Film ist Wahrheit, 24 Mal pro Sekunde. Tagebuch. Meinungen. Filmstoff.

Samstag, 20. April 2019

Our Evil

Wenn amoralische Taten sich zur Rettung des eigenen Kindes von vornherein ausschließen, diese allerdings als letzter Ausweg wahrgenommen werden und keine andere Rettung möglich zu sein scheint, wie weit würde man als Elternteil gehen? Eine sperrige Frage, gleichzeitig Kern des Debütfilms von Samuel Galli. Seinen Protagonisten Arthur zeichnet er als vom Leben erschöpften, sich durch dieses watenden, verschlossenen Mann. Erst zusammen mit seiner Tochter erlebt man ihn von einer anderen, durch und durch gütigen und liebevollen Seite kennen. Was ihn dazu trieb, im Darknet mit dem Menschenhasser Charles einen Auftragskiller zu engagieren, lernen Zuschauer wie letzterer erst, als der Honorarmörder via Passwort Zugriff zu einem alles erklärenden Video erhält. In diesem offenbart Arthur die unglaubliche Last, die auf seinen Schultern ruhte.

Dies eröffnet Regisseur wie Autor Galli die Möglichkeit, übernatürliche Momente in die zuvor in düsteren, realistischen Tönen gehaltene Geschichte einzubauen. Das Schicksal Arthurs ist kein leichtes und wird in einer ausgiebigen Rückblende in einer Art erzählt, die seiner Wahrnehmung der eigenen Bestimmung als schleichende Qual gleicht. Galli tischt viel auf; vage gleicht Our Evil zu Beginn nüchtern-analytischen Serienmörder-Filmen, bevor er mit der zweiten Hälfte das Tor für Geister und Dämonen öffnet. Selbst einen Exorzismus bekommt er in seine Geschichte unter. Sehr wohl wichtig für die weitere Geschichte, bleibt der leichte Eindruck bestehen, dass Galli absichtlich das Erreichen des finalen Twists hinauszögert. Das hält den angenehm zurückhaltenden Erzählfluss der ersten Hälfte unnötig auf. Zum Finale wird förmlich geschlichen.

Die dort offenbarte Wendung erweist sich auf den ersten Blick höchst moralisch. Der im Entstehungsland Brasilien und seiner Gesellschaft verwurzelte Katholizismus tritt mit der Vertretung, dass schlechte Menschen ein ebenso schlechtes Schicksal ereilt, in Erscheinung. Die begangenen Taten Charles' - äußerst unangenehm durch sein "Werbevideo", welches schonungslos die brutale Tötung einer Frau zeigt und einem außer Kontrolle geratenen Tête-á-Tête mit zwei Frauen, die Charles in einer Bar kennenlernt, geschildert - prädestinieren ihn dazu, auf diese Weise verurteilt zu werden. Arthurs Handeln, um Erlösung zu gelangen und zeitgleich seine geliebte Tochter vor einer schrecklichen Zukunft zu bewahren, erscheint zur gleichen Zeit, betrachtet mit christlichen Werten, bitter und doppelmoralisch.

Wie weit Gutes/gut gemeintes gleichzeitig böse, ebenso negativ und amoralisch sein kann, arbeitet der Film bemüht heraus. Galli hinterfragt in seinem Script diese Scheinheiligkeit des christlichen Glaubens. Gleichzeitig damit auch Genrefans zu befriedigen, gelingt ihm mit Our Evil nur bedingt. Seine Prämisse ist gut gemeint, scheitert dabei daran, zu viel auf einmal zu wollen. Die minimalistische Struktur des Films in der ersten Hälfte steht diesem recht gut, bevor die Geschichte in der zweiten Hälfte zerfasert. Unnötige Füllszenen - darunter surreal gestaltete Unterredungen mit einem traurigen Clown - lassen Our Evil unnötig pseudophilosophisch wirken. Gallis Landsmann José Mojica Marins und sein Alter Ego Zé do Caixão bewiesen schon vor Jahrzehnten, wie man gekonnt und sehr einfach fragwürdige Moralen entlarvt und gleichzeitig blutrünstigen Horror auf die Leinwand zaubert. Dank seiner nüchternen Stimmung und der größtenteils okay umgesetzten Grundidee ist Our Evil ein durchaus sehenswertes Debüt.



Donnerstag, 4. April 2019

Friedhof der Kuscheltiere (2019)

Nach dem Erfolg der Neuverfilmung des Stephen King-Romans Es war es so vorhersehbar wie viele Horrorfilme dies sind, dass King und seine Werke von den Majors wiederentdeckt werden. Bevor nun im über die Jahrzehnte beachtlich angewachsenen Œuvre des Schreibers die kleinen, unbekannteren Stories verwurstet werden, bietet es sich trefflich, die einem weniger in der Phantastik verwurzelten Publikum bekanntesten Werke erneut aus dem Schrank zu zerren. Nach der erneuten Auferstehung von Horrorclown Pennywise kruschte Paramount in seinem Rechtestock Friedhof der Kuscheltiere hervor, dessen erste Verfilmung meiner Meinung nach zu den besseren King-Verfilmungen gehört. Trefflich kann man sich nun darüber streiten, ob die 2019er-Version des jungen Regie-Duos Kevin Kölsch und Dennis Widmyer nun ein Remake oder eine Neuverfilmung ist.

Bei Buchverfilmungen bekomme ich leichte Bauchschmerzen, wenn das Wort Remake benutzt wird. Die filmische Umsetzung einer literarischen Vorlage kommt meinen Augen einer Interpretation der geschriebenen Erzählung gleich, da hier diese in das Korsett der zeitlichen Vorgaben bzw. Vorstellungen des Mediums Films gequetscht wird. Die narrative Struktur eines Buchs und die Elemente einer Geschichte kann die schreibende Kraft dahinter mehr ausschmücken, detaillierter zu Werke gehen, als es bei Produktionen im Film der Fall ist. Alleine aus produktionstechnischen und zeitlichen Gründen müssen - leider - Handlungsstränge gekappt werden. In der Umgestaltung der Dramatik für die Übertragung in den Film beginnt meiner Meinung nach schon die Interpretation der literarischen Grundversion; auch wenn es einem persönlich nicht gefallen mag, was im Endeffekt die Autoren und/oder die Regie daraus gemacht hat.

Kölsch und Widmyer, welche mir mit ihrem vorzüglichen Starry Eyes zum ersten Mal aufgefallen sind, haben mit der Neuverfilmung von Friedhof der Kuscheltiere eine auf das gegenwärtige, jüngere Zielpublikum zugeschnittene Version abgeliefert. Wenig lässt zu Beginn darauf schließen, dass man den King-Klassiker komplett umgekrempelt hat. Der mit seiner Frau Rachel und den beiden Kindern Ellie und Gage aufs Land gezogene Arzt Louis wird weiterhin von Visionen geplagt, in denen ihm der unter seiner Hand verstorbene, durch seinen Unfall entstellten Victor Pascow den Ratschlag gibt, "die Grenze nicht zu überschreiten". Was Pascow damit meint, lehrt ihm Nachbar Jud, als diese den von Ellie geliebten Church, die Katze der Familie, nicht auf dem zum Grundstück der Familie gehörenden, seit Generationen bestehenden Tierfriedhof, sondern weit dahinter, auf altem Indianerland begraben. Die dort waltenden Kräfte lassen dort bestattete Lebewesen wiederauferstehen. Allerdings stark verändert. Die Entscheidung Louis', einen schweren Schicksalsschlag nicht hinzunehmen sondern entgegen der Warnung Juds, nochmal die unheimlichen Kräfte des Indianergebiets in Anspruch zu nehmen, führt zu einer schrecklichen Wendung nach seinem sehnlich herbeigesehnten Wiedersehen mit einer geliebten Person.

Das Script der Autoren Jeff Buhler und David Kajganich variiert zu Beginn wenig. Das Build Up erfolgt, angepasst an die Sehgewohnheiten des jüngeren Publikums, schneller als in der ersten Verfilmung. Die dichte Atmosphäre, das bekannte wie liebgewonnene, ländliche Kleinstadt-Feeling, das in guten King-Verfilmungen mitschwingt, suggeriert dem Zuschauer eine heile Welt. Diesen damit einlullend, durchbrechen die Traumata der erwachsenen Personen die heimelige Stimmung. Ist es Pascow, der Louis in manchen Momenten plötzlich heimsucht, ist es die verstorbene Schwester Zelda bei dessen Frau Rachel. Wurde dies im ersten Teil mit einer kurzen, punktgenau schockenden Rückblende kurz abgefrühstückt, nimmt dies in der Neuverfilmung mehr Raum ein. Kings Prämisse, mit dem plötzlichen Tod einer geliebten Person umgehen zu müssen und den Wunsch, das frühe Ableben ungeschehen zu machen, schwer kämpfend mit dem loslassen (müssen) des Menschen, wird im Gegensatz zur 89er-Version mehr Raum geschenkt. Wieso Zelda dabei leider in ihrer Darstellung zu einer entfernten Verwandten von asiatischen Filmgeisterfrauen á la Sadako oder Kayako gemacht werden musste, bleibt diskussionswürdig.

Das unter Rachels Oberfläche schwelende Trauma erklärt ihre Probleme und Verdrängung des Tods im familiären Kosmos, bleibt für die Story zugleich Lieferant schaler Jump Scares. Weit mehr schießt das Script wie der Lastwagen in der traurigen Schlüsselszene über das Ziel hinaus, wenn die zweite Hälfte beginnt. Variationen in der Ursprungsgeschichte sind, wurde ein Buch bereits verfilmt, erwartbar und unvermeidbar, bevor aus dem Gesamtwerk eine unnötig empfundene Kopie einer früheren Verfilmung wird. Fast ängstlich vor neuen Nuancen, folgt das Script Lamberts Film um die ähnlich aufgebauten Szenen aus diesem zu variieren. Das die größte Änderung aus Friedhof der Kuscheltiere einen Killer Kid-Terrorfilm strickt, ist mutig und funktioniert bis zu einem gewissen Grad. Der behutsame Aufbau der Story wird über den Haufen geworfen für ein Katastrophen-Setting mit schlimmsten Ausgang für die Protagonisten. Die Downward Spiral, in der sich Louis befindet, schleudert diesen mit großem Tempo in die Verdammnis des eigenen Leidens. Der Staub auf dem Storygerüst wird mit dem Zuschauer aufgerüttelt.

Die letztendliche Pointe ist die Krönung einer für den bisherigen Aufbau unpassend erscheinenden zweiten Hälfte, die manchmal wie ein Zugeständnis an die angepeilte Teen-Mainstream-Zielgruppe wirkt. Alles aufgebaute wird brachial in Trümmer gehauen; ein Mittelfinger des New Horror, deren Vertreter Kölsch und Widmyer eigentlich zu den besseren zählen, gegenüber klassisch-moderner Horrorliteratur eines Stephen King. Richtig steht dem Duo dieses Bild nicht. Sie werden zu Handlangern eines Scripts, dass seine gekonnt aufgebaute Geschichte und den darin herausgearbeiteten Kampf seiner Figuren mit der Unausweichlichkeit des Todes mit Füßen tritt, um dies als innere Revolution zu feiern. Lediglich ist dies wie bei Louis der Übertritt einer unsichtbaren Grenze in das Gebiet derer, die gut aufgebaute Geschichten mit wenig schlechten Entscheidungen zum Einsturz bringen können (ergo dürfte demnach dort auch ein Rob Zombie anzutreffen sein). Schade für die gelungene erste Hälfte, die - wie es Es tat - das besondere King-Feeling gut in die Neuzeit transportieren konnte. Das ist durchaus sehenswert, schmälert aber die während des Films beim Zuschauer aufgebauten Erwartungen so unversehens, wie der Tod manchmal geliebte Menschen aus dem Leben reißt.

Dienstag, 2. April 2019

Alita: Battle Angel

Noch regiert uns - trotz foranschreitend schneller Entwicklung und Digitalisierung - die Technik nicht zur Gänze. Die über den Globus verteilten Techlabore dringen mit ihren künstlichen Intelligenzen in neue Dimensionen vor, was die sprachgesteuerte Damen á la Alexa z. B. für den faulen Filmfan und bequemen Dauerkunden von Jeff Bezos' Milliarden-Unternehmen dutzendfach überholt erscheinen lässt. In dunklen, muffigen Kammern oder alternativ weiß durchfluteten Quasi-Influencer-Showrooms fragen sich derweil einige Männlein und Weiblein, ob Androiden von elektrischen Schafen träumen oder nicht. Derweil macht sich nicht nur die ganze Menschheit offensichtlich der Technik untertan. Darunter Robert Rodriguez, der es mit seinem neuesten Film schafft, dass Besprechungen seiner Filme durch die ständig wiederholenden Mängel seiner Werke beinahe obsolet werden.

Nach seiner Comic-Verfilmung Sin City (hier besprochen) muss nun ein Manga durch den Blockbuster-Drehwolf der Traumfabrik gequetscht werden. Der bereits 1991 erstveröffentlichte Comic wird durch die Feder James Camerons zu einer Quintessenz des über die Jahrzehnte gewachsenen Universums einer postapokalyptischen Welt, in der das Cyborgmädchen Alita von einem im  Standardschauspielprogramm durch den Film wandelnden Christoph Waltz in Frankenstein-Manier aus vom Schrottplatz aufgesammelten Teilen zusammengeschraubt und belebt wird. Vollkommen funktionstüchtig, nur der Erinnerung an die Vergangenheit beraubt, lernt das Alita getaufte Mädchen durch ihren "Vater" Dr. Ido die Welt kennen. Aufgeteilt ist diese in die durch den Großen Krieg einzige verbliebene Stadt auf dem Erdenrund selbst, Iron City, einem unruhigen, überkochenden Schmelztiegel und Salem, der letzten schwebenden Stadt, die den Privilegierten vorenthalten zu sein scheint.

Mehr die von James Cameron als (Mit-)Autor und Regisseur Rodriguez geschaffene Welt und ihre Details vermag den Zuschauer bei der Stange zu halten, als die Geschichte selbst. Das World Building präsentiert ausgiebig und mit viel Liebe zum Detail das dystopische Universum von Alita: Battle Angel mit seiner von Cyborgs und Menschen gleichermaßen bewohnten, randvoll gefüllten Stadt. Sie beherbergt die gutmütigen wie Dr. Ido, seine Assistentin, den mit verwegenen Bubi-Charme ausgestatteten Hugo und die unheimlichen, wie den Kopfgeld-Jägern, Hunter-Warriors genannt, welche teilweise offizielle Gesetzes-Vertreter sind, dieses manchmal um ihre eigenen Vorteile bedacht, verbiegen oder Vector, dem zwielichtigen Veranstalter von Events des angesagten Sports Motorball. Die in der Geschichte des Films vereinten ersten vier Bände des Mangas lassen einen umfassenden Blick auf das bunte wie düstere Treiben in der Metropole und der Welt Alitas zu. Merklich darauf ausgelegt, ein neues Franchise einzuführen, fühlt sich die filmische Origin-Story wie ein gehetztes abarbeiten verschiedener Meilensteine an.

Technisch beeindruckend, mit großen Aufwand betriebene CGI-Animationen für Hauptfigur Alita, für die Schauspielerin Rosa Salazar u. a. mit zwei Gesichtskameras aufgezeichnet wurde, um diese so lebendig wie möglich erscheinen zu lassen, lassen Cameron und Rodriguez ihrer Geschichte wenig Luft zum Atmen. Der Glaube an die Macht der Illusion, das Vertrauen auf die Technik, lässt das vermissen, was vielen Rodriguez-Filmen fehlt: Emotion und Seele. Propagiert die Heldin des Films, nachdem sie in Fragmenten ihrer Vergangenheit auf die Spur kommt, für ein Zusammenarbeiten von Mensch und Maschine bzw. Cyborgs mit einer emotionalen Ansprache im Treffpunkt der Hunter-Killer, macht sich der texanische Regisseur der Technik untertan, mehr noch: zum Sklaven. Waren seine früheren Werke von durchaus lässiger, umgarnender Coolness geprägt, ging dem späten Rodriguez in der Konzentration auf die Vorzüge des Offensichtlichen jegliche Emotionalität flöten.

Das bremst den sehr guten Sin City auf dem Weg zu einem modernen Meisterwerk aus und auch Alita: Battle Angel krankt daran. Die sorgsam herausgearbeiteten Einflüsse der Vorlage lassen den Film in seinem Storytelling austauschbar werden. Die erkennbaren Versatzstücke werden abgehakt wie es der Film in seiner Erzählstruktur mit den jeweiligen Milestones der Gesamtgeschichte macht. Bedauerlicherweise kann man auf potenzielle Sequels vergebens warten. Der eher als Flop eingestufte Kinofilm scheint langsam auch dem Blockbuster-Publikum die Augen zu öffnen, dass bis auf das interessante Drumherum Alita: Battle Angel an chronischem Blockbusterstandardismus leidet und wenig dafür tut, die interessante Vorlage adäquat umzusetzen. Robert Rodriguez sollte seinen Filmen mehr Seele schenken und weniger darauf vertrauen, dass die Technik das meiste schon macht. Ironischerweise ist in der Zeichnung der Figur Alitas am menschlichsten, während Figuren wie Ido und Vector sowie deren Darsteller Christoph Waltz und Mahershala Ali gnadenlos verschenkt werden. Da hätte viel mehr drin sein können.

Samstag, 23. März 2019

Swimming Pool - Der Tod feiert mit

Manchmal ist die Abneigung einiger Filminteressierter gegenüber deutscher Filme (fast) verständlich. Neben der "kopflastigen Scheiße" des Autorenkinos scheint es nur leichte Kost bestehend aus krachend brachialer Comedy oder zähflüssige Romantiksauce, häufiger aus der Tratorria Schweiger stammend, zu geben. Muten letztere häufiger als Abklatsch der ebenso meist nervigen RomComs aus der Traumfabrik an, winken viele (Hardcore-)Horrorfans ab, wenn sie erfahren, dass ein Genrefilm aus Deutschland stammt, anstatt mal ihre Scheuklappen abzunehmen. Häufiges Argument ist, dass die hiesigen Filmemacher nur schlecht kopieren können. Junge, frische Filmemacher strafen in den letzten Jahren diese Aussagen lügen. Wobei man dort angeblich wieder das als urdeutsche Eigenart ausgemachte Problem der verkopften Herangehensweise hat.

Auf der anderen Seite der Medaille gab und gibt es im Mainstream der überschaubaren deutschen Kinolandschaft Kopien amerikanischer Erfolgsfilme. Als Wes Craven seinen ironisch gefärbten Meta-Schlitzer Scream auf das Publikum los ließ und in den ausgehenden 90ern und beginnenden 2000ern eine neue Slasher-Welle auslöste, wollten auch deutsche Kinoproduzenten sich am Horror für das überwiegend jugendliche Publikum versuchen. Der 2001 entstandene Swimming Pool, stilecht mit einem für deutsche Verleihs üblichen, einfallslosen Untertitel versehen, tarnt sich in angeblicher Internationalität. Der Cast vereint Darsteller aus Deutschland, Großbritannien und den USA. Darunter der damals noch Haare besitzende James McAvoy als grinsendes Nebenrollen-Opfer, lange vor seiner Hollywood-Karriere als junger Professor X in der zweiten Zeitlinie des X-Men-Franchise.

In Swimming Pool gehört zu einer Clique, welche auf einem internationalen Internat in Prag frisch das Abitur bestanden hat. Da den reichen Kids die offizielle Abschlusssause zu langweilig ist, plant Rudelsführer Gregor eine geheime Party in einem Schwimmbad. Nach dem ohne Komplikationen verlaufenden Einbruch lassen es sich die Kids wie man es aus dem Subgenre kennt mit reichlich Alkohol, gelöster Stimmung, wenig Textilien am gut gebauten Körper und gesteigerter Libido gut gehen. Dunkle Wolken ziehen erst auf, als sich das Wasser mit Blut vermischt und ein Rich Kid nach dem anderen ins Gras beißt. Ein Mörder befindet sich in den Reihen der Jugendlichen, die im versehentlich abgeriegelten Schwimmbad um ihr Leben kämpfen während draußen ein abgehalfteter Kommissar einen Mord untersucht, der mit den Bluttaten im Bad in Verbindung stehen könnte.

Ihre Hausaufgaben haben die Macher des Films schon aufmerksam gemacht. Swimming Pool orientiert sich überdeutlich an den Erfolgsfilmen der damaligen Zeit, zeigt privilegierte Jugendliche zwischen Altersgruppen- und First World-Problems, die wie in Slashern aus dem Amiland schablonenhafte Charaktere sind, die einzig deswegen existieren, um ihrer Existenz beraubt zu werden. Geleckte Bilder sollen den überwiegend in Tschechien gedrehten Film als teures A-Produkt verkaufen, während der Soundtrack es den US-Vorbildern gleich tut und aus Pop-Punk und Alternative Rock besteht. Dort tauchen neben der damals erfolgreichen Crossover-Truppe Guano Apes auch die erst bekannt werdenden Donots auf, deren erster Hit "Whatever Happened To The 80s" einen netten wie kurzen Flashback in die eigene Jugendzeit bietet.

Apropos Flashback: der gleichnamige Film, ebenfalls ein aus Deutschland stammender, ein Jahr früher entstandener Slasher, hat im direkten Vergleich mit Swimming Pool die Nase vorn. Beide Filme vereint die überdeutliche Orientierung an den US-Slashern der beginnenden 2000er, wobei Flashback weniger amerikanisiert wie Swimming Pool anmutet. Nicht zuletzt durch die Location wirkt der zum Vergleich herangezogene Film deutscher und besitzt deutlich mehr Drive und (positiven) Trash-Appeal. Um wenigstens ein durch die Thematik des Films sich anbietendes, flaches Wortspiel zu bieten, kann man Boris von Sychowskis Film attestieren, dass er nicht komplett absäuft. Technisch einwandfrei auf die Leinwand gezimmert, verkommt er leider zu einer einfallslosen Kopie, die selbst das im Subgenre häufig auftretende löchrige Drehbuch mit sich bringt. Das vom Verleih anvisierte jugendliche Publikum sollte, anders als Gorebauern und Splatterkiddies, nicht davon abgeschreckt werden, dass sie in einem deutschen Horrorfilm sitzen und mit dem gelöhnten Obolus die Kassen klingeln lassen. Das führte zu einem identitätslosen Film, der meist dann ganz okay funktioniert, wenn der mit austauschbarer Maskierung ausgestattete Killer in Erscheinung tritt, bevor er wieder im - Wortspiel ahead - Durchschnitt planscht.

What The Waters Left Behind

Am 10. November 1985 ging Villa Epecuén unter. Stark anhaltende Regenfälle ließen den nahegelegenen See über die Ufer treten und letztendlich die Rückhaltewand der spärlichen Lehmdämme brechen. Die Bewohner des kleinen Ortes flüchteten so schnell sie konnten, während die Fluten des gestauten Sees die Stadt verschwinden ließ. Videoaufnahmen dieser Tragödie eröffnen den argentinischen Horrorschocker What The Waters Left Behind, dessen Titel auf die letzten Jahre anspielt. 2009 zog sich das Wasser nach und nach zurück und legte die Ruinen von Epecuén frei. Surrealistisch mutete das Bild der Trümmer dieser Geisterstadt an: wie das vom Ausbruch des Vesuv überraschte Pompeii stellt der verwüstete Ort und sein Umland ein Zeitzeugnis dar: zurückgelassene Wägen, Wohnungen, Häuser muten an, als hätte jemand den Lauf des Lebens der Bewohner per Druck auf die Pausetaste angehalten, bevor die Fluten alles verschluckten.

Für das Brüderpaar Luciano und Nicolás Onetti, welche zuletzt mit der detailliert wie bemüht auf alt getrimmten Giallo-Hommage Francesca (Besprechung hier) auf der Bildfläche erschienen, bietet Epecuén die passende Kulisse für ihren Backwood-Horror und ist gleichzeitig Inspiration für ihre Geschichte: ein klischeehaft gezeichneter, gestresster und divenhafter Filmemacher, der über die Tragödie eine Dokumentation drehen möchte, reist mit seinem kleinen Team und einer Überlebenden in die Geisterstadt, um für das Projekt Aufnahmen zu machen. Bis der Horror für die austauschbaren Figuren losbricht, strengen sie den Zuschauer mit Zickereien und Streitigkeiten an, bevor sie bemerken, dass die verwüstete Stadt gar nicht so verlassen ist, wie sie wirkt. Ein degenerierter Clan von Kannibalen hat es sich im argentinischen Hinterland gemütlich gemacht und bietet mit seinem Auftauchen eine wenig erbauliche Mischung aus Terrorfilm, Backwood-Slasher und Torture Porn.

Überdeutlich orientiert sich das Regie-Duo an großen Vorbildern wie The Texas Chainsaw Massacre oder Wes Cravens The Hills Have Eyes. Die Reise nach Epecuén in einem VW-Bus lässt ikonische Einstellungen aus Tobe Hoopers meisterlichem Kettensägenschocker weniger als Zitat, mehr als bis auf wenige Details abgeänderte Nachstellungen aufleben. Der Zwischenstopp bei einer verfallenen Tankstelle mitsamt auf der verschmutzten Toilette hängenden Zeitungsschnipsel über in der Region vermisste Personen bietet einen ersten, vagen Ausblick auf die menschenfressenden Antagonisten. Was als überdeutliche Hommage an die Klassiker des Subgenres beginnt, kippt mit jeder Minute nach dem Auftauchen des Clans in ein ideenarmes und spärlich interessantes Horrorstückwerk. Die Folterungen an den Gefangenen Filmcrew-Mitglieder könnte sogar Eli Roth im fiebrigen Magen-Darm-Grippe-Delirium besser abfilmen. Bei den Onettis ist das Foltermittel nicht das Leid der Protagonisten, deren schablonenhaftes Dasein dem Zuschauer schnell gleichgültig ist, sondern die Langeweile der schleppend voranschreitenden zweiten Hälfte.

Die Regisseure und Autoren verwechseln Hommage mit bloßem Kopieren. Auch die aus The Texas Chainsaw Massacre bekannte Dinner-Szene wird frohen Mutes wenig variiert in den Film eingebaut. Als Zuschauer fragt man sich wie die Protagonisten, wann das Martyrium endlich endet. Mit Eigenständigkeit hat What The Waters Left Behind bis auf den reellen Hintergrund und den Originalschauplätzen wenig am Hut. Letztere sorgen für eine interessante Kulisse, in der man einen wenigstens kurzweiligen Hinterwäldlerhorror hätte umsetzen können. Nach dem durchaus ambitionierten Francesca ist dieser Film nahezu eine Bankrotterklärung. Man möchte den Onettis zureden, dass sie lieber eine kreative Insolvenzerklärung aus Mangel an restlichem Talent abgeben sollten, als nochmal einen Film zu machen. Oder versuchen, wenigstens halbwegs eigenständige Werke abzuliefern. Mit dem als Hommage konzeptionierten What The Waters Left Behind wirken sie leider wie zwei über das Ziel hinaus schießende Fanfilmer, welche wie einst Epecuén mit ihrem Film sang und klanglos untergehen.

Donnerstag, 14. März 2019

Pin Cushion

Der gesellschaftliche Standard, die normative Definition dessen, was der größte Teil der Menschen als normal betrachtet, ist entgegen aller Öffnung über die Jahrzehnte gegenüber vormals geächteten, am Rande existierenden Gesellschaftsgruppen in manchen Schichten weiterhin eng gesteckt. Als Jugendlicher hat man es schnell schwer, wenn man nicht dem streng festgelegten Maßstab seiner gleichaltrigen Mitmenschen entspricht. Zumindest, wenn man die Abweichung von der Norm nicht selbst gewählt hat. Spinner. Verlierer. Nerd. Uncool. Außenseiter. Gleich ob freiwillig oder wegen anderer Umstände nicht ins Raster passend, trägt man eine imaginäre Zielscheibe; ist das zarte Lamm, in das die mobbenden Wölfe mit asozialen oder hinterhältigen Aktionen ihre schmerzenden Reißzähne stoßen. Die hinterlassenen psychische und soziale Wunden klaffen so tief, dass sie in manchen Fällen unterbewusst nie komplett verheilen.

Der unbedingte Drang, dazugehören zu wollen, treibt weiter ins schmerzende Verderben voller kleiner und großer Demütigungen. Deborah Haywoods Umgang mit dieser Thematik in ihrem Debüt Pin Cushion umweht eine kühle Aura. Im nüchternen Blick auf den Kampf ihrer beiden Protagonisten, in ihrem neuen Wohnort einen Platz in der örtlichen Gesellschaft zu finden, schimmert bei allen schweren Schlägen die Haywoods Geschichte für sie bereit hält, eine Zuneigung für die beiden Frauen aus. Iona und ihre alleinerziehende Mutter Lyn wirken in ihrer eigenen Welt aus bunter, unpassend zusammengepuzzelt erscheinender Kleidung, ebenso farbenfroher und vor Kitsch überquillender Einrichtung in ihrem kleinen Haus und ihrem zuerst ungewöhnlich nahen und liebevollen Umgang miteinander hochgradig schrullig. Diese quirkiness lässt für beide große Sympathien wachsen. Gleichzeitig zeigt Haywood, wie unsicher sie einzeln außerhalb ihrer gewohnten Umgebung, der eigenen kleinen Welt, sind.

Iona findet schnell Anschluss, lügt der Mutter sozusagen aber vor, dass sie in ihren falsch spielenden Klassenkameradinnen Stacey, Keeley und Chelsea Freundinnen gefunden hat. Auch Lyn, die für ihre Tochter fürsorgende Mutter und beste Freundin zugleich sein will, ist ihrem Kind gegenüber unehrlich. Ihre angeblichen Dates, ihre Besuche bei Gemeindeveranstaltungen scheitern an ihrem nicht vorhandenen Selbstbewusstsein und sozialen Ängsten, resultierend aus Scham vor ihrem verwachsenen Rücken. Als Iona, deren Tagträume bereits andeuten, dass sich das Mädchen ein Leben wie aus dem Werbeprospekt weit weg von den Schrulligkeiten der Mutter wünscht, sich von ihrer Mutter abnabelt, um ihren angeblichen Freundinnen zu gefallen, stürzt dies Lyn in ein weiteres Loch währen das andauernde Mobbing der Mädchen Iona beständig zermürbt. Bei einer Party geschossene Nacktfotos der stark alkoholisierten Jugendlichen, die in der Schule umgehen und der Verlust ihres Schwarms Daz an Keeley führen zu einer Tragödie, welche die Welt von Lyn und Iona zum Einstürzen bringt, als Lyn zufällig von den Nacktfotos erfährt.

Frei von Klischees ist Haywoods Script nicht. Pin Cushion erscheint manchmal wie eine Worst of-Sammlung von Dingen, die Jugendlichen im Bezug auf Mobbing in der Schule und Identitätssuche in der Pubertät widerfahren können. Iona scheint kein Glück gegönnt; alle kleinen Lichtblicke vernichtet die Autorin zugunsten weiterer Dramatik und der Verlust des Freunds an die Anführerin der Clique ist auch in seichten Teenie-Filmen seit Jahr und Tag ein gern genutztes Element. Ist Deborah Haywood demnach eine Sadistin, die ihren Figuren und dem Zuschauer keine Hoffnung gönnt? Eher ist sie eine schonungslose Realistin, um die Aktualität ihres Filmthemas bewusst, welche das schlimmstmögliche Szenario zeichnet. Iona und Lyn sind Social Outcasts, die schwer außerhalb ihres Kosmos existieren können. So unangenehm viele Szenen um Ionas Bemühungen, zur Mädchenclique gehören zu wollen, die die Naivität der jungen Dame schonungslos offenlegt, sind und so traurig Lyns scheiternde Bestrebungen sind, weg von ihrer Tochter Anschluss zu finden: Haywood schafft durch die detaillierte Einführung ihrer Hauptfiguren eine nahe Bindung des Zuschauers zu diesen.

Häufig möchte man Iona verzweifelt zurufen oder an den Schultern packen und schütteln, damit sie aufwacht und bemerkt, wie man mit ihr umgeht oder sie und ihre Mutter einfach in den Arm nehmen, wenn das Schicksal einmal mehr gnadenlos zugeschlagen hat. An Schicksalsschlägen mangelt es dem Film nicht. Haywoods Blick auf die Welt junger Heranwachsender und den Problemen von sozialen Außenseitern, einen Platz in einer immer egomanischeren, hier auch oberflächlichen Welt zu finden, ist düster. Es gibt keinen Ausweg aus der Abwärtsspirale. Lyns gewählte Konsequenz als Rache an der Clique für deren fortdauerndes Mobbing ist zwar erschütternd, die ständige negative Richtung der Geschichte schenkt ihm leider den Nachgeschmack eines weiteren Schlags der Autorin gegen ihre Figuren. Erst die Schlusseinstellung lässt nach allen bitteren Stationen für Iona und Lyn Platz für teils fehlende Emotionen, deren Endeinstellung traurig wie schön zugleich ist. Pin Cushion ist ein - Nomen est omen - spitz zustechender Film mit hoffnungsloser Tonalität, hinter dessen Fassade man Haywoods Zuneigung zu den eigenen Figuren spürt und gleichzeitig beißend rational auf diese Außenseiter und ihre psychischen und soziale Probleme blickt. Die stets unaufgeregte, ruhige Regie und die tolle Darstellung der markanten Lily Newmark als Iona und von Joanna Scanlan als Lyn machen dabei aus Pin Cushion einen kleinen Geheimtipp des Coming of Age-Dramas.

Samstag, 2. März 2019

Humongous

Verkorkst. Müsste man Humongous mit genau einem Wort beschreiben, würde dies auf einigen Ebenen den Film treffend bezeichnen. Gleichzeitig wäre es voreilig anzunehmen, dass in den folgenden Zeilen ein Verriss eines Werks folgt, welches allgemein eher schlechte Stimmen, maximal durchschnittliche Urteile, abbekommt. Bei vielem, was ihm vorgeworfen wird, kann ich sogar zustimmen. Einfallsreich geht anders, wandelt man doch zwischen frühem Slasher und seichten Mystery-Gefilden und schenkt allem eine ganz eigene Definition von Backwood-Setting. In diesem stolpert eine Gruppe austauschbarer Jugendlicher über die sogenannte Hundeinsel, auf welche diese sich nach einem Unfall mit ihrem Boot retten. Der überzeichnete wie gleichzeitig verkorkste Nick bekommt in einem Anfall aus Wut und Eifersucht auf seinen Superduper-Bruder Eric die Idee, während ihres kleinen Trips das Boot des Nachts wieder auf Kurs nach Hause zu bringen. Dem Disput mit Eric folgt eine Rangelei, mit unglücklicher Kettenreaktion aus Auflaufen auf einem Felsen, ausbrechenden Feuer und einer Explosion.

Zuvor erfuhren die jungen Leute vom gekenterten und von ihnen geretteten Bert vom geheimnisumwitterten Eiland, auf dem Ida Parsons mit ihrem Sohn und ihren Hunden zurückgezogen leben soll. Nach einem nicht näher bekannten schweren Schicksalsschlag soll sich die Frau auf die Insel zurückgezogen haben und wurde seitdem fast nicht mehr gesehen. Im Prolog des Films lernen wir Zuschauer, dass Idas Sohn aus einer intensiv wie böse gefilmten Vergewaltigung entstanden ist. Um schnelle Rettung bemüht, will sich ausgerechnet Nick durch den dichten Wald der Insel zum Anwesen Parsons durchschlagen. Als dieser nicht zurückkommt, machen sich Eric und seine Freundin Sandy ebenfalls auf dem Weg zum Haus in der Mitte der Insel um den verschollenen Bruder und Parsons Haus zu finden und entdecken dabei die Skelette der wilden Hunde und machen, den Regeln des Genres brav folgend, am Ziel angekommen Bekanntschaft mit dem augenscheinlich schlecht gelaunten und mörderisch veranlagten letzten Bewohner der Insel.

War das von Humongous zum größten Teil bediente Slasher-Genre 1982 auf seinem ersten Höhepunkt angekommen, scheinen die Macher für ihren Film dessen Grundgerüste einzig dafür zu nutzen, eilig zusammenkonstruierte Spannungsszenen aneinander zu leimen ohne großes Gespür für die Story zu haben. Regisseur Paul Lynch beschränkt sich darauf, die Geschichte im Minimalprinzip ihrem Ende entgegen zu bringen. Er ist weiter nichts als der Zivi, welcher dem fragilen, weil dünn zusammengehaltenen, damals wohl als alt(backen) wahrgenommenen Konstrukt an Genre-Fragmenten in reiner Arbeitsroutine feststeckend zum Ende hilft. Mehr hätte Lynch nicht aus dem Stoff herausholen können, dessen konservative Auslegung von Horror und Spannung so vorhersehbar ist, dass der Film zum größten Teil unspektakulär vor sich hin plätschert. Wäre da nicht - zumindest für mich - dieses kleine aber, was mich den Film mögen lässt. Manchmal gibt es diese ereignislosen, in ihrer Tiefe leeren Filme, in denen ich mich aus den verschiedensten Gründen verlieren kann.

Transportiert durch eine melancholische Stimmung des Verfalls, durchzieht diese Leere Humongous und macht ihn zu einem objektiv langweiligen Film, dessen Atmosphäre einen betörenden Duft süßer Schwermut verströmt. Verspricht der Anfang durch die im Off stattfindende, mit subjektivem Shot auf den Täter bedrohlich intim und brutal eingefangene Vergewaltigung und dem von getragenen Jazz-Klängen und vergilbten Fotografien geprägten Vorspann einen ansprechenden Film. Gebrochen wird es direkt im Anschluss an diesen mit Figuren, die wenig Empathie beim Zuschauer aufkommen lassen, die bis auf wenige Ausnahmen unsympathisch gezeichnet sind und einer Handlung, deren Bestandteile man woanders schon ansprechender gesehen hat. Dann sind da aber diese Bilder, die Kameraarbeit beschert dazu ein paar hübsche Einstellungen, die vom Verfall durchzogen grob eine ähnliche Stimmung erzeugen wie im von mir sehr geschätzten Dead & Buried. Im Vergleich mit diesem fehlt es Humongous an feinerer Ausarbeitung.

Die grobschlächtige Art und manchmal fehlende Feinfühligkeit ist eine Eigenschaft des B-Horror-Kinos, das in seiner Nutzung einfachster Mittel zur Erzeugung von Effektivität seit jeher einen Reiz auf mich ausübt. Gebremst wird dies in den als entscheidend deklarierten Szenen des Films durch seine viel zu dunklen Nacht-Szenen. Der Day-For-Night-Filter (einige dieser im Trailer vorkommenden Szenen, z. B. Nicks Flucht durch den Wald, spielen darin bei hellichtem Tag) ist leider eine ganze Spur zu dunkel geraten. Der Wechsel auf die Tagszenen kommt da richtig einer Wohltat gleich und erinnert weniger an das schauen eines x-fach kopierten Videotapes. Bei Humongous ist es äußerst bedauerlich, dass man es sich hier zu einfach machte. An Obskuritäten (Stichwort: Blaubeer-Dekolleté), gorigen Schauwerten, richtige Entscheidungen für die Handlung (selbst wenn man schnell erahnt, wer auf der Insel für Tod und Verderben sorgt, wird der Killer erst im Finale richtig vor der Kamera präsent) um alles wenigstens irgendwie aufzuwerten oder den Zuschauer bei der Stange zu halten, bietet er zu wenig. Wäre da subjektiv wahrgenommen nicht diese modrig hübsche Stimmung von der ich mich gerne einlullen ließ. Christian Keßlers Urteil über Matteis The Riffs 3 - Die Ratten von Manhattan, dass dieser "geil langweilig" ist, ist ebenso gut auf Humongous anzuwenden. Steigernd lässt sich über den Film urteilen, dass er bei allen negativen Punkten geil verkorkst ist. In den kommenden Jahren lasse ich mich sicherlich gerne immer mal wieder mit einer modrig umschmeichelnden Böe aus Langeweile an den Strand der Hundeinsel treiben.

Freitag, 1. März 2019

Arrival

Ach Menschheit, du großes Stück Scheiße. Außerirdische landen auf dem von dir als Besitz angesehenen Heimatplaneten und du hast nichts besseres zu tun, als dich von deiner schlechtesten Seite zu zeigen. Die zwölf monolithisch in den Himmel aufragenden Gebilde der extraterrestrischen Besucher werden flugs vom Militär abgeriegelt, gesichert; besser noch: umzingelt. Verständlich ist die Unsicherheit. Gleichzeitig schwillt die Sorge über einen Militärschlag, weil irgendwem der Finger locker sitzt. Anders als die Amerikaner sind andere Nationen weniger bedacht und um Dialog bemüht. Russland. China. Die wenigen, hart erarbeiteten Fortschritte in der Kommunikation mit den Besuchern und die voranschreitende Zeit lassen die Nationen nervös werden. Provokativ soll es sein, dass die Außerirdischen sich nicht regen und in den wenigen Informationen, die bisher gesammelt wurden, nicht deren Absicht herauslesbar ist. Ultimaten werden gesetzt und irgendwann steigen die zuvor bemüht zusammenarbeitenden Nationen aus dem geknüpften Bündnis aus.

Nur die Kriegstreiber No. 1, die USA, bemühen sich im Austausch mit den Fremden. Die Linguistin Louise Banks und der Mathematiker Ian Donnelly werden unter Leitung des Colonel Weber damit beauftragt, einen Austausch mit den Außerirdischen zu finden. Das Paar erarbeitet sich mit Mühen kleine Erfolge im Dialog mit den Aliens, deren Absichten ihres Besuchs herauszufinden. Gängige Verfahren um eine Kommunikation herzustellen scheitern dort wie an den anderen elf Landeplätzen, während Louise mit Ian versucht, die archaisch anmutenden Schriftsymbole der Aliens zu deuten und gleichzeitig dem Druck des Colonels standzuhalten, die Unterhaltungen mit den gigantischen, siebenbeinigen Wesen in die gewünschte Richtung zu lenken. Verwaschene, dunkle, elegische Bilder erzählen von einem Arrival mit bis weit zum Ende hin zuerst ungewissen Ausgang. Denis Villeneuves Science-Fiction-Drama ist ein unaufgeregter Film, dessen in Tristesse versinkende Bildsprache den in der Geschichte innewohnenden Schwermut visuell gekonnt unterstützt.

Es ist eine kurze Geschichte der Zeit und wie sie von uns Menschen, abhängig von Situationen, erlebt und gefühlt wird. Die Außerirdischen nehmen Zeit anders wahr als wir und sie wird für Louise und ihren Forschungspartner zum Schlüssel, die fremde Sprache und die Absichten zu knacken. Weit entfernt von CGI-geschwängerter Blockbuster-Action besitzt Arrival den Spirit der von mir geliebten, spröden Science-Fiction der 70er mit seinen mitunter zäh wirkenden Filmmeditationen wie Lautlos im Weltraum, George Lucas' Debüt THX 1138 oder Andromeda - Tödlicher Staub aus dem All. Das Storytelling und die Phantastik sind fest in einem realistischen Grundton verankert; die fiktiven Elemente ordnen sich dem Sinn der Geschichte unter und unterlassen den Versuch, mit Effekten oder als Fremdkörper wirkende, sinnlose Actionszenen in dieser zu platzieren. Das langsame vorankommen der Forscher nimmt der Zuschauer so mühsam wie diese wahr; das Drehbuch und Denis Villeneuves sichere Regie benutzen das Thema des Films geschickt und lassen die drei genutzten Zeitebenen so undurchsichtig erscheinen wie es zuerst der Grund des Besuchs der Aliens ist.

Aufgelöst bleibt der große Big Bang für den Zuschauer aus, da hier das Lüften des Schleiers umständlich betrieben wird. Der sachte Mindfuck bleibt bestehen, nur über die vom Film gestellte Frage denkt man erst später, im Nachgang nach, wenn man sich aus dem Griff der Stimmung des Films gelöst hat. Zwischen anstehendem, farblichem Weltuntergang, aus der Vorgeschichte der von Amy Adams wunderbar gespielten Louis kommendem Schwermut und besorgter Unsicherheit über die Zukunft nach der titelgebenden Ankunft schwankt diese und schafft eine dichte Atmosphäre. Die Darstellung über den First Contact und die von Louise durchgeführten Methoden zur Schaffung einer beidseitig funktionierenden Kommunikation wurde im Vorfeld detailliert für den Film recherchiert. Das Script und Villeneuves Umgang bei dessen Umsetzung schaffen glaubhafte Science-Fiction. Die Story wirkt augenscheinlich phantastisch, weit weg und gleichzeitig nachvollziehbar, dass eine Zukunft mit einer unglaublich wirkenden Landung von Außerirdischen auf der Erde vorstellbar wäre.

Vorstellung und Zukunft ist das zentrale Thema von Arrival. Die uns vielleicht quälende Ungewissheit über die Zukunft führt zur Frage, was jeder Einzelne von uns machen würde, wenn diese ihm Bekannt wäre. Offengelegtes Schicksal, mit allen positiven wie negativen Seiten des Lebens. Wären Emotionen wie Angst oder Unsicherheit weiterhin vorhanden oder kann man sich als Mensch davon lösen und die vor einem liegenden Jahre bewusster, selbst bis in die schmerzlichen Augenblicke, erleben? Leider konzentriert sich das Script auf die zentrale Figur von Louis, was andere Charaktere schemenhaft bleiben lassen. Den verfolgten Gedankengang bettet Autor Eric Heisserer in eine gut ausgearbeitete Geschichte, aus der Denis Villeneuve einen cleveren Film geschaffen hat, der - jedenfalls im Moment - in seiner einseitigen Konzentration auf eine Figur (noch) kein Meilenstein des Genres ist, aber locker in diese Liga aufsteigen könnte. Würde man Arrival so bei einer zweiten Sichtung nochmal genau so wahrnehmen wie beim ersten Mal oder bewusster auf andere, in der Geschichte tiefer verborgene Bestandteile achten? David Ehrlich lag mit seiner Theorie, dass es sich hier um einen Film über das zweite, mehrmalige Sehen eines Films handelt, gar nicht mal so verkehrt, wie mir scheint. Die Vielschichtigkeit des Stoffs beschert jetzt schon Freude auf eine zweite Begegnung mit diesem unheimlich guten Film.

Dienstag, 26. Februar 2019

Deadtime Stories (Die Zunge des Todes)

Der Blogname verrät trotz der hier manchmal gefühlt thematischen Beschränkung, dass meine filmischen Interessen äußerst breit gefächert sind. Mit B-Horrorstreifen aus den 80ern und 90ern filmisch sozialisiert, komme ich nicht nur äußerst gerne auf diese zurück. Ich selbst möchte behaupten, dass meine Schmerzgrenze äußerst niedrig ist. Dann gibt es jedoch Begegnungen mit Filmen, welche diese Annahme anzweifeln lassen. Jeffrey Delmans Deadtime Stories gehört eindeutig in diese Kategorie. Meiner Vorliebe für Episodenhorrorfilme ist es zu verdanken, dass dem mir zuvor gänzlich unbekannte Film wertvolle Lebenszeit sowie meine Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Meine Meinung darüber schwankt selbst einige Tage nach der Sichtung munter; einzig die Erkenntnis, dass es eine noch ranzigere Horror-Anthologie wie Night Train To Terror (der hier vor einiger Zeit besprochen wurde) gibt, bleibt beständig.

Zwischen den drei Episoden wird der Zuschauer sowie Onkel Mike vom aufgekratzten Brian genervt, welcher schlaflos diesen dazu zwingt, ihm spannende Geschichten zum Einschlafen zu erzählen. Das Mike, der eigentlich lieber die Wahl zur Miss World im Fernsehen verfolgen würde, der allseits beliebte schmierige Onkel ist, verraten seine Abwandlungen bekannter Märchen. Seine erste Story handelt von zwei Hexen, die mit Hilfe ihres faktisch in Sklaverei lebenden "Adoptivsohns" versuchen, ein Menschenopfer für die Erweckung ihrer toten Schwester zu finden. Die mittlere Geschichte ist eine moderne und sehr freie Version von Rotkäppchen, bei dem ein Apotheker die Medikamente für Rachels Großmutter und eines mit einem grausamen Fluch belasteten Kunden vertauscht, was dazu führt, dass dieser panisch vor Rachel beim Haus der wartenden Oma sein möchte, um schlimmeres zu verhindern. Zu guter letzt dürfen wir erleben, wie die durch die Bank weg wahnsinnige Familie Bear aus der Psychiatrie ausbricht und auf ihrer Flucht auf die ebenso psychopathisch veranlagte Goldi Lox trifft. Deren übersinnliche Fähigkeiten und der gemeinsame Spaß beim Massakrieren führt zu einigen derb blutigen Szenen.

Durchzogen ist der Film abwechselnd von Altherrenhumor, infantilen Quatschereien und simplen und damit eher blödem denn lustigen Slapstick. Letzterer kommt größtenteils in der letzten Geschichte zu tragen, was die dort vorhandenen, wenigen lustigen wie interessanten Einfälle mit nerviger Beständigkeit erstickt. Als Horrorkomödie konzipiert, versagt Deadtime Stories auf beiden Seiten. Selbst der dem sichtbar geringen Budget und der ungelenken Verbindung von Horror und komödiantischen Elementen geschuldeten Trash-Faktor rettet den Film bedingt. Die bemüht zusammengetragene Ausstattung der Hexen-Geschichte und die dortigen praktischen Effekte bei der Erweckung der toten Schwester lassen auf kurzweiligen Spaß zwischen Schund und leichtem Gore hoffen, wäre nicht schon hier der meist nervige Humor, der die hier recht gut funktionierende Atmosphäre aufbricht. Erstes Lowlight sind die Anmachversuche des Gehilfen und Ziehsohns Peter beim von den Hexenschwestern als Opfer auserkorenen Mädchen. Dies als Satire auf das ungelenke Balzverhalten einiger männlicher Wesen zu interpretieren, war mein leider nicht fruchtbarer Versuch, sich die Szene schön zu reden.

Überraschend, wie gut dafür die Kombination aus infantilen Späßen und Altherrenhumor in der Rotkäppchen-Episode funktionieren. Schon die lüsterne Beschreibung Rachels durch den Onkel sorgt kurzweilig für leichtes Grinsen. Alle Späße funktionieren auch in dieser Episode nicht, dafür sorgt die krude Bearbeitung des Märchens durch die Autoren für gewisses Pläsier. Allein der seltsame Einfall, den fluchbehafteten, tragischen Antihelden als Junkie darzustellen, dessen Apotheker sich wie ein 1A-Klischee-Dealer verhält, ist gleichzeitig herrlich obskur wie blödsinnig. Diese offen zur Schau gestellte Blödsinnigkeit und das Selbstbewusstsein des Teams hinter wie vor der Kamera, ohne ironischen Unterton so strunzdoof zu agieren und den Film runterzuwichsen (man entschuldige den Ausdruck, aber das beschreibt den Eindruck, wie Deadtime Stories entstanden sein muss meiner Ansicht nach recht gut), übte auf mich eine gewisse Faszination aus. Die sichtbaren Pappmaché-Felsen im mittelalterlichen Setting der Anfangsstory, die dreckigen und heruntergekommenen Buden, Darsteller die wirken, als hätte man sie direkt aus dem Arbeitsamt heraus gecastet und Humorveständnis jenseits von gut und böse machen daraus keinen guten Film.

Gleichzeitig ist es die Attitüde des Films, die mich diesen nicht komplett zerreißen lässt. Bei grob geschätzt mehr als 2000 gesehenen Filmen, viele darunter aus der B-, C- oder sogar Z-(Grade-)Klasse, ruht in einem das Wissen, dass es noch schlimmer wie in Deadtime Stories geht. Es mag auch die an Funny Saturday Morning Cartoons erinnernde Machart der Familie Bear/Goldi Lox-Episode sein, die meine innerlich weiterhin schwelende Lust an fadem B-Movie-Stuff zu nichte machte. Selten ließ mich in der letzten Zeit ein Film so Zwiegespalten zurück. Der Fan von kleinen 80ies-Horror-Reißern in mir versucht angestrengt, Deadtime Stories zu mögen, während der Rest meiner Cineasten-Persönlichkeit irritiert und im planlosen Zickzack wie ein geköpftes Huhn umherlaufend hochgradig verwundert ist, was das jetzt war. Der vor gut dreißig Jahren im Fandom hochgejubelte Frank Trebbin (wir hatten ja nüscht anderes...) attestiert ihm, dass er "auf nicht uninteressante Weise bekannte Kindermärchen genregerecht persifliert". Dieses auf nicht uninteressante Weise agieren trifft es ganz gut. Das kann alles noch so Panne sein, was man auf der Mattscheibe so erblickt: das ist so blöd wie manches Asi-TV-Format, bei dem man plötzlich nicht wegschalten kann und hingucken muss. Das muss ein Film auch erstmal hinbekommen.

Elizabeth Harvest

Das Jetzt, der augenblickliche Moment, rinnt uns wie Sand durch die Finger. Diesen festzuhalten, damit er nicht nur eine über die vergehende Zeit verblassende Erinnerung in unserem Gedächtnis bleibt, ist eine der vielen Prämissen der darstellenden Kunst. Gemälde, Fotografie, Filmaufnahme: sie sind eine visuelle Unterstützung unseres Gedächtnisapparats, mittels denen man die eigenen Erinnerungen wach rütteln kann. Selbst die Videoproduktion, die uns vom erlebenden Protagonisten der Szenerie zum Beobachter degradiert, schafft es nicht, diesen einen Moment exakt gleich zu reproduzieren. Sie bleiben einmalig; ganz gleich, ob es sich um wenige Sekunden, Minuten oder zeitlich längere Abschnitte handelt. Die in der Vergangenheit erfahrenen Augenblicke, die gefühlten Emotionen, das eigene Be- und Empfinden bleiben Geschichte. Das kollektive Bewusstsein, die Gesellschaft, flüchtet sich neben einzelnen Menschen im nostalgisch rückwärtigen Blick gerne in diese zurück, was man aktuell in der gegenwärtigen Popkultur mit dem x-ten 80er-Trend erfährt.

Elizabeth Harvest behandelt die Flucht eines Menschen in die eigene Vergangenheit bzw. dessen Versuch, diese Zeit mittels modernster Technik wieder aufleben zu lassen. Im Mittelpunkt steht der geniale wie schwerreiche Wissenschaftler Henry, welcher mit seiner jungen und frisch angetrauten Gattin Elizabeth auf dem Weg zu seinem luxuriösen wie modernen Anwesen in den Bergen ist. Es ist ein Traum vom edlen Ritter, dem die Schönheit den Atem raubt, damit er sie aus allem gewöhnlichen und hässlichen raubt, der für die junge Frau in Erfüllung geht, wie sie Eingangs erklärt. Das von nun an gemeinsame Anwesen entpuppt sich beim Rundgang als ein neuzeitliches Märchenschloss, samt Bediensteter in Gestalt von Claire und dem blinden Oliver, in dem sich Elizabeth entfalten darf. Einzig eine Tür im Keller muss verschlossen bleiben. Getrieben von ihrer Neugier, gibt sie dieser während einer Geschäftsreise ihres Mannes nach und betritt den verbotenen Raum und macht eine schreckliche Entdeckung.

Der nicht unentdeckt bleibende Ausflug in Henrys Labor lässt den kultivierten Wissenschaftler zu einem blutrünstigen Blaubart werden und ist Auftakt für die mit einigen Wendungen gespickte Geschichte über Henry, der seinen persönlichen Moment der Momente um jeden Preis wieder aufleben lassen möchte. Regisseur und Drehbuchautor Sebastian Gutierrez webt in seine freie Interpretation des französischen Märchens "Blaubart" mit Geschick leichte Science-Fiction- und Mystery-Elemente ein, die im Verlauf des Films zu dessen Stützpfeilern werden. Damit wendet sich das Script dem schnell als Antagonist wahrgenommenen Henry zu und lässt ihn - anders wie das Märchen - nicht zur simplen Manifestation des Bösen werden. Ihm wird ein dramatischer Background geschenkt, der ihn zum makaber-romantischen Tragikhelden und Mad Scientist macht, dessen Rettungsversuch seiner großen Liebe die Grenzen des moralisch vertretbaren sprengen lässt. Love made him do it. Elizabeth Harvest erlebt man wie eine phantastische Moritat, die uns die Schattenseiten dieser großartig schönen wie überwältigenden Emotion zeigen möchte.

Der düster-romantische Unterton wird durch die schlichtweg hübsche Präsentation des Films verstärkt. Der Film wechselt zwischen sanften und warmen Farbpaletten und kühler Moderne; dies unterstützt die gewollte Stimmungen in den einzelnen Szenen gut. Mit technischen Spielereien wie Splitscreens und dem zeitlichen aufgeweichten Production Design zwischen eindeutiger Gegenwart und Vintage Settings sucht der Film den Bezug zu augenscheinlichen Vorbildern Gutierrez' in der Gestaltung seines Werks. Es unterstützt den Eindruck, dass Henry nicht nur emotional und gedanklich in der Vergangenheit hängt: das moderne Heim erinnert trotz seines zeitgenössisch klaren und aufgeräumten Stil architektonisch an geräumige Villen der 60er und 70er. Diese Jahrzehnte halten unaufdringlich wie gleichzeitig spürbar Einzug in die Gestaltung der Einrichtung und das Wesen des Films. Seine Ausleuchtung und einige inszenatorische Kniffe lassen Elizabeth Harvest gialloesk wirken. Die örtliche Beschränkung auf die Luxusvilla mit ihren dunklen Winkeln und geheimnisvollen Kellerräumen erheben den Film zu einem Modern Gothic-Werk.

Dem hübschen Schein gegenüber steht die ernüchternde Erkenntnis, dass der Wille zum Stil mit der zweiten Hälfte aufbricht. Rückblenden auf die Vergangenheit Henrys durchbrechen den sorgfältig aufgebauten Filmstil; hier fällt Elizabeth Harvest zurück auf einen fast herkömmlichen, kammerspielartigen Terror-Thriller. Elizabeth erwehrt sich dem von seinen Erinnerungen und damit verbundenen, vergeblichen Sehnsüchten besessenen Ehemann letztendlich. Vorhersehbar wie schade, entwickelte sich der Film zu einem düster-eleganten Stück über die bitterböse Wirkung tragischer Liebesschicksale. Gutierrez' Film hätte das Zeug zu einem späten Klassiker, wenn nicht gleichzeitig mit dem Aufbrechen des sorgsam aufgebauten Settings zu Tage gefördert wird, dass die Kniffe des venezolanischen Regisseurs keineswegs frisch und neu sind. Viel mehr verfügt er über das Talent, mit hübschen Bildern davon abzulenken, dass er sich bei Thrillern aus der Belle Etage bedient. Das wiederum gar nicht mal so schlecht und durchaus sehenswert.

Samstag, 23. Februar 2019

Your Name.

Das Konstrukt Liebe und Zweisamkeit passt sich in den Zeiten der Generation Always On(line) und von Dating-Apps wie Tinder deren Aufmerksamkeitsspanne und Halbwertszeiten von aktuellem Shizzle an. Mit einem Wisch ist alles weg. Beim checken von Feeds und Timelines ist der erste Eindruck wichtig, coole Profile mit ansprechenden Bildern ersetzen den ersten Eindruck und "sparen" Zeit. Schnelles skippen, scrollen, wischen lässt von der Jugend ein schreckliches Bild voller Oberflächlichkeiten zeichnen. Es ist eindimensional, alle Menschen ab 16+ über diesen Kamm zu scheren, auch wenn die gefühlte Wahrnehmung diesem Bild gleich kommt. Es mag schwer vorstellbar sein, dass ein tiefgreifendes Gefühl wie Liebe überhaupt noch fassbar und vorhanden ist. Deren Wirkung, Kraft und Magie ist der Kern von Your Name., dem erfolgreichsten Anime aller Zeiten. Makoto Shinkais Film fühlt sich wie ein romantischer Gegenentwurf zu unserer im Leben immer tiefer vernetzten und technisierten Welt ein, in der für sowas keine Zeit mehr zu sein scheint.

Ironischerweise punktet er auf technischer Seite besser als auf narrativer. Seine Animationen und Zeichnungen sind liebevoll, die detaillierten Hintergründe werden, von einigen pompösen Kamerafahrten unterstützt, zu epischen Bildern, deren Schönheit schlicht beeindruckend ist. Der Anime braucht sich damit nicht vor Realfilm-Blockbustern zu verstecken; es verleiht ihm eine Lebendigkeit, die sich auf die beiden Hauptfiguren überträgt. Mitsuha lebt mit ihrer kleinen Schwester und Großmutter in der japanischen Provinz und träumt von einem aufregenden Leben in Tokio. In dieser Metropole lebt Taki, der seine Zeit mit der Schule, dem Abhängen in angesagten Cafés und seinem Nebenjob in einem italienischen Restaurant verbringt. Zwischen beiden Jugendlichen liegen hunderte Kilometer Entfernung, beide verbindet die gleichen, sich seltsam real anfühlenden Träume, in denen sich Taki im Körper eines Mädchens, das im ländlichen Teil des Inselstaates lebt und Mitsuha im Körper eines Jungen, der in Tokio lebt, wiederfindet.

Was als launige und leichte Body Switch-Komödie beginnt, wandelt sich im Verlauf zu einem Mysterium aus esoterischen Lebenssichtweisen und Zeitreise-Drama, das dem zuckersüßen Stoff einen ernsten Unterbau verschafft. Irgendwann hört der Körpertausch, mit dem sich die Jugendlichen mittels Nachrichten und Tagebucheinträgen auf dem Handy arrangierten um den jeweils anderen zu informieren, was am Tag des Tausches passiert ist. Mitsuha macht so ein Date für Taki mit dessen Chefin klar, die zuvor so unerreichbar schien; Taki schenkt dem unsicheren Mädchen mit seinem in der Stadt als überspielende Coolness wahrgenommenen Wesen Selbstbewusstsein. Taki begibt sich, ohne ihren genauen Wohnort zu kennen, auf die Suche nach Mitsuha um zu erfahren, was mit dem Mädchen passiert ist. Bevor Shinkai seine Geschichte von einer schicksalsbestimmten Liebe und Seelenverwandtschaft erzählen lässt, verläuft er sich beinahe in den Sprüngen zwischen verschiedenen Zeitebenen.

Die gepriesene Emotionalität, auf die der Regisseur zielt und beim Zuschauer rauskitzeln mag, bleibt im Geflecht aus Vergangenheit und Gegenwart stecken. Die Your Name. innewohnende gewaltige Epik auf visueller und auditiver Ebene wird zu Lasten der Geschichte auf diese übertragen. Die sich zuspitzende Dramatik lässt mit Taki und dem sich langsam lichtenden Geheimnis um Mitsuhas Verbleib mitfiebern, die entscheidenden Twists verlieren ihre gewollte große Wirkung im ausufernden ausgestalten der entsprechenden Szenen. Erst zum Ende besinnt sich Shinkai auf die einfache wie sympathische und herzzerreißend liebenswerte Grundaussage seines Films, die in ihrer Einfachheit die leicht umständliche Erzählweise der Geschichte als unnötigen Ballast kennzeichnet. Die Kraft der Liebe überdauert jegliches Schicksal, Zeit und Entfernung. Wenn es den oder die Eine/n gibt, dann findet man auch zusammen. Egal, wie beschwerlich dieser Weg ist. Für manche Rationalisten sowie Menschen, die ihre eine übergroße Liebe - aus welchen Gründen auch immer - ziehen lassen mussten, eine schwer zu akzeptierende Philosophie; egal wie schwer man sich mit dem Wesen von Your Name. tut: seine schiere Schönheit und das hübsche Ende brechen selbst die härteste Nuss.

Mittwoch, 20. Februar 2019

Dark Angel

Arnold Schwarzenegger, Sylvester Stallone, Jean-Claude Van Damme und Dolph Lundgren: die vier anabolischen Reiter des 80er-Jahre-Action-Kinos sind für eine zünftige wie kurzweilige Actionsause immer gerne gesehen. Beim Ende der 80er durch Filme wie Terminator oder RoboCop vom Publikum zu schätzen gelernte Vermischen von Science-Fiction mit Action durfte auch der schwedische Hüne Dolph Lundgren nicht leer ausgehen und sich mit einem nicht gänzlich menschlichen Gegner duellieren. Aus dem fernen Waltrop verschlug es den ebenfalls hünenhaften Matthias Hues in die USA und schnurstracks nach Hollywood. Weil Waltrop für uns Deutsche ohnehin außerirdisch klingt und für die Herren in der Traumfabrik bestimmt auch, oder weil Hues wohl doch eher mit seiner Optik überzeugen konnte, durfte er den extraterrestrischen Gegenspieler Lundgrens mimen. Wie gut, dass Hues bei fast jedem Auftritt dem erschreckten Gegenüber ein angestrengtes "I Come In Peace!" entgegenschleudert, bevor er diese mittels Tentakel, die aus der an seinem Arm angebrachten Apparatur hervor schnellen, in der Brust und am Kopf anzapft.

Warum er das macht, lernen wir und Lundgren als das Gesetz gerne selbst in die Hand nehmenden Extra-Hard Boiled-Cop Jack McKain im Verlauf des Films. Der mit selbst für eine Hair Metal-Band peinlich frisierte Außerirdische jagt, wie McKain auch, Drogengangstern hinterher, um diesen Heroin abzuluchsen, dass er dann seinen Opfern injiziert und ihnen gleichzeitig aus dem Hirn den durch die Droge freigesetzten Stoff zu entnehmen, der für ihn selbst berauschend wirkt. Im geplanten Alleingang wird McKain, dessen Partner bei einer schief gelaufenen Undercover-Aktion erschossen wurde, weil er durch einen gleichzeitig von ihm vereitelten Ladendiebstahl (der starke Arm des Gesetzes ist eben überall) abgelenkt war, von seinem Boss gezügelt, welcher ihn umgehend beurlauben möchte. Die sich am Tatort der Undercover-Aktion hinzugesellenden Kollegen des FBI bestehen wiederum darauf, das McKain den Fall übernimmt und stellen ihm gleichzeitig mit dem peniblen Special Agent Smith einen neuen Partner zur Seite. Entgeistert und murrend nimmt McKain sein Schicksal an und ignoriert die belehrenden Klugscheißereien des neuen Kollegen, um die Spur des gesuchten Gangsterbosses Victor Manning aufzunehmen. Bei den Ermittlungen stößt das ungleiche Paar auf immer mehr Leichen, welche die gleichen Merkmale aufweisen und treffen schnell auf deren außerirdischen Urheber.

Ohne sich mit unnötigen Nebensächlichkeiten aufzuhalten, drückt das Drehbuch von Minute 1 an treibend auf das Gaspedal und braust von einem Setpiece zum nächsten; repetitive Szenerien, die spätestens beim dritten Anzapf-Auftritt von Matthias Hues einsetzen, umkurvt das Buch scharf um aus dem ungleichen Gespann McKain und Smith langsam sich respektierende Partner zu bauen. Dark Angel vermischt gekonnt gängige Strukturen des zeitgenössischen Action-Films mit leichten Science-Fiction-Elementen, ohne das die phantastischen Elemente dominieren und rundet das mit narrativen Bestandteilen des Buddy-Movies ab. Das ist im Drehbuch so gekonnt zusammengesetzt, dass die für den Zuschauer allseits bekannten Stückwerke zu keiner Zeit langweilig werden. Man verzichtet auf zu viel Comedy, bleibt dem stets etwas comichaften, aber düsteren Ton des Films treu und amüsiert lieber eingestreut mit den so gegensätzlichen Figuren. Dazu kommt, dass Lundgren in seiner Rolle richtig Spaß macht und die Chemie zwischen ihm und seinem Schauspielpartner Brian Benben einfach stimmt.

Da schaut man gerne drüber hinweg, dass Dark Angel in der zweiten Hälfte manchmal die Luft ausgeht, weil bei all' dem Actionfeuerwerk die Substanz hin und wieder leicht schwindet. Bevor die Ermüdungserscheinungen zu groß werden, knallen entweder Hues oder Lundgren irgendwas um. Die Zusammenführung der beiden Figuren braucht dafür etwas zu lange; das lässt das Gleichgewicht der Geschichte schwanken und führt dazu, dass ab dem Punkt, wenn McKain ohne das Erlebte groß zu hinterfragen und akzeptiert, dass eine außerirdische Lebensform auf der Erde wandelt, die Handlung bei weiterhin hohem Tempo zu schnell ins Finale mündet und dann mit einem typischen Happy End den Zuschauer zwar grinsend und freudig über die flotte Actionsause befriedigt, aber gehetzt nachhallt. Die Story fühlt sich erzählerisch verschleppt an, kann gleichzeitig narrative Schwächen damit halbwegs kitten. Weiterer Pluspunkt des Films ist, dass er, noch in den ausgehenden 80ern gedreht, deren Vibe und Optik besitzt. Letzteres führt zu Beginn dazu, dass der Film einige hübsch ausgeleuchtete Bilder präsentiert, bevor er sich dem materiellen Effektgewitter unterordnet und zweckdienlich Schießereien, Explosionen und Co. einfängt. Einzig ärgerlich - die überraschungsarme und nur auf viele Setpieces hinarbeitende Story verzeiht man ihm schnell - bleibt der einfallslose internationale Titel Dark Angel. Das durch die Handlung passendere und ironische I Come In Peace passt zum Film wie Lundgrens Faust aufs Auge des fiesen Außerirdischen.

Let Her Out

Eigentlich haut die kanadische Indie-Produktion Let Her Out voll auf die psychologische Kacke: VTS (Vanishing Twin-Syndrome), die damit verbundenen Folgen für die Betroffenen sowie dissoziative Persönlichkeitsstörungen und das Foetus in foetu-Phänomen wirft der Film munter zusammen mit Elementen des Psycho- und Bodyhorrors. Böse Zwillinge oder abgespaltene Persönlichkeiten als Manifestation der schwarzen, dunklen Seite des Menschen sind in der Phantastik seit Robert Louis Stevensons "Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde" ein gefälliges Sujet für ebenso gefällige Geschichten. Der seltsame Fall von Protagonistin Helen beginnt für diese laut Intro des Films schon im Mutterleib. In einer beinahe argentoesk ausgeleuchteten Szene verschafft sich ein in schwarz gehüllter Mann Zutritt in das Motel-Zimmer einer jungen, sich als Prostituierte verdingende Frau und vergewaltigt diese. Die daraus resultierende Schwangerschaft lässt die Frau zu einer Verzweiflungstat hinreißen: mit einer Schere sticht sie auf sich ein; die Mutter stirbt, das Kind überlebt.

Dreiundzwanzig Jahre später sehen wir dieses erwachsen: der Film bringt uns Helen in ihrem Job als Fahrradkurier näher. Ein Unfall ist der Auslöser für wiederkehrende Halluzinationen und Blackouts, nach denen Helen regelmäßig an anderen Orten aufwacht. Nach einem MRT wird festgestellt, dass die junge Frau bereits im Mutterleib ihre Zwillingsschwester absorbiert zu haben scheint. Vollkommen unlustig auf das anscheinend zu langweilige Leben Helens versucht dieser Zwilling, die Kontrolle über Helen zu erlangen. Wieso die Manifestation der bösen Zwillings-Helen wie eines der vielen, langhaarigen Geistermädchen aus Ringu, Ju-On und Co. dargestellt werden muss, bleibt eine offene Frage an die Filmemacher und eine unpassende Erscheinung. Let Her Out bezieht seine Stärken mehr aus der psychischen Darstellung seiner Hauptfigur und ihrem Leiden, mit der neuen Situation um ihren Zwilling und den gleichzeitigen Aussetzern zurecht zu kommen.

Vorhandene soziale Kontakte, gute Freunde lassen nicht darüber hinwegtäuschen, dass Helen eine ständig präsente Einsamkeit umgibt. Die Mutter tot. Die Zwillingsschwester ging im eigenen Körper auf. Lost alone and feeling incomplete. Let Her Out nähert sich der orientierungslosen Twentysomething-Dame in meist stylishen Bildern langsam an, möchte scheinbar mit seiner Protagonistin, stellvertretend für deren ganze Situation, die Sinnsuche körperlich äußerst schmerzhaft erfahren lassen. Der Weg zum Innersten, zur ganzen Persönlichkeit, inklusive dunkler Seiten wird zum Body-Horror der Marke Cronenberg Light. Im Inneren kämpft sich ihr Zwilling, stellvertretend für die negativen Seiten einer Persönlichkeit, ans Licht, was auch Helens Körper in Form von Hämatomen, Ausschlägen und anderen Hautveränderungen wiedergibt. Der Kampf um den Körper, um die gewinnende Persönlichkeit, steigert sich, bis Helen im anstehenden Finale dem Filmtitel nach wortwörtlich sie herauslässt.

Dargestellt mit günstigen wie gleichzeitig effektiven Bluteffekten wird das mal richtig aus sich heraus gehen, die Inkontrollnahme des Bösen über Helen, drastisch bebildert. Die dramatische Zuspitzung im Finale verpufft leider etwas, weil das Drehbuch an einigen Stellen auf der Stelle tritt. Bei aller bemühter Charakterzeichnung schafft es dieses nicht, tiefer in seine Hauptfigur vorzudringen. Lieber versucht man sich darin, den persönlichen Mindfuck Helens auf den Zuschauer zu übertragen und die Handlung in Richtung Psychohorror zu lenken. Die von den Machern gewünschte Wirkung des Finales verpufft. Die zur Verfügung stehenden Ressourcen in der Ausgestaltung oder Ausformulierung des im Film brodelnden Potenzials werden zugunsten gängiger Regeln des Horrorgenres aufgegeben. Das lässt Let Her Out eine ganze Menge verlieren, rennt das Drehbuch hier schnurstracks in die Abteilung der Küchenpsychologie. Das ist erwartbar, wenig überraschend, wenn in der beibehaltenen Drastik bis zu einem Punkt packend, allerdings nicht schockierend. Let Her Out hätte ruhig noch etwas tiefer schürfen dürfen, um den Zuschauer richtig mitzunehmen.

Child Eater

Klingt doch beinahe einleuchtend: wenn Menschen vor hunderten von Jahren innerhalb religiöser Rituale ihre toten Gegner oder Teile von diesem verspeisten, damit deren Kräfte auf einen selbst übergehen, dann kann man ruhig die Augen von Kinder verspeisen, um die schwindende Sehkraft aufzuhalten. Dieser Maxime folgend, schnetzelt sich der totgeglaubte Serienmörder Robert Bowery durch den Indie-Horrorfilm Child Eater. Geschrieben und inszeniert vom Isländer Erlingur Thoroddsen, der mittels Kickstarter-Kampagne seinen eigenen Kurzfilm zu einem Langfilm machte. In diesem zitiert Thoroddsen enthusiastisch Carpenters Halloween so ausgiebig, dass seine krude Idee um den Augen verspeisenden Boogey Man wenig Eigenleben geschenkt bekommt. Ich als Zuschauer kann als vorgeschobenes Fazit den Titel eines Remarque-Klassikers umdichten: Im Slasher nichts Neues.

Als 14-minütiger Short Shocker erfindet der Isländer weder das Rad noch sonstige Errungenschaften neu, liefert dafür aber einen routiniert umgesetzten Mini-Slasher mit Fanfilm-Charakter ab, der - wie der Langfilm - im Endeffekt weniger von den ausgelutschten Schock-Momenten, sondern mehr von der hin und wieder aufblitzenden fiesen Stimmung mit Auftauchen Bowerys lebt. Mit seiner übergroßen Brille und dem schmalen, eingefallenen Gesicht erhält die Figur ein einprägsames Äußeres. Sieht der Mörder im Kurzfilm manchmal noch wie ein verirrter Rentner aus, gelingt es Thoroddsen in seinem Langfilm-Debüt Bowery eine furchteinflößende Aura zu schenken. Wäre da nicht der merkbar bemühte Versuch, die simple Handlung des Kurzfilms auf Spielfilmlänge zu strecken.

Babysitterin Helen, im Kurz- wie im Langfilm von Cait Bliss dargestellt, schlägt sich mit den kleinen Lukas herum, der mitbekommen hat, wo er mit seinem Vater überhaupt hingezogen ist: es ist die alte Bleibe von Robert Bowery, der in der nahe gelegenen Scheune fröhlich den Augendübler spielte. Lukas Berichte über Sichtungen eines schwarzen Mannes im umliegenden Wald und Nachts in seinem Schrank schenkt man keinen Glauben; typische kindliche Hirngespinste wie man meint. Bis Lukas plötzlich verschwindet und Helen mit ihrem Freund Tom versucht, diesen wieder aufzuspüren. Als dies nicht zum gewünschten Erfolg führt, schaltet sie ihren bei der Polizei arbeitenden besten Freund Casey ein. Neben Bowery selbst taucht zusätzlich noch eine alte, verwirrte Einäugige auf, deren Mysterium vom Zuschauer schnell durchschaut wird.

Aus dem vermeintlichen Monster in the Closet lässt Thoroddsen zu schnell die Fleisch gewordene Bedrohung wachsen. Die Möglichkeit, mit Lukas kindlicher Sicht auf die Dinge den Slasher aufzubauen, gibt er für Situationen auf, die man bereits häufig und - leider - besser gesehen hat. Bemüht versucht man mit im nächtlichen Wald umherirrenden Menschen Spannung aufzubauen, nur um diese in vereinzelte, blutige Money Shots rennen zu lassen. Egal ob 1986, 1998 oder 2019: weitgehend unbekannte Darsteller, die mit ihrem Spiel lediglich die Planlosigkeit des Drehbuchs darstellen, durch Wald, Wiese, verlassene Gebäude etc. rennen zu lassen, war selten wirklich spannend. Hohen Blutzoll, um dieses Manko auszugleichen - wenigstens in Slashern funktioniert sowas ansatzweise - sollte man ebenfalls nicht erwarten. Thoroddsens Child Eater verirrt sich zu schnell im großflächigen Forst der grenzenlosen Spannungslosigkeit. Wenn der Film für etwas steht wie sein Subgenre an und für sich, dann für weitgehende Mittelmäßigkeit.

Ghost Stories

Der technische Fortschritt machte es Wissenschaftlern im parapsychologischen Bereich über die Jahre einfacher, etwaige übernatürliche Begebenheiten oder sogar Geistererscheinungen zu widerlegen. Tatsächlich unerklärlich bleibende Phänomene wurden (und werden) verschwindend gering und zur Seltenheit. Der Glaube daran, dass es übernatürliche Ereignisse und unerklärliche Dinge zwischen Himmel und Erde geben muss, bleibt bei allen wissenschaftlichen Erkenntnissen in einigen Menschen fest verankert. Spaß am Gruseln, an Gänsehaut herbeiführende Geschichten - am besten noch in nächtlichen Stunden rezipiert - ist eine lustvolle, emotionale Hingabe. Imaginärer Nervenkitzel und gleichzeitig romantisierte Verarbeitung der allgegenwärtigen Erkenntnis, dass Leben immer auch endlich ist. Gleich, ob solche Grusel- oder Geistergeschichten mündlich oder später schriftlich überliefert wurden: das Kredo lautet mindestens "Hauptsache gut gegruselt", im höchsten Falle I want to believe.

Bei stark ausgeprägtem Glauben, oder dem unbedingten Wunsch, dass übernatürliche Phänomene existieren, sind diese Leichgläubigkeit ausnutzende Scharlatane nicht weit. Diese als Betrüger in seiner TV-Show zu entlarven ist das Lebenswerk von Professor Goodman, einem Bilderbuchrationalisten, der keinen Pfifferling darauf gibt, dass Geister tatsächlich existieren könnten. Aus heiterem Himmel erhält Goodman eine Nachricht seines Vorbilds und als verschwunden geglaubten Charles Cameron, welcher in den 70ern mit einem ähnlichen Sendeformat, wie es nun Goodman selbst macht, bekannt wurde. Der sichtlich vom Alter gezeichnete, abgeschottet lebende Wissenschaftler überreicht dem Professor drei Akten mit für diesen bisher unerklärlichen Fällen. Diese handeln vom Wachmann Tony, der bei einer Nachtschicht in einer verlassenen Psychiatrie Bekanntschaft mit einem Geistermädchen machte, dem sensiblen Teenager Simon, der bei einer nächtlichen Autofahrt seiner Ansicht nach den Leibhaftigen persönlich angefahren hat und vom zynischen Geschäftsmann Mike, dessen Familie Ärger mit einem Poltergeist bekam. Goodmans Aufgabe: Camerons Ansicht widerlegen, dass es sich bei diesen Fällen um echte übernatürliche Erscheinungen handelt.

Verpackt sind diese drei Ghost Stories als launige Anthologie im Stile der legendären Amicus-Studios, welche schaurige Episodenhorrorfilme in den 70er Jahren zu ihrem Markenzeichen machten. Das Regisseuren-Doppelpack Jeremy Dyson und Andy Nyman, welcher gleichzeitig in die Rolle des Professoren-Protagonisten geschlüpft ist, verfilmten ihr eigenes Theaterstück und gestalten ihre Erzählung als Hommage an diese Klassiker, ohne bloß zu kopieren. Die Geschichte um Professor Goodman ist keine bloße Rahmenhandlung, die als Kitt einzig die einzelnen drei Erzählungen zusammenhält, wie man es von vielen Horror-Anthologien gewohnt ist. Eher konzentriert sich Ghost Stories auf seinen Protagonisten, der die heimgesuchten Menschen an ihren Wohnorten besucht, mit diesen Vorgesprächen führt, die als dargestellter Zeugenbericht dem Zuschauer näher gebracht werden. Der Film nimmt sich die Zeit, Goodman bei seiner Arbeit darzustellen, was zu lasten der einzelnen Geschichten geht. Dyson und Nyman beschränken sich darauf, klassische Horrorgeschichten zu erzählen; weitgehend unoriginell, geschweige denn überraschend in ihrer Auflösung.

Das Duo spinnt Ghost Stories zu einem Spiel mit der Wahrnehmung der Hauptfigur und des Zuschauers weiter. Mit Gespür für Atmosphäre schaffen sie es, jedem der drei Fälle gebührenden Gruselfaktor zu schenken, beschränken sich dann und wann zum Leidwesen des subtilen Charakters ihres Films auf fade Jumpscares, die den Horrorfaktor ihrer Geschichte schmälert. Für Dyson und Nyman ist es einzig ein Vorwand, um in der zweiten Hälfte ihr Spiel um den Glauben über das Gesehene auf die Spitze zu treiben. Die zum Ende hin auftretende surrealistische Traumlogik durchbricht den konventionellen Charakter des Films und selbst wenn spätestens hier durch erste Anspielungen die traurige Auflösung zu erahnen ist, so bleibt diese effektiv. Letztendlich - so das Fazit von Ghost Stories - funktioniert eine Geistergeschichte nur so gut, wie sie erzählt und gleichzeitig vom Rezipienten wahrgenommen wird. Selbst dann, wenn es hierbei um die eigene Impression ist. Man sollte dieser manchmal nicht zu stark trauen. Schnell wurde für uns im Kindesalter der Schatten eines Stuhls, eines Klamottenberg oder anderem im Dunkel des nächtlichen Zimmer zu einem Monster oder Geist. Die Macht der Einbildung kann stark sein, auch für nüchterne Menschen wie Professor Goodman, für den sowie den Zuschauer am Ende nichts so ist, wie es schien. Ghost Stories vermag mit seinem Ende und der restlichen Darstellung seiner Geschichte keinen Preis für Innovation erhalten, dafür ist es allerdings ein durchaus charmanter wie atmosphärischer kleiner Horrorfilm geworden, dessen Dramatik im Finale einzig durch die Nutzung bekannter Genremuster leider etwas an Wirkung verliert.

Samstag, 2. Februar 2019

Der Todesjäger

Unweigerlich fühlt man sich beim Anblick der Gestaltung des Filmtitels zu Beginn an das Logo einer Metalband erinnert. Der Originaltitel des 1983 entstandenen Der Todesjäger könnte solch einer Gruppierung gut zu Gesicht stehen. Deathstalker. Die beiden zum Schwert stilisierten Ts blitzen beide kurz auf, bevor der Zuschauer in die erste "spannungsgeladene" Szene geworfen wird. Fiesgesichtige Trolle umzingeln unbemerkt einen unschuldig wirkenden, jungen Mann und seine weibliche, augenscheinlich unfreiwillige Begleitung um ihn Sekunden später zu überwältigen und die Dame zu entführen. Auftritt des titelgebenden (Todes-)Jägers: der blonde, durchtrainierte Recke schlägt mit seinem Standard-Schwertkampf-Repertoire die Trollorkdinger in die Flucht um hinterher dem jungen Nachwuchskriminellen eine letzte Abreibung zu verpassen. Die befreite, knapp beschürzte Frau wird nach kurzem Anschmachten fachmännisch befummelt, dass einer erfolgreichen Paarung nichts im Wege zu stehen scheint. Das Drehbuch hat für den unfreiwilligen Helden dieser epischen Geschichte leider jedoch anderes im Sinn.

Immerhin gilt es nun, widerwillig auf Bitten des Königs Tulak die karge Fantasylandschaft aus den Fängen des bösen Munkars zu befreien. Hat dieser im Streben nach der ultimativen Macht bereits das Amulett des Lebens und den Kelch der Magie gehortet. Einzig das Schwert der Gerechtigkeit fehlt dem bösen Schergen noch. Dieses nimmt der Jäger nach einem mitreißenden (gemeinten) Kampf in der Höhe des Schwertwächters Salmoron an sich und wirkt kurzzeitig wie He-Man persönlich. Wie passend, dass Munkar ein Turnier für die stärksten Kämpfer des Landes ausrichtet, um im Sieger den Erben seines Reiches und seiner Macht zu finden. Auf dem Weg zum Schloss trifft der Jäger mit dem Schwerenöter Oghris und der ziemlich offenherzig umher laufenden Kaira Gefährten im Kampf gegen Munkar. Bis zum unausweichlichen Endkampf haben die Autoren des Drehbuchs einige erwartbare Wendungen in die Geschichte gebaut, ohne das Der Todesjäger im Streben nach nie erreichbarer Epik langatmig wird. Der Film fällt mit weniger als 80 Minuten Laufzeit recht knackig aus und die von Roger Cormans New World Pictures betriebene, gut geschmierte Rip Off-Maschinerie begrenzt sich auf die heilige Dreifaltigkeit des B-Barbaren-Pictures.

Wo sich die Gelegenheit bietet wird selbstverständlich das Schwert geschwungen um fiese Gestalten zu verkloppen; viel häufiger noch werden allerlei attraktive Frauen, darunter Ex-Playmate Barbi Benton als entführte Prinzessin, halbnackt oder barbußig von der Kamera eingefangen. Garniert ist das mit Gummimonstern, simplen Masken und Effekten und einigen wenigen, blutigen Spitzen. Action. Nacktheit. Fantasy mit pulpig schönem Anstrich. Mehr braucht es der Meinung der Autoren nach nicht, um einen veritablen Videothekenhit zu schaffen. Recht hatten sie; schaffte es der Film doch auf insgesamt drei Fortsetzungen. Bei aller offensichtlichen, kostengünstigen Realisation besitzt Der Todesjäger einen einfachen wie effektiven Charme, wenn man sich für Low Budget-Werke wie dieses erwärmen kann. Die komprimierte Laufzeit und die Konzentration auf so viele, selbstzweckhaft eingesetzten Schauwerte wie möglich gibt ein hohes Tempo vor. Einzig nach der Ankunft im Schloss steuert das Drehbuch mit leichten Durchhängern dem Showdown entgegen. Den Willen zum absoluten visuellen Erlebnis zieht man hingegen bis zum Ende durch.

Der Todesjäger ist der räudige kleine Bruder Conans, dem es mehr um die Befriedigung niederer Triebe geht und liebend gern, allerdings nicht zwingend, den Thron der Videothekenverkäufe erklimmt. Verglichen mit anderen B-Filmen will der Film keineswegs verbissen ernst wirken; unterschwellig ironisch macht er einen auf dicke Hose, ohne in komödiantische Gebiete abzudriften. Der Humor fühlt sich wie der Grundton des Films erfrischend ehrlich an. Barbarians Just Wanna Have Fun. Davon gibt es im und mit dem Film zuhauf. Man gibt einen Pfifferling auf den unübersehbaren Fakt, dass das Machwerk - durch den Erfolg immerhin nicht nur Begründer des Franchises sonder Start für weitere Barbaren-Fantasy-Action aus dem Hause Corman - unleugbar trashig geraten ist. Die daraus resultierende Komik und das manchmal naive Wesen des Films lassen an Fantasy-Werke aus den seligen 50er Jahren denken. Nur mit sehr viel mehr Freizügigkeit versehen. Dazu ist Der Todesjäger in seiner thematischen Beschränktheit um böse Herrscher, hübsche wie nackte Frauen, unheilvollen Kreaturen und gefahrenreiche Abenteuer - um den Vergleich zu Beginn wieder aufzugreifen - ein verfilmtes 80er Jahre-Heavy Metal-Album das durch seinen geschaffenen, kleinen Kosmos sehr viel Spaß bereitet. Das lässt die zu vermissende Spannung, abwesendes, ausgereiftes Storytelling und meist maue bis bemühte darstellerische und technische Darbietung vergessen. Two Pommesgabeln up!

Until The Light Takes Us

Das mit dem Heavy Metal und mir begann 1995, als ich mir aus Jux und Tollerei in einem Zeitschriftenladen den Metal Hammer und die Rock Hard zulegte. Letzteres Magazin sagte mir mehr zu (und wurde über Jahre hinweg die Informationsquelle für mich), gleichzeitig war ich fasziniert von diesen langhaarigen, manchmal böse dreinblickenden Musikern und wenig später wanderten die ersten Metal-Scheiben ins Regal. Viele Spielarten des Metal begann ich zu mögen, nur zu den extremeren Spielarten wie Death- oder Black Metal bekam ich kaum Zugang. Obwohl mein pubertierendes Ich durchaus für satanistisch/okkulte Provokationsbildchen einiger Gruppen empfänglich war, schreckten mich die harten und stumpfen Kompositionen des Subgenres ab. Dreiundzwanzig Jahre später zucke ich beim meisten todesmetallischen Geknüppel überwiegend weiter desinteressiert mit der Schulter. Die bösen, meist aus Skandinavien stammenden, Waldschrate mit der fantasievollen Schwarz-Weiß-Schminke im grimmen Gesicht verschafften sich über die Jahre weitaus mehr Gehör bei mir.

Die Zeilen aus dem Abigor-Song "Emptiness/Menschenfeind/Untamed Devastation" von der EP "Orkblut" (seinerzeit meine erste Berührung mit Black Metal) stehen stellvertretend für die süß-modrige Versuchung der tiefschwarzen Boshaftigkeit, die dieser Musik innewohnen kann und mich für gewisse Phasen in ihren Bann schlagen kann:

Hass - absolut und rein // Existenz in dieser Masse ist unmöglich // In ihren Reihen zu stehen // Heißt unter Feinden zu kämpfen // Ich bin kein Mensch // Denn Menschen werden sie genannt. 

Der durch die eisigkalten Gitarrenriffs und den kehligen Schreigesang schimmernde Nihilismus, die ausgelebte Misanthropie des Black Metal ist eine interessante Spielart innerhalb der musikalischen Extreme. Was diese Subkultur in ihrer First Wave zu Beginn der 90er auslösen konnte, zeigen die beiden Regisseure Aaron Eites und Audrey Ewell in ihrer 2008 entstandenen Dokumentation Until The Light Takes Us und konzentrieren sich dabei auf die großen, für den Kenner der Materie altbekannten Skandale, mit denen die Musiker aus ihrem Underground-Kosmos in die Medien katapultiert wurden: die Kirchenverbrennungen in Norwegen, den Selbstmord des Mayhem-Sängers Dead (samt der vom Band-Kollegen gemachten Fotografie des Toten, welche später das Cover eines Bootlegs wurde), dem Mord an einem Homosexuellen, begangen vom damaligen Emperor-Drummer Faust und natürlich Varg "Count Grishnackh" Vikernes' Mord an Øystein "Euronymus" Aarseth.

Eites und Ewell halten sich im Hintergrund. Zwischen eingefügter Fremd-Footage und Bildern fangen sie lieber die Zeitzeugen, Protagonisten der damaligen Zeit, ein und lassen sie zu Wort kommen. Darunter Fenriz, Mastermind der Band Darkthrone, und leider der damals noch inhaftierte und über die Jahre zum Neonazi gewandelten Varg Vikernes. Sicher hat dieser als Mitglied der Band Mayhem und mit den ersten beiden Veröffentlichungen seines Solo-Projekts Burzum die Szene und vor allem die Charakteristika der Musik geprägt. Als Initiator der Kirchenbrände und Mörder Aarseths macht es durchaus Sinn, Vikernes vor die Kamera zu holen. Die gewählte Beschränkung der Macher auf eine Rolle als stumme Beobachter, Chronisten einer bereits gut dokumentierten Zeitspanne, lässt viel Raum für die fragwürdigen, ideologischer Ideen des Musikers. Eine Verurteilung bzw. Bewertung der Worte Vikernes und einiger anderer vor der Kamera auftretender Szenegrößen wäre bei gleichzeitigem moralinsaurem Beigeschmack angenehmer als diese Statements für sich alleine stehen zu lassen. Während Vikernes im Ansatz seine Gedanken über den schleichenden Verlust der norwegischen Kultur und seinem Gegenentwurf dazu loslässt, bewundert Mayhem-Drummer Jan Axel "Hellhammer" Blomberg Faust dafür, dass er es geschafft hat, Zitat: "eine Schwuchtel umzubringen".

Besonders beim heiklen Thema Black Metal, welches seit vielen Jahren von außen immer wieder mit nationalsozialistischen bzw. rassistischen Vorwürfen zu kämpfen hat und in der eine florierende, sich offen zu erkennen gebenden Nazi-Szene (NSBM = Nationalsocialist Black Metal) existiert, darf man nicht so unkritisch sein. In den wenigen Momenten, in denen sich die Dokumentation der Musik selbst widmet, funktioniert sie am Besten. Die archaische, noch tief im Untergrund verwurzelte Szene, sich vom restlichen Heavy Metal abgrenzend, die bereits Ende der 80er Jahre die Extreme visuell und auditiv auslotend und von einem DIY-Gedanken beseelt wie die Punk-Szene, wird mit interessantem Bild- und Videomaterial vorgestellt, während Fenriz und Vikernes ihre Erinnerungen schildern. Hier wird das Problem von Until The Light Takes Us am deutlichsten. Vikernes erscheint beim Anekdoten erzählen als unscheinbarer, sympathischer Kerl. Das lässt, sofern bekannt, vergessen, dass Vikernes 2013 in seinem damaligen Aufenthaltsort Frankreich wegen Terrorverdachts festgenommen worden ist, da er sich offen als Sympathisant des Massenmörders Anders Breivik zu erkennen gab.

Kennern der Materie liefert der Film nichts neues, während Neulinge sich die Doku im Zusammenhang mit Jonas Akerlunds bald startender Buchverfilung Lords of Chaos, der die Geschehnisse um Aarseth und Vikernes aufgreift, ruhig einmal ansehen können. Als Fan darf man sich trotz mancher schwer verdaulichen Statements über den kurzen Auftritt von Demonaz und Abbath, Mitglieder der Band Immortal freuen. Für Skandinavien typisch maulfaul wie kauzig erscheinen die beiden Musiker und sorgt für einen kleinen Schmunzler. Alles andere ist sorgfältig aufbereitet; die ausführliche Begleitung und Betrachtung Fenriz' in seinem Alltag mag dazu dienen, den Menschen hinter der bösen Maske aus schwarzer und weißer Schminke zu zeigen; häufiger führt sie weniger zu den gewollten intimen Momenten als mehr zu irrelevanten Füllmaterial mit wenig Substanz und Mehrwert für die gewählte Maxime der Dokumentation. Der Film kratzt leider nur an der Oberfläche einer durchaus interessanten wie faszinierenden Szene, zeigt dafür gut und etwas zu passiv, welche vermurksten Gestalten diese in den 90ern geprägt hat.

Mittwoch, 30. Januar 2019

Anna und die Apokalypse

Der neue Tag begrüßt die erwachende Anna plötzlich. Der Wecker hat versagt, die Schülerin hat verschlafen. Schnell aus dem Bett und ins Bad springen, auf dem Weg noch schnell das Türchen des Adventskalenders öffnen und ab in die Uniform. Begleitet werden die Bilder mit den ersten Takten des Songs, den die Jugendliche anstimmt, als sie aus der Tür tritt. Nach einigen Disputen mit ihrem Vater über die Zukunftsplanung - sie will reisen, während ihr Vater dafür ist, dass zuerst die Universität ansteht - will sie einen Neuanfang starten. Der blaue Dezemberhimmel, der leichte Geruch von Neuanfang: das Motto ist Turning My Life Around. Während das Mädchen versonnen und träumerisch durch die Straßen tänzelt, bemerkt sie nicht die ausgebrochene Apokalypse um sie herum. Panisch rennt und kämpft die umliegende Nachbarschaft um ihr Leben. Untote haben die Siedlung überrannt, für Blut, Chaos und Weltuntergangsstimmung gesorgt, während sie und ihr bester Freund auf dem Weg zur Schule, der über einen Friedhof führt auf dem die Teenies ordentlich abrocken, vom Neubeginn im noch jungen Leben träumen.

Zugegeben: auf die Idee, Szenerien aus beliebten, für eine jugendliche Zielgruppe zurecht geschneiderten Musical-Formaten, wie Highschool Musical oder Glee mit Zombiehorror zu verbinden, muss man erst einmal kommen. Richtig zünden mag diese, in Kombination, nicht. Die beschriebene Szene birst über vor lustig gemeinten Einfällen, selten kann man richtig darüber lachen. Mehr als ein amüsiertes Schmunzeln kann das Drehbuch und die routiniert anmutende Regie von Debütant John MacPhail nicht aus dem Zuschauer herauslocken. Selten wird es humortechnisch richtig schwarz; lieber bleibt man so harmlos wie die persiflierten Teenie-Komödien. Horrorkomödien und britischer Humor können, wie wir seit Shaun of the Dead wissen, wunderbar funktionieren. Leider will das Drehbuch auf der sicheren Seite bleiben und setzt neben den gängigen Tropes beider Genres auch auf Gags, die zu erwarten sind. Sei es kreatives Ablenken oder Töten der untoten Schar, Slapstickelemente oder Späße im modrig-gorigen Bereich: vieles fühlt sich bekannt, zu vertraut, an, um richtig zu überzeugen.

Mehr funktioniert Anna und die Apokalypse ausgerechnet als Musical. Die Darsteller sind passend für die Rollenfiguren ausgesucht. Diese wiederum präsentieren ein buntes Potpourri aus für das Genre bekannte Charakteren. Der strenge aber milde Vater, die aufmüpfige Tochter, die leicht feministisch angehauchte Aktivistin, der Nerd, der unliebsame Rowdie, der überstrenge Schuldirektor und der hoffnungslos in die beste Freundin verknallte Durchschnittstyp. Die Macher kennen die Vorbilder und führen den Zuschauer ohne Hast in ihre Welt ein. Bis der erste Untote auftaucht, vergeht eine Zeit. Gesungen wurde bis dahin häufiger; und das ziemlich überzeugend. Die Songs orientieren sich am zeitgenössischen Pop, laufen allerdings keinem Trend hinterher. Modern arrangiert, zeitlos und - was manchem Radio-Pop-Liedchen ebenfalls anhaftet - gleichförmig bekommt der Zuschauer leichte Rocker, nach vorne treibende Pop-Nummern, Balladen, klassische Musical-Nummern in die Ohren gepflanzt. Manches funktioniert im Kontext des Films recht gut und einige Lieder laden tatsächlich zum Mitwippen ein.

Leider überkommt einen zeitweise das Gefühl, dass Anna und die Apokalypse ein Bewerbungsfilm ist, um mehr Aufträge im Filmgeschäft zu erhalten. Die Funktionalität der hier kombinieren Genres verstehen die Macher sichtbar. Das geringe Budget wird gut genutzt, technisch bewegt man sich auf ordentlichem Niveau. Die digitale Optik lässt manchmal Atmosphäre vermissen, den in der Kombination schlummernden Irrwitz lässt man selten aufblitzen. Überraschend ist dann, dass die Mimen nicht nur davon singen, dass da kein Hollywood-Ending ist. Das Leben ist kein Ponyhof, keine vor den Zombies rettende Insel. Das für Teenie-Filme Happy End bei dem sich alle lieb haben, alle für einander bestimmten zueinander finden: Fehlanzeige. Die Ausweglosigkeit des Zombie-Genres, dessen apokalyptischer Grundgedanke bleibt bestehen. Das ungewisse Ende für die Überlebenden, deren Flucht aus dem kleinen Nest, in dem durch eine Grippepedemie das Unheil seinen Lauf nahm, steht für den Schritt aus der Jugend in die Welt der Erwachsenen. Diese und ihr grauer Tag kann auffressen wie die Untoten die Lebenden. Coming of Age mit Zombies, der in seiner Durchschnittlichkeit und wenig auf allen angepeilten Ebenen gut funktionierenden Szenen nie komplett überzeugen mag. Das ergibt im Abschlusszeugnis eine 3. Aber mit Plus.

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