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Sonntag, 6. August 2023

Nackt über Leichen

Lucio Fulci war nicht nur abseits der Leinwand ein Querkopf. Diese Eigenschaft übertrug sich des Öfteren auch auf seine Filme. Während seine Beiträge zur Untoten-Welle im Kino der 80er den wandelnden Leichnamen schon mal ein gespenstisches Wesen wie in Ein Zombie hing am Glockenseil (hier besprochen) verlieh oder sie zur pervertierten Verkörperung des allgegenwärtigen Todes innerhalb eines surrealen Albtraums wie in Über dem Jenseits (hier besprochen) wurden, waren seine Gialli nie zu einhundert Prozent das, worüber man das Subgenre heute definiert. Bereits mit seinem ersten Beitrag Nackt über Leichen geht der Italiener eigene Wege und schuf innerhalb seiner sehr diversen Filmographie wohl einen seiner besten Filme. Mit diesem kredenzt er dem Publikum eine vordergründig ruhig erzählte Kriminalgeschichte um den Arzt George Dumurrier, Leiter einer Privatklinik, um deren Finanzen es nicht gerade gut steht. Nachdem seine ungeliebte Gattin Susan ihrer langjährigen Krankheit erliegt, winkt ihm durch die damit verbundene Erbschaft finanzieller und dazu persönlicher Segen. Einer Heirat mit seiner Geliebten Jane scheint damit an sich ebenfalls nichts mehr im Wege zu stehen.

Doch wo das Glück ist, ist in der negierten Welt des Giallo das Unglück nicht weit. In einer Stripbar stößt das Paar auf die Tänzerin Monica Weston, die Georges toter Gattin zum Verwechseln ähnlich sieht. Mit dem Auftauchen der Doppelgängerin brauen sich über dem Kopf des Doktors pechschwarze Wolken zusammen und zu spät bemerkt dieser, dass er Opfer eines Komplotts ist, der ihm schnurstracks den Weg in die Todeszelle weist. Die unterhalb der Schönen und Reichen schwelende Niedertracht findet man im Giallo nicht gerade selten. Nackt unter Leichen unterscheidet sich von ähnlich gelagerten Filmen dadurch, dass Fulci in deren Darstellung jegliche Überspitzungen fürs Erste außen vor lässt. Bevor er zeigt, wie abgrundtief böse die Verschwörung gegen George eigentlich ist, lässt er dies die Menschen vor der Leinwand oder dem heimischen TV-Gerät vage spüren, ohne dass der Protagonist im Plot bereits etwas von der Konspiration ahnt. Das die Geschichte im finalen Akt doch einige sich überschlagende Wendungen in petto hat, ist eher als "großer Knall", den irreversiblen Climax, zu bezeichnen, der alles, was bisher unterschwellig im Plot brodelte, eruptieren lässt. Selbstverständlich kann man diese Handhabe als für den Giallo durchaus übliche Art der Narration, die bereits in Filmen, die vor und nach Fulcis Giallo-Erstling auftritt, bezeichnen.

Was Nackt über Leichen von einem Teil der beliebten italienischen Thriller und Krimis unterscheidet, ist seine Art der Präsentation. Der Film, dessen Handlung in den Vereinigten Staaten spielt, fühlt sich auch amerikanischer an. Während viele Gialli mehr dem "German Krimi", also den Edgar-Wallace-Verfilmungen, nacheifern und auch nicht unerheblich von der europäischen schwarzen Romantik beeinflusst sind oder sich später häufig auf das Œuvre von Hitchcock berufen, kreuzt Fulci in seinem Werk den Film Noir mit dem im damaligen, pop-kulturellen Zeitgeist angesagten, psychedelischen Look. Die dargestellte filmische Hardboiled-Welt ist aufregend bunt, fabelhaft fotografiert und über allem thront die in einer Doppelrolle auftretenden, österreichische Darstellerin Marisa Mell, eine markante Schönheit, als Femme Fatale. Ihr erstes Auftreten als Monica heizt die Stimmung des Films, die vom jazzigen Soundrack Riz Ortolanis prächtig unterstützt wird, ordentlich auf und ist quasi die Schlüsselszene, welche einen imaginären Schalter umlegt und die Perversion Story vollends ins Rollen bringt. 

Diese auch im Namen des Werks vorkommende, Perversion Story ist ein englischer Alternativtitel, und konkret benannte Pervertierung ist innerhalb des Genres, bei der Konstruktion des jeweiligen filmischen Kosmos, gern genutzt. Nackt über Leichen mag im Vergleich mit anderen Gialli und deren Zeichnung ihres Weltbild zurückhaltender sein, aber Fulci wäre nicht er selbst, wenn er nicht noch einen drauf legen würde. Hintergründig fühlt sich sein Film abgründiger, schwärzer, als andere an. Wer bislang an den Qualitäten Fulcis zweifelte, sollte sich durch Nackt über Leichen eines Besseren belehren lassen. Gelingt es ihm dort doch die zukünftig mehr herausstechenden bzw. herausgearbeiteten Übertreibungen innerhalb des Giallo griffiger, dezent subtiler und damit rationaler darzustellen. Gleichzeitig zeigt der Italiener bereits hier, dass diese Spielart des italienischen Kinos und er gut zusammenpassen sollten. Mit Nackt über Leichen beginnt der Reigen von dunklen, ungeheuren Geschichten, die er in seinen späteren Gialli erzählen sollte und bereitet zu einem Teil auch den Umbruch im Genre vor, der 1970 mit Argentos Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe erfolgen sollte. Gemessen an noch kommende Werke des streitbaren Regisseurs gelang diesem hier ein aufgeräumter wie gleichermaßen komplexer Film, der über wenige Zweifel - im Gesamtgefüge mutet manche Wendung leider zu konstruiert an - erhaben ist.

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Dienstag, 25. April 2023

Die geschändete Rose

Die Einflüsse von Georges Franjus Horrorklassiker Augen ohne Gesicht (hier besprochen) sind nicht von der Hand zu weisen und doch würde man es sich zu einfach machen, Claude Mulots Film als eine bloße Kopie abzutun. Die geschändete Rose ist weniger unterkühltes, gothisches Horrordrama sondern ein öfter schwülstiges, mehr im Pulp haftendes Melodram zwischen Schauergeschichte und Einflüssen des damals erstarkenden modernen Horrorfilms. Ist es bei Franju der sich in seiner Schuld windende Dr. Génessier, welcher seiner leidenden Tochter nach einem fürchterlichen Unfall ein neues Antlitz schenken möchte, so ist es bei Mulot der Maler Frédéric Lansac, der seiner Muse Anne - Opfer einer von Frédérics früherer Flamme Moira begangenen Eifersuchtstat - zu alter Schönheit verhelfen möchte. Frei von jeglichen medizinischen Kenntnissen erpresst er den von seinem Geschäftspartner - beide betreiben nebenher eine Art Wellness-Studio - für dieses eingestellten Professor Romer zur Mithilfe, als er hinter die kriminellen Machenschaften des ehemaligen Schönheitschirurgen kommt. Aufgrund der schwere von Annes Verletzungen kommt dieser zum Schluss, dass einzig eine Gesichtstransplantation noch helfen kann. Geeignete, selbstverständlich unfreiwillige Spenderinnen findet das Duo dabei unter der Kundschaft ihres Schönheitstempels.

Im Vergleich mit Franjus Film fehlt es Mulot an Feinschliff und Progressivität; was die beiden eint ist ihre durchgehend melancholische Stimmung. Das wird vom Franzosen so konsequent verfolgt, dass selbst in den dargestellten glücklichen Tagen von Anne und Frédéric über diesen unheildrohende schwarze Wolken schweben. Das unausweichliche Schicksal der beiden Liebenden hängt dort einem Damoklesschwert gleich über den beiden Liebenden, was dem Erzählstil des Films geschuldet ist. Mittels Off-Kommentare, Rückblenden und dem durchgängig von Traurigkeit beseelten Soundtrack schafft Mulot diese Atmosphäre, der richtig spannende Momente leider abgehen. Die Stimmung ist und bleibt hübsch, nur leider bleibt der Umstand im weiteren Verlauf des Films bestehen. Der Plot ist an manchen Stellen verschachtelt und einige Stränge der Geschichte greifen hierdurch zu spät ineinander. Interessanterweise scheint Mulot weniger an plumpen Schocks interessiert zu sein und orientiert sich am den tragischen Elementen des klassischen Horrors. Wären da nicht die Entscheidungen, den damaligen offener werdenden Zeitgeist in seinen Film einfließen zu lassen.

Ob die in Die geschändete Rose vorkommenden Nuditäten zu seiner Entstehungszeit sehr spektakulär waren, lässt sich bezweifeln; zumindest auf der Marketingseite konnte man ihm dem Publikum als ersten Sex-Horror-Film der Geschichte verkaufen. Gefühlt waren da die Werke des damals erst beginnenden Jean Rollin freizügiger. Diesen könnte man auch als Einfluss auf Mulot ausmachen, nur konnte damals lediglich sein Langfilmdebüt Die Vergewaltigung des Vampirs von 1968 länger in Mulots Bewusstsein verweilen. Im Veröffentlichungsjahr 1970 kam zwar Rollins Die nackten Vampire in die französischen Kinos, doch zwischen den Kinostarts beider Filme liegen gerade mal vier Monate, was eine zwar machbare, aber auch ziemlich knappe Kiste wäre. Fakt ist, dass Produzent Edgar Oppenheimer nackte Tatsachen im Film wollte. Mulot lieferte ab; manche Szenen wie ein Traum der bereits entstellten Anne oder die im Schloss der Lansacs lebenden stummen Zwerge Igor und Olaf, eine liebenswerte Absurdität des Films der ihn mehr in Richtung Pulp-Poesie driften lässt, könnten auch bei Rollin vorkommen.

Abgerundet wird das triviale Vergnügen des Films von einigen zwar eher harmlosen blutigen Momenten und der tollen Casting-Entscheidung, Jess Franco-Regular Howard Vernon als Professor Romer zu besetzen. Vernon ist gerade in solcher Art von Filmen immer sehr willkommen und gibt einen sinisteren Wissenschaftler mit tragischem Hintergrund. Neben der ungeordneten Narration wird Die geschändete Rose auch davon ausgebremst, dass der Eindruck ensteht, dass die vom Produzenten geforderten Nacktheiten ein Zugeständnis Mulots waren und dies in dieser Ausführlichkeit gar nicht in seinem Film haben wollte, auch wenn sein Fokus eben auf diesen und den wenigen Effektszenen zu liegen scheint. Hätte man diese extrahiert, bliebe das Erzählte häufig etwas arg bieder und behäbig. So sind es die erstmal ungleich erscheinenden Kontraste zwischen Gothic-Horror der alten Schule und Einflüsse des waltenden Gedankenguts seiner Epoche, die aus dem Mulots Werk zwar kein Meisterwerk, aber ein mit Abstrichen noch sehenswertes Film-Kuriosum werden lassen, dass zu Unrecht häufig in den Schatten von Augen ohne Gesicht geschoben wird. Schon allein die Verschiebung auf die Entmenschlichung Annes einhergehend mit dem Verlust ihres Gesichts ist eine Abgrenzung zu seinem Vorbild, mit dem man hätte noch etwas mehr anstellen können. Vergnüglich ist's allemal.

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Sonntag, 12. März 2023

Augen ohne Gesicht

Das schöne an manchen Filmen ist, wie viel doch bei einer scheinbaren Simplizität ihrer Geschichte unter der Oberfläche schlummert. So bemerkt bei Georges Franjus Augen ohne Gesicht, den ich bereits in meiner Jugend sah und als hoch komplexen Film in Erinnerung behielt, der sich damals noch nicht komplett erschließen ließ. Zu meiner Überraschung entpuppte sich der Plot des Films beim Wiedersehen als äußerst einfach und aufgeräumt. Doktor Génessier mag eine Koryphäe auf seinem Gebiet sein und besticht im privaten damit, dass er vom Gram zerfressen einem Herzenswunsch nachjagt, der für ihn unbemerkt längst zum Fluch wurde. Ein von ihm verursachter Autounfall entstellte das Gesicht seiner Tochter Christiane vollständig; seitdem lebt diese nach einer vorgetäuschten Beerdigung eingesperrt in der familiären Villa und harrt darauf, dass ihr Vater ihr zu einem neuen Gesicht verhelfen kann. Hierfür lockt er mit seiner  Gehilfin Louise junge Frauen in sein Haus um bei einer komplexen Operation deren Antlitz seiner Tochter zu verpflanzen. Leider stößt deren Körper das fremde Gewebe immer ab, was in dieser die Verzweiflung wachsen lässt.

Georges Franju, obwohl zur Zeit der Nouvelle Vague aktiv immer etwas von dieser ausgeschlossen, da er mehr als Auftragsarbeiter und Vertreter des alten französischen Kinos galt, schuf mit Augen ohne Gesicht, dessen deutscher Kinotitel Das Schreckenshaus des Dr. Rasanoff schrecklich unpassend und reißerisch ist, ein atmosphärisch klinisch wie distanziertes und gleichzeitig poetisches Horrordrama. Vordergründig mag der Schrecken im eiskalten Vorgehen von Génessier und Louise liegen, die uns in der heutigen Zeit wie zwei Serienmörder unter vielen anmuten, wenn sie unfreiwilligen Spenderinnen für Christianes neues Gesicht in ihren Wohnsitz locken und - noch erschreckender - hinterher wie nicht mehr brauchbares Material entsorgen. Nur Louise scheint noch einige wenige Skrupel zu besitzen, wie es der Film zu Beginn und in weiteren Szenen schildert. Der Doktor selbst ist längst Gefangener seiner eigenen Handlungen und nicht mehr Herr über sich selbst. Seine in der Öffentlichkeit nach außen strahlende Überheblichkeit ist Ergebnis des sich in ihm manifestierten Gottkomplexes, in den ihn seine Schuldgefühle gegenüber seiner Tochter und seine Bemühungen um Wiedergutmachung, mit denen er sich über alle ethischen Werte und die Gesetzgebung hinwegsetzt, trieben.

Über die Jahrzehnte mag Augen ohne Gesicht einiges an Schockwirkung verloren haben; dass die Taten des mörderischen Duos weiterhin eine emotionale Wirkung besitzen liegt an Franjus dokumentarisch anmutende Art der Umsetzung der aus der Feder des Duos Pierre Boileau und Thomas Narcejac (deren Romane u. a. die Vorlagen für Clouzots Die Teuflischen oder Hitchcocks Vertigo waren) stammenden Geschichte. Seine Art der Narration klammert jegliche moralische Wertung der Handlungen seiner Figuren aus; Franju nimmt die Perspektive eines Beobachters ein und lässt somit auch sein Publikum zum stillen Teilhaber werden. Eine effektive inszenatorische Entscheidung, welche den poetischen Aspekt des Films als Kontrast zur kühlen Distanziertheit zum gesamten Plot etabliert. Mit ihrem langen Gewand und der konturlosen und bleichen Gesichtsmaske gleicht Christiane beispielsweise einem Gespenst, das ruhelos und von körperlichen und mehr noch seelischen Schmerzen geplagt durch sein unfreiwilliges Gefängnis wandelt. Ihre Darstellerin Edith Scob legt hierbei beeindruckendes darstellerischen Können zur Schau, wenn sie den Emotionen ihres Charakters allein durch ihre Körpersprache Ausdruck verleiht.

Die berühmte Gesichtsoperation, eindeutig Klimax des Films, leitet die abschließende Tragödie seiner weiblichen Hauptfigur ein. Der dokumentarische Stil stärkt heutzutage noch die Wirkung der zugegeben einfach getricksten, aber effektiv ausgestalteten OP-Szene. Die Auswirkungen dieser neuerlichen Transplantation vergrößern Christianes Leid, welches die tot geglaubte Frau eine Affekthandlung begehen lässt, die die Aufmerksamkeit der Polizei - bezüglich der Mordserie um die gesichtslosen Frauenleichen weitgehend im Dunkeln tappend - auch nochmal auf ihren vermeintlichen Todesfall lenkt. Sowohl die Verflechtung von Horror und Drama im Plot von Augen ohne Gesicht als auch die visuelle Ausgestaltung und Details wie der abgelegene Wohnsitz der Génessiers oder der Umstand, dass die im Keller in Käfigen gehaltenen Hunde des Doktors fast ohne Unterlass bellen, sind der schwarzen Romantik entlehnte Motive, welche in den Händen Franjus gekonnt in den vorherrschenden, um Realismus bemühten Stil eingeflochten wurden.

Die ersonnenen und mit dieser Stilistik kombinierten, traumwandlerischen Bilder erscheinen wie aus einem Guss. Franju kreiert eine Cold Gothic, die auf den Zuschauer eine verführerische Faszination ausübt und - im Vergleich zu späteren Vertreter eines (europäischen) Gothic Horrors der Moderne - weniger mit oberflächlich leerer Symbolik daherkommt. Ohne genau Stellung zu einem Thema zu beziehen, ist Augen ohne Gesicht ein interpretationsreicher Film, der beispielsweise Gedankenspiele um Grenzen und Ehtik in der Medizin, diesbezüglich sogar auf die in der NS-Zeit durchgeführten unmenschlichen medizinischen Experimente ausgeweitet, zulässt oder sich als Beobachtung bezüglich der Ambivalenzen in menschlichen Beziehungen lesen lassen kann. Gleichzeitig kann man den Film als einer der Übergänge vom klassischen zum modernen Horrorfilm ansehen, der außerdem für letzteren ein durchaus großer Einfluss war. Weit weg vom nachfolgenden, enthemmteren Exploitationfilm bereitet er für diesen mit seinem Stil dessen um Authentizität bemühte Gestaltungsweise vor und präsentiert keine außerweltlichen, sondern menschliche, greifbare Monstren als Schreckensbringer die mehr als 60 Jahre nach ihrem ersten Auftritt auf der Leinwand nichts von ihrer Wirkung verloren haben. Der Film verwehrt sich gegen die vielen Schubladen in die man ihn stecken könnte, ist vieles zu gleicher Zeit und, vor allem, ein heute noch rundum gelungenes Genre-Masterpiece.


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Freitag, 23. September 2022

Der Dämon und die Jungfrau

In der heutigen Zeit mögen sexuelle Obsessionen mit einer sadomasochistischen Note als Thema für einen Film weitgehend normal erscheinen. Für das Jahr 1963 war dies anrüchig und durchaus heikel; ganz gleich, dass dies in ein schauerromatisches Gruselstück implementiert wurde. Aus diesen Gründen hatte Mario Bavas Der Dämon und die Jungfrau zur Zeit seiner Entstehung stark mit der Zensur zu kämpfen. In den britischen Kinos fehlten rund 15 Minuten; bei seinem deutschen Kinoeinsatz mussten gut zehn Minuten weichen. Leider verfälschte dies einen wichtigen Aspekt in der Beziehung zwischen den Figuren Nevenka und Kurt. Beide führt das Schicksal unausweichlich wieder zusammen, nachdem die von der betörenden Daliah Lavi dargestellte junge Frau Christian, Sohn des gebrechlichen Grafen Vladimir Menliff, ehelicht. Kurt, Bruder von Christian und schwarzes Schaf der alteingesessenen Aristokraten-Familie, kehrt nach Jahren des Exils auf das Schloss der Familie zurück, um dem frisch getrauten Ehepaar zur Hochzeit zu gratulieren.

Wohlgesonnen ist Kurt niemand. Vor seinem Abgang soll dieser Tanya, Tochter der Bediensteten Giorgia, verführt und in den Tod getrieben haben. Seine Familie fürchtet unterdessen, dass der narzisstisch und sadistisch veranlagte Kurt auf das Ableben des kranken Vaters zu lauern scheint und danach den Familienbesitz für sich zu beanspruchen. Zu guter Letzt wäre Nevenkas wechselhaftes Verhältnis zu Kurt, mit dem sie ein Verältnis hatte und zu diesem eine Art Hassliebe pflegt. Eigentümlich bleibt beider Zusammentreffen am Strand: zuerst lässt sich die frischgebackene Ehegattin von ihrer Ex-Affäre auspeitschen, bevor sie in seinen Armen dahinschmilzt. Out on the wily, windy moors / We'd roll and fall in green. Am gleichen Abend fällt Kurt einem Mord zum Opfer, aus dem sich zuerst ein klassisch aufgebautes Kriminalstück entspinnt, dass sich im Laufe des Films zu einem gothischen Schauerstück entwickelt, in dessen famos durchkomponierten Bildern man am liebsten versinken möchte.

Was Bava zusammen mit seinem Kameramann Ubaldo Terzano auf der optischen Ebene erschafft, sind prächtig ausgeleuchtete, durchstilisierte schwarzromantische Kunstwerke. Passende Schauplätze für eine im Inneren verfallende Familie, die in ihrem abgeschieden gelegenen Schloss langsam verrottet. Mit Kurts Rückkehr und den daraus folgenden Ereignissen wird der Niedergang beschleunigt. Christopher Lee verkörpert den herrischen Aristokraten mit kühler Zurückhaltung, in dem Gewalt, Missgunst und Sadismus deutlich brodeln. Vor und nach seinem Tod, wenn er als Geistererscheinung Nevenka heimsucht und an den Rande des Wahnsinns bringt, entlädt sich dieses Trio in von sadomasochistischem Eros durchzogenen Szenerien. Im Umgang mit Familienmitgliedern wandelt Lee als Kurt auf dem schmalen Grat zwischen letzter Selbstbeherrschung und plötzlichem Brutalitätsausbruch, was ihn als einen Heathcliff 2.0 erscheinen lässt. Tatsächlich lässt sich der Aufbau der Geschichte bis zu einem gewissen Grad mit Emilie Brontës einzigem Roman "Wuthering Heights" (dt. Titel "Sturmhöhe") vergleichen.

Die amerikanische Literaturwissenschaftlerin Ellen Moers ordnete das Buch der sogenannten Female Gothic zu, in der die Autorinnen die Ängste und Sorgen von Frauen im 18. bzw. 19. Jahrhundert in von der Schauerliteraturjener Tage geprägten Motive verpackten. Bavas Film fehlt dafür der weibliche Blick auf seine Protagonistin, gleicht dies jedoch mit atmosphärisch dichtem Grusel alter Schule aus, der sich zu einem schwelgerischen Horrordrama mausert, dem man zumindest eine gewisse Nähe zur Gothic Literatur konstatieren kann. Drehbuchautor Ernesto Gastaldi und seine Co-Autoren Ugo Guerra und Luciano Martino nutzen aus dieser offenkundig bekannte Motive und schaffen daraus eine zugegeben heutzutage nicht mehr sonderlich markerschütternde, aber immer noch sehr gut unterhaltende und geerdete Geschichte, die dabei nie in Trivialität verfällt. Der Plot mag (trotz seiner behäbig ausfallenden Narration) aufgeräumt und in der Regie sehr zielgerichtet umgesetzt sein; Der Dämon und die Jungfrau bietet bei seiner detailverliebten Umsetzung und den "hitzigen" Untertönen vieles zu entdecken, was man als Zuschauer unter der Führung von Mario Bava sehr gerne in Angriff nimmt um in dieser filmischen Horrorschönheit klassischer Prägung zu versinken. 
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Donnerstag, 18. August 2022

Dark Glasses

Richard Morgan Fliehr dürfte manchen unter seinem Ringnamen Ric Flair ein Begriff sein. Der 16-fache World Champion war schon längst vom aktiven Geschehen im Squared Circle zurückgetreten und bestritt vor kurzer Zeit an der Seite seines Schwiegersohns sein (angeblich) allerletztes, großes Match. Viele Wrestler sprechen davon, dass es wie eine Sucht ist, immer und immer wieder in die Halle zu treten und die Stimmung, für die die Zuschauer sorgen, in sich aufzusaugen und zu spüren. Flair ist mittlerweile 73 Jahre alt und wurde sicherlich zu einem gewissen Teil von ebenjener Sucht nochmal in den Ring getrieben. Nötig hat er es eigentlich nicht mehr. Dario Argento ist mittlerweile 81 Jahre alt und wurde nach zehn Jahren wieder dazu getrieben, mit Dark Glasses nochmal einen Film in die Kinos und Buden der Filmliebhaber zu schicken. Vielleicht ist es bei Argento auch eine Getriebenheit und Sucht, die ihn dazu treiben, zu drehen. Nötig hat auch er es eigentlich nicht mehr.

Wie (nicht nur) seine anderen Spätwerke polarisiert der Film kurz nach Veröffentlichung im Heimkino die Gemeinde. Während manche nach einigen Totalausfällen Milde und Anerkennung zeigen, sogar von selbstreferentiellem Kino reden oder schreiben und alte Stärken ausmachen, knüppeln andere munter auf den Italiener ein und drehen ihn und seinen Film durch den Fleischwolf. Kann und darf man mit dem Kult-Regisseur hart ins Gericht gehen? Sollte man nachsichtig mit ihm sein? Im Bezug auf Dark Glasses schwierige Fragen, deren Beantwortung durch das dargebrachte Filmwerk nicht leicht gemacht wird. Auf den Spuren von Die neunschwänzige Katze wandelnd, stellt uns Argento ein ungleiches Protagonisten-Duo, bestehend aus der blinden Edel-Prostituierten Diana und dem Waisenjungen Chin vor, deren Schicksal eng miteinander verbunden ist. Von einem Serienmörder in einer Verfolgungsjagd durch die halbe Stadt gehetzt, verursacht Diana einen schweren Unfall, durch den sie ihr bereits angeschlagenes Augenlicht komplett verliert. 

Jener Unfall raubte dem Jungen Chin beide Elternteile und zunächst vollkommen ablehnend, findet der womöglich auch aus Mitleid doch zur von Selbstvorwürfen geplagten Diana. Sie raufen sich in Szenen voller hölzerner Emotionalität zusammen und als Zweckgemeinschaft zweier Außenseiter werden sie mit jenem Mörder konfrontiert, der es Diana und ihre Kolleginnen aus dem horizontalen Gewerbe abgesehen hat. Diese Konfrontation bestimmt nahezu die zweite Hälfte des Films und schickt die Hauptfiguren und den Zuschauer auf eine Tour de Force. Mit dümmstmöglichen Verhaltensweisen und Plot-Konstruktionen ziehen sich die Kreise des Mörders enger, nur das es Argento verpasst, dies in einen befriedigenden Höhepunkt gipfeln zu lassen. Das Ende ist so schwach wie die vorangegangenen Versuche, spannungsreiche Momente zu kreieren. Die Selbst- bzw. Eigenreferenzen des Italieners sind bloße Staffage. Er schmückt sich quasi mit sich selbst; plagiiert mehr als eine Hommage an sich selbst zu schaffen.

Seien es die Farbspiele in der Ausleuchtung oder eigenwillige Kameraperspektiven: die von Fans verehrten Stilmittel vergangener Zeiten drapiert er in einen kalten, sterilen Film, der ein blasses Abbild seiner Selbst ist. Der alte Argento funktioniert nicht mit dem Genrekino der Gegenwart. Seit seinem The Card Player nutzt er gerne Motive des modernen Serial Killer-Films, eine Spielart des Thrillers, das zu einem gewissen Maße selbst von den Gialli der 60er und 70er beeinflusst wurde. Bis zum heutigen Tag gewann es durch prägende Filme ein eigenständiges Profil, während Argento den Giallo alter Tage mit jenem Subgenre ungelenk kombiniert. Gleichermaßen überspannt er den Bogen mit einer enervierenden Gefühlsduseligkeit zwischen Diana und Chin, die unglaubwürdig konstruiert ist und einen großen Teil der ersten Hälfte einnimmt. Der Versuch, die Figurenzeichnung tiefgründig zu gestalten, schlägt als Aufbau für die anstehende Dauerverfolgungsjagd fehl. Erschlagen von der gewollten, nicht gekonnten Charakterkonstellation können einem diese nicht egaler sein.

Mit Filmen wie Dark Glasses fügt Argento seinem Ruf eine große Schramme mehr hinzu. Die vom Italiener auch hier aufgegriffene Thematik über Wahrnehmung und das Sehen an sich, begonnen mit Dianas ungeschützter Blick in eine Sonnenfinsternis zu Beginn des Films, zusammen mit Reminiszenzen an seine filmische Hochzeiten hätten mit etwas mehr Enthusiasmus und Leidenschaft ein letztes Aufbäumen Argentos sein können. Doch nur der innere Trieb, hinter die Kamera zu drehen und nochmal das gewisse Argento-Feeling aufleben zu lassen, kann es allein nicht mehr richten. Die Wahrheit mag hart sein: das jüngste Werk des Maestro ist ein weiteres Fiasko seiner späten Filmographie. Atmosphärisch zu kühl, narrativ schwächelnd, darstellerisch bemüht, dazu ein technoider Sountrack bei dem der gialloeske Soundtrack-Melodien auf Bumsbudenclub-Mucke trifft: es gibt kein gutes Haar, dass man an dem Film lassen kann. Wo Argento draufsteht, ist schon lange keiner mehr drin.

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Donnerstag, 9. Juni 2022

Sexual-Terror der entfesselten Vampire

Weiter entfernt vom traditionellen, etablierten Mythos des aristokratischen, verführerischen Blutsaugers könnten die vampirischen Welten des französischen Regisseurs Jean Rollin kaum sein. Höchstens Ansatzweise ist von diesem noch etwas zu spüren, wenn wie in Sexual-Terror der entfesselten Vampire die beiden selbst zu Untoten verwandelten, ehemaligen Vampirjäger einen Kleidungsstil zwischen Adel und Dandy an den Tag legen. Beseelt vom Zeitgeist des Umbruchs entfesselt er in seinem Film einen stimmungsvollen Rausch, zelebriert nackte Körper, schert sich nicht um "Nebensächlichkeiten" wie eine stringente Handlung oder herkömmlichen Spannungsaufbau. Weiter entfernt von dem, was wir als Zuschauer in den 95 Minuten Film nicht einfach sehen, sondern erleben können, könnte der deutsche Titel nicht sein. Übersetzt man den Originaltitel Le Frisson des vampires, so spricht dieser eigentlich von einem "Schauer der Vampire". 

Für die deutsche Kinofassung schnitt man großzügig einige womöglich uninteressant erscheinende Passagen heraus, drehte unter der Leitung von Günter Hendel ein paar plumpe Sexszenen nach, welche in den Film integriert wurden, blafaselt in der lange als verschollen gegoltenen Synchronfassung im ursprünglich komplett stummen Prolog etwas vom Grafen Dracula und seiner Verwandtschaft, damit der deutsche Kinogänger wenigstens irgendeinen Bezug herstellen konnte und stopfte diese Version in die bundesdeutschen Lichtspielhäuser. Der reißerisch im Titel deklarierte Sexual-Terror mag zunächst marktschreierisch darauf abzielen, Besucher ins Kino zu locken. Gleichzeitig offenbart die Wahl des Titels hintergründig die ablehnende wie hochnäsige Haltung gegenüber einer neuen Art von Kunst, die gleichzeitig Avantgarde und Anspruch mit Pulp und Trash verbinden konnte. Für den Geist des deutschen Bundesmief eine schier unmögliches Ding.

Der schon immer stark dem Surrealismus zugewandte Rollin wandelt zwischen pur traumartigen und erotisch aufgeheizten Szenenkompositionen, um den Zuschauer in einen nackten Rausch aus auf der einen Seite kunstvollen und auf der anderen Seite darum bemühte, die Schauwerte ins rechte Licht rücken zu wollenden Szenen zu stürzen. Eingebettet sind sie in der Geschichte über das frisch verheiratete Ehepaar Isa und Antoine, die auf dem Weg in die Flitterwochen einen Abstecher zu Isas Cousins machen wollen. Bevor sie bei den auf einem Schloss in der tiefsten Provinz lebenden Herren ankommen, erfahren sie von Bewohnern des nahegelegenen Dorfs, dass diese vor einem Tag verstorben seien. Auf Isas Wunsch hin macht sich das Paar auf dem Weg zum Schloss und wird von den Dienerinnen der Cousins in Empfang genommen. Nach kurzer Zeit bemerken die Zwei seltsame Vorgänge in dem alten Gemäuer. Während Isa Bekanntschaft mit der geheimnisvollen Isolde macht und in deren Bann gezogen wird, wächst in Atoine die Skepsis und lässt diesen Nachforschungen anstellen.

Bereits mit seinem ersten Langfilm Le viol du vampire (Die Vergewaltigung des Vampirs) stellt sich Rollin gegen jede filmische Regel, was er mit Sexual-Terror der entfesselten Vampire weiter etabliert. Sein Avantgardismus ist gleichermaßen ein Bruch mit bestehenden gesellschaftlichen Konventionen der Entstehungszeit. Wie Chabrol innerhalb der Nouvelle Vague oder Luis Buñuel stellt er sich im Rahmen seiner referenziellen, künstlerischen Erzählung, ohne die Scharfzüngigkeit der genannten Filmschaffenden zu erreichen, gegen die Bourgeoisie und veraltete Gesellschaftsnormen. Recht eindeutig lässt sich das vampirische Volk als Anti-Establishment dechiffrieren, dass auf Ehe und heteronormativ ausgerichtete Lebensart pfeift. Bisexualität, polyame Beziehungskonstrukte oder wechselnde Sexualpartner ohne sich auf einen festzulegen sowie Kritik gegenüber des wohlhabenden Bürgertums sprechen klar die Sprache der 68er-Bewegung. Der bisher bestehende Symbolismus des Vampirs wird invertiert. Rollins Blutsauger stehen nicht mehr für den machthungrigen Aristokraten, die den einfachen Bürger aussaugen und blutleer dahinsiechen lassen.

Sie symbolisieren mehr eine neue, lockende Freiheit und sind einzig für den nach Beischlaf und damit vollkommenen Ehevollzug schmachtenden Antoine. Weiter ist die sexuelle Anziehung des Vampirs keine verborgene Hintergründigkeit sondern offen zur Schau gestellt. Die inkohärente Haltung des Films gegenüber Regelwerken macht leider nicht davor halt, in manchen Szenen zum alten Bild des Vampirs zurückzukehren, wenn Rollin mehr der Schauerliteratur vergangener Zeiten seinen Tribut zollt. Davon abgesehen ist der Film ein höchstinteressanter, künstlerischer und entdeckenswerter Trip der einen unweigerlich in eine Art Zwischenwelt zieht, die so verführerisch wie Isolde für Protagonistin Isa ist. Der katholische Filmdienst riet damals in seiner knappen Besprechung ab. Heutzutage sollte jeder aufgeschlossene Cineast ruhig einen Blick auf das Werk von Jean Rollin und diesen Film wagen, den ich wärmstens ans Herz legen kann.

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Samstag, 19. Februar 2022

Das Auge des Bösen

Er war The Man with Bogarts Face und Zeit seines Lebens profitierte der 2021 im Alter von 89 Jahren verstorbene Mime Robert Sacchi von seiner Ähnlichkeit zu Humphrey Bogart. Diesen verkörperte er in diverse Fernsehserien sowie im Musikvideo zu Phil Collins' "I Wish It Would Rain Down" und schon sein Filmdebüt Das Auge des Bösen nutzt diese für sich. Als Inspektor Fontaine versucht er als verkappter Sam Spade-Lookalike darin den Mörder der in Madame Colettes Etablissement ermordeten Francine zu finden und kann mit Antoine Gottvalles schnell einen Verdächtigen präsentieren. Die Indizien sprechen eine eindeutige Sprache gegen diesen, was zu dessen Verurteilung führt. Antoine gelingt die Flucht, baut auf dieser einen tödlichen Unfall, nur die Morde enden auch hinterher nicht. Es scheint, dass sein noch im Gerichtsstand ausgesprochener Fluch Wirklichkeit wurde und Fontaine ist bemüht, Licht ins Dunkel zu bringen und den wahren Mörder ausfindig zu machen.

Von Schlock-Master Dick Randall co-produziert, versucht der Film gegen sein sichtlich überschaubares Budget anzuspielen und mit ganzen fünf Weltstars, wie das deutsche Kinoplakat dem interessierten Schaukastenbegutachter versprach, zu protzen. Tatsächlich darf man sich verwundert die Augen reiben, wenn man La Dolce Vita-Hauptdarstellerin Anita Ekberg als Chefin des Edelpuffs erblickt. Beim restlichen Cast darf sich zumindest der Genrefilm- bzw. Eurocult-begeisterte Cineast freudig die Hände reiben: Barbara Bouchet, Rosalba Neri, Evelyne Kraft, Peter Martell, Gordon Mitchell in einer Kleinstrolle und Jess Franco-Regular Howard Vernon tummeln sich hier in einem Film, dem diese geballte Starpower in keiner Weise etwas nützt. Lebemann Rolf Eden darf auch vor die Kamera treten und spielt in der Rolle eines schmierigen Nachtclubbesitzer anscheinend quasi sich selbst.

Die genannten Darstellerinnen und Darsteller tummeln sich in einem trostlos kargen Giallo, der seine fade Kriminalgeschichte mit einem geringen Anteil Sex und Gewalt aufwerten möchte. Die annähernd vergnüglichen Sleaze-Spitzen versiegen nach gut einer halben Stunde, wenn Peter Martell als Antoine den Filmtod stirbt. Danach deliriert die Handlung durch abstruse Storyentscheidungen, die entweder als Füllmaterial ins Leere laufen oder die wenig vorhandene Logik des Werks aus deren wackeligen Angeln hebt. Als Zuschauer fühlt man sich, als würde man durch ein sich unendlich lang erstreckendes Moor waten, dessen Ende nicht so schnell in Sicht ist. Merighis Regie "brilliert" mit einer Schwerfälligkeit, welche Das Auge des Bösen regelrecht anstrengend werden lässt. Die Vergnüglichkeit, die manch ebenso offensichtliche Cashcow von Film besitzt, verabschiedet sich leider sehr früh.

Meine erste Begegnung mit dem Film hatte ich, als ich das Booklet zur filmArt-DVD verfassen sollte, welches in einer Besprechung in Marcus Stigleggers Webzine :Ikonen: als Schwachpunkt dieser Veröffentlichung ausgemacht wurde. Der dort attestierte gestelzte Stil meiner Sprache rührt auch daher, dass ich bis vor einigen Jahren den Stil Christian Keßlers, dessen Artikel in der Splatting Image eine der Inspirationen war, irgendwann mit dem Schreiben über meine Filmbegegnungen anzufangen, zu sehr zu adaptieren versuchte. Nachdem ich das Auge des Bösen wieder sah, komme ich nicht drumherum anzunehmen, dass ich damit unterbewusst versuchte, mir den Film schön zu reden. Als Trash-Connoisseur fällt es schwer, dem Film viel positives abzugewinnen. Das Auge des Bösen ist weit entfernt von erstklassigen Gialli oder Bogarts Verkörperung des Sam Spade und den anderen Noir-Ausflügen der Hollywood-Legende. Es ist ein schmalbrüstiges Werk aus der hintersten Ecke des italienischen Thrillers, den man selbst mit einem großen Grundstock an Geduld schwer durchsteht.


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Sonntag, 12. September 2021

Leichen unter brennender Sonne

Unbändige, enthemmte Lust. Bei Hélène Cattet und Bruno Forzani zieht sich diese thematisch durch ihr bisheriges, noch überschaubares Œuvre. Sei es in Amer oder Der Tod weint rote Tränen: das Regie-Duo lässt sich wie ihre Protagonisten von purer Lust leiten und lenken und holt die im Giallo, dem italienischen Thrillerkino der 60er und 70er Jahre, im Hintergrund schwelende Sexualität weit an die Oberfläche. In Amer ist sie das Leitmotiv; die psychosexuelle Komponente der Vorbilder explodiert beinahe in den drei Episoden des Films während Catet und Forzani lustvoll und virtuos die Eigenheiten des Genres zelebrieren und für einen Augen- und Ohrenschmaus sorgen. Mit Der Tod weint rote Tränen gruben sich beide weiter zum Kern des Genres vor und warfen darin eine stringente Narration zugunsten visuell imposanter Bildkompositionen im Verlauf ihres Werks über den Haufen. Das Mysterium der Geschichte lag in den vielschichtig zu interpretierenden Bildern vergraben, während dem optischen Exzess gefrönt wurde.

Mit Leichen unter brennender Sonne bewegt man sich weg vom deutungsreichen Thrillerkino, welches sich in manchen Fällen öfter Style over Substance als Moto auf die Fahne pinselte. Der dritte Langfilm der beiden Franzosen nähert sich mehr dem Poliziottesco und dem Italowestern an und bietet wie diese beiden Genres eine aufgeräumt wirkende, simple Geschichte. Eine Bande von Kriminellen überfällt einen Geldtransporter und versteckt sich nach diesem bei einer Künstlerin, die mit ihrem Anwalt und einem Autoren in einer kleinen Ruine lebt. Der zunächst friedlich wirkende Ort kommt nicht zur Ruhe, als wenig später sich die betrogene Frau des Schriftstellers mit deren gemeinsamen Kind und einer Freundin zur Gruppe hinzugesellt. Als zwei Motorrad-Polizisten auftauchen und erkennen, dass sich die gesuchten Räuber in der Ruine aufhalten, eskaliert die Situation und es entsteht ein Strudel aus Chaos und Gewalt. 

Was in den genannten Genres mit Variationen hundertfach in simpler Ausführung über die Leinwände der Lichtspielhäuser gejagt wurde, gestaltet sich in den Händen von Cattet und Forzani weit weniger leicht nachvollziehbar als gedacht. Der auf einem Roman von Jean-Patrick Manchette basierende Film bricht das so einfach wirkende Konstrukt des Plots auf in zeitlich von einander getrennte Fragmente, springt hierbei vorwärts wie rückwärts und stellt die Lust wiederum erneut ins Zentrum. Diesmal ist es weniger aufgestaute, unterdrückte Sexualität - diese kommt nur am Rande vor - als mehr die Begierde nach Macht, Gewalt und Gold. Das kriminelle Räuber-Trio versucht nach seiner Ankunft die hippiesk anmutende Laissez fair-Stimmung in der Ruine zu brechen. Die drei Männer sind ein toxisches Trio, nur am persönlichen Vorteil und Reichtum interessiert, dass um seine Interessen durchzusetzen notfalls über Leichen geht. Der Hingabe folgt das sich ergeben; Leichen unter brennender Sonne zeigt erneut, wie Lust die vermutete Vernunftbegabung des Menschen aushebelt und für diesen zu einem dunklen Schleier wird.

Thematisch und ästhetisch konsistent zum restlichen Werk des Duos ist auch dieser Film ein referentielles Werk, dass nach wie vor die Eigenheiten des italienischen Kinos herausarbeitet und diese in lustvoller Ergebenheit zelebriert. Gleich ob es der Italian Shot - die starke Nahaufnahme von Augenpartien - oder kunstvolle Fotografie und Montage ist: Cattet und Forzani treiben die gestalterischen Eigenheiten ihrer Vorbilder auf die Spitze, bieten visuelle Brillanz am laufenden Band und zitieren in diesem kunstvollen Rahmen liebgewonnene Schmierfinken wie Andrea Bianchi mit seinem Die Rache des Paten oder Mario Bavas großartiges Spätwerk Wild Dogs. Ebenfalls bleibt man sich seiner Linie treu und bietet auf der Tonspur keinen neu komponierten Soundtrack, sondern nutzt Stücke aus Filmen wie Von Angesicht zu Angesicht, Zombies unter Kannibalen oder The Child - Die Stadt wird zum Albtraum. Man suhlt sich als Kenner und Liebhaber solcher Werke gerne mit dem Regie-Duo in ihrem geschaffenen filmischen Rahmen der Referenzialität, der gleichermaßen den Vorbildern huldigt und nicht wie andere ähnlich gelagerte Filme dabei seine Eigenständigkeit vergisst. 

Man muss Leichen unter brennender Sonne dabei attestieren, dass Ermüdungserscheinungen auftreten. Die Rezeptur bleibt schmackhaft, doch in den Löchern, die in der hauchdünnen Story des Filmes existieren, blitzt eine Selbstverständlichkeit hervor, die dem Paar hinter der Kamera zum Verhängnis werden könnte. Irgendwann ist alles zitiert, alles auf die visuelle Spitze getrieben und jedes Stück Musik aus der italienischen Genrefilm-Geschichte abgespielt. Bestehen bleibt ein Grundgerüst, über das repetitiv eine andere Hülle gestülpt wird, die bei jedem weiteren Film mehr als austauschbar wahrgenommen wird. Es wäre schade, wenn sich Cattet und Forzani den Ausgang aus ihrem eigens geschaffenen Labyrinth nicht mehr finden würden. Noch geht man gerne den Weg mit ihnen, nur beginnt man als Zuschauer bereits bei ihrem dritten Langfilm in einem attraktiven, aber unüberschaubar wirkenden Lustgarten stecken zu bleiben, aus dem man schwerlich einen Ausweg zu finden scheint. Es ist wunderschön anzuschauen, wie in Leichen unter brennender Sonne mit inszenatorischen Konventionen bricht und das subversive, tiefgründige Potenzial des Genrefilms nutzt, nur schlägt man derweil einen Weg ein, in dem das Mysterium des Künstlers dieses bleibt, weil entweder bereits (in vorhergehenden Werken) alles gesagt wurde oder es hinter der Fassade leerer und weniger erkundungsreich wird.


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Freitag, 21. Mai 2021

Tödlicher Hass

Das Leben ist ein langer Prozess. Unausweichlich steuert der Mensch Zeit seiner Geburt dem Übergang ins Kosmische entgegen. Die eigene Lebensspanne, die Zeit selbst, ist eine Variable, die mehr oder minder sinnvoll bis zum Ende der eigenen Tage begangen wird. Das Individuum Mensch steuert einer Erfüllung der eigenen Existenz entgegen; gleich ob es sich um den täglichen Broterwerb oder der Freizeit handelt. Die eigene Position mit der Deckung von Grundbedürfnissen festigend, steuert ein nicht geringer Teil der Menschen einem Traum oder festgesteckten Ziel entgegen, um diese zu verbessern. Der Stagnation entgegenwirkend, sind es schon kleine Veränderungen wie zum Beispiel ein Jobwechsel, der den eigenen Lebensstandard aufwertet. Mit diesem Ziel vor Augen eröffnet Tony Arzenta seinem Boss und gleichzeitigem Freund Nick Gusto, dass er seine bisherige Tätigkeit als Auftragsmörder der Mafia zugunsten seiner Frau und des innig geliebten Sohns an den Nagel hängen will. 

Arzenta bekommt von Gusto zu hören, dass der Ausstieg aufgrund seiner umfassenden Kenntnis der Namen und Wirkungsbereiche der Organisations-Oberhäupter nicht leicht bzw. gänzlich unmöglich sein wird. Der Anspruch auf Selbstbestimmung des eigenen Seins erlischt, sobald man sein Leben der Familie verschrieben hat. Tonys Bitte wird bei einem Treffen der Führungsetage der Mafia abgeschmettert und Gusto dazu aufgefordert, die geltenden Regeln einzuhalten und das aufkommende Problem zu beseitigen. Dies verläuft leider anders als geplant, denn die Arzenta geltende Bombe, die man an seinem Auto anbringt, tötet seine Familie vor dessen Augen, weil bei der morgentlichen Fahrt zur Schule der Wagen seiner Frau nicht anspringt und sie auf das Auto ihres Manns ausweicht. Dem letzten Lebensinhalt beraubt, sinnt Tony nach Rache und beginnt eine Jagd auf die Leute, welche für den Tod seiner kleinen Familie verantwortlich sind.

Die innere Leere seiner in den Entstehungsländern titelgebenden Hauptfigur dominiert die Stimmung von Tödlicher Hass bis zu dessen unausweichlichem Ende. Tot ist Arzenta bereits lange vor dem missglückten Anschlag auf sein Leben. Seine Arbeit führt er aus, wie es diese gebietet: eiskalt und präzise. Über die Jahre davon aufgefressen, fast ausgehöhlt, spult er die Aufträge seiner Bosse ohne große Emotionen ab. Alain Delons unterkühltes Spiel, sein starrer Blick auf den von der Explosion zerstörten Wagen, mag zu distanziert vom emotionalen Punkt dieser Szene sein, aber fördert das Dilemma seiner Figur zu Tage: der bisher gewählte Lebensweg hat den Menschen Tony Arzenta verkümmern lassen. Er war schlicht ein Werkzeug, eine Sache, die durch ihr dysfunktionales Verhalten -  dem Begehren und Wunsch nach einem normalen Leben - unbrauchbar wird und beseitigt werden muss. Unser aller Lebensweg wird durch unsere Entscheidungen gelenkt; dass sich Tony in die Arme der Mafia begeben hat, führte ihn auf eine Einbahnstraße, durch die er sich nun mit blankem Hass und Gewalt lenkt.

Was Arzenta wahrscheinlich insgeheim klar ist, trotz der kleinen Aussicht auf ein versöhnliches Ende, wird dem Zuschauer offensichtlicher und mit gleicher kühler Art, wie sich der Mafia-Assassine gebiert, vor Augen geführt. Erwartungsgemäß nimmt die Geschichte kein gutes Ende. Die an deren Schluss installierte Wendung lässt sich leider sehr einfach erahnen, weil angedeutete Vorzeichen mitunter nicht konsequent genug auf eine andere Fährte gelenkt werden. Tödlicher Hass diesbezüglich als zwar gut besetzten, einfach gestrickten Rachethriller abzutun, wäre zu einfach. Er mag manche Stellen besitzen, die durch seine simple Konzeption repetitiv ausfallen; den Mangel an narrativer Finesse gleicht er mit seiner Gesamtwirkung aus. Schmucklos trist eingefangen aber gleichermaßen vorzüglich fotografiert macht Duccio Tessari Tödlicher Hass mittels seiner Regie zu eben jenem langen Prozess, der das Leben nun mal ist. 

Auf knapp zwei Stunden komprimiert wird das Leben einer Figur geschildert, wie man es sich selbst nicht wünscht. Seiner Grundlage beraubt, verdammt zum existieren und funktionieren. Wie in seinen Gialli verzichtet Tessari auf unnötigen Bombast. Seine Regie war meist immer sehr geerdet, auf die Funktionalität des Stoffs im Gesamtwirken fixiert, aber mit gutem Blick für die Stimmungen, die das Script bietet. In der Tradition anderer italienischer bzw. europäischer Gangsterfilme ist sein Blick auf das Wirken von Menschen im Milieu ein düsterer. Weit entfernt von glorifizerenden bzw. romantischen Blickwinkeln im amerikanischen Kino. Mehr ist Tödlicher Hass ein Requiem für einen augenscheinlich noch lebenden, aber innerlich längst gestobenen Menschen, der bis zum Ende seiner Existenz Genugtuung für die ihm zugefügten Leiden haben möchte. Weit über das hinaus gehend, was ausschlaggebend für sein Handeln ist. Tessari lässt den Zuschauer wie seinen Protagonisten langsam leiden in einem Kino bar jeder großer Emotion, aber reich an Atmosphäre. 

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Freitag, 19. März 2021

Porträt einer jungen Frau in Flammen

Es sind diese Blicke zwischen Malerin Marianne und ihrem Modell Héloise und die darin innewohnenden Gefühle, Begehrlichkeiten und Sehnsüchte, die so nuanciert und für den Zuschauer emotional spürbar von ihren beiden Darstellerinnen ausgetauscht werden, die Porträt einer jungen Frau in Flammen zu einer wahren Schönheit von Film werden lassen. Die Zuneigung der beiden Frauen wächst zu einer zarten, betörenden Pflanze mit leider kurzer Lebensdauer heran. Es ist eine Liebesbeziehung im Zeitraffer; zeitlich begrenzt, deren Schicksal unausweichlich ist. Marianne und Héloise finden zueinander, weil letztere Modell für ein Porträt stehen soll, welches zu einem potentiellen Heiratskandidaten ins ferne Mailand geschickt werden soll. Bei gefallen soll die Vermählung folgen; Héloise findet keinen gefallen an dem Plan, verlor sie dadurch ihre geliebte Schwester, die sich deswegen von den Klippen der Insel, auf der ihre Familie ansässig ist, in den Tod stürzte. Aus dem Kloster geholt, soll die verschlossene Frau den Platz der jüngeren Schwester einnehmen.

Verschlossen, ergriffen von Wut,  auf die Mutter, auf den Verlust  und trauernd, trifft sie auf Marianne, die ihr als Gesellschafterin vorgestellt wird, um sie bei ihren Spaziergängen an der Küste zu begleiten. Was Héloise nicht weiß: eigentlich ist Marianne eine Malerin, die heimlich von ihr ein Porträt anfertigen soll. Geschuldet ist diese Heimlichkeit der Sturheit der Hochzeitskandidatin, die sich vehement weigert, Modell zu sitzen und das Gemälde von Mariannes Vorgänger zerstörte. Es scheint, als ahne Héloise, dass Marianne nicht die ist, die sie vorgibt zu sein. Skeptische, misstrauische Blicke treffen auf die beobachtenden Augen der Malerin, die in den späten Abendstunden aus der Erinnerung heraus das Porträt fertigt. Je länger die beiden Frauen Zeit miteinander verbringen, wächst die Sympathie und Héloises harte Gesichtszüge, aus deren fast versteinerter Mine so viel Schmerz und Bitternis stumm herausschreit, werden langsam weicher. Sie öffnet sich ihrer Begleiterin, die wegen ihrer Maskerade immer mehr von Gewissensbissen geplagt wird.

Mit Mariannes Offenbarung wird im doppelten Sinne eine Maske abgelegt. Héloise erfährt den wahren Grund derer Anwesenheit und öffnet sich dieser entgegen aller Erwartungen weiter. Bereitwillig will sie der Malerin nun für ein Porträt Modell sitzen, weil Marianne mit dem ersten Bild nur die Oberfläche der Frau eingefangen hat. Dessen Schemenhaftigkeit stellt wunderbar dar, dass auch die Geschichte des Films bisher nur eine gewisse Vorarbeit geleistet hat. Mit der Abreise von Héloises Mutter nach Mailand erblüht die zeitlich begrenzte Liebe zwischen der Malerin und ihrem anfangs noch so verschlossenen Modell gänzlich. Was Céline Sciammas Porträt einer jungen Frau in Flammen von anderen Liebesgeschichten angenehm abhebt, ist die ruhige und nüchterne Art, in der sie von der Liebe beider Frauen erzählt. Sie fühlt sich natürlich an, fängt die wunderbare Chemie zwischen ihren beiden Hauptdarstellerinnen mit jeder Einstellung ein und begegnet der Liebe ihrer Figuren im Kontrast zu den gesellschaftlichen Verhältnissen des 18. Jahrhunderts, der Zeit, in der die Geschichte spielt. 

Sciammsas Film ist ein Film der tiefen Blicke, die durch die Oberfläche hindurch in das Fundament der beiden Menschen schaut, die er porträtiert. Die Autorin und Regisseurin stellt unser Verhältnis zum Sehen in Frage und fördert es mit bemerkenswerter Beiläufigkeit. Die Augen ihrer beiden Charaktere müssen sich oft treffen, durchbohren, dringlich das aufsaugen, was augenscheinlich und fast versteckt vor fremden Blicken wahrzunehmen ist, bevor beide ihren Kern und das wahre Ich des Gegenübers und ihrer selbst erkennen. Gleichzeitig erschafft sie eine der schönsten Liebesgeschichten im Film der jüngsten Zeit. Distanziert und dann wieder ganz nahe am Geschehen fängt sie jede noch so kleine Geste, Berührung, Zärtlichkeit und immer wieder Blicke der zwei Frauen ein. Die hier geschaffene Intimität greift spürbar auf den Zuschauer über; das ist hochgradig sinnliches Kino, welches uns dazu herausfordert, einem Künstler gleich den Blick zu schärfen und das wahrzunehmen, was auch Marianne bei Héloise zuerst verborgen bliebt.

Augenscheinlich überlässt Sciamma in ihrem Film den Frauen das Feld. Bis auf einige Minuten gegen Ende ist kein männliches Wesen anwesend. Bleibt der Mann physisch abwesend, ist er trotzdem allgegenwärtig. Die Welt des Films ist eine feminine, bei der das Patriarchat gleichwohl Auslöser für das Aufeinandertreffen von Marianne und Héloise ist und wie ein schwerer Schatten über dieser thront. Er sorgt für die Erkenntnis, dass die Liebe der beiden Frauen nicht für ewig währt, bringt im Subplot Haushälterin Sophie eine ungewollte Schwangerschaft und wird mit seiner im Hintergrund schwelenden Präsenz dafür sorgen, dass die von Sciamma hinreisend als ganz selbstverständlich dargestellte Liebe in der von ihr gewählten Zeit nicht existieren darf. Sie begegnet dieser patriarchalisch aufgebauten und gelenkten Welt nicht mit Groll oder Wut. Mehr feiert sie in Porträt einer jungen Frau in Flammen feminine Unabhängigkeit allgemein und im Kontext der zeitlichen Gegebenheiten ihrer Geschichte. Die Tragik dieser, so emotional schön und betörend die Blütezeit der Beziehung ist, leidet dafür leicht an Sciammas Sachlichkeit. Das leider keine Zukunft für Héloise und Marianne besteht, ist als gegeben zu fest im Steine gemeißelt. Die zuvor so ergreifende Emotionalität lässt hier an Kraft vermissen. Im Vergleich zum Sciammas Prämisse und der Anmut ihres Films ist das meckern auf hohem Niveau.


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Donnerstag, 19. November 2020

7 Tote in den Augen der Katze

Roberto Curti konnte drei Bücher zu diesem Thema füllen, aus dem Stegreif verbinden die meisten Genrefilm-Interessierten beim Begriff des italienischen Gothic Horror-Films zu allererst den Namen Mario Bavas mit diesem Stoff und müssen auf der Suche nach weiteren Namen, welche man mit dieser Spielart in Verbindung bringt, länger die grauen Zellen anstrengen. Antonio Margheriti, welcher u. a. solche starken Beiträge wie Das Schloß des Grauens (hier besprochen) oder Castle of Terror geschaffen hat, bleibt bedauerlicherweise immer etwas übersehen. Seine Beiträge zu dieser Spielart des mediterranen Schauerfilms mögen sich eventuell etwas pulpiger bzw. trivialer anfühlen, zeugen aber davon, dass Margheriti ein tolles Gespür für Atmosphäre besaß. Das zeigt er sogar in anderen Genres wie seinem Western Satan der Rache oder 7 Tote in den Augen der Katze, dem zweiten von insgesamt drei Gialli. 

Darin schlingert Margheriti zwischen gothischem Horror und dezent mysteriösem, auf der anderen Seite bleiern schwerem Kriminalstück, in dem die junge Corringa ihre Ferien dazu nutzt, ihre im familieneigenen Schloss ansässige Verwandtschaft zu besuchen. Die Sippe und ihre Geschichte gleichem dem düster-muffigen Charakter des Gebäudes: in den dunklen Ecken wächst nicht nur über die Jahrzehnte eine dicke Staubschicht heran; darin gedeihen auch Missgunst und Niedertracht äußerst prächtig. Die Geldprobleme von Tante Mary, welcher der Schuppen gehört, zwingen diese dazu, Corringas Mutter Alice anzupumpen, welche es allerdings nicht einsieht, ihrer Schwester die benötigten Moneten zu leihen. Im undurchsichtigen Nebel aus zwielichtigen Schlossbewohnern und ihren allesamt nicht koscheren Figurenzeichnungen strahlt eine Erbschaft des familiären Schlosses zu Gunsten Corringas hervor, die den Anlass gibt, dass eine in dunklen Stoff gehüllte Gestalt durch die Gänge schreitet und zuerst Alice und nach und nach weitere Personen vorzeitig ins Paradies schickt. 

Zwischen den grusligeren Vertretern aus der Ecke der Edgar Wallace-Verfilmungen, traditionell britischem Kriminalstoff und gothischem Horror á la Edgar Allan Poe schwankt das Script von 7 Tote in den Augen der Katze die komplette Laufzeit über meist unentschlossen hin und her. Das im Schloss ansässige Panoptikum an undurchsichtigen Menschen ist durchaus spaßig anzusehen, verbirgt aber nicht die sperrige Ausarbeitung der Geschichte. Die trägt dick auf, bietet einige aus den genannten Genres bekannte Standards und Charakterisierungen und knallt mit wenigen Absonderlichkeiten durch das knarzige Grundgerüst. Größtes Highlight dürfte dabei der Gorilla das vermeintlich psychotischen Cousins Corringas darstellen, der sichtbar ein im mottigen Affenkostüm steckender Mensch ist. Was es mit dem Gorilla auf sich hat, wissen letztendlich - wenn überhaupt - nur die Autoren selbst. Bevor der angestaubte Stoff die Aufmerksam des Zuschauers unter sich begräbt, schiebt man meist recht gekonnt gialloeske Momente dazwischen und bietet prä-argentoeske Szenerien, die sich man in ihrer Gestaltung mehr dem Giallo der 60er Jahre zuordnen kann.

Kombiniert mit der gothischen Grundstimmung bieten die meist mit dem Auftauchen der titelgebenden Katze eingeleiteten Mordszenen mit ab und an blutrünstigem Ausgang einen hübschen Kontrast zum Rest der Story. Würden diese nicht etwas die Gangart des Films steigern, würde der in seinem altbackenen Auftreten den Zuschauer sachte ins Delirium geleiten. Die Schlenker in der Geschichte lassen den Verdacht aufkommen, dass sie einzig dazu da sind, diese etwas mehr auszudehnen. Vergnüglich ist das bis zu einem gewissen Grad auf jeden Fall, dürfte aber für Interessierte, die bisher nicht so viele Gialli gesehen haben, manchmal recht anstrengend sein. Wenn man wie ich durchaus mal Spaß an überaus altmodischen Stoffen hat, für den ist 7 Tote in den Augen der Katze (nicht nur) deswegen ein Blick Wert. Allen voran seine tolle wie dichte Atmosphäre wirkt durchaus anziehend und einladend, sich in nass-dunklen Jahreszeiten in eine warme Decke gehüllt im Sessel zu versinken und Corringa-Darstellerin Jane Birkin und ihren Kollegen des deutsch-französisch-italienischen Casts ins verwinkelte Familienschloss zu folgen. Lässt man die Kritikpunkte an der im Kern kargen Story, die einige angerissene Elemente leider im Dunkel versauern lässt, außen vor und sich vom Charme ihrer verschnörkelten Ausläufer rumkriegen, so ist 7 Tote in den Augen der Katze ein kurzweiliger und hübsch gestalteter Gothic-Giallo. 

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Samstag, 25. Juli 2020

Das Grauen von Schloss Montserrat

Jess Franco. Man liebt oder hasst ihn; ein in between scheint (fast) nicht zu existieren. Mich selbst habe ich, was die Haltung zum spanischen Regisseur angeht, lange in dieser grauen Zone zwischen Verehrung und Ablehnung verortet. Zuerst durch die größeren Produktionen für Erwin C. Dietrich mit seinem Schaffen in Berührung gekommen und dann von für Eurocine geschossene Werken wie Oase der Zombies abgeschreckt worden, war ich längere Zeit der Meinung, dass höher budgetierte Filme mit ihrer Gesamtwirkung von Francos mangelndem Regie-Talent ablenken und deswegen gut unterhalten können. Mit dem steigenden Interesse an italienischem bzw. europäischem Genrekino und dem Aufenthalt im damaligen Internet-Tummelplatz für Liebhaber dieser Filmsparten, wuchs auch mein Interesse an Franco und seiner Filmographie. Das Grauen von Schloss Montserrat hielt dabei als erster Film zur Neuentdeckung her, nachdem mich Schwärmereien von francophilen Filmfreunden nochmal neugierig auf den Film machten, der mich bei meiner ersten Sichtung schulterzuckend zurück ließ. Das ich kurz darauf die für den Anfang der 80er grasierenden Untoten-Boom mit nachgedrehten Zombie-Szenen erweiterte Fassung, in Deutschland als Eine Jungfrau in den Krallen von Zombies vermarktet, sah und mich nicht dafür begeistern konnte, tat ihr übriges.

Obwohl durchaus großes Interesse am Wirken des Spaniers bei mir besteht, war dieser leider bisher immer Randthema in meinem Sein als aufgeschlossener Cineast und selbstbetitelter Allesglotzer. Im Blog selbst blieb er bisher außen vor; bis auf Beiträge zu einem Geburtstag und zu seinem Ableben wurde über all' die Jahre keiner seiner Filme hier besprochen. Das Grauen von Schloss Montserrat ist demzufolge ein zweifacher Beginn: es ist einerseits das erste von hoffentlich vielen weiteren Werken Francos, über die hier im Blog einige Worte verloren werden sollen und andererseits der Film, der die lange verschlossene Knospe (damals wie heute) zum Aufblühen und meine große Sympathie für Jess Franco brachte. Der 1971 entstandene Film ist weit weg von den größeren Produktionen, die er zuvor für Harry Allan Towers und hinterher für Erwin C. Dietrich drehte und gleichzeitig ein großes Trademark für die ureigene Filmwelt Francos. Vordergründig scheint er damit auf schmalbrüstige Weise die Tropes des gothischen Horrorfilms und mehr noch des seichten Mystery-Krimis abzuhandeln, wenn seine Protagonistin Christina im Gasthaus eines kleinen Dorfs eintrifft, da sie zur Testamenteröffnung ihres Vaters, welchen sie niemals kennenlernte, geladen wurde. Ihr eigentliches Ziel, Schloss Montserrat, soll laut der Wirtin vollkommen unbewohnt sein, woraufhin Christina dagegen hält, dass ihre Familie schon lange darin wohne und sie bisher immer Briefe von ihrem Onkel Howard erhalten hat. 

Das ist das Stichwort für den zurückgebliebenen Basilio (Franco selbst), der Christina abholt um sie auf das Schloss zu bringen. In jenem lernt sie ihren Onkel, Tante Abigail sowie die verruchte Carmencé kennen und erfährt, dass ihre Cousine Hermina im Sterben liegt, welche sie wenige Momente vor ihrem Ableben am Sterbebett besuchen kann und von dieser angefleht wird, sofort wieder abzureisen. Christina bleibt jedoch und wird in den nächsten Tagen von Alpträumen und seltsamen Ereignissen geplagt, bevor sie Warnungen vor ihren Verwandten vom Geiste ihres toten Vaters erhält. Diese scheinen zu spät zu kommen, offenbaren die Familienmitglieder Christinas ihr fast zeitgleich, was sie mit der jungen Frau eigentlich im Sinn haben. Mit gemäßigtem Tempo setzt der Spanier lose zusammenhängende Szenen aneinander und entfernt sich mit fortlaufender Zeit von einer kohärenten Handlung. Sphärische Tonwelten, mystifizierte Bilderfolgen und irrationales Verhalten seiner Figuren formen Das Grauen von Schloss Montserrat zu einem surrealen Erlebnis, dessen (alp)traumhafte Stimmung die offensichtlichen Mängel in Francos Regie und Script aufhebt. Die Logik befindet sich fortwährend in einem Auflösungszustand bis der auf Christina übergreifende Wahnsinn, der sich in den Mauern des Schlosses abspielt, komplett auf die Handlung übergreift. Der sich über deren narratives Gerüst hindurch schlängelnde rote Faden hilft nur dabei, die angerissene, nie konkretisiert behandelte Auflösung um das angebliche Geheimnis von Christinas Familie zu erreichen.

Mehr vertraut der passionierte Musiker mit großer Liebe zum Jazz auf dessen Kunst der Improvisation und lässt seinen Film und den Zuschauer von Piece zu Piece gleiten um im Hintergrund ein Grundthema zu implementieren. Das Grauen von Schloss Montserrat wirkt in seiner Gesamtheit wie ein düsteres Märchen. Christina ist die Adult Alice; das von Franco erschaffene Wunderland konfrontiert die naiv-unschuldig wirkende Frau mit fleischlicher Versuchung und einem durchgängigen morbiden Unterton. Der Tod ist allgegenwärtig; er ist wichtige Antriebskraft für die Geschichte und gleichzeitig breiten sich seine fauligen schwarzen Schwingen in düster poetischer Kraft über dem Gesamtbild aus. Verstärkt wird dies in der von mir präferierten deutschen Fassung des Films, die sich in der Übersetzung der Dialoge zwar einige Freiheiten nimmt, gleichzeitig mit überbordender Ausgestaltung mancher Passagen die Stimmung des Films verstärkt. Beispielsweise wird Christinas Schilderung aus dem Off über die Fahrt zum Schloss dort zu einer übertrieben ausgestalteten wie faszinierenden Erzählung, während die O-Ton- sowie englisch gedubbte Fassung sich hier deutlich mehr zurückhält. Ebenfalls tauscht die deutsche Fassung nahezu komplett den Score Bruno Nicolais, der mehr den märchenhaften Aspekt des Films unterstreicht, aus und ersetzt ihn mit düsteren und schweren Synthesizer-Kompositionen, die Das Grauen von Schloss Montserrat mehr zur surrealen Alptraum-Mär macht.

Tatsächlich gab Franco in einem Gespräch mit Stephen Thrower zu, hier Lewis Carrolls "Alice im Wunderland" auf intellektueller Ebene umgestalten zu wollen. Beschäftigt man sich mehr mit Francos Leben zu dieser Zeit, kommt man nicht drumherum, seinen Film zeitweise auch als Trauerbewältigung zu betrachten. Es ist der erste Film nach dem tragischen Tod seiner Muse Soledad Miranda, welche bei einem Autounfall ums Leben kam. Die abgefahrene Strecke, die man während der originalen Credit-Sequenz erblickt, ist eben diese, auf der Miranda verunfallte und verstarb. Zwar ist Hauptdarstellerin Christina von Blanc ein anderer Typ als die wunderschöne Spanierin, besitzt aber genauso eine fragil erscheinende Figur. Der Eintritt ihrer Figur in die im Schloss existente Parallelwelt lässt Franco Miranda auf fiktiver Ebene in das Totenreich hinüber geleiten. Francos last farewell ist angetrieben von einer dunkel leuchtenden Flamme, welche die Gedankenwelt des Schöpfers antreibt und in ihrer Hitze einen fiebrigen Film gebiert, der Francos Qualitäten als Schöpfer surrealer Traumwelten on point präsentiert. Leicht zugänglich für Kenner kohärenterer Filme des Spaniers möchte man ihn nicht unbedingt nennen, wenn man sich an die Essenz seiner umfangreichen Filmographie heranwagen möchte. Für mich persönlich vereint der Film diese ziemlich gut und ist immer wieder ein guter Begleiter in Francos Limbo aus fetischisierter, sado-erotischer Sexualität und schauerromantischen Stoffen.

Für mich steht Das Grauen von Schloss Montserrat als ein kompaktes Werk, dass die Obsession und Getriebenheit des Spaniers spürbar bündelt und greifbar macht. Alles muss gefilmt werden, auf Zelluloid gebannt; gleich, wie fragmentarisch sich die Story am Ende anfühlt. Francos Filme sind sicher nicht vollkommen und weit weg von Perfektion und selbst dieser Film kann bei seiner kurzen Laufzeit an manchen Stellen zum Finale sich in der ungeordneten Ideenflut seines Regisseurs verlieren. Die Ecken und Kanten, die der Film trotzig zur Schau trägt und inmitten belanglos wirkender Füllsel kurz aufblitzende Geistesblitze sowie das Talent des Spaniers, die imposante Architektur des Schlosses in wenigen Einstellungen eindrucksvoll in Szene zu setzen, lassen mich zusammen mit der Princesse de l'érotisme gerne ihr wundersames Königreich mit dessen in seiner Gewöhnlichkeit innewohnenden, morbiden Schönheit besuchen. Würden sie sich nicht dem normativen Aufbau des Mediums unterwerfen, könnte man sich in seinen Filmen wie diesem und der traumhaften Stimmung gänzlich verlieren. Ganz gleich, dass hier wohl die Psyche nach dem Verlust eines geliebten Menschen gereinigt wird und wiederkehrende Motive wie beispielsweise sadomasochistische Gewalt behandelt werden. Die traumwandlerische Atmosphäre von Das Grauen von Schloss Montserrat lässt zum Schluss kommen, dass Franco (und seine Filme) zeitlos sind. Mehr noch lässt sich feststellen: Jess is Jazz, der mit seinen beschränkt wirkenden, filmischen Improvisationen und den darin stattfindenden schrägen Melodien nicht den Ton eines jeden, aber mancher Cineasten trifft, die sich im vor sich hin plänkelnden "Filmgedudel" gerne treiben lassen. 
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Mittwoch, 6. Mai 2020

Todes-Brigade

Bei manchen Filmen, die man dieser Tage dank eines besseren Angebots nachholen kann, weil sie bis dato gar nicht oder nur gekürzt und/oder in schlechter Qualität erhältlich waren, frage ich mich, wie sie vor gut fünf, zehn oder mehr Jahren auf einen gewirkt hätten. Entwächst man einer Vorliebe zu einem gewissen Genre, weil man erwachsener wird und einen anderen Blick auf die Dinge erhält? Sicherlich. Wirkt eine Spielart des Films vielleicht auch gar nicht mehr, weil sich die Zeiten und der allgemeine Blick auf manche Bereiche sich derart geändert haben und die Gesellschaft größtenteils progressiver denkt? Schon. Normalerweise vertrete ich die Auffassung, dass man ein Produkt alter Tage nie komplett losgelöst vom zeitlichen Kontext seiner Entstehung schauen und immer im Bewusstsein behalten sollte, wann ein Film entstanden ist, komme ich beim französischen Sleazer Todes-Brigade selbst etwas ins Straucheln.

Mit Sexploitation-Filmen habe ich beileibe kein Problem; egal ob Bianchi (Mario wie Andrea), D'Amato, Mattei, Franco oder wie die Macher alle heißen: der Genrefilm bietet selbst in der größten filmischen Ansammlung an nackter Haut (lässt man den Pornofilm außen vor) einige Perlen. Sei es, ob es tumbe, aber tatsächlich gute Unterhaltung ist oder fein eingewobene, subversive Elemente bietet. Todes-Brigade ist eher ein derbes Unterfangen; ein alter, weißer Mann von einem Film der grob von einer intensiven Fehde im Gangster-Milieu handelt; zwischen dem Griechen und seiner Gattin, die ihre Pferdchen auf dem Straßenstrich stehen haben, allerdings gerne auch beim Drogengeschäft mitmischen möchten. Als drei transsexuelle Prostituierte aus dem Stall des Griechen von Motorradfahrern ermordet werden, wird der von der Sitte kommende Kommissar Lattuada mit diesem Fall betraut. Bei Recherchen stößt er immer tiefer in das Nest des Kriminellen und schafft es, dessen Frau festzunehmen. Als diese bei einem Fluchtversuch aus der Wache von einem Gerüst stürzt, lässt der Grieche - der zeitgleich in den eigenen Reihen mit Feindseligkeiten kämpfen muss - aus Rache Lattuadas Schwester ermorden. Dies lässt sich der Cop nicht gefallen und bläst zum vigilantischen Gegenangriff.

Bevor Max Pécas Todes-Brigade auf das Publikum losließ, beackerte er zuerst dem Kriminal-, dann den (Soft-)Sexfilm; letztere erhielten mit der Zeit mehr einen komödiantischen Einschlag. Es scheint fast so, als fasse der Franzose in seinem Mitte der 80er entstandenen Werk diese beiden Betätigungsfelder zusammen (den Humor subtrahiert) um gleichzeitig eine Altherrenfantasie der schauerlichsten Sorte abzulassen. Die dargebotenen Ismen könnten Naturen, welche in diesem Feld des Films wenig bis gar nicht zu Hause sind, verstört zurücklassen. Was die Kritik an Pécas' früheren Filmen auszusetzen hatte - in seinem deutschen Wikipedia-Eintrag wird diese kurz u. a. mit Worten wie primitiv, spekulativ und voyeuristisch zitiert - lässt sich auch auf diesen Film anwenden. Die Geschichte ist holprig und verworren; das hin und her zwischen den Gangstern bietet einzig (genug) Anlass, irgendwelche nackte Frauen, Sex- oder Action-Szenen darzubieten. Gleichzeitig ersticken der schmucklose Ton und die trüb schmutzigen Bilder des Films, der in Paris angesiedelt ist, den Glanz der französischen Hauptstadt im Ansatz.

Die Stadt ist dort ein sudeliges Loch, mit schmutzigen Straßen, Gebäuden und Bewohnern; angesiedelt in einem Sudelfilm alter Schule, dessen Sleaze-Appeal keine Gefangenen macht und über die Handlung als Aufhänger hinweg brettert um nackte Haut, billigen Sex, blutige Wunden und tote Menschen zu präsentieren. Abgerundet wird dies in der deutschen Fassung mit einer Video-Synchronisation (nicht zu verwechseln mit der Synchro des Pressetapes, die sehr hölzern und schlecht klingt), die den asozialen Grundton des Film sehr gut trifft. Was wäre das früher alles ein Fest des schlechten Geschmacks gewesen! Heute: Stimmung so trist wie die Fotografie des Films, dessen Dynamik - zumindest auf mich - spät übergreifen konnte. Ist Todes-Brigade bei allen Schauwerten, die er besitzt und die durchaus unterhalten können, ein Opfer seines umständlich erzählten Handlung? Zum Teil. Wenn Lattuada zur Selbstjustiz greift, funktioniert der Film besser; sein fummeliger Aufbau zielt zum Leidwesen seiner Spannungskurve darauf ab, die eindimensionale Geschichte breiter aufzustellen, als sie es ist und bremst sich damit leider aus.

Oder ist man aus dem ganzen Zeug raus gewachsen, offener im eigenen Denken, dass die patriarchalische Darstellung im Film dumm und überholt wirken lässt? Vielleicht. Max Pécas zielt anders als im Vergleich zu anderen (italienischen) Exploitern ausschließlich und offensichtlich stumpf darauf ab, mit Sex und Gewalt gute Laune zu erzeugen. Ein Alibi in Handlung oder Gestaltung, teils rettender, teils charmanter Zusatz solcher Filme, findet man hier einfach nicht. Was früher durchaus für persönliches Pläsier reichte, ist mittlerweile den eigenen Ansprüchen entwachsen. Andererseits ist der Ausflug nach Gangster-Frankreich herrlich schmuddelig. Die Atmosphäre, spürbar von einer dicken Schicht Schmutz bedeckt, lässt tolle Bahnhofskino-Stimmung aufkommen und die gezeigten Härten überraschen in einem französischen Film der damaligen Zeit immer noch; obwohl offensichtlich ist, dass Todes-Brigade weit weg vom Begriff Arthouse ist. Ich möchte ihn gern mögen und eventuell wird er über die Jahre sogar in meinem Empfinden noch etwas wachsen; im Moment ist der Film, der in manchen Szenekreisen Aufgrund seiner asozialen Tonalität über die Jahre einen berüchtigten Ruf erhalten hat, nicht gänzlich uninteressante, aber trotzdem eher mäßige Exploitation. Außerdem nehme ich ihm schon etwas übel, dass Brigitte Lahaie in einer viel zu kleinen Rolle verheizt wird.

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Montag, 2. März 2020

Child's Play (2019)

Wir vernetzen uns immer weiter. Die Welt wird smarter; gleich ob Phone oder Home. Gerätschaften verbinden sich mit dem Netz, wir schieben persönliche Daten, Gedanken, Bilder in die Cloud und teilen diese gleichermaßen mit mutmaßlich Gleichgesinnten. Der technische Fortschritt nimmt uns Dinge im Leben ab; das Internet lässt und über tausende von Kilometern gefühlt näher zusammenrücken (zumindest in den von uns gewählten und selektierten Bubbles). Um die Kapazitäten des eigenen Denkapparats zu entlasten und uns zu unterstützen schleicht sich auch künstliche Intelligenz langsam in den Alltag. Wir machen uns die Technik untertan und versklaven uns ihr gleichzeitig aus freiem Willen. Technikabhängigkeit; Schattenseite der schönen neuen wie praktischen Welt, die bei fehlenden Grundvoraussetzungen wie Strom oder einer funktionalen Internetverbindung eingeschränkt wird.

Das ausgerechnet Child's Play, das Remake des gleichnamigen Puppenhorror-Klassikers von 1988, durchaus gekonnt mit dieser Thematik spielt, war für mich gleichermaßen überraschend wie der allgemein positive Eindruck, den er hinterlassen hat. Alle übernatürlichen Elemente des Originals undvon Filmen aus der gleichen Sparte ignorierend, passt er dessen Grundthematik der heutigen Gegenwart an. Es ist kein Geist eines toten Serienmörders, der in die Buddi-Puppe, hier ein hoch technisiertes Spielzeug mit Cloud-Anbindung, KI und eigener App, fährt sondern ein bewusste Manipulation eines anderen Modells. Der geistig und körperlich sichtlich gebeutelte Programmierer entfernt nach dem Anpfiff seines Boss mutwillig Sicherheitssperren bei einer Puppe bevor er sich resignierend aus dem Fenster stürzt und der Film damit auf Berichte in den Medien über die schlechten Arbeitsbedingungen beim Apple-Partner Foxconn vor einigen Jahren anspielt.

Jene Buddi-Puppe landet dann als defekte Retoure bei Karen und ihrem Sohn Andy, der schwer Anschluss bei den Kindern in seiner neuen Wohngegend findet und diesen als vorgezogenes Geburtstagsgeschenk von seiner Mutter erfährt. Trotz einiger merklicher Defekte, so registriert der Buddi nicht Andys für ihn gewählten Namen sondern gibt sich selbst den Namen Chucky, findet er gefallen an dem etwas anderen und treuen Freund. Dieser definiert durch seine entfernten Sperren das Wort Freundschaft in seinem Lernprozess sehr eigenwillig und entwickelt sich zu einem einnehmenden wie gefährlichen Freund fürs ganze Leben der bald Andys ausgesprochene Flüche und Wünsche wie etwa gegen den neuen Freund seiner Mutter in die Tat umsetzt um seinem kleinen Kumpel zu gefallen. Die Beziehung zwischen Andy und Chucky entwickelt sich zu einer toxischen Freundschaft; neben dem Hauptaugenmerk auf die gallig vorgetragene Technikhörigkeit von uns Menschen wird dies als Zweitthema ins Script gepackt um aus Child's Play einen Horrorfilm zu machen, der mit aktuellen Thematiken spielt.

Sauer kann dort aufstoßen, dass ständig die Andersartigkeit Chuckys betont wird. Dessen Äußeres erinnert durch die Fehlfunktionen seiner fazialen Steuerung leicht an geistige Behinderung, die in Verbindung mit seiner naiven Fassade gegenüber Andy und dessen Umfeld so wirkt, als wolle gehandicapte Personen als Menschen zweiter Klasse darstellen. Vielleicht bin ich bei diesen Szenen etwas zu sensibel gewesen. Achtet man nicht weiter darauf und dass die Anspielungen auf real existierende Vorbilder im Bestreben des Films, clever mit unserer Technikhörigkeit und der diabolischen Darstellung von KI zu hantieren eigentlich sehr oberflächlich und plakativ ist, so bleibt unterm Strich ein knackiger Horrorfilm, der seinen Puppenhorror 4.0 mit einigen gorigen Momenten, guter F/X bei der Animierung von Chucky und kurzweiligen Momenten garniert. Man muss aber zugeben: ohne den bekannten Namen im Rücken wäre der Film einer unter vielen, der sein Potenzial verspielt, subtiler mit seiner Thematik umzugehen. Dafür ist er merklich stark im Mainstream verwurzelt. Lieber lässt man hintersinnig gekonnte Momente liegen, sei es nur die interessante Fotografie die mit ihren Einstellungen Andys Isolation geschickt darstellt um den - auch guten - (schwarzen) Humor walten zu lassen und die Stimmung aufzulockern. Sei's drum: Child's Play hat mich die meiste Zeit positiv überrascht und zeigt, dass man in der ehemaligen Traumfabrik auch noch schmackhafte Neunzigminüter herstellen kann.
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Donnerstag, 19. September 2019

Der goldene Handschuh

Ein kleiner Mann, sichtlich gegerbt vom Leben, steht in der Tür zwischen Wohnstube und kleiner Küche und schimpft über den von seinem Besuch angesprochenen Gestank, den sein kleines Wohnreich durchflutet. Es sind "die scheiß' Griechen unter ihm", welche "von morgens bis abends Lamm und all so'n Zeug" kochen und damit das Haus vollstinken. Das Gezeter wird mit leicht ostdeutschem Dialekt durch die Lippen in den Raum geschleudert; die Szene spielt in den 70ern und irgendwie denkt man sich, dass sich im Vergleich zu heute nicht wirklich was geändert hat. Der Name des schimpfenden Herren ist Fritz Honka, ein dem Anschein nach vom Leben und der Trunksucht mitgenommener, einfacher Mann. Während viele Menschen metaphorisch ihre Leichen im Keller haben, hat Honka diese wortwörtlich hinter seiner Zimmerwand. Gelegenheitsprostituierte, obdachlose Frauen, verlorene Seelen, welche er in seiner Stammkneipe - dem goldenen Handschuh - und ebenso wie er sichtlich vom Leben und dem Alkohol ausgezehrt, werden von ihm in Hoffnung auf Sex und vielleicht auch auf etwas mehr Menschlichkeit in seine Dachstube gelockt und überwältigt von seinem ungestümen Trieb umgebracht.

Die Leichenteile entsorgt er teils in Müllbeuteln, die er in alten Industrieanlagen etc. versteckt oder in einem dürftig vernagelten Loch in seiner Wohnzimmerwand, von wo aus der süßliche Duft des Todes seinen Gestank in Honkas Reich ausbreitet. Er wollte schon immer einen Horrorfilm machen, erklärte Fatih Akin während der Promotion-Phase zu seiner Verfilmung von Heinz Strunks Buch Der goldene Handschuh, beruhend auf dem Leben und den Taten des echten Fritz Honka, dessen mörderisches Treiben erst durch einen Brand in seinem Wohnhaus durch das auffinden von Leichenteilen durch einen Feuerwehrmann entdeckt wurde. Akins Umsetzung erinnert weniger an düstere Serienmörder-Filme wie John McNaughtons Henry oder Finchers Se7en, welche in ihrer Stilistik neben Thriller- oder Drama-Elementen sichtbar eine Brücke zum Horror schlagen. Der goldene Handschuh ist deutscher Autoren-Horror, weit weg von üblichen Formeln des Genres, was dem Film die Unterbringung in die Rotten Potatoes-Rubrik verwehrte.

Strunk nicht unähnlich, blickt Akin in seiner Umsetzung nicht alleine auf das Leben eines Mannes, der durch seine in Heimen verbrachte Kindheit und durch Unfälle, Krankheit und Alkoholsucht ein wenig attraktives Äußeres besaß, welches sein Selbstwertgefühl äußerst niedrig hielt. Der goldene Handschuh streift durch das Kiez-Milieu Hamburgs mit seinen schrulligen, traurigen und gebrochenen Gestalten und schält seinen Protagonisten und seine Stammkneipe als dessen Mittelpunkt heraus. Soldaten-Norbert, Doornkaat-Max, Tampon-Günther, Anus: sie bleiben Kuriosa der Geschichte; im Buch "die Schimmligen" genannt; Hamburger Originale von ganz unten, um anscheinend den nüchternen Blick auf Honkas Treiben aufzulockern. Ein Ankerpunkt für das Publikum, an dem es Rasten kann, bevor der gammelige Gestank, spärlich von Raumduftsprays und einer Armada Wunderbäumchen bekämpft, phantomartig die Nase des Zuschauers wieder kitzelt. Was Heinz Strunk in schockierend quälend langen Szenerien beschreibt, konzentriert Akin in seinem Film zu abstoßenden Momentaufnahmen, die berechnend zwischen Schock und Aussparung pendeln. Wirksam ist beides.

Im Buch klebt man mehr an "Fiete", wie Honka gerufen wurde, ist näher an der Figur dran; Akin bewahrt sich eine Distanz. Starr bleibt die Kamera beispielsweise vor Honkas Schlafzimmertür stehen und gibt vom Treiben des Mannes mit den wehrlosen Frauen so viel Preis, wie es der schmale Durchgang zulässt. Morde geschehen zudem meist im Off und lassen das Kopfkino des Zuschauers den Rest erledigen. Mehr ist Akin bemüht, einen Einblick in das trostlose Leben und das Umfeld des Protagonisten zu geben. Trotz der neuen Arbeit nach einer Zeit der Arbeitslosigkeit, einem versuchten Entsagen vom Alkohol bleibt unmissverständlich zu sehen, dass Honka mit seinem Milieu verzahnt war. Ein Zwischenfall auf der neuen Arbeit, sein (erneutes) soziales Scheitern treibt ihn zurück in die Arme des Alkohols, der ihm nur für kurze Zeit Wärme schenkt. Der goldene Handschuh ist dabei Sammelpunkt für die Leidgenossen, die zwischen ihren gegenseitigen Derbheiten und dem rauen nordischen Charme wohl auch sowas wie Sympathie für einander empfinden können, wenn sie nicht vom betörend betäubenden Fusel verblendet werden.

Akin arbeitet brav die wichtigsten Punkte der Buchvorlage heraus, schreitet flotten Schrittes zum Finale um bis dorthin in einen spröden Erzählstil zu verfallen, der entfernt an den des neuen deutschen Films oder Kurt Raabs Die Zärtlichkeit der Wölfe (hier besprochen) erinnert. Wenig spannend, weniger schockierend oder gleichzeitig faszinierend wie anekelnd als manche Passagen des Buchs bleibt Der goldene Handschuh eine durchaus interessante Sozialstudie, ein Sozialdrama das leicht genug bleiben möchte, um das deutsche Mainstream-Publikum aus dem Mittelstand und darüber hinaus in ihren kuschelig-weichen Kinosesseln oder auf ihren monströsen Wohnlandschaften zu gruseln. Manchmal verirrt sich Akin in seiner Faszination von dieser Welt von unten und treibt planlos durch die Geschichte. Planlos bleibt man auch beim kleinen Nebenplot um Jungspund Willi und seiner Angebeteten Petra, der diese irgendwann nach einer ersten Solo-Erkundung in die titelgebende Kneipe einlädt.

Sie scheinen nur dafür da zu sein, um zwischen all dem Pöbel und Gesocks normale Menschen in den Plot einzubauen und sind eigentlich Überbleibsel zweier Nebengeschichten des Buchs. Sein gut getroffener Milieu-Ton kann nicht verstecken, dass vieles an Der goldene Handschuh doch oberflächlich bleibt wie um Niveau bemühte Hartz-IV-Dokus auf RTL2 und weniger den gewollten Horror bietet, den sich Akin ausgemalt hat. Faszination übt der Film aus, auch durch seine extreme Detailgenauigkeit in der Darstellung des Kiez-Prekariats und dessen extra für den Film nachgebauten Treffpunkts. Fritz Honka selbst verkommt leider zum next german Boogey Man in einer durchaus bemühten und ebenfalls durchaus sehenswerten Sozial- und Milieustudie, die "ganz unten" angekommen sich wie Kiez-Touristen letztendlich nicht trauen, ganz in diese Welt einzutauchen. Akin ist eben nur mal kurz gucken, während Strunk in seinem Buch das ganze Übel schonungslos offen legt.
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Donnerstag, 8. November 2018

Cold Skin

Er wolle die Zuschauer mit seinen Filmen in ein dunkles Universum entführen und das diese so wirken wie Bücher, so Xavier Gens in einem Interview mit dem Horror-Magazin Virus. Der Franzose ist demnach ein vielseitiger, flexibler Auteur, dessen Debüt Frontier(s) zu Beginn der einsetzenden New Wave of French Horror ein unbequemes, vor Gewalt überlaufender, filmischer Leberhaken darstellt. Seitdem streckte er überall hin seine Fühler aus, löste sich nach der Spiele-Adaption Hitman aus den Armen der schmierigen Krake Hollywood und ist zurück im überschaubaren (B-)Filmgeschäft Europas. Sein neuester Film Cold Skin fühlt sich, gemessen an den Absichten des Franzosen, am nächsten nach Literatur an. Überzogen mit einer feinen Staubschicht hat man es mit einem Werk zwischen erster Abenteuerbelletristik á la Jules Verne und frühen Geschichten Lovecrafts (der schon wieder!) zu tun.

Der erste Weltkrieg steht vor der Tür, tritt nahezu schon in diese ein und den Wetterbeobachter Friend zieht es weg von seinen vergangenen, dem Zuschauer verborgenen Dämonen auf ein felsiges, fernab der bekannten Schiffsrouten liegendes Eiland. Die Hütte seines Vorgängers findet man verwüstet vor, von diesem selbst fehlt jede Spur. Einzig der wettergegerbte und verbraucht aussehende Leuchtturmwärter Gruner ist in seinem Turm aufzufinden, kann aber nicht mit einer brauchbaren Antwort über den Verbleib des vorigen Wetteroffiziers dienen. In der ersten Nacht wird Friend Zeuge eines Angriffs seltsamer Wesen auf seine Hütte, die seinen Beobachtungen nach aus dem Meer zu kommen scheinen. Weitere Antworten auf seine Fragen dahingehend suchend, ist ihm Gruner in dieser Sache ebenfalls wenig behilflich. Dafür entdeckt der Wetterbeobachter, dass der Leuchtturmwärter sich eines dieser Wesen als eine Art Haustier hält. Nach weiteren, heftigeren Angriffswellen in der Nacht verschanzt sich Friend im Leuchtturm und muss mit dem einzelgängerischen Gruner eine Zweckgemeinschaft bilden und sich den Meereskreaturen erwehren.

Die Angst und der Kampf gegen dieses Unbekannte, das die beiden von der restlichen Außenwelt isolierten Männer immer wieder angreift, ist ganz offensichtlich als Allegorie auf Rassismus und die menschliche Furcht vor dem Fremden zu verstehen. Auf der einen Seite hat man Gruner, der unüberwindbare denkerische Grenzen in sein Wesen gezogen hat, die Meereswesen zwischen Humanoid und Fisch lieber ausrottet oder die Aneris getaufte und von ihm im Leuchtturm gehaltene Kreatur für seine Zwecke missbraucht. Das geht sogar so weit, dass er seine sexuellen Bedürfnisse mit dieser befriedigt. Inselneuankömmling Friend scheint durch den Überraschungseffekt des ersten Angriffs ebenfalls abgestoßen von den Wesen zu sein, doch verfolgt er genauso angewidert Gruners Umgang mit Aneris. Der aufkeimende Konflikt der so unterschiedlichen Herren breitet sich weit über den schaurigen Teil von Gens Film. Altmodische Dramaturgie leuchtet in das fahle Dunkel der Erzählung, die filmisch nicht nur wie ein Buch aus alten Tagen wirkt, sondern eine Buchverfilmung darstellt.

Das Drehbuch scheint sich nahe an die Vorlage, Albert Sánchez Piñols Roman "Im Rausch der Stille", zu halten, erweitert und ändert diese der filmischen Umsetzung geschuldet mit Gefühl und Sinn, anstatt den literarischen Kosmos gänzlich umzukrempeln. Gens setzt dies routiniert um und anders als bei seinem Kollegen Pascal Laugier, den man leider immer irgendwo immer bis zu einem gewissen Punkt an seinem Überwerk Martyrs misst, schiebt man die Erinnerungen und etwaig versuchte Vergleiche zu dessen Debüt alsbald zur Seite. Die stilvolle und atmosphärische Romanverfilmung erzählt lieber breit den Konflikt zweier verloren zu scheinender Männer, die auf der Insel, ihrer persönlichen Hölle, gegen sich selbst und monströse Wesen aus dem Wasser kämpfen. Letztgenannter Kampf ist trotz der niedrigen Freigabe in Deutschland mit überraschend brutalen Spitzen ausgestattet, wobei diese den Fluss der Geschichte niemals brechen. Einzig die sattsam bekannte Struktur dieser verwehrt Cold Skin, ganz beim Zuschauer anzukommen. Die karge Landschaft, Sinnbild für das Innere der beiden Protagonisten, steht gleichzeitig für den abgegrasten Weg der Erzählart.

Generisch schreitet man auf den dramatischen Showdown zu, zieht die Schlinge des Konflikts zwischen Gruner und Friend enger zusammen und bringt erwartbar die Annäherung an die fischigen Humanoiden von Seiten des aufgeschlosseneren, progressiveren Inselbewohners. Die Nähe an der Vorlage kommt Cold Skin leider in diesem Punkt nicht zum Guten, bleibt der Film dadurch ein keineswegs schlechter, aber nicht komplett überzeugender Hybrid aus seichtem Abenteuer und Horrordramatik, dessen im Wesen der Menschen und seiner Figur Gruner verwurzelter Horror über die unbegründete Furcht und dem Hass auf Fremdes noch heutzutage weitaus erschreckender ist als irgendwelche Monster. Die altbekannte Frage, wer denn nun das wirkliche Monster letztenendes ist, wird ohne neu gewonnene Erkenntnisse beantwortet. Einzig der düster gestimmte, mit dem Ende einsetzende Kreislauf schlägt einen Bezug auf die betrübende wie wahre Erkenntnis, dass Fremden- und Rassenhass, selbst beim engagiertesten Kampf dagegen, leider nie komplett ausgemerzt werden kann. Monster (wie diese) wird es wohl leider immer geben.
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