verstärkt wird dies in der von mir präferierten deutschen Fassung des Films, die sich in der Übersetzung der Dialoge zwar einige Freiheiten nimmt, gleichzeitig mit überbordender Ausgestaltung mancher Passagen die Stimmung des Films verstärkt. Beispielsweise wird Christinas Schilderung aus dem Off über die Fahrt zum Schloss dort zu einer übertrieben ausgestalteten wie faszinierenden Erzählung, während die O-Ton- sowie englisch gedubbte Fassung sich hier deutlich mehr zurückhält. Ebenfalls tauscht die deutsche Fassung nahezu komplett den Score Bruno Nicolais, der mehr den märchenhaften Aspekt des Films unterstreicht, aus und ersetzt ihn mit düsteren und schweren Synthesizer-Kompositionen, die Das Grauen von Schloss Montserrat mehr zur surrealen Alptraum-Mär macht.

Tatsächlich gab Franco in einem Gespräch mit Stephen Thrower zu, hier Lewis Carrolls "Alice im Wunderland" auf intellektueller Ebene umgestalten zu wollen. Beschäftigt man sich mehr mit Francos Leben zu dieser Zeit, kommt man nicht drumherum, seinen Film zeitweise auch als Trauerbewältigung zu betrachten. Es ist der erste Film nach dem tragischen Tod seiner Muse Soledad Miranda, welche bei einem Autounfall ums Leben kam. Die abgefahrene Strecke, die man während der originalen Credit-Sequenz erblickt, ist eben diese, auf der Miranda verunfallte und verstarb. Zwar ist Hauptdarstellerin Christina von Blanc ein anderer Typ als die wunderschöne Spanierin, besitzt aber genauso eine fragil erscheinende Figur. Der Eintritt ihrer Figur in die im Schloss existente Parallelwelt lässt Franco Miranda auf fiktiver Ebene in das Totenreich hinüber geleiten. Francos last farewell ist angetrieben von einer dunkel leuchtenden Flamme, welche die Gedankenwelt des Schöpfers antreibt und in ihrer Hitze einen fiebrigen Film gebiert, der Francos Qualitäten als Schöpfer surrealer Traumwelten on point präsentiert. Leicht zugänglich für Kenner kohärenterer Filme des Spaniers möchte man ihn nicht unbedingt nennen, wenn man sich an die Essenz seiner umfangreichen Filmographie heranwagen möchte. Für mich persönlich vereint der Film diese ziemlich gut und ist immer wieder ein guter Begleiter in Francos Limbo aus fetischisierter, sado-erotischer Sexualität und schauerromantischen Stoffen.

Für mich steht Das Grauen von Schloss Montserrat als ein kompaktes Werk, dass die Obsession und Getriebenheit des Spaniers spürbar bündelt und greifbar macht. Alles muss gefilmt werden, auf Zelluloid gebannt; gleich, wie fragmentarisch sich die Story am Ende anfühlt. Francos Filme sind sicher nicht vollkommen und weit weg von Perfektion und selbst dieser Film kann bei seiner kurzen Laufzeit an manchen Stellen zum Finale sich in der ungeordneten Ideenflut seines Regisseurs verlieren. Die Ecken und Kanten, die der Film trotzig zur Schau trägt und inmitten belanglos wirkender Füllsel kurz aufblitzende Geistesblitze sowie das Talent des Spaniers, die imposante Architektur des Schlosses in wenigen Einstellungen eindrucksvoll in Szene zu setzen, lassen mich zusammen mit der Princesse de l'érotisme gerne ihr wundersames Königreich mit dessen in seiner Gewöhnlichkeit innewohnenden, morbiden Schönheit besuchen. Würden sie sich nicht dem normativen Aufbau des Mediums unterwerfen, könnte man sich in seinen Filmen wie diesem und der traumhaften Stimmung gänzlich verlieren. Ganz gleich, dass hier wohl die Psyche nach dem Verlust eines geliebten Menschen gereinigt wird und wiederkehrende Motive wie beispielsweise sadomasochistische Gewalt behandelt werden. Die traumwandlerische Atmosphäre von Das Grauen von Schloss Montserrat lässt zum Schluss kommen, dass Franco (und seine Filme) zeitlos sind. Mehr noch lässt sich feststellen: Jess is Jazz, der mit seinen beschränkt wirkenden, filmischen Improvisationen und den darin stattfindenden schrägen Melodien nicht den Ton eines jeden, aber mancher Cineasten trifft, die sich im vor sich hin plänkelnden "Filmgedudel" gerne treiben lassen. 
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Montag, 29. Juni 2020

Engel mit schmutzigen Flügeln

Während unseres Lebens befinden wir uns auf vielen, unterschiedlichen Reisen. Egal, ob wir unsere Körper beispielsweise im Urlaub von A nach B transportieren und fremde Plätze und Länder erkunden oder auf persönlicher, charakterlicher Ebene: wir sind ständig on tour. Das Trio Gabriela, Michaela und Lucy ist dies mit seinen fahrbaren Untersätzen ebenfalls. Die Engel im Exil sind unentwegt unterwegs und weder Felder, Straßen, Autobahnen oder leere Kasernen sind vor ihnen sicher. Regisseur Roland Reber scheint entweder einen außerordentlichen Motorrad-Fimmel zu haben oder möchte mit den ersten Minuten seines Films durch ausgedehnte Szenen seiner Hauptdarstellerinnen auf den Zwei- und Vierrädern deren Fahrzeuge als mechanisches Symbol der Freiheit seiner Figuren dem Zuschauer penetrant unter die Nase reiben. Dazwischen sitzen sie rastend in Landschaften, blicken bedeutungsschwanger in die Ferne und lassen theatralisch gestelzte Sätze von sich. Bevor sich Lucy ebenfalls vollwertig zu einem Engel zählen darf, bekommt sie von ihren Begleiterinnen eine Aufgabe gestellt.

Diese lautet "Sei was du bist, erst dann bist du eine von uns". Die promiskuitive Lucy wird genaustens unter die Lupe genommen und in die Mangel genommen. Das, was der Film ausführlich schildert, verpackt die junge Frau in Ausreden sich selbst gegenüber. Die häufig wechselnden Liebhaber werden mit Verliebtheit schön geredet; was sie laut ihren Tagebüchern und Erlebnissen innerhalb der fortschreitenden Handlung diesen Männern offenbart, sind nichts weiter als leere, austauschbare Worte, mit denen sie sich selbst belügt. Mutet Engel mit schmutzigen Flügeln bis dahin wie ein existenzialistisches Drama mit dazu irritierenden, sterilen TV-Film-Look an, packt Reber manch offenherzige Sex-Szenen in sein Werk, dass Lucys Selbstfindung sexploitative Züge annimmt. Frei nach Descartes stellt sie dazu passend früh fest: Ich ficke, also bin ich. Während Gabriela und Michaela in überdrehten Possen das Verhalten Lucys kommentieren, sie still beim Ausleben ihrer Sexualität beobachten oder alle drei zusammen ausgelassen umhertanzen und im Kinderlied-Stil feststellen, dass die schöne Rothaarige bis auf sich selbst alles andere auf dieser Welt zu kennen scheint.

Ins rechte Licht rückt Reber dabei seine Lucy-Darstellerin und Lebensgefährtin Antje Mönning, die in der ARD-Soap Um Himmels Willen als Nonne bei einem breiteren wie betagteren Publikum bekannt wurde und mit ihrem Mitwirken in dem 2009 entstandenen Film einen kleinen Skandal im Boulevard heraufbeschwor. Wie einst Jess (Franco) bei seiner Lina (Romay) saugt die Kamera als verlängertes Auge Rebers die natürliche Schönheit von Mönning förmlich auf und lässt uns Zuschauer an ihrer Nacktheit so häufig wie nur möglich oder unmöglich teilhaben. Halbnackt auf dem Quad, beim Sex am Baggersee, als Stripperin mit Dildo-Einzelshow vor maximal tumb dreinblickenden Publikum: Reber zelebriert seine Darstellerin, die zur Muse seiner filmischen Phantasie heranwächst. Interessanterweise funktioniert Engel mit schmutzigen Flügeln am Besten, wenn er Lucys Liebesleben in den Mittelpunkt stellt. Die Szene am See mit dem Fremden erhält durch die während des gesamten Akts aus nächster Nähe filmenden Kamera eine hübsche Intimität. Die aufgesetzt wirkende Prämisse des Films löst sich in diesen Szenen weitgehend auf.

Einen Kontrast zur von Film verfolgten Reflexion über das Moralempfinden des Einzelnen stellen sie in jeder Minute trotzdem dar. Engel mit schmutzigen Flügeln wirkt über weite Strecken, als wolle Reber mit den tiefgründig gemeinten Momenten dazwischen den erdachten Ferkelkram entschuldigen und diesem damit eine Existenzberechtigung sichern. Der vom Theater stammende Regisseur inszeniert seinen Stoff steif (no pun intended) und unauthentisch. Wieder muss ich mit Franco vergleichen: während der Spanier einer inneren Lust um des reinen Filmens wegen folgte und in seinen teils schlicht ausgestalteten Geschichten Stimmungen wirken ließ, fehlt es dem Film, betrachtet man dessen Thematik, an Leidenschaft. Den ausladenden Sexploitation-Szenerien steht eine miefige Verkopftheit gegenüber, die viele dem deutschen Cinema d'Auteur als negative Eigenschaft anlasten und sich hier bestätigt fühlt. Zumal man philosophische Großleistungen wie "Ohne Liebe sind wir nur leere Hüllen in einer leeren Welt" oder "Wer gefallen will, ist schon gefallen" eher als schwülstige Sprüche-Bilder bei Facebook vermutet. Bis auf einen stetig ansteigenden Fremdscham-Faktor und gefälligen wie offenherzigen Erotik-Szenen bietet Rebers Werk wenig bemerkenswertes. Der spirituell-religiöse Überbau der Geschichte über die Befreiung und das Erkennen des eigenen Ichs und der Beschau des Begriffts Moral schwankt unkoordiniert zwischen seinen beiden Extremen hin und her. Seine Unzulänglichkeiten wirken wie der viel zitierte Unfall, bei dem man wegschauen möchte, aber nicht kann... und froh ist, wenn er am Ende angelangt ist. Autoren-Trash, bei dem Penis und Kopf gleichzeitig das Denken übernehmen; sich "viel traut" und nur geringfügig durch sein seltsames Gesamtbild geringfügig Aufmerksamkeit erlangen kann und nur für Stirnrunzeln oder Kopfschütteln sorgt.
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Mittwoch, 7. Juni 2017

Emanuela - Dein wilder Erdbeermund

Die Reise durch das italienische Machismus-Dickicht vergangener Jahrzehnte geht weiter. Wieder steht eine Frau im Mittelpunkt: nach Angelina ist nun Emanuela dran. Jedenfalls in der deutschen Version. Immerhin waren gerade zwei Jahre vergangen, als die Niederländerin Sylvia Kristel sich unverhüllt im Kinoerfolg Emmanuelle auf der Leinwand präsentierte. Auf den Fuß folgten einige Nachahmer, darunter auch die Black Emmanuelle-Reihe vom ungekrönten italienischen Schmuddelkönig Joe D'Amato. Die deutschen Kinoverleiher sorgten dafür, dass das deutsche Publikum noch einige weitere Emmanuelle-Filme sehen durften, obwohl diese in ihrer Ursprungsversion gar keine Hauptfigur mit diesem Namen besaßen. Emanuela - Dein wilder Erdbeermund ist ebenfalls von diesem Vorgehen betroffen. In der englischen Sprachfassung heißt die Protagonistin schlicht und ergreifend Carol.

Die verwitwete Carol bzw. Emanuela befindet sich mit ihrer jungen Sekretärin auf dem Weg nach Marokko, um das schwere Erbe ihres verstorbenen Mannes anzutreten. Auf dem Flug leiht sie sich das Feuerzeug eines Passagiers, der ihr auch im nordafrikanischen Land immer wieder über die Füße läuft. Peter Smart ist sein Name, dieser ist Programm und so darf Ivan Rassimov in seiner Hauptrolle an manchen Stellen den vor sich hindümpelnden Film allein mit seiner Präsenz retten. Der charismatische Mime reitet, fährt, raucht oder sitzt einfach nur in der Kulisse rum: die Coolness sitzt! Ihn führt der ununterdrückbare Reiz des schnöden Mammons nach Nordafrika. Von einem Freund eingeladen, nur mit seinem Smoking als Gepäck bewaffnet, ist Smart ein risikofreudiger Zocker wie er im Buche steht. Bei einem Pokerspiel ersteht er ein Rennpferd und - wie es der Zufall so will - besitzt Emanuela einen Reitstall mitsamt erfolgreicher Rennpferdezucht und ihre Wege kreuzen sich immer öfter.

An diesem Punkt wird Rassimovs Coolness ein kleines Problem. Seine Figur ist ein Kerl wie aus dem Bilderbuch: ein Traum, eine Blaupause, die beide Geschlechter ansprechen soll, allerdings vor allem das Abbild der Vorstellungen eines hundertprozentigen (Teufels-)Kerls alter Schule ist. Diese (klischeehafte) Kühlheit führt dazu, dass das Buhlen der Figur um Emanuelas Gunst sehr reserviert ist. Der Funke zwischen dem Italiener mit serbischen Wurzeln und der Französin Claudine Beccarie springt nicht über. Die unnahbar wirkende Frau, traumatisiert durch die speziellen Vorlieben und damit zusammenhängenden Geschehnisse um ihren toten Mann und rasend vor Eifersucht, als sich ihre Sekretärin und Affäre Anna einem jungen Burschen zuwendet, wirkt selbst dann noch kühl und distanziert, als sie sich im "großen" Finale Rassimov doch hingibt. Das Dein wilder Erdbeermund den Zuschauer trotz des exotischen Schauplatzes, interessanten Darstellern und der klassisch-pulpigen Geschichte kalt lässt, hat so einige Gründe. Neben der fehlenden Chemie zwischen den beiden Hauptdarstellern ist es Poetis sehr seichte Regie und die ereignislose Abfolge der Ereignisse.

Dem vom Fernsehen kommenden Regisseur, der seine Karriere als Regieassistent bei Ruggero Deodato begann, fehlt es an Gespür für die besonderen Momente und an Kraft. Ich zitiere Oliver Kahn: "Eier! Wir brauchen Eier!" Da es sich um eine Softcore-Produktion und einen gleichförmig mittelmäßig verlaufenden Film handelt, sieht und spürt man die vergebens. Es bleiben zwei bis drei Nebensächlichkeiten hängen, in denen man die ungehemmte Lust italienischer Filmemacher an entfesselten Unglaublichkeiten merkt. Die Rückblende, die Aufschluss über Emanuelas Trauma gibt, gehört dazu. Trotz Giancarlo Ferrando an der Kamera, immerhin Sergio Martinos Stammkameramann in dessen Gialli, ist der Film optisch ebenfalls wenig reizvoll. Hier und da blitzt ein toller Einfall auf, in der ersten Sexszene geht mit Ferrandos wirbelndem Kamerakarussell mit Close Up-Dauerschleife der Teufel durch; insgesamt ist die Fotografie dem Stil des Regisseurs gleich und sehr unauffällig und zweckdienlich.

Wild ist an Emanuela nichts. Für einen Sonntag reicht das gesehene alle mal, um im übermüdeten oder verkaterten Zustand die Zeit vergehen zu lassen. Die Erotikszenen sind - das können die Italiener wissentlich auch ganz anders - ebenfalls sehr brav ausgefallen. Selbst die damals noch weit vor ihrer politischen und Hardcore-Porno-Karriere (by the way: die hatte Hauptdarstellerin Claudine Beccarie hier schon hinter sich) stehende, junge Ilona Staller holt nichts mehr raus. Das interessanteste am Film bleibt das Frauenbild, dass er zeichnet. Die traumatisierte Emanuela, die trotz ihrer Erlebnisse bis zu einem gewissen Punkt mit Selbstbewusstsein und feministisch unabhängig dem männlichen Geschlecht gegenübersteht, wird mit ihrer nihilistischen Sicht beinahe als "FemiNazi" dargestellt und der damals immer mehr aufblühenden Feminismus abgewertet. Emanuela bewahrt sich diese Einstellung bis zum Schluss, was auch eine Erklärung für die unterkühlte Darstellung der Figur ist. Da kann dann selbst Rassimovs Übermann nicht mehr für "Heilung" sorgen und reitet gegen Ende der Dame davon, während die Brüder Maurizio und Guido de Angelis nochmal eine whiskygetränkte Männerstimme seine Liebe zu ihrem Körper über ihr anhörbares Titellied des Soundtracks wispern lassen. Der Rest ist Durchschnitt.

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Angelina - Von allen begehrt

Ich habe schon so einiges an Genre- bzw. Exploitation-Filmen gesehen, die sehr abstruse Geschichten oder Ideen boten. Das ausgerechnet ein Erotikfilm aus den 80ern der rein optisch sehr oberflächlich den typischen 80er-Stil zelebriert, allerdings auch sehr bieder daherkommt, mir die Augenbraue mehr als einmal nach oben schnellen lässt, hätte ich auch nicht gedacht. Dann kam Pietro Schivazappas Angelina - Von allen begehrt. Es ist seine Geschichte, welche den alkoholseligen SchleFaZ-Jüngern, die schon bei Ich, ein Groupie bei Twitter einen Scheißeregen auf Tele5 regnen ließen, plötzlichen Herzstillstand bescheren würde.

Angelina, dargestellt von Serena Grandi, führt ein behütetes Leben: sie hat einen Job als Aerobic-Trainerin, ist verheiratet und hat einen Hund. Der Alltag frisst die Ehe allerdings etwas auf: das Ehepaar scheint leicht nebeneinander her zu leben und auch im Bett ist eher das Standardprogramm angesagt. Als Angelina beim nächtlichen Häuserblock umschweifen mit dem kleinen Pudel die Nachbarin im Auto beim Tête-á-Tête mit einem Kerl erwischt, entdeckt sie ihre wahre erotische Leidenschaft. Weil die Nachbarin schamerfüllt davonrennt, deren Lover allerdings noch ordentlich Tinte auf dem Füller hat, vergewaltigt er Angelina in einem Hausflur. Hier bemerkt sie, dass sie es sehr erregend findet, wenn sie beim Liebesspiel vom Mann härter angepackt wird.

Um die wahre Unglaublichkeit des Stoffs aufzuzeigen, muss hier ausnahmsweise die ganze Handlung wiedergegeben und zwangsläufig gespoilert werden. Angelinas Ehemann ist von eher langweiligerer Natur und so lebt sie ihre Neigungen mit anderen Männern, meist wildfremden, aus. Bis sie vom Gatten erwischt wird. Marco, so der Name des angetrauten, trennt sich von Angelina. Zuerst bemüht sie sich, ihn zurückzugewinnen, dann - nachdem Marco merkt, dass ihm auch der Sex mit der Nachbarin nichts bringt - geht das Spiel andersrum. Hier blockt Angelina, trotz aller Bemühungen Marcos und seinem Bekenntnis, dass er mit ihr zusammen sein und mit ihr schlafen möchte. Es gipfelt in der Vergewaltigung Marcos an Angelina, was zum Happy End (sic!) führt: endlich hat Angelina das von Marco bekommen, was sie sich wünschte und zum Schluss des Films liegt man sich glücklich in den Armen.

Ich sehe den im italienischen Genrefilm immer wieder zu Tage tretenden Machis- und Sexismus meistens nicht so eng. Sicher: in der heutigen Zeit ist so etwas zu verurteilen. Aber: man sollte nicht Filme, die vor dreißig oder vierzig Jahren entstanden und aus einem völlig anderen Zeitgeist mit im Vergleich zur Gegenwart differenten gesellschaftlichen Strukturen und Gedankengut stammen, nicht mit den heutigen ethischen Standards sehen und daran geißeln. Bei Angelina fiel es mir schwer, den Kopf diesbezüglich auszuschalten. Vielleicht liegt es auch daran, dass der erzählerisch schwerfällige Film auf den ersten Blick vordergründig so unscheinbar und harmlos erscheint. Den Sexismus, den er dann abbrennt, kann man im ersten Moment eher schwer ertragen. Mit etwas Abstand entlarvt man Angelina allerdings schnell. Schivazappa, der auch den vielerorts sehr gelobten Femina ridens drehte, gelingt es nicht, in seine Geschichte Schwung oder Prickeln zu bringen. Da gleicht der gesamte Film seinem männlichen Protagonisten: beide kommen nicht aus sich raus und wirken in ihrem biederen Auftreten langweilig. Man wundert sich nicht, dass der Funke zwischen dem Paar irgendwann nicht mehr überspringt. Beim Zuschauer schafft es der Film ebenfalls nicht.

Da ist die schier unglaubliche Geschichte sogar noch das größte Highlight, wenn man nicht weiter darüber nachdenkt und sie als trauriges Relikt einer vergangenen Zeit ansieht. Mitlerweile kann ich über diese trashige, überpulpige Story nur noch lachen. Angelina - Von allen begehrt schafft es in seiner Gesamtheit eher nicht. Da bleibt das Gefühl bestehen, dass der Film sich merkbar an amerikanischen Produktionen orientiert und die Geschichte ohne große Highlights und mit wenig Gespür für erotische Momente (bei dieser - ich erwähne es hier gerne öfter - unglaublichen Story Gott sei Dank) auskommt. Direct-To-Video-Durchschnittsware, wie sie Mitte der 80er zu hauf hergestellt wurde. Selbst die mäßigeren Softsex-Streifen eines Joe D'Amato können hier im Vergleich viel mehr unterhalten. Da hilft auch nicht sein fast schon zynischer Sexismus, allen Befreiungsdarstellungen von Angelinas Sexualität zum Trotz. Im Endeffekt zeigt Angelina hier nur, dass die Frau auch hier den freien Willen der matriarchaischen Allmacht beugen muss. Ich verbuche den Film halb kopfschüttelnd, halb lachend als seltsame Fußnote des B-Films.
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Sonntag, 11. Dezember 2016

Snuff Trap - Die Kamera läuft...

Redet man über den italienischen Genrefilm und seine Regisseure, dann fallen meist auch mit wohlwollendem Ton Namen wie Mario Bava, Sergio Martino, Dario Argento, Lucio Fulci, Alberto de Martino oder Umberto Lenzi. All diese Männer haben ein gewisses Niveau in ihren Filmen - selbst Lenzi und Fulci, trotz einiger ultra-exploitativer Filme wie Die Rache der Kannibalen oder Der New York Ripper und deren Filme ab Ende der 80er ausgenommen. Wenn es um italienischen Genrefilm geht, dann hat man auch noch Männer wie Bruno Mattei. Mattei, oft mit seinem filmischen siamesischen Zwilling Claudio Fragasso unterwegs, wird oft mit Worten wie Schnellschuß, Katastrophe oder einfach (Ultra-)Trash assoziiert. Mit allem hat man auch recht, ist das Niveau in seinem Filmen doch selbst mit einem Mikroskop kaum auffindbar. Mit Die Hölle der lebenden Toten und Riffs 3 - Die Ratten von Manhattan schuf Mattei zwei kleinere (Schundfilm-)Legenden. Ersterer, weil er (vor allem mit der deutschen Synchronisation) so schnoddrig und unterhaltsam in all seiner Dreistigkeit ist, letzterer weil er wirklich eine hübsche Atmosphäre bietet und (Zitat Christian Keßler) "geil langweilig" ist.

Mattei filmte bis zum Schluss: selbst 2007, seinem Todesjahr, findet man mit Zombies: The Beginning einen Eintrag in seiner Filmographie. Über die Jahre verloren - nicht nur bei Mattei - die kleinen Filme aus der Trash-/Exploitation-Ecke durch die digitale Technik ihren Charme. Pfennigfuchsende Filmemacher wie Mattei und Co. schworen allerdings auf die leicht zu bedienende und vor allem günstige Art des Filme machens. Snuff Trap, im Jahr 2004 entstanden, kämpft auch mit der Sterilität des Mediums, obwohl diese wegen der Thematik des Films eigentlich passend wäre. Die Betonung liegt ausdrücklich auf eigentlich, denn Mattei ergreift die Gelegenheit nicht beim Schopfe, dies zu herausstechen zu lassen. Viel mehr legt er mit Snuff Trap das ab, was er wirklich gut konnte: eine dreiste Kopie eines bekannten Vorbilds. Erwischt hat es diesmal den fünf Jahre zuvor entstandenen 8MM - 8 Millimeter, den ich vor nicht allzu langer Zeit hier besprochen habe. Eine lustige Fügung des Schicksals, eröffnete sich das ganze (Trauer-)Spiel somit in all seiner Pracht. Mattei lässt hier keinen Privatdetektiv im Porno-Untergrund ermitteln, sondern Michelle, die Mutter der nach einer wilden Diskonacht entführten Lauren. Nachdem diese nicht nach Hause kommt, ermahnt der Vater zur Ruhe, junge Töchterchen machen sowas ja schon einmal gerne.

Der Vater hat allerdings auch seine politische Karriere vor Augen, die er durch so einen Skandal davonschwimmen sieht. Er stattet die Gattin mit einem stattlichen Budget von einer Millionen Dollar aus, damit diese nicht zur Polizeit geht sondern anders versucht, Lauren ausfindig zu machen. Da kommt nun ein Privatdetektiv doch ganz recht, Mattei scheint diesen beim Schreiben im Anflug von spontanter Demenz komplett vergessen zu haben. Nach einem einmaligen Besuch spielt dieser keine Rolle mehr, obwohl er den Auftrag annimmt. Dafür lernt Michelle in den weniger schönen Straßen von Paris und seinen Erotikläden Jean Luis kennen, ein Verkäufer, der sie tiefer in die Welt der leichten Mädchen und der Pornografie einführt. Er bringt sie auch zu einigen Untergrund-Märkten für spezielle Pornografie. Wie in 8MM wird hier die Existenz von Snuff verleugnet, aber Michelle schafft es mit vollem Körpereinsatz, ihre Recherche zu vertiefen und stößt auf Dr. Hades. Dies soll ein Pornoregisseur sein, der jeden Wunsch von zahlungswilligen Kunden in seinem Filmen erfüllt und der neben seinen SM-Pornos auch Snuff drehen soll.

Mattei schreckt in Snuff Trap nicht zurück, in der ersten halben Stunde seines Films zentrale Szenen von Joel Schumachers Film zu kopieren. Hier und da variiert er geringfügig, spinnt neues dazu und fährt schnell das filmische Vehikel an die Wand. Der Anfang versprüht dabei leicht den Charme alter Trasher des werten Brunos, wenn ein tumber Kerl mit wenig Aufwand Lauren zum Rummachen im Auto überredet. Ganz großer Sport wird Snuff Trap eben dann, wenn innerhalb kürzester Zeit die große Vorlage aus Hollywood abgehandelt und zusammengefaßt wird. Charmant ist das schon nicht mehr, doch diese kaltschnäuzige Dreistigkeit sucht ihres Gleichen, wenn man die Szenen in Snuff Trap mit denen in 8MM vergleicht. Einstellungen und Szenenfolgen werden nur leicht variiert fast komplett übernommen. Natürlich ist alles eine Spur kleiner, einfacher und weit weniger atmosphärisch. Das digitale Filmmaterial lässt dies ohne große Bearbeitung oder Mühe zur Sorgfalt nicht zu, wäre als Stilmittel in der Gesamtdarstellung des Films ein interessanter Aspekt für den Film gewesen. Sowas interessiert einen Bruno Mattei allerdings herzlich wenig.

Obwohl der italienische Genrefilm im Ganzen und gerade auch Mattei in der Darstellung nackter Tatsachen und Gewalt nie zimperlich waren, so ist auch das geringe Budget und der schnell dahingerotzte Charakter von Snuff Trap ausbremsend, wenn es um Schauwerte geht. Wäre Mattei in einem guten oder sehr guten Moment diese Idee gut zwanzig Jahre früher gekommen und hätte sie umgesetzt, wäre der Film im besten Falle ein schmierig-schäbiges Stück Film wie vielleicht Mario Landis Giallo A Venezia geworden. Doch bis auf einige SM-Accessoires, bestimmt direkt in den vielen gezeigten Sexshops erworben, den großen Brüsten von Hauptdarstellerin Carla Solaro und einigen sehr einfach gehaltenen Bluteffekten bietet der Film nicht viel. Viel mehr stolpert die blonde Dame auf ihrer Suche nach dem Töchterchen durch die Rotlichtbezirke der französischen Hauptstadt, was Szenen heraufbeschwört, die Anmuten, als hätten einige übermotivierte Amateurfilmer versucht in einem Schnellschnuss Robert de Niros wandeln durch das nächtliche New York in Taxi Driver zu imitieren. Hier ein Pornokino, da ein Sexshop, dann nochmal die Solaro, schon kommt die nächste Bude die in irgendeiner Weise was mit Pornographie zu tun hat. Das ermüdet, füllt aber die Laufzeit.

Schnell wird man auch als abgebrühtester Trashfilm von Snuff Trap auf die Probe gestellt, der reine Trash-Appeal geht verloren und blitzt nur dann leicht auf, wenn Anita Auer als Dr. Hades vor die Kamera tritt. Das ist entgleisendes Method Acting mit dem Mienenspiel eines Stummfilmdarstellers, der zuvor eine Palette Energy Drinks abgepumpt hat. Nach amüsiertem Gelächter über Matteis stumpfen kopieren, dem schlechten Schauspiel, wenigen unglaublichen Szenen macht sich die Ernüchterung breit. Es wird gewahr, das Snuff Trap ein runtergeleiertes Cash-In ist, um auch mit der Thematik des Snuffs einige unvorbereitere Käufer zu finden. Mattei konnte dies gut (seine oben genannten Kollegen zum Teil ja auch) schon immer gut, aber je neuer die Filme werden, desto weniger Charme können sie entwickeln. Da bleiben am Ende dann auch unnötige, unglaubliche Szenen wie Michelles Casting bei einem Pornoproduzenten, natürlich mit nackten Tatsachen für den Zuschauer verbunden, welches sie und die Handlung nicht weiterbringt, fade im Gedächtnis hängen. Snuff Trap ist dann leider doch ein Trauerspiel, trotz weniger Momente, in denen die unfreiwillige Komik für Unterhaltung bieten kann.
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Donnerstag, 19. Juli 2012

Belle de Jour

Oh la la! Die nun ein Jahr währende Ehe zwischen dem angesehenen Arzt Pierre und der etwas kühl und reserviert erscheinenden Séverine dauert nun schon ein Jahr und im großen und ganzen ist diese auch wirklich als makellos zu bezeichnen. Doch wie heißt es ja immer so schön: "Wenn das Wörtchen Wenn nicht wär..." In diesem Falle bedeutet es, dass sie junge Dame sich den ehelichen Pflichten dem Gatten gegenüber verweigert und aus lauter Angst und Scham die Nacht doch lieber in ihrem Bett verbringt. Pierre bringt dabei alle Zeit der Welt und eine äußerst große Portion Verständnis mit sich. Er wartet bis sie bereit ist und möchte sie zu nichts drängen. Der Zuschauer weiss zu diesem Zeitpunkt allerdings schon, dass er dies doch ruhig mal versuchen sollte!

Die keusche Dame verlustiert sich nämlich in so manch' deftige, sado-masochistisch angehauchte Tagträumerei. Das ihre Zugeknöpftheit allerdings auch manch andere Männer äußerst anspricht, merkt sie an Pierres Bekannten Henri. Dieser macht - wohl gemerkt in der Abwesenheit von Pierre - keinen Hehl daraus, dass er gerne mal die Laken mit Séverine zerwühlen würde. Bei dieser bringen solche Äußerungen allerdings keine Pluspunkte bei der Sympathie, bringt sie doch eh schon eine gewisse Abneigung gegen diesen auf. Trotzdem ist es ausgerechnet Henri sowie das Gerede über eine gemeinsame Bekannte, welches die Initialzündung für Séverines langsames Entdecken der eigenen Sexualität ist. Besagte Bekannte arbeitet nebenher als Freudenmädchen. Noch ist Pierres Gattin etwas geschockt von dieser Tatsache, doch die Neugier treibt sie an. Als Henri im Gespräch über diesen Verhalt eine Adresse nennt, bei der ab und an einging um den Hormonhaushalt zu regulieren, packt es Séverine.

Sie sucht diese Adresse, die Wohnung einer gewissen Madame Anais, auf. Diese empfängt sie auch mit offenen Armen und obwohl es Séverine zu Beginn noch sehr widerstrebt: nach anfänglichen Schwierigkeiten gewöhnt sie sich immer mehr an ihr verborgenes Wirken als Lustdame. Sie nimmt den Namen "Belle de Jour" an, da sie immer nur für einige Stunden am Tage ihrem Werke nachgehen kann. Auch wenn es hier und da noch etwas schwierig für sie im Umgang mit einigen Kunden der Madame ist, ist sie dennoch sehr gefragt bei diesen. Dann taucht allerdings der Kleinganove Hippolyte mit seinem jungen Kumpel Marcel auf. Letzterer beansprucht die Werte "Belle de Jour" für sich und lässt sich von ihr den Kopf verdrehen. Auch Séverine fühlt sich zu dem sehr nervösen und ab und an recht schnell aggressiv werdenden Jüngling hingezogen, was allerdings auch ein gewisses Drama mit sich zieht.

Bis Luis Buñuel in seiner Adaption des gleichnamigen Romans aus dem Jahre 1928 von Joseph Kessel dem Drama aber seinen Lauf gewährt, zelebriert er aber mit noch größerer Lust bzw. Fingerfertigkeit nicht nur die für den Regisseur bekannten Surrealitäten des Stoffs. Buñuel versteht es auch sehr schön, die Beziehung zwischen den beiden jungen Verheirateten mit sicherer Hand zu sezieren. Kennt man seine Frühwerke Ein andalusischer Hund (1929) sowie L'Âge D'or - Goldene Zeiten (1930), in Zusammenarbeit mit dem Maler Salvador Dali entstanden, ist man zuerst einmal doch sehr überrascht, wie gering hier die surrealistischen Momente doch eigentlich sind. Sind diese beiden ersten, frühen (skandalträchtigen) Werke noch durch ihre bloße Kraft ihrer Bilder wahre, wortwörtliche Trips, konzentriert sich der Meister hier lieber auf eine lineare Geschichte. Sicherlich, Vergleiche lassen sich mit seinen beiden surrealen Meisterwerken und Belle de Jour in keinster Weise ziehen. doch Buñuel baut eben solche Elemente hier, wie auch in späteren Werken ein, lässt diesen aber erst in seinem wunderbaren Das Gespenst der Freiheit (1974) wieder so richtig freien Lauf.

Konzentriert man sich also wieder auf Belle de Jour, fällt vor allem der erlesene Cast auf, über dem vor allem Catherine Deneuve thront. Ihr nimmt man zu jeder Minute diese innere Zerissenheit zwischen Keuschheit und ihren sexuellen Fantasien ab. Ihre Unsicherheit vor dem inneren Selbst, was da so vor sich hinbrodelt. Vor allem diese gewisse Angst, die sie in einer Szene auch selbst zugibt, die da vor Pierre bzw. vielleicht sogar vorm ganzen Geschlecht, die in intimeren Momenten mit dem Gatten immer wieder aufblitzt. Hier scheint eine kurze Traumsequenz, welche wie die anderen wirklich unmerklich und fließend in die restliche Handlung eingewoben ist, nur kurz Aufschluss zu geben, wieso Séverine überhaupt so tickt. Ihr kindliches Ich wird von einem strengen, nicht näher benannten Mann festgehalten und gegen den Leib gedrückt. Eine kurze Anspielung auf Missbrauch? Der ängstliche Blick des Mädchens lässt Raum für diese Interpretation. Oder es ist eben generell der strengere Umgang, der in ihrem Elternhaus geherrscht haben mag. Buñuel lässt dies außen vor.

Viel mehr schaut er hier auf die beiden Seiten, beide Fassaden der weiblichen Protagonistin. Die Angst vor der eigenen Sexualität. Ja, selbst in heute so offenen Zeiten gibt es das ja noch und bei Séverine scheint es daher zu rühren, dass ja ihre Fantasien, in die sie sich ab und an flüchtet, ja nicht die "normalsten" sind. Wenn Sexualität insoweit nie größeres Thema innerhalb des Konstrukts der Familie war, totgeschwiegen wurde und wie ein Tabu behandelt wird, können solche immens einschüchternden Fantasien zu Überforderungen führen. Im Kontakt mit den neuen Kolleginnen, der Madame selbst oder auch den ersten Kunden führt dies zur Flucht. Einer Flucht vor dieser so völlig neuen, für Séverine so bizarr ausschauenden Sache. Da rennt sie ein Stück weit auch vor sich selbst Weg. Das brave ich gegen das neugierige ich, welches aufgeweckt wurde. Welches zeigt, dass auch sie sehr wohl sexuell Aktiv sein  kann. Sie erscheint hin und hergetrieben. Gewillt, dem größten Wunsch des Gatten stattzugeben und sich nicht nur für kurze Momente in die Arme dessen zu wiegen.

Hier erkennt man, wie wenig sich die junge Frau selbst zu kennen scheint. Trotz der gewagten Fantasien, die Buñuel sehr gekonnt inszeniert. Stilsicher, nie ins Selbstzweckhafte abgleitend, wird viel gezeigt aber noch genügend dem Kopfkino überlassen. Allerdings schafft er mit der Anfangssequenz dennoch einen sehr direkten, überraschenden Einstieg. Ein klein wenig provozierte der gebürtige Spanier doch eben gerne. Er behält aber immer zum richtigen Zeitpunkt die Contenance, welche bei seiner weiblichen Darstellerin im Verlauf der Geschichte immer weiter abblättert. Der anfängliche Schock über den von Madame Anais verlangten Kuss: gegen Ende von Belle de Jour ist dies für Séverine ein Klacks. Sie hat gekämpft. Im Inneren: mit und gegen sich. Es war aber ein befreiender Kampf, an dessen Ende sie auch mit Pierre endlich im Reinen sein kann. Die Keuschheit war vielleicht nur ein kleines Stück eines viel größeren Ganzen. Zuerst muss sie sich erst selbst erkennen, mit sich im Reinen sein um so viel mehr bzw. besser zu sich selbst zu stehen.

Die geheimsten Wünsche, die da in ihr leben und draußen drängen: Pierre kann ihr hier nicht helfen. Viel zu brav und bieder giebt sich der Arzt. Wie man eben nun mal so ist, im gehobenen Bürgertum. Alle sind sie versaut, huren rum, haben Affären. Nur Pierre ist aalglatt. Buñuel bringt auch diesen Charakter schön auf den Punkt. So gut, dass Darsteller Jean Sorel immer etwas blass erscheint in seinem Spiel. Man kann es reduziert nennen. Doch Sorel kann auch anders, wie zum Beispiel im herrlichen nonkonformen Giallo Malastrana (1971). Egal ob Giallo oder eben solche feinen Charakterstudien wie Belle de Jour: Sorel ist überall gern zu Hause und gern gesehen. Doch hier bleibt er etwas hinter den Erwartungen zurück, spielt zurückhaltend, doch hier ist es etwas zuviel des Guten. Ein Totalausfall ist er natürlich nicht. So verstärkt dies allerdings auch noch das Bild zwischen ihm und seiner Ehefrau, das sich beim Zuschauer ergibt. Séverine liebt diesen Mann, doch ihre Sexualität kann er nicht erfüllen. So wenig greifbar und kantig, wie sein Charakter ist, so unbrauchbar ist dies für so eine Frau.

Nur in ihrem Fantasien darf er so sein, wie sie ihn gerne hätte. Alles andere lebt sie bei Madame Anais aus. Mit den verschiedensten Kunden. Ihre Wandlung geht langsam von statten. Langsam aber bemerkbar. Bis sie auf Marcel trifft. Dessen Darsteller, Pierre Clementi, ist bravourös darin, wenn es darum geht, exzentrischen Figuren Leben einzuhauchen. Der leider schon verstorbene Pariser war sich wie Kollege Sorel auch nie zu Schade für Genreproduktionen und brilliert u. a. im italienischen Thriller Der Todesengel (1971), welcher sichtlich von Hitchcocks Der Fremde im Zug (1951) beeinflußt ist. Sein Marcel scheint Séverine letztendlich vollends zum Erblühen zu bringen, obwohl er so jemand ist, vor dem Mütter ihre Töchter immer warnen. Ein verwegener Bursche, undurchsichtig, impulsiv. Gerade solche harten Hunde haben aber eben eine große Wirkung auf manche Frauen. Somit ist diese Figur auch ideal geeignet, um dem Stoff noch eine gewisse dramatische Neigung zu verleihen. Wobei Buñuel hier im Finale aber auch viel Schabernack treibt und sehr gut mit den Traumsequenzen spielt. Es ist nicht mehr wirklich eindeutig erkennbar, was sich nun überhaupt in Séverines Fantasie abgespielt hat und was nicht.

Es bleiben Spekulationen und selbst der Regisseur gab einmal zu, dass er selbst das Ende seines Filmes nicht richtig versteht. Dabei kann man nicht mal sagen, dass er sich übernommen hat mit dem Stoff. Geradezu filigran wird hier die Geschichte um die sexuelle Erfüllung einer Frau gesponnen, die sich ausgerechnet als Prostituierte ausleben kann und zu sich selbst findet. Aber wieso auch nicht. Séverine ist immer bedacht, einen Skandal in ihren Kreisen zu vermeiden, kommt im schwarzen Dress und mit Sonnenbrille zur Arbeit, um eben nicht erkannt zu werden. Sicher: in solchen Kreisen wäre ein Skandal bei Bekanntwerden unvermeidbar. Aber: das Gerede um die Bekannte zu Beginn scheint diese auch nicht zu stören? Buñuel kratzt hier auch noch etwas das gehobene Bürgertum an bzw. die generelle moralischen Vorstellungen der damaligen Zeit. War er da schon einer derjenigen Personen, die man heute "open minded" nennen würde?

Anders als Kollege Chabrol, welcher auch gerne kreissägenmäßig und trotzdem auf den Punkt das gehobene Bürgertum mit all seinen großen und kleinen Verlogenheiten sezierte, setzt Buñuel auf leise Töne. Gibt der Geschichte den Vorzug, hält sich selbst und auch den moralischen Zeigefinger im Hintergrund. Der von Michel Piccoli dargestellte Henri ist auch so ein Freigeist, der sehr offen mit seinen Neigungen umgeht. Zu Beginn wird er deswegen von Séverine noch als "Pervers" bezeichnet. Obwohl sie selbst durch ihren Hang zum Masochismus, gerade zur damaligen Zeit (der Film enstand 1967) doch auch "pervers" veranlangt ist. Aber das das schöne. Der Film verurteilt nicht. Und: Belle de Jour bleibt auf das nötigste reduziert. In schönen, aber nicht zu aufdringlichen Bildern erzählt man hier und selbst der Verzicht auf einen Soundtrack ist nicht im geringsten verwunderlich bzw. störend. Belle de Jour funktioniert wunderbar. Wirkt eher wie ein Sittenbild, mit schönen surrealistischen Elementen angereichert und meist wirklich gut agierenden Darstellern versehen.

Vor allem ist es ein sehr toller Film eines außergewöhnlichen Regisseurs, der gerade durch seine Reduziertheit und Aufgeräumtheit glänzen kann. Belle de Jour ist klassisches Erzählerkino, der mit seiner Geschichte und dem langsamen Stil nicht jedermanns Sache in der heutigen, so schnelllebigen Filmzeit sein dürfte. Wer aber auch mal schön ausgereifte Charakterstudien nicht abgeneigt ist, der sollte sich sofort dem Charme dieses Films ergeben und mit Luis Buñuel auf eine Reise in die "Abgründe" und Fantasien einer Dame gehen. Diese lohnt sich ungemein und gibt gerade durch sein sehr offenes und schlicht und ergreifend (schön) verworrenes Ende immer wieder Gelegenheit, sich diesen nochmals anzuschauen. Ein ganz großer Wurf!
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Montag, 12. Oktober 2009

Byleth - Der Dämon mit den blutigen Fingern

Nach gut einem Jahr kehrt Barbara zurück in ihr Elternhaus, in dem schon sehnsüchtig ihr Bruder Lionello auf sie wartet. Die beiden Geschwister verbindet etwas besonders und die Liebe zu einander ist nicht nur rein platonischer Natur. Doch die Rückkehr seiner Schwester stellt Lionello vor eine harte Probe, ist sie doch mittlerweile seit einiger Zeit mit dem galanten Giordano verheiratet und weißt seine Zuneigung zurück. Zutiefst von ihr gekränkt, begegnet er auch dem Schwager von nun an sehr reserviert. Als wäre dies noch nicht genug für das ohnehin sehr sensible Nervenkostüm Lionellos, wird ein Dienstmädchen in ihrem Zimmer ermordet. Der Richter des nahegelegenen Ortes stellt bei seinen Ermittlungen fest, daß Parallelen zu einem Mord an einer Prostituierten bestehen, was die Ausführung der Tat und die Mordwaffe angeht. Zur Ablenkung Lionellos lädt Giordano seine Cousine ein um sie mit ihm zu verkuppeln und gibt diesem auch noch zu Ehren ein Fest, bei dem Barbara per Zufall die Theorie des örtlichen Geistlichen zum Mord mitbekommt. Er geht davon aus, daß Byleth, ein alter Dämon, für die Morde verantwortlich ist. Dadurch wird sie an einen alten Vorfall aus Kindertagen erinnert, bei dem sie ihren Bruder mit Schaum vor dem Mund auf dem Boden liegend vorfand und eben diesen sonderbaren Namen vor sich hinmurmelte. Seine Schwester stellt sich dadurch nun die Frage, ob Lionellos seltsames Verhalten wirklich nur durch die Umstände des Mordes herrühren, oder ob er von dem Dämonen besessen ist.

Seltsam ist dabei auch ein treffendes Wort um den ersten Eindruck zu Byleth zu beschreiben. Nicht uninteressant, allerdings auch nicht wirklich packend oder spannend spinnt hier Regisseur Leopoldo Savona eine Geschichte zwischen mit allerlei Nuditäten versehenem Inzestdrama und seichtem Okkulthorror. Dabei geht Savona sogar so weit und läßt den Film mit einer Szene beginnen, die auch aus einem waschechten Giallo hätte stammen können. Dabei hätte sich der eher mit Italowestern vertraute Regisseur etwas mehr für eine Stilrichtung entscheiden sollen, ist die in Byleth vorherrschende Mischung der Genreversatzstücke nicht gerade ausgewogen. Es ist ein behäbig erzählter Film, der nicht wirklich in die Pötte kommen mag. Die Geschichte versickert in einer trüben Grube voller Langeweile, da die verschiedenen Elemente der Genre nur Ansatzweise vorhanden sind, sich allerdings nicht ein einem Genre vertieft. Um auch dem damaligen, voyeuristischen Bahnhofskinopublikum gerecht zu werden, bleibt Savona mit seinem Stoff vor allem auf der erotischen Ebene hängen.

Der Regisseur, 1922 in Lenola geboren, begann seine Karriere Ende der 40er Jahre mit einer Rolle in der US-Serie Studio One, wechselte allerdings bald hinter die Kamera und trat nur noch gelegentlich vor diese. Er hatte schon einige Jobs wie Choreograph, Produktionsmanager oder auch schon Drehbuchautor inne, als er damit begann, Regieassistent zu werden. Hier waren schon längst die 50er Jahre und die Zeit des Neorealismus angebrochen, so daß Savona an Werken wie Die freudlose Straße, Frauen und Wölfe oder Liebe, Frauen und Soldaten mitwirkte. Der bekannteste Film in seiner Zeit als Regieassistent dürfte dabei der 1961 entstandene Accatone - Wer nie sein Brot mit Tränen aß von Pier Paolo Pasolini sein. Kurz darauf wechselte er selbst auf den Regiestuhl und bewegte sich fortan eher in seichteren Gewässern. Die Hochphase seines Schaffens ist dabei mit der des Italowesterns verbunden, machen diese doch die meisten Einträge in seiner Filmographie aus. Hier war er unter anderem für solche Werke wie Spiel dein Spiel und töte, Joe, El Rocho - der Töter oder Pizza, Pater und Pistolen verantwortlich. In letzterem arbeitete er auch schon mit dem Hauptdarsteller seines Byleth zusammen: Mark Damon. Der Amerikaner hüpfte auch von Genre zu Genre und zählt zu seinen bekanntesten Filmen den Giallo Sieben Jungfrauen für den Teufel, den Italowestern Ringo mit den goldenen Pistolen und der in seinem Heimatland entstandenen Poe-Verfilmung Die Verfluchten von Roger Corman.

Der charismatische und wohl auch bei der Frauenwelt sehr gern gesehene Amerikaner ist es dann auch, der Byleth über weite Strecken der Laufzeit trägt. Nicht nur, daß er seine Filmpartnerin Claudia Gravy überaus gekonnt anschmachtet, auch sein nicht ganz stramm sitzenden Schräubchen in der Oberstube bekommt er zwar mit etwas Overacting, aber dennoch recht gut hin. Doch Damon allein schafft es auch nicht, gegen die ständig vorherrschende Belanglosigkeit anzukämpfen. Byleth ist von vorne bis hinten unspektakulär, bietet dafür aber eine unheimlich dichte Atmosphäre die auch schon durch die gesamten Settings sehr stark an die Hochzeiten des Gothic Horrors erinnert. Zusammen mit dem sich wunderbar in den Hintergrund einfügenden, leicht folkloresken Soundtrack von Vasil Kojukaroff, der leider seine einzigster ist, schwimmt der Film schon nahezu in einer wunderbar entrückten Stimmung. Gerade in Szenen mit Damon und Gravy, die sich mit der verbotenen Liebe zwischen den Geschwistern beschäftigen, wirkt dies sogar angenehm schwülstig. Es scheint, als wäre die Geschichte für Savona Nebensache und er wolle nur mal einige schön ausgeleuchtete Szenen verbunden mit eben dieser dichten Atmosphäre schaffen.

Doch während andere Kollegen damit sogar die dünne Story ihrer Filme vollkommen vergessen lassen und trotzdem lobende Worte für ihre Werke bekommen, reicht dies für Savona nicht ganz. Schöne Bilder und eine tolle Stimmung sind eben nicht alles und wenn man die ganze Spannung lieber vor der Tür läßt, als sie doch mal kurz rein zu bitten, so rächt sich dies. Zwar ohne irgendwelche Längen auskommend, stimmt die Erzählrhythmik von Byleth nicht wirklich. Für einen Giallo bietet er außer der Eingangssequenz viel zu wenig an typischer Thriller- bzw. Krimistory. Auch der Horror ist eigentlich nur mal kurz auf einen Sprung da, wird doch auch der Bezug zu titelgebenden Dämon sehr spät hergestellt. Bleibt die Erotik, welche wohl auch den damaligen deutschen Verleih dazu bewog, den Film unter dem Titel Trio der Lust in die bundesdeutschen Lichtspielhäuser zu bringen. Wobei: selbst wenn die stilvoll eingefangenen, nackten Frauenleiber überwiegen, so richtig passend ist dieser Name auch nicht wirklich. Die suggerierte Menage a troi kommt so nicht wirklich vor und die Lust mag sich ebenfalls nicht einstellen. Auch wenn bei weitem nicht so schlimm wie die räudigsten (S)Exploitationfilme, bleibt es hier eher schundig trotz gewissem (Pseudo-)Niveau.

Es fehlt einfach an Pepp und Schwung und einigen Spannungselementen. Auch einige Wendungen innerhalb der Geschichte hätten Byleth bestimmt gut getan, verläuft diese doch ohne wirkliche große Überraschungen und so benötigt man relativ wenig Hirnschmalz um auf die Auflösung zu kommen, die dann auch recht abrupt eintritt und urplötzlich ist der Film dann auch schon zu Ende. Das kommt dann ein wenig zu ruppig, stört dann allerdings auch nicht weiter. So bleibt man ein wenig Zwiegespalten was den Gesamteindruck angeht, zurück. Eigentlich ist der Film nicht mehr als guter Durchschnitt, kann allerdings durch seine detaillierte Ausstattung und seiner schönen Atmosphäre und dem sehr hörenswerten Soundtrack gefallen. Byleth scheint sich am ehesten für einen langweiligen, gemächlichen Sonntag Nachmittag zu eignen, besitzt dieser doch ebenso diese beiden Eigenschaften.
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