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Montag, 2. September 2019

Once Upon A Time In... Hollywood

Es geht auf die Zielgeraden. Once Upon A Time In... Hollywood ist der neunte Film von Quentin Tarantino, der sich der eigenen Ankündigung nach darauf beschränken möchte, nur zehn zu drehen um dann mit dem Filme machen aufzuhören. Bei jedem seiner Filme ist man gespannt darauf, was der Autodidakt mit Hang zum B- und Genre-Films dieses Mal an Anspielungen, Verweisen und Zitaten in diese gepackt hat. Mit dieser kontinuerlichen Manie des Maestros ist seine Unberechenbarkeit (fast) kalkulierbar geworden. Beinahe drei Stunden fröhnt Tarantino dabei seinem Publikum zu zeigen, was er neben seiner eigenen Person an Werken aus Film, Fernsehen und Musik so toll findet. Empfand ich seinen letzten Film The Hateful Eight zu ausgedehnt mit bis aufs Maximum ausgereizten Szenen, in denen man fast den vergossenen Samen schmeckte, den Tarantino durch Ego-Onanie auf sich selbst ergoss, ist sein neuestes Werk erstaunlich zurückhaltend im merklichen Feiern des eigenen Geschmacks.

Präsent ist er natürlich; vor allem im vorzüglichen Soundtrack, der viele tolle Tracks aus der Zeit der 60er beinhaltet. In diese entführt Tarantino, blickt mit leichter Melancholie an das tote Hollywood dieser Epoche mit ihren Stars und Sternchen und wird zugleich zum Märchenerzähler. Seine auserkorenen Protagonisten sind der Schauspieler Rick Dalton und dessen Stunt-Double Cliff Booth, welcher anhand einer sehr überschaubaren Auftragslage für ihn und seinen Boss für letzterem mehr zu einem Mädchen für alles geworden ist. Einst war Rick der gefeierte Star der bekannten Western-Serie "Bounty Law", nun hangelt er sich von Pilotfilm zu Pilotfilm, hat manchmal Gast-Auftritte in Fernsehserien und blickt neidisch auf seine neue Nachbarn: den für seinen neuesten Film Rosemary's Baby gefeierten Roman Polanski und seine junge Frau, die Schauspielerin Sharon Tate.

Während Rick mit Rollenangeboten für Italowestern hadert und seinen Frust über seine Lage in Alkohol ertränkt, erzählt Tarantino nebenbei noch von einem jungen Kerl Namens Charles Manson, der kaum zu sehen und trotzdem immer präsent ist. Mit der Kenntnis über die verübten Morde der Mitglieder seiner Family an der damals hochschwangeren Tate und ihren Gästen, baut der Film eine gewisse Spannung auf, wenn sein Regisseur und Autor fast mal wieder den Bogen überspannt. Hin und wieder stellt sich die Frage, wohin dieser nun eigentlich mit seiner Erzählung überhaupt hin will. Die Handlung wird manchmal schlingern gelassen, greift Andeutungen zu Manson auf, stellt sie mit Cliffs Besuch auf der Spahn Ranch, der Unterkunft der Manson Family zum damaligen Zeitpunkt, in den Mittelpunkt um dann wieder den Fokus auf seine beiden Protagonisten zu legen. Rick wird in den langen Episoden über seinen Versuch, einen neuen Serienhit zu landen, stellvertretend für die Altstars von früher und dem traurigen Niedergang ihrer Karrieren in der im Umschwung befindlichen Traumfabrik.

Tarantinos Blick auf diese Zeit ist bittersüß. Jeder Tragik wohnt zugleich eine Komik inne; Rick Dalton ist ein sympathischer Losertyp, dem man einen erneuten Erfolg gönnen würde, der sich und seiner Karriere im Blick auf die eigene, ruhmreichere Vergangenheit im Weg steht. An seiner Seite ist sein mit einer kriminellen Vergangenheit gestrafter Stuntman Cliff Booth, dessen einfaches Gemüt und dauerhafte Coolness entfernt an den (ebenfalls im Film vorkommenden) Steve McQueen erinnert. Die Beziehung der beiden Männer beschränkt sich nicht auf ein reines Arbeitsverhältnis. In ihr schlummert eine aufrichtige Freundschaft, die mal verborgen, mal ersichtlicher beiden Halt schenkt, wenn gleich Rick diesen spürbarer benötigt. Mit diesem blickt auch Tarantino auf eine Zeit zurück, in der zumindest vordergründig noch alles im Lot in Hollywood war. Once Upon A Time In... Hollywood ist seliges Seufzen seines Schöpfers; Erinnerungen an früher und die (erste) Magie der Stoffe, die einen jungen Quentin Tarantino begeistert haben.

Und er feiert vieles. Serien wie Rauchende Colts, The F. B. I. oder Filme wie Rollkommando oder Gesprengte Ketten. Mit Zitaten oder direkten Ansprachen. Imposant und charmant ist dabei Daltons Erinnung an seine Chance, die Hauptrolle im McQueen-Film Gesprengte Ketten zu bekommen. Mittels hübschem Tricksen aus der Technikkiste wurde dieser durch DiCaprio ersetzt, was zu einigem Schmunzeln führt. Und wenn sich Dalton letztendlich doch für einen Europatrip nach Rom und die Rollenangebote von dort entscheidet, macht Tarantino seine Figur zum Hauptdarsteller des von Mario Bava geschaffenen Nebraska Jim (vor Jahren übrigens hier besprochen). Beim ganzen Schwelgen in Erinnerungen an die gute alte Zeit, als das Testosteron die Leinwände flutete, schaut man Tarantino gerne zu. Dem Film wurde im Netz häufiger angelastet, dass er keine Handlung besäße und langweilig ist. Manchmal fragt man sich wirklich, wohin der Amerikaner nun überhaupt mit seiner Geschichte möchte. Ob das einfach nur hartes nostalgieren ist oder er uns auch wirklich etwas zu sagen hat.

Groß unterscheidet sich Once Upon A Time In... Hollywood nicht mal groß von früheren Werken, in denen er ebenfalls ausgiebig die Zitate in seine Scripte goss. Mehr fragt man sich mittlerweile bei mancher Kritik am Film, woher plötzlich diese Handlungsgetriebenheit der Leute führt. Fällt es mittlerweile so schwer, sich einfach auf die Stimmung eines Films einzulassen? Mehr als die Erzählung über einen beinahe gescheiterten Schauspieler des System des Old Hollywood ist dieser Film ein Stimmungsbild, das es nicht immer so genau mit den Fakten nimmt, den Zuschauer aber gekonnt in die Zeit mitnimmt und den darin wehenden Wind of Change spüren lässt. Noch blödsinniger ist eigentlich nur, dass ihn eine kleine Protestwelle empörter Bruce Lee-Fans traf, da deren Held im Film in seiner Darstellung nicht sonderlich gut wegkommt. Drauf geschissen. Es gibt auch für mich - der wegen der kultischen Verehrung des Regisseurs von einigen immer mit gewisser Skepsis an dessen Werke herangeht (kennt man die von ihm ausgiebig zitierten Vorbilder, dann kocht auch Tarantino nur mit Wasser) - wenig zu meckern.

Mehr Unberechenbarkeit wäre für sein wahrscheinlich finales zehntes Werk wünschenswert. Es kristallisiert sich eine Formel heraus, wie er seine Filme aufbaut. Mit der Verbindung zu wirklich geschehenen Ereignissen, ist die abschließende Gewalteruption - ähnlich wie in The Hateful Eight - zu erwarten gewesen. Womit wir wieder bei den Märchen wären. Once Upon A Time In.. Hollywood ist neben dem vielleicht auch mit Wehmut durchzogenen Blick auf die gute, alte Zeit ein What if...-Szenario Tarantinos; ein leichtes Märchen, mit unbestimmten Ausgang und der Hoffnung auf bessere Zeiten für die sympathisch gezeichneten Protagonisten. Gerne wandelt man mit ihnen und dem Geist, der hinter der Geschichte steckt noch einmal durch eine unwiederbringliche Zeit, die mit den vielen Gastauftritten und Anspielungen noch häufiger dazu einlädt, dieses zur Abwechslung mal wieder zufriedenstellende Kapitel in der Filmographie Tarantinos aufzuschlagen.
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Dienstag, 5. Juli 2016

The Hateful Eight

Er wurde schon im Vorfeld groß als achter Film des Quentin Tarantino angekündigt, der selbst einmal sagte, dass er nur zehn Filme machen möchte. Ob es so weit kommt oder Tarantino doch mehr dreht, als er sich vorgenommen hat, steht noch in den Sternen. Wenn es bei den zehn bleibt, dann möchte man nach dem Genuss von The Hateful Eight feststellen, dass es besser so ist. Das einstige Regie-Wunderkind, der mit Pulp Fiction einen wirklich meisterlichen Film geschaffen hat, der viele dazu inspiriert hat, so etwas ähnliches zu schaffen, wirkt mittlerweile äußerst satt. Es ist, als ruhe sich Tarantino sich auf seinen Trademarks aus, welche er in variierenden Grundszenarien steckt.

Der Beginn von The Hateful Eight ist sogar recht vielversprechend. Tarantino kann die tief verschneite Westernlandschaft stimmungsvoll zur Wirkung bringen, so dass man sich gerne an Schneewestern wie Leichen pflastern seinen Weg oder Todesmarsch der Bestien erinnert. Der Weg des Kopfgeldjägers Marquis Warren nach Red Rock, zusammen mit dem "Der Henker" genannte Kollegen John Ruth, der die Verbrecherin Daisy Domergue in die Stadt bringen will, baut sich langsam auf. Die Reise in der Kutsche nimmt beinahe die ganze erste Stunde des Films in Beschlag und dort zieht Tarantino alle Register. Kauzige Charaktere präsentiert er, welche die Handlung mit epischen Dialogen vorantragen. Wobei: die Handlung geschieht beläufig, die Nebensächlichkeiten im Dialog der Figuren nehmen den größten Raum ein. Sie sind hübsch und geschliffen, die Reduzierung des Raumes auf die Kutsche erzeugt eine intime und intensive Stimmung. Aber die narrative Stagnation blitzt hier schon stark auf.

Nachdem die Reisenden mit Chris Mannix, dem neuen Sheriff von Red Rock, einen weiteren Passagier aufgenommen haben, macht die Gruppe halt bei Minnie's Miederwarenladen, um Schutz vor dem stärker werdenden Schneesturm zu suchen. Dort treffen sie nicht auf die Besitzerin, aber auf den Cowboy Joe Gage, einen alten General der Konföderierten, den örtlichen Henker und einen bulligen Mexikaner. Während draußen der Schneesturm tobt, zieht auch im Inneren der Hütte ein Sturm auf. John Roth wittert eine Verschwörung und das irgendjemand der anwesenden Personen nicht das ist, was er vorgibt zu sein. Er spricht den Verdacht aus, dass diese Person mit Domergue unter einer Decke steckt um sie zu befreien. Es entsteht ein psychologisches Duell zwischen allen Personen, dass sich immer mehr zuspitzt.

Es mag sein, dass Tarantino mit der Erwartungshaltung seines Publikums spielt, welches nach seinem Django Unchained einen stark auf cool gezeichneten, actionlastigen Western erwartet haben. Die Duelle werden erst sehr spät mit Waffen ausgetragen. Vorher überwiegen weiterhin die Kämpfe mit scharfen Worten. Wenn man nun die Filme des Regisseurs und seine Vorliebe für ausgefeilte Dialoge kennt, schleichen sich bei The Hateful Eight schnell Ermüdungserscheinungen ein. Etwas mehr Schwung hätte dem Film gut getan, vor allem weil er bei den ersten physischen Auseinandersetzungen so grob die Splatterkelle auspackt, dass dies den Fluss des Films stört. Die überzeichnete Gewalt erscheint wie ein Fremdkörper, wenn zum Beispiel plötzlich detailliert ein Kopf zerschossen wird. Das ist dann auch nicht eine Art der Huldigung des gewaltsamen Exploitationkinos, sondern einfach ein unnötiges Element.

Es will in dieses Kammerspiel in winterlicher Westernkulisse nicht passen. Vor allem weil Tarantino dies im finalen Akt langgezogen zelebriert und auch hier nicht gut passen mag. Eine falsch gewählte Art der Intensität; mit einer knackigeren Herangehensweise - der Konzentration der wesentlichen Geschichte - würde The Hateful Eight im Gesamteindruck viel besser wegkommen. Die Zeichnung der Figuren ist wirklich gut gelungen und greifbar für den Zuschauer. Auch der Kniff, den Verlauf der Handlung leicht in die Richtung eines Kriminalspiels mit Whodunit-Charakter zu steuern, ist beileibe nicht verkehrt. Sehr leicht fühlt man sich an Italowestern mit Krimielementen á la Sarg der blutigen Stiefel erinnert. Aber Tarantino hält sich in manchen Dingen zu stark an Nebensächlichkeiten auf, die den Spannungsbogen des Filmes durchhängen lassen.

The Hateful Eight
verschenkt dadurch sein großes Potenzial, das er mit sich bringt. Tarantino will - wie auch in einigen anderen seiner Filme - zuviel. Im Falle seines achten Werks auch etwas zu lang. Reduktion auf das Wesentliche ist für die anstehenden, voraussichtlich letzten zwei Filme sehr wünschenswert. Dehnt er doch zum Beispiel auch in seinen beiden Kill Bill-Filmen die Geschichte dort zu stark auseinander. Vielleicht ist The Hateful Eight aber auch einer dieser "Grower", der bei einer zweiten Sichtung mehr wächst, andere Details in seinen knapp 170 Minuten Laufzeit aufzeigt, die vorher nicht bemerkt wurden. Nach der ersten Sichtung bleiben auf jeden Fall diese Eindrücke hängen und geben eine weitere Bestätigung, dass Tarantinos Copy & Paste-Mashup-Kino schon zu lange von Nebensächlichkeiten beherrscht wird. Quentin sollte das machen, was auch die von ihm geliebten und gehuldigten B-Filme taten: eine simple Geschichte rasant und straight erzählen. Das er das durchaus kann, hat er in der Vergangenheit ja auch schon mal bewiesen.
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Donnerstag, 24. Januar 2013

Django Unchained

Allein schon der Name. Und da sprechen wir jetzt erstmal nicht von der titelgebenden, mittlerweile legendären Figur. Nein, wir reden vom Kopf, der hinter diesem Film steckt. Quentin Tarantino. Der Regie-Autodidakt ist ein Schelm, den man als Vermittler zwischen zwei Welten ansehen könnte. Der bekennende Fan von kleinen, "schmierigen" Genreproduktionen versteht es gut, Versatzstücke aus eben solchen Filmen in das Mainstreamkino zu transportieren und dessen Publikum schmackhaft zu machen. Und dies seit seinem ersten Film Reservoir Dogs. Dies steigerte sich mit den Jahren und den abgedrehten Werken. Erster früher Höhepunkt war natürlich Pulp Fiction. Und je bekannter der Mann wurde, desto eher traute er sich, Anspielungen, Verneigungen oder Hommagen an gewisse Filme oder Genres in seine eigenen Werke einzubauen. Explodiert ist er bei Kill Bill, diesem zweiteiligen Racheepos. Eventuell ist es ein wenig zu lang geraten, zu vollgepackt. Als wolle Tarantino all seine liebsten Genres und Filme mit einem Werk würdigen. Die nostalgischen Verklärungen strecken den Film hier und da unnötig in die Länge.

Mit Inglorious Basterds griff er sogar den alten italienischen Kriegsactioner Ein Haufen verwegener Hunde auf, machte ihn bekannt, aber bis auf den Titel strickte er sich seine eigene Geschichte. Er ist eben ein Fan des Regisseurs, Enzo G. Castellari, und huldigte ihn mit diesem Titel. Tarantino scheint es schon lange egal zu sein, ob sein junges Publikum nun die "alten Schinken" kennt und mit den vielen versteckten Anspielungen überhaupt etwas anfangen kann. Jetzt kommt er mit einem Westernepos zurück und holt die Westernfigur Django aus der Versenkung zurück. Nur wenige dürften allein bei den Credits bemerken, dass das Titellied zu Beginn von Django Unchained aus Corbuccis Original stammt. Man könnte fast meinen, als wäre Quentin so etwas wie der coole Onkel, der den Jungspunden da unten in den Kinosesseln mal all die coolen Dinge aus der Vergangenheit näherbringt. Im übertragenen Sinne lässt er sie an das Regal mit den "bösen", aber coolen Filmen. Nur, dass er diese eben zusammenwürfelt und einen ganz eigenen Cocktail daraus mischt.

Denn mit dem 1966 entstandenen Kultfilm, welcher zusammen mit Leones Dollar-Trilogie den Italowestern nachhaltig geprägt hat, hat Django Unchained recht wenig zu tun. Die Protagonisten tragen den gleichen Namen, was dann auch schon die einzige Parallele darstellt. Tarantino huldigt allerdings auch dem Original, indem er Jamie Foxx mit dem Darsteller des "richtigen" Django, Franco Nero, aufeinandertreffen und einen  kurzen, ironischen Dialog wechseln lässt. Aus dem fremden und geheimnisvollen Mann mit Kriegsuniform ist bei Tarantino ein schwarzer Sklave geworden, der mit anderen Leidensgenossen von Sklavenhändlern zu einem Handelsplatz für diese eskortiert wird. Er wird vom deutschen (früheren) Zahnarzt und Kopfgeldjäger Dr. King Schulz auf sehr eigene Art und Weise freigekauft. Schulz ist auf der Suche nach den Brittle-Brüdern, weiß allerdings nicht wie diese aussehen. Django hingegen schon. Schulz bietet dem Sklaven für Geld, ein Pferd und vor allem dessen Freiheit an, dass er ihm die Brittle-Brüder zeigt, damit er das Kopfgeld für diese Einstreichen kann. Django willigt ein, hat er mit den drei Ganoven eine persönliche Sache zu klären und ist zudem auf der Suche nach seiner Frau Broomhilda, welche von den drei Brüdern misshandelt wurde. Aus der Zweckgemeinschaft zwischen Kopfgeldjäger und Ex-Sklave entsteht eine Freundschaft und so bietet Schulz Django an, bei der Suche nach dessen Frau zu helfen. Die Spur führt zu Calvin Candie, einem leicht reizbaren Farmer, der auf seinem Anwesen Candyland residiert und kurzweilige Unterhaltung in Mandingo-Kämpfen führt. Mit einer Finte versuchen die beiden, an den Farmer heranzukommen um somit auch auf das Anwesen zu gelangen.

Wer nun Tarantino und dessen Filme kennt, dem dürfte schon klar sein, dass Django Unchained kein waschechter Western ist. Das Genre bietet das Grundkonstrukt für die wilde Sause, die Tarantino veranstaltet. Eine Verbeugung vor dem Italowestern, groß und episch ausfallend, wie es eventuelle einige Fans der italienischen Pferdeepen erwartet haben, ist der Film nicht geworden. Sicher: der Streifen nimmt auch Bezug auf diese Werke, aber wie bereits erwähnt, packt Tarantino noch einiges mehr mit in den Film und wechselt einfach mal ganz frech die Marschrichtung im Verlauf des Films. Die erste Hälfte von Django Unchained kann man noch am konretesten als Western bezeichnen. Dort wird der Film vor allem gar nicht mal von Hauptdarsteller Jamie Foxx, sondern eher von Christoph Waltz, der wohl immer mehr zu Tarantinos Lieblingsmime mutert, getragen. Zu recht. Spielt er doch den verschrobenen, mit übertriebenen guten Manieren ausgestatteten Ex-Zahnarzt und Kopfgeldjäger so pointiert wie eh und je. Man kann sich dem Charme von King Schulz nicht verwehren. Im krassen Gegensatz zu seiner so sauber manierlichen Art ist seine geradlinige, fast schon kaltblütige Ausübung seines Handwerks. Während Django Gewissensbisse plagen, da er einen gesuchten Dieb und Mörder vor den Augen seines Sohnes erschießen soll, zeigt Schulz nur Interesse für die Prämie, die auf diesen ausgeschrieben ist.

Doch Schulz spielt nicht den Gentleman. Er ist einer, durch und durch. Übermäßig genau, wie es die Deutschen nun mal so sind. Präzise und nüchtern. Ein Kopfmensch, der aber auch Herz zeigt und moralische Grundsätze vertritt, an denen es nichts zu rütteln gibt. Er hält nichts von der Sklaverei und behandelt Django wie einen gleichwertigen Menschen. Eine Sache, die zur Zeit der Sklaverei undenkbar ist. Somit gewinnt er nach einiger Zeit dessen Vertrauen. Kramt man nun etwas im Italowestern-Genre so finden sich im Charakter des King Schulz gewisse Parallelen zur Figur des Sartana, der wie der Herr Doktor ebenfalls im feinen Zwirn durch den wilden Westen reitet. Ausgestattet mit Gimmicks, bei Tarantinos Version nicht so ausgeprägt und eher bodenständiger ausgelegt, ist Sartana auch ein meisterlicher Schütze, der diejenigen in die ewigen Jagdgründe schickt, die es nach dessen moralischen Grundsätzen verdient haben. Schulz besitzt ebenfalls diese Fertigkeit und diese Mischung aus knallhartem Pistolero wenn es drauf ankommt und Gentleman. Größere Anspielungen auf weitere Genreklassiker schenkt sich Tarantino. Er konzentriert sich ganz auf seine Version des Django und die von ihm erzählte Geschichte.

Dabei übernimmt er aber schön die typischen Arten des Italowestern, kleidet gerade die erste Hälfte des Films in diesen dreckigen Look, den man schon von den Vorbildern kennt. Etwas episodenhaft wird die Entwicklung der Freundschaft der beiden Männer gezeigt. Kleinere Szenen, auch um die Figuren zu festigen und Django den für den weiteren Verlauf des Films nötigen Hintergrund zu schenken. Nimmt das Hauptdarsteller-Duo allerdings die Fährte von Djangos Frau auf, wird der Weg für die zweite Hälfte geebnet. Hier wird eine ganz andere Richtung eingeschlagen und man bewegt sich weg vom Western. Tarantino scheint nicht nur - wie von einigen US-Schreibern schon bemerkt - von Richard Fleischers Mandingo beeinflusst worden zu sein. In dem 1975 entstandenen Drama stehen auch die Kämpfe zwischen den titelgebenden Mandingos im Vordergrund und bilden auch den Vorwand für King Schulz und Django, an den Farmer Calvin Candie heran zu kommen. Man fühlt sich durch das prachtvolle Setting des Anwesens und den Dialogen über die Art der Sklaven auch unweigerlich an den kongenialen Halbmondo Addio Onkel Tom des Duos Gaultiero Jacopetti und Franco Prosperi erinnert. Gerade bei Candies Ausführungen über das Gehirn der Schwarzen fühlt man sich an so manche Szenen des Mondos erinnert.

Bleibt man bei der Figur des Calvin Candie, so kann man dessen Darsteller Leonardo Di Caprio attestieren, dass er wirklich spürbar spielfreudig diesen unbarmherzigen und eingebildeten Großfarmer darstellt. In vielen Besprechungen wurde sogar angeführt, dass Di Caprio sogar Christoph Waltz in die Tasche stecken soll. Die beiden liefern sich ein Kopf an Kopf-Rennen, bleiben auf gleicher Ebene und schenken sich nichts. In gemeinsamen Szenen ist deren Rededuell ein wahres festessen, auch wenn Tarantino wie in einigen früheren Filmen es teilweise nicht schafft, direkt auf den Punkt zu kommen. In den Dialogen als auch in der ganzen Geschichte wäre weniger mehr gewesen. Django Unchained lässt jetzt nicht irgendwelche Längen aufkommen und den Zuschauer im Wust der vielen Szenen schwimmen, doch der Amerikaner zeigt doch z. B. auch in Pulp Fiction dass er besseres Gespür für Geschichten und deren pointierte Schilderung besitzt. Er verliert sich in manchen Szenen und auch wenn die Ausgrabung alternder Stars wie Don Johnson als rassistischer Farmer Big Daddy ein wirklich schönes Wiedersehen mit diesen ist, so kann man sich über die Kapuzenszene und deren Berechtigung im Film streiten. Dem geplante nächtliche Angriff Big Daddys auf Django und King Schulz geht eine Diskussion mit seinen Schergen vorraus, inwieweit die Kapuzen und vor allem deren Gucklöcher denn überhaupt praktisch sind.

Sicher, die Szene ist sehr lustig und fördert diesen typischen, leicht absurden Humor Tarantinos als auch dessen Talent, witzige und eben sehr skurrile Dialoge zu schreiben, zu Tage. Doch es hätte kürzer ausfallen können und wirkt ein klein wenig unpassend. Ansonsten bleibt Django Unchained bis auf einige wenige Spitzen eher ernst und widmet sich der Suche nach Djangos Frau Broomhilda, einer Sklavin, die bei deutschen Herren residierte. Deren Nachname gibt übrigens auch Auskunft, wohin die Reise des Films überhaupt geht. Von Shaft wird sie genannt und nachdem sich vor allem Waltz und Di Caprio austoben konnen, darf auch Jamie Foxx in der zweiten Hälfte des Films etwas mehr von sich zeigen. Wie so viele Helden der Italowestern-Ära ist er ein wortkarger Charakter, geprägt durch seine Erlebnisse und von Rache angetrieben. Einem Motiv, dass ebenfalls häufig in diesem Genre anzutreffen ist. Neben den persönlichen Motiven, die mit Vergeltung seiner Frau und deren Martyrium zu tun hat, ist dies auch die Abrechnung mit der weißen Herrschaft, die sich als Herrenrasse gegenüber den schwarzen "niederen Menschen" darstellt. Tarantino läßt Django mit den Candies abrechnen, stellt die Farmer stellvertretend für alle Sklavenhalter der Zeit dar und läßt ihn zu sowas wie einem ganz frühen "Bürgerrechtler" erscheinen. Eine actionreiche Abrechnung mit rassistischem Gedankengut und der damaligen Zeit der Sklaverei in seinem Heimatland.

Geschichtsaufarbeitung mit ordentlich Gore, denn wenn es mal Action gibt, dann aber deftig. Tarantino geizt hier nicht blutigen Shoot Outs. Gerade das Finale fällt äußerst intensiv und fies aus und wird in bester Manier des Hong Kong-Actionkinos der 90er teils in Zeitlupe zelebriert. So wie einst John Woo in seinen besten Filmen kommt so ein "Todesballett" zu Stande, eine stilisierte Sterbeoper, verbunden mit schnellen Schnittfolgen wie man aus dem modernen Action-Mainstream kennt. Es funktioniert. Imposant und spannend ist das aufgebaut, auch wenn es seltsam erscheint, wenn Jamie Foxx als Django wie z. B. Chow Yun-Fat mit zwei Pistolen (bzw. Colts) voranhaltend  sich durch das Haus ballert. Hier hat sich Foxx' Figur schon längst gewandelt, ist vom noch eher ruhigeren Sklaven der sich erst an die Freiheit gewöhnen muss zum coolen, One-Liner raushauenden Pistolero geworden. Die Verwandlung zu dieser Figur zieht sich über den Film und spätestens wenn Django dann auch wirklich die Hauptfigur in diesem Epos geworden ist, erinnert er uns an die Einzelkämpfer des schwarzen Kinos der 70er. Alleine schon wegen der Zeit, in der der Film spielt, hört man verhältnismäßig oft Wörter wie Nigger und ähnliches. Da passt es auch, dass Tarantino beim überaus hörbaren, ja sehr wundervollen Soundtrack sogar modernere Soulstücke und sogar Hip Hop laufen lässt. Django Unchained ist weniger Western als eher Blaxploitation mit Pferden.

Jamie Foxx reißt den eklig fiesen weißen, welche "seine Nigger" falsch behandelt haben, buchstäblich den Arsch auf. Als er sich auf den Weg zurück zum Anwesen der Candies macht, da diese ihn eigentlich in ein Bergwerk abschieden wollten, er sich aus dieser Lage aber befreien konnte, schaut ihm einer der anderen Sklaven hinterher. Mit bewunderndem Blick und kleinem, wohlwollenden Grinsen auf den Lippen. Django ist ein Kämpfer für die Schwarzen, die Unterdrückten in dieser Zeit. Django Unchained fehlt natürlich schon der nötige Tiefgang, viel eher ist es ein weiteres Spiel Tarantinos mit Versatzstücken verschiedener Genrekino-Strömungen der damaligen Zeit. Die kleineren Untertöne, die hier und da aufblitzen, beziehen aber antirassistische Stellung, auf die coole Art dargestellt. Auch die Reaktion von King Schulz auf einige Dinge, die sich Candie erlaubt oder sagt, sind ganz eindeutig. Doch die Unterhaltung steht hier natürlich sichtlich im Vordergrund.

Diese ist auch eindeutig gelungen. Hier und da ist der Film etwas zu dialoglastig, Tarantino verschwitzt es, die Spannungskurve etwas straffer anzuziehen. Ein Manko ist dies keineswegs. Django Unchained kämpft etwas mit der Blaxploitation-lastigen zweiten Hälfte, die Zweiteilung des Films ist spürbar. Gegen Ende flacht er etwas ab, das feiern von Foxx als obercoolem Fighter ist zwar gut gelungen, lässt aber die Brillanz des Films in einigen Momenten der ersten Hälfte verblassen. Es ist eine pfiffige Idee von Tarantino, die er hier und da einfach etwas anders hätte anpacken sollen. Die Irritationen sind nach kurzer Zeit, wenn der Abspann läuft, wie weggeblasen und lassen ein wohlwollendes Nicken zurück. Tarantino kann es noch, ist allerdings zu sehr verliebt in seine Coolheit, die von vielen Fans so verehrt wird und schafft es nicht, hier und da die Zügel in die Hand zu nehmen. Django Unchained schleift in manchen Momenten, fällt allerdings nicht - um bei den Westernmetaphern zu bleiben - aus dem Sattel. Ein solider, teils sogar wirklich großartiger Film der eben am Egoismus des Regisseurs krankt. Da hätte er zu Gunsten des Films etwas weniger seiner persönlichen Vorlieben in den Film packen sollen.

Aber das ist Meckern auf hohem Niveau. Django Unchained und sein Regisseur schaffen das Kunststück, mal wieder längst untergegangene Genres aufleben zu lassen und diese gekonnt zu vermischen. Zumal er auch von einem erlesenen Cast getragen wird. Neben Don Johnson haben auch Robert Carradine, Bruce Dern und F/X-Legende Tom Savini (der die Effekte für Romeros Dawn of the Dead oder auch den ersten Freitag, der 13. beisteuerte) kleinere Auftritte. Vor allem sollte man auch noch kurz neben den vielerorts schon gelobten Di Caprio und Waltz auch Samuel L. Jackson hervorheben, der als schwarzer Handlanger Steven wirklich eine beeindruckende Leistung hinlegt und der heimliche Star, ein kleiner Showstealer für die großen ist. Immer wenn er auf der Leinwand auftaucht, ist es eine wahre Pracht, seinem Spiel zuzusehen. Django Unchained kann wohl nicht für ein Revival des etwas anderen, dreckigeren Westerns sorgen, macht aber als Zeitreise zurück in die gute alte Zeit des "Schundfilms" sehr viel Spaß und kann auch mit seinen kleinen, unterschwelligen ernsten Tönen überzeugen.


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